Hans Wollschläger: ›Das Gespenst‹

Heute vor fünf Jahren ist Hans Wollschläger gestorben.

Paul Ingendaay hob in seinem Nachruf eine ganz besondere Eigenschaft des Verstorbenen hervor:

http://www.asml.de/index.php/nachrufe-auf-hans-wollschlager/


Zum Tode Hans Wollschlägers

Der größte aller Diener

20.05.2007 ·  Obwohl er als eines der größten Talente unter den deutschen Schriftstellern galt, blieb er diesem Versprechen stets nur dicht auf den Fersen. Seine größten Erfolge feierte er als Übersetzer, auch des „Ulysses“. Jetzt starb Hans Wollschläger mit 72 Jahren.

Von Paul Ingendaay

Alle, die Hans Wollschläger kannten, aber auch alle, die über ihn redeten oder schrieben, mussten sich eingestehen, dass sie seinen Leidenschaften nur zum Teil – oft zum geringen Teil – folgen konnten. Kein anderer Name der deutschen Nachkriegsliteratur ist so fest an künstlerische Wahlverwandtschaften und bedingungslose Loyalitäten gebunden wie der Hans Wollschlägers. Einmal erwählt, war dem Objekt seiner Bewunderung lebenslange Treue sicher, die sich in hingebungsvoller philologischer Arbeit niederschlug.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/zum-tode-hans-wollschlaegers-der-groesste-aller-diener-1438651.html?selectedTab=images&offset=0

Das ist schon rar in einer Zeit behender Vatermörder, kurzfristiger Literaturbetriebsskandale und schrumpfender Aufmerksamkeitsspannen. Schnelle Schnitte, verwackelte Bilder und Sternchen, die vom Himmel fallen.

Wollschläger schwankte zwischen Melancholie und Polemik angesichts dieses Kulturverfalls. Er beschwor die Bindungskräfte der Großen Kunst und arbeitete gegen die Vergänglichkeit an, kritisch und loyal zugleich.

Diese Thematik prägt bereits eine frühe Prosastudie, die 1961 an einem entlegenen Ort erschienen und seitdem verschollen war. Für die Freunde des Autors sei sie hier wiedergegeben.

Hans Wollschläger:

                                       Das Gespenst

 

Sein Leben war von geringer Durchsichtigkeit, sein Ende ohne Aufsehen. Die Notiz, die die Öffentlichkeit von beidem nahm, ist die Notiz einer Provinzzeitung: ein mechanisch gestikulierender Nachruf, den ein gutmütiger Kauz mit der Versicherung beschlossen hatte, man werde sein Andenken erhalten. Nachdem es sich nun auch auf Redaktionen herumgesprochen hat, daß ›Ewigkeiten‹ in unserer Zeitrechnung fragwürdig geworden sind, konnte man kaum mehr verlangen; ›unvergeßlich‹ nennt man Andere – und mit einigem Recht. Der Artikel hatte sich auf eine gewisse Ironie verstanden, wie es solchem Anlaß ziemt; der Lebenslauf war mit ein paar Karikaturen ausgestattet worden, die mitten ins – nicht ins Herz, ins Schwarze trafen; auch war davon die Rede, daß sein Leben Mühe und Arbeit – und also köstlich gewesen sei. Man versichert mir, daß es dagegen keinen Einspruch gebe. Da zudem meine eigene Kenntnis nicht zu einem Korrektiv hinreichte, nahm ich meine Stellung bei einem Kopfschütteln; im übrigen war ich genug vergeßlich, um mich kaum über eine Stunde hinaus damit behelligen zu lassen. Die Angelegenheit ist nunmehr zehn Jahre lang erledigt, und ich wurde nie mehr daran erinnert. Bis auf gestern …

»Mein lieber und einziger Freund –« … Es mag zu der genannten Ironie gehören, daß man gelegentlich solche Briefe schreibt. Daß man sie mit gleicher Leichtigkeit auch empfängt, schien mir bislang ganz in der Ordnung zu sein. Man liest sie entsprechend, mit einigem Lächeln oder Argwohn, je nach dem Grad der erworbenen Lebenstüchtigkeit, und legt sie dann irgendwo ab und vergißt. Man hält viel auf Vergeßlichkeit, wenn man auf ein gutes Gewissen hält. Aber dergleichen Ablagen haben etwas Heimtückisches. Da gerät man plötzlich einmal in einen Tag hinein (einen Tag wie im – sagen wir des Scherzes halber – April), wo ein Irgendwer die Zukunftsfenster mit schäbigen Regenfetzen verhängt hat und die Gedanken auf allerlei Abseitswegen herumtreibt (nach Rückwärts viel, wie es der Einwand gegen den notorischen Fortschritt gelegentlich will): da kramt man dann in alten Sachen herum und findet, mit zögernder Überraschung, einen … jedenfalls, ich fand seinen Brief gestern abend, beim Aufräumen, besah ihn überrascht, wollte ihn wieder beiseite legen, zögerte aber, las ihn dann doch – und schwankte eine bequeme Weile lang zwischen guter und schlechter Laune – (es gehört zu der zweimal genannten Ironie: wenn Jemand mich ›lieber Freund‹ nennt, fällt mir ziemlich bald ein, daß ich selber kein Geld habe; und gegen ›einzige Freunde‹ war ich von jeher mißtrauisch).

Ich bin vergeßlich genug, um nicht mehr genau zu wissen, ob und wie ich seinen Brief beantwortete. Ich habe gutes Gewissen genug, um bei dem Gedanken, ihm die erbetene Unterstützung verweigert zu haben, mich nicht anders als behaglich zu fühlen. Mit einigem Recht; der Brief ist vom 16.4.51 datiert; damals hatte ich selber nichts. Daß er eine Woche später starb, geschah nach Gottes heiligem Willen, wie die Annonce versicherte. Mag es also eine Sentimentalität sein, daß ich heute über seinem Brief noch einmal ins Nachdenken geraten bin; sie ist weder durch den Inhalt noch durch die Darstellung gerechtfertigt (diese bleibt kaum mehr als ein Witz, zumal orthographisch); man pflegt Bittgesuche nun einmal mit rührenden Lebensläufen zu versehen, jeder Beruf verlangt das, auch der des Bettlers. Aber ich muß die Sache aus dem Kopf haben und schreibe darum den Inhalt hier auf, um wenigstens diesen Teil zu erledigen –, in der gebotenen Kürzung natürlich, wie es solchem Anlaß ziemt …

Geboren wurde er in einem evangelischen Pfarrhaus. Er wuchs auf, wie man in Pfarrhäusern aufwächst, plagte sich durch das höhere Schuljahrneunt, verließ dann, nachdem man ihm die erworbene Lebensreife schriftlich bescheinigt hatte, die Stadt – (machen Sie drei Kreuze) und begann sich zur Rechtsgelehrsamkeit zu bequemen. Darin brachte er es bis zum Assessor, behandelte so ziemlich alle Fälle vom ersten bis zum letzten Willen, redigierte Steuersachen, machte ein paar Auslandsreisen (auf einer davon lernte ich ihn kennen – in London), trat von einer Religion zur andern über und gewann so alle schätzbaren Eigenschaften der Polytropie. Seine Bildung gelangte über den Durchschnitt: er las regelmäßig Bibel, Priapeia und Kamasutram und erklärte den Don Quixote für sein Lieblingsbuch, ohne ihn freilich verstanden zu haben (meine ich). Als er alle Garantien für eine bestbürgerliche Lebensführung beisammen hatte, arbeitete er vier Jahre lang an dem Entwurf zu einer Revision des Strafgesetzbuches; ich kam damals öfter mit ihm zusammen und erinnere mich dunkel längerer Gespräche über den Gegenstand – (er übertrieb seine Anstrengungen ziemlich: so, glaube ich, stellte er einmal die groteske Behauptung auf, die abendländische Ethik habe den Begriff der Toleranz auch praktisch zu üben; auf dieser Basis wollte er den Begriff ›Ärgernis‹ aus dem StGB völlig eliminieren –, gewiß auch ein Grund, daß er nirgends ernst genommen wurde). Als der Staat ihm durch die Inflation von heute auf morgen sein Vermögen genommen hatte, muß etwas Absonderliches in seinem Kopfe vorgegangen sein. Die Angaben sind unklar; bekannt ist mir nur, daß er im folgenden eine Art Sekte gründete, die einigen Zulauf hatte und vor anderen zumindest den Vorteil besaß, daß sie keinen Zehnten erhob. Aber gerade das versagte dem Unternehmen längere Dauer, und nachdem auch die Gründung einer Wochenzeitschrift, die in ihrer politischen Tendenz weder Regierung noch Opposition Ruhe ließ und zwangsläufig gegen jeden guten Geschmack ging, fehlgeschlagen war, zog er als eine Art Vortragsreisender (Wanderprediger heißt es in dem Brief) ein ganzes Jahrzehnt lang durch Deutschland und experimentierte die merkwürdigsten Methoden, die Welt, oder zumindest Deutschland, zu bessern und zu bekehren. Weniger war es jedoch die geringe Anerkennung, die er fand, als vielmehr die fortschreitende Trübung seines Urteils, die ihn zu immer betriebsamerer Betätigung veranlaßte, und da er sich grobe Ungeschicklichkeiten zuschulden kommen ließ, war damals bereits vorauszusehen, welches Ende sein Wirken nehmen mußte. Durch das Schicksal eines (einzelnen! – man bedenke!) jüdischen Freundes frühzeitig gegen das Dritte Reich eingenommen, protestierte er ungebührend laut gegen den Abschluß des Konkordates; zwei ganze Seiten des Briefes versuchen mir zu erklären, warum er dem Urteil des Papstes, das die national-sozialistische Regierung Deutschlands sanktionierte, nicht das Vertrauen schenkte, das ihm gebührte. Sein Sinn für Realität trübte sich mehr und mehr. Als die Judenbekämpfung in den nächsten Jahren immer systematischer betrieben wurde, hatte er plötzlich die Torheit begangen, noch einmal öffentlich seine Stimme zu erheben und zum Zeichen, daß Gott solche Greuel nicht zulassen könne (ein Problem, über das sich auch sehr vernünftige Köpfe die Köpfe zerbrochen haben), ein Wunder tun wollen. Das war ihm nun allerdings mißlungen, und zwar aufs gründlichste: er hatte vom zweiten Stock eines Justizgebäudes durch die Luft, lediglich von Engelsflügeln getragen, auf den Marktplatz niedersteigen wollen –; wenn irgendetwas von einem Wunder dabei war, so höchstens das, daß er überhaupt mit dem Leben davon kam. Aber er war nun zum Krüppel geworden und wurde, da er dem Gauleiter von Bayern die Wahrheit gesagt hatte, zudem in eine Anstalt gewiesen, aus der man ihn erst kurz nach Kriegsende als harmlosen Irren wieder laufen ließ. Damals sah ich ihn zum erstenmal wieder: einen alten Mann auf Krücken, wortkarg und fahrig, aber von einer völlig unerklärlichen Heiterkeit in den Augen, die mir oft unheimlich erschien, nahezu gefährlich – (es mag dies Grund und Entschuldigung dafür sein, daß ich mich gleich wieder von ihm zurückzog). Bei dem großen Angriff auf Dresden am 13.2.45 war ein begüterter Verwandter gestorben, und ein Zufall wollte es, daß ihm ein größeres Vermögen zufiel. Kaum konnte er darüber verfügen, so gründete er in – (machen Sie drei Kreuze) ein Heim für gefallene Mädchen und begann die Moral der Stadt in einer Weise zu heben, die allgemein lästig wurde. Nachdem also auch dies gescheitert war, versuchte er es mit einem Geschäftsunternehmen (Strickwaren); es ist kaum erklärlich, warum der wirtschaftliche Aufstieg jener Jahre ihm den völligen Bankrott einbrachte. Einige Zeit ging es ihm dann sehr schlecht, er schien lebensmüde zu werden, und eine gewisse (krankhafte) Melancholie ließ ihn den Neuaufbau seines Vaterlandes nicht in der Weise sehen, die wünschenswert war. Im hohen Alter geriet er, der ehemalige Jurist, sogar noch mit dem Gesetz in Konflikt: ein amerikanischer Mormone hatte ihn bekehren wollen und war nach hartnäckigen aber fruchtlosen Argumenten von ihm mittels eines Faustschlags bedeutet worden, davon endgültig abzulassen. Das brachte ihn nun allerdings in heftige Ungelegenheiten, und nicht zuletzt auf Grund dieser letzten Erfahrung ging es mit ihm schneller dem Ende zu, als man hätte erwarten sollen …

Gesehen habe ich ihn nicht mehr. Aber als ich jetzt in seinem letzten Brief las, saß er auf einmal wieder leibhaftig vor mir – (ein Gespenst?): weißhaarig und zwergenhaft, immerfort bedächtig nickend, immerfort das gleiche faltige Lächeln um die wirren Augen, aus denen der Zwiespalt von Gram und Spott nie gewichen war … Es mag zu der dreimal genannten Ironie gehören, daß die Zeitungsnotiz recht behält. Ich gebe ihr recht. Ich habe seinem Andenken Genüge getan, indem ich von ihm berichtete. Wenn ich zuvor einen Augenblick lang glaubte, ihm darüberhinaus etwas schuldig zu sein, so verstand sich das gewissermaßen aus dem Eindruck der Anrede im Brief, die mich verwirrte. Dergleichen hat etwas Heimtückisches, von dem man am besten gar keine Notiz nimmt, nicht einmal vielleicht eine Zeitungsnotiz. Der Brief kommt zurück in die Ablage und wird vergessen … (– für die nächsten zehn Jahre –: vielleicht gerate ich dann plötzlich wieder einmal in einen Tag hinein (einen Tag wie im – sagen wir des Scherzes halber – April), wo ein Irgendwer die Zukunftsfenster mit schäbigen Regenfetzen … und die Gedanken … und krame in alten Sachen herum … und finde einen Brief mit der Anrede »Mein – – –«) … Schluß.

Anmerkungen von Monika Wollschläger:

Das Gespenst: Die Titelfigur trägt Züge von Hans Wollschlägers Freund Conrad Stromenger (Ps. A. W. Conrady). Die handschriftliche Widmung des Autors auf der Titelseite seines Roman-Typoskripts ›Herzgewächse oder Der Fall Adams. Fragmentarische Biographik in unzufälligen Makulaturblättern. Band I‹ lautet: »Ich schulde dieses Buch dem Andenken zweier meiner Freunde einer ganz vertrackten Schuldigkeit gegenüber den Freunden Alfred Giesler (geb. 3.11.1903, † 4.4.1954) und Conrad Stromenger (geb. 31.7.1889, † 24.2.1960)«.

Das Gespenst: Erstveröffentlichung in: ›die therapie des Monats‹ 7, 1961, C. F. Boehringer & Soehne GmbH, Mannheim, S. 258-260, Oktober 1961. Rudi Schweikert, Mannheim, stellte freundlicherweise aus seinem Archiv eine Kopie dieser ersten (und einzig erhalten gebliebenen) Erzählung Wollschlägers zur Verfügung, die der Autor in seinem Archiv nicht aufbewahrt hat.

Mit Dank an Monika Wollschläger für die Genehmigung der Veröffentlichung.

(Hans Wollschläger in Dörflis, Oktober 2005; Foto: Gabriele Wolff)

Zweifellos war die Publikation seinerzeit Hansotto Hatzig, Mitarbeiter der Presseabteilung der Boehringer Werke, zu verdanken.

Rudi Schweikert über Hansotto Hatzig:

http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/seklit/JbKMG/2002/9.htm

Hatzig selbst war ein langjähriger Wegbegleiter in Sachen Karl-May-Forschung – wie überhaupt Karl May der Punkt ist, in dem sich viele Linien schneiden. Die Beziehung zwischen Hans Wollschläger und Arno Schmidt begann 1957 mit einem Leserbrief Wollschlägers an die FAZ, in dem er Kritik an einem Schmidt-Aufsatz über Karl May äußerte. A. W. Conrady schließlich kritisierte in einer Arbeit für den Karl-May-Verlag Arno Schmidt – und wie sehr Hans Wollschläger bemüht war, trotz eindeutigen Standpunkts in diesem Konflikt beiden gegenüber loyal zu bleiben, wird der Briefband erhellen…

Update (20.5.2012)

Dieser Buch-Empfehlung im Börsenblatt kann ich mich nur anschließen:

Alfred-Kerr-Preisträger empfehlen

 

Ulrich Weinzierl (Die Welt)
Ulrich Weinzierl, geboren 1954, promovierte über Alfred Polgar und lebt als Autor, Journalist und Literaturkritiker in Wien. Er schreibt unter anderem für die »Welt«. Er ist der Kerr-Preisträger von 2001. 2009 wurde ihm der Preis der Frankfurter Anthologie übergeben.

[…]

 

Hans Wollschläger, Wie man wird, was man ist. Sinfonietta Domestica für Kammerorchester
Wallstein, 382 Seiten, 28,00 EUR, ISBN: 978-3-8353-0497-0
Dieses Buch ist ein Glücksfall, die Chance, den viel zu wenig gekannten, kompromisslosen Sprachkünstler in seinen persönlichsten Texten und Reden zu erleben. Literatur und Musik, das war Wollschlägers Welt, in die er uns profunde Einblicke gewährt: Ecce poeta!

http://www.boersenblatt.net/293043/

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