Bloggen – die große Freiheit oder Zwang zur Produktion? (mit einem Seitenblick auf Alice Schwarzer)

Dieses Internet-Café in Side/Türkei hatte es mir angetan – denn bei aller beschworener Modernität hatte der Inhaber nicht darauf verzichtet, zwei Amulette gegen den ›Bösen Blick‹ über die Eingangstür zu hängen: ein Sinnbild für die Gleichzeitigkeit von technischem Fortschritt und archaischer Menschheitsgeschichte.

Ähnlich ergeht es dem ehrenamtlichen Blogger, der für nichts Reklame macht, nicht mal für sein Gewerbe, denn er hat keins, keinen Profit erstrebt, als Person unsichtbar und als Text sichtbar sein möchte und der das Schreiben immer als große Freiheit verstanden hat: plötzlich werden Erwartungen an ihn herangetragen, die an Autoren-Leserbindungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert gemahnen. Nur daß heute der Geduldsfaden schneller reißt als zu Schneckenpostzeiten. Ja, ich habe erfahren, daß mein Blog bereits von einer Blogroll entfernt wurde, weil er schlecht gepflegt werde… Das war zwar eine etwas übereilte Reaktion, aber wir leben nun mal in hektischen Zeiten mit überforderndem multi-tasking auf allen Kanälen und burnout-Syndromen, die ein rechtzeitiges Innehalten und ein Mindestmaß von Selbstreflektion unschwer verhindert hätten. Ich gestatte mir solche Auszeiten.

In der Zeit, als ich noch Kriminalromane verfaßte, habe ich keine einzige Zeile unter Schreibzwang verfaßt; Schreiben ist mir immer Freude, Notwendigkeit, persönlichster Ausdruck & freigewählte Arbeit gewesen – und so soll das auch in Internet-Zeiten bleiben. Zur bloßen quantitativen Blog-Pflege oder zur effektiven Schlagwort-Fütterung von Suchmaschinen fühle ich mich nicht berufen – liebe Leser, so ist das nun mal. Es gibt Zeiten, da kommt mir die Pflege anderer Dinge (Freundschaften, Haus & Garten, Bücherlesen) nützlicher vor als ›unnützliche Kommentare‹ zu verfassen, die im Wind verwehen.

Aber vielleicht mache ich mir auch nur etwas vor und leide tatsächlich bloß unter der neuen Psychomode-Krankheit Prokrastination. Harald Martenstein hat meinen Wortschatz um dieses häßliche Wort erweitert, als er neulich wieder das Klagelied eines unter Schreibzwang produzierenden Kolumnisten sang, der pünktlich liefern muß, um sein Mittelklasse-Leben fristen zu können – ja, das muß ein schreckliches Schicksal sein…

Martenstein:

Wenn ich schreiben muss, dann nehme ich mir vor, zu einer bestimmten Uhrzeit anzufangen. Wenn diese Zeit gekommen ist, meistens um neun oder zehn, und ich sitze nicht im Büro, beginne ich, die Küche zu putzen. Danach checke ich meine Mails. Anschließend gehe ich einkaufen und räume auf.

Ich fühle mich dabei nicht gut. Ich weiß genau, dass ich diese Dinge nicht deshalb tue, weil sie unbedingt getan werden müssten. Ich mache das, um dem Schreiben aus dem Weg zu gehen. Inzwischen weiß ich, dass es für dieses Verhalten, das Verschieben, einen Fachbegriff gibt. Er heißt »Prokrastination«, auf Deutsch: Vermorgung.

http://www.zeit.de/2012/30/Martenstein

Das kenne ich auch – und auch ich neige dazu, erst einmal gründlich aufzuräumen, virtuell und im real life, bevor ich mich wohlgemut und mit freiem Kopf wieder ans Werk setzen kann. Zumal viele prokrastinative (sagt man das so? Habe ich soeben erfunden) Tätigkeiten den freien Gedankenfluß fördern und Formulierungen heranschwemmen, die man später gut gebrauchen kann. Unter diesem Gesichtspunkt kann ich Unkrautjäten und Rasenkantenschnitt wärmstens empfehlen. In Ermangelung eines Gartens tuns aber auch Geschirrspülen und eine gründliche Kühlschrankreinigung. Und jetzt weiß ich auch, warum mir das immer noch nicht beendete Aufräumen so sehr in die Quere gekommen ist. Der Breno-Artikel schrie nach Fortsetzung, und das war vielleicht schon zuviel an drohendem Schreibzwang – insbesondere in einer Zeit, in der einen so viele Themen ansprangen, daß sich die ausgeschnittenen Zeitungsartikel schon wieder auf dem Schreibtisch stapeln und man sich schier verzetteln muß. Das thematische Ordnen in Klarsichthüllen und das Abspeichern von interessanten Online-Artikeln haben einen Überblick nur vorgetäuscht.

Beschämt und der Bewunderung voll warf ich so manchen Seitenblick auf den Blog der unermüdlichen Alice Schwarzer, die die seltene Gabe hat, auch die heikelsten Weltprobleme auf knackige anderthalb DIN A 4-Seiten einzudampfen und sich auf dieser Grundlage eine unerschütterliche Meinung zu bilden – schade, daß sie sich zur Euro-Krise nicht zu Wort meldet. Das wäre doch eine große Hilfe für sämtliche Regierungen, wenn Schwarzer erklärte, daß eine Frauenquote in Vorständen und Aufsichtsräten von Banken und Hedgefonds die Lösung schlechthin sei. Denn Frauen sind edel, hilfreich und gut, kennen mangels Macht keinen Machtmißbrauch, betatschen ihre Assistenten nicht und Geldgier ist ihnen von Natur aus fremd. So viel Natur muß auch für eine Gender-Verfechterin sein, wenn’s der Sache dient.

Innerhalb gut eines Monats erledigte sie rüstig folgende Themen – und ich befleißige mich, meinem unerreichbaren Vorbild nachzueifern, indem ich keine Links setze und den Inhalt der Postings frei paraphrasiere: denn in der Kürze liegt bekanntlich die Würze, wie BILD es ja auch schon so erfolgreich vorführt:

02.07.2012

Soll die Beschneidung verboten werden?

Natürlich nicht. Religion ist zwar nicht ihr Ding, aber soviel Gedöns um einen kleinen Schnitt, der die ganze ohnehin unerfreuliche Sache viel hygienischer gestaltet, muß ja nicht sein. Betrifft ja eh nur Jungs, für die sie nicht zuständig ist.

06.07.2012

Es reicht, Herr Kachelmann!

Die Schadensersatzklage von Jörg Kachelmann gegen die frühere Anzeigenerstatterin ist nach Auffassung unserer frischgebackenen Rechtsexpertin juristisch Kokolores und dient nur der Werbung für das für Oktober angekündigte Buch ›Recht und Gerechtigkeit‹ des Klägers und seiner Frau (weshalb auch der Anwalt der Beklagten die Chefreporterin Tanja May von der BUNTE über das Zivilverfahren unterrichtete). Irgendwie alles Litigation-PR durch Prozeßführung. Und daß das Landgericht Frankfurt a. M. in einer Sache, der kein Erfolg beschieden sein kann, auch noch Termin anberaumt, ist schlicht und einfach ungeheuerlich.

13.07.2012

Wie masochistisch sind Frauen?

Erstens: ›Fifty Shades of Grey‹ ist kein Porno-Roman. Zweitens: Die Heldin ist nicht sub, denn sie verläßt ihren Herrn und Meister (was dann wohl in den zwei Fortsetzungsbänden vor sich gehen mag?). Drittens: Phantasie darf sein, da ist sie großzügig. Viertens: In der Realität gibt es so gut wie kein BDSM. Fünftens: wenn es ihn dann doch marginalst gibt, ist die heterosexuelle Variante männlicher Dom – weibliche Sub aufs schärfste zu verurteilen. Alle anderen Formen sind unbedenklich, da sie dem emanzipatorischen Fortschritt der FRAU nicht in die Speichen greifen.

16.07.2012

Die SM-Debatte & Spiegel TV

Die medienunerfahrene Alice im Fernsehland mußte die bittere Erfahrung machen, daß man aus ihrem differenzierten Statement lediglich einen Satz brachte:

In diesem Fall blieben von einem knapp halbstündigen Dreh – mit immer wieder denselben, zunehmend suggestiven Fragen – genau 20 Sekunden. Und darin ließ der Spiegel-TV-Reporter mich zwischen zwei Auspeitschungen Folgendes sagen:

Die Männer von heute seien irritiert und so mancher, der beruflich mit Frauen konkurriere, stelle sich das weibliche Geschlecht eben lieber auf allen vieren vor als im aufrechten Gang.

Das ist allerdings eine sehr zutreffende und juristisch unanfechtbare Beschneidung gewesen, die die Sache auf den Punkt bringt…

Nina Pauer, eine Frau von heute, sieht die Sache realistisch:

Dass sich heute, in einer Zeit, in der Frauen Männer in Ausbildung und Arbeitspensum abhängen und Familien ernähren, der Topos des ausgepeitschten Managers um den der ausgepeitschten Managerin erweitert, ist nur plausibel.

http://www.zeit.de/2012/29/Shades-of-grey

17.07.2012

Outing: Argumentieren statt Denunzieren!

Hier meint sie, ein Zwangs-Outing eines Politikers erkannt zu haben und findet das gar nicht gut, die Entschuldigung der taz-Chefredakteurin für den Anschlag dagegen umso besser, während sie zugleich einen dissentierenden Kollegen als homosexuell outet, der aber, anders als sie, kein Problem mit der Öffentlichmachung seiner sexuellen Orientierung hat. Ein Kabinettstückchen! Die Kunst des entstellenden Zitats mit anschließendem Bashing erreicht Alpengipfelhöhe!

26.07.2012

NEIN zur Intervention in Syrien

Lieber Auto- und Kleptokraten, Tyrannen und Gewaltherrscher (deren Opfer überwiegend Männer sind) als böse Islamisten, die nach jeder Volkserhebung in der islamischen Welt zwangsläufig an die Macht kommen und Frauen entrechten, selbst wenn die vorher auch schon nichts zu lachen hatten. Da steht sie seit zwanzig Jahren und kann nicht anders. So ist es nun mal, da beißt keine Maus einen Faden ab.

03.08.2012

Liebeserklärung an Marilyn

Marilyn war kein unglückliches sexy Dummchen, sondern eine belesene toughe Karrierefrau, die sich durchgesetzt hat. Und daher ist sie zurecht eine Feminismus-Ikone, neben der Simone de Beauvoir alt und grau aussieht.

Ein Blog, der einen das Fürchten lehrt. Aber gepflegt, das muß man Alice Schwarzer lassen, sieht er schon aus. Öfter mal was Neues – wenn auch im zerschlissenen alten Gewand.

Friede Springer & die Frauenquote

 

Die Witwe und Erbin Friede Springer hat der WELT AM SONNTAG ein längliches Interview gegeben, das am 29.4.2012 veröffentlicht wurde:

„Ich wollte es dem Herrn Kirch beweisen”

Am 2. Mai wäre der Verleger Axel Springer 100 Jahre alt geworden. Seine Frau Friede öffnet deshalb ihr privates Fotoalbum und spricht im Interview über ihre Ehe mit einem Visionär und dessen Erbe. Von Andrea Seibel

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Die Interviewerin gibt wohlwollende Stichworte und Frau Springer extemporiert wolkig, wie das nun mal ist, wenn eine Angestellte die Chefin befragt.

Das hier ist schon der Höhepunkt an Kritik, die sich Andrea Seibel leistet:

Welt am Sonntag: Ernst Cramer, der langjährige Weggefährte Ihres Mannes und auch Ihr Freund bis zu seinem Tod vor zwei Jahren, sagte 2008 versöhnend in einem Gespräch mit dem Schriftsteller Peter Schneider, Springer hätte in Rudi Dutschke zwar einen Zerstörer aller demokratischen Werte gesehen, aber den deutschen Patrioten in ihm verkannt. Damals war Ihr Mann hart in seiner Kritik. Würde er heute anders auf diese Zeit blicken, gemäßigter, wie Ernst Cramer oder auch Peter Boenisch, der sich später für manche Überschrift der “Bild” entschuldigte?

Friede Springer: Eines ist sicher: Er war ein sensibler, mitfühlender Mensch. Es fiel ihm nicht schwer, sich zu entschuldigen. Er konnte auch schnell verzeihen. Sicher täte ihm vieles leid. Einmal sagte er ja auch im Laufe eines Ben-Witter-Interviews, manchmal fiele er vor Schreck aus dem Bett, wenn er die Überschriften seiner Blätter läse. So war er. Er war sehr emotional.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Nun mußte das Interview vielleicht nicht ganz so harsch ausfallen wie jenes, das Gerhard Henschel am 5.9.2006 führte:

“Friede Springer ist pervers!”

Der Fall Natascha Kampusch. Interview mit dem Psychoanalytiker Erwin Sonderbrügge

taz: Herr Sonderbrügge, die nach achteinhalb Jahren Gefangenschaft der Gewalt ihres Entführers entkommene Natascha Kampusch hat sich in einem offenen Brief intime Fragen ausdrücklich verbeten und erklärt: “Die Intimität gehört mir alleine.” Nun haben das österreichische Magazin News und die deutsche Bild-Zeitung ausführlich Intimstes aus den unrechtmäßig angezapften Vernehmungsprotokollen zitiert, die die Öffentlichkeit einen Dreck angehen …

Erwin Sonderbrügge: Ich bin kein Jurist und kann mich nur auf mein Gerechtigkeitsempfinden berufen, wenn ich sage, dass die presserechtlich dafür Verantwortlichen hinter schwedische Gardinen gehören. Außerdem bedürfen sie einer intensiven Therapie. Es ist allerdings fraglich, inwieweit Menschen, die seit Jahren ihren Lebensunterhalt mit Schnüffeleien in fremden Betten bestreiten, therapierbar sind.

Bild hat die Leserschaft auch über die Existenz von DNA-Spuren der Geisel am Bettlaken des Entführers informiert.

Wer so etwas tut, ist pervers. Der finanzielle Vorteil, den die Sexualnachrichtenhehler aus ihrem Geschäft ziehen, sollte nicht den Blick darauf verstellen, dass ihnen als Triebtätern die Fähigkeit fehlt, moralisch und sozial verantwortlich zu handeln. Im Grunde sind diese Leute arme Schweine.

Besonders arm ist der Bild-Herausgeber Kai Diekmann ja nun nicht.

Das ist auch wieder wahr.

Die Verlegerin Friede Springer ist sogar Milliardärin und verdient sich in diesen Tagen noch dümmer und dämlicher mit dem Ausplärren der im Schlafzimmer des Entführers zusammengetragenen polizeilichen Ermittlungsergebnisse.

Und eben daraus spricht ja die bittere Geistesarmut dieser Person. Sie ist betriebsblind, sozial inkompetent, seelisch verroht und absolut unfähig, ihre Geldgier aus Rücksicht auf andere Menschen zu zügeln, und so lässt sie ihre Angestellten eben das Bettlaken eines Entführers auslutschen und Schindluder in Frau Kampuschs Intimsphäre treiben.

Wie würden Sie Friede Springer, Kai Diekmann und Mathias Döpfner, den Chef des Springerkonzerns, therapieren?

Pffffff … (Kratzt sich am Kopf und schweigt ratlos.)

[...]

http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2006/09/05/a0198

Aber eine kleine Nachfrage, wie es denn um ihren eigenen Seelenfrieden bestellt sei, wenn sie die Schlagzeilen ihrer Cash-Cow BILD lese, wäre doch wohl möglich gewesen, ohne eine Abmahnung zu kassieren? Und wie sie selbst zu den Haß-Parolen der BILD stehe, die das Klima der Jahre 67/68 vergiftete. Marek Dutschke hat es jedenfalls probiert:

Es ist für mich unerheblich, ob Josef Bachmann selbst die “Bild”-Zeitung gelesen oder die Parolen irgendwo aufgeschnappt hat, als er beschloss, meinen Vater zu erschießen. Die Parolen der Springer-Presse waren längst in die Mitte der Gesellschaft gedrungen.

Hat Axel Springer in der Studentenbewegung wirklich eine Bedrohung für Westdeutschland gesehen? Woher rührte das krasse Feindbild und die Hetzjagd durch seine Scharfmacher in der Redaktion? Fand er es unverschämt, dass vermeintlich privilegierte Studenten einen Machtanspruch formuliert hatten? Hatte der große Medienmogul Axel Cäsar Springer einen Minderwertigkeitskomplex, weil er selbst nicht studiert hatte? War er neidisch auf Jugend und Tatendrang der Studenten? Oder kalkulierte er trocken, je drastischer die Schlagzeile, desto größer die Auflage? Wie dem auch sei, er ist mitverantwortlich für das Attentat auf meinen Vater und für die weitere Eskalation der Gewalt.

Als ich im Jahr 2000 längere Zeit in Berlin lebte, wohnte ich bei Freunden zufällig genau in der Straße, in der Friede Springers Villa steht. Ich war Anfang Zwanzig und naiv. Ich schrieb einen formlosen Brief an sie und fragte, wieso ihr späterer Mann damals eine solch verantwortungslose und gefährliche Berichterstattung zugelassen hat. Warum musste alles so kommen, wie es gekommen ist?

Ich ging zu ihrem Haus und steckte den Brief einfach in den Kasten. Die Antwort folgte prompt. “Erstaunt, aber auch erfreut”, sandte Friede Springer mir (“dem lieben Herrn Dutschke”) “freundliche Grüße von Tür zu Tür”. Es sei eine “aufregende Zeit” gewesen damals. Ihr verstorbener Mann sei von allen Seiten angefeindet worden. Die “Ursachen der ganzen Entwicklung” könne man “im Archiv nachlesen”. Der Brief war freundlich und milde. Im wichtigsten Punkt blieb Friede Springer der alten Linie treu: “Schuld am Tod Ihres Vaters kann Axel Springer gar nicht gewesen sein”. Begründet hat sie das nicht. Es ist ein starkes Stück, Springer als Opfer darzustellen. Er, der reiche Meinungsmacher, ein Opfer der Studenten? An dieser Argumentation hat sich, soweit mir bekannt ist, bis heute nichts geändert. Es hat beim Springer-Verlag keine Aufarbeitung der Geschichte gegeben.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,829694,00.html

Nein, dieses Terrain ist zu gefährlich. Friede Springer arbeitet lieber weiter am kitschigen Verklärungswerk, das ihren charmanten Götter-Gatten der Zone der gemeinen Kritik entrückt. Sie trägt aber auch, was ihr eigenes Leben angeht, eine rosarote Brille. Und insoweit ist dieses Interview wirklich interessant.

Wie sieht sie ihr Leben ›als Frau‹, das in seiner Spannweite von Kindermädchen ohne Ausbildung über ausgehaltene Geliebte, fünfte Ehefrau eines dreißig Jahre älteren Wirtschaftsmagnaten, Aufsichtsrätin bis hin zur Erbin und machtbewußten Milliardärin genug Anlaß zur Reflektion bietet? Was hält sie vor diesem biographischen Hintergrund von der Frauenquote? Gibt es ihr zu denken, daß nahezu alle mächtigen Frauen in der Wirtschaft auf dieselbe Art und Weise zu Rang, Namen und Vermögen gekommen sind?

Mächtige Wirtschaftsfrauen

Von seiner Seite an die Spitze

Von Maria Marquart

Sie machten Karriere ohne Quote: Friede Springer und Liz Mohn stiegen vom Kindermädchen und der Telefonistin zu den mächtigsten Frauen der deutschen Wirtschaft auf. Jetzt rückt Ursula Piëch in den VW-Aufsichtsrat auf. Denn wenn es ums Erbe geht, vertrauen die Bosse ihren Frauen.

[...]

Eine Frauenquote lehnen viele Vorstandsbosse oft mit dem Verweis ab, es gebe zu wenig qualifizierte Bewerberinnen. Ursula Piëch gibt in der Kandidatur für den VW-Aufsichtsrat ihren Beruf mit “Kindergärtnerin und Horterzieherin mit zusätzlichem Prüfungsfach Wirtschaft und Recht” an – und VW-Chef Martin Winterkorn gibt sich von der künftigen Konzern-Kontrolleurin begeistert. Der Manager – und Untergebene von Ferdinand Piëch – nannte dessen Gattin eine “sehr kompetente und unternehmerisch denkende Frau”.

Protegiert vom mächtigen Ehemann haben Frauen offenbar gute Chancen, sich in der Wirtschaft zu etablieren. Piëchs Strategie haben andere Unternehmer bereits umgesetzt. Die Verleger Axel Springer und Reinhard Mohn, der Industriezulieferer Georg Schaeffler und der BMW-Großaktionär Herbert Quandt – sie alle zogen ihre Ehefrauen als Nachfolgerinnen heran. Die Lebenswege dieser Frauen weisen überraschende Parallelen auf.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,820887,00.html

Das ist zweifellos die für die Männer schmerzloseste Variante der Frauenquote: die Mehrheitsaktionäre installieren ihre entsprechend geführten Frauen und Töchter im Aufsichtsrat, und die setzen dort die Strategie der Ehemänner und Väter um.

Ist golddigging also tatsächlich eine Option für den weiblichen Lebensweg? Wie denkt Friede Springer über die elf Jahre, in denen sie von der Großzügigkeit eines Frauenhelden abhängig war? (Was ließen sich heute nicht für Strauss-Kahn’sche Titelstories über den Eroberer Axel Springer schreiben…)

Friede Springer: Wir haben uns so gut verstanden, nie gab er mir das Gefühl, nur eine Affäre zu sein. Klar, ich war schüchtern, still, zurückhaltend. Aber nie war ich nur Geliebte, ich lebte schließlich mit ihm in seinen vielen Häusern, ich gehörte dazu, ich wurde geachtet. Als Axel Springer 1978 dann zu mir sagte: “Ich kann dieses Fräulein Riewerts nicht mehr hören. Wir heiraten!”, kam das so überraschend, dass ich fast vom Stuhl fiel.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

So kann es nicht gewesen sein – ganz abgesehen davon, daß der Heiratsantrag im Dezember 1977 gemacht wurde… Ihre Biographin Inge Kloepfer zeichnet diese Periode ihres Lebens in aller Deutlichkeit:

Er verwöhnte sie, wann immer er sie besuchte. Er kaufte ihr sündhaft teure Schuhe, die er im Schaufenster entdeckte, vermied es aber, mit seiner Neuen das Geschäft zu betreten. “Das Paar gefällt mir. Geh schnell hinein und kauf es dir”, sagte er zu ihr, drückte ihr ein paar große Scheine in die Hand und wartete, bis sie im Handumdrehen mit einer Tüte wieder aus dem Laden kam.

Springer unterhielt sich mit ihr – meinte er zumindest, denn was er für Unterhaltung hielt, endete häufig in Monologen. Nur zu Freunden und Bekannten nahm er sie nicht mit. So blieb sie allein, wenn er nicht bei ihr war, eingesperrt in einem goldenen Käfig. Sie fühlte sich einsam und nicht wirklich glücklich. Deshalb vermied sie es, die Nachmittage in ihren vier Wänden zu verbringen und auf Springer zu warten. Sie rannte aus dem Haus, besuchte Ausstellungen und Museen, ging spazieren und floh vor ihren eigenen Gedanken. Sie lenkte sich ab, so gut es ging. Über sich selbst und ihre Situation wollte sie nicht grübeln. Auf keinen Fall. Ihrem Unwohlsein wollte sie sich nicht stellen. Dann hätte sie sich eingestehen müssen, daß sie sich aushalten ließ, das Leben einer Mätresse führte, deren Wohl und Wehe nur von ihrem Gönner abhing. Und das wiederum wollte sie nicht wahrhaben. Es konnte und durfte nicht sein.

http://www.welt.de/print-wams/article122803/Die-Frau-von-der-Insel-und-ihre-grosse-Liebe.html

Elf  Jahre, in denen die Hoffnung auf Prestigegewinn und Vorzeigbarkeit mittels Eheschließung bereits begraben worden ist; Jahre, die aus Warten auf den Mann, Ablenkungen, dem Horten von Schmuck und Pelzen, dem Aufschauen, dem Aufgehen in ihm bestehen, alles bei ungesichertem sozialen und rechtlichen Status und der Gefahr, vor dem Nichts zu stehen, wenn der Mann sie verläßt. Wie hätte sie sich selbst ernähren können, ohne Berufsausbildung und Erwerbsbiographie? Über den demütigenden Aspekt dieses fremdbestimmt-abhängigen Lebens eilt sie hinweg und reklamiert ›Augenhöhe‹:

Welt am Sonntag: Was liebte und schätzte Axel Springer besonders an Ihnen?

Friede Springer: Ich kümmerte mich hundert Prozent um ihn, das gefiel ihm. Ich war eine gute Zuhörerin und ich lernte dazu. Das Verlagsgeschäft habe ich am Frühstückstisch, am Mittagstisch und beim Abendessen mit aufgesogen. Im Urlaub lasen wir gemeinsam Bücher und unterhielten uns darüber. Das kannte er nicht, dass sich jemand derartig mit ihm auseinandersetzte und beschäftigte, intensiv und auf gleicher Augenhöhe.

[...]

Friede Springer: Er hatte zu jeder Phase seines Lebens die richtige Frau. Wie mich auch.

Welt am Sonntag: Sie, die so gut mit Kindern konnten, durften keine haben. Er wollte Ihre ganze Aufmerksamkeit. Haben Sie ihm das nicht nachgetragen?

Friede Springer: Das war ein großes Opfer für mich. Ich liebe Kinder. Aber ich wusste, dass das nicht gut gehen würde. Er wollte meine Aufmerksamkeit. Und er wusste, hätten wir ein Kind, würde ich es niemals an ein Kindermädchen abgeben. Dafür kannte er mich zu gut. Heute habe ich elf Patenkinder und ich genieße das sehr.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Tatsächlich beschreibt sie ein Programm der Unterwerfung. Einzig die Bedürfnisse des Mannes nach exklusiver mütterlicher Zuwendung zählen. Weiter weg von Emanzipation könnte ein solches Frauenleben nicht angesiedelt sein, und da hilft auch nicht die herbeibeschworene Illusion, als ein auf Augenhöhe agierender Partner angesehen zu werden.

Der Springer-Enkel Axel Sven Springer hat im SPIEGEL-Interview vom 16.4.2012 Folgendes zu dem Verhältnis des Paares gesagt:

Springer: Die Friede Springer von damals hat mit der Friede Springer von heute wenig zu tun. Damals war sie nicht sehr selbstbewusst.

SPIEGEL: Es war kein Verhältnis auf Augenhöhe?

Springer: Niemand hatte zu meinem Großvater ein Verhältnis auf Augenhöhe. Friede war für meinen Großvater da. Das hat sie auch wirklich sehr liebevoll gemacht.

SPIEGEL: Aber sie tat nur, was er wollte?

Springer: Egal, was passierte, egal, wonach er fragte – mein Großvater bekam fast immer von allen nur die Antwort: „Bereits veranlaßt, Herr Springer“. Das ist ein geflügeltes Wort in der Familie.

SPIEGEL 16/2012, S. 141

Umso erstaunlicher, wie sie sich nach seinem Tod entwickelt hat: zäh in der familiären Erbauseinandersetzung, die ihr 20 % mehr sicherte als im vorhandenen rechtsgültigen schriftlichen Testament Axel Springers vorgesehen war; erfolgreich in der Rückeroberung der Aktienmehrheit – natürlich durch Männer wie Bernhard Servatius, Aufsichtsratsvorsitzender, Familienfreund und Testamentsvollstrecker, entsprechend beraten. Sie selbst führt diesen auch von Tränen, Ängsten und Einsamkeit begleiteten Wesenswandel auf ein Lehrer-Schüler-Verhältnis zurück:

Welt am Sonntag: “Friede darf alles wissen”, sagte einst Ihr Mann zu Ernst Cramer. Sie haben viel von ihm gelernt.

Friede Springer: Einmal meinte ich, ich sei ein Produkt von ihm, das ist missverständlich, es klingt, als hätte ich keinen eigenen Willen. Heute sage ich: Er hat mich ausgebildet, ich bin dank ihm gewachsen.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Ich lasse diese Lebensdeutung so stehen, einfach schon deshalb, weil mir außer dem Phänomen der Seelenwanderung keine anderen plausiblen Erklärungen einfallen wollen. Friede Springer ist jedenfalls eine Frau, deren Leben die Extrema der Skala zwischen Abhängigkeit und Machtausübung, zwischen unkritisch-liebevollem Umsorgen und knallharter Geschäftstätigkeit berührt. Eigentlich müßte gerade sie Erhellendes zu Emanzipation und Frauenquote sagen können.

Und dann liest man das:

Welt am Sonntag: Sie sind emanzipiert, sind eine moderne Frau, die sich in einer Männerwelt bewährt hat, ein Vorbild. Sie haben gesagt, ich habe immer Herausforderungen gesucht, ich bin ein Mann.

Friede Springer: Nein, ich habe gesagt, ich wäre lieber ein Mann geworden. Männer haben es einfacher im Leben. Wäre ich heute 18, würde ich das natürlich nicht mehr so sagen. Heute steht jungen Frauen die Welt offen. Aber ich werde 70 in diesem Jahr und ich denke manchmal, als Mann wäre ich früher sicherlich weiter gekommen im Leben.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Erschütternd. Als Mann wäre sie leistungslos Milliardärin und Unternehmenslenkerin geworden? Als Sohnemann vielleicht… Da wagt sogar Andrea Seibel einen zaghaften Widerspruch:

Welt am Sonntag: Aber das sind Sie doch! Und außerdem hätten Sie Ihren Mann dann nicht gehabt.

Friede Springer: Das stimmt auch wieder.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Wie sie das nur vergessen konnte, die große Liebe… Gut, daß noch einmal nachgehakt wurde.

Zur Frauenquote sagt sie jedenfalls entschieden JEIN:

Welt am Sonntag: Heute sind Frauen so frei wie nie, Sie sagten es, und doch ist immer noch die Erfahrung vieler, dass sie es schwerer haben als Männer. Brauchen wir die Quote?

Friede Springer: Ich bin sicher oft eine Quotenfrau gewesen, in vielen Kreisen und Kuratorien, in die man mich berief, aber ich habe das nie als negativ empfunden. In dem Sinne bin ich nicht gegen die Quote. Vehement dafür bin ich aber auch nicht, weil ihr ein Hauch von Unfreiheit und Zwang anhaftet. Aber wir wollen schließlich weiterkommen! Vielleicht braucht es daher einfach diesen Schub.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Sie scheint nicht verstanden zu haben, was der Begriff ›Quotenfrau‹ bedeutet und welche Abwertung er vermittelt: nur wegen des Geschlechts und nicht wegen der Qualifikation befördert zu werden, muß jede Frau kränken, die tatsächlich qualifiziert ist. Friede Springer war nirgendwo Quotenfrau, sondern im Konzern als Anteilseignerin sozusagen ein ›geborener‹ Aufsichtsrat. Und in den diversen Kuratorien ist sie eine hochqualifizierte Repräsentantin von Macht, Geld und Einfluß – ihr Geschlecht ist unerheblich.

Dem ›Hauch von Unfreiheit und Zwang‹, ja, dem sieht sie als Unternehmerin freilich beklommen entgegen. Das würde ihr nicht gefallen, wenn sie im eigenen Machtbereich die bewährten Vertrauten austauschen müßte. Und das steht zu befürchten, daß irgendwann auch die Vorstandsebene dran glauben soll. Letztlich geht es um den geschäftlichen Erfolg, und die Ära der geschassten Manager mit ihren Millionenabfindungen bei Springer sollte nun wirklich abgeschlossen sein.

Und der ›Schub‹, ja nun, ich weiß nicht. Es wird immer Menschen, Frauen wie Männer, geben, deren Vorstellung von ›Weiterkommen‹ begrenzt ist. Kloepfer über die Bewerbung der 23-jährigen Friede als Kindermädchen bei, wie es sich später herausstellte, der Springer-Familie:

Ein Villenhaushalt in Hamburg – war das nicht das, was sie wollte? Dort sollte sie nicht Mädchen für alles sein, sondern ausschließlich das Kinderfräulein für einen niedlichen Jungen in einem herrlichen Haus, sicher bei wohlhabenden Leuten, die sie womöglich ebenso freundlich und offen aufnähmen wie die beiden anderen Familien, bei denen sie bisher gearbeitet hatte. Die Vorstellung, die diese Anzeige bei ihr weckte, gefiel ihr. Sie bewarb sich, formulierte ihr Anschreiben schlicht und verbindlich und schrieb auch ein wenig von sich selbst. Viel gab es ja nicht zu berichten über ihren Werdegang. Gerade einmal die Volksschule hatte sie absolviert und in zwei Haushalten mit Kindern Erfahrung gesammelt. Mit ihrer schwungvollen Schrift setzte sie ihren Namen unter den Text und die Adresse des Springer-Verlages in Hamburg auf den Briefumschlag.

http://www.welt.de/print-wams/article122803/Die-Frau-von-der-Insel-und-ihre-grosse-Liebe.html

Ob sie die 1958 begonnene Lehre im Hotelfach im Duus-Hotel in Wyk nicht nach wenigen Monaten abgebrochen hätte, wenn es seinerzeit schon Quotenfrauen in Aufsichtsräten von DAX-Konzernen gegeben hätte?

http://www.klixs.de/friede-springer/F/1136.html

Angesichts des Lebensziels ›Villenhaushalt‹ ist das zu bezweifeln. Sicher erscheint dagegen, daß Friede Springer nicht weiter mit Fragen zur Emanzipation und der Frauenquote behelligt werden sollte. Denn ihre Kern-Botschaft lautet recht eigentlich: Tu, felix femina, nube. Und nutze den jungen Witwenstand.

Das ist ganz und gar nicht emanzipiert. Und da die Frauen von heute ja alle so frei und selbstbewußt sind, hätte das uns vor Augen geführte Beziehungsmodell sowieso nicht den Hauch einer Chance…

Update:

Hier gibt es eine umfangreiche Darstellung über das gerichtliche Berufungsverfahren (2 U 35/04 OLG Hamburg), das Axel Sven Springer gegen Friede Springer wegen der Erbschaftsauseinandersetzung geführt hat:

http://www.manager-magazin.de/unternehmen/it/0,2828,517817,00.html

Friede Springer hat diesen Prozeß gewonnen:

http://justiz.hamburg.de/oberlandesgericht/aktuelles/1289468/pressemeldung-2008-01-22-olg-01.html

Mir ist bereits der mitgeteilte Sachverhalt unverständlich: wenn der anwaltlich nicht beratene 19-jährige Axel Sven Springer am 31.10.1985 in einem Erbvertrag auf die ihm gemäß gültigem Testament zustehenden 25% des Erbes verzichtet und er sich mit 5% beschieden hat, wie kann er dann am 17.12.1985 von seinem gar nicht existierenden 25% -Anteil 10% an Friede Springer abgetreten haben? Rätselhaftes Zivilrecht…

Der BGH wies am 15.7.2009 die Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision zurück.

http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&nr=48759&pos=0&anz=1

 

Frauen zwischen Schmerzensmännern, Frauenquote und Top-Model: Was will das Weib?

Die alte Freud’sche Frage bleibt unbeantwortet wie eh und je. Schlimmer noch: läßt man Revue passieren, was in den letzten Monaten zum Problem-Thema ›Frau‹ alles medial auf uns einprasselte, kann man nur zu dem Schluß kommen, daß die Frauen das selber nicht wissen. Oder daß jede etwas anderes will. Die meisten aber alles auf einmal. Eine Kakophonie.

Gefühlt fing es mit Nina Pauer und ihrem Essay in der ZEIT an:

Die Schmerzensmänner

Heute tragen die jungen Männer Bärte und spielen Gitarre. Sie sind lieb, melancholisch und sehr mit sich selbst beschäftigt. Für die Frauen wird das zum Problem.

http://www.zeit.de/2012/02/Maenner/komplettansicht

Da gibt es nun endlich den Neuen Mann, den frau immer wollte, und dann ist er zu unsexy geraten. Er ist ihr zu ähnlich. Da fehlt die Spannung. Ein Problemquatscher. Ein Waschlappen. Ein geschwätziger Nicht-Entscheider, der die Kunst des Aussendens und Lesens erotischer Signale nicht mehr versteht. Der nicht kapiert, daß er gleichzeitig Sensibelchen und ein richtiger Mann sein soll, der umwirbt, flirtet und in sexualibus die Intiative ergreift. Denn frau will gewollt werden.

Ein paar Sätze aus diesem Essay:

Denn auf die junge Frau wirkt die neue männliche Innerlichkeit, das subtile Nachhorchen in die tiefsten Windungen der Gefühlsregungen schrecklich kompliziert. Und auf die Dauer furchtbar unsexy.

Als Gefährte ist er vielleicht ein bisschen grüblerisch, aber man kann gut mit ihm reden. Er achtet auf sich, ist höflich, lieb, immer gepflegt und gewaschen, benutzt Parfums und Cremes, macht Diäten und hört wunderbar melancholische Mädchenmusik. Nur wenn der entscheidende move gefragt ist, er sich herüberbeugen und die junge Frau endlich küssen sollte, fängt sein Kopfkino an. Vielleicht möchte die junge Frau gar nicht geküsst werden? Vielleicht würde sie sonst selber den ersten Schritt tun?

Der junge Mann spricht nur nachts, betrunken, direkt zu ihr. Er sei verletzt worden in der Vergangenheit, er wolle seinerseits nicht verletzen, erklärt er mit ernstem Blick. Und schafft es danach schließlich doch noch, die junge Frau kurz zu küssen, nur um sich danach sofort für seine plumpe Hemmungslosigkeit zu entschuldigen. Die nächsten Treffen werden verkrampft. Spiegeln gleich stehen sich die Geschlechter gegenüber und hyperreflektieren ihre Beziehung zu Tode, bevor sie überhaupt angefangen hat. Die Körper haben keine Chance gegen ihre Köpfe, die junge Frau geht.

Auf die überfordernde Doppelbotschaft, in der Partnerschaft ebenbürtig, im Geschlechterspiel selbstbewusst zu sein, kann er nur mit noch mehr Reflektion antworten.

Die junge Frau indes schimpft vor ihren Freundinnen, die böse Waschlappen-Metapher fällt. Als der junge Mann bei ihr klingelt, ihr ein letztes Tape mit seiner Bardenmusik übergibt und sie hoffnungsvoll um eine neue Chance bittet, regt sich nichts als der Wunsch, ihn tröstend in den Arm zu nehmen, anstatt sich flammend an seine starke Brust zu werfen.

http://www.zeit.de/2012/02/Maenner/komplettansicht

Da wird die junge Frau also vorzeitig zur Mutter, und das auch noch mit dem falschen Objekt. Die Lage ist ernst. Was nun? Auch die urbane emanzipierte junge Frau von heute will sich schließlich noch begehrt fühlen. ›Selber schuld!‹ ruft ihr Jonathan Widder zu:

Wenn Pauers „junge Frau“ nun trotz aller Emanzipation einen Mann will, an dessen starke Brust sie sich flammend werfen kann, dann müsste sie zusammen mit ihren aufgeklärten Freundinnen mal darüber nachdenken, ob es wirklich vernünftig ist, dem Mann als solchem immer wieder Schuldgefühle einzureden, weil er angeblich mit seiner gewalttätigen Natur für das Böse in der Welt verantwortlich ist – was letztendlich ja  doch höchstens sein Rückgrat zerstört und zu einer geknickten Haltung führt.

Sie müsste noch einmal genau prüfen, wie sinnvoll die Strategie ist, die Vertreter des anderen Geschlechts in kurzsichtigen publizistischen Rundumschlägen niederzumachen, nur um sich anschließend über deren Niedergeschlagenheit zu empören.

http://www.jonathanwidder.de/index.php/easyblog/der-frust-der-frauen.html

Genauso ist es: jahrzehnte- wenn nicht gar jahrhundertelang wurde das männliche Geschlecht verteufelt, wie Christoph Kucklick (auf dessen Text ich irgendwann einmal näher eingehen muß, so wichtig und richtig ist er) hier eindrucksvoll nachweist:

http://www.zeit.de/2012/16/DOS-Maenner/komplettansicht

Nun ist es, das männliche Geschlecht, bis zur Unkenntlichkeit domestiziert, und das Ergebnis mißfällt. Mag die Kausalität zwischen Erziehungsprozeß und Endprodukt auch noch so scharfsinnig hergeleitet sein: konstruktiv ist diese Kritik der Erziehungsarbeit natürlich nicht.

Wie also ist der jungen Frau von heute zu helfen? Harald Martenstein rät zu einem Perspektivwechsel:

Die modernen Frauen wollen Typen, die hin und wieder, und zwar genau dann, wenn die modernen Frauen es wollen, auch mal ein bisschen macho sind.

Ich finde das unlogisch. Ein Typ, der auf Wunsch einer Frau den Macho gibt, verhält sich, weil er dem Befehl der Frau folgt, doch völlig antimacho und softie. Ein echter Macho zieht sein Ding durch und lässt sich nicht reinreden. Wenn ein echter Macho Lust dazu hat, mal selbstreflexiv zu sein, dann tut er das auch. Wenn es sein muss, dann reflektiert er die ganze Nacht. Wir lassen uns das Jammern nicht verbieten.

http://www.zeit.de/2012/08/Martenstein

Diese geistige Volte hilft frau natürlich nur begrenzt. Denn erstens will die moderne junge Frau von heute keinen klassischen Macho von gestern, und der Macho von heute, der sein Mann-Sein darin erschöpft, die Frau nicht zu wollen, ist ja nun vollkommen uninteressant. SIE will einen Mann, der auf dieselbe Art kompliziert ist wie sie selbst. Der zweite Lebenshilfe-Tip kommt von Christoph Scheuermann:

Die Verweigerung von Eindeutigkeit ist die Stunde des grauhaarigen Gentleman, der hier und da noch existiert. Ihm liegt plötzlich ein riesiges Reservoir enttäuschter junger Frauen zu Füßen, derer er sich annehmen kann. Auf lange Sicht ist der alternde Bohemien, nicht der Macho, der Profiteur der Schluffi-Krise. Für die jungen Männer ist das seltsam, aber im Grunde wenig ärgerlich, weil ohnehin genügend Frauen übrig bleiben.

Beide Gestalten, die Optimier-Frau und der Lieber-nicht-Mann, sind zugleich tragische wie komische Figuren der Gegenwart. Tragisch, weil sie sich mit ihrer Verbesserungssucht und Entscheidungsunlust so lange gegenseitig quälen, bis sie zusammenbrechen vor Erschöpfung. Komisch, weil sie trotzdem nicht voneinander lassen können.

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,809420-2,00.html

Nun mag der alternde Bohemien hier und da gottlob noch aufzutreiben sein, seltener auf dem Lande oder in der Kleinstadt, aber Berlin ist schon mal kein schlechter Turf. Allerdings: mehr als ein Mann für gewisse Stunden wird er nicht sein können, da er regelmäßig in festen Händen ist und den sicheren Hafen als Ablegestelle schätzt. Und die junge Frau in Nina Pauers Essay wünscht sich doch eine richtige BEZIEHUNG. Genau das ist ihr Fehler, bescheidet Alice Schwarzer barsch. Das ›Weibchen‹ muß an sich arbeiten, die neuen trantütigen Männer sind nämlich goldrichtig für ihr Gender-Programm hin zur spannungslosen Geschwisterlichkeit:

Pointiert tischte Schwarzer unter dem Titel «Emanzipierte Frauen und verunsicherte Männer – und nun?» ihre anekdotisch gespickten Thesen auf, die zwar nicht immer über alle Zweifel erhaben schienen, deren Kern aber manche angeblich verunsicherten Männer aufmuntern musste: «Lasst euch vom Ruf nach echten Männern nicht verwirren. Lasst euch nicht von Weibchen und Machos aufhalten, zu echten Menschen zu werden», sagte sie.

http://www.nzz.ch/nachrichten/zuerich/stadt_und_region/lieber_keine_echten_maenner_1.16127848.html

Männer sind nämlich keine Menschen, wie Kucklick nicht nur anhand dieser stereotyp-diskriminierenden Sentenz grandios herausgearbeitet hat. Praktisch bewandert, wie Alice Schwarzer in Sachen heterosexueller Sexualität nun einmal ist, also sozusagen päpstlich, hat sie aber auch noch einen Verhaltenstip auf Lager:

Sie scheint nicht zu begreifen, dass das Verhalten im Beruf einerseits sowie in Liebe und Familie andererseits unteilbar ist. Ich finde es sehr begrüssenswert, wenn Männer jetzt nicht immer nur die Helden spielen oder vielleicht auch mal Frauen sich trauen, als erste zu küssen.

http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Frauen-sollten-auch-mal-zuerst-kuessen/story/28937231

Selbst für eine gnadenlose Chefin (im Beruf) ist das aber nicht so easy, wie sich das anhört. Beruflich folgt die Unangreifbarkeit aus der Funktion. Privat begegnen sich Menschen, was Schwarzer womöglich vergessen hat. Männer haben es jahrhundertelang gelernt, sich Körbe einzufangen, ohne grundsätzlich an sich und ihrer Attraktivität zu zweifeln, ob sie vorhanden ist oder nicht. Jeder weiß auch, daß nichts schlimmer ist als der Zorn einer verschmähten Frau. Würden Männer sich also trauen, weibliche Avancen abzulehnen? Sie träumen ja nur davon, von einer Frau angemacht zu werden, die sie selbst auch wollen. Kriegen Männer es hin, so diplomatisch weibliche Kußversuche abzulehnen, daß die Rachearie ausbleibt? Eine verfahrene Kiste…

Ebenso wie die alte findet auch eine junge Feministin, Julia Seeliger, daß Pauers junge Frau einen Webfehler hat:

Ich musste erst lernen, dass das Private auch politisch ist. Dass Beziehungsglück auch eine Menge mit dem Geschlechterverhältnis zu tun hat. Und dass Sex und Gefühle eine Rolle spielen. Und dass an Reflexion und Gespräch darüber kein Weg vorbeigeht. Dass es einen sexuellen Konsens geben muss, den man vor dem Sex verhandelt, damit man beim Sex nicht mehr nachdenken muss.

[...]

Küssen ohne zu fragen ist uncool

Und das sollte er auch. Ein Mann kann gar nicht zu lange nachdenken, ob er eine Frau “einfach küssen” kann. Einfach küssen ohne vorher zu fragen ist reichlich uncool, egal, wer da wen küsst. Ob ein Mann eine Frau küsst, eine Frau eine Frau oder ein Mann einen Mann. Oder ein Transgender einen Intersexuellen. Mir ist es mal passiert, dass mich einer einfach versuchte zu küssen. Daraufhin habe ich “Nein” gesagt, mich schlafen gelegt und die Person danach nie wieder getroffen.

[...]

Anstatt ein reaktionäres Gesellschafts- und Männerbild zu vertreten, sollte Nina Pauer vielleicht einfach mal anders küssen. Vielleicht selbst mal fragen, ob man den Mann küssen darf?

http://faz-community.faz.net/blogs/allerseelen/archive/2012/01/07/richtig-kuessen-frau-pauer.aspx

Wie sie das macht, hat sie 09. Januar 2012, 10:43 ebenfalls verraten:

Zur Sache: da ich nicht “date”, muss ich auch nicht nach dem dritten Rotwein debile Fragen wie “Ich würde dich schon so lange so gern küssen. Darf ich jetzt vielleicht?” stellen. Ich bevorzuge Formulierungen wie “Hey, lass mal rausgehen, knutschen”. Solche Formulierungen habe ich schon mehrmals in meinem Leben verwendet, ich habe das aber nicht gezählt.

http://faz-community.faz.net/blogs/allerseelen/archive/2012/01/07/richtig-kuessen-frau-pauer.aspx

Aber da merkt man schon, daß sie der unromantische Typ ist, eher das Mädel zum Pferdestehlen, handfest und direkt. Von Begehren und herzklopfender Verliebtheit keine Spur, und mit Dates hat sie auch nichts am Hut. Das kann kein Role-Model für eine sich anbahnende Romanze in Prenzlauer Berg sein. Liebe ist ja ganz etwas anderes. Mit ihrer juristisch sauberen Verhandlungstechnik vor dem Sex liegt sie dafür voll auf der aus den USA zu uns herüberschwappenden ›Yes-means-Yes‹-Kampagne:

NEIN heißt NEIN oder Antisexismus muss Praxis werden: das Zustimmungskonzept.

23. Dezember 2008

in Allgemein

Zustimmung definiert das freiwillige und ausdrückliche Einverständnis aller Beteiligten zu einer spezifischen sexuellen Handlung. Ab wann genau eine sexuelle Handlung beginnt, wird sehr subjektiv wahrgenommen, daher: besser zuviel als gar nicht fragen. Eine Grenzüberschreitung kann durch eine flüchtige Berührung als solche erlebt werden, deswegen frag lieber auch bei einer Umarmung oder einem Kuss, ob das für die Person in Ordnung ist.

Übergriffiges Verhalten, Grenzverletzungen und sexualisierte Gewalt können Traumata bei den Betroffenen auslösen – deswegen ist es wichtig, bei jeder sexuellen Handlung mit der_dem Partner_in zu kommunizieren. Durch Reden erfährst du, wie weit dein Gegenüber gehen möchte und kannst potentiellen Grenzverletzungen vorbeugen.

Zustimmung bedeutet immer wieder und jedes einzelne Mal und für jede sexuelle Handlung zu fragen, also zum Beispiel, ob es einer Person angenehm ist, wenn ihr euch küsst, umarmt, streichelt, du ihr den Rücken kraulst…

http://defma.blogsport.de/2008/12/23/nein-heisst-nein-oder-antisexismus-muss-praxis-werden-das-zustimmungskonzept/

Das ist freilich der Tod der Erotik und das Ende aller Leidenschaft. Und was ist mit denen, die keine Liebhaber von dirty talk sind? Denen die Worte ausgehen, weil der Trieb übernimmt? Und mit denen, die sich lustvoll fallenlassen und nicht ahnen, was sie selbst in der nächsten Sekunde machen wollen oder empfinden könnten? Man merkt es schon, hier geht es um Kriminalisierung eines ›Gegners‹ und nicht um Lust. Bei den jungen Alpha-Feministinnen von ›Mädchenmannschaft‹ wird von einer Helga, von der sich Männer nachhaltig fernhalten sollten, Sexualität umstandslos mit Kriminalität konnotiert:

Ebenfalls völlig unerwähnt bleibt, dass in den vergangenen Jahren, über rechtliche Begriffe hinaus, neue Konzepte und Ideen zu Sexualität entwickelt wurden. Aus der alten Parole „Nein meint Nein“ ist „nur ein enthusiastisches Ja meint Ja“ geworden, bereits 2008 erschien Yes MYes von Jaclyn Friedman und Jessica Valenti. Das Zustimmungskonzept verschiebt den Fokus auf die Einvernehmnlichkeit des Sex – damit Grauzonen gar nicht erst entstehen.

Weg von derzeitigen Rechtsbegriffen geht auch das Konzept der Definitionsmacht. Danach gelten auch Taten als sexualisierte Gewalt, die vom Gesetz nicht erfasst werden, unerwünschte Zungenküsse etwa. Statt der komplexen Debatte um „Grau­zonen“ und Grenzüberschreitungen gerecht zu werden und sie voran­zu­treiben, bleibt der Artikel leider bei der Grenze „Nein“.

http://maedchenmannschaft.net/ueber-konsens-reden-aber-richtig/

Auweia. Da stehen die Beteiligten ja fast mit einem Fuß im Gefängnis, wenn sie sich aufeinander einlassen, aber ihre Definitionsmacht unterschiedlich einsetzen. Außerdem müssen sie wissen, was sie wollen, und zwar vorher. Und wehe, das ausdrückliche ›Ja‹ klingt nicht enthusiastisch genug und wurde mit einem ›Liebst du mich nicht mehr?‹ perfiderweise erzwungen. Und vorher trinken sollte man auch nichts mehr, denn nur bei klarem Kopf, einwandfrei nachgewiesener Geschäftsfähigkeit und nicht als Opfer erregender Verführungstechniken oder charmanter Manipulationen gilt ein weibliches Ja auch als solches. Enthemmung und Lust sind nämlich das neue biedermeierliche Tabu – sowas wird Frauen heute ideologischerseits abgesprochen.. Auffallend ist nämlich, daß es unausgesprochen immer die Frauen sind, die Grenzverletzungen monieren.

Solche Meldungen landen zwar nur in der Abteilung Kuriosa/Vermischtes:

Zu viel Sex – Mann ruft Polizei

München – Vor einer sexbegeisterten Bekannten ist ein Mann in München auf den Balkon geflüchtet und hat die Polizei um Hilfe gerufen. Der 43-Jährige hatte die vier Jahre ältere Frau laut Polizei in einer Kneipe kennengelernt und war mit in ihre Wohnung gegangen. Als der erschöpfte Mann nach mehreren Liebesakten gehen wollte, ließ ihn die Frau nicht aus der Wohnung. Er flüchtete auf den Balkon und wählte per Handy den Notruf. Die 47-Jährige erwartet nun ein Strafverfahren wegen Verdachts der sexuellen Nötigung und Freiheitsberaubung.

http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,827353-3,00.html

Aber sie bilden natürlich nur die Spitze eines Eisbergs. Welcher eigentlich müde, Sex ablehnende, Mann würde seine Partnerin moralisch fertigmachen oder gar anzeigen, nur weil sie ihn gegen seinen Willen und gegen sein Nein rein physisch muntermachte? Annabel Wahba, gegen deren Artikel ›Die Angst, Nein zu sagen‹ sich Helgas Unmut richtete, hat so ein männliches Alltagsexemplar aufgegabelt –  und dabei eine für Feministinnen (aber auch nur für die) erstaunliche Feststellung gemacht:

Aber die Männer sind nicht immer die Bösen. Johanna Koljonen, die schwedische Journalistin, hat mit ihrer Website auch große Überraschungen erlebt. Es haben sich nicht nur viele Frauen gemeldet, sondern auch Männer, die erzählten, wie sie sich zu Sex überreden ließen, den sich eigentlich nicht wollten. Ein homosexueller Mann war darunter. Auch ein Mann, der von einer Freundin erzählte, die ihn eines Nachts zum Sex drängte, obwohl sie wusste, dass er müde war. Er ließ sich darauf ein und wollte danach seine Ruhe. »Aber sie wollte mehr und hat nicht aufgehört, zu betteln und mich anzufassen«, schreibt er. Danach trennte er sich von ihr.

http://www.zeit.de/2012/14/Grauzone-Gewalt/komplettansicht

Wir haben es heutzutage bei Sex also mit einer Kampfzone zwischen den Geschlechtern zu tun – und mit Frauen, die sich nicht trauen, Nein zu sagen, um keine Spielverderberin zu sein. Oder die sich hinterher nicht gut fühlen, weil sie überflüssigen und/oder schlechten Sex hatten, den sie ›eigentlich‹ nicht wollten. Da hat das Es gegen das Ich gesiegt, ein völlig normaler Vorgang, der urplötzlich als Grauzone zwischen einvernehmlichen Sex und Vergewaltigung definiert wird. Die es selbstverständlich zu verkleinern gilt. Da waren wir Frauen schon mal weiter.

Gegen alle diese durchsichtigen feministischen Bemühungen, weibliche Triebe moralisch einzuhegen wie sonst nur die katholische Kirche (wie kann frau bloß einen One Night Stand haben oder einen Seitensprung aus purer Lust!) und den Mann als potentiellen Täter zu kriminalisieren, schreibt glücklicherweise Barbara Sichtermann an – und das war leider überfällig.

Was Frauen Sex bedeutet: Eine Befragung

Barbara Sichtermann

Sichtermann lässt ein mehrdeutiges Sittenbild entstehen, eine Sphäre weiblicher Sexualität, in der die gewohnte Moral nicht gilt. Weibliche Liebeslust findet in einer »Geheimwelt« statt, die manche Überraschungen für die Leserinnen und Leser bereit hält; denn Eros ist in der Liebespraxis der Frauen ein Vagabund, ein Wegelagerer – und ein König!

»Frauen lernen Heimlichkeit, Umwertung der gewohnten Werte (vor allem was Aufrichtigkeit betrifft), Unberechenbarkeit und Amoralität als Teil ihres Lebens und als Bedingung ihrer Lust anzuerkennen.«

Brandes & Apsel, Neuerscheinungen 2012

Das mußte wirklich mal gesagt werden…

Aber was soll man auch vom Stand der heutigen Emanzipation halten, wenn uns Marie Schmidt in der ZEIT eine junge Feministin namens Laurie Penny mit diesen Worten empfiehlt:

Schlachtfeld Frau

Es muss endlich ein Ende haben mit Heidi Klum und der Dressur des weiblichen Körpers. Die britische Feministin Laurie Penny plädiert für einen starken jungen Feminismus von heute.

  • Von Marie Schmidt
  • Datum 08.03.2012 – 06:37 Uhr

[...]

Penny beschreibt zum Beispiel ihre Erfahrung mit Essstörungen: »Nichts zu wollen scheint leicht erlernbar zu sein, und ebenso scheint es einfach zu sein, die Regeln bis in ihre letzte, tragische Konsequenz zu beherrschen und jede Nahrungsaufnahme zu verweigern, den Körper zu bestrafen und mit der künstlichen Vorpubertät, in der er durch das Hungern chemisch dauerhaft gehalten wird, die Libido abzutöten. Es ist leichter, ein Zeichen zu werden, als zu versuchen, etwas zu bezeichnen.«

Es ist einfacher, heißt das, sich dem Size-Zero-Sex-Appeal anzupassen, als auf der eigenen Körperlichkeit zu bestehen, deren Erotik möglicherweise erst durch echte Berührungen zwischen Menschen ausgehandelt werden müsste: »Junge Menschen, die mit dem Druck aufwachsen, in jedem Bereich ihres Lebens etwas zu leisten, finden sich in der Situation wieder, eine roboterhafte, kapitalistische Erotik nachzuäffen, die kaum etwas mit ihren eigenen legitimen Wünschen zu tun hat.«

[...]

»Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten«, fantasiert Penny, »und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen.«

http://www.zeit.de/2012/11/Feminismus-Schlachtfeld-Frau/seite-2

Gibt es wirklich so viele eßgestörte junge Frauen, die sich an Top-Models orientieren, als daß deren Therapie als feministisches Projekt durchginge? 95% aller jungen Mädchen wissen, daß sie für eine solche Karriere nicht in Betracht kommen, und dank Heidi Klums ›Germany’s Next Top Model‹-Sendung wissen sie auch, daß eine solche Karriere keineswegs erstrebenswert ist. Allein schon die Unterwerfung unter diese Domina Klum steht für die Härte des Business, stellvertretend für jegliches Angestelltenverhältnis in einer globalisierten kapitalistischen Welt. Mühelos lernen die Teenies vor der Glotze, daß man die Girls mit Kurven als zu sexy für die Haute Couture vor dem Finale aussortiert, und daß reale Jungs im Gegensatz zu den überwiegend schwulen männlichen Modemachern keine Hungerhaken mögen, müßten ihnen eigentlich ihre Real-Erfahrungen vermitteln. Falls nicht, sollten ihnen die Brustvergrößerungen der als sexy geltenden Stars zu denken geben. Aber wer die eigene Libido abtötet wie die bedauernswerte Laurie Penny, hat gewiß ganz andere und viel tieferliegende Probleme als die Wahl eines falschen weiblichen Körper-Vorbilds.

Marie Schmidt:

Nicht nur, dass sie die Arbeit am Selbst einfach einstellen könnten, es bestünde auch die Gefahr, dass sie einen echten Willen zur Macht entwickelten. Wie die Dinge liegen, scheinen Frauen keine Möglichkeit zu haben, sexy gefunden zu werden, weil sie Macht an sich nehmen, höchstens obwohl. Frauen, die Einfluss wollen, müssen deshalb ihre professionellen Ziele immerzu gegen ihren erotischen Wert »verrechnen«. Sie tun es, indem sie ihren Geschlechtskörper sublimieren, was die Bundeskanzlerin beispielhaft vorzeigt. Oder indem sie ihre erotischen Körper selber als Instrument ihrer Macht »nutzen«.

http://www.zeit.de/2012/11/Feminismus-Schlachtfeld-Frau/seite-2

Diesem Schwulst ist schwer zu folgen, aber ich versuche es mal: eine Frau, die sich schön findet, ohne ihren Körper optimieren zu müssen, wird eventuell machthungrig. (Hä?) Entweder ist sie wirklich schön und schläft sich nach oben, oder aber sie ist nicht wirklich sexy, dann schafft sie es anderswie nach oben, wird aber gezwungen, ihren Körper zu verstecken, obwohl der gar nicht sexy ist. Ups, da war ich wohl dem Beispiel Merkel aufgesessen. Ach nein, irgendwie wird es Frau Schmidt anders gemeint haben, ohne es ausdrücken zu können. Das wäre was, wenn ideologie-trunkene Journalisten sich mal der Logik verpflichtet fühlen müßten.

Glücklicherweise wird sich das von ihr vage skizzierte Problem bald erledigt haben, denn die Frauen drängen mit Macht zur Quote. Da ist es dann egal, ob frau dumm oder klug, fähig oder unfähig, hübsch oder häßlich oder erotisch oder unerotisch ist. Da muß nix mehr verrechnet und ausgehandelt werden, da muß man nur Frau sein, und zwar eine echte (Nachweis der Nicht-Transsexualität inclusive)! Und frau muß natürlich ein paar mächtige Männer kennen –: ohne Vitamin B hätten es die männlichen Vorstandskollegen ja auch nicht geschafft. Ganz abgesehen davon wäre es nicht schlecht, wenn mit der parteipolitischen Berufung in Behördenleitungen mal Schluß wäre – aber da darf man sich keinen Illusionen hingeben: Chefs wie Chefinnen sind immer unfähig, da waltet zuverlässig das Peter-Prinzip.

http://private.freepage.de/hame/peter.htm

Wie man einen solchen offen männer-diskriminierenden und in die Freiheit von Betrieben eingreifenden Paragraphen verfassungskonform formulieren könnte, hat noch nie jemand erklärt. Und wieso in Betrieben, für die Frauen sich nicht interesssieren, plötzlich 30 % des Vorstands weiblich sein soll, versteht sowieso keiner. Gottlob gibt es da noch Frau Kristina Schröder, die sich wie ein Mann dem drohenden Ungemach entgegenstellt:

Gleichberechtigung

Schröder knüpft ihre politische Zukunft an die Frauenquote

“Solange ich Ministerin bin, wird es keine starre Quote geben”: Kristina Schröder legt sich im Streit um eine gesetzliche Frauenquote schicksalhaft fest.

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2012-04/schroeder-quote-karriere

Recht so. Wenigstens eine, die nicht wackelt und sich traut, Unfug Unfug zu nennen. Wenn sie sich schon gezwungen sieht, den Unfug des Betreuungsgeldes für Kinder, die nicht in die Kita dürfen, zu finanzieren. (Bereits da wäre ich zurückgetreten.) Politiker sind leidensfähiger als der Normalmensch.. Aber selbst wenn der Sturm sie aus dem Amt blasen würde und die DAX-Firmen gezwungen wären, sich jede Menge Frühstücksdirektoren-Pöstchen für den Vorstand auszudenken: wir wissen ja, daß Frauen gar keine Karriere machen wollen und daher jegliche Rekrutierungsversuche obsolet wären:

Bascha Mika über Frauen im Beruf

Zu weich, zu feige, zu unterwürfig

09.02.2011, 12:09

Von Cathrin Kahlweit

Es gibt zu wenige Frauen in den Führungsetagen? Selber schuld, findet Bascha Mika. Frauen seien zu bequem und zu feige, um wirklich Karriere zu machen. Sie müssen aufhören, sich selbst zu betrügen, fordert die Feministin.

http://www.sueddeutsche.de/leben/bascha-mika-ueber-frauen-im-beruf-zu-weich-zu-feige-zu-unterwuerfig-1.1057495

Hier halte ich erschöpft inne, obwohl ich noch lange weitermachen könnte.

Keine dieser Frauen repräsentiert mich, keine ihrer Forderungen und Wünsche bedeuten mir etwas. Frauen sind so unterschiedlich, wie es Menschen nun mal sind.

Frauen scheint wirklich nur eins gemeinsam zu sein: das Nörgeln über die Männer.

Mely Kiyak:

Wäre es nicht sowieso viel interessanter, zu untersuchen, warum sich immer nur Frauen über Männer beklagen und nie umgekehrt? Bis auf einige wenige Komödianten, die sich sehr harmlos über Frauen und ihren angeblichen Hang zu übermäßigen Handtaschen- und Schuhkäufen amüsieren, gibt es das Genre »Kritik an Frauen« nicht. Und das, obwohl sich durch die beschriebenen Veränderungen auch das Leben der Frauen verändert hat. Wie finden das Männer?

http://www.zeit.de/2012/05/P-Maenner/komplettansicht

Der Frauen ›ewig Weh und Ach‹ hat schon der Großmeister Goethe thematisiert. Ob sein Mephisto-Rezept (hier schließt sich der Kreis) doch (noch) gültig ist?

Mephistopheles.

Besonders lernt die Weiber führen
Es ist ihr ewig Weh und Ach
So tausendfach
Aus einem Punkte zu kurieren,
Und wenn Ihr halbweg ehrbar tut,
Dann habt Ihr sie all unterm Hut.
Ein Titel muss sie erst vertraulich machen,
Dass Eure Kunst viel Künste übersteigt;
Zum Willkomm tappt Ihr dann nach allen Siebensachen,
Um die ein andrer viele Jahre streicht,
Versteht das Pülslein wohl zu drücken,
Und fasset sie mit feurig schlauen Blicken
Wohl um die schlanke Hüfte frei,
Zu sehn, wie fest geschnürt sie sei.

Schüler.
Das sieht schon besser aus! Man sieht doch, wo und wie.

Mephistopheles.
Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,
Und grün des Lebens goldner Baum.

Nina Pauers junger Frau würde ich übrigens raten, die Stammkneipe zu wechseln. Es gibt nämlich so viele unterschiedliche Männer wie es unterschiedliche Frauen gibt. Aber in gewissen Biotopen findet man eben nur Zeitgeist-Angepaßte.

Alice Schwarzer: Bloß keine Frauenquote für Bundespräsidenten!

Endlich hat sie sich erklärt. Denn das wollte man doch gerne von ihr wissen: wieso sie am 18.3.2012 Joachim Gauck wählt, einen Mann, einen Ex-Pfarrer (anti-religiös und anti-kirchlich wie Schwarzer nun mal ist), einen stockkonservativen Prediger der individuellen Verantwortung für die eigene Entwicklung, der sich noch nie zu abseitigen Themen wie Feminismus, Abtreibung oder gar zu strukturellen Benachteiligungen geäußert hat, einen Mann, der sich nach der Wende von Frau und Kindern losgesagt hat und seit elf Jahren mit der typischerweise zwanzig Jahre jüngeren Lebensgefährtin eine Fernbeziehung führt…

Ja, kaum zu glauben, aber so etwas ist für die spießige EMMA ein Thema (denn der rechte Status einer Frau ist dann doch der einer Ehefrau, und EMMA als wahre Nachfolgerin der katholischen Kirche weiß auch, daß jede Frau ihren Mann schleunigst zu entsorgen hat, wenn der ihr physisch untreu ist, wie Anne Sinclair autoritär vorgeschrieben wurde – ja, gestern bei Maischberger versuchte Schwarzer gar, ihren Wunsch nach Bestrafung von Freiern mit dem Schmerz der betrogenen Ehefrauen zu rechtfertigen – obwohl sie natürlich gleichzeitig vollsolidarisch auf Seiten der entwürdigten Prostituierten steht, die sie mit ihrer Forderung zugleich in eine gefährliche Illegalität zwingt – die Unordnung in solchen Köpfen ist nur noch Messies nachvollziehbar):

EMMA meint also vertraulich:

Was also ist mit der von CSU-Geis so energisch geforderten Trauung zwischen dem ehemaligen Pfarrer und der Journalistin? EMMA meint: Die beiden müssen natürlich nicht heiraten, schließlich geht es seit elf Jahren ja auch ohne Trauschein – aber sie könnten. Denn erstens entrechtet die Eheschließung dank des langen Kampfes engagierter JuristInnen in Deutschland die Frau nicht mehr – wie noch vor wenigen Jahren. Und zweitens würde es den Status der Frau an seiner Seite im Ausland erleichtern. Denn der deutsche Präsident wird oft in Ländern sein, in denen eine nicht verheiratete Lebensgefährtin leider immer noch als „Schande“ gilt und nur die Ehefrau auch protokollarisch respektiert wird.

Also, liebe Frau Schadt, lieber Herr Gauck: Unseren Segen haben Sie. Und wenn wir bei der Gelegenheit noch einen Wunsch äußern dürfen, liebe Frau Schadt: Wie wäre es, wenn Sie Ihren Namen behalten würden? Das wäre ein starkes Zeichen. Denn auch dieses Recht der Frauen, ihren Namen nicht zu verlieren, ist mühsam erkämpft worden.

EMMAonline, 22.2.2012

http://www.emma.de/ressorts/artikel/politik/first-lady/

Eine von Schwarzers glühendsten Jüngerinnen, deren kongeniale Kachelmann-Bashings im Zuge der angeratenen 90%igen Löschung des Kachelmann-Threads im EMMA-Forum wie auch der Dank von Claudia D. gerade für deren polemische Beitrage zum Opfer fiel,  hat sich auf diesen Artikel hin am 22.2.2012 im EMMA-Forum folgendermaßen über Gauck geäußert – da ahnte sie freilich noch nicht, daß ihre Meisterin Gauck wählen würde, und durfte also die übliche männliche Machtstrategie im feministischen Täter-Opfer-Schema der Beziehung zwischen Mann und Frau erwittern (für die Schizophrenie im fundamental-feministischen Denken bin ich nicht verantwortlich, ich zitiere bloß):

 Welch ein Irrtum. Welch ein unglaublicher, wahnwitziger Irrtum! Das Beuteschema eines Kerls sagt nichts, aber auch gar nichts aus über seinen Emanzipationswert. Ganze Bündel von Typen könnte ich Euch vor die Füße schmeißen, liebe Emmas, die die allerletzten Pfeifen sind, die hierzulande ihr Unwesen treiben und hinter den starken Frauen her sind wie hemmungslose Stalker. Ganz einfach, weil sie in der Hierarchie menschlicher Männchen unten angesiedelt sind und mit einem Alphaweibchen ihren Status aufmöbeln wollen. Und denken, mit der Trickkiste des Omegas die taffe Frau schon einlullen zu können. Und leider gelingt es ja auch meistens. Mann ziele nur ab auf den regen Gefühlsapparat von Mütterlichkeit und Herzensbildung.

Man erlebt es hier auch vom Moment an, als sich Gauck öffentlich an Merkels Seite schmiegelte.
Mir reichen schon zwei, drei Sätze vom Nominierten, um zu wissen, dass der es drauf hat, mit starken Frauen (und nicht nur denen) Kasperle zu spielen, indem er hinten reinkriecht wie ein Puppenspieler. Allein der Blick von unten auf die erpresste Frau Merkel sagt doch schon alles und nichts Gutes.

Sitzt er da an Merkels Seite und spielt den Überraschten (wie lachhaft kokett; als hätte er nicht wochenlang bereits gefiebert): „Ich bin verwirrt!“ (hatten wir das nicht mit Assauer schon durch, das Thema?) „Ich bin nicht gewaschen!“ „Ich kann jetzt nichts essen. Nichts sagen. Ich bin im Taxi überwältigt worden“. Welch ein Gefühlsmatsch, mir wird übel. Und noch übler, weil alle auf den Leim gehen und sich in der zuwiesenen Rolle des Barmherzigen so narzisstisch geschmeichelt fühlen.
Unglaublich eitel und selbstbezogen, schrieb Ines Pohl von der TAZ. Wenigstens die hat Grauselgauck nicht hineingezogen in seine gefühlsmißbräuchliche Manipulationsstrategien.

Der Typ hat meinen Segen jedenfalls nicht. Für nichts.

http://forum.emma.de/showthread.php?7448-Sollten-Gauck-und-Schadt-heiraten

Es gibt noch schlimmere Postings von ihr. Wer sich traut, möge in dem Thread nachlesen. Ethnologie ist doch was Feines. Was man da alles kennenlernt.

Umso gespannter durfte man Alice Schwarzers Rechtfertigungsversuch entgegenfiebern. Und wurde gnadenlos enttäuscht:

 12.03.2012

Warum ich in Berlin den Bundespräsidenten wähle

Am 18. März 2012 werde ich im Reichstag eine von 1.240 PolitikerInnen sowie einer Minderheit parteiloser BürgerInnen sein, die den Bundespräsidenten wählen. Eine Ehre, wenn in diesem Fall jedoch eigentlich nur ein symbolischer Akt. Denn der Ex-Pfarrer und Ex-Leiter der nach ihm benannten „Gauck-Behörde“ ist ein Allparteienkandidat. Es gibt also keine Alternative.

http://www.aliceschwarzer.de/publikationen/blog/?tx_t3blog_pi1[blogList][showUid]=92&tx_t3blog_pi1[blogList][year]=2012&tx_t3blog_pi1[blogList][month]=03&tx_t3blog_pi1[blogList][day]=12&cHash=51fc0cb64b

Das war’s schon zu Gauck. Sie wählt ihn, weil es keine Alternative gibt. Hauptsache ist die symbolische Ehre, ihn wählen zu dürfen. Nun, das ist nichts Neues. Zuerst kommt immer die eigene Person, die es mit Macht in die Öffentlichkeit drängt. Wie bei der BILD-Werbung von 2007, die sie nur deshalb machte, um Teil einer illustren Runde von Brandt bis Ghandi zu sein…

http://www.bildblog.de/2373/alice-schwarzer-nicht-zwangsprostituiert/

Es gibt keine Alternative zu Gauck? War da nicht noch jemand? Ahja:

 Bis auf die von der Linken präsentierte Kandidatin. Aber die ist zwar eine Frau, doch das allein genügt natürlich nicht.

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Endlich einmal Klartext: da gibt es eine zwar-aber-Frau, aber das Geschlecht allein kann nicht ausschlaggebend sein. Da frage ich mich doch, warum Schwarzer nach langjährigem berechtigten Widerstreben plötzlich die Frauenquote für Vorstände und Aufsichtsräte befürwortet: bei diesem undemokratischen Steuerungsinstrument zugunsten des Luxussegments der eigenen Klientel geht es doch auch nur ums Geschlecht und nicht um Eignung & Leistung?

Und das spricht ihrer Meinung nach gegen Beate Klarsfeld:

Beate Klarsfeld, 73, hat als Au-pair-Mädchen in Paris Serge Klarsfeld kennen- und liebengelernt, und sich von da an zusammen mit der vom Holocaust betroffenen jüdischen Familie der Jagd auf Nazis gewidmet. Sie ist also eine anständige Person, als Präsidentin von Deutschland jedoch denkbar ungeeignet. Schließlich lebt sie seit einem halben Jahrhundert in Frankreich. Und abgesehen von ihrem wackeren Kampf gegen die zum Glück langsam aussterbenden Alt-Nazis ist über ihre politischen Interessen hierzulande herzlich wenig bekannt.

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Das ist natürlich ein ganz falscher Lebensentwurf: hätte Frau Klarsfeld es doch bloß gemacht wie Schwarzer, deren Au-pair-Mädchenzeit in Paris genauso zeitlich begrenzt war wie die Liebe zu einem Mann, dann wäre sie jetzt noch eine echte ernstzunehmende Deutsche. Weil die Alt-Nazis aussterben, braucht man anständige Personen eh nicht mehr. Und den Blick auf die Neo-Nazis gar nicht mehr zu wagen. Aber halt, irgendwie tut Schwarzer es dann doch:

Gleichzeitig mit mir hat die CDU in Nordrhein-Westfalen Mevlüde Genc eingeladen, zur Wahl anzutreten. Wir erinnern uns: Frau Genc war eine der Überlebenden bei dem rassistischen Brandanschlag 1993 auf das Haus der Familie in Solingen. Zwei Töchter, zwei Enkel und eine Cousine von ihr starben in den Flammen. Mevlüde Genc, 69, ist trotzdem in Deutschland geblieben und hat zum 10. Jahrestag des Grauens 2003 eine anrührende Rede gehalten: Frei von Rache und getragen von der Bereitschaft zur Versöhnung. Diese Frau steht also für wahre Integration. In der Gesellschaft von Mevlüde Genc werde ich mich wohl fühlen in Berlin.

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Jetzt muß ich doch schlucken. Eine Frau, die Unbeschreibliches erlitten hat und dennoch versöhnungsbereit ist, steht für »wahre Integration«? Ist diese Art von vorbildlicher Integration nicht eventuell ein bißchen zu viel verlangt von unseren Migranten und deren Kindern? Und darf Frau Genc in Berlin bei der Bundesversammlung ihr gewohntes Kopftuch tragen, oder fühlt sich Alice Schwarzer in ihrer Gesellschaft dann gleich wesentlich weniger wohl, ist das Kopftuch für sie doch ein eindeutiges Bekenntnis zum Islamismus und zum Dschihad gegen die Ungläubigen? Man muß es wohl so sehen: Denkschwache Ideologen wie Schwarzer haben Probleme nicht nur mit der Realität, sondern vor allen Dingen mit der Humanität. Dies beiseite gesprochen. Denn verstehen wird Schwarzer diese Einwände sowieso nicht.

Jetzt aber zu Alice Schwarzers eigentlichen Gründen, die ihrer Meinung nach gegen Frau Klarsfeld sprechen:

Wahrscheinlich hat die Linke noch nicht einmal geahnt, dass Beate Klarsfeld selbstverständlich eine Anhängerin von Nicolas Sarkozy ist, dem konservativen Präsidenten, der für die Linke vermutlich des Teufels ist. Sie ist unter anderem für Sarko, weil dessen Familie ein durchaus ähnliches Schicksal erlitten hat wie die Familie Klarsfeld. Die Welt ist eben komplizierter als Frau/Mann, rechts/links, Gut/Böse.

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Nachdem Sarkozy, der unbeliebteste französische Präsident aller Zeiten, mit seinem Schulterschluß mit Merkel zurecht noch unbeliebter wurde, nun panikartig rechtsnationale Töne anschlägt, um Marine Le Pen Stimmen abzujagen, ist er ohnehin unwählbar geworden. Daß deutsche Zeitungen nicht über die Sarkozy-Affären (Karachi, Fadettes, Bettencourt, Ermittlungen gegen seinen Geheimdienstchef, die Gaddhafi-Wahlkampfkosten-Affäre u.a.) berichten, die gerade jetzt losbrechen, ist man ja schon von der deutschen Presse gewohnt. Da versteht wohl niemand Französisch mehr, selbst wenn sich Journalisten wie Gero von Randow (ZEIT) und Hans-Hagen Bremer (TAGESSPIEGEL) ungeniert  als Auslandskorrespondenten bezeichnen lassen.

Angesichts dieser Unübersichtlichkeit behält Schwarzer doch lieber ihr schlichtes Weltbild vom Mann als Täter und der Frau als Opfer bei und wählt den Mann Gauck. Dann bleibt alles hübsch übersichtlich in der Ordnung.

Aber ein Rechtfertigungsbedarf blieb:

Es gab in den Medien Stimmen, die es unpassend fanden, dass ich mich „von der CDU nach Berlin schicken“ lasse. Nun, ich muss sagen, jemand anders hat mir die Aufgabe der Wahlfrau in diesen vergangenen Jahrzehnten noch nie angeboten, weder die SPD, noch die FDP, und die Grünen schon gar nicht. Warum sollte ich also nicht auf Anregung der CDU hin das Staatsoberhaupt mitwählen? Schließlich setzt eine Partei mit den parteiunabhängigen BürgerInnen, die sie für würdig erachtet, den Bundespräsidenten zu wählen, Zeichen. Und das Zeichen, das man mit mir setzt, ist unmissverständlich: Frauen und Emanzipation.

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Genauso ist sie als Kachelmann-Vor-und Nachverurteilerin ausgerechnet bei der BILD gelandet: andere haben sie ja nicht gefragt, ob sie mal als Gerichtsreporterin & außergerichtliche Nebenklagepartei dilettieren wolle, und wer ihr persönlich eine Bühne und Quote beschert, setzt naturgemäß ein Zeichen für Emanzipation. Die Nackedeis in BILD, seit dem Weltfrauentag 2012 symbolträchtig von S.1 auf S.3 verbannt, störten allenfalls am Rande; so wie bei der CDU die hartnäckigen Abtreibungsgegner ein zu vernachlässigendes Phänomen darstellen:

Natürlich ging meine Nominierung CDU-intern nicht so ganz glatt durch. Das wäre ja auch beunruhigend. Der NRW-Generalsekretär Oliver Wittke betonte bei seinem Vorschlag, man wolle damit zwar mein „Lebenswerk würdigen“, aber keineswegs „jede Äußerung in der Vergangenheit gutheißen“. Einige Vorstandsmitglieder hatten ihrem Generalsekretär nämlich bereits im Vorlauf Zunder gemacht: Frau Schwarzer gelte doch als „glühende Abtreibungsbefürworterin“. Die aktive Lebensrechtlerin und Bundesvorsitzende der „Christdemokraten für das Leben“ (CDL), Mechthild Löhr, verstieg sich sogar zu der unerhörten Behauptung, ich hätte „zur Abtreibung aufgerufen, als wäre es ein Verdienst“.

Nun, meine Wahl als Wahlfrau erfolgte dann dennoch ohne Gegenstimmen. Die Kanzlerinnenpartei will im Jahr vor der Bundestagswahl schließlich ihr modernes Gesicht zeigen.

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Das soll man ihr dann doch nicht nachsagen, daß sie jetzt auf Parteilinie sei, nur weil die CDU ihr ›Lebenswerk‹, das Archiv des FrauenMediaTurms, in fragwürdiger Art und Weise subventioniert. Und schon folgen »klärende Anmerkungen zur Abtreibung«, auf die einzugehen den Rahmen eines Blog-Eintrags sprengen würde. Wenn die Wahlfrau Alice Schwarzer der CDU angeblich einen modernen Anstrich verpaßt (dabei repräsentiert sie einen Steinzeit-Feminismus, von dem sich Intellektuelle schon immer und jüngere Frauen schon seit langem abgewandt haben, wie die seit Jahren schwächelnde Auflage der EMMA belegt), dann machen es die anderen Parteien auch nicht besser:

Und die SPD und die Grünen? Auch sie machen Klientelpolitik mit ihren Repräsentanten. Die Grünen schicken den Regisseur Sönke Wortmann („Der bewegte Mann“). Und die Sozialdemokraten den Comedian Ingo Appelt. Hallo Fans, wir lieben euch.

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Und die CDU liebt nun mal die Schwarzer-Fans. Da steht sie in einer Reihe mit Wortmann und Appelt, auch wenn deren Fangemeinde weitaus größer ist. So einfach ist das. Zu dumm, daß Schwarzer nicht expressis verbis erklärt, warum sie eigentlich Gauck wählt, mit dem sie nichts verbindet. Wohl nur deshalb, weil sie es nicht vermocht hat, die Ehre abzulehnen, die ihr mit der Wahl zur Wahlfrau zuteil wurde. Zuzutrauen ist ihr diese Charakterschwäche allemal.

Was sonst könnte ihr Motiv sein?  Sie schafft es ja noch nicht einmal, in  dem geschützten Raum ihres Blogs auch nur ein ein einziges Argument pro Gauck abzuliefern.

Ihren Kolleginnen und Kollegen in der Bundesversammlung wird es nicht anders ergehen: sie wählen Gauck entweder deshalb,, weil sie der Eitelkeit unterliegen, ihn wählen zu dürfen, oder weil sie von der jeweiligen Partei, die ebenfalls keine Gründe für die Wahl von Gauck hat (außer dem Wirtschaftsflügel der FDP), dazu gezwungen wurden.

Von Alice Schwarzer hätte ich mir weniger an realpolitischer Anpassung erwünscht. Aber wenn es ums Ego geht…