Literaturkritik als Mittel der Vernichtung eines Autors: auf der Spur der ›Methode Diez‹

Der Versuch des SPIEGEL-Kritikers Georg Diez, den Autor Christian Kracht aus der Gilde ernstzunehmender Autoren herauszuschreiben, indem er ihn als ›Rechten‹ diffamiert, ist glücklicherweise mißlungen. Die Zahl der Kollegen, die ihn tadelten, war groß, prominente Autoren meldeten sich gegen diesen Mißbrauch von Literaturkritik zu Wort, sein eigenes Blatt, der für seine Kultur-Abteilung schon lange unberühmte SPIEGEL, gab dem Kracht-Verleger Helge Malchow Raum zur Gegenrede und veranlaßte seinen vowitzigen Autoren-Erleger Diez zum Nachsitzen: wobei freilich nur wortreich herauskam, daß er den Autor Kracht ja eigentlich gar nicht beschädigen, sondern nur einem eigenen subjektiven Unbehagen habe Ausdruck geben wollen. Und außerdem sei die Etkettierung ›rechts‹ ja kein Verdikt, das den literarischen wie bürgerlichen Tod herbeiführe. Oder so. Jener SPIEGEL 9/2012 ist bei mir schon in der Altpapierkiste gelandet, die seit längerer Zeit entsorgt ist. Ich bitte um rege Hinweise, falls Diez in seinem Erklärstück mit dem unnötig vertraulichen Titel ›Meine Jahre mit Kracht‹ noch etwas Substantielles gesagt haben sollte, das mir womöglich entgangen ist.

Der Literaturskandal blieb also weitgehend aus, der verletzte Schweizer Autor sagte nur seine Premieren-Lesung in Deutschland ab, las aber in Leipzig, und der Absatz seines Romans ›Imperium‹ entwickelte sich erfreulich..

Damit ist der Fall aber nicht erledigt. Denn die Frage bleibt: wie konnte es zu dieser ehrenrührigen Attacke kommen? Welches journalistische Selbstverständnis steckt hinter dem Unterfangen? Was für ein Literaturbegriff liegt dem allem zugrunde? Und wieso findet sich ein bedeutendes Blatt, das diese Entgleisung verbreitet?

13.02.2012

Die Methode Kracht

Von Diez, Georg

Seit „Faserland“ gilt Christian Kracht als wichtige Stimme der Gegenwart. Sein neuer Roman „Imperium“ zeigt vor allem die Nähe des Autors zu rechtem Gedankengut.

Was will Christian Kracht? Am 16. Februar 2012 erscheint sein neuer Roman, er heißt „Imperium“, das Cover ist bunt und schaut einen fast kindlich an wie ein Comic. Eine Südseeinsel und das blaue Meer sind dort zu sehen, ein paar Möwen, ein rauchender Dampfer, eine Eidechse auf einem Baum und ein Totenschädel unter einem Busch.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Dieses Cover wäre ein erster Hinweis auf die Natur des zu rezensierenden Werks gewesen, zumal es heißt, daß Kracht sich auch um die äußere Gestaltung seiner Bücher kümmere:

http://www.amazon.de/gp/product/images/3462041312/ref=dp_image_0?ie=UTF8&n=299956&s=books

Denn es weist weniger Ähnlichkeit mit einem Comic auf als vielmehr mit den Deckelbildern des Karl-May-Verlages. Bis ins Detail ist es diesem hier nachempfunden:

Im Lande des Mahdi III (KMV Radebeul ab 1920)

http://www.biblioman.de/info/Versandantiquari8864/artikel_038610.htm

Im Sudan (Im Lande des Mahdi III) (die aktuelle Version)

http://www.amazon.de/gp/product/images/378020018X/ref=dp_otherviews_0?ie=UTF8&s=books&img=0

Im Vordergrund lauert hier statt Eidechse hilfsweise Gecko und Totenkopf deren Symbiose, gefährliche Krokodile nämlich, der Blick auf das Meer wird auch durch Palmen eingerahmt, im Hintergrund ist ebenfalls eine Insel zu sehen – nur die Vögel fehlen, und statt des Dampfers sieht man, wie sich ein Segelboot ins Bild schiebt.

Illustration eines Abenteuerromans aus kolonialen Zeiten, in dem der Ich-Erzähler gegen den Sklavenhandel streitet; ein Reiseroman, der von Ägypten in den Sudan führt und in den eine historisch verbürgte Person, nämlich der Mahdi, zur Beglaubigung des Realitätsgehalts einer ganz und gar phantasierten Geschichte verwoben ist. In der geht es, wie immer bei May, um Erlösung und Vernichtung, (Worte, die wir uns merken müssen), um Gefangenschaft und Befreiung: Metaphern, die sein reales niederdrückendes, ihn zur Flucht in die Literatur treibendes, Leben nur allzugut beschreiben. Heute könnte man sein ›Leben und Streben‹ als role-model für Autoren bezeichnen. Es gilt selbst für die, die ihn nicht kennen. Sie sollten ihn kennenlernen.

Im Gegensatz zu May, der seine exotischen Wort-Welten aus Reiseberichten, geographischen Werken, Sprachführern und Lexika erbaute, reist Kracht wirklich. Das scheint aber auch der einzige Gegensatz zu sein. Mag sich das Baumaterial beider Autoren unterscheiden, im Ergebnis führte und führt es zu literarischen Utopien. In einer Kundenrezension bei Amazon fand ich dieses Zitat:

‚Max‘ ist eine der schlechtesten Zeitschriften Deutschlands. Das ist bekannt. Daß es der sogenannte ‚Max‘ schafft, noch schlechter als der ‚Stern‘ zu sein, mit dem er neuerdings häufig verglichen wird, ist neu – beinahe. ‚Max‘ schafft es trotzdem, auch diese Hürde mit traumwandlerischer Sicherheit zu nehmen, wie immer wieder in verblüffender Weise deutlich wird. Ein Beispiel dafür ist die Besprechung von Christian Krachts jüngstem Buch ‚Der gelbe Bleistift‘, die in dem Satz ‚Das Buch wird Ihnen gefallen, wenn Sie früher Karl-May-Fan waren‘, verbunden mit der schlechtmöglichsten Punktebewertung, mündet. Danke, lieber Rezensent, danke, ‚fl‘.

http://www.amazon.de/review/R229JEJSU563NO

Diez:

„Unter den langen weißen Wolken“, so beginnt „Imperium“, „unter der prächtigen Sonne, unter dem hellen Firmament, da war erst ein langgedehntes Tuten zu hören, dann rief die Schiffsglocke eindringlich zum Mittag, und ein malaysischer Boy schritt sanftfüßig und leise das Oberdeck ab, um jene Passagiere mit behutsamem Schulterdruck aufzuwecken, die gleich nach dem üppigen Frühstück wieder eingeschlafen waren.“

Es ist ein ferner, seltsamer Klang, der den Leser mit den ersten Sätzen ergreift, die Sprache kräuselt sich sanft wie Wellen, die auf den Horizont zulaufen. Es ist auch eine ferne, seltsame Geschichte, die Kracht da erzählt, von August Engelhardt, „Bartträger, Vegetarier, Nudist“, ein deutscher Aussteiger am Beginn des 20. Jahrhunderts, der sein Glück in der Südsee sucht. Neupommern, Blanchebucht und Herbertshöhe, das waren die Namen damals – und obwohl das alles erfunden wirkt: Es ist mehr oder weniger wahr, die Namen gab es wirklich, und auch August Engelhardt gab es wirklich.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Und spätestens jetzt hätte Diez auffallen müssen, daß er es mit einem Sprach-Kunstwerk zu tun hat, in dem der Duktus der Jahrhundertwende nachempfunden wird und in dem die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Vergangenheit und Gegenwart aufgehoben sind. In dem das Scheitern eines realen erlösungssuchenden Aussteigers zum Plädoyer für die Konstruktion einer literarischen Gegenwelt wird.

So deutete es sich schon in Krachts Erstlingswerk ›Faserland‹ (1995) an, als der durch Deutschland reisende Held, immer mehr erkaltend und vereinsamt in der oberflächlichen Konsumkultur, die ihn umgibt, sich zum Schluß auf den Friedhof von Kilchberg begibt, um das Grab von Thomas Mann zu suchen. Er findet es wegen der einbrechenden Dunkelheit nicht, und daher bleibt er untröstlich…

Der aktuelle Held August Engelhardt ist ein Konsum- und Kapitalismuskritiker wie die Ich-Figur in ›Faserland‹ und geht in seinem realen Flucht-Imperium zugrunde.

Georg Diez, der nebenbei die verblüffende Forderung aufzustellen scheint, ein Autor solle auch ein »guter Mensch« sein, beugt sich über dieses Werk wie seinerzeit ein katholischer Kritiker auf der Suche nach anstößigen Stellen. Und mißt dabei mit folgender, ähnlich unzulänglicher, Elle:

Krachts Koordinaten waren immer Vernichtung und Erlösung. Er platzierte sich damit sehr bewusst außerhalb des demokratischen Diskurses.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Diese Messung kann nur schiefgehen. Man muß dem Kritiker wünschen, daß ihm ein großer Teil der Literatur niemals unter die Augen gerät, insbesondere die Literatur nicht, die sich den existentiellen Fragen des Lebens zuwendet und mit demokratischem Diskurs daher nichts zu schaffen hat. Diez echauffiert sich tatsächlich darüber, daß in einem Kolonialroman Rassismus vorkommt, mokiert sich über allwissend-ironische Sentenzen der zeitenthobenen Erzählerstimme und scheint sogar etwas gegen die doch eigentlich hehren und auch heute noch aktuellen Fluchtgründe des Helden zu haben:

In „Imperium“ nun feiert er „die exquisiteste Barbarei“, in die sich sein Held Engelhardt rettet und sich an dem Gedanken berauscht, „dieser vergifteten, vulgären, grausamen, vergnügungssüchtigen, von innen heraus verfaulenden Gesellschaft, die lediglich damit beschäftigt ist, nutzlose Dinge anzuhäufen, Tiere zu schlachten und des Menschen Seele zu zerstören, adieu zu sagen, für immer“.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Es ist überdeutlich dargetan: Diez will Kracht an den Kragen, und koste es seine eigene Reputation. Zwischendurch fragt er zwar mal: »Wer denkt so?« und »Wer spricht da?«, aber ernsthaft stellt er sich die Fragen nicht: es ist natürlich immer der Autor persönlich, und den will er erlegen. Allein mit dem Buch ›Imperium‹ oder anderen Romanen des Autors schafft er das allerdings nicht:

Und über den Holocaust: „Komödiantisch wäre es wohl anzusehen, wenn da nicht unvorstellbare Grausamkeit folgen würde: Gebeine, Excreta, Rauch.“

Kracht lässt diese drei Worte fallen wie die schönsten, bösesten Edelsteine, die er finden konnte. Aber was will er mit dieser Provokation?

Bei dieser Frage, stellt man irgendwann fest, hilft „Imperium“, helfen die Romane nur bedingt weiter. Kracht kann sich da leicht in seinen Literaturgewittern verstecken.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Das ist natürlich ärgerlich, daß es da einen gibt, der schreiben kann. Den kriegt man nicht zu fassen, der rettet sich in »semantischen Strudel«, der frönt »antimodernem Ästhetizismus«, der produziert »schönen Wellenschlag der Worte«. Leider, leider, hier gilt’s der Kunst, da muß der beschränktere Journalist neidvoll passen und sich daher einen publizierten Mail-Wechsel des Künstlers Kracht mit dem Künstler David Woodard vornehmen, in dem gar obskure Themen und obskure Menschen behandelt werden; denn Künstlers Briefwechsel, Mails und Tagebücher, selbst wenn sie von Anfang an zur Publikation vorgesehen waren, sind für einen Journalisten die Reine Quelle. Da muß doch jetzt das eigentliche Autoren-Denken zum Vorschein kommen… Bei diesen Textsorten gibt es nämlich keine Rollenprosa, keine Selbstdarstellung, keine Kunst, keine Stilisierungen. Meint jemand, der zwar gern selbst einen literarischen Journalismus pflegen würde, wenn er es könnte (es gelingen ihm nur mancherlei Stilblüten), der aber von Künstlern nichts versteht. Von ihren Inszenierungen, ihren Lebens-Umschreibungen. Diez bringt aber, unbewußt, ein hübsches Beispiel, wie diese Lebens-Art auch den Mail-Wechsel durchdringt:

„Es ist sehr bedacht von dir“, schreibt Kracht an Woodard, „dass du dich etwas von dem entfernst, was deine Gegner rechtsradikal nennen könnten, und eine entspanntere Art des zivilen Ungehorsams gewählt hast.“ Hinter diesem „Nebelvorhang“ könne Woodard sich vor den „Linken (in Schottenmuster gekleidete Schweizer feministische DJs) in Europa“ verstecken, die sich „gezwungen sehen werden zu überdenken, wie sie deine Theorie der aristotelischen Komödie interpretieren“.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Nein, mit Komödie und in Schottenmuster gekleideten Schweizer feministischen DJs hat es unser eindimensionaler Mainstream-Kritiker nicht. Und so schließt er wuchtig:

„Wie die meisten seiner Zeitgenossen“, schreibt Kracht in diesem distanziert-ironischen Ton über Engelhardt, „wie alle Mitglieder seiner Rasse war er früher oder später dazu gekommen, in der Existenz der Juden eine probate Ursache für jegliches erlittene Unbill zu sehen.“

Vor dem Hintergrund von Nueva Germania und David Woodard und all den E-Mails werden diese Sätze bleischwer.

Was also will Christian Kracht? Er ist, ganz einfach, der Türsteher der rechten Gedanken. An seinem Beispiel kann man sehen, wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken seinen Weg findet hinein in den Mainstream.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Was also will Georg Diez? Er ist, ganz einfach, der beckmesserische Türsteher vor dem Reich der Literatur, in dem er die Plätze anweist, die er selbst niemals einnehmen kann. An seinem Beispiel kann man sehen, wie antimoderner, demokratiefeindlicher, totalitärer Machtanspruch der Presse seinen Weg in den medialen Mainstream gefunden hat.

Notwendiger Seitenblick:

An Georg Diez’ ›Rezension‹ einer nachgelassenen Reportagesammlung des Journalisten Marc Fischer kann man studieren, wie groß sein literarischer Ehrgeiz ist – so groß, daß eine Rezension nicht zustandekommt:

 16.03.2012

Georg Diez

S.P.O.N. – Der Kritiker

Bereit, die Welt zu umarmen

Marc Fischer war ein Journalist, ein Reisender, ein Suchender, ein Romantiker. Vor etwa einem Jahr ist er gestorben, doch mit dem Reportagen-Band „Die Sache mit dem Ich“ lebt er wieder auf – als einer, der einem gute Laune machen kann, selbst wenn man Rückenschmerzen hat.

Ich mochte Marc Fischer, und ich glaube, er mochte mich auch, aber das kann ich natürlich nicht wissen, denn ich rede mit Leuten nicht über so etwas, weil ich denke, entweder ist es so oder eben nicht, und er redete mit Leuten nicht über so etwas, weil er dachte, es wird schon so sein – und jetzt ist er tot, er hat sich vor etwa einem Jahr umgebracht, und seine gesammelten Reportagen erscheinen, und als ich sie gestern Nachmittag durchgelesen habe, da lag ich auf meinem Bett, weil mir mein Rücken weh tut, und ich hatte auf einmal wieder gute Laune, es war, als habe jemand ein paar Wolken vor meiner Brille verrückt.

Das war Marc Fischer.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,821609,00.html

Das sind natürlich nur Ich-Botschaften des Schreibers, die mit Marc Fischer nur insoweit zu tun haben, als er dessen ›Programm‹ zu erfüllen versucht:

06.04.2011

Zum Tode Marc Fischers

          Der Junge mit der Mütze

Von Sebastian Hammelehle

[…]

Popjournalismus zeichnete sich durch dreierlei aus: 1. Phantasie war wichtiger als Recherche; 2. kein Satz sollte so geschrieben sein, wie man es auf den Journalistenschulen beigebracht bekam. Und, 3., die Texte waren ziemlich subjektiv.

[…]

Wie viele Journalisten der Zeit veröffentlichte Fischer Romane („Eine Art Idol“ und „Jäger“) und lotete darin die von Vorbildern wie Bret Easton Ellis und Douglas Coupland vorgegebenen Möglichkeiten der Popliteratur aus. Sein eigentliches Metier aber war nicht der Roman, sondern jene schwer greifbare Mischform im Niemandsland zwischen Journalismus und Literatur.

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,755325,00.html

In diesem Niemandsland irrt Georg Diez zur Zeit orientierungslos umher: was eine Rezension zu leisten hat und wie man an Literatur herangeht, hat er vergessen, aber die reflektierte Subjektivität, die den betrachteten Gegenstand klarer erfaßt und ihm mehr abgewinnt als die Vortäuschung einer objektiven Würdigung, hat er noch nicht gefunden. Auf S.P.O.N. mag er meinethalben ja noch üben. Im SPIEGEL bitte nicht mehr. Die Kollateralschäden seiner eigenen Entwicklungsgeschichte sind schlicht zu hoch. Autoren sind empfindsam. Hätten sie ein rindsledernes Gemüt, würden sie Journalisten werden.

Diese Offenheit ist es, die ich an Marc Fischers Schreiben mag. Man könnte es auch Ratlosigkeit nennen. Aber das sind ja die schönsten Menschen: Die, die im Grunde nicht wissen, was sie tun.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,821609,00.html

Tja. Das war dann wiederum eine treffliche Selbstbeschreibung. Aber wieso ›es‹? Und wieso ›schönste‹ Menschen? Dieses Adjektiv trifft wiederum gar nicht, was der Schreiber ausdrücken wollte.

Die Pointe von alldem ist, daß der von Georg Diez bewunderte reisende Ich-Sager Marc Fischer ein gemeinsamer Freund von Christian Kracht und David Woodard war.

Woodard hat am 6.4.2011 einen kleinen funkelnden Nachruf auf Fischer geschrieben (und hierin die Geschichte erzählt, unter welch aufwendigen Inszenierungen – falsches Haus, falsche Geburtstagsparty, falscher Todesfall, falscher Erbe – er Fischer im September 1996 zum ersten Mal empfangen hat. Eine Geschichte, die der Interpretation des Mail-Wechsels Woodard – Kracht doch sehr auf die Beine geholfen hätte):

http://032c.com/2011/an-elegy-for-marc-fischer-by-david-woodard/

Muß Diez jetzt auch den ratlosen Fischer (vielleicht war aber auch nur sein Schreiben ratlos oder vielmehr seine Offenheit) posthum verdammen, weil der nicht wußte, was er tat, als er mit Kracht und Woodard befreundet war, Diez aber nur mochte, jedenfalls vielleicht? Oder sollte man Menschen, die nicht wissen, was sie tun, vielleicht doch nicht schön finden? Ich überlasse Georg Diez der Wirrnis seiner Gedankenwelt, mit der ich glücklicherweise nichts zu tun habe.

Georg Diez:

Und so stellen die Geschichten von Marc Fischer eben auch ein paar Fragen an uns Überlebende: Wie viel wollen wir riskieren, wie weit würden wir gehen, wie wichtig ist uns unsere Sicherheit, wie groß ist die Sehnsucht, von anderen geliebt zu werden dafür, dass wir das Gleiche machen wie sie? Es sind Geschichten über die Medienwelten, in denen wir uns verheddern, es ist ein Buch über die Zwänge, die wir uns selbst auferlegen, es war ein Leben, das viel komplizierter war, als es schien, was wunderbar ist, wenn es gut geht.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,821609,00.html

Für Fischer ging es nicht gut, und auch Georg Diez sehe ich auf einem schlechten Weg. Es ist nämlich kein Ausweg, sich selbst den medialen Mainstream-Zwängen zu unterwerfen, und den Schmerz darüber in Aggression gegen einen anderen abzuleiten, der eine freie Haltung, die des literarischen Spiels gegen alle Konvention, gefunden hat.

Georg Diez sollte sich fragen, warum der SPIEGEL seinen unterkomplexen Angriff gegen Christian Kracht überhaupt abdruckte. Vielleicht versteht er dann, wie groß das Skandalisierungsbedürfnis des SPIEGEL zur Erzielung von Auflagensteigerung ist. Dem Autor Kracht hat der ›Skandal‹ trotz aller persönlicher Verletzungen auflagentechnisch genutzt, dem Kritiker hat er geschadet.

Es wäre nicht schlecht, wenn er hieraus Lehren ziehen würde.

Sonst erwartet ihn die Höchststrafe: lebenslänglich S.P.O.N.

Update:

Da war jemand schneller als ich und hat die unmittelbare Vorlage für das ›Imperium‹-Cover gefunden:

Christian Krachts „Imperium“

Finden Sie die Unterschiede?

06.03.2012 ·  Gegen Christian Krachts Roman „Imperium“ werden allerhand Vorwürfe erhoben. Dabei nimmt er nur seinen Titel ernst und ist auf Eroberungszüge aus – zum Besten der Leser.

Von Andreas Platthaus

© Dupuis verlag Das Schlussbild aus Frank Le Galls Comic „Das Schicksal der Maria Verita“ (1989)

[…]

Ein bislang von den Interpreten übersehenes tatsächliches Plagiat mag die Vorgehensweise von „Imperium“ klarmachen. Es handelt sich um das Offensichtlichste am Buch überhaupt: sein Titelbild. Laut Impressum stammt das Motiv von dem Hamburger Gestalter Dominik Monheim. Es ist jedoch eine nur notdürftig kaschierte Übernahme aus einem Comic: „Das Schicksal der Maria Verita“ aus Frank Le Galls Albenreihe „Theodor Pussel“. Diese Geschichte endet mit dem Bild eines abfahrenden Schiffs. Für „Imperium“ wurde ein Ausschnitt daraus entnommen, das Schiff gegen ein ankommendes ausgetauscht, ein paar Details retuschiert – und fertig ist ein perfekt passendes Cover, denn auch die „Theodor Pussel“-Abenteuer haben ihren Schauplatz in der Südsee.

Einen Schlüssel zur Lektüre

Krachts Verlag Kiepenheuer & Witsch kann sich nicht erklären, wie diese Übernahme zustande kam. Dabei ist es so einfach: In Krachts Buch gibt es eine explizite Anspielung auf „Theodor Pussel“: Es tritt ein „Herr November“ auf, und das ist neben dem Titelhelden die zweite Hauptfigur aus Frank Le Galls Comicserie. Kracht kennt sie also, und somit wird Monheim (der 1998 schon die Illustrationen zu Krachts „Ferien für immer“ anfertigte und dafür den Stil des Comiczeichners Hergé wählte) der Hinweis auf das seinem Stoff kongeniale Bild zu verdanken gewesen sein. Schäbig nur, dass dann die Urheberschaft von Le Gall verschwiegen wurde.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/christian-krachts-imperium-finden-sie-die-unterschiede-11674244.html

Bleibt nur noch die Frage, durch wen sich Le Gall inspirieren ließ…

108 Demokraten & erfrorene Rosen

Eigentlich keine Nachricht; und dazu noch eine von gestern:

Joachim Gauck ist neuer Bundespräsident

Die Bundesversammlung hat den 72-jährigen Theologen Joachim Gauck zum neuen Bundespräsidenten gewählt. Gauck nahm die Wahl an. Er ist Nachfolger des zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff.

Gauck erhielt bereits im ersten Wahlgang 991 von 1228 gültigen Wahlmännerstimmen.Er hatte als klarer Favorit gegolten, weil er der gemeinsame Kandidat von Union, FDP, SPD und Grünen war. Mindestens 103 Delegierte dieser Parteien verweigerten ihm allerdings ihre Stimme. Gauck ist das zum Zeitpunkt seiner Wahl älteste Staatsoberhaupt in der Geschichte der Bundesrepublik.

Für die Linkspartei kandidierte die Publizistin Beate Klarsfeld. Sie erhielt 126 Stimmen – drei mehr als die Linkspartei in der Bundesversammlung Stimmen hat. Auch die rechtsextreme NPD schickte mit Olaf Rose einen eigenen Kandidaten in die Wahl; er erhielt drei Stimmen. 108 Wahlleute enthielten sich.

http://www.tagesschau.de/inland/bundespraesidentenwahl210.html

Auf den zweiten Blick ist das dann aber doch eine Neuigkeit. Immerhin gab es 108 aufrechte Demokraten, die sich der parteipolitisch abgekasperten Schein-Wahl verweigerten. Es gab zudem vier, die wegen der Qual der Wahl ungültig stimmten.

Jetzt kann auch der STERN seine Propaganda-›Berichterstattung‹ (wie mit der Titelstory EINER FÜR UNS) einstellen und wieder Klartext reden. Der famose Herr Schütz, der schon einmal in mein Blickfeld geraten war:

https://gabrielewolff.wordpress.com/2012/03/08/der-stern-kontra-wulff-kann-journalismus-noch-tiefer-sinken/

hat sich jetzt zwar des unziemlich hämischen Tons enthalten, vermutlich wegen neu erwachten Respekts vor der vielbeschworenen Würde des Amtes, die gerade die Medien beschädigt haben, aber deutlich wird er dann doch:

18. März 2012, 16:12 Uhr

Bundespräsident Gauck

Der Freiheitskämpfer muss sich öffnen

Als Präsident darf Joachim Gauck sich nicht auf den Freiheitsbegriff beschränken. Er muss sich neue Themen erschließen, um die Problemzonen der Gesellschaft zu erreichen.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

[…]

Glaube doch keiner, dass Gauck von den Genossen etwa wegen seiner sozialpolitischen Gefühle oder von der Grünen dank seines ökologischen Profils gewählt worden ist. In den rot-grünen Lobgesängen, die mittlerweile auf Gauck angestimmt worden sind, stecken viele falsche Töne.

So gesehen müssen die Parteien, die diesen Bundespräsidenten ins Amt gehoben haben, mit Joachim Gauck erst noch politisch leben lernen. Müssen ihm echtes Vertrauen erst noch entgegen bringen. Denn, wie gesagt, die Person des Präsidenten geht im Amt nicht auf. Gauck wird sich im neuen Amt politisch nicht missbrauchen, kommandieren und herum schieben lassen. Dieser Präsident hat sich in seiner schwierigen Vergangenheit dergleichen Versuchen selbstbewusst widersetzt. Er war jetzt der Wunschkandidat einer breiten politischen Mehrheit. Ob er ihr Wunschpräsident werden wird, muss sich erst noch erweisen. Er muss, wie es ihm schon mehrfach prophezeit worden ist, dafür noch viel lernen. Die unerwartet hohe Zahl der Enthaltungen bei seiner Wahl kann Gauck als Herausforderung betrachten.

[…]

Er kann nicht ausschließlich über die Freiheit reden. Man will auch hören, wie er die Europolitik sieht, die Atompolitik, wo er beim Blick etwa auf die Probleme der inneren Sicherheit und der Integration steht. Ein weiterhin monothematischer Bundespräsident würde seinem Amt und dessen Bedeutung nicht gerecht. Er muss sich schnell öffnen, etwa dem Thema der sozialen Gerechtigkeit und den Geboten des Sozialstaats, den er zuweilen auch schon mal mit Worten eher abfällig kommentiert hat, mit Bemerkungen wie: Solidarität und Fürsorge trügen zur Erschlaffung bei. Gerade ihm als Pastor müssten die sozialen Verpflichtungen der Bergpredigt besonders wichtig sein. Pastorales Pathos allein genügt nicht.

[…]

http://www.stern.de/politik/deutschland/bundespraesident-gauck-der-freiheitskaempfer-muss-sich-oeffnen-1801695.html

Überraschende Einsichten sind das allerdings nur für die Tagschreiber, die immer noch die unzutreffende Kategorie ›Freiheitskämpfer‹ verwenden. Kritische Bürger wußten das von Anfang an. Muß man eventuell eine lange Leitung haben, um professionell publizieren zu dürfen?

Es sieht so aus; auch Alice Schwarzer bekundete in den gestrigen ›Tagesthemen‹ von 19 Uhr, daß sie, stellvertretend für die Bürger und Bürgerinnen, einen von Parteitaktik unabhängigen Kandidaten gewählt habe – zu den 108 wahren Demokraten zählte sie daher nicht. Nach ihrer eigenen oberflächlichen Argumentation hätte sie auch Frau Klarsfeld wählen können, die ebenfalls keiner Partei angehört. Mit einer mir unbegreiflichen Blindheit klammert sie aus, daß Gauck nur deshalb Kandidat wurde, weil die Kandidatur durch sachfremdeste Parteitaktik erzwungen wurde, während niemand außerhalb eines Teils einer marginalisierten FDP ihn wirklich wollte. Und sie schon gar nicht. Sie wollte mediale Bedeutung, einmal mehr. Und wurde dann ja auch einträchtig mit Frau Merkel und Frau Springer gesichtet: auf daß der Abglanz politischer wie medialer Macht auch auf sie scheine.

Der heutige SPIEGEL bringt einen Präsidenten-Titel, der dazu geeignet ist, dem Leser Angst und Bange zu machen:

https://magazin.spiegel.de/epaper/start/index.html

Ein kantigeres, martialischeres Helm-ab-zum-Gebet-Porträt, entrückter Blick nach oben, das willensstarke Kinn vorgeschoben, die Lippen zusammengepreßt, alles grell und jede Runzel kontrastreich von der Seite beleuchtet und das Ganze in leichter Untersicht aufgenommen, war wohl nicht aufzutreiben. Dazu passend die Titelei:

Der Leviten-Leser

Wie Joachim Gauck das Land verändern will

Worin ja schon das gesamte verfehlte Verständnis des Präsidenten-Amtes enthalten ist. Repräsentation, Prüfung der Gesetze auf Verfassungsmäßigkeit und dann und wann eine sinnstiftende Rede, ohne in die Niederungen der Tagepolitik abzugleiten –: darin erschöpft sich das Amt im wesentlichen. Gauck hat schlechte Berater: nach der Wahl plauderte er in ›Was nun, Herr Gauck?‹. Bibbernd saß man da und wartete auf die Fettnäpfchen, in die er treten könnte, weil er sich so gern reden hört. Großer Gott, einer Frau Schausten setzt sich doch kein Präsident aus – das ist schlicht unwürdig, und es war Christian Wulffs größter Fehler, das getan zu haben.

Ein deutscher Präsident kann ein Land nicht verändern.

Nun, ich habe den SPIEGEL-Artikel (noch) nicht gelesen und habe auch keine Lust dazu.

Wolfgang Lieb hat ihn bereits gelesen:

  • Spiegel als „Unterstützer“ von Gauck
    Anmerkung WL: In der Printausgabe des Spiegel outet sich der Spiegel als Unterstützer von Gauck: „Seine Kandidatur wurde von vielen Medien, auch vom SPIEGEL unterstützt…“ heißt es in der neuesten Ausgabe. Dieses offene Eingeständnis einer Parteinahme ist schon sehr interessant. Es zeigt einmal mehr, dass sich viele Medien in Deutschland nicht mehr mit der Rolle der zuverlässigen Berichterstattung des neutralen Beobachters und Wächters oder der kritischen Begleitung zufrieden geben, sondern ganz offen Partei ergreifen und Entscheidungen herbeizuschreiben versuchen. Dass der Spiegel Gauck hochschreibt wusste man schon seit längerer Zeit, dass er diese Unterstützung nun auch selbst einräumt, bestätigt, dass nicht nur dieses Magazin sondern – wie der Spiegel schreibt – viele Medien in diesem Lande „Politik machen“. Das sollte man immer im Blick haben, wenn man künftig den Spiegel liest.

http://www.nachdenkseiten.de/?p=12585#h01

Der steife Herr Mascolo, dessen Qualitäten als SPIEGEL-Chefredakteur fürs Publikum im Verborgenen bleiben, weshalb eine Frauenquote beim SPIEGEL schlicht nicht schaden kann, formulierte bei Jauch, daß dieser Präsident jedenfalls nicht langweilig sein werde. Welche Selbstentlarvung!

It’s the entertainment, stupid!

Darum geht’s ihm also. Weg mit dem hölzernen Wulff, her mit dem spannenden Gauck. Irgendwann wird der SPIEGEL auf dem Niveau von S.P.O.N. gelandet sein und S.P.O.N. gänzlich auf Boulevard-Niveau. Damit entfiele allerdings die aktuelle Verdienstmöglichkeit, das letzte Jahr SPIEGEL als kostenpflichtiges SPIEGEL-digital zu verkaufen. ProfitProfitProfit. Wenn Rudolf Augstein geahnt hätte, zu welchem Qualitätsverfall sein Mitarbeiterbeteiligungs-Modell beitragen würde, hätte er es nicht eingeführt.

Und BILD schmalzt natürlich homestorymäßig herum – bis zum nächsten Halali:

http://www.bild.de/politik/inland/bundespraesidentenwahl/mein-opa-ist-jetzt-praesident-23209744.bild.html

http://www.bild.de/politik/inland/gauck-joachim/daniela-schadt-und-joachim-gauck-laeuten-nach-der-bundespraesidenten-wahl-die-hochzeitsglocken-23204154.bild.html

http://www.bild.de/news/standards/franz-josef-wagner/lieber-bundespraesident-liebe-frau-daniela-schadt-23211448.bild.html

Gegen diese Widrigkeiten der Welt habe ich es wie Candide gehalten: versucht, meinen kleinen Garten zu bestellen. Aber bei all den Freuden über das beginnende Wachsen und Gedeihen gab es doch auch Anlaß zur Großen Anklage: warum sind in diesem kurzen, wenn auch heftigen Winter so viele meiner Rosen erfroren? Darunter eine, die ich schon seit 1998 habe und die viel strengere und längere Winter als diesen unbeschadet überstanden hat?

Soll ich die schwarzen Stengel ganz kurz herunterschneiden und hoffen, daß sich neue Triebe bilden?

(Gartentips werden gern entgegengenommen.)

update:

Während die Presse in Sachen Wulff weiterhin manipuliert:

17.03.2012

Autor: Günter Lachmann

Ermittlungen gegen Wulff umfangreicher als bekannt

Die Staatsanwaltschaft Hannover prüft weitere Übernachtungen Christian Wulffs auf Sylt und in München. Sein Freund Maschmeyer nimmt ihn in Schutz.

Das Ermittlungsverfahren gegen Ex-Bundespräsident Christian Wulff wegen des Verdachts der Vorteilsannahme ist umfangreicher als bisher bekannt.

Die Staatsanwaltschaft Hannover bezieht sich in ihren Ermittlungen nicht nur auf Wulffs Urlaub mit seiner späteren Frau Bettina im „Hotel Stadt Hamburg“ auf Sylt 2007, sondern auch auf den Aufenthalt des Paares in einer Ferienwohnung auf der Insel 2008 und zwei Übernachtungen im „Bayerischen Hof“ in München 2008. Das bestätigte die Staatsanwaltschaft gegenüber „Welt Online“.

„Die drei Vorfälle waren von Beginn an Gegenstand unserer Ermittlungen“, sagte Oberstaatsanwalt Manfred Knothe. Die Staatsanwaltschaft prüfe, ob der Film- Unternehmer David Groenewold die Kosten für die genannten Hotel-Aufenthalte „als Gegenleistung für ein allgemeines dienstliches Wohlwollen im Rahmen der Gestaltung des Medienrechts“ zur „vereinbarten Stimmungspflege“ übernommen habe.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article13927869/Ermittlungen-gegen-Wulff-umfangreicher-als-bekannt.html

Das war von Anfang an bekannt, daß es lediglich um den Komplex Groenewold mit den drei sattsam bekannten Hotel/Pensionsaufenthalten in Sylt und München geht…

Den Beistand seines Freundes kann Wulff gut gebrauchen. Das Ermittlungsverfahren gegen den Ex-Bundespräsidenten ist offenbar umfangreicher als bisher bekannt. Die Staatsanwaltschaft Hannover beschränkt sich bei ihrer Arbeit nicht nur auf Wulffs Urlaub mit seiner späteren Frau Bettina im Hotel Stadt Hamburg auf Sylt 2007. Auch der Aufenthalt des Paares in einer Ferienwohnung auf der Insel 2008 und zwei Übernachtungen im Bayerischen Hof in München Ende 2008 werteten die Fahnder laut einem Bericht des „Focus“ als Vorteilsannahme.

Die Ermittler würden laut einem internen Vermerk davon ausgehen, dass „als Gegenleistung für ein allgemeines dienstliches Wohlwollen im Rahmen der Gestaltung des Medienrechts“ der Film-Unternehmer David Groenewold zur „vereinbarten Stimmungspflege“ für die Kosten aufkam, berichtete das Blatt weiter. Die Staatsanwaltschaft war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,821910,00.html

Weil das aber so klang, als ob die Ermittlungen ausgeweitet worden wären, sah sich die Staatsanwaltschaft gestern zu einem Dementi gezwungen, das dann als kleine, unscheinbare Meldung unterging:

Keine erweiterten Ermittlungen gegen Wulff

Hannover – Die Staatsanwaltschaft Hannover hat Berichte über eine Ausweitung der Ermittlungen gegen Ex-Bundespräsident Christian Wulff dementiert. „Es gibt nichts Neues. Die bereits bekannten Verdachtsmomente bestehen unverändert fort“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Manfred Knothe, am Sonntag. Die Justiz ermittelt gegen Wulff wegen des Verdachts der Vorteilsnahme während seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident. dpa

http://www.tagesspiegel.de/politik/nachrichten-nachrichten/6342594.html

Business as usual.

Update (19.4.2012)

Die Fettnäpfchenstehen doch dichter nebeneinander als ich dachte:

18.04.12

Besuch in Brüssel

Woher weiß Gauck, wie Karlsruhe entscheidet?

Auf großer Bühne sagt der Bundespräsident, was die Deutschen zu tun und zu lassen haben: Sie müssten ESM und Fiskalpakt akzeptieren – und glaubt dabei schon das Verfassungsgericht auf seiner Seite.

Von Günther Lachmann

Da fliegt Joachim Gauck auf seiner zweiten Auslandsreise zum Antrittsbesuch nach Brüssel und erzählt der Welt, was die Deutschen zu tun und zu lassen haben. Doch damit nicht genug. Mit nur einem einzigen gezielten Satz zerschießt er den Tempel des Rechtsstaates, das Bundesverfassungsgericht, und degradiert die Karlsruher Richter zu Vollstreckern der Macht.

Eine solche Interpretation sei übertrieben? Mitnichten!

Gauck sagte, weil durch den Fiskalpakt mehr Verlässlichkeit und Berechenbarkeit geschaffen seien, falle es der Bevölkerung leichter, die Rettungsschirme zu akzeptieren.

Woher will er das wissen? Nur weil der Bundespräsident den Fiskalpakt gut findet, sollen die Bürger ihn auch gut finden? Das wäre ja glatte Bevormundung. Zum Glück sind die Zeiten vorbei, da sich die Bürger etwas vorschreiben lassen mussten. Und wir sollten sie, weiß Gott, nicht wieder herbeireden.

[…]

Dann versicherte Gauck einem zufriedenen Kommissionspräsidenten José Manuel Durão Barroso: „Ich sehe nicht, dass die Bereitschaft der Regierung konterkariert wird vom Bundesverfassungsgericht.“

Wie kann ein überzeugter Demokrat dem EU-Kommissionspräsidenten quasi garantieren, dass das Verfassungsgericht der Regierung bei ihren Plänen für den ESM und den Fiskalpakt keinen Strich durch die Rechnung macht?

[…]

In der Vergangenheit haben sie auf diese Weise wiederholt Rechte des Parlamentes zurückerobert, die der Bundestag auf Drängen der Regierung von Angela Merkel leichtfertig hingegeben hatte. Zuletzt verhinderten die Richter, dass ein Geheimgremium über Milliardenhilfen für neue Rettungsschirme entscheiden darf. Sie erwiesen sich als wahrhafte Hüter der Demokratie.

Anders der Bundespräsident. Seine Aussagen lassen den nötigen Respekt vor der Unabhängigkeit von Parlament und Verfassungsgericht vermissen. Denjenigen, die ihn gewählt haben, kann man nur sagen: Das habt Ihr jetzt davon!

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article106199413/Woher-weiss-Gauck-wie-Karlsruhe-entscheidet.html

So ist das, wenn man Oberlehrer engagiert.