Jenseits von Gut und Böse: Bettina Wulff, die Medien und das Internet


Betrachtet man das mediale Getöse rund um Bettina Wulffs Bekenntnis-Buch ›Jenseits des Protokolls‹ mit einigem Abstand, erblickt man rundum nur Versehrte:

Bettina Wulff hat ihr erklärtes Ziel, ihrem medialen Fremdbild aus Klischees und üblen Verleumdungen ihr Selbstbild korrigierend entgegenzuhalten, verfehlt.

PR als Mittel der Beeinflussung der öffentlichen Meinung hat angesichts des Zustands einer Presselandschaft, die sich mehr und mehr den Internet-Shitstorms anonymer Pöbler annähert, die man aus Foren, Facebook-Plattformen und obskuren verschwörungstheoretischen Internetseiten kennt, ausgedient.

Amazon stellt die Funktion der Leser-Rezension ausgewiesenen Nicht-Lesern zur Verfügung, die tausendfach den erbärmlichen Zustand ihres außer Kontrolle geratenen Seelenhaushalts zur Schau stellen.

Google steht als Manipulateur da, der im gewerblichen Eigeninteresse und auf staatlichen oder Lobbyisten-Druck reagiert, nicht aber, wenn es um Persönlichkeitsrechtsverletzungen von Individuen geht.

Günter Jauch verteidigt eigene journalistische Fahrlässigkeiten und knickt erst ein, nachdem die Klageerhebung und seine vorangegangene Weigerung, eine Unterlassungserklärung zu unterzeichnen, publik geworden sind. Soviel ersichtliche Hartleibigkeit schadet schließlich dem Image.

Vielleicht schafft es wenigstens der Riva-Verlag, die 100.000 Exemplare der Erstauflage abzusetzen, was allerdings fraglich erscheint, seitdem ein Anonymus am 15.9.2012 das Buch zum kostenlosen Download unter der perfiden Vortäuschung, Bettina Wulff sei die Initiatorin, ins Netz gestellt hat – mittlerweile haben bereits über 1.000 Facebook-User auf den ›Gefällt mir‹-Button dieser illegalen Site gedrückt.

Wer redet eigentlich über Politiker, die die Verbreitung ehrverletzender Gerüchte für ein Mittel der Auseinandersetzung im Konkurrenzkampf halten? Wer über die Auswirkungen einer beispiellosen medialen Negativ-Kampagne, wie im Fall Christian Wulff unter Führung der BILD geschehen, die sich nicht erst aus heutiger Sicht als substanzlos erwiesen hat? Was bedeutet solch ein hämisches Niederschreiben für die Familie des Betroffenen, für das Amt selbst, für die Entfesselung eines ›Volkszorns‹, der kein Maß und Ziel mehr kennt? Müßte nicht einmal grundsätzlich über das Frauenbild geredet werden, das dem Verständnis des Bundespräsidialamtes von der Rolle einer First Lady zugrundeliegt? Über Arbeitsleben in Wirtschaft und Politik, das sowohl in der zeitlichen als auch in der Intensität der medialen Beobachtung jegliches Privatleben vernichtet? Über Anonymität im Internet, über die Macht privater Firmen, die geschäftstüchtig und nach Gutdünken über unsere Daten verfügen?

Alle diese Fragen stößt das Buch von Bettina Wulff an, auf ihre eigene persönliche Art. Die mag man kritisch sehen, aber die Fragen selbst bleiben drängend und verlieren nichts von ihrer grundsätzlichen Natur. Die Chance, sich mit ihnen ernsthaft zu beschäftigen, hat der allseits herrschende Furor ausgeschlagen. Der Wunsch nach Auflagesteigerung & Deutungshoheit, das Bedürfnis nach Frustabbau & Häme haben gesiegt.

Dabei hätte alles ganz anders kommen können. Es fing ja gut an: Hans Leyendecker hatte Aktenmaterial zu den diversen, seit Februar 2012 von Bettina Wulff gegen Verleumder geführten, Verfahren erhalten und legte (zusammen mit Ralf Wiegand) los. Zunächst mit einem kurzen zusammenfassenden Artikel von Freitag, dem 7.9.2012 in der SÜDDEUTSCHEN, der als Teaser für einen S.3-Artikel in der Print-Ausgabe von Samstag/Sonntag dienen sollte:

Klage gegen Google und Jauch

Bettina Wulff wehrt sich gegen Verleumdungen

07.09.2012, 21:53

Von Hans Leyendecker und Ralf Wiegand

Es geht um das Gerücht, sie habe im Rotlichtmilieu gearbeitet: Bettina Wulff, Frau des Ex-Bundespräsidenten, verklagt Google und Günther Jauch. Nach SZ-Recherchen haben CDU-Kreise in Hannover seit 2006 Gerüchte gestreut. Die Denunziation sollte offenbar vor allem Christian Wulff treffen.

Geschichte einer Verleumdung: Die ausführliche Seite-Drei-Reportage von Hans Leyendecker und Ralf Wiegand zur Causa Bettina Wulff  lesen Sie in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung – oder auf dem iPad.

http://www.sueddeutsche.de/politik/klage-gegen-google-und-jauch-bettina-wulff-wehrt-sich-gegen-verleumdungen-1.1462439

Leider ist Leyendecker nun mal kein Enthüllungsjournalist, und seine investigativen Tätigkeiten beschränken sich in der Regel darauf, ihm zur Verfügung gestelltes Material im Sinne der Lieferanten aufzubereiten. Und so war der große Artikel in der Wochenendausgabe vom 8./9.9.2012 auf S. 3 eine ebenso große wie erwartbare Enttäuschung:

»Notruf

In der CDU Niedersachsens gibt es ein Gerücht, das Internet bläst es auf: Arbeitete Bettina Wulff im Rotlichtmilieu? Seit Jahren geht das so. Nun wehrt sich die Frau des ehemaligen Bundespräsidenten. Die Geschichte einer Verleumdung.«

So richtig investigativ ist der Artikel natürlich nicht. Als Verbreiter der Internetgerüchte (die erst im Juni 2010 begannen), wird namentlich ein 88-jähriger Hamburger erwähnt, Hartmut Bachmann, Klimaskeptiker, ein Politikverdrossener, der die Rotlichtmilieu-Story in der berüchtigten Frageform als erster am 20.6.2010, zehn Tage vor der Präsidentenwahl, auf „wahrheiten.org“ gepostet hatte – danach übernahmen andere. Ihn kostete das letztlich die Anwaltkosten von Bettina Wulff, 1.200,- Euro, den Seitenbetreiber, einen Informatiker aus der Südpfalz, wohl auch – der bat allerdings um Ratenzahlung.

Die „Informantin“ von Bachmann war wiederum eine Hannah Thiele, 71, in der Nähe von Hannover wohnhaft, eine „Mutter Courage der Windkraft-Gegner“, früher in FDP-Ausschüssen für Wirtschaft und Umwelt von Niedersachsen und auch im Bund tätig, die die Gerüchte aus CDU-Kreisen in Hannover und Berlin mitbekommen hatte.

Danach schrieb sie Briefe an Wulff, Merkel, Homburger, Westerwelle und die niedersächsische Staatskanzlei mit der Frage, ob Wulffs Frau im „Artemis“ gearbeitet habe. Nachdem sie keine Antwort erhalten habe, habe sie ihren Blogger-Kollegen Bachmann aufgefordert, die Story zu bringen. „kreuz.net“ (fundamentalistisch katholisch), „Derhonigmannsagt“ (rechts), eine obskure Seite namens „rentner-news“, Udo Ulfkotte nebst dem verschwörungstheoretisierende Kopp-Verlag verbreiteten weiter (10.000,- Euro Schmerzensgeld).

Ansonsten nannte Leyendecker keine Namen der eigentlich verantwortlichen Gerüchteverbreiter aus der Politik, obwohl er sie kennen müßte:

»Ehemalige Mitglieder des Kabinetts Wulff, solche, die vielleicht selbst gerne seine Nachfolge angetreten hätten als Ministerpräsident und solche, die unter seiner Regentschaft ihren Einfluss verloren hatten, stichelten gegen Bettina Wulff. Sie habe ihm den Kopf verdreht; zu viel Glamour, zu wenig Politik. Älterer Mann mit Macht verfällt lebenslustiger junger Frau.«

Journalisten wie Deppendorf seien in der Nacht nach der Präsidenten-Wahl von CDU-Politikern auf die Internet-Berichte über Bettina Wulff hingewiesen worden. Ein Justitiar der ARD sei auf einem Empfang in Berlin von einem Wulff-Gegner aus der CDU auf die Internet-Geschichten aufmerksam gemacht worden mit dem Zusatz, da sei was dran. In politischen Zirkeln sei Bettina Wulff „Pretty Woman“ genannt worden. Es fehlen: Namen, Daten, Fakten, auf daß diejenigen Politiker kenntlich würden, die sich solch abscheulicher Mittel bedienen.

Bei Leyendecker hieß es nur  vage, in Berlin habe eine Liste mit Namen von Prostituierten, die für „eines der genannten Bordelle gearbeitet hatten“, kursiert: zuvor benannt hatte er „ein Bordell in Osnabrück“, ein Escort-Servie und das „Chateau am Schwanensee“ in Hannover. Eine der Frauen, eine „Betty“, habe als Zeugin in einem Steuerstrafverfahren eines Zuhälters als Zeugin ausgesagt, allerdings eine andere Betty. Roß und Reiter wurden nur genannt, wenn es um greise Internet-Verbreiter geht.

Da war ja sogar BILD am SONNTAG vom 10.9.2012 investigativer:

Nach Recherchen von BILD am SONNTAG wurden haltlose Behauptungen über eine angebliche Tätigkeit Bettina Wulffs in einem Bordell aus Wulffs eigener Landesregierung verbreitet.
Konkret ging es um Informationen aus einem Steuerstrafverfahren im Zusammenhang mit dem „Chateau am Schwanensee“.
Das Bordell nahe Hannover war im Jahr 2004 in finanzielle Schwierigkeiten geraten und musste später schließen. Die Ermittler befragten seinerzeit auch eine der dort tätigen Prostituierten als Zeugin. Sie berichtete unter anderem über eine Reihe von Kolleginnen, die während der Messen in Hannover zur Verstärkung angeheuert wurden, darunter auch eine „Tina, Studentin“, die für ein Jahr im „Chateau“ gearbeitet habe.
Diese Zeugenaussage wurde aus Hannover mit dem verleumderischen Hinweis gestreut, bei „Tina“ könne es sich um Bettina Wulff handeln – eine durch nichts bewiesene Unterstellung.
Schnell machte das ungeheuerliche Gerücht die Runde, erst in Hannover, dann in Berlin und erreichte schließlich auch Christian Wulff und dessen Gattin Bettina.

http://www.bild.de/politik/inland/bettina-wulff/haeme-ueber-bettina-wulff-im-heute-journal-26120524.bild.html

Danach kann es ja bloß der Justiz- oder der Finanzminister gewesen sein…

Leyendecker legte zwar noch nach:

Klage der ehemaligen Präsidentengattin

Jauch erkennt Wulffs Unterlassungsanspruch an

08.09.2012, 13:15

Von Hans Leyendecker

Günther Jauch hat sich verpflichtet, die Gerüchte über eine angebliche Rotlicht-Vergangenheit Bettina Wulffs nicht weiterzuverbreiten. Aus Sicht der Gattin des ehemaligen Bundespräsidenten hat der Moderator die im Internet kursierenden Denunziationen erst gesellschaftsfähig gemacht. Juristisch erledigt ist die Angelegenheit damit nicht.

http://www.sueddeutsche.de/politik/klage-der-ehemaligen-praesidentengattin-jauch-erkennt-wulffs-unterlassungsanspruch-an-1.1462543

Verletzung von Persönlichkeitsrechten im Internet

E wie “Escort”, K wie “Kampf gegen Google”

09.09.2012, 17:21

Von Hans Leyendecker

Bettina Wulff reicht bei Gericht eine Liste von Begriffen ein, welche die Suchmaschine nicht mehr automatisch mit ihrem Namen verbinden soll. Sie wehrt sich gegen Verleumdung, und ihre Anwälte klagen nicht nur auf Unterlassung – sie werfen dem Webdienst sogar Mittäterschaft vor.

[…]

Ihr Anwalt Lehr weist darauf hin, dass viele der rechtlich Verantwortlich nicht aufzufinden sind oder in Deutschland nicht belangt werden können. Die meisten der “massiven Ehrverletzungen” würden im Ausland ins Internet gestellt. Zehn Beiträge in Sachen Bettina Wulff hat der Konzern bislang nach Beanstandungen der Anwälte Wulffs aus der Ergebnisliste der deutschen Websuche unter http://www.google.de entfernt. Mehr als fünfzig Beiträge wollten Bettina Wulffs Anwälte löschen lassen und diese fünfzig waren eigentlich erst der Anfang.

Wer sich, wie Bettina Wulff, gegen digitales Unrecht wehrt, wird in der Hardcore-Szene der Internetgemeinde verspottet. Auf Twitter wurde am Wochenende über die Frau gejuxt, die nicht verstanden habe, wie das Internet so beschaffen sei.

http://www.sueddeutsche.de/medien/verletzung-von-persoenlichkeitsrechten-im-internet-e-wie-escort-k-wie-kampf-gegen-google-1.1463160-2

Am 10. 9.2012 wurden gleich zwei Artikel von ihm ins Netz gestellt – aber richteten die sich gegen jene verlotterten CDU-Politiker, die über die infame Ehrverletzung einer Frau deren Mann abschießen wollten? Nein. Zunächst ging es mal wieder gegen Jauch, der unnachsichtig jede Privatsphären-Verletzung durch die Journaille verfolgt und daher für die Medien sowieso ein Feindbild par excellence darstellt:

Rotlicht-Gerüchte um Bettina Wulff

Jauch, der Schurke im Stück

10.09.2012, 10:41

Von Hans Leyendecker

Günther Jauch fragte in seiner ARD-Talkshow nach dem angeblichen Vorleben von Bettina Wulff – sie klagte und er akzeptierte nun. Aus ihrer Sicht hat der Moderator das Rotlicht-Gerücht erst salonfähig gemacht. Sie wird ihn nicht einfach davonkommen lassen.

[…]

Am vergangenen Freitagnachmittag bekam Jauchs langjähriger Anwalt Christian Schertz eine Klage von Bettina Wulff wegen “Unterlassung falscher Tatsachenbehauptungen” zugestellt. Es ging um die ARD-Talkshow am 18. Dezember. Jauch hatte damals aus einem Artikel der Berliner Zeitung zitiert, den er “besonders interessant” fand: Es ging um Bild und angebliche Informationen des Blattes über das angebliche Vorleben von Bettina Wulff. Der stellvertretende Bild-Chef Nikolaus Blome, der Gast in der Sendung war, hatte den zitierten Bericht dementiert: “Kompletter Quatsch”: “Völlig aus der Luft gegriffen?” und “Haben Sie denn noch etwas in der Schublade?” hatte Jauch nachgesetzt.

http://www.sueddeutsche.de/medien/rotlicht-geruechte-um-bettina-wulff-jauch-der-schurke-im-stueck-1.1463341

[…]

Seine Erklärung zu dem Vorgang war dann schon etwas gewunden: Er habe “niemals über Frau Wulff eine falsche Tatsachenbehauptung aufgestellt, sondern lediglich” aus einem Artikel zitiert und daraus “eine entsprechende Frage” an den Mann von Bild formuliert. Wer daraus eine “Herabsetzung von Frau Wulff konstruiert, liegt daneben. Da ich allerdings kein Interesse an einer Auseinandersetzung mit Frau Wulff habe, habe ich den Rechtsstreit beenden lassen”. Da muss vor allem Frau Wulff völlig danebenliegen. Sie meint, der Liebling der Herzen habe ihre Reputation zerstört.

Nach der Sendung kochte die Gerüchteküche über: “War Bettina Wulff eine Prostituierte?” Einen Monat später, am 19. Januar, schrieb der Stern, der sich in der Sache Bettina Wulff nicht immer mit Ruhm bekleckert hat, von einem “versuchten Rufmord an Bettina Wulff, deren angebliches Vorleben als pures Gerücht sogar in einem Talk von Günther Jauch vor Millionenpublikum thematisiert” worden sei.

[…]

http://www.sueddeutsche.de/medien/rotlicht-geruechte-um-bettina-wulff-jauch-der-schurke-im-stueck-1.1463341-2

Danach versuchte er sich noch an einer fachfremden Buch-Rezension, die naturgemäß wenig überzeugend ausfiel:

Buch von Bettina Wulff

Gut platziert

10.09.2012, 19:09

Von Hans Leyendecker

In die Schlagzeilen um Bettina Wulffs angebliche Rotlicht-Vergangenheit erscheint ein Buch der Gattin des ehemaligen Bundespräsidenten. In “Jenseits des Protokolls” geht es um die Verleumder aus der Politik, ihr Rollen-Korsett und die Fehler ihres Mannes. Das Buch ist weder klug noch liebenswürdig oder grazil – aber ziemlich deutlich.

http://www.sueddeutsche.de/panorama/buch-von-bettina-wulff-gut-platziert-1.1464149

Schuster, bleib bei Deinen Leisten – was bitte soll ein ›graziles‹ Buch sein?

Wenn auch die SÜDDEUTSCHE mangels Recherche und klarer Worte den entscheidenden Akzent nicht setzen konnte: ihr muß immerhin attestiert werden, daß sie nicht kippte und, von kleinen Ausnahmen abgesehen, nicht in den Haßgesang einstimmte, den andere Leitmedien ertönen ließen.

Über SPIEGEL Online sollte man kein Wort mehr verlieren; zwei bis fünf Bettina Wulff-Artikel pro Tag sind bestens geeignet, den Überdruß der Leser zu provozieren. Ein Organ, das unmoderiert anonyme Internet-Kommentatoren niedrigste Instinkte austoben läßt, um dann eben diese Leser-Kommentare in einem Artikel als bedenkenswerte Stimme des Volkes zu adeln, verdient keinen Respekt mehr.

Spiegel Online

12.09.2012

Reaktionen auf Bettina Wulff

“Meine Güte, ist das alles peinlich”

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/leser-reagieren-auf-bettina-wulffs-aeusserungen-a-855396.html

Es ist überhaupt bezeichnend, daß die Gerüchte um Bettina Wulff durch entsprechende Hinweise auf Suchwörter und Links befeuert wurden, die in Leser-Kommentaren zu Artikeln der bürgerlichen Presse gepostet wurden – so bin jedenfalls ich auf diese widerlichen Seiten gestoßen…

Der BILD-Aufzug nach oben für Bettina Wulff funktionierte nur ein paar Tage lang (und schon das mußte verwundern, wehrt sich Bettina Wulff in ihrem Buch doch vehement gegen die BILD-Methoden – da konnten doch eigentlich weder sie noch ihr Mann ungeschoren bleiben, Kommerz hin oder her). Zunächst machte BILD Auflage mittels Reklame für ihr Buch (Vorabdrucke inclusive):

Die Abrechnung der ehemaligen First Lady

Mit dem Buch kämpft Bettina Wulff um ihren guten Ruf

10.09.2012 — 00:01 Uhr

Von ALFRED DRAXLER

Bettina Wulff, die Frau des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, hat TV-Star Günther Jauch und den Internet-Suchdienst Google verklagt. Damit setzt sie sich gegen Gerüchte zur Wehr, sie habe ein Vorleben als Prostituierte oder als Escort-Dame geführt. Jauch gab bereits am Wochenende eine Unterlassungserklärung ab.

Vor diesem Hintergrund wird ein Buch, das Bettina Wulff geschrieben hat, mit Höchstspannung erwartet. Es soll im Laufe dieser Woche erscheinen.

BILD liegt es bereits vor. Eine erste Beschreibung: Ich halte das Buch, über das ganz Deutschland sprechen wird, in der Hand. Es hat 223 Seiten und kostet 19,99 Euro. Erschienen ist es im Münchner „riva Verlag“, in dem Fußballmanager Rudi Assauer sein „Alzheimer-Outing“ veröffentlicht hat.

Die ehemalige First Lady hat den Titel gewählt „Jenseits des Protokolls“. Was, so vermute ich, aussagen soll, dass sie als Privatperson handelt.

Im Vorwort schreibt sie: „Ich möchte, dass die Menschen mich so sehen, wie ich bin. Als eine ziemlich normale Frau und Mutter, die ihr Leben so leben möchte, wie sie es will, und nicht, wie andere es von ihr erwarten …“

[…]

Ich sage voraus, dass dieses Buch ganz schnell auf Platz 1 der Bestsellerliste stehen wird.

http://www.bild.de/politik/inland/bettina-wulff/kaempft-mit-buch-gegen-prostituierten-geruechte-26111608.bild.html

Aber schon im nächsten BILD-Artikel vom 10.9.2012 wurde, noch unter dem Deckmantel einer heuchlerischen Empörung über eine Abmoderation von Claus Kleber, Negatives verbreitet, und BILD mußte sich natürlich gegenüber Bettina Wulff reinwaschen, BILD habe irgendetwas mit der Verbreitung der üblen Gerüchte über ihr angebliches Vorleben zu tun – zur Erreichung dieses edlen Ziels schreckte man noch nicht einmal vor entstellenden Zitat-Verkürzungen zurück:

Rotlicht-Gerüchte

Häme für Bettina Wulff
im „heute journal“

10.09.2012 — 13:11 Uhr

Bettina Wulff (38) sorgt in Deutschland derzeit für Aufregung! Am heutigen Montag erscheint ihr erstes Buch „Jenseits des Protokolls“ – eine Abrechnung mit ihrer Amtszeit als First Lady.

Im Kapitel „Die Gerüchte“ setzt sie sich gegen ihr angebliches Vorleben als Escort-Dame und Prostituierte zur Wehr. Das ehrabschneidende Getuschel begann bereits, als ihr Mann noch Ministerpräsident in Niedersachsen war. Ihre eindeutige Ansage dazu in dem Buch: „Ich habe nie als Escort-Lady gearbeitet.“

HÄME IM „HEUTE JOURNAL“

Das „heute journal“ widmete der ehemaligen First Lady am Samstag mehr als vier Minuten, fast ein Drittel der Sendung!

Dann die Abmoderation von Claus Kleber: „Ihr Verlag erwartet von seiner neuen Autorin mit Sicherheit, dass sie den aktuellen Sachbuch-Toptitel des Hauses überholt. Der heißt ‚Bel Ami‘, es sind die Lebenserinnerungen eines Bordell-Besitzers. Vielleicht sollte die PR-Beraterin Wulff darüber einmal mit ihrer PR-Beratung reden.“

In ihrem Buch setzt sich Bettina Wulff auch sehr kritisch mit der BILD-Zeitung auseinander.

Es sei alles ein großes Spiel, bei dem es nur ein Ziel gäbe: Auflage zu machen! Und plötzlich Teil dieses Spiels zu sein, ein Spielball der gesamten Medien… habe sie von Anbeginn an überrumpelt.

Beim Thema „Rotlicht-Gerüchte“ hat sich BILD zwar nicht beteiligt, Bettina Wulff beschreibt aber ein privates Treffen mit Chefredakteur Diekmann: „So war zum Beispiel dieses Frühstück ein nettes Beisammensein, bis zu dem Moment, als er mich ohne Vorwarnung fragte, was denn an den Gerüchten zu meiner vermeintlichen Vergangenheit im Rotlichtmilieu dran sei.

Einige seiner Redakteure hätten Derartiges erwähnt…Ich war völlig entgeistert und mir blieb fast das Brötchen im Halse stecken. Zwar versuchte ich noch, meine Fassungslosigkeit mit einem ironischen „Das ist ja interessant!“ zu überspielen. Kai Diekmann meinte, dass damit das Thema für ihn erledigt sei. Doch für mich war damit auch das ganze Frühstück gegessen.“

[…]

Damals hatte der Moderator [Jauch] einen Artikel der „Berliner Zeitung“ zitiert. Das Blatt hatte über das Gerücht geschrieben, BILD habe eine „Geschichte über das frühere Leben Bettina Wulffs“ in der Schublade, die aus Respekt vor dem Amt des Bundespräsidenten aber nicht veröffentlicht würde.

Noch in der Sendung bezeichnete der stellvertretende BILD-Chefredakteur Nikolaus Blome das als „kompletten Quatsch“.

[…]

http://www.bild.de/politik/inland/bettina-wulff/haeme-ueber-bettina-wulff-im-heute-journal-26120524.bild.html

›Einige seiner Redakteure hätten Derartiges erwähnt…‹ Ist das Zitat vollständig? Und was mag sich wohl hinter den Pünktchen verbergen? Das vollständige Zitat in Bettina Wulffs Buch lautet tatsächlich so:

Einige seiner Redakteure hätten Derartiges in einer Redaktionskonferenz erwähnt und recherchierten in diese Richtung.

[S. 182]

Das war Ende September 2010 und damit der erste Warnschuß, was passieren könnte, sollte das Präsidentenpaar, anders als das Ministerpräsidentenpaar, Distanz zu BILD aufbauen.

Kai Diekmann ist einfach ein Fuchs.

Schreibt Bettina Wulff auf S. 181, und das ist keineswegs als Kompliment gemeint, folgt doch danach jene sie bestürzende Frage Diekmanns, die mitten in ein vermeintlich freundliches Hintergrundsgespräch-Frühstück im Schloß Bellevue hineinplatzt. Eine Begegnung, in der Christian Wulff die Resonanz auf seine alsbaldige Rede mit dem Zitat: ›Der Islam gehört zu Deutschland‹ testen wollte. Das ist wohl Realität in Deutschland, daß man BILD gewinnen muß, um nicht den ausländerfeindlichen Mainstream gegen sich aufzubringen…

Am 11.9.2012 erschien einer dieser typischen gemischten BILD-Artikel, in denen zwar PR-mäßig Hörbuch-Ausschnitte aus dem Buch offeriert, zugleich aber auch kritische Stimmen zu den PR-Aktivitäten zugunsten des Buchs zitiert wurden (wozu dann auch gleich die berechtigten Klagen gegen Google und Jauch gerechnet wurden) – und besonders lustig war, daß selbst Leyendeckers amateurhafte ›Rezension‹ gegen das Buch in Stellung gebracht wurde:

http://www.bild.de/politik/inland/bettina-wulff/hier-liest-bettina-wulff-aus-ihrem-buch-zum-reinhoeren-26137370.bild.html

Dabei wurde ausgeblendet, daß der Riva-Verlagschef einen Tag zuvor erklärt hatte, daß die aktuellen Rechtsstreitigkeiten nichts mit dem vorgezogenen Start des Buchs von November auf September zu tun hätten (was glaubhaft ist: der Leak von Lehr zu Leyendecker dürfte kaum auf den Verlag zurückgehen):

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/bettina-wulffs-verleger-jetzt-kann-jeder-hinter-die-kulissen-schauen/7116934.html

In einem Kommentar in der SÜDDEUTSCHEN versuchte  Ralf Wiegand am 11.9.2012, die Sache auf die politische Schiene, auf die sie gehört, zurückzubringen:

Affäre Wulff

Die Frau verleumden, den Mann treffen

11.09.2012, 07:31

Ein Kommentar von Ralf Wiegand

Bettina Wulff ist eine Art Kollateralschaden, denn das eigentliche Ziel der Gerüchte war immer Christian Wulff. Es ist die klassische Geschichte von Aufstieg und Fall eines Karrieristen, der seinen Zielen alles untergeordnet hat – auch Freunde und Familiäres.

Bettina Wulff gehört in diesen Tagen alle Aufmerksamkeit. Sie war das Opfer eines Rufmords, sie hat ein Buch veröffentlicht, sie geht juristisch gegen Google und Günther Jauch vor, sie kämpft mit dem Internet, in dem Gerüchte über sie aufploppen, wohin man klickt.

Sie, sie, sie. Und er? Das Ziel allen verleumderischen Geredes über die spätere First Lady war ja stets ihr Mann. Unmöglich gemacht werden sollte über den Umweg Bettina allein Christian Wulff. Sie ist eine Art Kollateralschaden.

Da stellt sich die Frage: Was hat Christian Wulff in seinem politischen Leben angerichtet, dass eine Frau, die nur einen kurzen Weg seines Aufstiegs mitgegangen ist, über die Klinge springen sollte? Welche Feinde hat er sich gemacht, dass ihn niemand schützte, nicht einmal in seiner eigenen Partei, der CDU?

http://www.sueddeutsche.de/politik/affaere-wulff-die-frau-verleumden-den-mann-treffen-1.1464307

Vergebens. Der Boulevard übernahm.

Am 13.9.2012 war es dann endlich soweit: BILD stürzte sich auf Bettina Wulff – um ihren Mann zu treffen. Die besagten Kollateralschäden sind eingepreist.

Warum tut eine Frau ihrem Mann so was an?

Deutschland diskutiert über Bettina Wulff

Seit Bettina Wulff sich öffentlich von ihrem Mann distanziert hat, gibt es im Internet und auf der Strasse kaum noch ein anderes Thema

13.09.2012 — 00:01 Uhr

Von S. BILGES,R. SCHULER und S. SELONKE

Es waren Worte voller Respekt und Loyalität. Als Christian Wulff (53) am 17. Februar vom Amt des Bundespräsidenten zurücktrat, dankte er seiner Frau: „Sie hat mir immer, gerade in den vergangenen Monaten, und auch den Kindern starken Rückhalt gegeben.“

Jetzt, knapp sieben Monate später, tritt seine Frau Bettina (38) an die Öffentlichkeit.

WAS SIE SAGT, HAT EINE ANDERE TONLAGE!

Deutlich und rigoros distanziert sich Bettina Wulff sowohl in ihrem Buch „Jenseits des Protokolls“ als auch in mehreren Interviews von ihrem Mann:

Sie habe, als er bei seinem Rücktritt vor die Presse trat, absichtlich Abstand zu ihm gehalten.

• Sie kritisiert sein Krisenmanagement als Präsident. Er hätte statt „peu à peu“ auf die Vorwürfe zu reagieren, sich einmal umfassend erklären sollen.

Sie beklagt sich über sein Verhalten in der Ehe. Sie habe jahrelang ihre eigenen Bedürfnisse unterdrücken müssen und zu lange nach seinen Terminplänen gelebt. „Jetzt geht es um mich und meine Söhne.“

Ihr Mann habe sie (…) in die Rolle der First Lady (…) gedrängt: „Und wenn ich es im Nachhinein betrachte, rächt sich das auch in der Beziehung”.

Viele fragen sich jetzt: Warum distanziert sich Bettina Wulff so öffentlich von ihrem Mann? Warum tut sie ihm das an?

http://www.bild.de/politik/inland/bettina-wulff/deutschland-diskutiert-ueber-bettina-wulff-26167808.bild.html

Eigentlich ein Nullum, was da berichtet wurde – verriete es nicht ein Verständnis von Ehe, das aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts entsprungen zu sein scheint: die Frau als verzückt zum Mann aufblickende Dulderin, die ihm, eigener Gedanken nicht mächtig, klaglos den Rücken freihält und die Pantoffeln reicht, wenn er spätnachts nach Hause kommt. Das sahen auch unsere BILD-Autoren ein und griffen zu dem Trick, nunmehr das Volk direkt sprechen zu lassen. Und schon hatten sie die Richtige am Wickel – denn die gibt es ja vereinzelt immer noch:

BILD-Leserin Gabriele Fahneberg (41): „Hat Frau Wulff noch nie gehört, dass hinter jedem erfolgreichen Mann auch eine starke Frau steckt? Auch mein Mann ist beruflich erfolgreich und viel unterwegs. Unsere Ehe funktioniert nur deshalb so gut, weil ich zurückstecke und viel Verständnis aufbringe. dennoch bin ich mit meinem Leben sehr glücklich.“

http://www.bild.de/politik/inland/bettina-wulff/deutschland-diskutiert-ueber-bettina-wulff-26167808.bild.html

Es geht noch eine Etage tiefer, denn nun müssen Spekulationen aus der Welt von Twitter, Internet und Amazon herhalten:

Im Internet gibt es einen regelrechten Shitstorm gegen Bettina Wulff. Viele spekulieren, ob sie mit ihren Äußerungen eine Trennung vorbereitet.

Das Netz twittert über Scheidung

http://www.bild.de/politik/inland/bettina-wulff/deutschland-diskutiert-ueber-bettina-wulff-26167808.bild.html

Da muß schon ein veritabler Psychiater her, um nach all dem Dreck, den BILD sich zueigen macht, zu konstatieren, daß ja eigentlich alles vollkommen in Ordnung sei:

Aber es gibt auch Verständnis für das offene Ansprechen der Probleme, die Bettina Wulff in ihrer Rolle als First Lady und Ehefrau von Christian Wulff hatte:

„Ausgehend davon, dass sie sich mit ihrem Mann abgesprochen hat“, so Prof. Claas-Hinrich Lammers, Chefarzt für Psychiatrie in Hamburg (Asklepios), „ist ein solches Verhalten vollkommen in Ordnung. Grundsätzlich ist es gut, dass sie sagt, wenn ihr die Termine oder das öffentliche Leben zu viel sind. Dass sie das öffentlich tut, mag verwundern.“

http://www.bild.de/politik/inland/bettina-wulff/deutschland-diskutiert-ueber-bettina-wulff-26167808.bild.html

Janun, manche Psychiater sind anscheinend etwas lebensfremd: wer öffentlich angegriffen wird, schlägt öffentlich zurück: das nennt man Waffengleichheit. Der Artikel schließt mit scheinbar neutralen Informationen über weitere PR-Termine, die nun auch die BILD-Autoren und deren Leser ›verwundern‹ mögen:

Bettina Wulff bleibt weiter präsent: Heute Titelgeschichten in „Stern“, „Gala“ und „Bunte“. Am kommenden Dienstag ist sie bei Maischberger, am 21. September in der Radio-Bremen-Talkshow „3nach9“ zu Gast.

http://www.bild.de/politik/inland/bettina-wulff/deutschland-diskutiert-ueber-bettina-wulff-26167808.bild.html

Das ist natürlich entlarvend. Eine Frau, die ihren Mann kritisiert, tut ihm was an. Die ist kurz vor dem Absprung. Volkes Stimme wird bemüht. Trennungsgerüchte werden verbreitet. Der arme feige Mann, der am Nasenring vorgeführt wird und überhaupt ein Schwächling ist, sonst hätte er seiner Frau doch einfach schlicht verboten, dieses Buch zu schreiben. Eine Frau darf nämlich keine eigene Meinung und keine eigene Sicht der Dinge haben. Und wenn sie die schon mal hat, sollte sie jedenfalls den Mund halten.

Wie selbstverständlich stieß Jürgen Dahlkamp im SPIEGEL Print (der auch kaum noch besser ist als SPON), in der Ausgabe 38/2012 vom 17.9.2012 in dasselbe Horn – tarnte seine ersichtlich mit ihm durchgehende Antipathien allerdings staatstragend:

Schwarz-Rot-Geld

Christian Wulff war nicht nur der falsche Präsident. Bettina Wulffs Memoiren zeigen: Er hatte für das Amt auch die falsche Frau. Von Jürgen Dahlkamp

[…]

Bettina Wulff war nicht das stumme Anhängsel dieses Bundespräsidenten, sie war – und hat sich so sehen wollen – Teil eines Teams, eines modernen Paares, das diesem Land ein modernes Gesicht geben wollte.

Damit aber hat sie auch, ganz altmodisch, eine Verpflichtung übernommen, gegenüber dem Amt und dessen Würde. Eine Verpflichtung, die nicht mit dem Tag endet, an dem ein Präsidentenpaar aus der Dienstvilla in Dahlem auszieht. Bettina Wulff will ihr nun aber offenbar nicht mehr gerecht werden, sie hat sie abgestreift, mit diesem Buch. Ihr Schweigen wäre Gold gewesen, stattdessen redet sie nun und zerredet Schwarz-Rot-Gold zu Schwarz-Rot-Geld.

[S. 34]

Bullshit. Es waren Journalisten, die die Würde des Amts verletzten – zuerst gegenüber Horst Köhler, dann gegenüber Christian Wulff, der wegen vermeintlicher Fehlleistungen im vorangegangenen Amt des Ministerpräsidenten aus dem Amt geschrieben wurde – die Präsidentschaft ist ein demokratisches Amt auf Zeit, und es ist geradezu überfällig, seine royale Überhöhung, die nolens-volens auch die Ehefrau des jeweiligen Präsidenten-Darstellers per Sippenhaft zur lebenslangen Repräsentationsfigur erstarren läßt, zugunsten beider menschlicher Protagonisten aufzulösen.

Was für ein Abgrund an Rollenbildern und Demokratieverständnis tut sich hier auf! Der gescholtene Christian Wulff ist jedenfalls weitaus souveräner als die heuchlerisch barmenden Medien, die ihn zum Pantoffelhelden und sie zu der den Versager Verlassenden zurechtstutzen wollten (während ihr Buch das Gegenteil belegt, nämlich das Ringen um Autonomie und zugleich die Rettung von Ehe und Familie gegen diesen zerstörerischen Betrieb). Die Buch-Widmung lautet: ›Für meine Familie‹. Nicole Maibaum, ihre Co-Autorin, hatte Christian Wulffs Anteil an dem Buch schon am 12.9.2012 deutlich gemacht:

Inwieweit war denn Christian Wulff an dem Prozess beteiligt? Hat er Ihnen Kaffee gebracht, wenn Sie zusammensaßen?

Nein, er war gar nicht da. Es war eine professionelle Situation. Wenn man ein Interview führt, wäre es unangebracht, wenn zum Beispiel Kinder um einen herumturnen. Wir haben uns getroffen und waren dann zu zweit. Herr Wulff war insofern involviert, als dass er die Kapitel gelesen und dazu seine Anmerkungen gemacht hat.

Wie stark hat er denn gekürzt oder gestrichen?

(lacht) Es hielt sich im Rahmen.

http://www.stern.de/politik/deutschland/bettina-wulff-buch-es-ist-ihr-buch-nicht-sein-buch-1893354.html

Derselbe Boulevard, der eine Anne Sinclair verurteilte, weil sie zu ihrem angeriffenen Mann DSK stand, verurteilt eine Bettina Wulff, weil sie sich eine eigene Meinung zu dem Verhalten ihres Mannes während seiner Präsidentschaft und des Krisen-Handlings leistet – was nur zu dem Schluß führen kann, daß man ohne Rücksicht auf die Meinung ahnungsloser Dritter leben sollte. Denn diese Dritte sind nicht nur ahnungslos, sondern auch bösartig.

Der STERN hat es auf eine Weise vorgeführt, daß einem schlecht wird. Mit Bettina Wulff sollte Auflage gemacht werden, ungeachtet der Tatsache, daß der STERN ihren Mann fast am widerwärtigsten niedergemacht hatte und gegenüber Bettina Wulff eine Unterlassungserklärung abgeben mußte.

Also jubilierte Florian Güßgen im STERN am 10.9.2012 pflichtschuldigst:

10. September 2012, 19:25 Uhr

Buch “Jenseits des Protokolls”

Die Bettina-Wulff-Story

Das Buch ist ein Knaller. Um ihre Ehre zu retten, rechnet Bettina Wulff schonungslos ab: mit dem Amt, mit Rufmördern. Auch ihr Mann kommt nicht immer gut weg. Ein Überblick. Von Florian Güßgen

Es ist ein Paukenschlag. Flankiert von einer Aufsehen erregenden juristischen Offensive veröffentlicht Bettina Wulff, die Frau des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, diese Woche ihr mit Spannung erwartetes Buch. Es ist eine facettenreiche Abrechnung mit ihrer Zeit als First Lady, mit den Zwängen des Amtes, mit jenen Büchsenspannern, die ihr andichteten, sie habe als Edelprostituierte gearbeitet – und auch eine Abrechnung mit ihrem Mann, Christian. Wir haben das Buch gelesen. Es ist aus vielen Perspektiven spannend, interessant – und bietet Stoff für Diskussionen. Hier beantworten wir die wichtigsten Fragen.

[…]

Lohnt es sich, das Buch zu lesen?

Absolut. Es ist eine kurzweilige Lektüre, die tatsächlich einen Schlüssellochblick auf die Präsidentschaft Christian Wulffs gewährt – nicht auf die hohe Politik, sondern auf die persönliche Ebene. Bettina Wulff ist eine spannende Persönlichkeit, die sich hier offenbart. Um sich ein wirklich eigenes Bild machen zu können, lohnt es sich, das ganze Werk zu lesen.

http://www.stern.de/politik/deutschland/buch-jenseits-des-protokolls-die-bettina-wulff-story-1892373.html

In diesem Ton ging das bis zum Exklusiv-Interview in Nr. 38 vom 13.9.2012 weiter, wobei das Heft bereits am 12.9.2012 erhältlich war. Bettina Wulff auf dem Titel mit der wie von BUNTE abgekupferten Zeile ›Jetzt rede ich!‹, mit einem engagierten Editorial von Thomas Osterkorn als Beweis für tätige Reue, und mit einer Interview- und Fotostrecke von S. 32 bis S. 45. Wieviel an Gewinn mag das gebracht haben?

Offenbar nicht genug, denn so exklusiv war das Interview denn nun doch nicht, es  erschienen auch in BUNTE, BRIGITTE und GALA Bettina Wulff-Interviews. Noch am 13.9.2012, zeitgleich mit BILD, dem alten  Kampfgenossen aus der Christian Wulff-Schlacht, änderte der STERN seine Linie und schoß ONLINE zurück – in Gestalt desselben Florian Güßgen, der wenige Tage zuvor das Buch überschwänglich zur Lektüre empfohlen hatte, egal, jetzt war man wieder auf der alten Polemik-Schiene, auf der man sich als gestalterische Kraft empfinden darf:

13. September 2012, 16:11 Uhr

Die Wulffs und die “Bild”

Präsident von Diekmanns Gnaden

Man mag über Bettina Wulffs Buch denken, was man will. Aber eines ist sicher: Es wirft ein grelles Licht auf das Verhältnis der Wulffs zur “Bild”-Zeitung – und die “Bild” kommt dabei besser weg. Von Florian Güßgen

Auch wenn vieles, was in Bettina Wulffs Buch drinsteht, an einem vorbeifließt, den Gedanken entgleitet: Es gibt ein paar Aspekte ihrer Geschichte, die hängen bleiben – und tief blicken lassen. Dazu gehört ihre Beschreibung des Verhältnisses der Wulffs zur “Bild”-Zeitung und deren Chefredakteur Kai Diekmann. Denn der Politiker Christian Wulff, so lässt sich herauslesen, hat offenbar tatsächlich und ernsthaft geglaubt, dass es zwingend zum politischen Handwerk gehört, irgendeine stille, bisweilen sogar laute Übereinkunft mit dem vermeintlichen Leitmedium des Volkes zu haben. Zudem glaubte er, die “Bild” beherrschen, steuern zu können. “Es ist ein Fakt”, schreibt Bettina Wulff in ihrem Buch. “Wenn man in Deutschland einen bestimmten Grad an Öffentlichkeit erreicht hat, kommt man nicht um die ‘Bild’ herum.” Wulff bemüht auch die legendäre, wie ein physisches Gesetz anmutende Einsicht von Springer-Chef Mathias Döpfner: “Wer mit der ‘Bild’-Zeitung im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.” Es gehört zur Tragik des vermeintlich ausgebufften Politprofis Christian Wulff, dass er dieses Gesetz fast bis zum Schluss nicht verstanden hatte.

[…]

Bemerkenswert ist noch ein zweiter Aspekt dieses Frühstücks. Denn Diekmann tat das, was Journalisten bei Gerüchten tun sollten: Er konfrontierte – und fragte Bettina Wulff, ob denn etwas dran sei an den Gerüchten über ihre Rotlichtvergangenheit. Bettina Wulff erwischte er so kalt. “Ich war völlig entgeistert, mir blieb fast das Brötchen im Halse stecken. Da saßen wir beim Frühstück zusammen, und dann stellt dieser Mann so eine Frage.” Schon zu dem Zeitpunkt hätten die Wulffs eigentlich begreifen müssen, dass der Pakt mit der “Bild”, den sie meinten, festigen zu müssen, zu keinem Zeitpunkt wirklich einer war.

[…]

Es ist eine der Ironien der Wulff-Story, ob gewollt oder nicht, dass die “Bild”-Zeitung und ihr Chef in Bettina Wulffs Buch im Prinzip besser wegkommen als ihr eigener Mann. Denn zumindest in diesem Fall erfüllte Diekmann seine Rolle als Journalist, Wulff wirkte dagegen einmal mehr wie ein Politiker, der die Gebote seines Amtes verriet, wenn nicht sogar verhöhnte. Diekmann kann jener Begegnung mit Bettina Wulff jedenfalls recht gelassen entgegensehen, die sie ihm im Buch verheißt. “Man sieht sich im Leben mindestens zweimal”, schreibt sie. “Auch mit einem Kai Diekmann wird es für mich ein Wiedersehen geben, da bin ich mir fast sicher.”

Der “Bild”-Zeitung wird’s ohnehin recht sein. Am Montag veröffentlichte sie als Erste Auszüge aus dem Buch – und machte mit Bettina Wulff auch die Zeitung auf. Mit der Schlagzeile “Abrechnung auch mit Bild” veröffentlichte die “Bild”, zumindest online, auch die vermeintliche Kritik Wulffs an dem Medium. Beschrieben wurde jene Situation, in der Diekmann Wulff mit den Prostitutionsvorwürfen konfrontierte und jene, als Christian Wulff Diekmann auf den Anrufbeantworter pöbelte. In beiden Situationen adelt Wulffs Kritik Diekmann natürlich eher, als dass sie ihn treffen könnte. Am Donnerstag war Bettina Wulff wieder Titel der Zeitung, verbunden mit der Zeile: “Warum tut sie ihm das an?” Offenbar sind die Wulffs im Aufzug steckengeblieben. Und zwar irgendwo auf Höhe der Tiefgarage.

http://www.stern.de/politik/deutschland/die-wulffs-und-die-bild-praesident-von-diekmanns-gnaden-1894162.html

So, der große Diekmann ist also ein Journalist, der selber recherchiert und konfrontiert? Oder nicht vielmehr der Chefredakteur, der durchblicken läßt, daß seine Leute was für die Schublade suchen, die zu gegebener Zeit geöffnet werden wird? Güßgen ist jedenfalls Diekmann-Fan: so mächtig und clever möchte er auch einmal werden, wenn er groß ist, und die Sache mit dem Aufzug-rauf-und-runterfahren übt er ja schon fleißig. Ob dieser Artikel sein Bewerbungsschreiben mit dem Ausweis für gewissenlosen Journalismus ist?

Gut zwei Stunden später schrieb der STERN das Buch zum kommerziellen Mißerfolg herunter, nachdem eine Journalistin (?) am zweiten Tag seines offiziellen Erscheinens ein paar Buchhandlungen abtelefoniert hatte:

13. September 2012, 18:40 Uhr

Verkaufszahlen des Wulff-Buches

Jenseits des Bestsellers

Es sollte ein absoluter Verkaufsschlager werden. In ihrem Buch erzählt Bettina Wulff alles – und scheint damit bisher auf ziemlich großes Desinteresse zu stoßen. Von Verena Kuhlmann

http://www.stern.de/kultur/buecher/verkaufszahlen-des-wulff-buches-jenseits-des-bestsellers-1894411.html

Am Montag, dem 17.9.2012, wurde diese grandiose ›Rechercheleistung‹ widerlegt:

Literatur

Buch von Bettina Wulff springt an die Spitze der Bestseller-Charts

17.09.2012 | 15:51 Uhr

http://www.derwesten.de/panorama/buch-von-bettina-wulff-springt-an-die-spitze-der-bestseller-charts-id7106590.html

Knapp vorbei ist auch daneben, weshalb sich am 14.9.2012 Sophie Albers im STERN aus Großburgwedel meldete, von dort ebenfalls scheinbar maue Verkaufszahlen (13 Stück am ersten Tag) und lauwarme Gerüchte mitbrachte:

14. September 2012, 13:35 Uhr

“Jenseits des Protokolls” von Bettina Wulff Lautes Schweigen in Großburgwedel

Bettina Wulffs Innenansichten sind DAS Medienthema. Auch im Heimatort der ehemaligen First Lady wird das Buch beworben. Ein Streifzug durch Großburgwedel. Von Sophie Albers

[…]

Kritik kommt vereinzelt, eben weil Bettina Wulff sich nicht an das “Man hält die Klappe und denkt sich seinen Teil” gehalten hat. Das Wort “privat” hat in dem Ort mit den gepflegten Gartenzäunen große Bedeutung.

Natürlich gibt es auch den richtig fiesen Tratsch. Höhepunkt sind Spekulationen über eine mögliche Trennung der Wulffs. Hat sie mit ihrem Buch den Bogen überspannt? Starke, selbstständige Frauen sind nicht jedem Burgwedeler willkommen. Aber wo sind sie das schon.

http://www.stern.de/panorama/jenseits-des-protokolls-von-bettina-wulff-lautes-schweigen-in-grossburgwedel-1894520.html

Am 16.9.2012 engagierte der STERN die ›Bestseller-Autorin‹ (???) Else Buschheuer zum gefälligen Wulff-Bashing. Das sah dann so aus:

16. September 2012, 19:00 Uhr

Bettina Wulff

Ich, die Pooth und Frau Wulff

[…]

Man muss nachsichtig sein. Bettina Wulffs Ruhm kommt über den zweiten Bildungsweg. Sie ist niemand. Sie ist die Frau von jemand. Das heißt, sie ist die Frau von niemand, aber der war einmal jemand. Jetzt muss Frau Wulff, ehe ihr Name restlos vergessen ist, selber jemand werden.

[…]

Die-die-keine-Nutte-war

Wie aber sieht es mit Bettina Wulff aus? Wird sie die Geister, die sie rief, wieder los? Wer sich in die Öffentlichkeit begibt, kommt darin um, heißt es. Kann man Massenmedien an der Leine führen wie Siegfried und Roy ihre weißen Tiger? Muss man nicht riskieren, dass sich eines der Viecher plötzlich umdreht und einem ein Stück vom Kopf abbeißt, einfach so? Wird Frau Wulff am Ende des Jahres in die “Menschen 2012″-Sendung eingeladen werden? Und, wenn ja, als was? Als Verleumdungsopfer? Als mutige Frau, die sich nichts gefallen lässt? Als Bestseller-Autorin und PR-Agentin? Als Ex-Frau vom Ex-Bundespräsidenten? Als neue Liebe von XY (hier beliebigen Prominenten einsetzen). Oder als die-die-keine-Nutte-war?

Falls Letzteres eintritt, sollte sie sich vom Erlös ihres Bestsellers einen neuen PR-Berater leisten.

Good Luck, Bettina!

http://www.stern.de/politik/deutschland/bettina-wulff-ich-die-pooth-und-frau-wulff-1894318.html

Ja, Frauen können so schön böse sein! Hach, und so spitzzüngig… Wenn man meinte, das sei jetzt der finale Schlag des STERN gewesen, so sah man sich getäuscht. Einen Tag später trat die Allzweckwaffe Alice Schwarzer auf und nach. Noch am 11.9.2012 hatte sie sich in einem Blogbeitrag wuchtig als Beschützerin des klassischen weiblichen Opfers ohne Wenn und Aber inszeniert:

11.09.2012

Die Ehre der Bettina Wulff

[…]

Und die Brandmarkung einer Frau als Prostituierte? Ist das nicht Frauenfeindlichkeit, also Sexismus? Oder ist es Gewohnheit? Sollen wir uns nicht so anstellen, wir Frauen? Denn in der Tat: Es gab sicherlich jüdische Interessengruppen, die in Frankreich Druck auf Google gemacht haben. Aber es gibt bisher noch keine Frauengruppen, die in Sachen Sexismus Google zur Verantwortung ziehen.

Und Bettina Wulff? Der wird zurzeit angekreidet, die Verbindung von Klage & Buch sei eine „geschickte Marketingstrategie“ und ihr Buch ein „Groschenroman“. Na und? Niemand hat behauptet, hier komme hohe Literatur. Es geht schlicht um eine für diesen Menschen existenzielle Richtigstellung in eigener Sache. Und was die Marketingstrategie angeht: Das ist doch auch mal schön, dass hier eine, die mit größtmöglicher Wucht gehetzt und verleumdet wurde, mit größtmöglicher Wucht zurückschlägt.

Alice Schwarzer

Was war geschehen, daß sie ihre Meinung so geändert hatte und nun plötzlich STERN-kompatibel wurde? War es der Umstand, daß ihr Ex-Auftraggeber BILD seit dem 13.9.2012 den Wulff-Bashing-Kurs eingeschlagen hatte? Oder die Tatsache, daß Bettina Wulff, erschreckt von der Gewalt, dem Niveau und der Tendenz der gegen sie und ihren Mann gerichteten medialen Angriffe, den Talkshow-Auftritt bei Sandra Maischberger abgesagt und Alice Schwarzer damit eine neuerliche Bühne für ihre Lieblingsrolle als Rächerin der Enterbten geraubt hatte? (Als Gast in der Ersatzsendung über den Haß-Film gegen Mohammed war sie eher deplaciert: denn nach eigenem Eingeständnis kennt sie weder den Islam noch hatte sie den betreffenden Video-Trailer zum Film gesehen.) Oder hatte sie in Vorbereitung auf die Sendung das Buch ihres reflexhaft erkorenen Schützlings erstmals gelesen? Nicht auszuschließen wäre auch, daß der STERN kritische Bemerkungen zu Bettina Wulff als Auftragsbedingung ausgehandelt hatte. Wes Brot ich eß, des Lied ich sing‘. So ist das nun mal. Und so entledigte sich Alice Schwarzer dieses winzigen Problemchens (Journalisten sind ja geschmeidig):

17. September 2012, 21:00 Uhr

“Jenseits des Protokolls”

Die Entblößung der Bettina Wulff

Es gibt viele gute Gründe, mit Bettina Wulff solidarisch zu sein. Schade nur, dass sie jeden Ansatz von Verbundenheit selbst zunichte macht – mit der Veröffentlichung ihres Buches. Ein Gastkommentar von Alice Schwarzer

Der Wiederherstellung der Ehre von Bettina Wulff dient diese indiskrete Plapperei der ehemaligen First Lady nicht. Aber deswegen haben ihre Kritiker noch lange nicht in allen Punkten recht.

[…]

Die Frau steht im Schatten ihres Mannes

[…]

Währenddessen versank hierzulande die beruflich hoch qualifizierte Hannelore Kohl neben dem Kanzler im Licht bis zur Selbstvernichtung im Dunkeln. Und auch die nächste Generation, Doris Schröder, gab Eigenständigkeit und Beruf prompt auf. Bettina Wulff nun behauptet, sie würde das nicht noch mal so machen – auch wenn sie es in der Amtszeit ihres Mannes genau so getan hat.

[…]

Mit einem fundierten Interview wäre der Gekränkten allerdings mehr gedient gewesen. Oder mit der Beschränkung auf drei von 16 Kapiteln: der Zurückweisung der infamen Rotlichtgerüchte sowie der Schilderung der dramatischen letzten Monate in Schloss Bellevue aus ihrer Sicht. Zu Recht beklagt Bettina Wulff sich über ihre Entblößung im Internet und in manchen Medien. Nun aber entblößt sie sich selber. Und den Politiker Wulff gleich mit.

Ein Gastkommentar von Alice Schwarzer

http://www.stern.de/politik/deutschland/jenseits-des-protokolls-die-entbloessung-der-bettina-wulff-1896170.html

Gewogen und zu leicht befunden. Einfach nicht emanzipiert genug, und während sie, Alice Schwarzer, in ihrer Autobiographie und während gefühlt Hunderten an öffentlichen Auftritten offenherzig über ihre große Liebe zu Bruno und ihren Hang zu Miniröcken plauderte (ja, sie war mal eine ganz normale Frau), plappert Bettina Wulff nur und ›entblößt‹ sich. Leiderleider kann man sich die passenden Opfer nicht schnitzen.

Ein letztes Mal hat Bettina Wulff versucht, dem neuen medialen Zerrbild des Paares Wulff (sie, die eiskalte Abzockerin auf dem Absprung, er, der am Nasenring geführte Versager) entgegenzutreten. Und obwohl sie dieses Interview letztlich nicht autorisierte, ist ihre Botschaft doch angekommen:

WELT am SONNTAG

16.09.12

Ex-First-Lady

Und plötzlich verstummte die redselige Bettina W.

Bettina Wulff sitzt in ihrer Lieblingskneipe in Hannover und spricht über Zufälle, Gerüchte und Dementis, über ihr Leben und ihr Buch. Am nächsten Tag zieht sie das Interview zurück. Von Ulrich Exner und Heike Vowinkel

[…]

Christian Wulff als erster Leser

Also, neuer Versuch: Nein, sagt Bettina Wulff, sie habe ihren Mann mit “Jenseits des Protokolls” nicht am Nasenring durch die Manege führen wollen, wie es ihr einige Kritiker jetzt vorwerfen. Das entspreche nicht im Geringsten ihrer Intention, auch nicht dem Inhalt ihres Buches, sondern entspringe der Fantasie von Journalisten, die einzelne Halbsätze ihres Buches aus dem Kontext gerissen und zu einem neuen Ganzen zusammengesetzt hätten. Er liebe sie “abgöttisch”, wird er zitiert. Sie stelle sich lieber etwas weiter weg. Man gewinnt den Eindruck, Bettina Wulff findet das, was jetzt gerade mit ihr passiert, sei so etwas wie ein zweiter Rufmord.

Das Gegenteil dessen, was berichtet wird, ist aus ihrer Sicht richtig: Einvernehmen. Christian Wulff habe viele Kapitel als Erster gegengelesen. Er habe jeden Schritt der Buchveröffentlichung verfolgt und gutgeheißen, auch wenn dieses Buch in erster Linie natürlich ihr Buch, ihr Projekt sei, ihre Art, das Vergangene aufzuarbeiten. Aber ihr Mann habe diesen Prozess nun mal konstruktiv begleitet. Und im Übrigen plane man, damit das ganz klar ist, eine gemeinsame Zukunft.

Auch das ist ein Konter. Ein Gegenangriff auf jene weiteren Gerüchtefetzen, die ihr und ihrer Familie, jetzt schon wieder um die Ohren fliegen und nach denen ihre Ehe bedroht, wenn nicht schon ganz und gar am Ende sei. Bettina Wulffs kämpferischer Solo-Auftritt im “Café HeimW” ist ein ebenso starkes Dementi dieser Endzeiterzählungen wie das gemeinsame Auftreten des Ehepaares Wulff bei Peter Maffays Duderstädter Kinderprojekt in der vergangenen Woche. Ein klares Bekenntnis zu ihm, bei dem man sich automatisch fragt, warum es eigentlich schon wieder so viele gibt, die ihr das partout nicht abnehmen.

http://www.welt.de/vermischtes/article109254822/Und-ploetzlich-verstummte-die-redselige-Bettina-W.html

Warum wohl? Das liegt an den Medien, die sich lieber ihre eigenen Bilder basteln, je klischeehafter, umso lieber. Und wenn sie dann noch jemanden abschießen können, also MACHT ausüben und damit noch Geld verdienen können, ist die Verzerrung von Wirklichkeit geradezu geboten.

Nachtrag:

Es gab auch Positives zu lesen. Heribert Prantls eindrücklicher Artikel über die Macht von Google, in dem sich folgende bemerkenswert selbstkritische Sätze finden:

Bettina Wulff und Gerüchte im Netz

Wenn das Recht auf Vergessen nicht gilt

15.09.2012, 14:44

Von Heribert Prantl

Die frei erfundenen Gerüchte gegen Bettina Wulff können im Netz bis heute ungebremst weiterwuchern. Internetrecht? Allein das Wort ist ein schlechter Witz. Der Gesetzgeber schaut dem digitalen Mobbing seit Jahren tatenlos zu. Ein Skandal.

http://www.sueddeutsche.de/panorama/rolle-der-justiz-in-der-causa-bettina-wulff-wenn-das-recht-auf-vergessen-nicht-gilt-1.1468695

Mit der Verbissenheit der Kampagne und der Maßlosigkeit ihrer Mittel entzog Maximilian Harden seinerzeit seiner politischen Kritik die Legitimität. Man ist ein wenig erinnert an die Art und Weise, wie die Kampagne gegen den unglücklichen und glücklosen Bundespräsidenten Christian Wulff betrieben wurde – die Verleumdung seiner Ehefrau war ein Teil dieser über weite Strecken ziemlich selbstgefälligen publizistischen Kampagne.

Wie gesagt: Am Beginn des Zeitungszeitalters stand diese Eulenburg-Affäre. Am Beginn des Internet-Zeitalters stehen Kampagnen wie die gegen die Wulffs.

http://www.sueddeutsche.de/panorama/rolle-der-justiz-in-der-causa-bettina-wulff-wenn-das-recht-auf-vergessen-nicht-gilt-1.1468695-2

Stefan Niggemeiers Anti-Google-Artikel ›Der Verleumdungs-Automat‹ im SPIEGEL 38/2012 gehörte ebenfalls zu den erfreulichen Begleiterscheinungen dieser neuerlichen Hetzkampagne, ebenso wie die Bemühungen von Prof. Simitis und der Justizministerin, den 69. Deutschen Juristentag zu einer entsprechenden Beschlußfassung zugunsten einer gesetzlichen Regelung gegen die Google Autocomplete-Funktion zu bewegen – was leider knapp abgelehnt wurde. Immerhin hat der Fall Bettina Wulff aber zu folgender Beschlußfassung geführt:

Namenhafte Datenschützer haben sich beim aktuell in München stattfindenden 69. Deutschen Juristentag (DJT) für eine Identifizierbarkeit aktiver Internetnutzer ausgesprochen, sofern diese eigene Beiträge im Netz veröffentlichen. Dies entspricht auch den Forderungen der Innenminister, die sich schon früher hierfür ausgesprochen haben.

Empfehlungen an den Gesetzgeber

Thema der alle zwei Jahre stattfindenden Veranstaltung war diesmal „Persönlichkeits- und Datenschutz im Internet – Anforderungen und Grenzen einer Regulierung.“  Die bedeutende rechtspolitische Veranstaltung formuliert zum Abschluss ihrer Beratungen Beschlüsse, die als Empfehlungen an den Gesetzgeber gerichtet sind. Darunter auch folgende Beschlüsse, die in Richtung De-Anonymisierung zielen:

Ein „Recht auf anonyme Internet-Nutzung“ ist nicht anzuerkennen. Bei aktiver Nutzung des Internets mit eigenen Beiträgen darf der Nutzer nicht anonym bleiben, sondern muss im Rahmen einer Verwendung von Pseudonymen zumindest identifizierbar sein. Nur dann lassen sich Rechtsverstöße wirksam verfolgen. Internet-Dienste sollen den Klarnamen und die Internetverbindung ihrer Nutzer registrieren.  

Bei behaupteten Persönlichkeitsrechtsverletzungen ist dem Betroffenen – in Anlehnung an §§ 101 UrhG, 19 MarkenG, 140b PatG – ein Auskunftsanspruch zur Benennung des Rechtsverletzers zu gewähren; Ausnahmen sind nur in verfassungsrechtlich gebotenen Fällen zuzulassen.

http://www.datenschutzbeauftragter-info.de/

Das wäre der richtige Weg im Sinn eines zivilisatorischen Fortschritts. Leider muß man das konstatieren, denn auf Einsicht ist nicht zu hoffen. Wenn schon namentlich bekannte Journalisten keine Einsicht haben und, wie insbesondere Alice Schwarzer in ihrem Feldzug gegen Jörg Kachelmann, nur durch Gerichte in ihren rechtsverletzenden Aktivitäten ausgebremst werden können, ist Hopfen und Malz verloren. Wie der Herr, so’s Gescherr.

Gender Mainstreaming nach der Judith Butler-Ehrung – von nun an geht’s bergab?

Fortsetzung meines letzten Postings:

http://gabrielewolff.wordpress.com/2012/09/08/adorno-preis-fur-die-feministische-gender-ikone-judith-butler-ein-skandal/

Betrachtet man die Berichterstattung zur Verleihung des Adorno-Preises an Judith Butler, so fällt die vollkommene Abwesenheit von Kritik an ihrer Gender-Theorie auf, für die sie doch recht eigentlich gewürdigt wurde:

Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) würdigte vor allem ihre Leistungen für die Gender-Theorie sowie ihre Wirkung über den universitären Raum hinaus. “Ihre Stimme, und das macht auch ihre Verantwortung als öffentliche Intellektuelle aus, wird nicht nur gehört, sondern hat Gewicht, wird wahr- und ernstgenommen und dies natürlich nicht immer mit Zustimmung oder gar Wohlgefallen.”

In Erinnerung an Adorno betonte der Kulturdezernent, Kritik sei “für ihn, für Adorno – und ich denke auch für Judith Butler, wie sie in den letzten Wochen wiederholt deutlich gemacht hat – , eine Absage an Gewalt”. Die Laudatorin, die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen, würdigte Butler ausdrücklich als “öffentliche intellektuelle”.

[…]

Bekannt wurde die Wissenschaftlerin in den achtziger Jahren mit dem Buch “Gender Trouble” (deutscher Titel: “Das Unbehagen der Geschlechter”). Ein Fach wie Gender Studies wäre ohne Judith Butlers Arbeiten nicht denkbar.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/adorno-preis-ueberreicht-an-judith-butler-trotz-zentralrat-protesten-a-855137.html

Abgesehen davon, daß ihr Buch 1990 erschien und daß man „Intellektuelle“ groß schreibt: was ist denn gut daran, daß es ein Fach wie „Gender Studies“ gibt? Handelt es sich um ein wissenschaftliches Fach oder um die akademische Implementierung einer Ideologie?

Geulen würdigte Butler als öffentliche Intellektuelle, als kosmopolitisch, umstritten und streitbar, als Unruhestifterin wie auch Adorno einer gewesen sei. Sie sei die 13. Adorno-Preisträgerin und die erste ausgezeichnete Frau. “Wem fällt da nicht die böse 13. Fee ein, die sich ungeladen nach den 12 guten, geladenen Feen zu Dornröschens Geburtsfest einstellt, um dort das zu tun, was böser Feen Amt ist: to raise trouble?”, fragte die Laudatorin. Heute sei Butler Ehrengast beim Geburtstag eines anderen trouble makers. “Und unsere Gesellschaft braucht sie, die trouble makers, unruhige Gäste, die beunruhigen, auch wenn sie geladen sind.”

http://www.welt.de/newsticker/news3/article109156866/Judith-Butler-Ehrung-einer-Unruhestifterin.html

Kann jemand eine Unruhestifterin sein, die gendermäßig den medialen, politischen und akademischen Mainstream der westlichen Welt repräsentiert? Das wäre ganz etwas Neues…

 ”Sie hat etwas bewegt”, hieß es in der Laudatio der Butler-Forscherin Eva Geulen über Butlers “weit gespanntes und breit gefächertes Werk”. Vor allem den Feminismus habe sie “geradezu aufgewühlt”. “Judith Butlers Werk ist stets intensiv verstrickt mit der aktuellen Sache”, sagte Geulen. “Ihr Werk ist öffentlich und infolgedessen notwendigerweise kontrovers. Vielleicht ist sie die letzte Intellektuelle eines aussterbenden Typs, aber vielleicht ist sie auch die erste einer neuen Generation öffentlicher Intellektueller: nicht das hofierte Gewissen einer Nation, sondern kosmopolitisch, umstritten und streitbar.”

http://www.stern.de/kultur/judith-butler-mit-adorno-preis-geehrt-1893109.html

Das ist schon wahr, den Feminismus hat sie aufgewühlt und ihm die akademische Position und den wissenschaftlichen Anstrich verliehen, der erforderlich war, um weltweit Regierungshandeln und Posten für Frauen zu sichern: machtpolitisch hat sie viel bewegt – umstritten und streitbar ist sie keineswegs.

Es bedarf schon des deutschen Zentralrats der Juden, um sie skandalisierend in die Antisemitismus-Ecke zu drücken. Angesichts der lebhaften innerjüdischen Debatten fragt man sich doch, warum sich gerade deutsche Funktionäre des Judentums zu Fürsprechern einer rechtsgerichteten israelischen Regierung machen, deren Aktivitäten, würde sie der deutsche Rechtsstaat unternehmen, berechtigterweise extremen Widerspruch hervorrufen müßten. Das reicht von der Behandlung afrikanischer Flüchtlinge als „Infiltranten“ über diskrimierende Behandlung israelischer Bürger mit der falschen Herkunft bis hin zur unbegrenzten Verwaltungshaft von Verdächtigten, denen nichts nachzuweisen ist – von völkerrechtswidrigem Siedlungsbau ist hier noch nicht einmal die Rede, und von völkerrechtswidrigen Angriffskriegen auch nicht…  Vielleicht bleibt ihnen gar selbst verborgen, was das Eigentliche ist, das sie gegen Butler dermaßen aufbringt? Was ist mit »moralischer Verderbtheit« gemeint?

Helmut Mayer findet in der FAZ deutliche Worte zu dieser unangebrachten Skanalisierung – und wenn man will, kann man auch ein wenig kritische Distanz gegenüber der Qualität von Butlers Gender-Philosophie herauslesen:

Da nützte kein Eingeständnis von Seiten Butlers, dass die mündliche Äußerung über Hamas und Hizbullah missverständlich ausgefallen war, und auch nicht der stichhaltige Hinweis darauf, dass sie jede Form der Gewalt ablehne (wozu man jederzeit ihre Texte konsultieren kann). Man war und blieb auf Seiten des Zentralrats fest entschlossen, in der Ehrung Judith Butlers einen Skandal zu sehen. Nach der im Kern recht einfachen Logik, die aus der Tatsache, dass sich die Beschuldigte nicht bedingungslos hinter Israel stellt, den Vorwurf des Israel-Hasses und antisemitischer Gesinnung gewinnt. Und Stephan Kramer glaubte im Namen der Juden in Deutschland nicht nur dem Kuratorium des Adorno-Preises mangelnde moralische Standfestigkeit vorwerfen zu müssen, sondern attestierte Judith Butler im selben Atemzug gleich noch „moralische Verderbtheit“, die man von ihrer mit dem Preis gewürdigten philosophischen Arbeit eben nicht trennen könne.

Die Maßlosigkeit dieses Anwurfs, die man Stephan Kramer nicht einfach nachsehen sollte, einmal beiseitegesetzt, trifft immerhin die Feststellung der Untrennbarkeit von politischer Haltung und akademischem Wirken bei Judith Butler einen richtigen Punkt. Es war das Verdienst der Philosophin Eva Geulen, das in ihrer Laudatio gebührend herauszustreichen. Den Umstand also, dass Butler sich stets mit Verve in aktuelle politische Angelegenheiten verstrickt und für Teile ihres Werks, gerade mit Blick auf ihre breit rezipierten Arbeiten über die Zuschreibung von Geschlechtsidentitäten, die Einschätzung durchaus nicht fernliegt, deren politische Bedeutung stelle die philosophische in den Schatten.

http://m.faz.net/aktuell/feuilleton/geisteswissenschaften/adorno-preis-fuer-judith-butler-an-den-koerpern-haengt-zuletzt-doch-alles-11887759.html

Auch Christian Schlüter von der ›Frankfurter Rundschau‹ scheint gewisse Vorbehalte gegenüber der Gender-Theorie zu hegen, ist aber dennoch für eine Frauenquote beim Adorno-Preis:

So geht dann auch die Preisverleihungsdramaturgie ihren gewohnten Gang. Die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen (Frankfurt) hält die Laudatio. Dabei betont sie den politischen Charakter von Butlers philosophischem Werk. Mit ihrer These vom sozial konstruierten Charakters des Geschlechts habe sie weit über die Geisteswissenschaft hinaus gewirkt. Nun ja, wohl wahr, entscheidender aber dürfte Geulens folgende Feststellung sein: „Dieser Preis kommt sehr, sehr spät. Heute wird zum ersten Mal eine Frau mit dem Adorno-Preis geehrt.“ Stimmt, damit hat Geulen Recht. Mit allem hat sie Recht. Kein Widerspruch, sondern artiger Applaus.

http://www.fr-online.de/kultur/judith-butler-adorno-preis-troeten-gegen-adorno,1472786,17229162,view,asFirstTeaser.html

›Nun ja, wohl wahr‹ – müßte hier nicht eine kritische Auseinandersetzung mit Butlers Thesen folgen?

Die bleibt natürlich aus.

Alice Schwarzer weiß sehr wohl, daß es die der BILD- & EMMA-Schreibe völlig unverdächtige Akademikerin Judith Butler war, die ihre eigene, nicht ganz so elaborierte Ideologie (die mehr oder weniger darauf hinausläuft, es gebe gar kein Geschlecht, sondern nur den Menschen, zu dem der Mann erst hinerzogen werden muß) erst hoffähig und zum politischen Mainstream machte. Entsprechend negativ äußert sie sich über Butler und deren akademischen Folgen:

Umso überraschender, dass heutige WissenschaftlerInnen nur wenige Jahrzehnte später sowohl im natur- wie im geisteswissenschaftlichen Bereich davon nichts mehr zu wissen scheinen und gerade mal wieder das Rad neu erfinden. Als hätte nicht auch bereits vor diesen SexualforscherInnen Simone de Beauvoir das alles schon 1949 auf die knappe Formel gebracht: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.“ Manche GenderforscherInnen scheinen gar zu glauben, die „aufregende Vision“ (Anne Fausto-Sterling), dass Natur und Kultur keine Widersprüche sind, sondern sich gegenseitig durchdringen, sei in den 90er Jahren von Judith Butler & Co. erfunden worden.

Alice Schwarzer, EMMA Juli/August 2007

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch “Die Antwort” (Kiepenheuer & Witsch).

http://www.emma.de/ressorts/artikel/feminismus-theorie/der-sehr-kleine-unterschied/

Und als sie endlich auch einmal in einer Universität im Rahmen der Mercator-Professur vorlesen durfte, mußte sie natürlich gleich Judith Butler wegbeißen:

Doch ignorieren Sie bitte nicht die lange Geschichte von Wissen und Erkenntnis im Bereich des Feminismus, sondern bauen Sie darauf auf! Schon vor über 100 Jahren hat die brillante Feministin Hedwig Dohm geschrieben: „Die Menschenrechte haben kein Geschlecht!“ Und Simone de Beauvoir hat vor 60 Jahren den epochalen Satz geprägt: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.“ 20 Jahre später bezeichneten amerikanische Sexualforscher den Geschlechts-Unterschied zwischen Natur & Kultur, zwischen Biologie & Prägung als Sex & Gender. Wieder 20 Jahre später machten die Begriffe Sex & Gender als feministische Neuschöpfungen von Judith Butler Furore – und seither scheint die Realität der Geschlechter im akademischen Diskurs manchmal hinter spitzfindigen philosophischen Identitätsfragen zu verschwinden.

Ich aber möchte Sie, die Studentinnen und Studenten von heute, ermutigen, sich auch dem Leben zuzuwenden. Denn die Welt von morgen braucht Sie.

Alice Schwarzer, 14. Dezember 2010

http://www.aliceschwarzer.de/publikationen/aliceschwarzer-artikel-essays/mercator-vorlesung/

Da hat sie tatsächlich ins Schwarze getroffen: manche Blüten der Gender-Forschung grenzen schon an Albernheit. So der Versuch, aus zwei Geschlechtern gleich sechzehn zu basteln. Wie das geht?

Ganz einfach: Geschlecht wird durch vier Faktoren festgelegt, nämlich den Genotyp, den Phänotyp, die gefühlte Identität und die gelebte Identität, und wenn man von der langweiligen Mehrheit absieht, bei der das alles stimmig ist, ergeben sich vierzehn weitere Zusammensetzungen, bei denen ein, zwei oder drei Faktoren vom Genotyp abweichen:

http://www.julaonline.de/pdf/rad%20der%20geschlechter.pdf

Das Modell ist natürlich nicht vollständig, schließlich gibt es auch uneindeutige Genotypen, und der Markt der Möglichkeiten wird durch die Einbeziehung von sexuellen Orientierungen noch einmal erfreulich erweitert. Der Siegeszug der Gender-Theorie scheint unaufhaltsam. Er fand nicht nur in den von den Naturwissenschaftlern so gern als ›Laberfächern‹ bezeichneten Geisteswissenschaften statt, nein, auch die Naturwissenschaften sind feministisch unterwandert, wie Worte, Leben und Werk der Biologie-Professorin Sigrid Schmitz belegen:

Der Legitimationsbezug für biologische Geschlechterstereotype ist die Wissenschaft. Daher müssen Genderansätze in die universitäre Forschung und Ausbildung hinein getra­gen werden. Auch wenn sich inzwischen an einigen Universitäten Zentren für Geschlechterforschung institutionalisiert ha­ben, sind diese vorwiegend in den Gesellschafts- und Kulturwissenschaften angesiedelt. Viele GenderforscherInnen der Natur- und Technikwissenschaften sind in ihren Disziplinen immer noch vereinzelt und die Institutionalisierung von Gender Studies in diesen Fächern ist bis heute marginal.

Also haben wir uns in einem ‚Netzwerk Gender Studies (TechnoMedSciences)‘ zusammengeschlossen, um gemeinsam Forschungsinitiativen und Lehrkonzepte zu entwickeln, eine Fachzeitschrift ist geplant. Dabei ist die transdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Gesellschaftswissenschaften zentral, denn nur so lassen sich die gegenseitigen Einflüsse zwischen naturwissenschaftlichen Theorien und gesellschaftlichen Geschlechterordnungen sichtbar machen und aufbrechen.

An der Universität Freiburg haben wir eine solche Vernetzung in den letzten Jahren erfolgreich umgesetzt. Das ‚Kompetenzforum Genderforschung in Informatik und Naturwissenschaften‘ (gin), das ich zusammen mit Britta Schinzel am Institut für Informatik und Gesellschaft aufgebaut habe, arbeitet eng mit dem ‚Zentrum für Anthropologie und Gender Studies‘ (ZAG) zusammen. Konsequent haben wir gemeinsam im Nebenfachstudiengang Gender Studies Inhalte der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften sowie der Technik-, Naturwissenschaften und der Medizin angeboten und diese beiden Säulen transdisziplinär verknüpft. Wir entwickeln ein entsprechendes Master-Studienprogramm, ko­ope­rieren in Forschungsprojekten und haben mit der Arbeitsgruppe TechnoScience einen Raum geschaffen, in dem etablierte und angehende WissenschaftlerInnen sowie Studierende aller Diszi­plinen diskutieren und neue Ideen entwickeln. Grenzüberschreitend arbeiten wir auch mit den Zentrum Gender Studies der Universität Basel zusammen. Vertiefende Informationen zu An­sätzen, Ergebnisse und Zentren der Gen­derforschung liefert das gerade eröffnete Internetportal ‚Gender@Wiki‘.

[…]

Körper und Kultur, Sex und Gender sind untrennbar miteinander verwoben, sie bedin­gen und beeinflussen sich gegenseitig. Wir können das eine nicht ohne das ande­re verstehen.

Sigrid Schmitz, EMMA Juli/August 2007

Die Autorin ist Hochschuldozentin zur „Mediatisierung der Naturwissenschaften und Genderforschung“ an der Universität Freiburg.

http://www.emma.de/hefte/ausgaben-2007/juliaugust-2007/das-gehirn-veraendert-sich-lebenslang/

http://www.dieuniversitaet-online.at/professuren/curricula-vitae/beitrag/news/univ-prof-dr-sigrid-schmitz/80.html

Verblüfft habe ich vor einigen Tagen festgestellt, daß nicht nur das Private, nein, auch das Technische politisch ist – und daß eine studierte Mathematikerin (jedenfalls dann, wenn sie Doktormütter hat) einen Dr. Ing. mit folgender Dissertation erwerben kann (jedenfalls in Bremen):

„DE-GENDERING INFORMATISCHER ARTEFAKTE:

GRUNDLAGEN EINER KRITISCH-FEMINISTISCHEN TECHNIKGESTALTUNG“

von Corinna Bath

Dissertation

zur Erlangung des Grades einer Doktorin der Ingenieurwissenschaften

– Dr. Ing. –

vorgelegt am Fachbereich 3 (Mathematik & Informatik)

der Universität Bremen

im März 2009

Gutachterinnen:

Prof. Dr. Susanne Maaß

Universität Bremen

Arbeitsgruppe Soziotechnische Systemgestaltung & Gender

Prof. Dr. Heidi Schelhowe

Universität Bremen

Arbeitsgruppe Digitale Medien in der Bildung

Kolloquium: 11. Mai 2009

INHALT

[…]

3.1. Das Technische ist politisch! ……………………………………………………………….. 28

http://elib.suub.uni-bremen.de/edocs/00102741-1.pdf

Gefunden habe ich das Werk auf dieser Seite, auf der es herzerfrischend kommentiert wird:

Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Bitte um Meinungsbild zu Dissertation in Informatik

Hadmut
11.9.2012 11:51

Uncategorized

An die wissenschaftsbefähigten Informatiker unter den Lesern: Ich bräucht’ mal Eure Meinung.

Ist ja immer ratsam, sich nicht nur auf seine eigene Meinung zu verlassen (und Gefahr zu laufen, subjektive Ansichten einzumischen), sondern auch mal anderer Leute Meinung einzuholen.

Wie schätzt Ihr diese Dissertation ein? (Prüfung war im Frühjahr 2009, veröffentlicht wurde sie erst jetzt.)

http://www.danisch.de/blog/2012/09/11/bitte-um-meinungsbild-zu-dissertation-in-informatik/

Tja. Wie konnte es bloß so weit kommen? Bettina Röhl hat die Durchsetzung dieses, euphemistisch ausgedrückt, Gedankenguts auf allen Ebenen der Macht, bereits in einem CICERO-Artikel vom 31.3.2005 skizziert und äußerst kritisch beleuchtet – ja, man kann sagen, daß es sich hier um einen frühen Aufschrei des märchenhaften ›Der Kaiser ist nackt!‹-Spruchs handelt. Daß dieser Aufsatz bei CICERO nicht mehr online ist – wundert das jemanden?

31. März 05

Die Gender Mainstreaming-Strategie

von Bettina Röhl

(Cicero Online Spezial)

Utopie oder Wirklichkeit?

Wie eine hauchdünne Funktionärsschicht in der Politik hinter den Kulissen den Boden für eine „Gender-Gesellschaft“ bereitet

Spült der lautlos heranrollende Tsunami namens „Gender Mainstreaming“ das unbekannte Wesen „Mann“ fort? Diese Frage scheint berechtigt, wenn man sich die neue Politik des so genannten Gender Mainstreaming auf der offiziellen Website der Bundesregierung genauer ansieht.

Die Bundesfrauenministerin Renate Schmidt finanziert seit Oktober 2003 die Einrichtung des GenderKompetenzZentrums an der Humboldt-Universität für die Dauer von zunächst vier Jahren mit jährlich 340.000 Euro. Das Zentrum, so heißt es auf der Website der Ministerin, „initiiert Forschung, bündelt Wissen und unterstützt so die Einführung von Gender Mainstreaming in alle Bereiche der Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Verwaltung.“ Seit ein paar Jahren baut das Frauenministerium systematisch die„Gender Mainstreaming-Strategie“ aus, die 1995 auf der Vierten Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen in Peking beschlossen wurde und die vorsah, dass „geschlechtsspezifische Belange in die Konzeption aller Politiken“ integriert werden müssten.

Das Ministerium führt aus, was die EU mit dem Inkrafttreten des so genannten Amsterdamer Vertrages vom 1. Mai 1999 beschlossen hat: „Die Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern ist nach Art. 2 und 3 Abs. 2 des EG-Vertrages verpflichtende Aufgabe bei allen Tätigkeiten der Gemeinschaft im Sinne der Gender Mainstreaming-Strategie.“ Die entsprechenden Beschlüsse der Bundesregierung lauten: „Mit Kabinettbeschluss vom 23. Juni 1999 hat die Bundesregierung auf der Grundlage des in Art. 3 Abs. 2 Satz 2 GG festgelegten Staatsziels die Gleichstellung von Frauen und Männern als durchgängiges Leitprinzip ihres Handelns anerkannt und beschlossen, diese Aufgabe mittels der Strategie des Gender Mainstreaming zu fördern. In Ausführung dieses Beschlusses wurde am 26.7.2000 in § 2 der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Bundesministerien die Verpflichtung aller Ressorts festgelegt, diesen Ansatz bei allen politischen, normgebenden und verwaltenden Maßnahmen der Bundesregierung zu beachten (…)“

Gender Mainstreaming, kurz GM, heißt das Zauberwort der jüngsten Stufe des Feminismus – von dem bis heute kein Mensch weiß, was das genau ist. Alice Schwarzer postulierte schon vor dreißig Jahren: Du wirst nicht als Frau oder Mann geboren, sondern als „Mensch“ und entscheidest dich später selbst, was du sein willst. Jeder soll ein neues so genanntes kulturelles, „soziales Geschlecht“ bekommen, ein Gender, das er selbst bestimmen kann und dies völlig unabhängig von seinem biologischen Geschlecht. GM ist, wie es vielerorts in den Leitpapieren und Eckdaten der Gender Mainstreamer heißt, „Abschied vom Verständnis einer geschlechtsneutralen Politik.“ Was hier als Gleichberechtigung daher kommt, ist jedoch tatsächlich Frauenbevorzugung und Männerbenachteiligung mit zweifelhaftem Nutzen für Frauen und zweifellosem Schaden für Männer. Ein Beispiel: Wird statistisch festgestellt, dass es 30 % Architektinnen und 70 % Architekten gibt, werden solange nur noch Architektinnen ausgebildet und gefördert, bis zumindest Gleichstand erreicht ist, und dies unabhängig davon, ob es mehr weibliche oder männliche Bewerber gibt. So heißt es in den „Eckpunkten für den Gender Mainstreaming-Prozess“ in dem Beschluss des Bundeskabinetts zum Gendermainstreaming als “durchgängiges Leitprinzip der Bundesregierung”, hg. vom BMFSFJ von 1999: „…diese Strategie der Gleichstellungspolitik dient der Anerkennung und Verwirklichung von Frauenrechten als Menschenrechte….“ Unter dem Punkt „Notwendigkeit der Erhöhung des Frauenanteils in Verwaltung und Politik“ heißt es: „… dies erfordert gezielte Frauenförderungsmaßnahmen, um den Frauenanteil auf allen Hierarchieebenen, insbesondere an Entscheidungs- und Leitungspositionen zu erhöhen.“ An anderer Stelle heißt es:„Gezielte Frauenförderungsmaßnahmen sind notwendig, um bestimmte Benachteiligungen von Frauen schnell und wirksam begegnen zu können und so die Voraussetzungen für die Umsetzung des Gender-Mainstreaming-Konzeptes zu verbessern.“

Von spezifischen Männerrechten oder dem Ausgleich von klassischen Männerbenachteiligungen, die es auch gibt, ist in den bisher veröffentlichten Texten zu GM an keiner Stelle die Rede.

[…]

So heißt es ausdrücklich “Ungleichbehandlung und Fördermaßnahmen (positive Aktionen) könnten sich daher als notwendig erweisen, um die Diskriminierungen der Vergangenheit und Gegenwart auszugleichen.”

http://bettinaroehl.blogs.com/mainstream/2005/03/cicero_online_s.html

Genau das ist es, was mir an den ganzen Konzepten nicht einleuchten will, die ja davon ausgehen, daß es auf die Biologie nicht ankomme, weshalb es, so frei sind wir, entweder gar kein, nur ein, oder sechzehn und mehr Geschlechter gibt: wie war es möglich, daraus die Schlußfolgerung zu ziehen, daß es sehr wohl auf das platte genotypische Geschlecht ›Frau‹ ankommt, denn nur dieses sei zu fördern?

Diesen Widerspruch sah auch Bettina Röhl:

Kaum vorstellbar, dass man die Biologie abschaffen kann oder darf. Erstaunlicherweise sind es die Gender-Leute, die selber oft an den Haaren herbeigezogene, biologistische Argumente für die Geschlechterauflösung, also das Gender Mainstreaming, heranziehen. Schließlich lässt sich der rote Leitfaden des GM, den man sich hütet, offen zu legen, auf folgende Gleichung verkürzen: Östrogen bedeutet Friedlichkeit, Fruchtbarkeit, Frohsinn. Testosteron dagegen bedeutet Teufel, Terror und Tyrannei. Die Gender Mainstreamer sind so wie die gescheiterten Kommunisten im Begriff, ihre Weltformel mit pseudowissenschaftlicher Massenliteratur zu unterlegen, in Gesetze zu pressen und lautlos in allen Ministerien zu implementieren.

http://bettinaroehl.blogs.com/mainstream/2005/03/cicero_online_s.html

Seitdem ist die von Feministinnen betriebene Verteufelung des Mannes aus biologischen Gründen (Testosteron!) weit fortgeschritten: daß Männer gewalttätig und Vergewaltiger sind, wird wie ein Mantra wiederholt, und jegliche einschlägige weibliche Anschuldigung ist wahr, jegliche Zurückweisung der Anschuldigung durch die Justiz (falls sie sich das überhaupt noch traut und nicht ein Fehlurteil produziert, das nur selten bekannt wird) Ergebnis patriarchalischer Kumpanei ›mit dem Täter‹. Der Vergewaltigungsvorwurf oder der Vorwurf des sexuellen Mißbrauchs von Kindern als Waffe der Frau? Iwo, Frauen sind ja friedfertig, lügen nicht, Aggression und Rachegefühle sind ihnen ›von Natur aus‹ fremd. Andererseits ist die ›Differenz‹ zwischen den Geschlechtern in diesen Kreisen ein Unwort, denn wenn Frauen irgendetwas weniger gut können oder auch nur etwas anderes wollen als Männer, dann ist das lediglich einem Akt der gesellschaftlichen Rollen-Zuschreibung geschuldet, nicht aber dem Östrogen, der Gebärfähigkeit und den Mutterinstinkten – die selbstverständlich, vive la différence, nicht jede Frau in gleichem Maß aufweist.

Das ist die reine konzeptionslose Rosinenpickerei für einen höheren Zweck. Oder sollte man ihn einen niedrigen Zweck nennen, da es um Macht geht?

Bettina Röhl:

Wie viele der 40 Millionen deutschen Frauen wissen überhaupt, was GM ist? Wie viele kennen das Wort „Gender Mainstreaming“? Wie viele haben sich darüber Gedanken gemacht und darüber diskutiert? Wie viele Frauen haben anderen Frauen Mandate gegeben in Kenntnis dessen, dass die Mandatierten mehr oder minder klammheimlich die Welt gendermäßig umkrempeln wollen? Will die Mehrheit der Frauen die Erziehung ihrer Kinder abgeben? Wollen alle Frauen im Beruf stehen? Will die Mehrheit der Frauen, dass ihre Söhne systematisch von GM benachteiligt werden als Buße für historische Ungerechtigkeiten, tatsächliche und behauptete? Im Hintergrund werden unter dem Stichwort Genderbudgeting die Geldströme der Haushalte für die Durchsetzung der nebulösen Strategien manipuliert. GM basiert auf dem richtigen Gedanken, dass eine Frauenbenachteiligung beseitigt werden muss, die im Detail steckt und in tradierten Systemen nicht mehr hinterfragt wird. Indes ist GM nicht ungefährlich – wegen antimaskuliner Parteinahme, wegen historisch begründeter Rachelegitimationen und weil GM nicht am Zusammenleben der Geschlechter interessiert ist, sondern an der Schaffung neuer Herrschaftsverhältnisse unter dem hehren Wort der Gleichberechtigung.

http://bettinaroehl.blogs.com/mainstream/2005/03/cicero_online_s.html

Diese Analyse hat sich bestätigt. Die Erfahrung zeigt aber auch: wenn einstmalige Querdenker im Mainstream angekommen sind, mit der Zuneigung des Establishments bedacht und mit Preisen geehrt werden, haben sie ihre beste Zeit hinter sich. Sie sind überflüssig geworden und man wendet sich kritisch ihren Hinterlassenschaften zu. Ich denke schon, daß diese Preisverleihung einen Wendepunkt markiert, auch wenn der Mainstream in den Medien noch schweigt.

Die Zeichen an der Wand mehren sich jedenfalls, nicht nur, weil die verteufelten Männer sich spät, aber nicht zu spät, zu wehren beginnen. Seit dem Kachelmann-Verfahren ist auch die Schieflage der Justiz deutlich geworden, die belastenden Aussagen von Frauen per se einen höheren Rang einräumt als den bestreitenden Angaben eines männlichen Beschuldigten, der entgegen der Unschuldsvermutung seine Unschuld zu beweisen hat. Die europäische Frauenquote (40% in Aufsichtsräten) wird nicht kommen, Frau von der Leyen, die dieselbe unsinnige Forderung erhebt, ist ebenfalls isoliert und allenfalls als Merkel-Herausforderin eine politische Figur, ansonsten ebenso beliebig wie ihre Gegnerin, und ihre Nachfolgerin im Familienministerium hat ›Gender Mainstreaming‹ als Kampfmittel und Umerziehungsprogramm entschärft. So lautet die aktuelle Definition:

Gender

Gender bedeutet, nicht stereotyp “die Frauen” oder auch “die Männer” in den Blick zu nehmen, sondern Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt zu berücksichtigen. Niemand ist nur männlich oder nur weiblich, aber wir leben in einer Welt, die maßgeblich durch die Zuweisung von Geschlechterrollen geprägt ist. Frauen und Männer werden ständig daran gemessen, wie weiblich oder wie männlich sie sich verhalten; und Menschen werden auch immer wieder mit impliziten geschlechtsspezifischen Erwartungen konfrontiert. Daher ist es wichtig, Geschlechterdifferenzen wahrzunehmen, sie aber nicht – wie es auch das Bundesverfassungsgericht sagt – als tradierte Rollenzuweisungen zu verfestigen. Mit Gender sind also immer auch Vorstellungen von Geschlecht gemeint, die sich ändern lassen.

http://www.gender-mainstreaming.net/gm/Wissensnetz/was-ist-gm,did=16746.html

Das ist eine Definition, der man sich nur anschließen kann – während Schwarzer und Co. natürlich schon wegen des Begriffs ›Geschlechterdifferenzen‹ aufheulen.

Was ist Gender Mainstreaming?

Gender Mainstreaming ist eine Strategie, um durchgängig sicherzustellen, dass Gleichstellung als Staatsaufgabe (Art. 3 Abs. 2 GG) insbesondere von allen Akteurinnen und Akteuren der öffentlichen Verwaltung verwirklicht wird. Mit Gender Mainstreaming wird im international anerkannten Sprachgebrauch die Optimierung des Verwaltungshandelns im Hinblick auf die systematische Beachtung der Lebenswirklichkeiten von Männern und von Frauen bei der Planung, Durchführung und Bewertung des eigenen Handelns bezeichnet. Wesentlich ist also die geschlechterdifferenzierte Folgenabschätzung.

Die Europäische Union spricht bei Gender Mainstreaming von der “Einbindung der Chancengleichheit” in alle Maßnahmen.

Mainstreaming bedeutet, dass bei allen Entscheidungen, also im Hinblick auf Produkte, Außendarstellungen, Personal und Organisation, immer berücksichtigt wird, dass sich Frauen und Männer in unterschiedlichen Lebenslagen befinden. Nur wer die jeweiligen Unterschiede berücksichtigt, kann Diskriminierung vermeiden. Mit der Strategie des Gender Mainstreaming wird verhindert, dass scheinbar neutrale Maßnahmen faktisch zu Benachteiligungen führen. Mit Gender Mainstreaming sind nicht mehr nur einige wenige Akteurinnen und Akteure mit Gleichstellungsfragen befasst, sondern alle Akteurinnen und Akteure sind gefordert, Gleichstellung von Frauen und von Männern systematisch mitzudenken.

[…]

Hier geht es also darum, die Bemühungen um das Vorantreiben der Chancengleichheit nicht auf die Durchführung von Sondermaßnahmen für Frauen zu beschränken, sondern zur Verwirklichung der Gleichberechtigung ausdrücklich sämtliche allgemeine politische Konzepte und Maßnahmen zu nutzen, indem nämlich die etwaigen Auswirkungen auf die Situation von Frauen bzw. von Männern bereits in der Planungsphase aktiv und erkennbar integriert werden (“gender perspective”). Dies setzt voraus, dass politische Konzepte und Maßnahmen systematisch hinterfragt und die möglichen Folgen bei der Festlegung und Umsetzung berücksichtigt werden.

Die Maßnahmen zur Gleichstellung erfordern ein ehrgeiziges Konzept, das von der Anerkennung der weiblichen und der männlichen Identitäten sowie der Bereitschaft zu einer ausgewogenen Teilung der Verantwortung zwischen Frauen und Männern ausgehen muss.

Förderung der Gleichstellung ist nicht einfach der Versuch, statistische Parität zu erreichen. Da es darum geht, eine dauerhafte Weiterentwicklung der Elternrollen, der Familienstrukturen, der institutionellen Praxen, der Arbeitsorganisation, der Zeiteinteilung usw. zu fördern, betrifft die Chancengleichheit nicht allein Frauen, die Entfaltung ihrer Persönlichkeit und ihre Selbständigkeit, sondern auch Männer und die Gesellschaft insgesamt, für die sie ein Fortschrittsfaktor und ein Unterpfand für Demokratie und Pluralismus sein kann.

[…]

http://www.gender-mainstreaming.net/gm/Wissensnetz/was-ist-gm,did=13986.html

Das ist ein Ansatz, den man nur begrüßen kann – denn die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Arbeit und Familie stattfinden, sind oftmals schlicht menschen- und familienfeindlich. Und ketzerisch gesagt: ist nicht das Kindeswohl mindestens gleichrangig neben das Recht zur freien Entfaltung von Frauen und Männern zu stellen?

Kristina Schröder macht mit den neuen Definitionen von Gender und Gender Mainstreaming ernst:

Mo 07.12.2009

Bundesfamilienministerin Dr. Kristina Köhler im Gespräch mit der “Welt am Sonntag”

Welt am Sonntag: Ihr Haus hat jetzt ein neues Referat zur Jungen-Förderung. Warum?

Kristina Köhler: Aus vielen Untersuchungen wissen wir: Jungen bekommen schlechtere Noten, gehen häufiger auf Hauptschulen und brechen eher die Schule ab. Das hat auch etwas damit zu tun, dass es in der Kindertagesstätte und in der Grundschule kaum männliche Erzieher und Lehrer gibt. Das ist hochproblematisch, gerade weil es heutzutage so viele Kinder gibt, die ohne Vater aufwachsen.

Wir müssen uns daher Gedanken machen, wie wir es schaffen können, dass mehr Männer diese Berufe ergreifen. Das gilt auch für die Grundschulpädagogik: Wir müssen schauen, ob sie nicht zu sehr auf Mädchen ausgerichtet ist. Werden vielleicht zu viele Schmetterlinge gemalt und zu wenige Ritterburgen?

 

Welt am Sonntag: Hat sich Ihr Ministerium nicht wie die ganze Bundesregierung zum Gender Mainstreaming verpflichtet, das vorsieht, dass Mädchen und Jungen gleichermaßen zum Malen von Ritterburgen und Schmetterlingen erzogen werden sollen?

Kristina Köhler: Es ist nicht Aufgabe des Staates zu versuchen, Kinder zu einem bestimmten Verhalten zu drängen. Nur ein Beispiel: Der Staat sollte alles tun, um der jungen Frau, die Elektrotechnik studieren möchte, alle Hürden aus dem Weg zu räumen. Aber der Staat sollte nicht zwanghaft versuchen zu erreichen, dass 50 Prozent der Elektrotechnikstudenten weiblich sind.

http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/aktuelles,did=132980.html

Was er sowieso nicht schaffen wird…  Elektrotechnik ist lannnngweilig, wie die meisten Dinge, die für viele Männer bedeutsam sind. Gut, daß es diese merkwürdigen männliche Präferenzen gibt: benutzen oder ignorieren können wir die Hervorbringungen ihres Ingeniums ja nach Gusto. Ich erinnere mich an meinen technikbegeisterten Vater, der Ingenieur war und gerne Messen besuchte. Ab und an brachte er von Haushaltswaren-Messen die neuesten Errungenschaften für die Hausfrau mit, gern den letzten Schrei auf dem Gebiet des Zerschnetzelns. Ein Mal ausprobiert, wanderten die Geräte in irgendwelche Tiefen des Küchenschrankes. Die mühselige Reinigung des Geräts stand in keinem Verhältnis zu seinen geringen Vorteilen gegenüber Handarbeit oder herkömmlichen Geräten.

Es ist klar, daß die Ministerin mit diesen Aussagen zum Haßobjekt von Feministinnen und Mainstream-Medien werden mußte. Auch in der weichgespülten Fassung kostet Gender Mainstreaming immer noch viel überflüssiges Geld, man denke an die zahlreichen akademischen Positionen von Frauen, die sich nicht mehr um ihr eigentliches Fach kümmern, sondern vorwiegend gendern – aber als Kampfmittel zwischen Mann und Frau hat die Sache hoffentlich ausgedient.

Bettina Röhl hat daran erinnert, worum es eigentlich geht:

Man glaubt es kaum, dass nach den äußerst unguten historischen Erfahrungen ausgerechnet in Deutschland wieder Menschenzucht-Gedanken hoffähig gemacht werden, indem Wörter wie „Genshopping“ fallen oder der bessere Samen des „Hallodri“ gegenüber dem des im Hause vorhanden „Pantoffelhelden“ gepriesen wird: eine Vermischung von Mediensprech mit primitivster Vulgärwissenschaft. Die Psychologie der Einfaltspinsel, die in den Medien immer wieder als neuester Stand der Geschlechterforschung vorgeführt wird, ist allzu oft auf erschütternder Weise niveaulos und pietätlos im Angesicht des schönsten und größten Geheimnisses von Männern und Frauen, der sexuellen Anziehungskraft zwischen Menschen.

http://bettinaroehl.blogs.com/mainstream/2005/03/cicero_online_s.html

Das ist nun alles Zwangsheterosexualität geworden, und, da atmet die Wirtschaft auf, Karriere wichtiger als Liebe. Je mehr Menschen um einen Arbeitsplatz konkurrieren, umso besser.

Einen einzigen Artikel habe ich gefunden, der sich kritisch mit der Preisverleihung an Judith Butler befaßt: bezeichnenderweise erschien er in der Nische einer katholischen Zeitung, und bezeichnenderweise teilt dessen Autorin Gabriele Kuby mit Bettina Röhl die anti-68er-Reflexe, speziell die Ablehnung der sexuellen Revolution, die in meiner Vita wiederum höchst erfreuliche Wirkungen zeitigte. Man muß nicht katholisch oder kritisch gegenüber den 68ern sein, um die Gender-Theorien abzulehnen: in den Mainstream-Medien traut sich aber keiner mehr, diese Ablehnung zu formulieren. Entweder, weil die Journalistinnen Profiteurinnen der Bewegung sind und ihre Ansprüche gerade massiv anmelden, oder weil sie sich vor dem Haß, den Kristina Schröder irgendwie aushält, fürchten. (Männer sind übrigens noch feiger als Frauen, was feministische p.c. angeht.)

10.09.2012 15:46

Die Ideenlieferantin

Die amerikanische Philosophin Judith Butler, die heute mit dem Theodor W. Adorno-Preis der Stadt Frankfurt geehrt wird, steht in der Kritik. Man wirft der amerikanischen Denkerin eine antiisraelische Haltung vor. Tatsächlich ist dies aber nur ein kontroverser Nebenschauplatz ihrer allgemeinen Ansichten. Butler will mit der von ihr entwickelten Gender-Theorie das gesamte westliche Wertesystem unterwandern. Sie plädiert für die Aufhebung der Trennung von Mann und Frau. Das hat auch Konsequenzen für die Ethik. Ein Einspruch

Von Gabriele Kuby

http://www.die-tagespost.de/Die-Ideenlieferantin;art456,137199

Bei allen Vorbehalten gegenüber dem Standort der Autorin sollte man ihren Artikel lesen – denn sie hat recht. Hier ein paar Ausschnitte:

Ihre [Judith Butlers] Frage ist: „Wie kann man am besten die Geschlechter-Kategorie stören, die die Geschlechter-Hierarchie und die Zwangsheterosexualität stützen? (…) Die Aufgabe der vorliegenden Untersuchung ist (…), den Phallogozentrismus und die Zwangsheterosexualität zu (…) dezentrieren (…) und die starren, hierarchischen sexuellen Codes wirksam zu de-regulieren.“ (Das Unbehagen der Geschlechter, S. 8–11)

Solche Sätze muss man nicht sofort verstehen, aber sie lassen sich übersetzen. Butler möchte die Geschlechter-Kategorie von Mann und Frau stören, denn die schiere Existenz dieser Polarität erzeugt aus ihrer Sicht eine Hierarchie der Geschlechter und gibt dem Mann, auf dessen Phallus die Kultur zentriert ist, Macht über die Frau, und zwingt die Menschen in die Heterosexualität. Gelingt es, die Identifizierung des Mannes mit dem Mannsein und der Frau mit dem Frausein aufzulösen, dann bricht dieses ganze hierarchische Machtgefüge, welches Judith Butler so zuwider ist, zusammen.

Um das zu erreichen, will Judith Butler, die ihre Homosexualität öffentlich bekennt, das Inzesttabu abschaffen, weil es durch „den Mechanismus der Zwangsidentifizierung gewisse geschlechtlich bestimmte Subjektivitäten hervorbringt“, das „Phantasma“ geschlechtlicher Identität als Mann und als Frau aufrecht erhält und „ein Tabu gegen die Homosexualität“ schafft. (Unbehagen, S. 115–118)

http://www.die-tagespost.de/Die-Ideenlieferantin;art456,137199

Nun wird es auch verständlich, warum Alice Schwarzer Judith Butler grollt, hatte sie doch schon 1975 eine „Zwangsheterosexualität“ postuliert, die es allerdings nur aus bi- bzw. homosexueller weiblicher Perspektive geben kann. Für die überwältigende Mehrheit der Menschen ist Heterosexualität etwas ganz Natürliches, eine freie Wahl existiert nicht.

Gabriele Kuby:

Die Revolte der Gender-Ideologie gegen die „Diktatur der Natur“ (Butler) hat, anders als etwa die marxistische Vision der „klassenlosen Gesellschaft“ keine „Massenbasis“ – immer noch kennen die wenigsten auch nur den Begriff „gender“. Dennoch wird die Gesellschaft auf allen Ebenen „gegendert“, das heißt, die in jeder einzelnen Zelle, in der Gehirnstruktur, im Hormonhaushalt, im Körperbau eingeprägte unauslöschliche Identität als Mann oder Frau wird zum „Stereotyp“ erklärt, welches es auszumerzen gilt, ebenso die Heterosexualität als „normative Normalität“ (Robert Spaemann). Dass die Subversion der Identität tatsächlich zum gesellschaftspolitischen Programm werden konnte, zeugt dafür, dass sie den Machteliten nützt, denn sie sind es, die das große Umerziehungsprogramm des Gender-Mainstreaming durchführen – ohne jede demokratische Legitimation. Es handelt sich um eine top-down Revolution, deren Auswirkungen jeder spürt: die Auflösung tragender Normen, insbesondere im sexuellen Bereich, und den daraus mit Notwendigkeit folgenden Zerfall der Familie.

http://www.die-tagespost.de/Die-Ideenlieferantin;art456,137199

Das ist schon eine sehr klarsichtige Analyse – wenn ich auch insofern anderer Ansicht bin: die Möglichkeit vielfältiger sexueller Erfahrungen auch für Frauen führt nicht notwendig zum Zerfall von Familien. Denkbar sind zwei Szenarien: Frauen stoßen sich die Hörner ab und binden sich später, ohne das Gefühl haben zu müssen, etwas versäumt zu haben; oder aber bindungswillige Partner mit einem Verantwortungsgefühl für Familie gestehen einander das Bedürfnis für Seitensprünge zu – anders geht es nicht, die Illusion von serieller Monogamie generiert Endloswiederholungen, unter denen vor allem Kinder leiden, die sich mit Halbgeschwistern herumplagen müssen und existentiell verunsichert werden.

Aber lesen wir weiter bei Gabriele Kuby, die ihre eigene strenge Sicht der Dinge hat:

Das ist die „hervorragende Leistung“, für welche die Rhetorik-Professorin der University of California und Inhaberin des Hannah Arendt Lehrstuhls für Philosophie an der European Graduate School der Schweiz den Theodor W. Adorno Preis erhält: Sie liefert die Ideologie für die Zerstörung des christlichen Wertefundaments und der tragenden sozialen Strukturen des einzigartigen Erfolgsmodells europäische Kultur. Alle drei Jahre wird der Preis mit 50 000 Euro von der Stadt Frankfurt bei einem Festakt in der Paulskirche vergeben. Judith Butler ist der Darling großer Stiftungen wie Guggenheim und Rockefeller, deren Fellowships sie angehört. 2004 erhielt sie den Brudner Prize der Yale University für besondere Verdienste für „lesbian and gay studies“; 2008 wurde sie mit dem Andrew W. Mellon Award ausgezeichnet, dotiert mit 1,5 Millionen Dollar, welcher den Empfängern ermöglichen soll, „unter besonders günstigen Bedingungen zu lehren und zu forschen“. Seit 2012 ist sie Gastprofessorin an der Columbia University, jener Universität, welche den exilierten Professoren Horkheimer und Adorno mit ihrem Institut für Sozialforschung in den 1930er Jahren Asyl gewährte. Die Schlussfolgerung ist unvermeidlich: die Macht- und Geldeliten wollen die „Subversion der Identität“, die Butler vertritt.

http://www.die-tagespost.de/Die-Ideenlieferantin;art456,137199

Ja klar wollen die das. Liebe, Sex, Familie, Bindungen – diese Phänomene garantieren, daß ein Arbeitnehmer Prioritäten setzt, die dem Arbeitgeber nicht dienlich sind. Er will die gesamte Person, gern auch in der Freizeit verfügbar, und je mehr Arbeitssuchende vorhanden sind, umso mehr kann der Lohn gedrückt werden… Schon das katholische Zölibat ist mit dieser Begründung eingeführt worden: vollkommene und ablenkungsfreie Hingabe an den Priesterberuf war das Ziel.

Und hier geht Gabriele Kuby in medias res der jüdischen Überreaktion gegen Judith Butler als ›moralisch verderbt‹:

Die Queer-Theory will die Polarität der Hetero- und Homosexualität beseitigen zugunsten einer vollständigen Auflösung der geschlechtlichen Identität, um die „Hegemonie der Zwangsheterosexualität“ abzuschaffen. Dass dies tatsächlich vor unseren Augen auf der ganze Welt geschieht, dafür hat Judih Butler die Ideen geliefert und als Aktivistin der internationalen Homo-Lobby das social engineering. Was würden wohl Martin Buber und Hannah Arendt dazu sagen? Ein radikalerer Gegensatz zur jüdischen Ethik lässt sich nicht denken. Es ist eine patriarchale Ethik, in deren Zentrum die Familie steht. Der prioritäre Rang der Familie ist ein wesentlicher Faktor, der dem jüdischen Volk das Überleben durch alle Verfolgungen hindurch ermöglicht hat. Weit davon entfernt, die „Welt zu reparieren“, betreibt Judith Butler mit ihrer außerordentlichen Intelligenz die Zerstörung der ethischen und sozialen Grundlagen der Familie und gefährdet so das Überleben auch unserer Gesellschaft.

http://www.die-tagespost.de/Die-Ideenlieferantin;art456,137199

Das dürfte tatsächlich der wahre Grund der jüdischen Angriffe auf die Jüdin Butler sein. Anders läßt sich der schrille Ton nicht erklären.

P.S.

Meine anfänglichen Formatisierungsprobleme liegen natürlich an meiner typisch weiblichen mangelnden Affinität zur Technik, anderseits an der mich unterdrückenden männlichen Dominanz im Bereich der Programmierung – ich bin also reines Opfer von Biologie und Patriarchat. Ganz ungegendert.

Update (18.9.2012)

Nun hat doch noch ein grundsätzlicher Angriff auf Butlers Gender-Theorien in einem Mainstream-Medium, nämlich im aktuellen SPIEGEL (Print) 38/2012 stattgefunden. Wenig überraschend: es war wiederum eine Frau, die ihn führte, nämlich die Autorin und Journalistin Elke Schmitter, die selbst Philosophie studiert hat.

Es ist ein Artikel, den ich wärmstens empfehle – hier nur ein paar kleine Auszüge als Appetizer:

Denker

Die heilige Judith der Unschärfe

Die Adorno-Preisträgerin Judith Butler gilt als eine der wichtigsten Philosophinnen der Gegenwart. Warum eigentlich? Ein Grundkurs. Von Elke Schmitter

[…]

„Das Unbehagen der Geschlechter“, Butlers Hauptwerk, erschien 1990, als die Philosophin 34 Jahre alt war. Es war schwer lesbar und krude formuliert, aber von den damals beliebtestens „schweren Zeichen“, also Relevanzsignalen durchsetzt, nämlich Vokabeln wie „Begehren“, „Diskurse“, „Gender“, „epistemische Regime“ und „Metaphysik der Substanz“ und mit Verweisen auf Foucault, Lacan, Nietzsche. Es war ein Zwitter aus philosophischen Untersuchungen und Handbuch des Underground. Auch wer den akademischen Schleifen nicht zu folgen vermochte, durfte das gute Gefühl konsumieren, Mitglied der Avantgarde zu sein.

[…]

Von heute aus ist es erstaunlich, mit welch heiligem Ernst diskutiert worden ist, was sich nicht diskutieren lässt, weil es die Geltungsbereiche vermengt. Als philosophisches Traktat ist Butlers Werk ein hochspezifischer Kommentar auf der Rückseite des gesunden Menschenverstands. […] Politisch ist es unbrauchbar, weil es Unterscheidungen von Sein und Sollen, von Ziel und Praxis, von Behauptung und Nachweis generös übergeht. Aber es hatte zur richtigen Zeit den optimalen „radical chic“.

[S.150 f.]

Diese Kleinzitate sollen Lust machen auf den gesamten Artikel – denn auch Elke Schmitter betrachtet es mit einem gewissen Sarkasmus, daß aus dem bloßen Spiel der unscharfen Gedanken von Butler der platte Ruf nach der Frauenquote geworden ist, die selbst Butlers Laudatorin bemühte…

Friede Springer & die Frauenquote

 

Die Witwe und Erbin Friede Springer hat der WELT AM SONNTAG ein längliches Interview gegeben, das am 29.4.2012 veröffentlicht wurde:

„Ich wollte es dem Herrn Kirch beweisen”

Am 2. Mai wäre der Verleger Axel Springer 100 Jahre alt geworden. Seine Frau Friede öffnet deshalb ihr privates Fotoalbum und spricht im Interview über ihre Ehe mit einem Visionär und dessen Erbe. Von Andrea Seibel

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Die Interviewerin gibt wohlwollende Stichworte und Frau Springer extemporiert wolkig, wie das nun mal ist, wenn eine Angestellte die Chefin befragt.

Das hier ist schon der Höhepunkt an Kritik, die sich Andrea Seibel leistet:

Welt am Sonntag: Ernst Cramer, der langjährige Weggefährte Ihres Mannes und auch Ihr Freund bis zu seinem Tod vor zwei Jahren, sagte 2008 versöhnend in einem Gespräch mit dem Schriftsteller Peter Schneider, Springer hätte in Rudi Dutschke zwar einen Zerstörer aller demokratischen Werte gesehen, aber den deutschen Patrioten in ihm verkannt. Damals war Ihr Mann hart in seiner Kritik. Würde er heute anders auf diese Zeit blicken, gemäßigter, wie Ernst Cramer oder auch Peter Boenisch, der sich später für manche Überschrift der “Bild” entschuldigte?

Friede Springer: Eines ist sicher: Er war ein sensibler, mitfühlender Mensch. Es fiel ihm nicht schwer, sich zu entschuldigen. Er konnte auch schnell verzeihen. Sicher täte ihm vieles leid. Einmal sagte er ja auch im Laufe eines Ben-Witter-Interviews, manchmal fiele er vor Schreck aus dem Bett, wenn er die Überschriften seiner Blätter läse. So war er. Er war sehr emotional.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Nun mußte das Interview vielleicht nicht ganz so harsch ausfallen wie jenes, das Gerhard Henschel am 5.9.2006 führte:

“Friede Springer ist pervers!”

Der Fall Natascha Kampusch. Interview mit dem Psychoanalytiker Erwin Sonderbrügge

taz: Herr Sonderbrügge, die nach achteinhalb Jahren Gefangenschaft der Gewalt ihres Entführers entkommene Natascha Kampusch hat sich in einem offenen Brief intime Fragen ausdrücklich verbeten und erklärt: “Die Intimität gehört mir alleine.” Nun haben das österreichische Magazin News und die deutsche Bild-Zeitung ausführlich Intimstes aus den unrechtmäßig angezapften Vernehmungsprotokollen zitiert, die die Öffentlichkeit einen Dreck angehen …

Erwin Sonderbrügge: Ich bin kein Jurist und kann mich nur auf mein Gerechtigkeitsempfinden berufen, wenn ich sage, dass die presserechtlich dafür Verantwortlichen hinter schwedische Gardinen gehören. Außerdem bedürfen sie einer intensiven Therapie. Es ist allerdings fraglich, inwieweit Menschen, die seit Jahren ihren Lebensunterhalt mit Schnüffeleien in fremden Betten bestreiten, therapierbar sind.

Bild hat die Leserschaft auch über die Existenz von DNA-Spuren der Geisel am Bettlaken des Entführers informiert.

Wer so etwas tut, ist pervers. Der finanzielle Vorteil, den die Sexualnachrichtenhehler aus ihrem Geschäft ziehen, sollte nicht den Blick darauf verstellen, dass ihnen als Triebtätern die Fähigkeit fehlt, moralisch und sozial verantwortlich zu handeln. Im Grunde sind diese Leute arme Schweine.

Besonders arm ist der Bild-Herausgeber Kai Diekmann ja nun nicht.

Das ist auch wieder wahr.

Die Verlegerin Friede Springer ist sogar Milliardärin und verdient sich in diesen Tagen noch dümmer und dämlicher mit dem Ausplärren der im Schlafzimmer des Entführers zusammengetragenen polizeilichen Ermittlungsergebnisse.

Und eben daraus spricht ja die bittere Geistesarmut dieser Person. Sie ist betriebsblind, sozial inkompetent, seelisch verroht und absolut unfähig, ihre Geldgier aus Rücksicht auf andere Menschen zu zügeln, und so lässt sie ihre Angestellten eben das Bettlaken eines Entführers auslutschen und Schindluder in Frau Kampuschs Intimsphäre treiben.

Wie würden Sie Friede Springer, Kai Diekmann und Mathias Döpfner, den Chef des Springerkonzerns, therapieren?

Pffffff … (Kratzt sich am Kopf und schweigt ratlos.)

[...]

http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2006/09/05/a0198

Aber eine kleine Nachfrage, wie es denn um ihren eigenen Seelenfrieden bestellt sei, wenn sie die Schlagzeilen ihrer Cash-Cow BILD lese, wäre doch wohl möglich gewesen, ohne eine Abmahnung zu kassieren? Und wie sie selbst zu den Haß-Parolen der BILD stehe, die das Klima der Jahre 67/68 vergiftete. Marek Dutschke hat es jedenfalls probiert:

Es ist für mich unerheblich, ob Josef Bachmann selbst die “Bild”-Zeitung gelesen oder die Parolen irgendwo aufgeschnappt hat, als er beschloss, meinen Vater zu erschießen. Die Parolen der Springer-Presse waren längst in die Mitte der Gesellschaft gedrungen.

Hat Axel Springer in der Studentenbewegung wirklich eine Bedrohung für Westdeutschland gesehen? Woher rührte das krasse Feindbild und die Hetzjagd durch seine Scharfmacher in der Redaktion? Fand er es unverschämt, dass vermeintlich privilegierte Studenten einen Machtanspruch formuliert hatten? Hatte der große Medienmogul Axel Cäsar Springer einen Minderwertigkeitskomplex, weil er selbst nicht studiert hatte? War er neidisch auf Jugend und Tatendrang der Studenten? Oder kalkulierte er trocken, je drastischer die Schlagzeile, desto größer die Auflage? Wie dem auch sei, er ist mitverantwortlich für das Attentat auf meinen Vater und für die weitere Eskalation der Gewalt.

Als ich im Jahr 2000 längere Zeit in Berlin lebte, wohnte ich bei Freunden zufällig genau in der Straße, in der Friede Springers Villa steht. Ich war Anfang Zwanzig und naiv. Ich schrieb einen formlosen Brief an sie und fragte, wieso ihr späterer Mann damals eine solch verantwortungslose und gefährliche Berichterstattung zugelassen hat. Warum musste alles so kommen, wie es gekommen ist?

Ich ging zu ihrem Haus und steckte den Brief einfach in den Kasten. Die Antwort folgte prompt. “Erstaunt, aber auch erfreut”, sandte Friede Springer mir (“dem lieben Herrn Dutschke”) “freundliche Grüße von Tür zu Tür”. Es sei eine “aufregende Zeit” gewesen damals. Ihr verstorbener Mann sei von allen Seiten angefeindet worden. Die “Ursachen der ganzen Entwicklung” könne man “im Archiv nachlesen”. Der Brief war freundlich und milde. Im wichtigsten Punkt blieb Friede Springer der alten Linie treu: “Schuld am Tod Ihres Vaters kann Axel Springer gar nicht gewesen sein”. Begründet hat sie das nicht. Es ist ein starkes Stück, Springer als Opfer darzustellen. Er, der reiche Meinungsmacher, ein Opfer der Studenten? An dieser Argumentation hat sich, soweit mir bekannt ist, bis heute nichts geändert. Es hat beim Springer-Verlag keine Aufarbeitung der Geschichte gegeben.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,829694,00.html

Nein, dieses Terrain ist zu gefährlich. Friede Springer arbeitet lieber weiter am kitschigen Verklärungswerk, das ihren charmanten Götter-Gatten der Zone der gemeinen Kritik entrückt. Sie trägt aber auch, was ihr eigenes Leben angeht, eine rosarote Brille. Und insoweit ist dieses Interview wirklich interessant.

Wie sieht sie ihr Leben ›als Frau‹, das in seiner Spannweite von Kindermädchen ohne Ausbildung über ausgehaltene Geliebte, fünfte Ehefrau eines dreißig Jahre älteren Wirtschaftsmagnaten, Aufsichtsrätin bis hin zur Erbin und machtbewußten Milliardärin genug Anlaß zur Reflektion bietet? Was hält sie vor diesem biographischen Hintergrund von der Frauenquote? Gibt es ihr zu denken, daß nahezu alle mächtigen Frauen in der Wirtschaft auf dieselbe Art und Weise zu Rang, Namen und Vermögen gekommen sind?

Mächtige Wirtschaftsfrauen

Von seiner Seite an die Spitze

Von Maria Marquart

Sie machten Karriere ohne Quote: Friede Springer und Liz Mohn stiegen vom Kindermädchen und der Telefonistin zu den mächtigsten Frauen der deutschen Wirtschaft auf. Jetzt rückt Ursula Piëch in den VW-Aufsichtsrat auf. Denn wenn es ums Erbe geht, vertrauen die Bosse ihren Frauen.

[...]

Eine Frauenquote lehnen viele Vorstandsbosse oft mit dem Verweis ab, es gebe zu wenig qualifizierte Bewerberinnen. Ursula Piëch gibt in der Kandidatur für den VW-Aufsichtsrat ihren Beruf mit “Kindergärtnerin und Horterzieherin mit zusätzlichem Prüfungsfach Wirtschaft und Recht” an – und VW-Chef Martin Winterkorn gibt sich von der künftigen Konzern-Kontrolleurin begeistert. Der Manager – und Untergebene von Ferdinand Piëch – nannte dessen Gattin eine “sehr kompetente und unternehmerisch denkende Frau”.

Protegiert vom mächtigen Ehemann haben Frauen offenbar gute Chancen, sich in der Wirtschaft zu etablieren. Piëchs Strategie haben andere Unternehmer bereits umgesetzt. Die Verleger Axel Springer und Reinhard Mohn, der Industriezulieferer Georg Schaeffler und der BMW-Großaktionär Herbert Quandt – sie alle zogen ihre Ehefrauen als Nachfolgerinnen heran. Die Lebenswege dieser Frauen weisen überraschende Parallelen auf.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,820887,00.html

Das ist zweifellos die für die Männer schmerzloseste Variante der Frauenquote: die Mehrheitsaktionäre installieren ihre entsprechend geführten Frauen und Töchter im Aufsichtsrat, und die setzen dort die Strategie der Ehemänner und Väter um.

Ist golddigging also tatsächlich eine Option für den weiblichen Lebensweg? Wie denkt Friede Springer über die elf Jahre, in denen sie von der Großzügigkeit eines Frauenhelden abhängig war? (Was ließen sich heute nicht für Strauss-Kahn’sche Titelstories über den Eroberer Axel Springer schreiben…)

Friede Springer: Wir haben uns so gut verstanden, nie gab er mir das Gefühl, nur eine Affäre zu sein. Klar, ich war schüchtern, still, zurückhaltend. Aber nie war ich nur Geliebte, ich lebte schließlich mit ihm in seinen vielen Häusern, ich gehörte dazu, ich wurde geachtet. Als Axel Springer 1978 dann zu mir sagte: “Ich kann dieses Fräulein Riewerts nicht mehr hören. Wir heiraten!”, kam das so überraschend, dass ich fast vom Stuhl fiel.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

So kann es nicht gewesen sein – ganz abgesehen davon, daß der Heiratsantrag im Dezember 1977 gemacht wurde… Ihre Biographin Inge Kloepfer zeichnet diese Periode ihres Lebens in aller Deutlichkeit:

Er verwöhnte sie, wann immer er sie besuchte. Er kaufte ihr sündhaft teure Schuhe, die er im Schaufenster entdeckte, vermied es aber, mit seiner Neuen das Geschäft zu betreten. “Das Paar gefällt mir. Geh schnell hinein und kauf es dir”, sagte er zu ihr, drückte ihr ein paar große Scheine in die Hand und wartete, bis sie im Handumdrehen mit einer Tüte wieder aus dem Laden kam.

Springer unterhielt sich mit ihr – meinte er zumindest, denn was er für Unterhaltung hielt, endete häufig in Monologen. Nur zu Freunden und Bekannten nahm er sie nicht mit. So blieb sie allein, wenn er nicht bei ihr war, eingesperrt in einem goldenen Käfig. Sie fühlte sich einsam und nicht wirklich glücklich. Deshalb vermied sie es, die Nachmittage in ihren vier Wänden zu verbringen und auf Springer zu warten. Sie rannte aus dem Haus, besuchte Ausstellungen und Museen, ging spazieren und floh vor ihren eigenen Gedanken. Sie lenkte sich ab, so gut es ging. Über sich selbst und ihre Situation wollte sie nicht grübeln. Auf keinen Fall. Ihrem Unwohlsein wollte sie sich nicht stellen. Dann hätte sie sich eingestehen müssen, daß sie sich aushalten ließ, das Leben einer Mätresse führte, deren Wohl und Wehe nur von ihrem Gönner abhing. Und das wiederum wollte sie nicht wahrhaben. Es konnte und durfte nicht sein.

http://www.welt.de/print-wams/article122803/Die-Frau-von-der-Insel-und-ihre-grosse-Liebe.html

Elf  Jahre, in denen die Hoffnung auf Prestigegewinn und Vorzeigbarkeit mittels Eheschließung bereits begraben worden ist; Jahre, die aus Warten auf den Mann, Ablenkungen, dem Horten von Schmuck und Pelzen, dem Aufschauen, dem Aufgehen in ihm bestehen, alles bei ungesichertem sozialen und rechtlichen Status und der Gefahr, vor dem Nichts zu stehen, wenn der Mann sie verläßt. Wie hätte sie sich selbst ernähren können, ohne Berufsausbildung und Erwerbsbiographie? Über den demütigenden Aspekt dieses fremdbestimmt-abhängigen Lebens eilt sie hinweg und reklamiert ›Augenhöhe‹:

Welt am Sonntag: Was liebte und schätzte Axel Springer besonders an Ihnen?

Friede Springer: Ich kümmerte mich hundert Prozent um ihn, das gefiel ihm. Ich war eine gute Zuhörerin und ich lernte dazu. Das Verlagsgeschäft habe ich am Frühstückstisch, am Mittagstisch und beim Abendessen mit aufgesogen. Im Urlaub lasen wir gemeinsam Bücher und unterhielten uns darüber. Das kannte er nicht, dass sich jemand derartig mit ihm auseinandersetzte und beschäftigte, intensiv und auf gleicher Augenhöhe.

[...]

Friede Springer: Er hatte zu jeder Phase seines Lebens die richtige Frau. Wie mich auch.

Welt am Sonntag: Sie, die so gut mit Kindern konnten, durften keine haben. Er wollte Ihre ganze Aufmerksamkeit. Haben Sie ihm das nicht nachgetragen?

Friede Springer: Das war ein großes Opfer für mich. Ich liebe Kinder. Aber ich wusste, dass das nicht gut gehen würde. Er wollte meine Aufmerksamkeit. Und er wusste, hätten wir ein Kind, würde ich es niemals an ein Kindermädchen abgeben. Dafür kannte er mich zu gut. Heute habe ich elf Patenkinder und ich genieße das sehr.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Tatsächlich beschreibt sie ein Programm der Unterwerfung. Einzig die Bedürfnisse des Mannes nach exklusiver mütterlicher Zuwendung zählen. Weiter weg von Emanzipation könnte ein solches Frauenleben nicht angesiedelt sein, und da hilft auch nicht die herbeibeschworene Illusion, als ein auf Augenhöhe agierender Partner angesehen zu werden.

Der Springer-Enkel Axel Sven Springer hat im SPIEGEL-Interview vom 16.4.2012 Folgendes zu dem Verhältnis des Paares gesagt:

Springer: Die Friede Springer von damals hat mit der Friede Springer von heute wenig zu tun. Damals war sie nicht sehr selbstbewusst.

SPIEGEL: Es war kein Verhältnis auf Augenhöhe?

Springer: Niemand hatte zu meinem Großvater ein Verhältnis auf Augenhöhe. Friede war für meinen Großvater da. Das hat sie auch wirklich sehr liebevoll gemacht.

SPIEGEL: Aber sie tat nur, was er wollte?

Springer: Egal, was passierte, egal, wonach er fragte – mein Großvater bekam fast immer von allen nur die Antwort: „Bereits veranlaßt, Herr Springer“. Das ist ein geflügeltes Wort in der Familie.

SPIEGEL 16/2012, S. 141

Umso erstaunlicher, wie sie sich nach seinem Tod entwickelt hat: zäh in der familiären Erbauseinandersetzung, die ihr 20 % mehr sicherte als im vorhandenen rechtsgültigen schriftlichen Testament Axel Springers vorgesehen war; erfolgreich in der Rückeroberung der Aktienmehrheit – natürlich durch Männer wie Bernhard Servatius, Aufsichtsratsvorsitzender, Familienfreund und Testamentsvollstrecker, entsprechend beraten. Sie selbst führt diesen auch von Tränen, Ängsten und Einsamkeit begleiteten Wesenswandel auf ein Lehrer-Schüler-Verhältnis zurück:

Welt am Sonntag: “Friede darf alles wissen”, sagte einst Ihr Mann zu Ernst Cramer. Sie haben viel von ihm gelernt.

Friede Springer: Einmal meinte ich, ich sei ein Produkt von ihm, das ist missverständlich, es klingt, als hätte ich keinen eigenen Willen. Heute sage ich: Er hat mich ausgebildet, ich bin dank ihm gewachsen.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Ich lasse diese Lebensdeutung so stehen, einfach schon deshalb, weil mir außer dem Phänomen der Seelenwanderung keine anderen plausiblen Erklärungen einfallen wollen. Friede Springer ist jedenfalls eine Frau, deren Leben die Extrema der Skala zwischen Abhängigkeit und Machtausübung, zwischen unkritisch-liebevollem Umsorgen und knallharter Geschäftstätigkeit berührt. Eigentlich müßte gerade sie Erhellendes zu Emanzipation und Frauenquote sagen können.

Und dann liest man das:

Welt am Sonntag: Sie sind emanzipiert, sind eine moderne Frau, die sich in einer Männerwelt bewährt hat, ein Vorbild. Sie haben gesagt, ich habe immer Herausforderungen gesucht, ich bin ein Mann.

Friede Springer: Nein, ich habe gesagt, ich wäre lieber ein Mann geworden. Männer haben es einfacher im Leben. Wäre ich heute 18, würde ich das natürlich nicht mehr so sagen. Heute steht jungen Frauen die Welt offen. Aber ich werde 70 in diesem Jahr und ich denke manchmal, als Mann wäre ich früher sicherlich weiter gekommen im Leben.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Erschütternd. Als Mann wäre sie leistungslos Milliardärin und Unternehmenslenkerin geworden? Als Sohnemann vielleicht… Da wagt sogar Andrea Seibel einen zaghaften Widerspruch:

Welt am Sonntag: Aber das sind Sie doch! Und außerdem hätten Sie Ihren Mann dann nicht gehabt.

Friede Springer: Das stimmt auch wieder.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Wie sie das nur vergessen konnte, die große Liebe… Gut, daß noch einmal nachgehakt wurde.

Zur Frauenquote sagt sie jedenfalls entschieden JEIN:

Welt am Sonntag: Heute sind Frauen so frei wie nie, Sie sagten es, und doch ist immer noch die Erfahrung vieler, dass sie es schwerer haben als Männer. Brauchen wir die Quote?

Friede Springer: Ich bin sicher oft eine Quotenfrau gewesen, in vielen Kreisen und Kuratorien, in die man mich berief, aber ich habe das nie als negativ empfunden. In dem Sinne bin ich nicht gegen die Quote. Vehement dafür bin ich aber auch nicht, weil ihr ein Hauch von Unfreiheit und Zwang anhaftet. Aber wir wollen schließlich weiterkommen! Vielleicht braucht es daher einfach diesen Schub.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Sie scheint nicht verstanden zu haben, was der Begriff ›Quotenfrau‹ bedeutet und welche Abwertung er vermittelt: nur wegen des Geschlechts und nicht wegen der Qualifikation befördert zu werden, muß jede Frau kränken, die tatsächlich qualifiziert ist. Friede Springer war nirgendwo Quotenfrau, sondern im Konzern als Anteilseignerin sozusagen ein ›geborener‹ Aufsichtsrat. Und in den diversen Kuratorien ist sie eine hochqualifizierte Repräsentantin von Macht, Geld und Einfluß – ihr Geschlecht ist unerheblich.

Dem ›Hauch von Unfreiheit und Zwang‹, ja, dem sieht sie als Unternehmerin freilich beklommen entgegen. Das würde ihr nicht gefallen, wenn sie im eigenen Machtbereich die bewährten Vertrauten austauschen müßte. Und das steht zu befürchten, daß irgendwann auch die Vorstandsebene dran glauben soll. Letztlich geht es um den geschäftlichen Erfolg, und die Ära der geschassten Manager mit ihren Millionenabfindungen bei Springer sollte nun wirklich abgeschlossen sein.

Und der ›Schub‹, ja nun, ich weiß nicht. Es wird immer Menschen, Frauen wie Männer, geben, deren Vorstellung von ›Weiterkommen‹ begrenzt ist. Kloepfer über die Bewerbung der 23-jährigen Friede als Kindermädchen bei, wie es sich später herausstellte, der Springer-Familie:

Ein Villenhaushalt in Hamburg – war das nicht das, was sie wollte? Dort sollte sie nicht Mädchen für alles sein, sondern ausschließlich das Kinderfräulein für einen niedlichen Jungen in einem herrlichen Haus, sicher bei wohlhabenden Leuten, die sie womöglich ebenso freundlich und offen aufnähmen wie die beiden anderen Familien, bei denen sie bisher gearbeitet hatte. Die Vorstellung, die diese Anzeige bei ihr weckte, gefiel ihr. Sie bewarb sich, formulierte ihr Anschreiben schlicht und verbindlich und schrieb auch ein wenig von sich selbst. Viel gab es ja nicht zu berichten über ihren Werdegang. Gerade einmal die Volksschule hatte sie absolviert und in zwei Haushalten mit Kindern Erfahrung gesammelt. Mit ihrer schwungvollen Schrift setzte sie ihren Namen unter den Text und die Adresse des Springer-Verlages in Hamburg auf den Briefumschlag.

http://www.welt.de/print-wams/article122803/Die-Frau-von-der-Insel-und-ihre-grosse-Liebe.html

Ob sie die 1958 begonnene Lehre im Hotelfach im Duus-Hotel in Wyk nicht nach wenigen Monaten abgebrochen hätte, wenn es seinerzeit schon Quotenfrauen in Aufsichtsräten von DAX-Konzernen gegeben hätte?

http://www.klixs.de/friede-springer/F/1136.html

Angesichts des Lebensziels ›Villenhaushalt‹ ist das zu bezweifeln. Sicher erscheint dagegen, daß Friede Springer nicht weiter mit Fragen zur Emanzipation und der Frauenquote behelligt werden sollte. Denn ihre Kern-Botschaft lautet recht eigentlich: Tu, felix femina, nube. Und nutze den jungen Witwenstand.

Das ist ganz und gar nicht emanzipiert. Und da die Frauen von heute ja alle so frei und selbstbewußt sind, hätte das uns vor Augen geführte Beziehungsmodell sowieso nicht den Hauch einer Chance…

Update:

Hier gibt es eine umfangreiche Darstellung über das gerichtliche Berufungsverfahren (2 U 35/04 OLG Hamburg), das Axel Sven Springer gegen Friede Springer wegen der Erbschaftsauseinandersetzung geführt hat:

http://www.manager-magazin.de/unternehmen/it/0,2828,517817,00.html

Friede Springer hat diesen Prozeß gewonnen:

http://justiz.hamburg.de/oberlandesgericht/aktuelles/1289468/pressemeldung-2008-01-22-olg-01.html

Mir ist bereits der mitgeteilte Sachverhalt unverständlich: wenn der anwaltlich nicht beratene 19-jährige Axel Sven Springer am 31.10.1985 in einem Erbvertrag auf die ihm gemäß gültigem Testament zustehenden 25% des Erbes verzichtet und er sich mit 5% beschieden hat, wie kann er dann am 17.12.1985 von seinem gar nicht existierenden 25% -Anteil 10% an Friede Springer abgetreten haben? Rätselhaftes Zivilrecht…

Der BGH wies am 15.7.2009 die Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision zurück.

http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&nr=48759&pos=0&anz=1

 

Zum 100. Todestag von Karl May, † am 30.3.1912

Karl May als Kara Ben Nemsi (1896)

Ein kleiner Auszug aus einem utopischen Roman:

»Wann wird er kommen, dieser Friede?« fragte Schakara. »Es scheint fast, nie!«

»Er kommt!« antwortete die Herrin mit schwerer Betonung. »Er muß kommen, denn Gott will es.«

»Es vergingen Tausende von Jahren, ohne daß er kam!«

»Aber es werden nicht mehr Tausende vergehen!«

»Im Abendlande regt es sich bereits,« fiel ich ein. »Die edelsten der Männer und der Frauen vereinen sich, ihm freie Bahn zu brechen.«

»Freie Bahn?« fragte Marah Durimeh. »Im Abendland? Ich weiß, ich weiß! Aber was können die Vorschläge selbst der edelsten Menschen fruchten, wenn man die großen, die deutlichen, die riesenhaft in die Augen fallenden Winke nicht beachtet, welche das Leben selbst erteilt? Und wenn sich hundert Kaiserinnen und tausend Königinnen vereinen, um ihre Stimmen für den sogenannten ewigen Frieden zu erheben, was wäre der Chor dieser Stimmen gegen den fürchterlichen, ununterbrochenen Schrei des Blutes, welches von Anfang an bis heute vergossen worden ist, ohne daß auch nur ein einziges Jahr erschien, von dem man sagen könnte, daß es Friede auf Erden gab.«

»Die Herrscher und Fürsten beschicken Friedenskonferenzen,« sagte ich, »auf denen – -«

»Auf denen man den Krieg, nicht aber den Frieden organisiert!« unterbrach mich Marah Durimeh.

»Man humanisiert den Krieg!«

»Das heißt, man tötet schneller und schmerzloser, aber – man tötet! Ich sage dir, mein Freund, der stolze Krieg steigt nie zum Frieden herab, um ihm die Hand zu reichen, sondern der Friede muß zu ihm empor, um ihn, der ewig widerstreben wird, herabzuschmettern. Hat der Krieg eine eiserne Hand, so habe der Friede eine stählerne Faust! Nur die Macht imponiert, die wirkliche Macht. Will der Friede imponieren, so suche er nach Macht, so sammle er Macht, so schaffe er sich Macht. Du siehst, daß der Friede niemals wirklich Friede sein kann. Er ist es nur so lange, als er die Macht besitzt, es zu sein. Er hat stets auf Vorposten zu stehen. Sobald er sich beschleichen und überfallen läßt, tritt der Feind an seine Stelle. Alle Rüstung der Erde und alle Rüstung ihrer Völker war bisher auf den Krieg gerichtet. Als ob es unmöglich wäre, in eben derselben und noch viel nachdrücklicherer Weise auf den Frieden zu rüsten! Begreifst du, was ich meine?«

»Ich verstehe dich,« antwortete ich. »Krieg oder Friede. Wer von beiden die größere Macht besitzt, der wird herrschen. Woher aber bezieht der Krieg seine Macht?«

»Das wirst du in Ardistan sehen.«

»Und woher der Friede die seinige?«

»Das sollst du in Dschinnistan erfahren. Heute, in diesem Augenblicke, ist nicht die Zeit, über diese Fragen viele Worte zu machen. Worte tun es überhaupt nicht, sondern Taten müssen geschehen. Ihr habt Kriegswissenschaften, theoretische und praktische. Und ihr habt Friedenswissenschaften, theoretische, aber keine praktischen. Wie man den Krieg führt, das weiß jedermann; wie man den Frieden führt, das weiß kein Mensch. Ihr habt stehende Heere für den Krieg, die jährlich viele Milliarden kosten. Wo habt ihr eure stehenden Heere für den Frieden, die keinen einzigen Para kosten, sondern Milliarden einbringen würden? Wo sind eure Friedensfestungen, eure Friedensmarschälle, eure Friedensstrategen, eure Friedensoffiziere? Mehr will ich jetzt nicht fragen. Denn alle, alle diese Fragen werden sich in Ardistan vor dir erheben, und die Antworten werden dir in Dschinnistan erscheinen, doch nur dann, wenn du die Augen offen hältst. Dein Ritt nach diesen beiden Ländern ist ein Studien- und ein Uebungsritt, und was du dir da geistig aneignest, das betrachte als meinen Dank für die Bereitwilligkeit, mit der du meinen Auftrag übernimmst. Diese beiden Länder werden dir ein ziemlich treues Bild der Erde bieten, der Erde, ihrer Bewohner und aller möglichen Verhältnisse, in denen die Völker zueinander stehen. Und wenn dir da Rätsel begegnen, die du nicht lösen kannst, so denke an das Bild, welches ich dir jetzt entwerfe.«

Sie machte eine langsame, andeutende Armbewegung nach dem Osten und fuhr dann fort:

»Da hinten ist die gelbe Rasse aus einem langen, tiefen Schlaf erwacht. Sie regt nur erst die Glieder. Sie beginnt erst, frei zu atmen. Wehe, wenn sie, ihre Kräfte fühlend, vom Lager aufspringt, um zu zeigen, daß sie genau so wie andere berechtigt ist, zu leben!«

Hierauf zeigte sie nach dem Westen und sprach weiter:

»Da drüben liegt Amerika, das ihr so falsch als ‘Neue Welt’ bezeichnet. Dort lebt der rote Mann, von dem ihr meint, daß er dem Untergange gewidmet sei. Ihr irrt. Dieser rote Mann stirbt nicht. Kein Portugiese, kein Spanier, kein Englischmann, kein Yankee hat die Macht, ihn auszurotten. Und der Deutsche geht nicht hinüber, um des Indianers Feind zu sein. Sie haben Beide das, was wohl kein Anderer hat, nämlich Gemüt, und das wird sie vereinen. Der sogenannte ‘sterbende’ Indianer wird wieder aufstehen. Es gibt ein übermächtiges, weltgeschichtliches Gesetz, welches befiehlt, daß der mit dem Schwert Besiegte mit dem Spaten dann der Sieger sei. Der gegenwärtige Yankee wird verschwinden, damit sich an seiner Stelle ein neuer Mensch bilde, dessen Seele germanisch- indianisch ist. Diese neue amerikanische Rasse wird eine geistig und körperlich hochbegabte sein und ihren Einfluß nicht auf die westliche Erdhälfte allein beschränken. Sie wird sich aller geistigen Triebkräfte des Abendlandes bemächtigen, und wehe dem alten Europa, wenn es dem nichts Anderes entgegenzusetzen hat, als nur die alten Vorurteile, die alte Selbstüberhebung, die alten Kultursünden und – - die alten Kanonen! Denn auch der Orient beginnt schon, sich zu regen. Er streckt die Glieder; er prüft die Muskeln, die Gelenke. Er glaubt, was Japan konnte, das könne er auch! Der Riese Islam, dessen mächtige Gestalt auf europäischer, asiatischer und afrikanischer Erde ruht, fürchtet sich nicht vor der scheinbaren Uebermacht des Abendlandes. Das Kismet, an welches er glaubt, ist unwiderstehlich im Angriff und von unendlicher Ausdauer. Es wiegt die Uebermacht der europäischen Waffen auf. Gebt dem Morgenlande gute Führer, so wird es siegen. Und siegt es nicht, so wird sein Untergang zugleich der eure sein. Die gelbe Rasse wird sich dann mit der germanisch-indianischen in die Herrschaft über die Erde teilen. Und warum? Weil das Abendland nicht groß, gerecht und edel genug war, seine angeblichen ‘Interessensphären’ einer humanen Nachprüfung zu unterwerfen und sich mit dem Morgenlande auszusöhnen!«

»Sich mit dem Morgenlande auszusöhnen?« fragte ich. »Das ist falsch. Es muß heißen, das Morgenland mit sich auszusöhnen, denn nicht das Abend- sondern das Morgenland ist der beleidigte, der schwer gekränkte, der unterdrückte Teil. Fast Alles, was das Abendland besitzt, hat es vom Morgenlande. Seine Religion, seine Kunst, seine Wissenschaft, seine ganze Bildung und Gesittung, seine Zerealien, seine Früchte. Den ganzen Grund und Boden seines äußeren und inneren Lebens. Und was es nicht unmittelbar von ihm hat, dazu ist doch wenigstens der Anstoß von ihm ausgegangen. Wie unendlich groß ist der Dank, den wir ihm schuldig sind! Und wie haben wir ihm gelohnt? Wie und womit?«

»Du fragst sehr richtig, sehr richtig!« antwortete Schakara. »Wie habt ihr uns gelohnt, und womit? Nachdem wir euch Alles gaben, was wir besaßen, nur unsere Erde nicht, denn die gehört nicht uns, sondern Gott, kommt ihr mit allerlei Listen und Waffen, uns auch noch diese wegzunehmen! Hätte euch der Orient weiter nichts, weiter gar nichts, als nur das eine, einzige Wort gegeben, ‘Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm’, so könntet ihr ihm diese eine Gabe nicht mit allen Sonnen, Monden und Sternen belohnen, so viele ihrer auch am Himmel stehen; Ihr aber habt nicht nur hierfür, sondern überhaupt für Alles, was ihr bekamt, keine einzige Tat des Dankes, sondern nur Blut und Krieg und Neid und Haß gegeben.«

»Wenn du das im Abendlande sagtest, würde man darüber lachen, o Schakara,« warf ich ihr zu. »Man behauptet dort das gerade Gegenteil von dem, was du behauptest. Man glaubt, dem Morgenlande Wohltat über Wohltat zu erweisen, indem man zu ihm geht, um – - -«

»Um ihm die Liebe aufzudringen, die es nicht mag, weil sie die falsche ist,« fiel Marah Durimeh ein. »Ich spreche nicht von der Mission, ich spreche von der Nächstenliebe der europäischen Politik. Man zeige mir ein Herz, welches durch sie gewonnen worden wäre! Es gibt keines, kein einziges! Und doch ist es die größte, die wichtigste, ja die heiligste Aufgabe des Abendlandes, das Herz des Orients zu gewinnen, wenn es zukünftige Kämpfe vermeiden will, aus denen es wohl kaum als Sieger hervorzugehen vermag. Und nicht nur nach der Liebe des Orients hat es zu trachten, sondern auch nach seiner Achtung, seinem Vertrauen!«

»Aber wie?« erkundigte ich mich.

»Das fragst du, der du doch schon längst auf dem rechten Wege bist, dir Alles zu gewinnen? In allen Büchern, die du schreibst, lehrst du die Liebe zu dem Morgenlande! Aus allen deinen Schriften lächelt die Seele des Orients – sehnsüchtig, wehmutsvoll! Es ist ein Lächeln durch Tränen! Wärst du das Abendland, du hättest den Orient wohl schnell gewonnen, denn du liebst ihn, und du kommst nicht, um ihn auszunützen. Aber du bist nur ein einzelner Mensch, und es müßten außer dir und denen, die dich lesen, noch viele, viele Tausende kommen, um in demselben Sinne zu wirken und zu leben. Man schicke, so wie du, die deutsche Kunst ins Morgenland! Da lernt man es am besten kennen und lieben! Man sende auch die Wissenschaft, doch nicht nur, um in Babylon nach alten Steinen zu graben, sondern um überhaupt nach dem ruhenden Geist des Orients zu suchen. Die Wege, welche vom Abendlande zum Morgenlande führen, sollen nicht mehr Wege des Krieges, sondern Pfade des Friedens sein! Laßt Waffen- und Soldatentransporte verschwinden! Der Handel blühe! Die Wohlfahrt eile freudig hin und her, um Zwiste auszugleichen, Schäden zu heilen und Segen zu verbreiten! Dann wird der Mensch des Menschen würdig sein. Und wenn die große, schwere Stunde kommt, in der im fernen Westen wie im fernen Osten die Schicksalsfrage: ob Krieg oder Friede, klingt, dann werden beide, der Orient und das Abendland, als unüberwindliche, weltgebietende Freunde beieinander stehen und die Völker der Erde zwingen, ihre Schwerter verrosten zu lassen!«

»Wann wird dies sein?« fragte ich. »Wie bald, wie spät?«

»Geh nach Dschinnistan; dort wird die Stunde schlagen,« antwortete sie.

[Karl May: Ardistan und Dschinnistan I, S. 16 -22, Buchfassung im Verlag Fehsenfeld, Freiburg i. Br. (1909)]

Und hier einer meiner Lieblingsdialoge zwischen Halef und Kara Ben Nemsi:

»Herr, du bist ein Christ, ein Franke, mit dem man von diesen Dingen reden kann. Weißt du, was die Liebe ist?«

»Ja. Die Liebe ist eine Koloquinthe. Wer sie ißt, bekommt Bauchgrimmen.«

»O, Sihdi, wer wird die Liebe mit einer Koloquinthe vergleichen! Allah möge deinen Verstand erleuchten und dein Herz erwärmen! Ein gutes Weib ist wie eine Pfeife von Jasmin und wie ein Beutel, dem nimmer Tabak mangelt. Und die Liebe zu einer Jungfrau, die ist – - die ist – - wie – der Turban auf einem kahlen Haupte und wie die Sonne am Himmel der Wüste.«

»Ja. Und wen ihre Strahlen treffen, der bekommt den Sonnenstich. Ich glaube, du hast ihn schon, Halef. Allah helfe dir!«

»Sihdi, ich weiß, daß du niemals ein Bräutigam sein willst; ich aber bin einer, und daher ist mein Herz geöffnet wie eine Nase, die den Duft der Blumen trinkt.«

[Karl May: Durch die Wüste, S. 272, Verlag Fehsenfeld, Freiburg i. Br. (1892)]

Ein zeitloser Mayster – beide Themen sind immer noch aktuell…

Update (31.3.2012):

Soeben aus Radebeul zurück, mußte ich Betrübliches zur Kenntnis nehmen; denn

nun hat sich Georg Diez, den zu tadeln ich schon einmal nicht umhin konnte:

http://gabrielewolff.wordpress.com/2012/03/21/literaturkritik-als-mittel-der-vernichtung-eines-autors-auf-der-spur-der-methode-diez/

auch Karl Mays angenommen – oder vielmehr, sich des berühmten Namens bemächtigt, um mal wieder seine Befindlichkeit, unverdaute Lesefrüchte und name-dropping von sich zu geben. May dient nur als Aufhänger:

 30.03.2012

Durchs wilde Ironiestan

Eine Kolumne von Georg Diez

Dieser Tage wird ausgiebig der Triumphzug Karl Mays gefeiert – getarnt mit etwas Ironie. Dabei stellte Albert Camus in einer erst jetzt veröffentlichten Abhandlung klar, dass richtig verstandene Ironie immer der Aufklärung dient.

Ist Ironie eine Waffe der Starken oder der Schwachen, ist sie ein Mittel der Wahrheit oder der Lüge, ist Ironie gut oder schlecht? So einfach sind die Fragen, die Albert Camus stellt. Es ist der November 1939, Camus ist Journalist in Algier, die Deutschen machen sich daran, die Welt zu erobern. Aber die Frage nach der Ironie gilt heute so wie damals. Weil die Ironie eine Mata Hari ist, eine Doppelagentin der Wahrheit.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,824763,00.html

Es folgen ungeordnete Ziate und Gedanken zur Ironie, zu Harald Schmidt, zu Camus, zu Thomas Mann, zu Kracht – was der Kritiker denkt oder sagen will, bleibt bis zum Schluß unklar. Da rückt er dann mit der eigentlichen Aussage heraus:

Die Ironie ist dabei eines von vier Prinzipien, an die sich ein freier Mensch, sagt Camus, halten sollte: Klarheit, Widerspruch, Ironie und Eigensinn. “Der Eigensinn ist dabei die wichtigste Tugend”, schreibt Camus, das Paradox sei dabei, dass gerade der Eigensinn zu mehr “Objektivität und Toleranz” führt.

Und wenn heute alle groß Karl May feiern? Dann weiß ich, warum ich Karl May nie mochte.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,824763,00.html

Ahja. Alle feiern heute May, und daher mußte schon Klein-Georg recht gehabt haben, dagegen gewesen zu sein. Denn Eigensinn ist Individualität. Und um die geht es unserem Kritiker. Nehmt! Mich! Wahr! Und nicht den ollen May.

Literaturkritik als Mittel der Vernichtung eines Autors: auf der Spur der ›Methode Diez‹

Der Versuch des SPIEGEL-Kritikers Georg Diez, den Autor Christian Kracht aus der Gilde ernstzunehmender Autoren herauszuschreiben, indem er ihn als ›Rechten‹ diffamiert, ist glücklicherweise mißlungen. Die Zahl der Kollegen, die ihn tadelten, war groß, prominente Autoren meldeten sich gegen diesen Mißbrauch von Literaturkritik zu Wort, sein eigenes Blatt, der für seine Kultur-Abteilung schon lange unberühmte SPIEGEL, gab dem Kracht-Verleger Helge Malchow Raum zur Gegenrede und veranlaßte seinen vowitzigen Autoren-Erleger Diez zum Nachsitzen: wobei freilich nur wortreich herauskam, daß er den Autor Kracht ja eigentlich gar nicht beschädigen, sondern nur einem eigenen subjektiven Unbehagen habe Ausdruck geben wollen. Und außerdem sei die Etkettierung ›rechts‹ ja kein Verdikt, das den literarischen wie bürgerlichen Tod herbeiführe. Oder so. Jener SPIEGEL 9/2012 ist bei mir schon in der Altpapierkiste gelandet, die seit längerer Zeit entsorgt ist. Ich bitte um rege Hinweise, falls Diez in seinem Erklärstück mit dem unnötig vertraulichen Titel ›Meine Jahre mit Kracht‹ noch etwas Substantielles gesagt haben sollte, das mir womöglich entgangen ist.

Der Literaturskandal blieb also weitgehend aus, der verletzte Schweizer Autor sagte nur seine Premieren-Lesung in Deutschland ab, las aber in Leipzig, und der Absatz seines Romans ›Imperium‹ entwickelte sich erfreulich..

Damit ist der Fall aber nicht erledigt. Denn die Frage bleibt: wie konnte es zu dieser ehrenrührigen Attacke kommen? Welches journalistische Selbstverständnis steckt hinter dem Unterfangen? Was für ein Literaturbegriff liegt dem allem zugrunde? Und wieso findet sich ein bedeutendes Blatt, das diese Entgleisung verbreitet?

13.02.2012

Die Methode Kracht

Von Diez, Georg

Seit “Faserland” gilt Christian Kracht als wichtige Stimme der Gegenwart. Sein neuer Roman “Imperium” zeigt vor allem die Nähe des Autors zu rechtem Gedankengut.

Was will Christian Kracht? Am 16. Februar 2012 erscheint sein neuer Roman, er heißt “Imperium”, das Cover ist bunt und schaut einen fast kindlich an wie ein Comic. Eine Südseeinsel und das blaue Meer sind dort zu sehen, ein paar Möwen, ein rauchender Dampfer, eine Eidechse auf einem Baum und ein Totenschädel unter einem Busch.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Dieses Cover wäre ein erster Hinweis auf die Natur des zu rezensierenden Werks gewesen, zumal es heißt, daß Kracht sich auch um die äußere Gestaltung seiner Bücher kümmere:

http://www.amazon.de/gp/product/images/3462041312/ref=dp_image_0?ie=UTF8&n=299956&s=books

Denn es weist weniger Ähnlichkeit mit einem Comic auf als vielmehr mit den Deckelbildern des Karl-May-Verlages. Bis ins Detail ist es diesem hier nachempfunden:

Im Lande des Mahdi III (KMV Radebeul ab 1920)

http://www.biblioman.de/info/Versandantiquari8864/artikel_038610.htm

Im Sudan (Im Lande des Mahdi III) (die aktuelle Version)

http://www.amazon.de/gp/product/images/378020018X/ref=dp_otherviews_0?ie=UTF8&s=books&img=0

Im Vordergrund lauert hier statt Eidechse hilfsweise Gecko und Totenkopf deren Symbiose, gefährliche Krokodile nämlich, der Blick auf das Meer wird auch durch Palmen eingerahmt, im Hintergrund ist ebenfalls eine Insel zu sehen – nur die Vögel fehlen, und statt des Dampfers sieht man, wie sich ein Segelboot ins Bild schiebt.

Illustration eines Abenteuerromans aus kolonialen Zeiten, in dem der Ich-Erzähler gegen den Sklavenhandel streitet; ein Reiseroman, der von Ägypten in den Sudan führt und in den eine historisch verbürgte Person, nämlich der Mahdi, zur Beglaubigung des Realitätsgehalts einer ganz und gar phantasierten Geschichte verwoben ist. In der geht es, wie immer bei May, um Erlösung und Vernichtung, (Worte, die wir uns merken müssen), um Gefangenschaft und Befreiung: Metaphern, die sein reales niederdrückendes, ihn zur Flucht in die Literatur treibendes, Leben nur allzugut beschreiben. Heute könnte man sein ›Leben und Streben‹ als role-model für Autoren bezeichnen. Es gilt selbst für die, die ihn nicht kennen. Sie sollten ihn kennenlernen.

Im Gegensatz zu May, der seine exotischen Wort-Welten aus Reiseberichten, geographischen Werken, Sprachführern und Lexika erbaute, reist Kracht wirklich. Das scheint aber auch der einzige Gegensatz zu sein. Mag sich das Baumaterial beider Autoren unterscheiden, im Ergebnis führte und führt es zu literarischen Utopien. In einer Kundenrezension bei Amazon fand ich dieses Zitat:

‚Max’ ist eine der schlechtesten Zeitschriften Deutschlands. Das ist bekannt. Daß es der sogenannte ‚Max’ schafft, noch schlechter als der ‚Stern’ zu sein, mit dem er neuerdings häufig verglichen wird, ist neu – beinahe. ‚Max’ schafft es trotzdem, auch diese Hürde mit traumwandlerischer Sicherheit zu nehmen, wie immer wieder in verblüffender Weise deutlich wird. Ein Beispiel dafür ist die Besprechung von Christian Krachts jüngstem Buch ‚Der gelbe Bleistift’, die in dem Satz ‚Das Buch wird Ihnen gefallen, wenn Sie früher Karl-May-Fan waren’, verbunden mit der schlechtmöglichsten Punktebewertung, mündet. Danke, lieber Rezensent, danke, ‚fl’.

http://www.amazon.de/review/R229JEJSU563NO

Diez:

“Unter den langen weißen Wolken”, so beginnt “Imperium”, “unter der prächtigen Sonne, unter dem hellen Firmament, da war erst ein langgedehntes Tuten zu hören, dann rief die Schiffsglocke eindringlich zum Mittag, und ein malaysischer Boy schritt sanftfüßig und leise das Oberdeck ab, um jene Passagiere mit behutsamem Schulterdruck aufzuwecken, die gleich nach dem üppigen Frühstück wieder eingeschlafen waren.”

Es ist ein ferner, seltsamer Klang, der den Leser mit den ersten Sätzen ergreift, die Sprache kräuselt sich sanft wie Wellen, die auf den Horizont zulaufen. Es ist auch eine ferne, seltsame Geschichte, die Kracht da erzählt, von August Engelhardt, “Bartträger, Vegetarier, Nudist”, ein deutscher Aussteiger am Beginn des 20. Jahrhunderts, der sein Glück in der Südsee sucht. Neupommern, Blanchebucht und Herbertshöhe, das waren die Namen damals – und obwohl das alles erfunden wirkt: Es ist mehr oder weniger wahr, die Namen gab es wirklich, und auch August Engelhardt gab es wirklich.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Und spätestens jetzt hätte Diez auffallen müssen, daß er es mit einem Sprach-Kunstwerk zu tun hat, in dem der Duktus der Jahrhundertwende nachempfunden wird und in dem die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Vergangenheit und Gegenwart aufgehoben sind. In dem das Scheitern eines realen erlösungssuchenden Aussteigers zum Plädoyer für die Konstruktion einer literarischen Gegenwelt wird.

So deutete es sich schon in Krachts Erstlingswerk ›Faserland‹ (1995) an, als der durch Deutschland reisende Held, immer mehr erkaltend und vereinsamt in der oberflächlichen Konsumkultur, die ihn umgibt, sich zum Schluß auf den Friedhof von Kilchberg begibt, um das Grab von Thomas Mann zu suchen. Er findet es wegen der einbrechenden Dunkelheit nicht, und daher bleibt er untröstlich…

Der aktuelle Held August Engelhardt ist ein Konsum- und Kapitalismuskritiker wie die Ich-Figur in ›Faserland‹ und geht in seinem realen Flucht-Imperium zugrunde.

Georg Diez, der nebenbei die verblüffende Forderung aufzustellen scheint, ein Autor solle auch ein »guter Mensch« sein, beugt sich über dieses Werk wie seinerzeit ein katholischer Kritiker auf der Suche nach anstößigen Stellen. Und mißt dabei mit folgender, ähnlich unzulänglicher, Elle:

Krachts Koordinaten waren immer Vernichtung und Erlösung. Er platzierte sich damit sehr bewusst außerhalb des demokratischen Diskurses.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Diese Messung kann nur schiefgehen. Man muß dem Kritiker wünschen, daß ihm ein großer Teil der Literatur niemals unter die Augen gerät, insbesondere die Literatur nicht, die sich den existentiellen Fragen des Lebens zuwendet und mit demokratischem Diskurs daher nichts zu schaffen hat. Diez echauffiert sich tatsächlich darüber, daß in einem Kolonialroman Rassismus vorkommt, mokiert sich über allwissend-ironische Sentenzen der zeitenthobenen Erzählerstimme und scheint sogar etwas gegen die doch eigentlich hehren und auch heute noch aktuellen Fluchtgründe des Helden zu haben:

In “Imperium” nun feiert er “die exquisiteste Barbarei”, in die sich sein Held Engelhardt rettet und sich an dem Gedanken berauscht, “dieser vergifteten, vulgären, grausamen, vergnügungssüchtigen, von innen heraus verfaulenden Gesellschaft, die lediglich damit beschäftigt ist, nutzlose Dinge anzuhäufen, Tiere zu schlachten und des Menschen Seele zu zerstören, adieu zu sagen, für immer”.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Es ist überdeutlich dargetan: Diez will Kracht an den Kragen, und koste es seine eigene Reputation. Zwischendurch fragt er zwar mal: »Wer denkt so?« und »Wer spricht da?«, aber ernsthaft stellt er sich die Fragen nicht: es ist natürlich immer der Autor persönlich, und den will er erlegen. Allein mit dem Buch ›Imperium‹ oder anderen Romanen des Autors schafft er das allerdings nicht:

Und über den Holocaust: “Komödiantisch wäre es wohl anzusehen, wenn da nicht unvorstellbare Grausamkeit folgen würde: Gebeine, Excreta, Rauch.”

Kracht lässt diese drei Worte fallen wie die schönsten, bösesten Edelsteine, die er finden konnte. Aber was will er mit dieser Provokation?

Bei dieser Frage, stellt man irgendwann fest, hilft “Imperium”, helfen die Romane nur bedingt weiter. Kracht kann sich da leicht in seinen Literaturgewittern verstecken.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Das ist natürlich ärgerlich, daß es da einen gibt, der schreiben kann. Den kriegt man nicht zu fassen, der rettet sich in »semantischen Strudel«, der frönt »antimodernem Ästhetizismus«, der produziert »schönen Wellenschlag der Worte«. Leider, leider, hier gilt’s der Kunst, da muß der beschränktere Journalist neidvoll passen und sich daher einen publizierten Mail-Wechsel des Künstlers Kracht mit dem Künstler David Woodard vornehmen, in dem gar obskure Themen und obskure Menschen behandelt werden; denn Künstlers Briefwechsel, Mails und Tagebücher, selbst wenn sie von Anfang an zur Publikation vorgesehen waren, sind für einen Journalisten die Reine Quelle. Da muß doch jetzt das eigentliche Autoren-Denken zum Vorschein kommen… Bei diesen Textsorten gibt es nämlich keine Rollenprosa, keine Selbstdarstellung, keine Kunst, keine Stilisierungen. Meint jemand, der zwar gern selbst einen literarischen Journalismus pflegen würde, wenn er es könnte (es gelingen ihm nur mancherlei Stilblüten), der aber von Künstlern nichts versteht. Von ihren Inszenierungen, ihren Lebens-Umschreibungen. Diez bringt aber, unbewußt, ein hübsches Beispiel, wie diese Lebens-Art auch den Mail-Wechsel durchdringt:

“Es ist sehr bedacht von dir”, schreibt Kracht an Woodard, “dass du dich etwas von dem entfernst, was deine Gegner rechtsradikal nennen könnten, und eine entspanntere Art des zivilen Ungehorsams gewählt hast.” Hinter diesem “Nebelvorhang” könne Woodard sich vor den “Linken (in Schottenmuster gekleidete Schweizer feministische DJs) in Europa” verstecken, die sich “gezwungen sehen werden zu überdenken, wie sie deine Theorie der aristotelischen Komödie interpretieren”.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Nein, mit Komödie und in Schottenmuster gekleideten Schweizer feministischen DJs hat es unser eindimensionaler Mainstream-Kritiker nicht. Und so schließt er wuchtig:

“Wie die meisten seiner Zeitgenossen”, schreibt Kracht in diesem distanziert-ironischen Ton über Engelhardt, “wie alle Mitglieder seiner Rasse war er früher oder später dazu gekommen, in der Existenz der Juden eine probate Ursache für jegliches erlittene Unbill zu sehen.”

Vor dem Hintergrund von Nueva Germania und David Woodard und all den E-Mails werden diese Sätze bleischwer.

Was also will Christian Kracht? Er ist, ganz einfach, der Türsteher der rechten Gedanken. An seinem Beispiel kann man sehen, wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken seinen Weg findet hinein in den Mainstream.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Was also will Georg Diez? Er ist, ganz einfach, der beckmesserische Türsteher vor dem Reich der Literatur, in dem er die Plätze anweist, die er selbst niemals einnehmen kann. An seinem Beispiel kann man sehen, wie antimoderner, demokratiefeindlicher, totalitärer Machtanspruch der Presse seinen Weg in den medialen Mainstream gefunden hat.

Notwendiger Seitenblick:

An Georg Diez’ ›Rezension‹ einer nachgelassenen Reportagesammlung des Journalisten Marc Fischer kann man studieren, wie groß sein literarischer Ehrgeiz ist – so groß, daß eine Rezension nicht zustandekommt:

 16.03.2012

Georg Diez

S.P.O.N. – Der Kritiker

Bereit, die Welt zu umarmen

Marc Fischer war ein Journalist, ein Reisender, ein Suchender, ein Romantiker. Vor etwa einem Jahr ist er gestorben, doch mit dem Reportagen-Band “Die Sache mit dem Ich” lebt er wieder auf – als einer, der einem gute Laune machen kann, selbst wenn man Rückenschmerzen hat.

Ich mochte Marc Fischer, und ich glaube, er mochte mich auch, aber das kann ich natürlich nicht wissen, denn ich rede mit Leuten nicht über so etwas, weil ich denke, entweder ist es so oder eben nicht, und er redete mit Leuten nicht über so etwas, weil er dachte, es wird schon so sein – und jetzt ist er tot, er hat sich vor etwa einem Jahr umgebracht, und seine gesammelten Reportagen erscheinen, und als ich sie gestern Nachmittag durchgelesen habe, da lag ich auf meinem Bett, weil mir mein Rücken weh tut, und ich hatte auf einmal wieder gute Laune, es war, als habe jemand ein paar Wolken vor meiner Brille verrückt.

Das war Marc Fischer.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,821609,00.html

Das sind natürlich nur Ich-Botschaften des Schreibers, die mit Marc Fischer nur insoweit zu tun haben, als er dessen ›Programm‹ zu erfüllen versucht:

06.04.2011

Zum Tode Marc Fischers

          Der Junge mit der Mütze

Von Sebastian Hammelehle

[...]

Popjournalismus zeichnete sich durch dreierlei aus: 1. Phantasie war wichtiger als Recherche; 2. kein Satz sollte so geschrieben sein, wie man es auf den Journalistenschulen beigebracht bekam. Und, 3., die Texte waren ziemlich subjektiv.

[...]

Wie viele Journalisten der Zeit veröffentlichte Fischer Romane (“Eine Art Idol” und “Jäger”) und lotete darin die von Vorbildern wie Bret Easton Ellis und Douglas Coupland vorgegebenen Möglichkeiten der Popliteratur aus. Sein eigentliches Metier aber war nicht der Roman, sondern jene schwer greifbare Mischform im Niemandsland zwischen Journalismus und Literatur.

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,755325,00.html

In diesem Niemandsland irrt Georg Diez zur Zeit orientierungslos umher: was eine Rezension zu leisten hat und wie man an Literatur herangeht, hat er vergessen, aber die reflektierte Subjektivität, die den betrachteten Gegenstand klarer erfaßt und ihm mehr abgewinnt als die Vortäuschung einer objektiven Würdigung, hat er noch nicht gefunden. Auf S.P.O.N. mag er meinethalben ja noch üben. Im SPIEGEL bitte nicht mehr. Die Kollateralschäden seiner eigenen Entwicklungsgeschichte sind schlicht zu hoch. Autoren sind empfindsam. Hätten sie ein rindsledernes Gemüt, würden sie Journalisten werden.

Diese Offenheit ist es, die ich an Marc Fischers Schreiben mag. Man könnte es auch Ratlosigkeit nennen. Aber das sind ja die schönsten Menschen: Die, die im Grunde nicht wissen, was sie tun.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,821609,00.html

Tja. Das war dann wiederum eine treffliche Selbstbeschreibung. Aber wieso ›es‹? Und wieso ›schönste‹ Menschen? Dieses Adjektiv trifft wiederum gar nicht, was der Schreiber ausdrücken wollte.

Die Pointe von alldem ist, daß der von Georg Diez bewunderte reisende Ich-Sager Marc Fischer ein gemeinsamer Freund von Christian Kracht und David Woodard war.

Woodard hat am 6.4.2011 einen kleinen funkelnden Nachruf auf Fischer geschrieben (und hierin die Geschichte erzählt, unter welch aufwendigen Inszenierungen – falsches Haus, falsche Geburtstagsparty, falscher Todesfall, falscher Erbe – er Fischer im September 1996 zum ersten Mal empfangen hat. Eine Geschichte, die der Interpretation des Mail-Wechsels Woodard – Kracht doch sehr auf die Beine geholfen hätte):

http://032c.com/2011/an-elegy-for-marc-fischer-by-david-woodard/

Muß Diez jetzt auch den ratlosen Fischer (vielleicht war aber auch nur sein Schreiben ratlos oder vielmehr seine Offenheit) posthum verdammen, weil der nicht wußte, was er tat, als er mit Kracht und Woodard befreundet war, Diez aber nur mochte, jedenfalls vielleicht? Oder sollte man Menschen, die nicht wissen, was sie tun, vielleicht doch nicht schön finden? Ich überlasse Georg Diez der Wirrnis seiner Gedankenwelt, mit der ich glücklicherweise nichts zu tun habe.

Georg Diez:

Und so stellen die Geschichten von Marc Fischer eben auch ein paar Fragen an uns Überlebende: Wie viel wollen wir riskieren, wie weit würden wir gehen, wie wichtig ist uns unsere Sicherheit, wie groß ist die Sehnsucht, von anderen geliebt zu werden dafür, dass wir das Gleiche machen wie sie? Es sind Geschichten über die Medienwelten, in denen wir uns verheddern, es ist ein Buch über die Zwänge, die wir uns selbst auferlegen, es war ein Leben, das viel komplizierter war, als es schien, was wunderbar ist, wenn es gut geht.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,821609,00.html

Für Fischer ging es nicht gut, und auch Georg Diez sehe ich auf einem schlechten Weg. Es ist nämlich kein Ausweg, sich selbst den medialen Mainstream-Zwängen zu unterwerfen, und den Schmerz darüber in Aggression gegen einen anderen abzuleiten, der eine freie Haltung, die des literarischen Spiels gegen alle Konvention, gefunden hat.

Georg Diez sollte sich fragen, warum der SPIEGEL seinen unterkomplexen Angriff gegen Christian Kracht überhaupt abdruckte. Vielleicht versteht er dann, wie groß das Skandalisierungsbedürfnis des SPIEGEL zur Erzielung von Auflagensteigerung ist. Dem Autor Kracht hat der ›Skandal‹ trotz aller persönlicher Verletzungen auflagentechnisch genutzt, dem Kritiker hat er geschadet.

Es wäre nicht schlecht, wenn er hieraus Lehren ziehen würde.

Sonst erwartet ihn die Höchststrafe: lebenslänglich S.P.O.N.

Update:

Da war jemand schneller als ich und hat die unmittelbare Vorlage für das ›Imperium‹-Cover gefunden:

Christian Krachts „Imperium“

Finden Sie die Unterschiede?

06.03.2012 ·  Gegen Christian Krachts Roman „Imperium“ werden allerhand Vorwürfe erhoben. Dabei nimmt er nur seinen Titel ernst und ist auf Eroberungszüge aus – zum Besten der Leser.

Von Andreas Platthaus

© Dupuis verlag Das Schlussbild aus Frank Le Galls Comic „Das Schicksal der Maria Verita“ (1989)

[...]

Ein bislang von den Interpreten übersehenes tatsächliches Plagiat mag die Vorgehensweise von „Imperium“ klarmachen. Es handelt sich um das Offensichtlichste am Buch überhaupt: sein Titelbild. Laut Impressum stammt das Motiv von dem Hamburger Gestalter Dominik Monheim. Es ist jedoch eine nur notdürftig kaschierte Übernahme aus einem Comic: „Das Schicksal der Maria Verita“ aus Frank Le Galls Albenreihe „Theodor Pussel“. Diese Geschichte endet mit dem Bild eines abfahrenden Schiffs. Für „Imperium“ wurde ein Ausschnitt daraus entnommen, das Schiff gegen ein ankommendes ausgetauscht, ein paar Details retuschiert – und fertig ist ein perfekt passendes Cover, denn auch die „Theodor Pussel“-Abenteuer haben ihren Schauplatz in der Südsee.

Einen Schlüssel zur Lektüre

Krachts Verlag Kiepenheuer & Witsch kann sich nicht erklären, wie diese Übernahme zustande kam. Dabei ist es so einfach: In Krachts Buch gibt es eine explizite Anspielung auf „Theodor Pussel“: Es tritt ein „Herr November“ auf, und das ist neben dem Titelhelden die zweite Hauptfigur aus Frank Le Galls Comicserie. Kracht kennt sie also, und somit wird Monheim (der 1998 schon die Illustrationen zu Krachts „Ferien für immer“ anfertigte und dafür den Stil des Comiczeichners Hergé wählte) der Hinweis auf das seinem Stoff kongeniale Bild zu verdanken gewesen sein. Schäbig nur, dass dann die Urheberschaft von Le Gall verschwiegen wurde.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/christian-krachts-imperium-finden-sie-die-unterschiede-11674244.html

Bleibt nur noch die Frage, durch wen sich Le Gall inspirieren ließ…

Zahnpastatube II

Nun geht es also weiter. Die Zahnpastatube hat gewonnen.

06.03.2012

Leserreaktionen auf Kommentar

“Wulff verdient kein Mitleid”

[...]

Kehrt Ruhe ein, wenn die letzten Takte gespielt sind? Wird nach dem Großen Zapfenstreich auch die Debatte über Wulff und seinen Ehrensold beendet sein? Wohl kaum, das zeigte zuletzt auch ein SPIEGEL-ONLINE-Kommentar mit der Überschrift “Genug ist genug”, in dem der Autor argumentiert, dass der Streit unwürdig sei und beendet werden müsse.

Der Text hat heftige Reaktionen ausgelöst: Mehr als tausend Leser haben seit der Veröffentlichung am späten Montagnachmittag ihre Beiträge im SPIEGEL-ONLINE-Forum geposted, Hunderte Lesermails gingen ein. Sie reichen von eindeutiger Zustimmung bis hin zu entrüsteter Ablehnung.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,819613,00.html

Da trifft die Titelunterzeile den Tenor schon eher: Ressentiments und schrille Töne herrschen vor, blanke Wut macht sich breit. Und die wird nicht nur vom SPIEGEL selbst wiederum gelenkt.

qed hat in einem Kommentar auf die Manipulation von Umfrageergebnissen als Mittel der Politik hingewiesen:

Wie Manipulation funktioniert, demonstriert gerade lehrbuchhaft die Politkommissarin Reding (ehedem Journaillistin, wer hätte es gedacht!), indem sie ihre Quotenforderung mit der Brechstange durchsetzen will und sich dabei groteskerweise auf den Bevölkerungswillen beruft.
Das Prinzip ist ja von der Systempresse sattsam bekannt.
Ich darf der geneigten Leserschaft sehr einen Artikel über die Prinzipien der Manipulation (überhaupt den ganzen Blog) ans Herz legen:

http://sciencefiles.org/2012/03/06/europaische-meinungsmacher-wie-man-umfrageforschung-fur-seine-zwecke-missbraucht/

http://gabrielewolff.wordpress.com/2012/03/04/was-ist-eine-razzia-und-was-ein-burgerrechtler/#comment-47

Und so formuliert der SPIEGEL seine Umfrage, die er gleich neben den Artikel placiert:

Verdient Christian Wulff einen Großen Zapfenstreich?

  • Ja.
  • Nein.
  • Ich habe dazu keine Meinung.

Das ist selbstverständlich keine neutrale Formulierung: VERDIENT Wulff den üblichen Zapfenstreich, der ihm von de Maizière angeboten wurde?

Bei einer Formulierung wie: ›Finden Sie den Großen Zapfenstreich angemessen?‹ oder gar: ›Stört Sie der Große Zapfenstreich?‹ wäre vermutlich ein anderes als das erwartbare Ergebnis herausgekommen:

Vote-Auswertung

Abschied für den Ex-Bundespräsidenten

Verdient Christian Wulff einen Großen Zapfenstreich?

Ja.

3671

8,29%

Nein.

39322

88,84%

Ich habe dazu keine Meinung.

1271

2,87%

Gesamtbeteiligung

44264

Stand: 06.03.2012, 20.48 Uhr

Die Zahnpastatube bleibt leer, der Geist ist aus der Flasche. Und so sind eben Politiker an der Lynchstimmung des ›Volkes‹ schuld, gerne werden verzweifelt um Überleben und Profil ringende FDP-Politiker zitiert, die nach dem Motto ›Nach mir die Sintflut‹ agieren:

Immer mehr Politiker fordern inzwischen eine Reform der Zusatzversorgung für Altbundespräsidenten. Zur Kostensenkung müsse die Nutzung eines eigenen Büros durch Ex-Bundespräsidenten streng geregelt werden, sagte der FDP-Bundestagsabgeordnete und Haushaltsexperte Jürgen Koppelin der “Bild”-Zeitung. Sie sollten ihr Büro künftig in Berlin haben, “am besten in Räumen des Deutschen Bundestags”, forderte Koppelin. Damit sollten hohe Ausgaben für Büros in teuren Lagen anderer Städte verhindert werden.

Koppelin forderte zudem, ehemalige Bundespräsidenten sollten statt eigener Fahrer künftig die Fahrbereitschaft des Bundestages nutzen. Wulff war am 17. Februar nach Einleitung staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen wegen des Verdachts der Vorteilsnahme von seinem Amt zurückgetreten. Laut Bundespräsidialamt hat er aber Anspruch auf den Ehrensold in Höhe von jährlich 199.000 Euro, weil sein Rücktritt aus “politischen Gründen” erfolgt sei. Zudem hat Wulff Anspruch auf Sach- und Personalkosten für ein Büro mit Sekretariat, persönlichem Referenten und auf einen eigenen Fahrer.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,819613,00.html

Koppelin fordert noch viel mehr, so sehr steht seiner Partei das Wasser bis zum Hals (da schadet auch der Widerspruch nicht, einerseits triumphal Gauck gegenüber dem Koalitionspartner durchgesetzt zu haben, andererseits das Amt für überflüssig zu halten, was den Kandidaten doch ein wenig kränken muß):

Koppelin: Über Abschaffung des Bundespräsidenten-Amtes nachdenken

Jürgen Koppelin (FDP), Mitglied des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestags, hat die Frage aufgeworfen, ob Deutschland überhaupt einen Bundespräsidenten benötigt. “Es stellt sich die grundsätzliche Frage: Brauchen wir überhaupt noch einen Bundespräsidenten? Wofür?”, sagte Koppelin der “Passauer Neuen Presse” (Montagausgabe). “Langfristig sollten wir diskutieren, ob unsere Republik einen Bundespräsidenten benötigt”, sagte er. “Wir haben den Bundesratspräsidenten und die Bundeskanzlerin. Der Bundespräsident prüft Gesetze. Wenn man Bedenken gegen ein Gesetz hat, kann man das allerdings vom Bundesverfassungsgericht klären lassen. Den Bundespräsidenten benötigt man da nicht”, sagte er.
In der Diskussion um die Versorgung von Ex-Bundespräsident Christian Wulff legte Koppelin Wulff den Verzicht auf Dienstwagen und Büro nahe.

http://phoenix.de/content/445619

Die Medien können aufatmen. Sie trifft keine Schuld an dem allgemeinen Flurschaden, der hier zu besichtigen ist. Es hat zwar einen Monat gedauert, bis aus dem medienkritischen Skeptiker der Wutbürger wurde, und mindestens genauso lange, bis die Politiker populistisch agierten: aber sie haben natürlich nur die Avantgarde dieses Trends gemimt, aufgeklärt, ihr kritisches Wächteramt ausgeübt. Und dafür gibt es sogar erstmals eine Preis-Nominierung für die vom Presserat meistgerügte Zeitung Deutschlands:

Bundespräsidenten-Affäre und kein Ende: Mit der Geschichte „Wirbel um Privat-Kredit – Hat Wulff das Parlament getäuscht?“ der Reporter Nikolaus Harbusch und Martin Heidemanns hat es erstmals eine „Bild“-Recherche unter die Nominierten des Henri-Nannen-Preises gebracht.

[...]

Viel „Zeit“, viel „Spiegel“ also unter den Kandidaten für einen Henri-Nannen-Preis. Und eben erstmals die „Bild“-Zeitung. Wie man hört, soll die Nominierung der „Bild“-Wulff-Story in der Vorjury kaum Gegenstand einer streitbaren Diskussion gewesen sein. Über die Auswahlkriterien der finalen zwölfköpfigen Text-Jury (darunter „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und „stern“-Chef Thomas Osterkorn) wird vom Verlag keine Auskunft erteilt. Der „stern“ und der Verlag Gruner & Jahr vergeben den mit 35 000 Euro dotierten Henri-Nannen-Preis zum achten Mal. Dieses Jahr wird kein Sonderpeis für eine überragende journalistische Leistung außerhalb des Wettbewerbs verliehen. meh

http://www.tagesspiegel.de/medien/novum-bild-story-fuer-nannen-preis-nominiert-/6289622.html

Presse-Kumpanei, wohin man sieht. BILD setzt ihre journalistischen Meisterleistungen wie folgt fort:

Neuer Ärger um Zapfenstreich

Wulff wünscht sich ein Lied mehr als alle anderen vor ihm

Er will „Over the Rainbow“ hören • Stabsmusikkorps soll vier statt drei Titel spielen • Was denken Sie? Schreiben Sie uns!

[...]

Unstimmigkeiten gibt es aber auch bei den Musikern. Denn: Wulff will vom Stabsmusikkorps statt der üblichen drei Titel gleich vier Stücke gespielt bekommen.

 

Aus dem Verteidigungsministerium heißt es dazu: „Das haben wir noch nie für jemanden gemacht.“

 

Auf Wulffs Wunschliste: „Over the Rainbow“ von Harold Arlen, der „Alexandermarsch“ von Andreas Leonhardt und „Da berühren sich Himmel und Erde” von Christoph Lehmann.

 

Als vierten Titel hat Christian Wulff sich die „Ode an die Freude” von Ludwig von Beethoven gewünscht, erfuhr BILD.de. Ursprünglich wollte Wulff den Titel „Ebony and Ivory” bei seinem Zapfenstreich hören. Allerdings hatte das Stabsmusikkorps dabei Bedenken, weil der Titel sich nur schwerlich auf der Trompete spielen lässt.

http://www.bild.de/politik/inland/christian-wulff/ex-bundespraesident-christian-wulff-will-musik-zugabe-bei-zapfenstreich-22996726.bild.html

Schnäppchenjäger bis zuletzt also… Aber vielleicht hat er auch nur vier Titel als Wunschtitel genannt, aus denen sich das Orchester drei aussuchen sollte?

›Ludwig von Beethoven‹ also. Eine durchaus preiswürdige Recherche.

Schlußendlich läßt BILD wieder einen FDP-Politiker zu Wort kommen, die agieren zur Zeit schließlich am radikalsten gegen die CDU:

FDP WILL ZAPFENSTREICH VERSCHIEBEN

 

Der FDP-Bundestags-Abgeordnete Erwin Lotter hat in der Angelegenheit einen offenen Brief an Bundesverteidigungsminister de Maizière geschrieben.

Darin regt er an, den umstrittenen Zapfenstreich zu verschieben – aus „Respekt vor dem Amt, dem bisherigem Amtsträger, den Soldaten der Bundeswehr und dem Souverän“, so Lotter.

Die Entscheidung über die Verabschiedung solle „auf einen Zeitpunkt nach Abschluss der Ermittlungen vertagt werden, um im Lichte belastbarer Erkenntnisse eine tatsächlich fundierte Entscheidung zu treffen.“

http://www.bild.de/politik/inland/christian-wulff/ex-bundespraesident-christian-wulff-will-musik-zugabe-bei-zapfenstreich-22996726.bild.html

Da spricht der Hinterbänkler Erwin Lotter (sorry, dazu fällt einem spontan nur Erwin Lottermann mit dem Papst in der Wuppertaler Boutique ein) also für die gesamte FDP.

Gleich danach folgt die BILD-Umfrage:

Deutschlands schnellste Meinung

          Sollte Wulff den Großen Zapfenstreich absagen?

Ja

Nein
Stimmen: 94491

Das Ergebnis ist für die nächsten zwei Stunden noch geheim. Ich habe aber, um ein SED-Abstimmungsergebnis abzuwenden, mit Nein gestimmt. Es fehlt übrigens die Option: ›Ist mir egal‹, die alle die angekreuzt hätten, die mit dem ganzen militärischen Tschingderassabum ohnehin nichts am Hut haben.

Die Menschheit will nun mal betrogen sein, und die Medien sind gern dabei behilflich, diesen Herzenswunsch zu erfüllen.

Zahnpastatube

Das ist natürlich schwierig, die Zahnpasta wieder in die Tube zu drücken. Erst spielen die Leitwolf-Medien auf der Klaviatur des Volkszorns, der sich gerne über DIEDAOBEN erregt, nicht nur wegen deren Fehlleistungen, sondern allein schon wegen der Kohle, die sie abgreifen. Wer hat schon Freunde, die einen Haus-Kredit zwischenfinanzieren können? Die einen auf ihre großzügigen Anwesen einladen uswusf. – alles weder strittig, unmoralisch noch strafbar.

Sowenig wie die Lüge der Journalistin Schausten strafbar war, als sie, durch eine überrumpelnde Gegenfrage des Gegenstands ihrer Inquisition in ihrer Selbstgerechtigkeit verunsichert, behauptete, sie würde für ihre Übernachtungen bei Freunden bezahlen. Oder sagte sie, sie würde von ihren Freunden Geld fordern, wenn die bei ihr übernachteten? Eh egal. Wahr war diese Aussage nach ihrem Eingeständnis nicht, und wäre sie es gewesen, hätte man daran zweifeln müssen, ob Frau Schausten Freunde hat oder anderen eine Freundin ist.

Nun, da die politische und mediale Nachtreterei gegen das erlegte Wild Proportionen annimmt, die jeglichen Anstand, jegliches Feingefühl, ja sogar jegliches Rechtsgefühl vermissen lassen – rückwirkende Einschränkungen der Präsidenten-Alimentation –, haben die Leitwölfe erkannt, daß der Dammbruch, den sie ausgelöst haben, auch ihren Kandidaten-Liebling trifft. Denn der ist eine reine Medienfigur à la  v.u.z. Guttenberg, und Seifenblasen platzen schnell. Bis zum 18.3.2012 kann noch viel passieren in dieser schnellebigen Zeit.

Im heutigen SPIEGEL Print geht es schon etwas sachlicher zu als zuvor (S.66):

In allen Parteien hat das Nachdenken begonnen, welche Lehren aus der Wulff-Affäre zu ziehen sind. Es sind ja juristisch keine großen Vorwürfe, die Christian Wulff zu Fall brachten, eher Gefälligkeiten, die den Eindruck erweckten, hier lasse sich einer aushalten. Der zehnte Bundespräsident hat sein Amt geräumt, die Frage aber, wo genau die Grenzen zur Vorteilsannahme verlaufen, bleibt.

Der böse Anschein ist schnell geweckt, entsprechend groß ist die Verunsicherung.

Anschein und Eindruck reichen natürlich für eine Strafbarkeit nicht aus. Sie begründen allenfalls einen Anfangsverdacht, über den die Staatsanwaltschaft schwerlich hinauskommen wird.

Und daß jetzt auch noch die Ex-Ehefrau ins Visier genommen wird, sprengt doch alle Dimensionen: nach dem reformierten Scheidungsrecht von 2008 hatte sie keinen Anspruch auf Voll-Alimentierung mehr, ob sie nun einen Job hat oder nicht. Da spart der Ex-Gatte nichts, wenn sie denn einen Halbtags-Job hat.

Online fleht Roland Nelles im SPIEGEL ein Ende der unsäglichen Hetze herbei:

Streit um Wulffs Ehrensold

Genug ist genug

Ein Kommentar von Roland Nelles

Missgunst, Häme, Hass – die Debatte über Christian Wulffs Ehrensold, den Zapfenstreich und sein Büro ist unwürdig und muss sofort beendet werden. Warum schweigt Angela Merkel?

[...]

Kurz gesagt: Es ergießt sich ein Kübel Häme, Neid, Hass über Christian Wulff.

Man möchte sagen: Es reicht! Die Art und Weise, wie nun mit Wulff umgegangen wird, ist stillos, ja unmenschlich. Christian Wulff war der falsche Präsident, er hat politische und persönliche Fehler begangen, er wird wegen möglicher Vorteilsannahme von der Staatsanwaltschaft verfolgt. Er ist zurecht zurückgetreten. Doch wie ihn nun diese kollektive deutsche Neidkeule trifft, das ist unverhältnismäßig.

[...]

Klar, manchmal gibt es Totalausfälle. Aber Bundespräsident, Kanzler, Minister, auch Abgeordneter, das sind Fulltime-Jobs und sie sollen von Top-Leuten ausgefüllt werden. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass sie anständig bezahlt werden. Und das kostet eben etwas.

Die Debatte hat Maß und Mitte verloren. Andrea Nahles ist hier einmal zu loben, sie hat schon sehr früh die Kritik am Ehrensold für Wulff als “kleinlich” kritisiert. Vielleicht hat es etwas mit ihrer Verwurzelung im katholischen Glauben zu tun, dass sie nun menschliches Unbehagen empfindet, angesichts des ganz und gar gnadenlosen Umgangs mit dem früh Gestrauchelten.

Man fragt sich: Wo sind jetzt eigentlich jene, die Wulff in dieses Amt geholt haben? Warum ducken sie sich weg, warum treten sie nicht für ihn ein? Fürchten sie auch den Volkszorn? Christian Wulff war Angela Merkels Präsident. Sie sollte einmal mit ihrem Volk vernehmlich sprechen und sagen: Es reicht.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,819368,00.html

Angesichts des Zynismus’ der Medien könnte man natürlich auf den Gedanken kommen, daß nun endlich diejenige angegriffen wird, die mit dem Angriff auf Wulff eigentlich gemeint war: seine Macherin, die Kanzlerin. Die mal wieder führungs- und meinungsschwach ist. Die immer erst abwartet, wie die Stimmung ist, bevor sie sich in Bewegung setzt: gegen BILD die Griechen retten? Ein No Go. Das müßte mal jemand ausrechnen, wieviele Milliarden diese zögerliche Haltung gekostet hat. UNS gekostet hat.

Jetzt müssen sich nur noch Herr Mascolo und Herr Blome wie üblich traut zusammensetzen und dem F. J. Wagner einflüstern, einen seiner betroffenheitsbesoffenen Flaschenpostbriefe in die selbst aufgewühlte See der Niedertracht zu werfen. Denn sonst ist auch der Gauck in Gefahr: von der Unmoral der Medien im Erfinden und Lancieren von unbelegten ›Vorwürfen‹ angesteckt, liest man ja schon Leserkommentare, in denen Gauck aufgefordert wird, nachzuweisen, daß er sein zwanzigjähriges Getrenntleben von der Ehefrau dem Finanzamt mitgeteilt habe. Denn natürlich ist er nur noch wegen des Ehegattensplittings verheiratet. Ja, auch an solchen ›Forderungen‹ der Follower ist die Presse schuld.

Mein Vorschlag: F. J. Wagner könnte Frau Wulff ansülzen, daß sie doch so stolz und verächtlich und eisern lächelnd, selbst beim Anblick von BILD-Paparazzi vorm Haus in Großburgwedel, agiert habe, großartig eben, würdig, ein paar schlüpfrige Altherren-Komplimente noch, und krokodilstränend hinzufügen, daß sie den aktuellen shitstorm nun wirklich nicht verdient habe. Am Schluß dann: Und Ihr Mann auch nicht.

Das wär’s doch.

Denn rück- und vorblickend war die Präsidentschaft Wulffs, den ich von Herzen abgelehnt hatte (den Gegenkandidaten Gauck aber auch), gut. Insbesondere seine hölzerne Art, die Zurückgenommenheit und Klarheit der Rhetorik, war doch Balsam auf die durch Politsprech angegriffene Autoren-Seele.

Welche Posen und welchen »zärtlichen Weihrauch der Demagogen« wir jetzt zu erwarten haben, analysiert Gernot Wolfram in der taz.

http://www.taz.de/Debatte-Joachim-Gauck/!88972/

Gauck ist übrigens ein Meister der unklaren Rede, die man aus- und der man was unterlegen kann, wenn nicht gar muß. Schon merkwürdig für einen Bibelkenner. Oder habe ich diese Stelle immer mißverstanden?

Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören, denn du vermagst nicht ein einziges Haar schwarz oder weiß zu machen. 37 Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel. (Jakobus 5.12)

http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/matthaeus/5/

Ich habe sie nie als bloße Ablehnung eines Eides verstanden – sondern als Aufforderung, sich klar und verständlich auszudrücken.