Wurde Gauck eigentlich gegauckt, bevor er Leiter der gleichnamigen Behörde wurde?

Über Joachim Gauck als Medienfigur hat Wolfgang Lieb ja eigentlich schon alles gesagt:

 20. Februar 2012 um 9:16 Uhr
„Yes we Gauck“ – Springer hat sich durchgesetzt
[…]
Von Wolfgang Lieb.

Es ist ja ein offenes Geheimnis, wer die rot-grünen Parteigranden vor zwei Jahren auf die Idee gebracht hat, Joachim Gauck zu ihrem Präsidentschaftskandidaten zu küren. Es war der damalige Chefredakteur und jetzige Herausgeber des rechtskonservativen Springerblattes „Welt“, Thomas Schmid (Financial Times v. 20.6.2010). Kein Wunder deshalb auch, dass die Springerzeitungen vor zwei Jahren Gauck als ihren Lieblingskandidaten hochjubelten. Und nach dem Abgang von Wulff widmete gestern „Bild am Sonntag“ die ganze Titelseite erneut ihrem Favoriten: „54 Prozent wollen Gauck“. Diese „Nibelungentreue“ der Chefetage der Springerzeitungen zu Gauck dürfte auch eines der tragenden Motive gewesen sein, warum kein anderer Medienkonzern den zurückgetretenen schwarz-gelben Präsidenten Christian Wulff – ganz entgegen der parteipolitischen Bindung an die CDU und die FDP – so unerbittlich verfolgt hat, wie die Springer-Presse. Nachdem sie vor zwei Jahren schon die SPD und die Grünen mit Gauck als Präsidentschaftskandidaten für sich eingenommen hatten, konnten die wirtschaftsliberalen und rechts von christlich-konservativen Positionen angesiedelten Überzeugungstäter aus dem Hause Springer nun auch der Kanzlerin die Grenzen ihrer Macht aufzeigen. Das Signal ist klar: Gegen Springer läuft in dieser Republik nichts.

Dass sich die FDP im Regierungslager gegen Widerstände aus CDU/CSU und wohl auch gegen Merkel durchgesetzt hat, kann nur diejenigen erstaunen, die sich dem Gauck durch die Medien verpasstes Image des rhetorisch begnadeten Freiheitskämpfers haben blenden lassen. Gaucks Freiheitsbegriff ist mit demjenigen der FDP nahezu identisch.
[…]

Gaucks Popularität, an der nun auch die CDU und die FDP (wie zuvor schon die SPD und die Grünen) offenbar nicht mehr vorbeikommen konnten, ist nachweislich ein Resultat der Meinungsmache konservativer Medien und dabei vor allem der Springer-Presse. Gauck ist intelligent genug, dass zu wissen. Mit der Medienkampagne gegen seinen Vorgänger als Bundespräsident dürfte ihm auch klar geworden sein, von wem er in seinem Ansehen in der Öffentlichkeit auch künftig abhängig sein wird. Deshalb sollte er am besten vor jeder Rede in der Chefredaktion der Bild-Zeitung oder beim Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG anrufen, um sie sich absegnen zu lassen.

Er muss ja nicht unbedingt auf den Anrufbeantworter sprechen.

http://www.nachdenkseiten.de/?p=12283

Wie sehr diese Figur ein Kunstprodukt ist, läßt sich auch daran ablesen, welche Debattenbeiträge von den Medien, die ihn tragen, verschwiegen werden: dieser hier von Jana Hensel und Jakob Augstein beispielsweise, der die Legende vom Freiheitskämpfer und Oppositionellen gründlich widerlegt:

Kirchentag 1988 | 08.03.2012 07:00 | Jana Hensel, Jakob Augstein

Pastor der Unfreiheit

Akten aus dem Archiv der DDR-Staatssicherheit zeigen, wie Joachim Gauck in Rostock einen „Kirchentag von unten“ verhindert hat

[…]

In einem IM-Bericht vom 2. November 1987 heißt es: „Zum Kirchentag 1988 in Rostock sagte Gauck eindeutig, dass ,wir‘ keinen sogenannten Kirchentag von unten haben wollen und es in Rostock nicht zu solchen Ausschreitungen wie in Berlin kommen wird. Der gesamte Kirchentag ist ein Kirchentag von unten, aber Missbrauchshandlungen läßt er nicht zu … Rostock ist nicht Berlin – Gäste haben sich zu fügen und einzuordnen.“

[…]

Die Mitarbeit an den Vorbereitungen zum Kirchentag wird Lietz anfänglich verweigert. Den bekanntesten Dissidenten Mecklenburgs kann man nicht gebrauchen. In einem Zwischenbericht vom 26. August 1987 heißt es: „Zur inhaltlichen Vorbereitung wurden bereits Arbeits- und Themengruppen gebildet. Hierbei ist erkennbar, dass „Larve“ an keinen Themen interessiert ist, die sich offen gegen die staatlichen Verhältnisse in der DDR richten. Aus diesem Grund hat er den Lietz, Heiko … anfangs nicht mit in den Vorbereitungskurs für den Kirchentag 1988 einbezogen. Erst auf Drängen von Lietz wurde dieser nachträglich in eine Themengruppe integriert und als Themenleiter eingesetzt.“

Nun sind solche Akteneinträge der Staatssicherheit keine objektiven Tatsachenberichte; es lag stets im Interesse der Stasi-Mitarbeiter, ihre Berichte im Sinne der Vorgaben zu verfassen. Dennoch sagt Heiko Lietz zu diesem Eintrag: „So war es. Ich habe sehr genau gemerkt, dass ich von der Kirchentagsleitung ausgebremst wurde. Ich wurde als Vorsitzender der landeskirchlichen Arbeitsgruppe für konziliare Prozesse nicht in den Vorbereitungskurs eingeladen.“

Wenige Tage vor dem Kirchentag wurde Lietz dann als Leiter dieser Arbeitsgruppe abberufen und durch den staatsnahen Pfarrer Dietmar Prophet ersetzt. Prophet wurde nach dem Mauerfall als IM enttarnt. Lietz erinnert sich: „Wir hatten nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, auf dem Kirchentag aktiv zu werden.“

[…]

In einer Aktennotiz der Geheimpolizei über ein Vorbereitungstreffen vom 9. Mai 1988 heißt es: „Wörtlich äußerte Gauck: ‚Der Kirchentag 1988 ist zum Feiern da und nicht zum Demonstrieren!‘ “ Die staatlichen Behörden jedenfalls waren mit der Art, wie Joachim Gauck den Kirchentag organisierte, zufrieden. In einer Tonbandabschrift vom 27. Juli 1988 ist vermerkt, „… immer wieder bekräftigt Gauck, dass er mit dem Herrn Lietz nichts gemein habe, dass er schon mehrere Gespräche mit Herrn Lietz geführt hat, dass dieser Mann keine Chancen hat, ein Kirchentag von Unten zu organisieren… Im Nachhinein lässt sich eindeutig aussagen, dass die Versprechen, die Gauck gegeben hat, auch von Herrn Gauck verwirklicht wurden.“

Joachim Gauck selbst wollte sich zu diesen Vorgängen gegenüber dem Freitag nicht äußern.

http://www.freitag.de/datenbank/freitag/2012/10/der-staatsdiener/print

Jedem mitdenkenden Leser war von Anfang an klar, daß ein DDR-Bürger mit Privilegien wie Westreisen und Einreisegenehmigungen für die Söhne schon sieben Monate nach deren Ausreise kein Oppositioneller sein konnte. Und Gaucks Bemühungen, aus welchen Motiven (»Heimatliebe« oder »Stärkung des Widerstandes«) auch immer, Ausreisewillige zum Bleiben zu bewegen, konnten von Staats wegen eben auch als systemstabilisierende Maßnahme aufgefaßt werden.

Gaucks eigene Stasi-Akte ließ sich offenbar schon immer beliebig interpretieren:

Ähnliches bestätigte auch die „Welt“, die am 23.4.91 über ein 90minütiges Gespräch berichtete, das Gauck am 28.7.88 mit dem MfS-Mitarbeiter Terpe geführt hatte. Darin findet man dann solche Äußerungen von Gauck wie: „daß es dringend notwendig ist, die Attraktivität des Sozialismus entscheidend zu steigern“ und „die Bürger ein echtes Heimatgefühl entwickeln“ sowie „daß letzten Endes auch er versagt und nicht alles dafür getan habe, daß seine Kinder in der DDR blieben“. Ist es da noch notwendig hinzuzufügen, daß er nicht nur – bei einem konkreten Anlaß – zu weiteren Kontakten mit dem MfS bereit war, sondern abschließend selber fragte, ob er seinerseits, wenn er ein Problem habe, sich an das MfS wenden könne?

http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/62456/dr-hc-joachim-gauck-ein-saubermann-mit-dreck-am-stecken/

Wohingegen der SPIEGEL Gaucks Stasi-Akte im Jahr 2000 als entlastend wertete:

Zu den Zeugen zählen der Rostocker Ex-Anwalt Wolfgang Schnur (IM „Torsten“), vier frühere Rostocker Geheimdienstler und Generalmajor a. D. Gerhard Niebling aus der einstigen Stasi-Zentrale in Berlin. Das MfS, so behaupten fast alle gleich lautend, habe dafür gesorgt, dass die beiden Söhne des Rostocker Pfarrers, Christian und Martin Gauck, in den Westen erst ausreisen und im Jahr danach zu einem Besuch bei Verwandten in die DDR wieder einreisen durften – „eine einmalige Privilegierung bzw. Begünstigung“, wie Ex-Spitzel Schnur schreibt. Er selbst habe von Gauck das Mandat erhalten, um die Ausreise der Söhne durchzusetzen.

Gauck kontert: „Wieso bin ich begünstigt, wenn meine Söhne ausreisen dürfen? Ich war doch dagegen, dass sie gehen.“ Niemals habe er Schnur in dieser Sache ein Mandat erteilt. „Wie sollte ich? Meine Söhne waren damals Mitte zwanzig.“ Auch Christian und Martin Gauck widersprechen der Darstellung der Stasi-Zeugen. Christian: „Unser Vater wollte immer, dass wir bleiben. Wir haben ihm damals vorgehalten, dass er anderen Leuten hilft, nur nicht uns.“ Über drei Jahre mussten sie warten, ehe sie 1987 ausreisen durften.

Dass der Staatssicherheitsdienst zumindest mitentschied, wer die DDR verlassen und wer wieder einreisen konnte, steht außer Zweifel. Doch für die Unterstellung, die Ausreise der Söhne und ihre spätere Wiedereinreise zur goldenen Hochzeit der Großeltern sei eine Art Gegenleistung für Gaucksche Zuträgerdienste gewesen, finden sich in den Akten keinerlei Belege.
Nicht einmal in dem neunseitigen Protokoll eines Stasi-Offiziers, das Diestel schon seit Jahren Gauck vorhält. Darin berichtet der Rostocker Hauptmann Wolfgang Terpe, einer von Diestels Zeugen, von einem eineinhalbstündigen Gespräch mit dem Rostocker Pfarrer am 28. Juli 1988. Dabei erklärte Terpe, der „beantragten Einreise seiner in die BRD übergesiedelten Kinder durch die zuständigen staatlichen Organe“ werde zugestimmt.
Selbst durch die gute Nachricht (Stasi-Protokoll: „Gauck zeigte sich sehr bewegt“) ließ sich der Pfarrer damals offenbar nicht über den Tisch ziehen. Zu einem „ständigen, regelmäßigen Kontakt“ mit dem Geheimdienst, notierte Terpe, sei Gauck „nicht bereit“. Dies widerspräche seiner „Grundauffassung“.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-17269572.html

Zu keinem ständigen, regelmäßigen Kontakt bereit. Zu anlaßbezogenen schon. Derlei pragmatische Zusammenarbeit mit dem Gegner verurteile ich keineswegs; wenn man weiß, wo man steht, und wenn man die Kontakte nutzt, um zu helfen und die Freiräume für die Kirche vorsichtig zu erweitern, kann ein solcher Sinn für das Machbare wertvoller sein als Fundamentalopposition. Ärgerlich wird die Sache nur, wenn jemand, der nach einem gerichtlichen Vergleich als »Begünstigter im Sinne des Stasi-Unterlagen-Gesetzes“ bezeichnet werden darf:

http://www.welt.de/print-welt/article436978/Gauck_und_Diestel_wollen_Rechtsstreit_guetlich_beilegen.html

gleichzeitig den Kirchenjuristen Manfred Stolpe verurteilt, der nichts anderes als er selbst getan hat. Hier eine Stellungnahme des Westberliner Kirchenanwalts Reymar von Wedel in „Die Kirche“ vom 10.1.2010:

Stolpe dagegen war Beauftragter der Kirchenleitung für Verhandlungen mit der DDR. Er verhandelte auch mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS), zum Beispiel über kirchliche Gefangene. Leute wie Gauck bezichtigten ihn nach der Wende, mit dem MfS zusammengearbeitet zu haben. Seine Behörde versuchte krampfhaft Beweise dafür zu sammeln und beauftragte sogar zwei hohe MfS-Offiziere, Material darüber zu finden. Das gelang aber nicht.

Dagegen stellte der Brandenburger Landtag, das Verwaltungsgericht Potsdam und der Bundesgerichtshof fest, dass die Vorwürfe unberechtigt waren. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland erklärte, Stolpe habe immer für die Kirche gearbeitet. Ich kann das nur bestätigen. Er war der wichtigste Mitarbeiter bei der Befreiung politischer Gefangener, aber auch bei der Zusammenarbeit zwischen den kirchlichen Regionen. Er ging dabei hohe Risiken ein. Er hätte wegen Vergehen gegen das Zoll- und Devisengesetz und Geheimnisverrats bestraft werden können. Davon hatte Gauck natürlich keine Ahnung.

http://manfred-stolpe.de/gauck-und-stolpe/

Das schrieb Wolfgang Lieb schon am 18.6.2010 über Gaucks politisch-moralisierendes Amtsverständnis:

Er verlangt von den einzelnen Tätern ein Schuldeingeständnis und das Bekenntnis zur „neuen Freiheit“ (S. 325). Für einen protestantischen Pfarrer nicht weiter erstaunlich, ist für ihn Vergebung nur denkbar durch Buße.

Deswegen sind ihm alle ein Gräuel, die ihr Verhalten in der SED-Diktatur zu rechtfertigen versuchen. Er fühlte sich deshalb berechtigt, zu fordern, dass etwa der brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe seines Amtes enthoben werde. „De Maizière hatte gehen müssen, obwohl viel weniger gegen ihn vorlag. Stolpe blieb, obwohl er von vielen als belasteter angesehen wurde“ (S. 305). Zu den Vielen gehörte natürlich auch Gauck.

Ich kann verstehen, dass sich Gauck angesichts seiner persönlichen Leidenserfahrung auf die Seite der Opfer der Stasi stellt und ich will Gauck nicht seine Meinung absprechen, aber es war nicht sein Auftrag, Ankläger und Richter zugleich zu sein und es war schon gar nicht die Aufgabe seines Amtes moralische Urteile zu fällen. Gauck hat sich als Opfer verstanden und hat sich gleichzeitig zum Richter über die Täter aufgeschwungen. Es ist, wie wenn in einem Strafgerichtsverfahren der Staatanwalt gleichzeitig der Richter wäre.

Man könnte für die Rollenvermischung Gaucks noch Verständnis haben, wenn die Stasi-Unterlagen die objektive Wahrheit wiederspiegelten. Doch das würde einen Geheimdienst und seine Denunzianten geradezu zur Wahrheitsinstanz erheben. Das tut aber Gauck.

http://www.nachdenkseiten.de/?p=5927

Es ist diese Doppelmoral von Kandidat und Medien, die Schwarz-Weiß-Sicht, der propagandistische Übereifer in der Konstruktion von Heldentypen, die einen kritischen Leser genauso abstoßen wie das Übermaß an Skandalisierung, Häme und Demütigung beim Sturz eines unliebsamen Amtsinhabers.

Zur Aufrechterhaltung des Heldenbildes gehört es natürlich, auf den Hensel/Augstein-Artikel im FREITAG nicht einzugehen. Was nicht ins Bild paßt, wird ausgeblendet. Allein der STERN griff den Artikel auf und verbreitete den Inhalt, ohne ihn zu kommentieren.

http://www.stern.de/news2/aktuell/gauck-soll-kirchentag-von-unten-verhindert-haben-1797272.html

Im Hause SPRINGER wurde mit einer wahlkampftauglichen Herz-Schmerz-Geschichte (Interview mit der Tochter Gesine Lange) gekontert:

http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article2210605/Gesine-Lange-Mein-Vater-bald-Praesident.html

http://www.welt.de/politik/deutschland/article13915529/Die-Verhaeltnisse-sind-geordnet-Nur-eben-anders.html

Die FAZ schreibt nichtssagende Elogen:

http://www.faz.net/aktuell/der-kandidat-gauck-das-ende-der-kuer-11678107.html

In der FAS vom 11.3.2012 wurden die DDR-Biographien von Merkel und Gauck ausgebreitet mit dem Tenor: die ›brave Pfarrerstochter‹ und der ›aufmüpfige Pfarrer‹. Insbesondere der SPIEGEL ignoriert die Präsentation der Stasi-Akte durch seinen Kolumnisten Jakob Augstein, sondern wendet sich lieber in seiner unnachahmlich verächtlichen Art den Bürgerrechtlern zu, die Gaucks allzu subjektives Freiheitsverständnis rügen. Stefan Berg spricht ein deutliches ›Papperlapapp‹ aus:

Vorwürfe statt Vorfreude: Gauck sei kein richtiger Bürgerrechtler gewesen, so ist von damaligen Wegbegleitern Gaucks zu hören, er habe die Ideale von 1989 verraten, sich angepasst.

Mancher Hinweis aus der Szene ist äußerst kenntnisreich. Es stimmt, Gauck war kein Mann der „Kirche von unten“, er war nicht so mutig wie etwa Roland Jahn, der heutige Herr der Stasi-Akten. Gauck war auch kein Befürworter jenes Hungerstreiks, der den langfristigen Zugang zu den Stasi-Akten erst möglich machte. Ohne diesen Hungerstreik hätte es keine Gauck-Behörde gegeben.

Aber warum diese Vorhaltungen? Aus welchen Quellen speist sich dieser Furor? Joachim Gauck hat selbst Vorbehalte genährt, er hat sich allzugern – vornehmlich von ahnungslosen Westdeutschen – als Bürgerrechtler feiern lassen. Gauck genießt das neue Leben – und noch mehr sich selbst. Er war in den letzten Jahren oft Redner bei gut zahlenden Sparkassenverbänden. Er hat Tausende Euro Honorar verdient. Er war seltener bei Opfergruppen, bei jenen, denen es nicht mehr gelang, eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Und auf die sich die Scheinwerfer nicht richten.

Wer aber hat das Recht, jemandem zu verbieten, so zu werden, wie er eigentlich immer werden wollte? Jene Dissidenten, die nun maulen, gerieren sich wie die Revolutionswächter, die das Tragen von Taschentüchern verbieten wollten. Es wirkt kokett, wenn über den Lebenslauf von Gauck gerichtet wird, als gäbe es einen lupenreinen 89iger.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820342,00.html

Ja, warum freut Ihr Euch denn nicht? Durch das Gemaule & den Furor von kokettierenden Zukurzgekommenen lassen wir uns unseren Kandidaten jedenfalls nicht vermiesen. Und haben wir westdeutsche Medien Anteil daran, wenn die Westdeutschen so ahnungslos sind, Gauck als Bürgerrechtler zu feiern? Wir präsentieren Gauck zwar so:

Joachim Gauck im Porträt: Der Freiheitskämpfer

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820342,00.html

Aber wer BILD & Co. glaubt, ist schließlich selber schuld. In der BILD-Wahlkampfhilfe für Gauck im Jahr 2010 (BILD-Leser votierten damals mit 58% für Gauck) war Gauck sogar seit 1990 geschieden…

http://www.bild.de/politik/2010/praesident/praesident-schloss-bellevue-12779852.bild.html

Jetzt, wo er sicher gewählt werden wird, kann man die Wahrheit über seinen Familienstand ja verbreiten. Damals war das nicht opportun.

Update:

Gauck weiß durchaus, wem er seine ›Popularität‹ zu verdanken hat – und bedankt sich artig:

BILD begleitet den Bald-Präsidenten

Mit Gauck in Bayern

Von RALF SCHULER

13.03.2012 — 00:13 Uhr

 

München – Flug LH 2037 von Berlin-Tegel nach München.

13.34 Uhr, kurz vor dem Abflug kommt Joachim Gauck (72) durch den Sicherheitscheck. Mantel, Aktentasche, Jackett aufs Band, abtasten – ganz normal wie alle anderen.

http://www.bild.de/politik/inland/gauck-joachim/bild-mit-gauck-in-bayern-23113086.bild.html

Gottlob, er ist noch ein normaler Mensch. Daran mußte man wirklich mal wieder erinnert werden. Es menschelt allerdings äußerst unangenehm:

Auf dem Flug bleibt Gauck noch Zeit für einen Imbiss. Er isst Kochkäs mit Apfeldressing, Kürbispuffer mit Frischkäse. Dazu trinkt er Wasser.

Am Münchner Flughafen wartet die Gegenwart auf den Bald-Präsidenten. Kamerateams, Fotografen, Reporter: In 100 Stunden wird Joachim Gauck Staatsoberhaupt der Deutschen sein.

Fühlt er sich schon als Präsident? Gauck zu BILD: „Wenn ich am Frühstückstisch sitze, bin ich noch der gleiche Bürger Gauck, der ich immer war. Und so soll es auch noch möglichst lange bleiben.“

http://www.bild.de/politik/inland/gauck-joachim/bild-mit-gauck-in-bayern-23113086.bild.html

So fing es mit Wulff auch an: zunächst die empathische werbewirksame BILD-Nähe, dann der jähe Abschuß. Diese Warnung scheint bei Gauck nicht angekommen zu sein.

Thomas Maron schlägt in der STUTTGARTER ZEITUNG lesenswerte andere Töne an:

Aber für was wird Gauck als Bundespräsident stehen? Mit ein, zwei zu Tränen rührenden Reden ist es nicht getan, das ist auch jenen klar, die ihm wohlgesinnt sind. Was bedeutet Freiheit in Europa, was heißt frei sein vor dem Hintergrund sozialer Verwerfungen, wie steht Gauck zu Krieg und Frieden? Viel hat er dazu bisher nicht gesagt. Musste er auch nicht, er hatte ja ein Produkt in der Auslage, das ihm Auskommen und Ansehen sicherte. Aber jetzt muss er sein Angebot erweitern.

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.der-kandidat-joachim-gauck-deutschland-ahoi-der-neue-kapitaen-soll-s-richten-page2.fa907c54-a67c-4e1c-9add-823e946912ea.html

5 Gedanken zu „Wurde Gauck eigentlich gegauckt, bevor er Leiter der gleichnamigen Behörde wurde?

  1. Man möchte jedes Wort unterstreichen, wobei ich aber meine, die Wortmeldung des alten Weisen kam nicht unbedingt zu früh. Nicht nur Stolpe hatte unter den bedingungslos agierenden Opportunisten in ihren neugeschaffenen Ämtern zu leiden. Beinahe könnte man damit zufrieden sein, wenn Personen wie Ebeling rechtzeitig wieder in der Versenkung verschwanden. Diese Gruppe derzeit aber wieder aufzuwerten, in dem man dem schlimmsten ihrer Vertreter einen Ehrenposten anbietet, ist einem Zweck geschuldet.

    Es geht nicht darum, ob Frau Klarsfeld zu den Bürgerlichen in Frankreich neigt und die LINKEN sich daher, angeblich in Unkenntnis der Sachlage (Häme..) mit ihr vertan hätten. Es geht darum, ob man in der BR endlich bereit ist, eine hoch dekorierte (*) deutsche Dissidentin anzuerkennen und sich damit endgültig von der Vergangenheit zu distanzieren. Eine Vergangenheit, die, wie von Th. Harlan beschrieben, auch Jahrzehnte der Nachkriegszeit betraf.
    Grade in einer Zeit, in der mit NSU längst keine Fahrzeugmarke mehr bezeichnet wird, würde ihre Wahl zur Bundespräsidentin im In- und Ausland verstanden werden.
    Jedoch: man verleumdet lieber die angebliche Nestbeschmutzerin.

    Nun wird ein Opportunist reinsten Wassers als angeblicher Bürgerrechtler vorgestellt, dessen bisherige Auftritte allgemein recht wenig Begeisterung hervorriefen. Unvergessen seine „einfühlsame“ Rede zur Trauerfeier der Opfer am Gutenberg Gymnasium in Erfurt, die den wahren Menschen Gauck- seinen Charakter- zeigte.
    Damals wie heute ist dieser Mann in vieler Hinsicht ein Fehlgriff.

    (*) Zitat:
    1974 erhielt Beate Klarsfeld in Israel die „Tapferkeitsmedaille der Ghettokämpfer“.
    1984 ehrte sie der französische Präsident François Mitterrand als „Ritter der Ehrenlegion“.
    2007 wurde sie zum „Offizier der Ehrenlegion“ ernannt.
    2009 wurde sie mit dem Georg-Elser-Preis ausgezeichnet
    2011 erhielt sie das Komturkreuz des Verdienstordens der Französischen Republik.

  2. Liebe Frau Wolff, wieder ein klasse Artikel und so gut belegt und recherchiert, wie ichs niemals hinbekommen würde.
    Ich gehe natürlich völlig d’accord mit Ihnen, was die Rolle der Medien sowohl beim Runterschreiben von Wulff als auch beim Raufschreiben von Gauck betrifft.

    Nur, falls ich Herr Gauck wäre und dies lesen würde, ich würde mich angegriffen fühlen.

    Aber man muß bedenken, daß im Falle Gauck man den Mann als Bundespräsidenten ja noch nicht erleben konnte. Ich meine damit, trotz einiger Schwächen, die sich in der Vergangenheit gezeigt haben, kann er trotzdem ein ganz guter Präses sein.

    Schließlich haben Sie im Fall Wulff ja auch auf den Vorwurf, der immer von der Gegenseite kam, er habe sich früher rigoros gezeigt und nun auf einmal nicht mehr, sinngemäß geantwortet, daß die Leute ja auch lernfähig seien.
    Und bis zum Beweis des Gegenteils billige ich Herrn Gauck Gleiches zu.

    Übrigens schon lustig, wie vom anderen Forum bei jedem ihrer Artikel fleißig zurückgeschossen wird.
    Frau Wolff, den D. werden Sie in diesem (Internet)Leben gewiß nicht mehr los.
    Man muß das Ertragen dieser ellenlangen Postings wahrscheinlich unter gute Taten verbuchen, die einem dereinst gut geschrieben werden.
    Der Arme, er hat ja sonst niemanden.

    • Danke! Ich lese da nicht regelmäßig: das lohnt sich mangels Substanz einfach nicht mehr. Und bei diesen bekannten inhaltslosen linkreichen ellenlangen Postings scrollen Leser seit langer Zeit sowieso nur noch, wie mir glaubhaft berichtet wurde.

      Ich hoffe wie Sie, daß der Kandidat ein professionelles Team um sich versammeln und nicht beratungsresistent sein wird. Ich habe nicht das mindeste Interesse daran, daß Deutschland sich im Ausland blamiert. Aber man muß kein Pessimist sein, um Zweifel an der Lernfähigkeit eines über Siebzigjährigen zu haben. Der für sich in Anspruch nehmen kann, daß es immer unerwartbare Volten der Historie waren, die seine jeweiligen Karrieren in Gang setzten. Das Ende der DDR, die unerwartete erste Nominierung durch die politischen Gegner SPD/Grüne im Jahr 2010, die parteipolitisch und medial erzwungene Konsens-Kanditatur jetzt…

      Jedenfalls macht Gauck, siehe das update meines Postings, denselben Fehler wie Wulff: er läßt BILD an sich ran. Dabei wäre die Lehre, die aus Wulffs medial begründetem Aufstieg & Fall zu ziehen wäre, die, einen großen Bogen um den Boulevard zu schlagen. Rennet, rettet, flüchtet…

      Gauck hat es doch nicht nötig, sich mit denen gemein zu machen. Gewählt wird er sowieso (demnächst mehr zu einer ganz speziellen Wahlfrau, die auch nicht weiß, warum sie ihn wählt. Da geht es ihr wohl wie den meisten, die dazu verdonnert wurden).

  3. Fragen kann man immer, aber ob ich nun unbedingt Expertin für Verfassungsrecht bin, muß ich doch selber eher verneinen. Daß dieses Urteil zutreffend ist und das Urteil des BGH absolut gekünstelt, sagt einem schon das Rechtsgefühl.

    Denn Stolpe WAR Medienopfer, insbesondere des SPIEGEL, der mit einer Vehemenz jahrelang gegen ihn angeschrieben hat, die mir schon immer unbegreiflich war. Wie Stolpe auch Gauck-Opfer war. Denn Gauck hat mit den Akten Politik betrieben. Stolpe hat diese jahrelange Hatz nur überstanden, weil er mit sich im Reinen war und immer wußte, wo er stand, wenn er mit der Stasi verhandelte: auf der Seite der Kirche und auf der der politisch Verfolgten.
    Gut, daß wir ein Verfassungsgericht haben…

    Dieser weltfremde BGH! Wahrnehmung berechtigter Interessen, politischer Meinungskampf (da zählen die Regeln des Anstands offenbar nicht mehr), und dann auch noch Formalismus:

    »Der Bundesgerichtshof sei an einer abschließenden Entscheidung in der Sache nicht durch einen erstmals im Revisionsverfahren gestellten Beweisantrag des Beschwerdeführers gehindert, wonach der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt während seiner Amtszeit den Beschwerdeführer darum gebeten habe, mit dem Staatssicherheitsdienst der Deutschen Demokratischen Republik Kontakt aufzunehmen. Abgesehen davon, dass damit die Unwahrheit der konkreten Behauptung des Beklagten nicht zu beweisen wäre, sei ein solcher Beweisantrag in der Revisionsinstanz unzulässig. Außerdem habe das Berufungsgericht von seinem Standpunkt aus keine Veranlassung gehabt, auf ergänzenden Vortrag oder Beweisanträge des Beschwerdeführers hinzuwirken.«
    http://www.buskeismus.de/BVerfG/1BvR1696-98_stolpe.html

    Helmut Schmidt hat ihn gegen die scheinheiligen politisch motivierten Verurteiler dann auch glänzend rehabilitiert:

    12.05.2011
    »GEBURTSTAG: Einer mit innerem Kompass

    Altkanzler Helmut Schmidt über Brandenburgs Ex-Regierungschef Manfred Stolpe, der Montag 75 Jahre alt wird
    […]
    Manfred Stolpe, zu jener Zeit stellvertretender Vorsitzender des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, hatte meine Besuche organisiert. Er ging damit auch persönlich große Risiken ein. Ich war mir zwar damals bei meinen Vorträgen des schmalen Grats zwischen offener Kritik einerseits und Provokation eines öffentlichen Eklats andererseits bewusst. Aber das Risiko eines spontanen Aufbegehrens meiner Zuhörer und deshalb ebenso deren Risiko staatlicher Repression war eindeutig gegeben. Es wurde in den letzten Jahren vor dem Mauerfall größer.
    Die Hoffnung der Menschen in der DDR auf Veränderungen innerhalb des bestehenden Systems und der Drang nach Ablösung des herrschenden Regimes waren immer deutlicher wahrzunehmen. Ich erinnere mich noch gut an eine Rede, die ich 1988 in der Nikolaikirche in Potsdam hielt und bei der die emotionale Spannung im Publikum geradezu körperlich spürbar war. Manfred Stolpe und meine Frau haben sich damals gegenseitig beruhigt und auch gemeinsam aufgeatmet, als ich, die Gefahr erkennend, den Ton meiner Rede dämpfte.
    Ich habe Manfred Stolpe als Mann der Kirche kennengelernt. Als einen, der sich für die Menschen in der DDR einsetzte und der vielen in Notlagen konkret helfen konnte. Nach der Wiedervereinigung gab es Kritik daran, auf welchen Wegen diese Hilfen manchmal zustande gebracht werden mussten. Dieser Kritik habe ich stets widersprochen. Sie resultierte zumeist aus Unwissenheit, aber auch aus Scheinheiligkeit. Wer in einem diktatorischen System anderen in ihrer Bedrängnis helfen will, der muss manchmal krumme Wege gehen, die in kein Schwarz-Weiß-Schema passen. Auch im DDR-Regime war Hilfe oft nur im direkten Kontakt mit dem Machtapparat möglich. Als ich die DDR-Führung warnen wollte, sich im Falle einer sowjetischen Intervention in Polen auf keinen Fall mit DDR-Streitkräften zu beteiligen, habe ich es sehr geschätzt, dass ich Manfred Stolpe bitten konnte, als eine Art Briefträger zu fungieren. Ich konnte mich dabei auf seine Integrität verlassen.«
    http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/12082229/492531/

    Wiederholt und vertieft bei seiner Laudatio vom 7.2.2012, als Stolpe mit dem Europäischen Kulturpreis für Politik ausgezeichnet wurde:

    http://manfred-stolpe.de/helmut-schmidt-lobrede-uber-manfred-stolpe/

    Leider kriegen wir statt Analyse und Durchblick bald unklare Asdrucksweise, Seelsorge, Pastoral-Verschwommenes und sentimental gedeutete Autobiographie als ›inneren Kompaß‹.

    Hat sich schon einmal jemand gemeldet, dem Gauck konkret geholfen hat?

  4. @Gabriele

    Super Medienrezension von dir zur Person Joachim Gauck.

    Zwar off topic, aber nicht off topic:
    Da du von Manfred Stolpe schriebst, von ihm kann man auch von einem Medienopfer sprechen. Christian Schertz hat über seinen Fall ein Buch geschrieben

    „Rufmord und Medienopfer: Die Verletzung der persönlichen Ehre“

    http://books.google.de/books?id=jFrAguynP-4C&pg=PA27&lpg=PA27&dq=Manfred+Stolpe+Medienopfer&source=bl&ots=l7hySCxXvl&sig=g9cothYg3iwar-T9ff91UT_hmhY&hl=de&sa=X&ei=bmheT4XBDMbDswaL2eW0Bg&sqi=2&ved=0CCAQ6AEwAA#v=onepage&q&f=false

    Zu diesem Grundsatzurteil, der sogenannten Stolpe-Entscheidung, hatte ich schon immer Fragen

    http://www.buskeismus.de/BVerfG/1BvR1696-98_stolpe.html

    Dürfte ich bei Gelegenheit fragen?

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s