Erfrorene Rosen – der Mensch und die Jahreszeiten

Mir kam zu Ohren, daß in Internetzeiten Wortlastiges nicht so gut ankomme. Bildchen müßten schon sein. Und wenn man dann auch noch längere Texte darbiete als es der Häppchen-Journalismus tut, bedeute das eine schiere Überforderung des multitask-fähigen Users, der lieber fünf Sachen gleichzeitig macht und keine davon richtig. Da ist natürlich was dran. Obwohl man schwächlich einwenden könnte, ob es nicht kontraproduktiv sei, Notwehrmaßnahmen gegen Arbeitsverdichtung und Technikterror zum positiven Leitbild zu verklären?

Ich bin jedenfalls in mich gegangen – und das ist nun dabei herausgekommen. Ein Neuruppiner Bilderbogen.

Als ich dieses Schild an der Filiale meines vietnamesischen Gemüsehändlers in der Friedrich-Engels-Straße im November 2011 erstmals sah, war ich mit dessen Botschaft sehr einverstanden. ›Wegen Winter geschlossen‹, ja, so müßte sich jeder gegen die Zumutungen des Winters wehren können. Man läßt die Jalousie herunter und bleibt bei menschenunfreundlichen Temperaturen einfach zu Hause, läßt sich beliefern und schaudert wohlig ob der draußen herrschenden Sturzgefahr. Freut sich, daß jeder Jeck anders ist und daß die Evolution auch den Typus der Naturburschen und -mädels hervorgebracht hat, der sogar noch Geld dafür bezahlt, um sich im alpinen Schnee die Haxen brechen zu dürfen. Die Belieferung wäre also sichergestellt, denn es gibt genügend Menschen, die finden, daß es kein falsches Wetter gebe, sondern allenfalls unpassende Kleidung. Halleluja!

Und daß der Engels irgendwann mal keine Lust haben würde, den Marx weiter durchzufüttern, leuchtete mir damals ebenfalls ein.

Irritierend war nur, daß ich die Aufnahmen noch am 23.3.2012 machen konnte. Denn da war ja schon zu ahnen, daß der Frühling in der freilich noch arg kühlen Luft lag. Folgerichtig trat er am 27.3.2012 machtvoll aus allen Ritzen in die Erscheinung:

Was dem Menschen keine Ruhe läßt, der die Spezies Löwenzahn aus dem Garten verbannt hat und sich mit der einsam blühenden Forsythie nicht bescheiden mag. Die Natur muß doch zu optimieren sein!

Doch die Natur läßt sich nicht überlisten. Acht der zehn eingangs gezeigten Stiefmütterchen, ins von halbvertrockneten und sich unmäßig ausbreitenden Spindelsträuchern verunstaltete Mittelbeet gepflanzt, waren binnen einer Woche von Schnecken niedergemacht. Die hausten fröhlich undetektierbar unter den Sträuchern, lachten sich eins ins Fäustchen und schwärmten los, um sich an dem zarten frischen Grünzeug zu laben. Schnecklich verständlich, saftige Stiefmütterchen munden besser als vertrocknete Spindelsträucher.

O Freude und Farbtupfer, dahin, dahin! Nur die zwei Exemplare auf der Fensterbank haben überlebt.

Dieser Affront ließ die Gärtnerin nicht rasten und ruhen. Eine radikale Lösung war das Gebot der Stunde. Bzw. von so einigen Stunden, denn die Entfernung von acht halbtoten aber nach vier Jahren außer Rand und Band geratenen Spindelsträuchern nebst Ausläufern war keine Kleinigkeit. Aber eben nicht nur wegen der Schnecken notwendig. Denn sie umwucherten auch die Veredelungspunkte der erfrorenen schönduftenden zwei Augusta Luise-Rosen, und die sollten doch Licht und Wärme kriegen. Die Hoffnung stirbt schließlich zuletzt…

Die Sache mit den erfrorenen Rosen hatte ich ja schon mal angesprochen:

https://gabrielewolff.wordpress.com/2012/03/19/108-demokraten-erfrorene-rosen/

Und so sieht eine ehedem 2x2x2 m riesige rote Rose am 2.5.2012 aus:

So berappelt sich eine bescheidenere Westzeit-Rose (in den schönsten Orangetönen leuchtend):

Alle meine Rosen sehen zur Zeit so oder ähnlich aus. Die Gärtnerin weiß nicht, ob sie jubeln oder verzweifeln soll, denn es wird Jahre dauern, bis die alte Pracht wieder auferstehen wird. Dann ermahnt sie sich zur Rationalität. Sieht die alten Fotos wieder an, von denen sie weiß, daß sie nur die Schönheit und nicht die Dekadenz einfangen. Räumt ein, daß die neue Chance auch ihr Gutes hat. Ist aber dennoch zutiefst betrübt, daß es die Stämmchenrose Jubile du Prince de Monaco (links im Bild) und die zarte Harzola (rechts dahinter), wenig robuste überzüchtete Produkte, nicht geschafft haben. Fragt sich, wieso die Diva unter ihren Rosen, die farbschöne Red Diamond (im Hintergrund), es gepackt hat und aus Ruinen neu ersteht…

Und will es nicht wahrhaben, daß just die schleswig-holsteinische Bauernrose, die bei maximal zwei Stunden Sonne am Tag von oft verfluchter Vitalität war (2 Meter hoch, Hunderte von Blüten), bis heute nicht den kleinsten Trieb zeigt. Diese anspruchsloseste aller Rosen, die seit 1998 immer mehr produzierte, als sie tragen konnte, die im Dauerregen im Juli des letzten Jahres buchstäblich nicht mehr zu halten war, soll es plötzlich nicht mehr geben?

Da hilft nur eins: Mensch wie Tier verdrängen und tun so, als sei es ein Frühling wie früher. Als die Welt noch in Ordnung und nicht so kalt und böse war wie jetzt (pssst: die Klimakatastrophe ist ein Phantom! Nichts weiter als das Phänomen einer von Forschungsgeldern abhängigen Wissenschaft, die Gleichklang produziert und Gegenstimmen als Spinnerei aussortiert. Die Wahrheit ist, daß das Klima für Gärtner und Landwirte schon immer eine Katastrophe war…).

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7 Gedanken zu „Erfrorene Rosen – der Mensch und die Jahreszeiten

  1. Wahrnehmungen sind unterschiedlich. Ich habe weitaus mehr Stimmen vernommen, die die „Klimakatastrophler“ als Spinner bezeichnen, und wer noch immer wie Gustav mit der Hupe denkt*, dem sei das belassen. Viel mehr als Gerede kommt bei den Klimakonferenzen ja eh nicht heraus, egal wer nun im Recht ist.

    Ich wollte an sich nur anmerken, dass mir die Photos sehr gut gefallen haben, besonders das des Obst- und Gemüsegeschäfts.

    Grüsse aus Südkorea,
    Matthias

    http://mattlemonphotography.wordpress.com/

    *Is‘ ja alles halb so wichtig. [Erich Kästner; Emil und die Detektive]

    • Lieber Matt, ich fühle mich durch den Vergleich mit Gustav doch nicht ganz richtig verstanden.

      Ich sage gewiß nicht, dass alles halb so wichtig ist. Ich bin mir bewußt, daß das
      Bedingungs-Feld, das die menschliche Existenz überhaupt ermöglicht, verschwindend klein ist, wenn man es naturwissenschaftlich betrachtet.
      Und wenn sich unser Klima verändert, wie es das ja immer getan hat, würde ich alle Bestrebungen unterstützen, die sich mit dem Anpassen an diese Veränderung beschäftigen. Das halte ich sogar für sehr wichtig.

      Was ich lächerlich finde und auch etwas besorgniserregend, ist der Panikfaktor, der gerne von den Medien übergebracht wird in Verbindung mit hektischem Aktionismus, der den Menschen suggerieren soll, wir könnten unseren jetzigen Klimazustand bewahren, indem wir z. B. weniger Auto fahren, keine Abfälle mehr verbrennen, unsre Häuser dämmen etc. etc.
      Das sind natürlich alles vernünftige Dinge, die man ruhig fördern sollte, aber die Vorstellung, damit unsern jetzigen Zustand dauerhaft zu halten, ist nicht realistisch.

      • Furcht ist selbstverfreilich nie ein guter Ratgeber, und Panik schon gar nicht. Als aufklärerische Methode sind beide ebensowenig sexy. Ich kann allerdings aus meinen nunmehr elf Jahren, die ich im Ausland lebe, berichten, dass, auch wenn in Deutschland schon allerhand geschehen ist, was die Veränderung des Umweltbewusstseins angeht, nicht nur bei Otto- und Anna-Normaverbraucherinnen, sondern auch bei Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft, es andernorts noch nicht einmal in den Kinderschuhen steckt, sondern eifrig weiter verbraucht wird, was nicht verbraucht werden müsste. (Noch mehr Einschübe in einen Satz liefere ich gerne auf Anfrage.) Selbst in England gibt es nicht einmal in London ein einheitliches stadtübergreifendes Recyclingsystem, und wie es damit in Thailand aussieht, kann sich vielleicht jede/r selbst ausmalen. In Südkorea wurde schon immer Wiederverwertbares gesammelt, schlicht aus Mangel an Rohstoffen, aber das hat nicht dazu geführt, dass nun, wo der Mangel überstanden ist, ein besseres Bewusstsein da wäre, im Gegenteil. Jetzt kaufen wir uns die grossen Autos, auch wenn wir fast nie zwei Tage Freizeit im Stück haben, um mit der Familie eine Reise zu unternehmen.

        Ich wollte Ihren Artikel mitnichten in ein falsches Licht stellen. Ich empfinde es nur so, dass die, die „weiter so“ machen wollen, bei weitem in der Überzahl sind. Auch in den Medien, wenn auch vielleicht nicht in Deutschland, sondern anderswo.

  2. oh ich habe auch einiges zu beklagen, was der Winter genommen hat – Rosen und einen Kübel-Rhododendron – aber der Frühling schenkt so viel Neues, dass Klagen da völlig fehl am Platze ist.

  3. Liebe Frau Wolff,
    ja, schade um die schönen Rosen. Aber Sie sind ja offenbar dabei, sich eine etwas gelassenere Haltung zur Natur im allgemeinen und zum Garten im besonderen zuzulegen.

    Wir haben ein Ferienhaus in einer etwas rauhen Gegend von Deutschland und da hilft überhaupt nur Fatalismus.
    Ich weiß wohl, Fatalismus und Gärtnern schließen sich eigentlich aus, weil ein Garten schließlich ein ständiger Kampf mit der Natur ist. Ich habe mich schließlich mit der Natur auf eine gewisse duldende Nicht-Angriffs-Haltung geeinigt. Ich pflanze nichts an, was ständige Pflege braucht und die Natur hat stillschweigend versprochen, nicht mehr Brennesseln und Unkräuter zu produzieren, als abgemäht werden können.

    Ihr letzter Satz macht mich gradezu glücklich. Ich meine die „Klima-Katttastrooophe !!!“.
    Jedenfalls so,wie sie heute meistens gesprochen wird. Mein Gott, was habe ich mich da schon gestritten !
    Daß sich das Klima ständig wandelt, ist ja nun wirklich nichts Neues. Aber daß an diesen Katastrophen-Szenarien die Wissenschaftler (auch nicht alle, aber doch viele) und die Medien vordringlich (fast alle) richtig gut verdienen, liegt ja bei den Bedingungen, unter denen beide Berufsgruppen arbeiten, auf der Hand.
    Besonders schön sind immer diese Klima-Konferenzen, auf denen beschlossen wird, bis zu einem gewissen Stichtag die Durchschnittstemperaturen zu senken. (Und auf denen dann auch immer kräftig um Klima-Ausgleichs-Zahlungen mitverhandelt wird) Die reinste Lachnummer.

    Neulich lief auf Phoenix das Philosophische Quartett, die es auch mit dem Klimawandel hatten.
    Eine ausgezeichnete Sendung mit einem Kölner Naturwissenschaftler, der eine schöne Haltung zwischen Kölscher Zuversicht und naturwissenschaftlicher Gelassenheit besaß.
    Ich werde versuchen, den Link nachzutragen.

    • Es handelte sich um das Philosophische Quartett vom 29.4.
      Gäste waren Frank Schätzing und Gerd Gantegör (der besagte Kölner Naturwissenschaftler, der auch sein Buch vorstellte „Der Weltuntergang findet nicht statt“.
      Man kann offenbar nur Mitschnitte dieser Sendung nachträglich erwerben, wie ich der Phoenix-Seite entnehmen konnte.

      • Eigentlich hilft ja nur Gelassenheit (aber die muß ich tatsächlich üben…). Und was die Klimakatastrophler angeht, sei ihnen das auch empfohlen. Ein wenig mehr Demut angesichts der Erdgeschichte und ein wenig mehr von ›Ich weiß, daß ich nichts weiß‹ statt Statistik, Hochrechnerei und Computersimulationen erscheint mir angebracht.

        Ich werde immer sehr skeptisch, wenn wissenschaftliche ›Abweichler‹ behandelt werden wie Häretiker im Mittelalter…

        @ Freudefinder:

        Jaaa.
        Aber…
        Denn soviel Winterschäden wie in diesem Jahr hatte ich seit 1998 (da wurde der Garten angelegt) noch nie. Dafür kommen Rhododendren, Hortensien und Lilien sehr prächtig. Hoffentlich bleibt das so!

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