Bloggen – die große Freiheit oder Zwang zur Produktion? (mit einem Seitenblick auf Alice Schwarzer)

Dieses Internet-Café in Side/Türkei hatte es mir angetan – denn bei aller beschworener Modernität hatte der Inhaber nicht darauf verzichtet, zwei Amulette gegen den ›Bösen Blick‹ über die Eingangstür zu hängen: ein Sinnbild für die Gleichzeitigkeit von technischem Fortschritt und archaischer Menschheitsgeschichte.

Ähnlich ergeht es dem ehrenamtlichen Blogger, der für nichts Reklame macht, nicht mal für sein Gewerbe, denn er hat keins, keinen Profit erstrebt, als Person unsichtbar und als Text sichtbar sein möchte und der das Schreiben immer als große Freiheit verstanden hat: plötzlich werden Erwartungen an ihn herangetragen, die an Autoren-Leserbindungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert gemahnen. Nur daß heute der Geduldsfaden schneller reißt als zu Schneckenpostzeiten. Ja, ich habe erfahren, daß mein Blog bereits von einer Blogroll entfernt wurde, weil er schlecht gepflegt werde… Das war zwar eine etwas übereilte Reaktion, aber wir leben nun mal in hektischen Zeiten mit überforderndem multi-tasking auf allen Kanälen und burnout-Syndromen, die ein rechtzeitiges Innehalten und ein Mindestmaß von Selbstreflektion unschwer verhindert hätten. Ich gestatte mir solche Auszeiten.

In der Zeit, als ich noch Kriminalromane verfaßte, habe ich keine einzige Zeile unter Schreibzwang verfaßt; Schreiben ist mir immer Freude, Notwendigkeit, persönlichster Ausdruck & freigewählte Arbeit gewesen – und so soll das auch in Internet-Zeiten bleiben. Zur bloßen quantitativen Blog-Pflege oder zur effektiven Schlagwort-Fütterung von Suchmaschinen fühle ich mich nicht berufen – liebe Leser, so ist das nun mal. Es gibt Zeiten, da kommt mir die Pflege anderer Dinge (Freundschaften, Haus & Garten, Bücherlesen) nützlicher vor als ›unnützliche Kommentare‹ zu verfassen, die im Wind verwehen.

Aber vielleicht mache ich mir auch nur etwas vor und leide tatsächlich bloß unter der neuen Psychomode-Krankheit Prokrastination. Harald Martenstein hat meinen Wortschatz um dieses häßliche Wort erweitert, als er neulich wieder das Klagelied eines unter Schreibzwang produzierenden Kolumnisten sang, der pünktlich liefern muß, um sein Mittelklasse-Leben fristen zu können – ja, das muß ein schreckliches Schicksal sein…

Martenstein:

Wenn ich schreiben muss, dann nehme ich mir vor, zu einer bestimmten Uhrzeit anzufangen. Wenn diese Zeit gekommen ist, meistens um neun oder zehn, und ich sitze nicht im Büro, beginne ich, die Küche zu putzen. Danach checke ich meine Mails. Anschließend gehe ich einkaufen und räume auf.

Ich fühle mich dabei nicht gut. Ich weiß genau, dass ich diese Dinge nicht deshalb tue, weil sie unbedingt getan werden müssten. Ich mache das, um dem Schreiben aus dem Weg zu gehen. Inzwischen weiß ich, dass es für dieses Verhalten, das Verschieben, einen Fachbegriff gibt. Er heißt »Prokrastination«, auf Deutsch: Vermorgung.

http://www.zeit.de/2012/30/Martenstein

Das kenne ich auch – und auch ich neige dazu, erst einmal gründlich aufzuräumen, virtuell und im real life, bevor ich mich wohlgemut und mit freiem Kopf wieder ans Werk setzen kann. Zumal viele prokrastinative (sagt man das so? Habe ich soeben erfunden) Tätigkeiten den freien Gedankenfluß fördern und Formulierungen heranschwemmen, die man später gut gebrauchen kann. Unter diesem Gesichtspunkt kann ich Unkrautjäten und Rasenkantenschnitt wärmstens empfehlen. In Ermangelung eines Gartens tuns aber auch Geschirrspülen und eine gründliche Kühlschrankreinigung. Und jetzt weiß ich auch, warum mir das immer noch nicht beendete Aufräumen so sehr in die Quere gekommen ist. Der Breno-Artikel schrie nach Fortsetzung, und das war vielleicht schon zuviel an drohendem Schreibzwang – insbesondere in einer Zeit, in der einen so viele Themen ansprangen, daß sich die ausgeschnittenen Zeitungsartikel schon wieder auf dem Schreibtisch stapeln und man sich schier verzetteln muß. Das thematische Ordnen in Klarsichthüllen und das Abspeichern von interessanten Online-Artikeln haben einen Überblick nur vorgetäuscht.

Beschämt und der Bewunderung voll warf ich so manchen Seitenblick auf den Blog der unermüdlichen Alice Schwarzer, die die seltene Gabe hat, auch die heikelsten Weltprobleme auf knackige anderthalb DIN A 4-Seiten einzudampfen und sich auf dieser Grundlage eine unerschütterliche Meinung zu bilden – schade, daß sie sich zur Euro-Krise nicht zu Wort meldet. Das wäre doch eine große Hilfe für sämtliche Regierungen, wenn Schwarzer erklärte, daß eine Frauenquote in Vorständen und Aufsichtsräten von Banken und Hedgefonds die Lösung schlechthin sei. Denn Frauen sind edel, hilfreich und gut, kennen mangels Macht keinen Machtmißbrauch, betatschen ihre Assistenten nicht und Geldgier ist ihnen von Natur aus fremd. So viel Natur muß auch für eine Gender-Verfechterin sein, wenn’s der Sache dient.

Innerhalb gut eines Monats erledigte sie rüstig folgende Themen – und ich befleißige mich, meinem unerreichbaren Vorbild nachzueifern, indem ich keine Links setze und den Inhalt der Postings frei paraphrasiere: denn in der Kürze liegt bekanntlich die Würze, wie BILD es ja auch schon so erfolgreich vorführt:

02.07.2012

Soll die Beschneidung verboten werden?

Natürlich nicht. Religion ist zwar nicht ihr Ding, aber soviel Gedöns um einen kleinen Schnitt, der die ganze ohnehin unerfreuliche Sache viel hygienischer gestaltet, muß ja nicht sein. Betrifft ja eh nur Jungs, für die sie nicht zuständig ist.

06.07.2012

Es reicht, Herr Kachelmann!

Die Schadensersatzklage von Jörg Kachelmann gegen die frühere Anzeigenerstatterin ist nach Auffassung unserer frischgebackenen Rechtsexpertin juristisch Kokolores und dient nur der Werbung für das für Oktober angekündigte Buch ›Recht und Gerechtigkeit‹ des Klägers und seiner Frau (weshalb auch der Anwalt der Beklagten die Chefreporterin Tanja May von der BUNTE über das Zivilverfahren unterrichtete). Irgendwie alles Litigation-PR durch Prozeßführung. Und daß das Landgericht Frankfurt a. M. in einer Sache, der kein Erfolg beschieden sein kann, auch noch Termin anberaumt, ist schlicht und einfach ungeheuerlich.

13.07.2012

Wie masochistisch sind Frauen?

Erstens: ›Fifty Shades of Grey‹ ist kein Porno-Roman. Zweitens: Die Heldin ist nicht sub, denn sie verläßt ihren Herrn und Meister (was dann wohl in den zwei Fortsetzungsbänden vor sich gehen mag?). Drittens: Phantasie darf sein, da ist sie großzügig. Viertens: In der Realität gibt es so gut wie kein BDSM. Fünftens: wenn es ihn dann doch marginalst gibt, ist die heterosexuelle Variante männlicher Dom – weibliche Sub aufs schärfste zu verurteilen. Alle anderen Formen sind unbedenklich, da sie dem emanzipatorischen Fortschritt der FRAU nicht in die Speichen greifen.

16.07.2012

Die SM-Debatte & Spiegel TV

Die medienunerfahrene Alice im Fernsehland mußte die bittere Erfahrung machen, daß man aus ihrem differenzierten Statement lediglich einen Satz brachte:

In diesem Fall blieben von einem knapp halbstündigen Dreh – mit immer wieder denselben, zunehmend suggestiven Fragen – genau 20 Sekunden. Und darin ließ der Spiegel-TV-Reporter mich zwischen zwei Auspeitschungen Folgendes sagen:

Die Männer von heute seien irritiert und so mancher, der beruflich mit Frauen konkurriere, stelle sich das weibliche Geschlecht eben lieber auf allen vieren vor als im aufrechten Gang.

Das ist allerdings eine sehr zutreffende und juristisch unanfechtbare Beschneidung gewesen, die die Sache auf den Punkt bringt…

Nina Pauer, eine Frau von heute, sieht die Sache realistisch:

Dass sich heute, in einer Zeit, in der Frauen Männer in Ausbildung und Arbeitspensum abhängen und Familien ernähren, der Topos des ausgepeitschten Managers um den der ausgepeitschten Managerin erweitert, ist nur plausibel.

http://www.zeit.de/2012/29/Shades-of-grey

17.07.2012

Outing: Argumentieren statt Denunzieren!

Hier meint sie, ein Zwangs-Outing eines Politikers erkannt zu haben und findet das gar nicht gut, die Entschuldigung der taz-Chefredakteurin für den Anschlag dagegen umso besser, während sie zugleich einen dissentierenden Kollegen als homosexuell outet, der aber, anders als sie, kein Problem mit der Öffentlichmachung seiner sexuellen Orientierung hat. Ein Kabinettstückchen! Die Kunst des entstellenden Zitats mit anschließendem Bashing erreicht Alpengipfelhöhe!

26.07.2012

NEIN zur Intervention in Syrien

Lieber Auto- und Kleptokraten, Tyrannen und Gewaltherrscher (deren Opfer überwiegend Männer sind) als böse Islamisten, die nach jeder Volkserhebung in der islamischen Welt zwangsläufig an die Macht kommen und Frauen entrechten, selbst wenn die vorher auch schon nichts zu lachen hatten. Da steht sie seit zwanzig Jahren und kann nicht anders. So ist es nun mal, da beißt keine Maus einen Faden ab.

03.08.2012

Liebeserklärung an Marilyn

Marilyn war kein unglückliches sexy Dummchen, sondern eine belesene toughe Karrierefrau, die sich durchgesetzt hat. Und daher ist sie zurecht eine Feminismus-Ikone, neben der Simone de Beauvoir alt und grau aussieht.

Ein Blog, der einen das Fürchten lehrt. Aber gepflegt, das muß man Alice Schwarzer lassen, sieht er schon aus. Öfter mal was Neues – wenn auch im zerschlissenen alten Gewand.

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4 Gedanken zu “Bloggen – die große Freiheit oder Zwang zur Produktion? (mit einem Seitenblick auf Alice Schwarzer)

  1. Den Schreibdruck kenne ich, da ich beruflich viel schreiben musste. Es ist mir nie gelungen, wirklich so zu “prokrastinieren”, dass hinterher wenigstens meine Wohnung aufgeräumt war. Stattdessen habe ich mir den Kopf zerbrochen und an einem Sätzchen herumgefeilt und die Schreibblockade gefeiert.

    Ihren Blog, Frau Wolff, mag ich, auch wenn er nicht in hoher Frequenz mit neuen Artikeln aufwartet. Es kommt am Ende nicht auf die Menge der Texte an, sondern auf den Inhalt. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen auch noch ein Kompliment für eines Ihrer Bücher machen. Ich habe “Das dritte Zimmer” gelesen und für mein Vorstellungsvermögen haben Sie das Innenleben einer Behörde sehr plastisch beschrieben. Das hat mir sehr gut gefallen.

    Ich glaube ja, dass Frau Schwarzer deswegen so “produktiv” ist, weil sie wenig Mühe hat, einen Standpunkt zu finden. Sie hat ihn ja bereits seit Jahrzehnten und braucht ihn bloß noch an die jeweiligen Themen anzupassen. Andere Schreiberinnen und Schreiber quälen sich stattdessen mit Recherche und Nachdenken, bevor sie urteilen. Aber jene Gruppe ist mir dann doch auch lieber, vor allem die, die mich überraschen mit ihren Aussagen.

  2. Ich kenne den Schreibdruck (wenn auch nicht zwingend auf meinen Blogs), aber glücklicherweise kenne ich nicht zuviel von Frau Schwarzers Schreibe. Die obigen Häppchen reichen mehr als aus; die Kolumne zum Thema “Beschneidung” ist unfassbar.

    Zum Thema Syrien würde ich aus Interesse gerne fragen, welche Quellen Sie lesen. Es ist meinem Eindruck nach ein mehr als unübersichtlicher Konflikt und da ich kein Experte der Region bin, finde ich es schwieriger als sonst, mich zu informieren.

  3. Ich habe Schwarzers Blog nie gelesen, aber wenn ich das so lese – ich bin froh drum. Da sind mir die Blogs, die aussehen wie unaufgeräumte Schreibtische wesentlich lieber. Schließlich findet sich da alles, wenn man die Suche nicht prokrastiniert…

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