Zahnpastatube II

Nun geht es also weiter. Die Zahnpastatube hat gewonnen.

06.03.2012

Leserreaktionen auf Kommentar

„Wulff verdient kein Mitleid“

[…]

Kehrt Ruhe ein, wenn die letzten Takte gespielt sind? Wird nach dem Großen Zapfenstreich auch die Debatte über Wulff und seinen Ehrensold beendet sein? Wohl kaum, das zeigte zuletzt auch ein SPIEGEL-ONLINE-Kommentar mit der Überschrift „Genug ist genug“, in dem der Autor argumentiert, dass der Streit unwürdig sei und beendet werden müsse.

Der Text hat heftige Reaktionen ausgelöst: Mehr als tausend Leser haben seit der Veröffentlichung am späten Montagnachmittag ihre Beiträge im SPIEGEL-ONLINE-Forum geposted, Hunderte Lesermails gingen ein. Sie reichen von eindeutiger Zustimmung bis hin zu entrüsteter Ablehnung.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,819613,00.html

Da trifft die Titelunterzeile den Tenor schon eher: Ressentiments und schrille Töne herrschen vor, blanke Wut macht sich breit. Und die wird nicht nur vom SPIEGEL selbst wiederum gelenkt.

qed hat in einem Kommentar auf die Manipulation von Umfrageergebnissen als Mittel der Politik hingewiesen:

Wie Manipulation funktioniert, demonstriert gerade lehrbuchhaft die Politkommissarin Reding (ehedem Journaillistin, wer hätte es gedacht!), indem sie ihre Quotenforderung mit der Brechstange durchsetzen will und sich dabei groteskerweise auf den Bevölkerungswillen beruft.
Das Prinzip ist ja von der Systempresse sattsam bekannt.
Ich darf der geneigten Leserschaft sehr einen Artikel über die Prinzipien der Manipulation (überhaupt den ganzen Blog) ans Herz legen:

http://sciencefiles.org/2012/03/06/europaische-meinungsmacher-wie-man-umfrageforschung-fur-seine-zwecke-missbraucht/

https://gabrielewolff.wordpress.com/2012/03/04/was-ist-eine-razzia-und-was-ein-burgerrechtler/#comment-47

Und so formuliert der SPIEGEL seine Umfrage, die er gleich neben den Artikel placiert:

Verdient Christian Wulff einen Großen Zapfenstreich?

  • Ja.
  • Nein.
  • Ich habe dazu keine Meinung.

Das ist selbstverständlich keine neutrale Formulierung: VERDIENT Wulff den üblichen Zapfenstreich, der ihm von de Maizière angeboten wurde?

Bei einer Formulierung wie: ›Finden Sie den Großen Zapfenstreich angemessen?‹ oder gar: ›Stört Sie der Große Zapfenstreich?‹ wäre vermutlich ein anderes als das erwartbare Ergebnis herausgekommen:

Vote-Auswertung

Abschied für den Ex-Bundespräsidenten

Verdient Christian Wulff einen Großen Zapfenstreich?

Ja.

3671

8,29%

Nein.

39322

88,84%

Ich habe dazu keine Meinung.

1271

2,87%

Gesamtbeteiligung

44264

Stand: 06.03.2012, 20.48 Uhr

Die Zahnpastatube bleibt leer, der Geist ist aus der Flasche. Und so sind eben Politiker an der Lynchstimmung des ›Volkes‹ schuld, gerne werden verzweifelt um Überleben und Profil ringende FDP-Politiker zitiert, die nach dem Motto ›Nach mir die Sintflut‹ agieren:

Immer mehr Politiker fordern inzwischen eine Reform der Zusatzversorgung für Altbundespräsidenten. Zur Kostensenkung müsse die Nutzung eines eigenen Büros durch Ex-Bundespräsidenten streng geregelt werden, sagte der FDP-Bundestagsabgeordnete und Haushaltsexperte Jürgen Koppelin der „Bild“-Zeitung. Sie sollten ihr Büro künftig in Berlin haben, „am besten in Räumen des Deutschen Bundestags“, forderte Koppelin. Damit sollten hohe Ausgaben für Büros in teuren Lagen anderer Städte verhindert werden.

Koppelin forderte zudem, ehemalige Bundespräsidenten sollten statt eigener Fahrer künftig die Fahrbereitschaft des Bundestages nutzen. Wulff war am 17. Februar nach Einleitung staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen wegen des Verdachts der Vorteilsnahme von seinem Amt zurückgetreten. Laut Bundespräsidialamt hat er aber Anspruch auf den Ehrensold in Höhe von jährlich 199.000 Euro, weil sein Rücktritt aus „politischen Gründen“ erfolgt sei. Zudem hat Wulff Anspruch auf Sach- und Personalkosten für ein Büro mit Sekretariat, persönlichem Referenten und auf einen eigenen Fahrer.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,819613,00.html

Koppelin fordert noch viel mehr, so sehr steht seiner Partei das Wasser bis zum Hals (da schadet auch der Widerspruch nicht, einerseits triumphal Gauck gegenüber dem Koalitionspartner durchgesetzt zu haben, andererseits das Amt für überflüssig zu halten, was den Kandidaten doch ein wenig kränken muß):

Koppelin: Über Abschaffung des Bundespräsidenten-Amtes nachdenken

Jürgen Koppelin (FDP), Mitglied des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestags, hat die Frage aufgeworfen, ob Deutschland überhaupt einen Bundespräsidenten benötigt. „Es stellt sich die grundsätzliche Frage: Brauchen wir überhaupt noch einen Bundespräsidenten? Wofür?“, sagte Koppelin der „Passauer Neuen Presse“ (Montagausgabe). „Langfristig sollten wir diskutieren, ob unsere Republik einen Bundespräsidenten benötigt“, sagte er. „Wir haben den Bundesratspräsidenten und die Bundeskanzlerin. Der Bundespräsident prüft Gesetze. Wenn man Bedenken gegen ein Gesetz hat, kann man das allerdings vom Bundesverfassungsgericht klären lassen. Den Bundespräsidenten benötigt man da nicht“, sagte er.
In der Diskussion um die Versorgung von Ex-Bundespräsident Christian Wulff legte Koppelin Wulff den Verzicht auf Dienstwagen und Büro nahe.

http://phoenix.de/content/445619

Die Medien können aufatmen. Sie trifft keine Schuld an dem allgemeinen Flurschaden, der hier zu besichtigen ist. Es hat zwar einen Monat gedauert, bis aus dem medienkritischen Skeptiker der Wutbürger wurde, und mindestens genauso lange, bis die Politiker populistisch agierten: aber sie haben natürlich nur die Avantgarde dieses Trends gemimt, aufgeklärt, ihr kritisches Wächteramt ausgeübt. Und dafür gibt es sogar erstmals eine Preis-Nominierung für die vom Presserat meistgerügte Zeitung Deutschlands:

Bundespräsidenten-Affäre und kein Ende: Mit der Geschichte „Wirbel um Privat-Kredit – Hat Wulff das Parlament getäuscht?“ der Reporter Nikolaus Harbusch und Martin Heidemanns hat es erstmals eine „Bild“-Recherche unter die Nominierten des Henri-Nannen-Preises gebracht.

[…]

Viel „Zeit“, viel „Spiegel“ also unter den Kandidaten für einen Henri-Nannen-Preis. Und eben erstmals die „Bild“-Zeitung. Wie man hört, soll die Nominierung der „Bild“-Wulff-Story in der Vorjury kaum Gegenstand einer streitbaren Diskussion gewesen sein. Über die Auswahlkriterien der finalen zwölfköpfigen Text-Jury (darunter „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und „stern“-Chef Thomas Osterkorn) wird vom Verlag keine Auskunft erteilt. Der „stern“ und der Verlag Gruner & Jahr vergeben den mit 35 000 Euro dotierten Henri-Nannen-Preis zum achten Mal. Dieses Jahr wird kein Sonderpeis für eine überragende journalistische Leistung außerhalb des Wettbewerbs verliehen. meh

http://www.tagesspiegel.de/medien/novum-bild-story-fuer-nannen-preis-nominiert-/6289622.html

Presse-Kumpanei, wohin man sieht. BILD setzt ihre journalistischen Meisterleistungen wie folgt fort:

Neuer Ärger um Zapfenstreich

Wulff wünscht sich ein Lied mehr als alle anderen vor ihm

Er will „Over the Rainbow“ hören • Stabsmusikkorps soll vier statt drei Titel spielen • Was denken Sie? Schreiben Sie uns!

[…]

Unstimmigkeiten gibt es aber auch bei den Musikern. Denn: Wulff will vom Stabsmusikkorps statt der üblichen drei Titel gleich vier Stücke gespielt bekommen.

 

Aus dem Verteidigungsministerium heißt es dazu: „Das haben wir noch nie für jemanden gemacht.“

 

Auf Wulffs Wunschliste: „Over the Rainbow“ von Harold Arlen, der „Alexandermarsch“ von Andreas Leonhardt und „Da berühren sich Himmel und Erde“ von Christoph Lehmann.

 

Als vierten Titel hat Christian Wulff sich die „Ode an die Freude“ von Ludwig von Beethoven gewünscht, erfuhr BILD.de. Ursprünglich wollte Wulff den Titel „Ebony and Ivory“ bei seinem Zapfenstreich hören. Allerdings hatte das Stabsmusikkorps dabei Bedenken, weil der Titel sich nur schwerlich auf der Trompete spielen lässt.

http://www.bild.de/politik/inland/christian-wulff/ex-bundespraesident-christian-wulff-will-musik-zugabe-bei-zapfenstreich-22996726.bild.html

Schnäppchenjäger bis zuletzt also… Aber vielleicht hat er auch nur vier Titel als Wunschtitel genannt, aus denen sich das Orchester drei aussuchen sollte?

›Ludwig von Beethoven‹ also. Eine durchaus preiswürdige Recherche.

Schlußendlich läßt BILD wieder einen FDP-Politiker zu Wort kommen, die agieren zur Zeit schließlich am radikalsten gegen die CDU:

FDP WILL ZAPFENSTREICH VERSCHIEBEN

 

Der FDP-Bundestags-Abgeordnete Erwin Lotter hat in der Angelegenheit einen offenen Brief an Bundesverteidigungsminister de Maizière geschrieben.

Darin regt er an, den umstrittenen Zapfenstreich zu verschieben – aus „Respekt vor dem Amt, dem bisherigem Amtsträger, den Soldaten der Bundeswehr und dem Souverän“, so Lotter.

Die Entscheidung über die Verabschiedung solle „auf einen Zeitpunkt nach Abschluss der Ermittlungen vertagt werden, um im Lichte belastbarer Erkenntnisse eine tatsächlich fundierte Entscheidung zu treffen.“

http://www.bild.de/politik/inland/christian-wulff/ex-bundespraesident-christian-wulff-will-musik-zugabe-bei-zapfenstreich-22996726.bild.html

Da spricht der Hinterbänkler Erwin Lotter (sorry, dazu fällt einem spontan nur Erwin Lottermann mit dem Papst in der Wuppertaler Boutique ein) also für die gesamte FDP.

Gleich danach folgt die BILD-Umfrage:

Deutschlands schnellste Meinung

          Sollte Wulff den Großen Zapfenstreich absagen?

Ja

Nein
Stimmen: 94491

Das Ergebnis ist für die nächsten zwei Stunden noch geheim. Ich habe aber, um ein SED-Abstimmungsergebnis abzuwenden, mit Nein gestimmt. Es fehlt übrigens die Option: ›Ist mir egal‹, die alle die angekreuzt hätten, die mit dem ganzen militärischen Tschingderassabum ohnehin nichts am Hut haben.

Die Menschheit will nun mal betrogen sein, und die Medien sind gern dabei behilflich, diesen Herzenswunsch zu erfüllen.

15 Gedanken zu „Zahnpastatube II

  1. Plötzlich menschelt es sogar in der falschberichtenden FRANKFURTER RUNDSCHAU, die diese Spezial-Moral für sich in Anspruch nimmt: treten ja, nachtreten nein.

    »Kommentar zum Großen Zapfenstreich

    Genug nachgetreten bei Wulff!

    Bettina Vestring

    7 | 3 | 2012

    […]
    Mir tut er leid, der Wulff – trotz Ehrensold, Chauffeur und Regenbogen-Wunschmusik.
    Vermutlich hat ihm sein Anwalt gesagt: Herr Wulff, zu dem Großen Zapfenstreich, da müssen Sie hingehen! Wenn Sie absagen, wird das jeder als Schuldeingeständnis werten. Und das, werter Herr Mandant, können wir jetzt, mitten in den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen, überhaupt nicht gebrauchen. Und kommen Sie bloß nicht auf die Idee, auf Büro, Sekretärin oder Fahrer zu verzichten!
    Zur Erinnerung: Wulff ist bislang nicht wegen Korruption verurteilt worden. Er ist noch nicht einmal angeklagt worden. Wir wissen nur, dass die Staatsanwaltschaft ermittelt. Sicher, schön ist das nicht, und Wulffs Rücktritt vom höchsten deutschen Staatsamt war überfällig. Schnäppchenjagd steht einem Bundespräsidenten schlecht zu Gesicht.
    Die Kritik der Spät-Erwachten
    Aber muss jetzt wirklich jeder, auch der letzte Hinterbänkler, noch nachtreten? Muss es wirklich sein, dass einer wie der Grünen-Abgeordnete Omid Nouripour öffentlich das Los der armen Soldaten beklagt, die zu dem Zapfenstreich aufspielen müssen?
    […]«

    http://www.fr-online.de/gauck-folgt-wulff/kommentar-zum-grossen-zapfenstreich-genug-nachgetreten-bei-wulff-,11460760,11777894.html

    Und bei Anne Will waren lediglich zwei Wulff-Basher geladen, die locker für sich in Anspruch nehmen können, nicht als die sympathischsten Menschen weit und breit gelten zu können: Herr Lütgert vom NDR und Herr Spreng, ehemals BamS und CSU. Diese Einladungspolitik läßt darauf hoffen, daß selbst im medialen Bereich, in dem gegen Politiker Politik gemacht wird, das zarte Pflänzlein der Unschuldsvermutung gedeihen wird. Prof. Dr. jur. Uwe Wesel jedenfalls teilte meine Einschätzung, daß die Ermittlungen gegen Wulff eingestellt werden.

    Bei Wulff geht es allein um Anschein (und um sein vermutliches Mißverständnis, was Freundschaft ist). Das soll ausreichen, damit die 4. Gewalt den höchsten Repräsentanten des Staates stürzen kann? Hier stimmt gar nichts mehr. Und ich halte diese Entwicklung hin zur Mediokratur für die größte Gefahr für Demokratie und Rechtsstaat überhaupt: denn Medien sind Wirtschaft. Das darf man nicht vergessen.

    • Man bekommt leider immer mehr das Gefühl, dass die Medien und die Presse der Politik zeigen wollen, daß sie das Maß aller Dinge sind und über die Politik und die Politiker mit Hilfe des „Volkes“ bestimmen. Dass offensichtlich das „Volk“ nur aus Bildlesern und Waschmittelsendersehern besteht und die schweigende Mehrheit anders denkt, sollte jedem zu denken geben.
      Bei den Umfragen beteiligen sich nicht Millionen sondern nur ein winziger Teil der Bevölkerung und der soll dann mit seiner Meinung für alle stehen ?
      Armes Deutschland.

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