Friede Springer & die Frauenquote

 

Die Witwe und Erbin Friede Springer hat der WELT AM SONNTAG ein längliches Interview gegeben, das am 29.4.2012 veröffentlicht wurde:

„Ich wollte es dem Herrn Kirch beweisen“

Am 2. Mai wäre der Verleger Axel Springer 100 Jahre alt geworden. Seine Frau Friede öffnet deshalb ihr privates Fotoalbum und spricht im Interview über ihre Ehe mit einem Visionär und dessen Erbe. Von Andrea Seibel

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Die Interviewerin gibt wohlwollende Stichworte und Frau Springer extemporiert wolkig, wie das nun mal ist, wenn eine Angestellte die Chefin befragt.

Das hier ist schon der Höhepunkt an Kritik, die sich Andrea Seibel leistet:

Welt am Sonntag: Ernst Cramer, der langjährige Weggefährte Ihres Mannes und auch Ihr Freund bis zu seinem Tod vor zwei Jahren, sagte 2008 versöhnend in einem Gespräch mit dem Schriftsteller Peter Schneider, Springer hätte in Rudi Dutschke zwar einen Zerstörer aller demokratischen Werte gesehen, aber den deutschen Patrioten in ihm verkannt. Damals war Ihr Mann hart in seiner Kritik. Würde er heute anders auf diese Zeit blicken, gemäßigter, wie Ernst Cramer oder auch Peter Boenisch, der sich später für manche Überschrift der „Bild“ entschuldigte?

Friede Springer: Eines ist sicher: Er war ein sensibler, mitfühlender Mensch. Es fiel ihm nicht schwer, sich zu entschuldigen. Er konnte auch schnell verzeihen. Sicher täte ihm vieles leid. Einmal sagte er ja auch im Laufe eines Ben-Witter-Interviews, manchmal fiele er vor Schreck aus dem Bett, wenn er die Überschriften seiner Blätter läse. So war er. Er war sehr emotional.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Nun mußte das Interview vielleicht nicht ganz so harsch ausfallen wie jenes, das Gerhard Henschel am 5.9.2006 führte:

„Friede Springer ist pervers!“

Der Fall Natascha Kampusch. Interview mit dem Psychoanalytiker Erwin Sonderbrügge

taz: Herr Sonderbrügge, die nach achteinhalb Jahren Gefangenschaft der Gewalt ihres Entführers entkommene Natascha Kampusch hat sich in einem offenen Brief intime Fragen ausdrücklich verbeten und erklärt: „Die Intimität gehört mir alleine.“ Nun haben das österreichische Magazin News und die deutsche Bild-Zeitung ausführlich Intimstes aus den unrechtmäßig angezapften Vernehmungsprotokollen zitiert, die die Öffentlichkeit einen Dreck angehen …

Erwin Sonderbrügge: Ich bin kein Jurist und kann mich nur auf mein Gerechtigkeitsempfinden berufen, wenn ich sage, dass die presserechtlich dafür Verantwortlichen hinter schwedische Gardinen gehören. Außerdem bedürfen sie einer intensiven Therapie. Es ist allerdings fraglich, inwieweit Menschen, die seit Jahren ihren Lebensunterhalt mit Schnüffeleien in fremden Betten bestreiten, therapierbar sind.

Bild hat die Leserschaft auch über die Existenz von DNA-Spuren der Geisel am Bettlaken des Entführers informiert.

Wer so etwas tut, ist pervers. Der finanzielle Vorteil, den die Sexualnachrichtenhehler aus ihrem Geschäft ziehen, sollte nicht den Blick darauf verstellen, dass ihnen als Triebtätern die Fähigkeit fehlt, moralisch und sozial verantwortlich zu handeln. Im Grunde sind diese Leute arme Schweine.

Besonders arm ist der Bild-Herausgeber Kai Diekmann ja nun nicht.

Das ist auch wieder wahr.

Die Verlegerin Friede Springer ist sogar Milliardärin und verdient sich in diesen Tagen noch dümmer und dämlicher mit dem Ausplärren der im Schlafzimmer des Entführers zusammengetragenen polizeilichen Ermittlungsergebnisse.

Und eben daraus spricht ja die bittere Geistesarmut dieser Person. Sie ist betriebsblind, sozial inkompetent, seelisch verroht und absolut unfähig, ihre Geldgier aus Rücksicht auf andere Menschen zu zügeln, und so lässt sie ihre Angestellten eben das Bettlaken eines Entführers auslutschen und Schindluder in Frau Kampuschs Intimsphäre treiben.

Wie würden Sie Friede Springer, Kai Diekmann und Mathias Döpfner, den Chef des Springerkonzerns, therapieren?

Pffffff … (Kratzt sich am Kopf und schweigt ratlos.)

[…]

http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2006/09/05/a0198

Aber eine kleine Nachfrage, wie es denn um ihren eigenen Seelenfrieden bestellt sei, wenn sie die Schlagzeilen ihrer Cash-Cow BILD lese, wäre doch wohl möglich gewesen, ohne eine Abmahnung zu kassieren? Und wie sie selbst zu den Haß-Parolen der BILD stehe, die das Klima der Jahre 67/68 vergiftete. Marek Dutschke hat es jedenfalls probiert:

Es ist für mich unerheblich, ob Josef Bachmann selbst die „Bild“-Zeitung gelesen oder die Parolen irgendwo aufgeschnappt hat, als er beschloss, meinen Vater zu erschießen. Die Parolen der Springer-Presse waren längst in die Mitte der Gesellschaft gedrungen.

Hat Axel Springer in der Studentenbewegung wirklich eine Bedrohung für Westdeutschland gesehen? Woher rührte das krasse Feindbild und die Hetzjagd durch seine Scharfmacher in der Redaktion? Fand er es unverschämt, dass vermeintlich privilegierte Studenten einen Machtanspruch formuliert hatten? Hatte der große Medienmogul Axel Cäsar Springer einen Minderwertigkeitskomplex, weil er selbst nicht studiert hatte? War er neidisch auf Jugend und Tatendrang der Studenten? Oder kalkulierte er trocken, je drastischer die Schlagzeile, desto größer die Auflage? Wie dem auch sei, er ist mitverantwortlich für das Attentat auf meinen Vater und für die weitere Eskalation der Gewalt.

Als ich im Jahr 2000 längere Zeit in Berlin lebte, wohnte ich bei Freunden zufällig genau in der Straße, in der Friede Springers Villa steht. Ich war Anfang Zwanzig und naiv. Ich schrieb einen formlosen Brief an sie und fragte, wieso ihr späterer Mann damals eine solch verantwortungslose und gefährliche Berichterstattung zugelassen hat. Warum musste alles so kommen, wie es gekommen ist?

Ich ging zu ihrem Haus und steckte den Brief einfach in den Kasten. Die Antwort folgte prompt. „Erstaunt, aber auch erfreut“, sandte Friede Springer mir („dem lieben Herrn Dutschke“) „freundliche Grüße von Tür zu Tür“. Es sei eine „aufregende Zeit“ gewesen damals. Ihr verstorbener Mann sei von allen Seiten angefeindet worden. Die „Ursachen der ganzen Entwicklung“ könne man „im Archiv nachlesen“. Der Brief war freundlich und milde. Im wichtigsten Punkt blieb Friede Springer der alten Linie treu: „Schuld am Tod Ihres Vaters kann Axel Springer gar nicht gewesen sein“. Begründet hat sie das nicht. Es ist ein starkes Stück, Springer als Opfer darzustellen. Er, der reiche Meinungsmacher, ein Opfer der Studenten? An dieser Argumentation hat sich, soweit mir bekannt ist, bis heute nichts geändert. Es hat beim Springer-Verlag keine Aufarbeitung der Geschichte gegeben.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,829694,00.html

Nein, dieses Terrain ist zu gefährlich. Friede Springer arbeitet lieber weiter am kitschigen Verklärungswerk, das ihren charmanten Götter-Gatten der Zone der gemeinen Kritik entrückt. Sie trägt aber auch, was ihr eigenes Leben angeht, eine rosarote Brille. Und insoweit ist dieses Interview wirklich interessant.

Wie sieht sie ihr Leben ›als Frau‹, das in seiner Spannweite von Kindermädchen ohne Ausbildung über ausgehaltene Geliebte, fünfte Ehefrau eines dreißig Jahre älteren Wirtschaftsmagnaten, Aufsichtsrätin bis hin zur Erbin und machtbewußten Milliardärin genug Anlaß zur Reflektion bietet? Was hält sie vor diesem biographischen Hintergrund von der Frauenquote? Gibt es ihr zu denken, daß nahezu alle mächtigen Frauen in der Wirtschaft auf dieselbe Art und Weise zu Rang, Namen und Vermögen gekommen sind?

Mächtige Wirtschaftsfrauen

Von seiner Seite an die Spitze

Von Maria Marquart

Sie machten Karriere ohne Quote: Friede Springer und Liz Mohn stiegen vom Kindermädchen und der Telefonistin zu den mächtigsten Frauen der deutschen Wirtschaft auf. Jetzt rückt Ursula Piëch in den VW-Aufsichtsrat auf. Denn wenn es ums Erbe geht, vertrauen die Bosse ihren Frauen.

[…]

Eine Frauenquote lehnen viele Vorstandsbosse oft mit dem Verweis ab, es gebe zu wenig qualifizierte Bewerberinnen. Ursula Piëch gibt in der Kandidatur für den VW-Aufsichtsrat ihren Beruf mit „Kindergärtnerin und Horterzieherin mit zusätzlichem Prüfungsfach Wirtschaft und Recht“ an – und VW-Chef Martin Winterkorn gibt sich von der künftigen Konzern-Kontrolleurin begeistert. Der Manager – und Untergebene von Ferdinand Piëch – nannte dessen Gattin eine „sehr kompetente und unternehmerisch denkende Frau“.

Protegiert vom mächtigen Ehemann haben Frauen offenbar gute Chancen, sich in der Wirtschaft zu etablieren. Piëchs Strategie haben andere Unternehmer bereits umgesetzt. Die Verleger Axel Springer und Reinhard Mohn, der Industriezulieferer Georg Schaeffler und der BMW-Großaktionär Herbert Quandt – sie alle zogen ihre Ehefrauen als Nachfolgerinnen heran. Die Lebenswege dieser Frauen weisen überraschende Parallelen auf.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,820887,00.html

Das ist zweifellos die für die Männer schmerzloseste Variante der Frauenquote: die Mehrheitsaktionäre installieren ihre entsprechend geführten Frauen und Töchter im Aufsichtsrat, und die setzen dort die Strategie der Ehemänner und Väter um.

Ist golddigging also tatsächlich eine Option für den weiblichen Lebensweg? Wie denkt Friede Springer über die elf Jahre, in denen sie von der Großzügigkeit eines Frauenhelden abhängig war? (Was ließen sich heute nicht für Strauss-Kahn’sche Titelstories über den Eroberer Axel Springer schreiben…)

Friede Springer: Wir haben uns so gut verstanden, nie gab er mir das Gefühl, nur eine Affäre zu sein. Klar, ich war schüchtern, still, zurückhaltend. Aber nie war ich nur Geliebte, ich lebte schließlich mit ihm in seinen vielen Häusern, ich gehörte dazu, ich wurde geachtet. Als Axel Springer 1978 dann zu mir sagte: „Ich kann dieses Fräulein Riewerts nicht mehr hören. Wir heiraten!“, kam das so überraschend, dass ich fast vom Stuhl fiel.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

So kann es nicht gewesen sein – ganz abgesehen davon, daß der Heiratsantrag im Dezember 1977 gemacht wurde… Ihre Biographin Inge Kloepfer zeichnet diese Periode ihres Lebens in aller Deutlichkeit:

Er verwöhnte sie, wann immer er sie besuchte. Er kaufte ihr sündhaft teure Schuhe, die er im Schaufenster entdeckte, vermied es aber, mit seiner Neuen das Geschäft zu betreten. „Das Paar gefällt mir. Geh schnell hinein und kauf es dir“, sagte er zu ihr, drückte ihr ein paar große Scheine in die Hand und wartete, bis sie im Handumdrehen mit einer Tüte wieder aus dem Laden kam.

Springer unterhielt sich mit ihr – meinte er zumindest, denn was er für Unterhaltung hielt, endete häufig in Monologen. Nur zu Freunden und Bekannten nahm er sie nicht mit. So blieb sie allein, wenn er nicht bei ihr war, eingesperrt in einem goldenen Käfig. Sie fühlte sich einsam und nicht wirklich glücklich. Deshalb vermied sie es, die Nachmittage in ihren vier Wänden zu verbringen und auf Springer zu warten. Sie rannte aus dem Haus, besuchte Ausstellungen und Museen, ging spazieren und floh vor ihren eigenen Gedanken. Sie lenkte sich ab, so gut es ging. Über sich selbst und ihre Situation wollte sie nicht grübeln. Auf keinen Fall. Ihrem Unwohlsein wollte sie sich nicht stellen. Dann hätte sie sich eingestehen müssen, daß sie sich aushalten ließ, das Leben einer Mätresse führte, deren Wohl und Wehe nur von ihrem Gönner abhing. Und das wiederum wollte sie nicht wahrhaben. Es konnte und durfte nicht sein.

http://www.welt.de/print-wams/article122803/Die-Frau-von-der-Insel-und-ihre-grosse-Liebe.html

Elf  Jahre, in denen die Hoffnung auf Prestigegewinn und Vorzeigbarkeit mittels Eheschließung bereits begraben worden ist; Jahre, die aus Warten auf den Mann, Ablenkungen, dem Horten von Schmuck und Pelzen, dem Aufschauen, dem Aufgehen in ihm bestehen, alles bei ungesichertem sozialen und rechtlichen Status und der Gefahr, vor dem Nichts zu stehen, wenn der Mann sie verläßt. Wie hätte sie sich selbst ernähren können, ohne Berufsausbildung und Erwerbsbiographie? Über den demütigenden Aspekt dieses fremdbestimmt-abhängigen Lebens eilt sie hinweg und reklamiert ›Augenhöhe‹:

Welt am Sonntag: Was liebte und schätzte Axel Springer besonders an Ihnen?

Friede Springer: Ich kümmerte mich hundert Prozent um ihn, das gefiel ihm. Ich war eine gute Zuhörerin und ich lernte dazu. Das Verlagsgeschäft habe ich am Frühstückstisch, am Mittagstisch und beim Abendessen mit aufgesogen. Im Urlaub lasen wir gemeinsam Bücher und unterhielten uns darüber. Das kannte er nicht, dass sich jemand derartig mit ihm auseinandersetzte und beschäftigte, intensiv und auf gleicher Augenhöhe.

[…]

Friede Springer: Er hatte zu jeder Phase seines Lebens die richtige Frau. Wie mich auch.

Welt am Sonntag: Sie, die so gut mit Kindern konnten, durften keine haben. Er wollte Ihre ganze Aufmerksamkeit. Haben Sie ihm das nicht nachgetragen?

Friede Springer: Das war ein großes Opfer für mich. Ich liebe Kinder. Aber ich wusste, dass das nicht gut gehen würde. Er wollte meine Aufmerksamkeit. Und er wusste, hätten wir ein Kind, würde ich es niemals an ein Kindermädchen abgeben. Dafür kannte er mich zu gut. Heute habe ich elf Patenkinder und ich genieße das sehr.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Tatsächlich beschreibt sie ein Programm der Unterwerfung. Einzig die Bedürfnisse des Mannes nach exklusiver mütterlicher Zuwendung zählen. Weiter weg von Emanzipation könnte ein solches Frauenleben nicht angesiedelt sein, und da hilft auch nicht die herbeibeschworene Illusion, als ein auf Augenhöhe agierender Partner angesehen zu werden.

Der Springer-Enkel Axel Sven Springer hat im SPIEGEL-Interview vom 16.4.2012 Folgendes zu dem Verhältnis des Paares gesagt:

Springer: Die Friede Springer von damals hat mit der Friede Springer von heute wenig zu tun. Damals war sie nicht sehr selbstbewusst.

SPIEGEL: Es war kein Verhältnis auf Augenhöhe?

Springer: Niemand hatte zu meinem Großvater ein Verhältnis auf Augenhöhe. Friede war für meinen Großvater da. Das hat sie auch wirklich sehr liebevoll gemacht.

SPIEGEL: Aber sie tat nur, was er wollte?

Springer: Egal, was passierte, egal, wonach er fragte – mein Großvater bekam fast immer von allen nur die Antwort: „Bereits veranlaßt, Herr Springer“. Das ist ein geflügeltes Wort in der Familie.

SPIEGEL 16/2012, S. 141

Umso erstaunlicher, wie sie sich nach seinem Tod entwickelt hat: zäh in der familiären Erbauseinandersetzung, die ihr 20 % mehr sicherte als im vorhandenen rechtsgültigen schriftlichen Testament Axel Springers vorgesehen war; erfolgreich in der Rückeroberung der Aktienmehrheit – natürlich durch Männer wie Bernhard Servatius, Aufsichtsratsvorsitzender, Familienfreund und Testamentsvollstrecker, entsprechend beraten. Sie selbst führt diesen auch von Tränen, Ängsten und Einsamkeit begleiteten Wesenswandel auf ein Lehrer-Schüler-Verhältnis zurück:

Welt am Sonntag: „Friede darf alles wissen“, sagte einst Ihr Mann zu Ernst Cramer. Sie haben viel von ihm gelernt.

Friede Springer: Einmal meinte ich, ich sei ein Produkt von ihm, das ist missverständlich, es klingt, als hätte ich keinen eigenen Willen. Heute sage ich: Er hat mich ausgebildet, ich bin dank ihm gewachsen.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Ich lasse diese Lebensdeutung so stehen, einfach schon deshalb, weil mir außer dem Phänomen der Seelenwanderung keine anderen plausiblen Erklärungen einfallen wollen. Friede Springer ist jedenfalls eine Frau, deren Leben die Extrema der Skala zwischen Abhängigkeit und Machtausübung, zwischen unkritisch-liebevollem Umsorgen und knallharter Geschäftstätigkeit berührt. Eigentlich müßte gerade sie Erhellendes zu Emanzipation und Frauenquote sagen können.

Und dann liest man das:

Welt am Sonntag: Sie sind emanzipiert, sind eine moderne Frau, die sich in einer Männerwelt bewährt hat, ein Vorbild. Sie haben gesagt, ich habe immer Herausforderungen gesucht, ich bin ein Mann.

Friede Springer: Nein, ich habe gesagt, ich wäre lieber ein Mann geworden. Männer haben es einfacher im Leben. Wäre ich heute 18, würde ich das natürlich nicht mehr so sagen. Heute steht jungen Frauen die Welt offen. Aber ich werde 70 in diesem Jahr und ich denke manchmal, als Mann wäre ich früher sicherlich weiter gekommen im Leben.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Erschütternd. Als Mann wäre sie leistungslos Milliardärin und Unternehmenslenkerin geworden? Als Sohnemann vielleicht… Da wagt sogar Andrea Seibel einen zaghaften Widerspruch:

Welt am Sonntag: Aber das sind Sie doch! Und außerdem hätten Sie Ihren Mann dann nicht gehabt.

Friede Springer: Das stimmt auch wieder.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Wie sie das nur vergessen konnte, die große Liebe… Gut, daß noch einmal nachgehakt wurde.

Zur Frauenquote sagt sie jedenfalls entschieden JEIN:

Welt am Sonntag: Heute sind Frauen so frei wie nie, Sie sagten es, und doch ist immer noch die Erfahrung vieler, dass sie es schwerer haben als Männer. Brauchen wir die Quote?

Friede Springer: Ich bin sicher oft eine Quotenfrau gewesen, in vielen Kreisen und Kuratorien, in die man mich berief, aber ich habe das nie als negativ empfunden. In dem Sinne bin ich nicht gegen die Quote. Vehement dafür bin ich aber auch nicht, weil ihr ein Hauch von Unfreiheit und Zwang anhaftet. Aber wir wollen schließlich weiterkommen! Vielleicht braucht es daher einfach diesen Schub.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Sie scheint nicht verstanden zu haben, was der Begriff ›Quotenfrau‹ bedeutet und welche Abwertung er vermittelt: nur wegen des Geschlechts und nicht wegen der Qualifikation befördert zu werden, muß jede Frau kränken, die tatsächlich qualifiziert ist. Friede Springer war nirgendwo Quotenfrau, sondern im Konzern als Anteilseignerin sozusagen ein ›geborener‹ Aufsichtsrat. Und in den diversen Kuratorien ist sie eine hochqualifizierte Repräsentantin von Macht, Geld und Einfluß – ihr Geschlecht ist unerheblich.

Dem ›Hauch von Unfreiheit und Zwang‹, ja, dem sieht sie als Unternehmerin freilich beklommen entgegen. Das würde ihr nicht gefallen, wenn sie im eigenen Machtbereich die bewährten Vertrauten austauschen müßte. Und das steht zu befürchten, daß irgendwann auch die Vorstandsebene dran glauben soll. Letztlich geht es um den geschäftlichen Erfolg, und die Ära der geschassten Manager mit ihren Millionenabfindungen bei Springer sollte nun wirklich abgeschlossen sein.

Und der ›Schub‹, ja nun, ich weiß nicht. Es wird immer Menschen, Frauen wie Männer, geben, deren Vorstellung von ›Weiterkommen‹ begrenzt ist. Kloepfer über die Bewerbung der 23-jährigen Friede als Kindermädchen bei, wie es sich später herausstellte, der Springer-Familie:

Ein Villenhaushalt in Hamburg – war das nicht das, was sie wollte? Dort sollte sie nicht Mädchen für alles sein, sondern ausschließlich das Kinderfräulein für einen niedlichen Jungen in einem herrlichen Haus, sicher bei wohlhabenden Leuten, die sie womöglich ebenso freundlich und offen aufnähmen wie die beiden anderen Familien, bei denen sie bisher gearbeitet hatte. Die Vorstellung, die diese Anzeige bei ihr weckte, gefiel ihr. Sie bewarb sich, formulierte ihr Anschreiben schlicht und verbindlich und schrieb auch ein wenig von sich selbst. Viel gab es ja nicht zu berichten über ihren Werdegang. Gerade einmal die Volksschule hatte sie absolviert und in zwei Haushalten mit Kindern Erfahrung gesammelt. Mit ihrer schwungvollen Schrift setzte sie ihren Namen unter den Text und die Adresse des Springer-Verlages in Hamburg auf den Briefumschlag.

http://www.welt.de/print-wams/article122803/Die-Frau-von-der-Insel-und-ihre-grosse-Liebe.html

Ob sie die 1958 begonnene Lehre im Hotelfach im Duus-Hotel in Wyk nicht nach wenigen Monaten abgebrochen hätte, wenn es seinerzeit schon Quotenfrauen in Aufsichtsräten von DAX-Konzernen gegeben hätte?

http://www.klixs.de/friede-springer/F/1136.html

Angesichts des Lebensziels ›Villenhaushalt‹ ist das zu bezweifeln. Sicher erscheint dagegen, daß Friede Springer nicht weiter mit Fragen zur Emanzipation und der Frauenquote behelligt werden sollte. Denn ihre Kern-Botschaft lautet recht eigentlich: Tu, felix femina, nube. Und nutze den jungen Witwenstand.

Das ist ganz und gar nicht emanzipiert. Und da die Frauen von heute ja alle so frei und selbstbewußt sind, hätte das uns vor Augen geführte Beziehungsmodell sowieso nicht den Hauch einer Chance…

Update:

Hier gibt es eine umfangreiche Darstellung über das gerichtliche Berufungsverfahren (2 U 35/04 OLG Hamburg), das Axel Sven Springer gegen Friede Springer wegen der Erbschaftsauseinandersetzung geführt hat:

http://www.manager-magazin.de/unternehmen/it/0,2828,517817,00.html

Friede Springer hat diesen Prozeß gewonnen:

http://justiz.hamburg.de/oberlandesgericht/aktuelles/1289468/pressemeldung-2008-01-22-olg-01.html

Mir ist bereits der mitgeteilte Sachverhalt unverständlich: wenn der anwaltlich nicht beratene 19-jährige Axel Sven Springer am 31.10.1985 in einem Erbvertrag auf die ihm gemäß gültigem Testament zustehenden 25% des Erbes verzichtet und er sich mit 5% beschieden hat, wie kann er dann am 17.12.1985 von seinem gar nicht existierenden 25% -Anteil 10% an Friede Springer abgetreten haben? Rätselhaftes Zivilrecht…

Der BGH wies am 15.7.2009 die Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision zurück.

http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&nr=48759&pos=0&anz=1

 

7 Gedanken zu „Friede Springer & die Frauenquote

  1. (Nachfolgender Kommentar ist nicht von grossem Belang, es ist vielmehr ein lautes Denken und eine kurze Erinnerung an meine Kindheit.)

    Ich war als Kind und Jugendlicher in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), bevor meine gesamte Familie der Kirche nach und nach den Rücken zuwandte. Meine Eltern heirateten jung; für meine Mutter war es der einzige Weg, aus dem zwar nicht schlechten, jedoch schwierigen Elternhaus auszuziehen, und die Kirche, so nehme ich an, gab den jungen Eheleuten Halt und eine Gemeinschaft.

    Während meine Familie im Wedding zur Kirche ging, waren die Springers Mitglieder in der Zehlendorfer Gemeinde der SELK. Mein Vater las die HörZu, was mich, je älter ich wurde, immer mehr störte, aber da es nachweislich einzig und allein am Radioprogramm lag, das keine andere Zeitschrift so ausführlich bereitstellte, brach ich deshalb keinen Streit vom Zaun. Meine Eltern waren nie Aktivisten, aber politisch Stellung bezogen sie sehr wohl – und das nicht etwa in dem Lager der Springers.

    Auch wenn ich Herrn Springer wohl selbst nie wirklich gesehen habe, so hat mich seine Mitgliedschaft in der Kirche früh schon zweifeln lassen an denen, die sich unter dem Deckmantel der Barmherzigkeit tummeln. Denk‘ ich an Springer, denk‘ ich an Verlogenheit. Und wenn Friede Springer von ihrem Ehemann viel gelernt hat, dann wohl auch diese Eigenschaft.

  2. @ stringa

    Sie haben natürlich Recht: morgens um halb sieben ist man noch nicht der Wacheste, auch wenn die präsenile Bettflucht des aus Berufsgründen immer gewohnheitsmäßig früh Aufstehenden einen auch sonntags quält.
    Statt „Abscheu“ hätte ich besser „Argwohn“ gesagt, um der Exaktheit Genüge zu tun und sogar beides ist ohne Zweifel wahr, wenn man unter „Emporkömmlingen“ die illustre Schar an Maschmeyers, Mohns und Springers meint, also eine Konotierung mit Geschmäckle, die auch auf eine Mme Pompadur und die großen Zugrunderichterinnen des chinesischen Weltreichs zutrifft; wenn also außergewöhnliches Können und Begabung eben nicht Ursache des Aufstiegs sind, sondern der simple, aber phantasiereich- kunstvolle Gebrauch von Geschlechtsteilen und dem damit eng verwandten Einsatz von Illusion, Heimtücke und Niedertracht- es ist aus biologischen Gründen die Tragik des männlichen Geschlechts, besonders anfällig für derlei zu sein.
    Es hat einen Grund, warum die alten Kirchenväter ihren Priestern den Zöllibat auferlegten und entgegen landläufiger Meinung empfinden recht viele Gottesmänner einen solchen als Befreiung.
    Nicht zuletzt sei daran erinnert, daß Triebsublimation enorme kulturelle Leistungen generiert hat und wir werden es noch schmerzlich erfahren, was es bedeutet, wenn sich Nerds à la Gates eben nicht mehr die Nächte in kargen, zugigen Garagen um die Ohren schlagen, sondern satt gefüttert werden an Traumstränden in Thailand mit willigen Damen. Mit Verlaub gesagt, es ist kaum noch zu fassen: grandiose Ideen sterben zunehmend einen banalen Tod zwischen den Schenkeln von Frauen, wobei ich wirklich kein Kostverächter bin nach so manchen asiatischen Jahren, dennoch Selbstdisziplin vermisse, auch wenn sowas gerade gar nicht angesagt ist.
    Und Revolutionen des Verstandes befürworte ich. Leider sind sie die Ausnahme.

    • Lieber qed,

      natürlich hatte Freud recht, als er sagte, daß jegliche kulturelle Leistung Ergebnis von Sublimation sei – aber daß kulturelle Leistung durch Triebverzicht erkauft sein müsse, hat er sicherlich nicht gemeint. Dagegen steht seine eigene Lebensleistung, die nicht auf Askese gegründet war.

      Wie mir jegliche Askese und Lustverdammung verdächtig sind. Es sind nicht die Hedonisten, die für die schlimmsten Menschenabschlächtereien verantwortlich sind, wenn man die Weltgeschichte Revue passieren läßt…

  3. Ich greife mal nur einen Punkt heraus:
    Elf bange Jahre hat das Fräulein Riewerts also darauf gewartet, endlich Frau Springer zu werden – da drängen sich mir Parallelen zu einer Dame aus Schwetzingen auf. Beide konnten mit starrem Blick auf ihr Endziel offenbar die Realität mit allen ihren Erniedrigungen und Verletzungen hervorragend ausblenden und sich in eine Scheinwelt flüchten.
    Zu gerne hätte ich Einblick in Friede Springers Gedanken- und Gefühlswelt. Wozu wäre sie fähig gewesen, wozu hätte sie sich hinreißen lassen, wenn Axel Springer ihr nach all den Jahren plötzlich offenbart hätte, sich schon länger mit Trennungsgedanken zu tragen und diese nun schweren Herzens umsetzen zu wollen? Hätte sie sich demütig zurückgezogen, gezetert und geschrien oder sich in glühendem Zorn zur Rachegöttin gewandelt?
    Wir werden das nie erfahren, aber vielleicht liegt darin die Antwort, warum sie es zugelassen, vielleicht sogar gefördert hat, daß ihr Schlachtschiff Nummer eins eine derartige Lawine gegen Herrn Kachelmann lostrat, wie kaum jemals zuvor.

    • Diese Parallele ist mir tatsächlich nicht aufgefallen. Ob ich meinen Schlußsatz ändern muß? Naja, im Zweifel läßt er sich ironisch lesen.

      Und jetzt habe ich zu meinem Schreck auch noch festgestellt, daß das role-model immer noch besteht:

      Golddigger in London
      Suche Prada, biete Sex

      Von Nora Gantenbrink

      Helen Croydon ließ sich drei Jahre lang von Geschäftsmännern aushalten. Sie suchte das Glück in Champagnerbars, in Prada-Kleidern, im Sex mit Multimillionären. Sie fand fast alles. Außer Liebe.

      http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,828756,00.html

    • Das ging mir ganz genau so!

      Es zieht sich auch wie ein roter Faden durch die Weltgeschichte, daß devote Mätressen die eigentlich Mächtigen wurden. Sogar im Islam! Salopp gesagt kann man das Schisma zwischen Schiiten und Sunniten auf Stutenbissigkeit zurückführen…
      Und daß Friede Malice freie Hand ließ, ist völlig logisch.
      Sie nahm dafür sogar eine Beschädigung der Rechtsordnung in Kauf.
      Erfolgreiche Mätressen zeichneten sich stets durch Skrupellosigkeit aus, deren Folgen durchaus sich mit der männlicher Psychopathen messen können.
      Eine gewissermaßen ’natürliche Abscheu‘ gegen Emporkömmlinge jeglicher Couleur steht dem Verständigen jedenfalls gut zu Gesichte.

      • Deinem letzten Satz kann ich nur sehr eingeschränkt zustimmen, qed.
        Ohne einen gesunden Wechsel von unten nach oben und umgekehrt gäbe es keine Geschichte.
        Ist manchmal fürchterlich (Revolutionen und so) aber notwendig.
        Im Fall Friede Springer finde ich, stehen sich die beiden, Axel und sie, in nichts nach, was Skrupellosigkeit betrifft.
        Axel Springer war auch ein Emporkömmling.

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