Kristina Schröder sagt auch, was gesagt werden muß

und erntet dieselben Reflexe, die Günter Grass erfahren hat. Denn Feminismus-Kritik ist dasselbe verminte Gelände wie Israel-Kritik.

Scharfe Kritik in offenem Brief

Schröder-Gegner starten Internetkampagne

Von Annett Meiritz und Anna Reimann

 

Der Widerstand gegen die Politik von Familienministerin Kristina Schröder wächst: Ihre Gegner machen mobil, mehrere prominente Grünen-Politiker haben eine Kampagne im Netz gestartet. Die Ministerin steht wegen ihres Feminismus-Buchs und des umstrittenen Betreuungsgeldes in der Kritik.

[...]

Schröder hat schwere Tage und Wochen hinter sich: Der Streit um das Betreuungsgeld, das Schröder als zuständige Ministerin in ein Gesetz gießen muss, eskaliert in der eigenen Partei. Schröders Modell der flexiblen Frauenquote stößt auch bei Frauen in den eigenen Reihen auf Ablehnung.

Ihr Buch “Danke, emanzipiert sind wir selber!” wurde durchgehend vernichtend rezensiert. Als Schröder das Buch an diesem Dienstagabend in Berlin-Prenzlauer Berg vorstellte, kamen hämische Zwischenrufe aus dem Publikum. Ein Team der Satiresendung “Extra 3″ verhöhnte die Ministerin mit einem Lied, Moderator Tobias Schlegl überreichte Schröder für ihren Einsatz fürs Betreuungsgeld eine goldene Schürze.

Kritik hagelt es außerdem von der Opposition an der Rolle von Schröders Co-Autorin. SPD und Grüne verlangten Aufklärung: “Es ist nicht die Aufgabe von Mitarbeitern, ein privates Buch für die Ministerin zu schreiben.”

Auf SPIEGEL ONLINE hatten sich am Donnerstag Frauen aus ganz Deutschland gegen das Betreuungsgeld ausgesprochen – darunter prominente Unionsanhängerinnen. Auch SPIEGEL-ONLINE-Leser stimmten deutlich gegen die Prämie: Mehr als 7300 Leser stimmten über das Betreuungsgeld ab, knapp 85 Prozent der Vote-Teilnehmer sprachen sich gegen den Zuschuss aus.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,828620,00.html

Und schon läuft die nächste Pressekampagne, angeschoben von den getroffenen Mainstream-Feministinnen in Medien und Politik, die zurecht aufheulen, wenn jemand die Entideologisierung der Geschlechterrollen fordert. Es ist mal wieder eine Scheindiskussion, die mit den realen Frauen nicht geführt werden könnte, denn die haben andere Sorgen. Und wie üblich kommt es zu einer Personalisierung, die an Unsachlichkeit nicht zu überbieten ist, wie ein Blick auf den Blog ›Mädchenmannschaft‹ belegt.

Kotztüte Kristina Schröder hat ein Buch geschrieben, wie wir leider zur Kenntnis nehmen mussten. Recht und Geschlecht hat es gelesen, rezensiert und Pressestimmen eingefangen.

Antje Schrupp dagegen will Schröders Buch nicht lesen. Nicht, weil sie alles schlecht findet, was die Ministerin tut oder nicht tut, sondern weil Schröder in “Danke, emanzipiert sind wir selber!” sämtliche platten Argumente des Antifeminismus’ bedient.

Was Schröder so alles nicht tut, listet dann noch einmal Karnele in einem sehr wütenden Beitrag auf.

StopTalk kritisiert den Brief gegen Schröder, weil die nationalistischen und rassistischen Ideologien der Ministerin bei der Kritik unter den Tisch gefallen sind.

http://maedchenmannschaft.net/kotztueten-und-andere-ekelfaelle-die-blogschau/

http://nichtmeineministerin.de/

Zur Sache:

1.

Kristina Schröder wird vorgeworfen, sich für das Betreuungsgeld einzusetzen.

Das war nicht ihre Idee, sondern die der CSU, die es der CDU abtrotzte. Schröder hat insoweit nur die Wahl, zurückzutreten oder den entsprechenden Gesetzentwurf mit zusammengebissenen Zähnen vorzubereiten. Wählt sie die erste Option, erhält eine stramme Parteisoldatin ihren Job.

2.

Kristina Schröder wird vorgeworfen, den Kita-Ausbau nicht voranzutreiben.

Der Kita-Ausbau ist Sache der Kommunen.

3.

Kristina Schröder wird vorgeworfen, zu wenig für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu tun.

Diese Forderung muß zuständigkeitshalber an Frau von der Leyen adressiert werden.

4.

Kristina Schröder wird vorgeworfen, gegen die Frauenquote in Aufsichtsräten von DAX-Unternehmen zu sein.

Man kann auch aus feministischen Gründen gegen Quotenfrauen sein:

http://www.emma.de/hefte/ausgaben-2011/winter-2011/warnung-vor-der-quote/

Letztlich ist es ohnehin nur Symbolpolitik für ein paar happy few, die bei einigen Sitzungen im Jahr das abnicken, was die entscheidenden Aufsichtsratsausschüsse und der Vorsitzende ihnen präsentieren, wofür sie fürstlich entlohnt werden.

5.

Kristina Schröder wird vorgeworfen, nichts gegen den Gender Pay Gap in Höhe von 23 % zu unternehmen.

Sorry, selbst wenn es ihn gäbe, wäre sie dafür ebensowenig zuständig. Das statistische Bundesamt konnte überdies nur eine Einkommenslücke von 8% entdecken, für die es noch keine Erklärung gibt. Aber Mythen leben eben lange…

Existiert in der Wirtschaft oder im öffentlichen Dienst auch nur ein einziger Tarifvertrag, in dem zwischen männlichen und weiblichen Arbeitnehmern/Angestellten differenziert wird? Haben wir nicht ein Antidiskriminierungsgesetz, nach dem auf gleiche Bezahlung geklagt werden kann? Gibt es nicht auch den Niedriglohnsektor für Männer (Wachschutz, Gebäudereiniger)? Werden Frauen gezwungen, in Branchen zu arbeiten, in denen weniger verdient wird als in anderen?

Zwischen der sozialen und der Geschlechterfrage muß getrennt werden. Denn das abgehängte Drittel unserer Gesellschaft besteht aus Frauen, Männern und Kindern. Familien, Ledigen und Alten. Immigranten und Deutschen.

Die alle sind der Ministerin zutiefst dankbar, daß sie sich gegen eine Ideologie wendet, die in Wahrheit eine Gruppe bevorteilen und die andere diskriminieren will, ohne die realen Gegebenheiten in den Blick zu nehmen. Und Rechtsstaat ist schon gar nicht deren Ding. In Österreich lassen sich die Auswüchse dieses Wahns gerade besichtigen:

Medizin-Studium: Frauen-Bevorzugung rechtswidrig

Weil Frauen beim EMS-Eignungstest für das Medizin-Studium schlechter abgeschnitten haben als Männer, sollen sie beim nächsten Test bevorzugt werden. Laut einem Gutachten im Auftrag der Hochschülerschaft ist das jedoch rechtwidrig, berichtet „Die Presse online“.

Der Testwert, der über die Zulassung entscheidet, soll am 6. Juli erstmals nach Geschlechtern getrennt ausgewertet und die Ergebnisse der Frauen um einen „Ausgleichsfaktor“ erhöht werden. Diese Art der Auswertung könnte zur Folge haben, dass eine Frau etwas schlechter abschneidet, aber dank „Ausgleichsfaktor“ gleich gut wie ein besserer Mann gereiht wird. An der Medizin-Uni Wien waren zuletzt 56 Prozent der Bewerber Frauen; unter den Zugelassenen waren sie jedoch nur noch zu 43 Prozent vertreten.

Gutachter: „Umgekehrte Diskriminierung“

Laut dem Gutachten des Juristen Joseph Marko von der Universität Graz ist der geplante „Ausgleichsfaktor“ jedoch nicht zulässig. Marko sieht in der genderspezifischen Auswertung „zwar das verfassungs- wie europarechtlich legitime Ziel des Ausgleichs einer objektiven Benachteiligung verfolgt“, jedoch im Sinne des Prüfungsmaßstabes der Bundesverfassung sowie der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) eine „umgekehrte und indirekte Diskriminierung“.

http://wien.orf.at/news/stories/2529840/

(Danke, Nina, für den Tip!)

Ich halte es lieber mit Adam Soboczynski:

Lasst mich mit eurem Geschlecht in Ruhe!

Warum uns das Gerede von weiblicher und männlicher Befindlichkeit verdummt.

Jeder Humanbiologe kann einem schlüssig darlegen, dass es zwar körperliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, die auch ihr Alltagsverhalten beeinflussen, dass aber die charakterlichen Unterschiede zwischen einzelnen Individuen, wenn man vom Geschlecht absieht, noch immer weitaus größer sein können als die zwischen Mann und Frau. Den weinerlichen Mann gibt es heute im Alltag genauso wie die nicht nur im Berufsleben über Leichen gehende weibliche Führungskraft, den verzärtelten Bartträger in Berlin-Mitte genauso wie die kommunikationsgestörte, empathielose Mutter.

[...]

Die Beschwörung des Geschlechts lenkt nur vom Unbehagen an den Produktionsverhältnissen ab. Das Selbstverwirklichte ist heute das Unfreie. Wer das Geschlecht mit einem trügerischen Freiheitsversprechen befrachtet, spricht doch nur wie ein Unternehmensberater: Er setzt auf Männer und Frauen, die über Kommunikations-, Kooperations- und Empathiefähigkeit verfügen, den Schmierstoffen des allerneuesten Kapitalismus. Wer von Frauen spricht, spricht in Wahrheit von keinem Geschlecht, sondern vom neuen Menschen. Der aber ist ein Angestellter, der von einer Bürokarriere träumt, nicht von Emanzipation.

http://www.zeit.de/2012/12/Identitaetsdebatte-Geschlechterrollen/komplettansicht

Update (mit Dank an Oliver Thomas):

Kristina Schröder

“Mutter, Karriere, Geliebte. Das erschlägt Frauen”

Familienministerin Kristina Schröder legt sich mit Feministinnen und Konservativen an: Dafür erntet sie giftige Kritik. Doch der Gegenwind schreckt sie nicht. Im Gegenteil. Von Ulf Poschardt

[...]

Welt Online: Die Kritik war zum Teil sehr persönlich und giftig.

Schröder: Das belegt die These des Buches. Über die Lebensentwürfe von Frauen tobt eine wahnsinnig heftige Debatte – wie man bei der Buchvorstellung am Dienstagabend im Prenzlauer Berg sehen konnte. Die Medienberichte über den Abend waren aber übertrieben.

Richtig ist, ein Teil der Besucher in dem Saal war auf Krawall gebürstet – aber das waren bekannte Aktivisten. Bei denen konnte ich nicht mit Beifall rechnen.

[...]

Welt Online: Eigentlich machen Sie etwas theoretisch Linkes. Sie dekonstruieren Normen und Mythen, aber gerade die Linke hasst Sie besonders.

Schröder: Auch da gibt es Leute, die kritisch, aber konstruktiv diskutieren. Angegriffen werde ich von den Ideologen.

[...]

Welt Online: Die Opposition wirft Ihnen vor, eine Mitarbeiterin Ihres Ministeriums als Co-Autorin missbraucht zu haben. Ist das so?

Schröder: Nein, natürlich nicht. Meine Co-Autorin Caroline Waldeck war auch ziemlich entsetzt, dass Frau Künast ernsthaft so tut, als müsste man einer erwachsenen Frau verbieten, in ihrem Urlaub an einem Buch mitzuschreiben. So weit kommt es noch.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article106207522/Mutter-Karriere-Geliebte-Das-erschlaegt-Frauen.html?wtmc=google.editorspick?wtmc=google.editorspick

Mariam Lau hat in der ZEIT vom 19.4.2012, S. 5, Folgendes zu der turbulenten Buchvorstellung geschrieben:

 In der Backfabrik-Lounge übereichen ihr ein paar Witzbolde von Extra 3 eine goldene Schürze, ein Frauenchor singt ein Dankeslied dafür, dass man zurückdarf an den Herd, und eine Studentin ruft empört: »Ist Ihnen nicht klar, wie viele Mädchen da draußen rumlaufen, die nicht wissen, wo ihre Klitoris ist?«

Wenn Alice Schwarzer das wüßte, die sie doch für Deutschland erfunden haben will…

Mariam Lau:

Offenbar nicht. Unbekümmert, etwas spröde, aber hartnäckig beharrt die Familienministerin (eine Frauenministerin möchte sie eigentlich gar nicht sein) auf ihrer These, dass der Feminismus die Frauen gern als Opfer sieht und bevormundet, bis hinein in die Auswahl des richtigen Schuhwerks und der verträglichen Sexualpraktiken. Täte er das nicht, wer bräuchte dann noch eine Frauenbewegung? »Feminismus ist die Antwort«, hat die von Schröder viel zitierte Autorin Katharina Rutschky einmal geschrieben, »aber was war nochmal die Frage?«

Ach, die großartige Katharina Rutschky! Aus dem Nachruf von Harry Nutt:

Das wichtigste Medium ihres intellektuellen Ausdrucks war der Streit. Im Kampf um das richtige Argument konnte Katharina Rutschky schnell in Rage geraten. Unterschwellig Gesagtes spürte sie unerbittlich auf, Ungenauigkeiten duldete sie nicht. Dabei war sie alles andere als streitsüchtig. Sie wusste ihre scharfe Zunge stets mit damenhafter Eleganz einzusetzen.

Zu einer besonderen Probe ihrer aufgeklärten Empfindsamkeit geriet Anfang der 90er Jahre die Debatte um sexuellen Missbrauch, in der Katharina Rutschky schonungslos die Ambivalenzen des Missbrauchsbegriffs aufdeckte und vor dessen Missbrauch warnte. Die Angst vor dem Missbrauch, so Rutschkys Kernthese, grassiere wie ein ideologischer Virus, der zur Diskreditierung alles Sexuellen führe.

Für ihr Engagement gegen eine Instrumentalisierung des Missbrauchsbegriffs wurde Rutschky in öffentlichen Diskussionen körperlich attackiert und in feministischen Kreisen zur Persona non grata erklärt. Als Feministin der ersten Stunde der 68er Bewegung wurde sie später zur strengen Kritikerin eines feministischen Fundamentalismus, den sie als spießig und lustfeindlich kritisierte.

http://www.fr-online.de/kultur/nachruf-katharina-rutschky-die-aufklaererin,1472786,3150092.html

Genauso ist es gekommen.

In der Dunkelkammer der selbstgerechten Empörung habe ich dann doch noch ein aufgeklärtes freiheitliches Funkelstück entdeckt, das zu lesen sich lohnt (und das nicht nur wegen der Schwarzer-Sottise zu Beginn… Bei Geld hört die Feindschaft bekanntlich auf):

Birgit Kelle in THE EUROPEAN:

21.04.2012

Kristina im Gouvernantenstadl

Der flächendeckende Beißreflex des versammelten weiblichen Feuilletons beweist alleine schon: Familienministerin Kristina Schröder hat mitten ins feministische Herz getroffen.

[...]

Ich komm vor Lachen gar nicht mehr in den Schlaf ob des raffinierten Schachzuges von Kristina Schröder, sich erst vor wenigen Wochen überraschend und ungefragt mit versprochenen Subventionen in das Herz von Alice Schwarzer einzukaufen, um jetzt mit ihrem neuen Buch deren Feminismusdefinition eine volle Breitseite zu verpassen. Dabei hatten die Damen Schröder und Schwarzer sich doch erst kürzlich gegenseitig und öffentlich wärmende Worte zugeflötet. Von wegen Zickenkrieg. Vergessen war der Unfähigkeitsvorwurf von Alice an die junge Ministerin. Man darf gespannt sein, wie die Grande Dame der Emanzipation nun reagieren wird. Noch sind die Gelder zur Rettung ihres FrauenMedia Turmes in Köln nicht geflossen, sie muss sie artig, bürokratisch und vorschriftsmäßig beantragen und erstmal genehmigen lassen. Was also tun? In den aktuellen Shitstorm einsteigen und Klein-Kristina abwatschen, oder auf die Zunge beißen und haareraufend erst die Überweisung aus dem Ministerium abwarten?

http://theeuropean.de/birgit-kelle/10803-shitstorm-ueber-dem-familienministerium