Steinfeld contra Schirrmacher: Krimi oder Literaturbetriebsunfall?

Wie der Zufall so spielt: vor knapp einem Monat hat der Literaturwissenschaftler und -kritiker Michael Maar, im Alter von zweiundfünzig Jahren debütierend, einen schmalen Roman herausgebracht, der natürlich im Literaturbetrieb spielt: ›Die Betrogenen‹ heißt er. Die Hauptfigur ist Karl Lorentz, mit cirka fünfunddreißig Jahren zwar noch jung, aber bereits ein gescheiterter Adabei der Literatenszene. Ein Literaturwissenschaftler zwar, der seine vielgelobte ›Kulturgeschichte des Verrats‹ in einem Suhrkamp-ähnlichen Verlag des gerade verstorbenen Gabriel herausbringen konnte, sich aber zwecks Gelderwerbs bei einer sehr dominanten Literaturagentin verdingen muß. Ein Mann ohne Charisma, wegen Mumps in der Kindheit unfruchtbar und ohne Schlag bei den Frauen, die ihn angesichts seiner erotischen Bemühungen auslachen oder gar mittendrin einschlafen. Vor langer Zeit schätzte er einmal den Literaten Moritz Manteuffel, danach verehrte er dessen Intimfeind Arthur Bittner, den er aber mittlerweile als eitlen Geck durchschaut hat. Dennoch hat er sich gegenüber dem Verlag verpflichtet, dessen Biographie zu schreiben – ein dienender Akt zu viel im beschädigten Leben des Fast-Paranoikers, der in jeder Naturerscheinung ein Zeichen sieht und dennoch blind durchs Leben stolpert.

Durch das Hirn und das Herz dieser Figur betrachten wir den Betrieb und seine beiden Hauptprotagonisten Bittner und Manteuffel: Neid, Mißgunst, Klatschfreude und Selbsterhöhung sind Karls Erzählmotivationen, Vatermord das Ziel, Irrtum der Weg.

Manteuffel allerdings rächt sich für den Liebesentzug und den Wechsel zum Gegner:

Als Karl den Band aufschlug, fand er eine Widmung von Manteuffels schöner Hand: «Dem neuen Nachbarn und geschätzten agent littéraire.»

Donnerwetter – das war mehr, als er erwarten durfte. Edles Vorsatzpapier, sogar ein Lesebändchen. Watsons letzter Fall – ein Kriminalroman im Literatenmilieu! Sieh einer an, Manteuffel, auf seine alten Tage…

[…]

War es denn zu fassen! Dieser alerte Stoffel sollte er sein? Es gab keinen Zweifel: Manteuffel hatte eine komische Nebenfigur aus ihm gemacht. Sogar Karls nervöses Augenzucken fehlte nicht, daraus hatte er geradezu ein kleines Leitmotiv geschöpft. Und daß seine Hemdkragen abgewetzt waren und sich die Taschen ausbeulten… Da sah er nun zum ersten Mal den Pavillon des Ich, den er seit seiner Geburt behauste, mit den Augen eines zufällig Vorbeischlendernden, dem dann vor allem die feuchten Mauerflecken auffielen, der Grünspan und das schiefe Portal.

Das also war Manteuffels Postkarte. Nun, es gab Schlimmeres. Daß er – ein literarischer Agent, subtil! – einer der Mordverdächtigen war, konnte Karl sich mit Mühe sogar als Kompliment auslegen.

Ob der Verlag mit diesem Buch ganz glücklich würde? Schließlich schrie der Markt nicht nach dieser Sorte Literatur. Immerhin kamen auch Gabriel und ganz am Rande Bittner vor, der als Prediger auftrat. Vielleicht verkauften sie es ja als Schlüsselroman.

[S. 99f.]

Dieses Schicksal hat ihm der Verlag C.H.Beck glücklicherweise erspart, ebenso die Garde der Kollegen-Rezensenten – Verriß in der WELT, Entzücken in der FAZ, für die er schon viel geschrieben hat, Unbehagen bei Thomas E. Schmidt in der ZEIT –:

Nichts Spektakuläres in diesem Kurzroman: Am Anfang wird ein Verleger zu Grabe getragen, am Schluss ein Schriftsteller. Dazwischen reist ein junger Autor durch den deutschen Literaturbetrieb, hat gelegentlich Sex und macht sich so seine Gedanken. Das ist stellenweise amüsant, und mit hochgezogenen Brauen folgt man auch der intrikaten Konstruktion dieses Buches, aber ehrlicherweise ist zu sagen: Angelangt auf Seite 143, weiß man eigentlich nicht mehr, was man da genau gelesen hat und warum.

Es kommt hinzu, daß Erwähnungen im Feuilleton oft Beerdigungen erster Klasse bedeuten, wie Georg Seesslen kürzlich in der taz meinte:

Wie sind die Kulturseiten so unerträglich borniert geworden?
Eine Erklärung

[…]

Das Problem mit dem schrumpfenden Feuilletonismus liegt nun darin, dass es immer weniger Menschen sind, die gegenüber einer immer größeren ästhetischen und diskursiven Produktion entscheiden, was verhandelbar ist und was nicht. Und diese wenigen Menschen achten viel weniger darauf, was in der Welt los ist, als darauf, was die Konkurrenz macht. Aus einem ursprünglich zur Öffnung der Diskurse gedachten, lockeren und experimentellen Submedium ist ein geschlossenes selbstreferentielles und dogmatisches Instrument zum kulturpolitischen Mainstreaming geworden. Was im deutschen Feuilleton gelandet ist, ist so gut wie tot.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=me&dig=2012%2F08%2F08%2Fa0108&cHash=cbcf684f3f

Das ist wohl wahr – wahr ist aber auch, daß die Charakterstudie dieses Karl Lorentz und der Topos Krimi-Kommerz-Schlüsselroman eine geradezu verblüffend realistische Gebrauchsanweisung zur Bewertung des aktuellen Literaturskandals liefern.

Als Watson – und das nicht zum ersten Mal – fungiert Richard Kämmerlings von der WELT; auch er hat unter Schirrmacher gedient, ist also bestens geeignet, sich in Täter und Opfer einzufühlen. Mustergültig baut er eine reißfeste Indizienkette auf, die Thomas Steinfeld, Feuilletonchef der SÜDDEUTSCHEN und bis 2001 unter seinem Chef Frank S. leidend, als den Schwedenkrimi-Autor Per Johansson entlarvt und den fiktiv gemordeten, den Dachsen und der Leserschaft zum Fraß vorgeworfenen Christian Meier als Frank Schirrmacher. Hut ab vor diesem Journalismus!

14.8.2012

12:20

Rufmord

Vergeltung – Der grausige Tod eines Großjournalisten

In einem neuen Schweden-Krimi stirbt eine Person, die dem “FAZ”-Herausgeber Frank Schirrmacher sehr ähnelt. Den Autor, Per Johansson, gibt es nicht. Die Spurensuche führt zur “Süddeutschen Zeitung”. Von Richard Kämmerlings

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article108599900/Vergeltung-Der-grausige-Tod-eines-Grossjournalisten.html

Noch am selben Tag reagiert der S. Fischer Verlag, der die Autorschaft an dem Buch ›Der Sturm‹ höchst kunstvoll verschleiert und sogar eine Übersetzerin für das in Schweden nicht erschienene Werk erfunden hatte:

Der Frankfurter S.-Fischer-Verlag hat allerdings auf seiner Website eine andere Identität für den Neuzugang („sein erster Roman“) parat: „Per Johansson wurde 1962 in Malmö geboren und wuchs in der Nähe von Osby auf. Er studierte Elektrotechnik in Stockholm und arbeitete mehrere Jahre im Anlagenbau, bevor er Anfang der neunziger Jahre nach Berlin ging, um seinen künstlerischen Interessen nachzugehen: der Fotografie und dem Kurzfilm. Daneben baute er eine Firma auf, die sich hauptsächlich mit der Entwicklung von Homepages für Künstler und künstlerische Organisationen beschäftigt. Per Johansson lebt heute in Berlin und in der Nähe von Osby, wo er einen kleinen Bauernhof bewirtschaftet.“

Am Dienstag jedoch schloss der Verlag den Bauernhof. Pressechef Martin Spieles sagte dieser Zeitung: „Ja, es ist ein Pseudonym. Es handelt sich in Wahrheit um ein Autoren-Duo.“ Ob dazu auch Steinfeld gehöre? „Autoren haben das Recht, unter Pseudonym zu schreiben, und wenn es wie in diesem Fall geschützt bleiben soll, dann respektiert der Verlag das.“ Allerdings räumt Spieles ein, dass die erfundene Vita wohl des Guten zu viel sei. Man wolle ja nicht den Leser täuschen und sehe den Vorgang selbstkritisch.

[…]

Steinfeld und Schirrmacher wirkten einst gemeinsam fürs „FAZ“-Feuilleton. Dann wechselte Steinfeld zum „SZ“-Feuilleton: Aus Kollegen wurden Konkurrenten. Die Küchenpsychologie kann gar nicht anders, als hier eine Abrechnung zu vermuten. Doch Fischer-Sprecher Spieles wehrt ab: „Nie im Leben wäre ich darauf gekommen, dass das ein Schlüsselroman sein könnte.“ Sein Credo: Alles nur fiktiv.

http://www.ksta.de/kultur/-der-sturm–schwedischer-mordfall-unter-falschen-namen,15189520,16886804.html

Man wolle die Leser nicht täuschen? Das Gegenteil ist bereits erwiesen. Dem werten Publikum sollte ein am Erfolgs-Reißbrett entworfener Schweden-Krimi mit Hedgefonds, Internet-Kriminalität und den üblichen Verdächtigen als authentisches Produkt präsentiert werden, S. Fischer durfte sich im Glanze eines Entdeckers darstellen, der das richtige Näschen hatte und den alten Schweden der Konkurrenz vor der Nase weggeschnappt hatte, noch bevor der in Schweden herausgekommen war. Und zwei gute prominente Freunde von Steinfeld, die das Buch nicht kennen dürften, lieferten lobende Blurbs fürs Cover: Orhan Pamuk und Håkan Nesser.

»Stark. Einzigartig und unterhaltsam. Dicht liegt das Geheimnis über diesem Kriminalroman wie der Herbstnebel über den schwedischen Wäldern.« Håkan Nesser

http://www.fischerverlage.de/buch/der_sturm/9783100170262

Jetzt noch ein paar Marketing-Tools einsetzen, dann ist der Bestseller vorprogrammiert. Schwedenkrimis laufen immer, egal, wie schlecht sie sind. Und später hätte man den wahren Autor präsentieren können, mit einem Seitenhieb gegen das bornierte Feuilleton, für das Iris Radisch wie keine zweite steht:

Für gewöhnlich werden Krimis gekauft und von Krimifreunden gelesen, und damit gut. Höhere Bedeutung, publizistische Wellen, gar Debatten in den Kulturteilen überregionaler Zeitungen erregen sie nie. Jetzt allerdings veröffentlicht ein gewisser Per Johansson, markantes Kinn, Seemannsbart, in Malmö geboren, einen Krimi mit dem Titel Der Sturm, schwedisch: Stormen, der in diesen Tagen mehr Beachtung findet, als alle Wallander-Krimis zusammengenommen jemals gefunden haben. Ja, man kann sagen: Die mysteriösen Vorgänge um diesen Krimi sind selbst ein Krimi, mit allem, was dazugehört: einem Detektiv, einem Opfer, einem Verdächtigen und einem Tatmotiv.

http://www.zeit.de/2012/34/Krimi-Per-Johansson-Frank-Schirrmacher/komplettansicht

Was für ein Dünkel aus diesen Zeilen spricht: Wallander-Krimis sind sozusagen eine Kulturerscheinung, die weltweit Beachtung gefunden hat und klassischerweise erst danach vom Feuilleton beachtet wurde, wie immer unter dem Motto: wie konnte es hinter unserem Rücken nur zu diesem erschreckenden Phänomen kommen? Können wir es durch unsere hochgestochenen Analysen eventuell adeln? Wenn Iris Radisch von ›Beachtung‹ spricht, redet sie nur von dem kleinen Kosmos überregional agierender Literaturkritiker, dem Nabel ihrer kleinen selbstbezüglichen Welt. Kritikern wie ihr hätte S. Fischer zurufen können: ›Seht her, das hat einer von euch geschrieben!‹

Ja, er war’s wirklich. Schon am 15.8.2012 gibt Thomas Steinfeld zu, Co-Autor dieses Buchs zu sein. Er übernimmt die undankbare Rolle des Karl Lorentz, der ebenfalls unter mangelnder Selbstreflektion leidet.

Der tote Chefredakteur sei eine „abstrakte, idealtypische Gestalt“, erklärte dagegen Steinfeld. Darin seien einige der jüngsten Themen des internationalen Feuilletons sowie Züge vieler Kulturjournalisten eingeflossen. Es sei abenteuerlich, diese auf eine lebende Person „und zudem auf einen respektierten Journalisten“ zu übertragen, betont Steinfeld, ohne Schirrmacher namentlich zu nennen. Alle Ereignisse und Figuren im Roman seien fiktiv. „Viele davon sind artifiziell zugespitzt.“ Es sei nur darum gegangen, „mit Ernst, Können und Humor einen guten Kriminalroman zu schreiben“.

http://www.focus.de/kultur/buecher/sz-kulturchef-steinfeld-gibt-autorschaft-zu-wirbel-um-den-schweden-krimi-der-sturm_aid_800678.html

Und für welche Aspekte war dann der Co-Autor Martin Winkler zuständig?

Denn Steinfeld wurde beim Schreiben durchgehend kompetent betreut. Ein Münchner Arzt sei der Co-Autor des Romans, so erfahren die verwunderten Radiohörer weiter, ein Arzt, mit dem er sich “mehrfach über intellektuelle Themen unterhalten habe” und der sich sehr gut mit Krimis auskenne. Aus diesen Gesprächen sei die Idee zu “Der Sturm” entstanden.

http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article108658419/Steinfeld-ist-ein-anderer.html

Gab es Tips zur Beschreibung der skelettierten Leiche oder eher zum Thema therapeutische Aspekte des Schreibens und sozialverträgliche Triebabfuhr? Über SUBLIMATION?

Als ehemalige Krimischreiberin kenne ich den Betrieb und wundere mich nicht mehr, wie da unter Umgehung originärer und origineller Autoren, die keine Massenkonfektion abliefern wollen, gut vernetzte Journalisten oder Verlagsmitarbeiter, die immer schon fremdbestimmt und auf Zuruf gearbeitet haben, Bestseller nach der Man-nehme-Rezeptur verfassen, massiv beworben werden und Kasse machen. Unter diesem Marktgesichtspunkt ist die Causa Steinfeld kein Einzelfall im Krimi-Bereich (und nur pars pro toto für die gesamte Kommerzialisierung aller Lebensbereiche):

06.06.12

Krimi-Shootingstar

Von Null auf Hundert – Wer ist Jean-Luc Bannalec?

Jean-Luc Bannalec hat den Krimi-Bestseller des Frühjahrs geschrieben. Doch kann es sein, dass hinter dem Pseudonym einer der wichtigsten Verleger des Landes steckt? Eine Ermittlung. Von Richard Kämmerlings

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article106421190/Von-Null-auf-Hundert-Wer-ist-Jean-Luc-Bannalec.html

15.8.2012 13:58

Kriminalfälle

Warum immer mehr Verlage ihre Autoren erfinden

Einst stand der Name S. Fischer für große Literatur. Heute macht er mit erfundenen Schriftstellern von sich reden, ein Trend, mit dem auch andere Verlage ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen. Von Elmar Krekeler

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article108619680/Warum-immer-mehr-Verlage-ihre-Autoren-erfinden.html

Und doch interessiert mich dieser gnadenlose Mißbrauch von Kriminalliteratur aus kommerziellen Gründen weniger als derjenige, sie für literarischen Abrechnungen zu benutzen. Denn das glaubt niemand, daß dieser als Schirrmacher so kenntliche Christian Meier ein abstrakter ›Idealtypus‹ sei, dem man mit ›Können und Humor‹ Puffbesuche, Chats mit jungen Mädchen und Demütigung von Untergebenen hinzufügt, damit die Sache noch idealer wird.

Hier Steinfelds typische Karl Lorentz-Verteidigung, wie sie heute von Cornelius Tittel wiedergegeben wurde:

Auf die Frage, warum er für seinen Krimi ein Pseudonym gewählt habe, sagte Thomas Steinfeld dem Deutschlandfunk am Mittwoch, er habe beim Schreiben das Gefühl gehabt: “Das ist jetzt nicht mein normales Ich”.

[…]

Die These des “Welt”-Literaturkritikers Richard Kämmerlings, das Mordopfer sei Steinfelds früherem Chef Frank Schirrmacher nachempfunden, ist für Steinfeld “völliger Blödsinn” beziehungsweise: “Welch ein Unsinn!”

Auf die Frage, ob er nicht doch an Schirrmacher gedacht habe, während er einen Chefredakteur sterben ließ, der Genom-Feuilletons publiziert und Bestseller zur Überalterung der Gesellschaft und der Macht von Computernetzwerken schreibt – auf diese Frage reagiert Steinfeld sehr ungehalten. “Halten Sie mich für einen Kindskopf?” fährt er die Moderatorin an – das alles sei nur “eine radikale Verschwörungsfantasie” eines “Welt”-Autors, der offensichtlich “ein Problem” habe.

http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article108658419/Steinfeld-ist-ein-anderer.html

Selbstverständlich ist dieses Bestreiten auch juristischen Gründen geschuldet – einen Fall ›Esra‹ möchte weder Steinfeld noch sein Verlag erleben. Aber die Verteidigung mittels der Gegenattacke, es handele sich um eine Verschwörungsphantasie eines einzelnen Gegners, zeigt so viel an emotionalem Überschuß und Realitätsverlust, daß man schon tiefer graben muß. Steigen wir also hinab in die Seele des nicht normalen Ich, das sein Über-Ich verabschiedet, (das ein kerniger Schwede namens Per Johansson schließlich nicht benötigt), und daher im ›Ernst‹ sein Unterbewußtes die Feder führen läßt.

Karl Lorentz hat bezeichnenderweise nur einmal, und auch nur ganz kurz, darüber nachgedacht, wie es zu der Deformation seines Charakters gekommen sein könnte:

Wem man etwas zu verdanken hatte, bei dem fanden sich schnell auch allerhand Lächerlichkeiten und Defekte, die der Selbstachtung aufhalfen und die Bürde der Dankespflicht erleichterten. Und schon huschten, wie der Dichter sagte, die Wölfe der Undankbarkeit durch den Winter unseres Herzens – was Karl mit Blick ins eigene nur bestätigen konnte, wenn auch nicht im Falle Cornelius.

[S. 90]

Das wäre eine Möglichkeit, die zu bedenken wäre. Jakob Augstein wittert anderes:

Jakob Augstein

16.08.2012 | 09:00

Wir töten, was wir lieben

[…]

Kriminalistisch gesehen hat Steinfeld tatsächlich Motiv, Mittel und Gelegenheit für die Tat: Er kennt sich in Schweden gut aus, als einer von zwei Ressortleitern im überschaubaren SZ-Kulturteil bleibt genug Muße für den literarischen Nebenerwerb und vor allem: Er ist vor Jahren in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an Schirrmacher gescheitert. Rache. Das ist ein guter Grund für einen Mord. Sehnsucht nach einer unmöglichen Nähe ist ein anderer. Und das ist kein Widerspruch.

[…]

Für den möglichen Autor Steinfeld ist es noch schlimmer. Er gibt sich und seiner Zeitung mit dieser pathologischen Tat eine große Blöße. Steinfeld wird von nun an immer der Schirrmacher-Mörder sein. Die Zeitung kann sich kaum leisten, ihn auf diesem Posten zu halten. Aber vielleicht war das sogar Steinfelds heimlicher Wunsch und der literarische Mord in Wahrheit ein professioneller Selbstmord.

„In gewissem Sinne gestaltet und formt das Opfer den Verbrecher“ hat vor langer Zeit der Kriminalpsychologe Hans von Hentig in seinem Standardwerk „The Criminal and his Victim“ über die Täter-Opferbeziehung geschrieben. Selten traf das so zu wie in diesem Fall. Denn selbst in der Tat sind Schirrmachers Gegner nur Epigonen. Und er selbst? Er hat gesagt, er lese keine Schwedenkrimis.

http://www.freitag.de/autoren/jaugstein/wir-toeten-was-wir-lieben

Tja. Krimiautor müßte man sein… Dann würden einem noch viel mehr Motive einfallen.

Und auch die Hochliteratur könnte etwas von der Kriminalliteratur lernen: mag auch ein unwissender Literaturkritiker ›intrikate Konstruktionen‹ herausschmecken, der Krimi-Kenner, ob aktiv, ob passiv, wendet sich mit Grausen, wenn er liest, wie Michael Maar seinen Anti-Helden Karl die namenlose Tochter des Meisters Bittner mit deren Mitbewohnerin und Galerie-Mitinhaberin Nora Kraus verwechseln läßt. So viele Unwahrscheinlichkeiten und Zufälle nebst einer Figur, die aber auch gar nichts schnallt, würde nicht einmal ein drittklassiger Krimiautor seiner Leserschaft zumuten.

Es gibt nur gute und schlechte Literatur, unabhängig vom Genre. Und Literatur als durchsichtiges Mittel der Abrechnung kann nicht gut sein. Sie läßt lediglich auf psychische Probleme des Autors und auf fehlende Erfindungsgabe schließen.

Update (20.8.2012)

Gestern hat sich auch Cora Stephan, die unter dem Pseudonym Anne Chaplet auch Kriminalromane schreibt (echte, keine von der Stange!) temperamentvoll zu Wort gemeldet – für die, die in der Causa Steinfeld nicht zuletzt ›Die Betrogenen‹ sind: die Krimiautoren und das Genre schlechthin.

Gut gebrüllt, Cora!

Stürmchen der Würmchen

Liebe Männer, könnt ihr eure Kontroversen nicht wieder so wie früher austragen? Verabredung im Morgengrauen, Pistole oder Säbel, ein Stoß, ein Schuss – fertig? Statt dessen Angriff aus dem Hinterhalt in pseudonymer Vermummung. Geht’s noch? Die Rede ist von einem Autor, hinter dessen schwedischem Pseudonym, so stand es in der „Welt“, ein Feuilletonchef namens Thomas St. steckt, der in seinem Krimidebüt womöglich einen bekannten Feuilletonherausgeber namens Frank Sch. meuchelt und die Leiche, als letzte Demütigung, den Aasfressern vorwirft. Also eigentlich ein Feuilletonstreit. Aber heute wird ja gleich ein Krimi draus. Warum nur? Weil man im Genreroman sämtliche zivilisatorischen Hüllen fallenlassen und sich dem Blutrausch hingeben darf? Endlich mal Schwein sein? Oder nennt sich die Sache Krimi, weil der sich bekanntlich entschieden besser verkauft als eine Kolportage aus dem bewegten Leben im deutschen Feuilleton, geschmückt mit kulturpessimistischer Kapitalismuskritik?

[...]

http://cora-stephan.blogspot.de/2012/08/sturmchen-der-wurmchen.html

Neue verwirrrende Geständnisse in Sachen Steinfeld gibt es auch:

“Da stecke ich drin, in hohem Maße”:
“Sturm”-Mordopfer laut Steinfeld auch Selbstporträt

von Marc Bartl

Laut Thomas Steinfeld, dem Feuilleton-Chef der “Süddeutschen Zeitung“, ist das Mordopfer in seinem Roman “Der Sturm” nicht nur ein “Amalgam” aus Charakterzügen bekannter Journalisten, sondern auch ein Selbstporträt. “Da stecke ich drin, in hohem Maße”, sagte Steinfeld dem “Focus“.

[…]

Im Roman wird der Erschlagene, den Steinfeld nun unter anderem als Selbstporträt verstanden wissen will, als “journalistisches Genie” bezeichnet.

[…]

Seit Maxim Billers Roman “Esra” 2007 verboten wurde, weil sich eine Ex-Geliebte in dem Buch wiederzuerkennen glaubte, werden Romanfiguren immer häufiger als Porträts realer Vorbilder verstanden und nicht als literarische Schöpfungen. Steinfeld sagte “Focus”, solche “Personifikationen” lehne er ab. Es sei falsch, auf diese Weise “Literatur in Leben zu überführen”.Während der Prozesse um “Esra” hatte Steinfeld keine Probleme, in Billers Romanfiguren reale Personen wiederzuerkennen. Damals schrieb er, Literatur “darf nicht Waffe sein im persönlichen Umgang von Menschen miteinander. Sie darf nicht der private Abrechnung dienen.”

http://kress.de/print/detail/beitrag/117643-da-stecke-ich-drin-in-hohem-masse-sturm-mordopfer-laut-steinfeld-auch-selbstportraet.html

Die Sache wird wirklich immer komplexer. Einerseits will Steinfeld auch einmal ein ›journalistisches Genie‹ sein und steuert der Figur eigene Züge bei – andererseits treibt ihn ein Todeswunsch und er bringt die mit eigener Persönlichkeit aufgeladene Figur brutalst um die Ecke? Jetzt kann nur noch der medizinisch beschlagene Co-Autor Licht ins Dunkel bringen. Aus meiner früheren Autorenexistenz sind mir derartige Phänomene nicht erinnerlich: meiner auch mit eigenen Vorlieben und Erkenntnissen ausgestattete Ich-Figur hätte ich jedenfalls nie etwas antun können.

Und auch Martin Walser meldete sich zu Wort:

Martin Walser wies in der „Bild am Sonntag“ Vergleiche mit seinem Roman „Tod eines Kritikers“ zurück. „Wirkliche Morde kommen bei mir nicht vor. Dafür bin ich viel zu zivil“, so Walser. (dpa)

http://www.sz-online.de/Nachrichten/Kultur/Ermordet_sich_der_Autor_selbst/articleid-3135073

Daran muß nun wirklich erinnert werden: in Walsers Roman mit der Widmung ›Für die, die meine Kollegen sind‹ geht es um den Mordverdacht gegen einen Autor, der im Verdacht steht, einen schrecklichen und schrecklich einflußreichen Kritiker, der verschwunden ist, getötet zu haben. Am Ende betritt letzterer putzmunter wieder die Bühne. Mit diesem Stoff hat Walser wohl allen seinen Kollegen, die je von den subjektiven Verrissen MRRs existenziell gefährdet oder vernichtet wurden, aus der Seele gesprochen.

Update (30.8.2012)

Stellvertretend für die bislang erschienenen Rezensionen des Schwedenkrimis mit dem Willen zum Erfolg empfehle ich diese Buchbesprechung:

Letztlich ist “Der Sturm” ein durchschnittlich uninteressanter Krimi, nicht schlechter und gehässiger als die Dutzendware, die Jahr für Jahr auf den Buchmarkt gestoßen wird und die alle möglichen Autoren als Vehikel benutzen, um ihren Lieblingsurlaubsort zu verewigen, ihre Gedanken zur Weltlage bekannt zu machen oder schnelles Geld zu verdienen. Der “Sturm” ist höchstens etwas dünkelhafter: Die einzige Person, die nicht den besseren Kreisen entstammt, ist der Sohn der Haushälterin. Er heißt Olle und über ihn lesen wir: “Er spricht nicht viel, denken tut er übrigens auch nicht.” Unterschicht! Aber wer weiß: Angesichts all der soignierten Freiherren, Gräfinnen und Philosophieprofessoren wird sich bestimmt beim NDR ein Kollege finden, der die Verfilmung und einen Sendeplatz am Freitagabend klar macht.

Thekla Dannenberg

http://www.perlentaucher.de/mord-und-ratschlag/die-dachse-sind-relativ-diskret.html

3 Gedanken zu “Steinfeld contra Schirrmacher: Krimi oder Literaturbetriebsunfall?

  1. Tja, da haben Sie völlig recht, Gabriele,
    vielleicht gibt es ja irgendwo auch Literaturkritik, die spannend zu lesen und auch noch informativ ist, aber die ist dann an mir vorbeigegangen. Gut, Tucholsky, klar !
    In der FAZ lese ich das Feuilleton sowieso nur, wenn irgendwas Gesellschaftspolitisches drin steht. Und natürlich habe ich früher auch gern das Literarische Quartett gesehen, weil die sich dort so schön streiten konnten. Nur ist es mir nie gelungen, irgend einen Vorschlag dieser vier Leutchen auch mal interessant zu finden, bzw. ihn zu Ende zu lesen.
    Ich habe ein tiefes Mißtrauen gegen sogenannte Hochliteratur, schon der Name impliziert ja, daß man sich für was Besseres hält.
    Ja, sicher, vielleicht gibt es eine kleine Nische von Schriftgelehrten, die sich auch am Stil oder an vollendeter Form erfreuen können, aber für mich persönlich hat das nicht viel Wert, wenn das, was erzählt wird, nicht spannend ist oder zumindest mein Interesse hervorruft.
    Ich bin Phantasy- und Science-Fiction-Fan (wird mir heutzutage leider schwergemacht) und habe schon viele Science-Fiction-Romane gelesen, die mehr Anregung und Impulse geben konnten als die ganze Nobel-Preis-Bestseller-Liste rauf und runter, und das trotz schlechten Stils.

    Also, wenn die Literatur-Blockwarte sich in ihrem kleinen Eckchen angiften, bzw. sich literarisch um die Ecke bringen, dann haben sie meinen Segen und mein ironisches Grinsen noch dazu, denn genauso schätze ich sie ein.

    • Ich habe ganz und gar nichts gegen “Hochliteratur”, denn die ist, wenn sie gut ist, auch immer “unterhaltsam”, packt, fesselt – ich habe etwas gegen die hermetische Welt von feuilletonistischen Literaturkritikern, die einen Kanon errichten und sich als Ausgrenzer und Gestalter verstehen (und als Jury-Mitglieder kriegen sie ja jede Menge Macht in die Finger). Es ist ausgemachter Quatsch, Genres – ob Krimi, ob Science Fiction – von vorneherein als übel zu betrachten oder als rein kommerzielles Gewerbe (obwohl der Trend natürlich dahin geht, wie man am ›Sturm‹ sehr schön sehen kann). Unfähige Kritiker und auf Kommerz getrimmte Verlage machen feine Genres kaputt.

      Marcel Reich-Ranicki, dem ich im heutigen Nachtrag ein paar Zeilen gewidmet habe, steht wie kein anderer für den Niedergang der Literaturkritik – er gab den Fernsehclown und frönte seinem Geschmack. Ein Buch ohne Erotik war für ihn schlicht langggweilig, und das war’s dann. Noch heute gewährt man ihm in der FAZ Asyl. Am Wochenende las ich Folgendes:

      Leserfrage: Würden Sie etwas über XXX schreiben?
      MRR: Nein.

      Früher würde diese unverschämte Negierung eines Autors vielleicht dessen Karriere beendet haben. Heute mißt man dem keine Bedeutung mehr bei und fragt sich, warum man den alten Herrn nicht in Ruhe läßt…

      • Nun ja, Reich-Ranicki war Thomas-Mann-Fan (wie ich übrigens auch), und sicher ist Erotik latent bei Mann immer zu spüren, aber doch eigentlich nicht Hauptsache.
        Aber ich fürchte, das ist auch die einzige gemeinsame Vorliebe, von der ich zumindest mitbekommen habe.
        Ich denke, die Literaturkritik aus dem Feuilleton ist entstanden aus der Lese-Unlust von vielen, ist doch so schön einfach, wenn einer einem sagt, was gut ist und was nicht und natürlich auch aus dem Machtanspruch der Literatur–Päpste.
        Beides bedingt wohl einander.
        Und ich wollte noch etwas nachtragen. Unter Hoch-Literatur verstehe ich eben genau die Bücher, die mir ständig im Literarischen Quartett o. ä. vorgesetzt wurden.
        Die meisten Klassiker , die man ja wohl auch zur Hochliteratur rechnen sollte, finde ich immer noch spannend, Jedenfalls die, die eine gute Geschichte erzählen.
        (Große Ausnahme für mich jedenfalls: Kleist ! Ich kann mit dem Mann einfach nichts anfangen, na ja, vielleicht liegts an mir ,-) )

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