»Das Private ist politisch«: Anne Sinclair und der bevormundende Feminismus

Wenn Feminismus zu Intoleranz, Verunsicherung und Haß führt, dann wird Antifeminismus zur Pflicht. Insbesondere für Frauen. Denn dem feministischen Mainstream in Gesellschaft und Medien genügt es nicht etwa, lediglich das männliche Geschlecht zu verteufeln. Dasselbe Schicksal widerfährt auch Frauen, die sich dem Sittenkodex der aktuellen Heilslehre nicht beugen. Das ›selbstbestimmte Luder‹ hat es gerade noch so eben geschafft, die Kurve zu kriegen und den beiden Schubladen zu entgehen, in die Frauen ansonsten einsortiert und vereinnahmt werden: das ›Weibchen‹ und das ›Opfer‹.

Diese beiden Typen benötigt der Feminismus wie der Fisch das Wasser. Denn nur sie belegen, daß der Emanzipationsprozeß noch nicht beendet ist. Die Etikettierung als ›Weibchen‹ oder ›Opfer‹ gelingt durch die Politisierung des Privaten – was wiederum bedeutet, daß die Intimsphäre gnadenlos mißachtet und instrumentalisiert wird. Da gehen Schlüsselloch-Boulevard und Ideologinnen Hand in Hand.

Familienministerin Kristina Schröder wurde zum Weibchen, weil sie bei der Eheschließung den Namen ihres Mannes annahm. Freiwillig von Köhler (immerhin, ein präsidiabler Name) zu Schröder (achgott, nur ein Kanzler) abzusteigen, ist für das Schlachtroß der Emanzipation, Alice Schwarzer, ein nachhaltig verwirrender Akt:

08.11.2010

Offener Brief an Kristina Schröder

Sehr geehrte Frau Ministerin! Sie sind jetzt seit fast einem Jahr im Amt. Seither warte nicht nur ich auf Taten und Zeichen von Ihnen, die die Lage der Familien verbessern und die Gleichberechtigung der Frauen weiter bringen könnten. Zeichen, wie wir sie von Ihrer couragierten Vorgängerin gewohnt waren. Wir warteten bisher allerdings vergebens. Die einzig aufregende Nachricht aus Ihrem Amt war Ihr Namenswechsel von Köhler auf Schröder – was mich persönlich, ehrlich gesagt, bis heute verwirrt.

http://www.aliceschwarzer.de/publikationen/blog/?cHash=69bb339dd9&tx_t3blog_pi1[blogList][day]=08&tx_t3blog_pi1[blogList][month]=11&tx_t3blog_pi1[blogList][showUid]=54&tx_t3blog_pi1[blogList][year]=2010

Tina Hildebrandt lästert in der ZEIT über die Verlobung von Marina Weisband:

Über Verlobungen

Die Piratin Marina Weisband gab kürzlich via Twitter ihre Verlobung bekannt. Ganz schön bürgerlich und überhaupt nicht freibeutermäßig, findet Tina Hildebrandt.

[…]

Die nächste Nachricht erreichte die Öffentlichkeit standesgemäß via Twitter: He did it. He ist der Freund der Piratin. It ist der Heiratsantrag, den er seiner Liebsten machte, wobei er offenbar einen Verlobungsring überbrachte, der nun im Netz zu sehen ist. […] Wen interessiert’s? Funktioniert LiquidFeedback auch zu zweit? Vor allem aber: Warum überhaupt verloben? Ursprünglich verlobte man sich, um ohne Ärger Händchen halten zu dürfen. Erst 1998 wurde das Kranzgeld abgeschafft, eine Entschädigung, die fällig wurde, wenn es zu vorehelichem Sex gekommen war, auf den aber weder Glücksgefühle noch Heirat, sondern eine schnöde Entlobung folgte. Ferner galt die Verlobung in Pre-post-Gender-Zeiten als erster Erfolg bei dem Versuch, notorisch bindungsängstliche Exemplare vom Typ Mann anzuleinen. Übersetzt bedeutet Verlobung schließlich drittens: Wir hätten gerne einen Toaster, ein Kaffeeservice, eine Bodenvase. Alles drei recht bürgerliche Wünsche, die man von Freibeutern nicht unbedingt erwartet.

http://www.zeit.de/2012/19/Gesellschaftskritik-Verlobungen

»Wen interessiert’s?« Eine lustige Frage. Tina Hildebrandt interessierts. Und die meint, daß die Öffentlichkeit interessieren müßte, welche Assoziationen sich bei ihr, Tina Hildebrandt, angesichts einer Verlobung so einstellen. Was sie indes unter dem Deckmantel unstandesgemäßer ›Bürgerlichkeit‹ anprangert, ist in Wahrheit ein Rückfall in die Weibchenrolle. Schließlich hat frau sich nicht zu freuen, wenn ein Mann ihr einen Heiratsantrag macht. Sehr deutlich schimmert Hildebrandts Einstellung bei diesen vernichtenden Sätzen durch:

Seither jedenfalls hört man von Weisband mehr denn je. Über ihre blonde Perücke: Trage ich aus Spaß an der Verwandlung. Über die Piraten als Koalitionspartner: Nervtötend. Über Talkshows: Da geht es darum, dicke Eier zu haben.

Womöglich in Ermangelung ebensolcher brach Weisband kurz vor einer Sendung der Talkfrau Maybrit Illner im Studio zusammen, ein Phänomen, das bislang vor allem aus der Fauna bekannt ist: Opossums, aber auch Spinnen und andere Tiere stellen sich tot, wenn ein Steppen-Burn-out oder ein anderer Feind naht.

http://www.zeit.de/2012/19/Gesellschaftskritik-Verlobungen

So schnell rattern die üblen Assoziationen: keine Eier, Kreislaufschwäche, Weibchen, Tierreich, Totstellreflex. Die unemanzipierte Verlobung ist nur das letzte Glied in der Beweiskette: Du bist ein tranfunzeliges Weibchen, das folgerichtig die Politikkarriere aufgibt. Was ist dagegen denn schon ein Diplom in Psychologie?

Nun könnte man sagen: selber Schuld. Wer sein Privatleben in die Öffentlichkeit trägt, muß damit rechnen, daß es von ideologischen Scharfmacherinnen auseinandergenommen wird. Aber selbstgerechte Feministinnen mischen sich auch dann ein, wenn lediglich eine fiktive Ich-Figur in einem autobiographisch gefärbten Roman von der Last mit der genderpolitisch unkorrekten Lust erzählt. Alice Schwarzer in einem ihrer berüchtigten Offenen Briefe, dieses Mal an Charlotte Roche:

15.08.2011

Hallo Charlotte,

ich bin’s, dein Über-Ich. Du weißt schon, diese feministische Rachegöttin, die Seite an Seite mit deiner Mutter durch dein Buch geistert. Die deiner Protagonistin Elizabeth immer über die Schulter guckt, wenn die gerade mal Spaß haben will – die Eichel ihres Mannes mit der Zunge putzt, auf dem Familiensofa Pornos guckt oder es mit ihm und einer Brasilianerin zu dritt im Edelbordell treibt. Dein Mann ist ja Katholik und erst das „Sündigen“ wider Gottes Gebote macht ihn so richtig an. Und du bist zwar Atheistin, aber Feministin – und erst das „Sündigen“ wider den Feminismus gibt dir anscheinend den letzten Kick. Insofern habe ich eigentlich eine echt sexy Rolle in deinem Buch. Auch wenn ich sie mir mit dem Papst teilen muss.

http://www.aliceschwarzer.de/publikationen/blog/?tx_t3blog_pi1[blogList][year]=2011&tx_t3blog_pi1[blogList][month]=08&tx_t3blog_pi1[blogList][day]=15&tx_t3blog_pi1[blogList][showUid]=79

Denn das Private ist ja politisch, da wird den Frauen folgerichtig vorgeschrieben, welche Lust sie haben dürfen und welche nicht. SM, Porno und Prostitution sind ein no-go, der Wunsch nach gespielter Vergewaltigung oder hartem Genommen-Werden genauso igitt wie ein Bedienen des Mannes. Erlaubt ist Kuschelsex mit Ansage, und das Verlangen nach mehr als nur einem Bettgenossen dürfte bereits diskussionswürdig sein.

Wenn sich eine junge Frau daraufhin erdreistet, die Verwirrungen zu schildern, die der aktuelle feministische Sexualmoralkodex auslöst, dann wird die eigene Über-Ich-Rolle ins Lächerliche gezogen und der aufmüpfigen Feminismusgeschädigten Schläge unterhalb der Gürtellinie versetzt:

Vielleicht passt es so besser zu deinem neuen Leben als Seine Frau. Eine Frau, die über ihren Mann schreibt: „Er hat mir gnadenlos alles über seine Sexualität gesagt.“ Und die wenige Zeilen später sinniert: „Jetzt bin ich bald dran, ihn mit meiner wahren Sexualität zu konfrontieren.“ In der Tat, das wäre keine schlechte Idee nach all den Jahren.

[…]

Du aber hast inzwischen dein eigenes Geld. Doch – hast du auch eine eigene Existenz? Bist du mit deinem Mann freiwillig zusammen weil du es so willst – oder bist du es, weil du emotional von ihm abhängig bist und bei ihm bleiben musst?

[…]

In denen [in deutschen Feuilletons] wirst du interessanterweise von den meisten Frauen beschwärmt, von den meisten Männern aber verrissen. Sie scheinen dich nicht zurückzulieben, die Männer.

Okay, damit sollte eine starke Frau leben können. Eines allerdings wäre fatal: Wenn deine Leserinnen deine verruchte Heimatschnulze über Sex & Liebe für ein Rezept halten würden. Denn du hast nicht die Lösung, du hast das Problem.

http://www.aliceschwarzer.de/publikationen/blog/?tx_t3blog_pi1[blogList][year]=2011&tx_t3blog_pi1[blogList][month]=08&tx_t3blog_pi1[blogList][day]=15&tx_t3blog_pi1[blogList][showUid]=79

Schwups, schon ist Charlotte Roche ein Weibchen »mit Oma-Beziehungsmodell«, Opfer einer emotionalen Abhängigkeit vom Mann und bestenfalls »eine Feministin auf dem Trip«, die der Entgiftung durch die Suchttherapeutin A. S. bedarf.  Schwarzer hat die verkleisternde Süße der ›sogenannten Liebe‹ schon immer als die Hauptfeindin klarer Geschlechterverhältnisse betrachtet.

Über Schwarzers brachiale Opferrekrutierung in Sachen Prostitution gegen die klar und eindeutig geäußerten Wünsche der Sex-Arbeiterinnen selbst habe ich mich bereits geäußert:

https://gabrielewolff.wordpress.com/2012/03/15/zur-hebung-des-talkshow-niveaus-der-or-sender-keine-einladung-mehr-an-alice-schwarzer/

https://gabrielewolff.wordpress.com/2012/04/01/alice-schwarzers-anti-prostitutions-kreuzzug-moralin-das-frauen-schadet/

Aber gegen die Unfehlbarkeit der fundamental-feministischen Doktrin kommen selbst vernünftige Feministinnen wie Elisabeth Badinter nicht an:

20.11.2011 01:15 Uhr

„Ich werde ständig von Feministinnen attackiert“

Interview: Verena Mayer

[…]

Alice Schwarzer sieht die Frauen gern als Opfer. Nervt Sie das?

Und wie. Ich kenne Alice sehr gut, wir hatten eine ziemlich rüde Diskussion über Prostitution. Für mich ist das eine philosophische Frage des eigenen Selbst. Wenn eine Frau in einer Nacht so viel verdienen will wie andere in einem Monat, dann soll sie das tun. Bekämpfen soll man die Zuhälter, die Netzwerke dahinter. Aber die Frau hat ihren freien Willen. Da ist Alice ganz und gar dagegen. So wie ich dagegen bin, Frauen immer nur als Opfer zu sehen.

http://www.tagesspiegel.de/zeitung/sonntagsinterview-ich-werde-staendig-von-feministinnen-attackiert-/5863722.html

Wie ein Brennspiegel hat Anne Sinclair, erfolgreiche Journalistin, TV-Ikone, Buchautorin, Sozialistin, Erbin, Mutter und Großmutter, in zweiter Ehe seit zwanzig Jahren mit Dominique Strauss-Kahn verheiratet, diese Zuschreibungsprozesse gebündelt und auf sich gelenkt. Alles ohne ihr Zutun. Sie, die ihr Privatleben trotz der Öffentlichkeit ihrer beruflichen Existenz immer diskret behandelt hat, mußte erdulden, was einer weniger starken Persönlichkeit den Rest gegeben hätte: Klatsch, Tratsch, Indiskretionen, Verhöhnung, Beleidigungen, Anfeindungen, vorgeblich gutgemeinte Ratschläge zur Beziehungsgestaltung – und immer wieder die Klischees von ›Opfer‹ und ›Weibchen‹, schlimmstenfalls das der ›Komplizin‹ des Mannes, für den keine Unschuldsvermutung galt. Vor allen Dingen in Deutschland.

In Frankreich hielt wiederum Elisabeth Badinter die Fahne des Rechtsstaats hoch, gegen alle erschöpfenden Anfeindungen aus den eigenen Reihen:

Madame Badinter, nach der Sexaffäre um Dominique Strauss-Kahn hieß es, im Macholand Frankreich sei eine Schweigemauer gefallen. Ist es für die Frauen jetzt besser?

Es ist nicht so, dass in Frankreich ständig Frauen geschunden und bedrängt werden. Das ist ein Teil der Realität wie überall anders auch, und es ist richtig, das anzuprangern. Aber die Gleichsetzung „Frau gleich Opfer“ funktioniert nicht. Man sagt nicht automatisch die Wahrheit, weil man eine Frau ist. Genauso wenig, wie man als Frau automatisch lügt. Es ist die Aufgabe der Justiz, das im Einzelfall zu klären.

Strauss-Kahn ist nach seiner Freilassung in New York wieder in den Schlagzeilen. Er soll als IWF-Chef Partys mit Prostituierten besucht haben, die von Unternehmen bezahlt wurden.
Ich bin sehr gut befreundet mit Anne Sinclair, seiner Frau. Mein Mund war von Anfang an versiegelt, außer einmal, als ich den Feministinnen etwas entgegensetzen wollte.

Sie warfen den Feministinnen vor, den Fall zu instrumentalisieren. Viele fanden das seltsam.
Die Stunde der Stille ist gekommen. Ich will für keinen Eklat mehr sorgen.

http://www.tagesspiegel.de/zeitung/sonntagsinterview-ich-werde-staendig-von-feministinnen-attackiert-/5863722.html

Man braucht eben Mut, für die Vernunft und gegen die Zuschreibung von Geschlechterrollen zu streiten. Letzteres ist nur opportun, wenn Mädchen an klassische Männerberufe herangeführt werden sollen, obwohl sie dazu keine Lust haben. Zu etwas befähigt zu sein heißt ja noch lange nicht, daß man dazu auch motiviert ist. Und die Frage ›Geld oder Leben‹ beantworten Frauen generell klüger als Männer: sie entscheiden sich mehrheitlich für das Leben, von dem sie dann auch mehr haben.

Jenseits der aktuellen Arbeitsmarktsbedürfnisse der Wirtschaft – Facharbeitermangel! – wird allerdings weiter munter zugeschrieben. Der Mann, das Tier. Die Frau, das Opfer. BRIGITTE sieht in Anne Sinclair das arme betrogene Hascherl:

Lug und Betrug

Anne Sinclair: Wie hält diese Frau das aus?

Anne Sinclair ist nicht zu beneiden: Sie ist die Frau von Dominique Strauss-Kahn, dem Mann, der in einem New Yorker Luxushotel ein Zimmermädchen sexuell missbraucht haben soll. Zumindest für mangelnde Treue gab es schon Vorzeichen – wir werfen einen Blick auf die Beziehung.

http://www.brigitte.de/gesellschaft/politik-gesellschaft/anne-sinclair-1091900/

Schließlich sind Vergewaltigungsvorwürfe und sexuelle Untreue gleich schändlich, und frau läßt sich nun mal nicht demütigen: einen untreuen Gatten wirft sie stantepede hinaus. Sie ist nämlich kein selbstbestimmtes Individuum, das den Inhalt und die Tragweite einer Ehe ohne Vormund definieren könnte. Die etwas anderes von ihrem Mann will als sexuelle Treue, die auch sie nicht garantieren kann. Nein, die Deutungshoheit steht allein den Moralisten des Mainstreams zu.

Beim SPIEGEL weiß man nicht so recht, erwägt dieses und jenes und landet dann beim Hausmütterchen, der niedrigsten Stufe des Weibchens. Die Rolle der Beraterin, die auf Augenhöhe mit den Verteidigern konferiert, traut man Anne Sinclair wohl nicht zu.

Anne Sinclair

Die Frau an Strauss-Kahns Seite

Von Stefan Simons, Paris

[…]

Frankreichs Medien charakterisieren die frühere Journalistin daher mal als Heldin, mal als Opfer, ihr „leidendes Lächeln“ zierte die Titelseiten der People-Presse. Offen bleibt dabei, ob Sinclair, die dritte Ehefrau von Strauss-Kahn, die bewundernswerte Säulenheilige einer traditionellen Lebens- und Wertegemeinschaft ist oder eine düpierte und gedemütigte Ehefrau.

Immerhin: DSK war kaum verhaftet, da flog Sinclair nach New York; während er noch in der Haftzelle schmorte, bemühte sich die gut vernetzte Frau um Anwälte und eine Apartment. Ganz selbstverständlich, dass die Tochter und Millionenerbin eines der wichtigsten Pariser Kunsthändler der Nachkriegszeit – mit ihrem Privatvermögen die Rechnungen für ihren Mann bezahlt: sechs Millionen Dollar Kaution, 50.000 Monatsmiete für ein mondänes Townhouse, 200.000 Dollar für die Sicherheitsfirma, die DSK bewacht und satte Honorare für die besten US-Anwälte, die für Geld zu haben sind.

Und jetzt gibt Sinclair das Hausmütterchen: Sie kümmert sich um das leibliche Wohl ihres Gatten, kauft Handtücher, schafft Möbel aus der Washingtoner Residenz nach New York und renoviert das neue Heim.

http://www.spiegel.de/panorama/leute/anne-sinclair-die-frau-an-strauss-kahns-seite-a-767048.html

Die stramm feministische taz, für die DSK selbstredend ein Monstrum war und auch nach der Einstellung zweier Verfahren eins bleibt, wundert sich noch am 20.1.2012, dem Tag, als Anne Sinclair die Leitung der französischen Ausgabe der Internet-Zeitung ›Huffington Post‹ übernahm, über die Loyalität der Ehefrau: wie kann sie bloß!

Auf die Frage nach ihrer verblüffenden Loyalität antwortet sie: „Eine bedingungslose Unterstützung gibt es nicht. Man steht zu jemandem, weil man das beschlossen hat. Niemand weiß, was in der Intimsphäre eines Paares vor sich geht, und niemand hat das Recht, über meine Beziehung zu urteilen.“ Seitensprung hin oder her, für sie zählt nur, dass keine Gewalt im Spiel gewesen sei. Von feministischen Kritikerinnen lässt sie sich keine Lehren erteilen: „Ich habe immer für den Schwangerschaftsabbruch, die Gleichheit im Beruf, die Respektierung der Würde der Frauen und ihren Platz im öffentlichen Leben gekämpft. Das ist Feminismus, nicht aber, sich in das Privatleben anderer Frauen einzumischen und an ihrer Stelle zu sagen, was moralisch sei oder nicht.“ Auf die provokative Frage, ob sie noch in ihren Mann verliebt sei, kontert sie darum empört, das gehe schlicht niemanden etwas an. Auch für die Journalistin hat die Transparenz Grenzen. RUDOLF BALMER

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=a2&dig=2012%2F01%2F20%2Fa0045&cHash=ef54f117de

Der Klatschbase Dagmar von Taube von der WELT am SONNTAG begegnet sie am 11.3.2012 ebenso souverän – und hätte sie geahnt, daß sie bereits in der Überschrift auf ›Strauss-Kahns Ehefrau‹ reduziert werden würde, hätte sie allen Anlaß für einen ihrer Wutanfälle gehabt:

Strauss-Kahns Ehefrau

Autor: Dagmar von Taube

11.03.2012

„Wehe, wenn ich wütend werde!“

Wie lebt man eigentlich mit so einem Mann? Ein Gespräch mit Anne Sinclair, der Ehefrau Dominique Strauss-Kahns, über Medien und die Grenzen des Privaten.

[…]

Welt am Sonntag: Schon klar. Aber ist es nicht auch ein bisschen ein Befreiungsakt, wenn Sie nun plötzlich mit einem Spitzenjob aus dem Schatten treten? Diese Nachricht lenkt mal angenehm von dem Debakel ab, das Ihr Mann mit dem Familiennamen veranstaltet hat. Wir erinnern uns: Vor einem Jahr noch war Dominique Strauss-Kahn Währungsfondspräsident. Dann wird er von einem New Yorker Stubenmädchen der sexuellen Gewalt beschuldigt. Verhaftung aus dem Flugzeug. Jetzt die Ermittlungen in Lille um eine vermeintliche Beteiligung an einer Prostitutionsaffäre. Das muss doch ein Albtraum für Sie sein.

Sinclair: Pardon, aber dazu möchte ich nichts sagen. Mein Privatleben ist tabu.

Welt am Sonntag: Ein frommer Wunsch. Wer sagte noch, das Private sei politisch? Uns beiden ist doch klar, dass das Privatleben seit dem Internet vielmehr zu einer Fiktion geworden ist und die Forderung danach genauso Steinzeit, wie ein Leben ohne Computer und Blogs.

Sinclair: Sie haben schon recht, im Ernstfall stehen wir heute alle ziemlich entblößt da. Das Internet hat viele Seiten, bietet Chancen und Risiken. Es scheint vielen Menschen zu gefallen, sich im Netz zu verbreiten. Mein Stil ist diese Form von Exhibitionismus nicht.

http://www.welt.de/vermischtes/article13914399/Wehe-wenn-ich-wuetend-werde.html

Dennoch bohrt Frau von Taube immer wieder nach und spult das Pflichtprogramm (die Wiederaufnahme der Karriere, die Vorstellung von Sinclairs neuem Buch über ihren Großvater, den Kunsthändler und Picasso-Freund Paul Rosenberg) eher lustlos ab. Selbst in ihre Frage zu Anne Sinclairs Vorstellung von Feminismus flicht sie noch eine abwertende Bemerkung zum Ehemann ein:

Welt am Sonntag: Interessant ist: Einerseits sympathisieren Sie mit dem Feminismus – Ihr Mann steht als Chauvie in Verruf. Was bedeutet Gleichberechtigung in einer Beziehung für Sie?

Sinclair: Ich lebe grundsätzlich nach der Devise: Ich mache, was ich will, wie ich es will und ohne, dass sich jemand einmischt. Nein, ich glaube an die Selbstbehauptung der Frau – nicht auf Kosten anderer natürlich. Sagen wir so, ich glaube an den Feminismus, aber nicht unbedingt an den Kampf zwischen Mann und Frau.

http://www.welt.de/vermischtes/article13914399/Wehe-wenn-ich-wuetend-werde.html

Wenn Feminismus grundsätzlich so verfaßt wäre, wie Sinclair ihn hier definiert, wäre gegen ihn nichts einzuwenden. Der Interviewerin gelingt es nicht, Anne Sinclair in die jammervolle Opferrolle zu zwingen. Also versucht sie es am Schluß andersherum. Nun fließen Krokodilstränen für den Zwangsrentner DSK – der allerdings seit Dezember 2011 im internationalen Rahmen wirtschaftswissenschaftliche Vorträge hält, in China, Cambridge, der Ukraine, in Marokko… Aber als Klatschreporterin weiß man sowas ja nicht.

Welt am Sonntag: Man weiß, dass Männer mit einer erzwungenen Ruhestandssituation schlechter zurechtkommen als Frauen. Haben Sie Sorge, dass Ihr Mann daran seelisch zerbricht? Oder was hat er jetzt vor?

Sinclair: Haha, netter Versuch. Nein, darüber mache ich mir keine Sorgen. Und zu seinen Plänen wird er sich selbst äußern.

Welt am Sonntag: Wie geht es ihm eigentlich?

Sinclair: Danke, es geht ihm sehr gut. Aber Sie, Sie sollten jetzt wirklich Ihr Tonbandgerät ausschalten und endlich shoppen gehen, wenn Sie schon mal in Paris sind.

http://www.welt.de/vermischtes/article13914399/Wehe-wenn-ich-wuetend-werde.html

Ein sehr guter Rat von Madame, und wir wollen hoffen, daß Frau von Taube wenigstens beim Schuheinkauf mehr Stilsicherheit beweist als bei diesem Interview oder die WELT am SONNTAG mit diesem Artikel, dem folgender Kasten mit weiterführenden Links beigefügt ist:

Gemeine Männer


John F. Kennedy

Arnold Schwarzenegger

Baschar al-Assad

Ja, da sind die richtigen gemeinen Typen versammelt, einer schlimmer als der andere. Und Kennedy war sogar katholisch… In diesem neuen ideologischem Licht betrachet hat seine Ermordung dann doch noch einen Sinn. Ist Baschar al Assad wirklich ein Fremdgeher? Neugierig klicke ich und finde das hier:

Asma al-Assad galt lange als Sinnbild eines modernen, weltoffenen Syrien. Auch ihren Mann hat ihre Schönheit aufgewertet: Jetzt, aber, als sich rausstellt, dass ihr Mann ein Diktator ist, der für Tausende Tote verantwortlich ist, da schweigt sie.

Hä? Durfte da eine frauenbewegte Volontärin ran, die der deutschen Sprache nicht mächtig ist? Und warum muß die Schönheit seiner Frau nun Schuld tragen? Der Feminismus säbelt Männer und Frauen in gleicher Weise ab. Das haben Ideologien so an sich, daß sie nichts mit Humanität und Kultur gemein haben.

EMMA kolportiert, wen wunderts, genüßlich blanke Beleidigungen:

Am 23. August 2011 kam Richter Michael Obus dem Antrag von Staatsanwalt Vance nach, das Verfahren einzustellen. Vor dem Gebäude demonstrierten Frauen und Männer mit Schildern wie: „Nafissatou, wir glauben dir“ und „Shame on you, Cyrus Vance!“ Heather Cottin, Aktivistin für die Rechte von Immigranten, wetterte vor Journalisten über Strauss-Kahns Ehefrau Anne Sinclair, die in Nibelungentreue zu ihrem Mann gehalten und mit allen Mitteln seine Freilassung betrieben hatte: „Leider machen das viele Frauen, deren Männer Schweine sind. Idiotin!“

http://www.emma.de/ressorts/artikel/vergewaltigung/affaere-dsk-in-den-usa/

Den Tiefpunkt im Umgang der deutschen Presse mit Anne Sinclair, die sich partout nicht im feministischen Sinn instrumentalisieren läßt, setzte überraschenderweise nicht einmal Alice Schwarzer. Ihr Kommentar vom 4.11.2011 war zwar erwartbar schadenfroh, hämisch und wie üblich inhaltlich falsch, wurde aber locker unterboten:

Und Anne Sinclair? Die als „Antigone“ bejubelte Ehefrau, die Hand in Hand mit ihrem der Vergewaltigung verdächtigten Ehemann zu den Vernehmungen zu schreiten pflegte. Jetzt ist auch sie weg. Zurzeit in ihrer Villa in Marrakesch, heißt es.

http://www.aliceschwarzer.de/publikationen/blog/?tx_t3blog_pi1[blogList][showUid]=84&tx_t3blog_pi1[blogList][year]=2011&tx_t3blog_pi1[blogList][month]=11&tx_t3blog_pi1[blogList][day]=04&cHash=17ca4cab74

Da DSK niemals vernommen wurde – er machte von seinem Schweigerecht Gebrauch –, hat seine Frau ihn auch nie zu Vernehmungen begleitet, sondern zu Gerichtsterminen zur Haft- und Kautionsfrage und zur Verfahrenseinstellung. Anne Sinclair hat ihn auch nicht verlassen, Schwarzer hat lediglich diejenigen französischen Klatschblätter gelesen, die allesamt vom Paar Strauss-Kahn/Sinclair wegen Verbreitung von Gerüchten und Verletzung der Intimsphäre verklagt worden sind. Intimsphäre? Ist abgeschafft. Das Private ist schließlich politisch, wenn nicht gar symbolisch.

Nein, den Tiefpunkt lieferte Claus Lutterbeck im STERN 5/2012 ab, einem Organ, das sich schon mehrfach lustvoll-geifernd an DSK abgearbeitet hatte. Allerdings erfolglos; da muß dann eben die Frau als Komplizin bestraft werden, wenn der strafwürdige Lustmolch den Fängen der Justiz entkommt.

Madame der Woche

Lust am Bösen

DSK-Gattin Anne Sinclair übernimmt ein französisches Internet-Klatschblatt

STERN 5/2012, S. 30

So, da hat Madame Sinclair Lust am Bösen? Und die Huffington Post.fr. ist ein Klatschblatt? Beides ist pure Desinformation. Die Huff Post fr. ist eine kritische politische tagesaktuelle Zeitung mit einem unwesentlichen People-Anteil. Wer mag, werfe einen Blick hinein:

http://www.huffingtonpost.fr/

Auf das ›Böse‹ kommt Claus Lutterbeck durch ein Zitat von Roman Polanski, der seinen Erfolg bei Frauen damit zu erklären suchte, daß Frauen immer neugierig auf das Böse oder den Bösen seien.

Lutterbeck:

Vielleicht hilft sein Spruch dabei, eine Frau zu begreifen, die auch ihre Freundinnen kaum noch verstehen: Anne Sinclair, 63. Die Gattin von Dominique Strauss-Kahn steht unbeirrt zu ihrem Streuner, und je mehr Frauen auftauchen, denen er ungefragt an die Wäsche ging, umso treuer ist sie ihm. Warum?

Das weiß auch der Herr Lutterbeck nicht, weshalb er ja Polanski bemühen muß. Letzterer ist zwar wegen Vergewaltigung einer 13-Jährigen verurteilt worden und somit nicht vergleichbar mit einem ›Streuner‹ und mit jemandem, der wegen einer mehr als nur dubiosen Vergewaltigungsanzeige seine Existenz verlor, aber das ist ja Jacke wie Hose. Der Herr Lutterbeck ist jedenfalls ersichtlich verzweifelt, denn auch Anne Sinclair hilft ihm nicht auf die Sprünge, und er muß doch als Frankreich-Korrespondent des STERN seine Zeilen vollkriegen:

Lutterbeck über ein Elle-Interview mit Sinclair:

– Ob sie nicht das „duldende Opfer“ sei und damit eine „archaische Konzeption des Paares“ fördere? Sinclair pampig: Sie sei weder „Heilige noch Opfer, ich bin eine freie Frau“. Ob sie ihren Mann noch liebe? Da wurde Madame deutlich: „Das! geht! Sie! Nichts! An!“

Man muß nämlich auch wissen, daß der Herr Lutterbeck traumatisiert ist, weil er von den Stars derartig gedemütigt wurde, daß er davon träumt, daß sie ihn, auf Knien liegend, um ein Interview anwinseln.

Brückerhoff: Welche Interviews waren besonders unerfreulich?

Claus Lutterbeck: Mit der Schauspielerin Charlotte Gainsbourg. Es hat nur eine Minute gedauert. Ich stellte zwei harmlose Fragen auf die sie, kaum hörbar, nuschelte: „Das geht sie nichts an.“; Da bin ich aufgestanden und gegangen.

Brückerhoff: Hatten Sie schon einmal das Gefühl, Ihren Beruf nicht vollständig ausüben zu können?

Claus Lutterbeck: In Hollywood dauernd. Die Studios, vor allem aber die Agenten und Pressefritzen der Stars kontrollieren jedes Wort. Man ist, ob man will oder nicht, nur ein Handlanger der Filmvermarktung. Eigentlich hat das mit Journalismus wenig zu tun, was unsereins dort treibt. Ich habe immer davon geträumt, dass alle Medien auf der ganzen Welt sich mal ein Jahr lang weigern, über den Hollywood-Zirkus zu berichten. Und wenn die Stars nach drei Monaten auf dem Boden gekrochen kämen und bettelten „Ach bitte, frag mich, was Du willst!“ würden wir Journalisten sagen: „Sorry, kein Bedarf. Ihr seid zu langweilig.“ – Ach wär‘ das schön.

http://www.neuegegenwart.de/koepfe/claus_lutterbeck.htm

Ja, endlich einmal Macht ausüben! Ein Mal zurückschlagen! Das tut Lutterbeck, indem er unterhalb der Gürtellinie agiert (und er macht das umso gehässiger, als er eine wesentlich erfolgreichere Kollegin bashen kann):

Mal sehen, ob es in der französischen Ausgabe auch so locker zugeht wie in der britischen, wo Themen wie Pippas Hintern oder „die Frau mit zwei Vaginen“ große Renner sind. Und eine Studie, die besagt, dass Frauen oft einen Orgasmus vortäuschen, um ihren Mann am Fremdgehen zu hindern.

Ob das hilft? Vielleicht werden wir es demnächst in „Le HuffPost“ lesen, in der Rubrik: „Das! Geht! Sie! Absolument! Nichts! An!“

Daß die studierte Anne Sinclair für einen intelligenten politischen Journalismus steht, ist diesem komplexbeladenen Mann natürlich nicht ein- oder aufgefallen. Denn er selber steht für kompetenzlosen Null-Journalismus. Und gibt es auch noch zu:

Brückerhoff: Wie wurden Sie Korrespondent? Haben Sie sich schon immer für das journalistische Fach interessiert?

Claus Lutterbeck: Immer. Mit acht Jahren habe ich den ersten Aufsatz für die Pfadfinderzeitung geschrieben, ich war bei jeder Schul-und Studentenzeitung dabei – aber ich habe nie eine Ausbildung oder ein Volontariat gemacht. Ich hatte das seltene Glück, gleich zu Beginn einen exzellenten Journalisten als Chef zu haben (Gerd Gründler beim „Vorwärts“), der meine Stärken und Schwächen erkannt und mich sehr gefördert hat. Man braucht so jemand am Anfang seiner Karriere, leider nehmen sich nur wenige Chefs die Zeit dafür. — Korrespondent wurde ich eher zufällig – ich wollte nach acht Jahren Innenpolitik mal was Neues machen.

Brückerhoff: Waren Sie gut in der Schule? Würden Sie sagen, dass das für Ihren heutigen Beruf eine Rolle gespielt hat?

Claus Lutterbeck: Ich war faul und mittelmäßig. Für meinen Beruf habe ich dort aber gelernt, wie man erfolgreich vortäuscht, von allem ein bisschen Ahnung zu haben.

http://www.neuegegenwart.de/koepfe/claus_lutterbeck.htm

Vielleicht müssen solche Köpfe einfach nur mal ordentlich durchgelüftet werden. Vielleicht hilft ja die Schadensersatzklage auf eine Million Dollar wegen Verleumdung, die DSK jetzt gegen das Zimmermädchen eingereicht hat, das noch heute vom Hotel bezahlt wird, obwohl es dort seit dem 14.5.2011 nicht mehr gearbeitet hat. Schweigen kostet eben…

Es muß ja nicht jeder so reflexhaft reagieren wie der Diallo-Anwalt, der außer der Rassismus- und Feminismus-Karte nichts in der Hand hat:

Diallos Anwalt Douglas Wigdor bezeichnete die Gegenklage als Beispiel für „Strauss-Kahns frauenfeindliche Haltung“. Wie bereits der Versuch des früheren IWF-Chefs, sich auf seine diplomatische Immunität zu berufen, werde auch dieses „verzweifelte Manöver“ nicht zum Erfolg führen, sagte der Anwalt.

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/dominique-strauss-kahn-reicht-klage-gegen-zimmermaedchen-ein-a-833367.html

Anne Sinclair, die Kämpferin, wird ihm zeigen, was eine Harke ist. Denn natürlich hat sie, die alles finanziert, sich zum Angriff entschlossen. Genug ist genug. Und auf Staatsanwaltschaften, die selbst bei klaren Beweislagen gegen Falschbeschuldigerinnen nichts unternehmen, wie das in der westllichen Welt üblich ist, kann sie pfeifen.

Die Staatsanwaltschaft von Manhattan verfolgt ja nicht einmal die Straftaten der Nafissatou Diallo, die sie klar nachgewiesen hat: Steuerhinterziehung durch die Angabe, zwei Kinder zu unterhalten, obwohl sie nur eins hat. Sozialbetrug durch Verschweigen ihres 40.000,- Dollar-Einkommens, um eine billige Wohnung zu erhalten. Meineid vor der Grand Jury durch Lügen über ihr Verhalten nach der angeblichen Tat. Erschleichen von Asyl durch die Erfindung, ihr Mann sei als politisch Verfolgter im Gefängnis mißhandelt worden und dort verstorben. Tatsächlich war er an einer Krankheit zuhause gestorben. Auch dem Geldwäscheverdacht (60.000,- Dollar aus Drogengeschäften ihres Verlobten und seiner Komplizen wurden über ihr Konto gewaschen, sie selbst hob Beträge ab und übergab sie den Geschäftspartnern in bar, wobei sie von jeder Tranche profitierte) wurde nicht nachgegangen.

So etwas nennt man politisches Strafrecht. Denn Cyrus Vance will es sich mit der black community nicht gänzlich verscherzen, weil er wiedergewählt werden will. Anne Sinclair hat die Mittel, sich dagegen zur Wehr zu setzen.

Und sie ist stark. Wie Simone Signoret. Elle fait face.

http://www.lindependant.fr/2012/03/24/faire-face,126188.php

 

Update (17.5.2012):

Hier habe ich noch so einen fuchtelnden feministischen Zeigefinger gefunden: Tina Groll am 19.1.2011 gegenüber Kristina Schröder. Unglaublich.

http://www.zeit.de/karriere/beruf/2011-01/kommentar-schwangerschaft-schroeder/seite-2

Mannheim und kein Ende: Feminismus im Jugendamt – das Urteil

Das hatte ich u.a. am 24.3.2012 zu dem tragischen Fall der Nathalie B. geschrieben, der vor dem Landgericht Mannheim verhandelt wurde:

»Solange Zuständigkeiten und Vorschriften eingehalten sind, kommt es auf materiell-falsche Entscheidungen wie die, der überforderten Mutter Nathalie B. das Erfolgserlebnis der Pflege ihres todkranken Kindes zu gönnen, selbstverständlich nicht an. Da muß man auch gar nicht erst beim Gesundheitsamt nachfragen, wie man denn dort die Situation des kranken Kindes beurteile. Da ändert man flugs die Regularien, nachdem ein Kind, vielleicht qualvoller, jedenfalls früher, als es die tödliche Krankheit vorgezeichnet hatte, gestorben ist.

An den Automatismen der falschen jugendamtlichen Grundentscheidungen zugunsten der Mütter wird derlei Verfahrenskosmetik nichts ändern. Und natürlich auch nichts an der Zögerlichkeit der Justiz, das Versagen der Jugendämter zu sanktionieren. Denn das ist der zutiefst konservative Kern der Schwarzer-Botschaft von den Täter-Männern und den Opfer-Frauen: Kinder gehören (zu) ihren Müttern, da sind sie vor ihren im Zweifel bösen Vätern geschützt. Und selbst die ungeeignetste Mutter ist gut für ihre Kinder (und jedenfalls billiger als eine Pflegefamilie oder ein Heimplatz).«

https://gabrielewolff.wordpress.com/2012/03/24/mannheim-und-kein-ende-feminismus-im-jugendamt-contra-gerechtigkeit/

Genauso ist es gekommen. Die Marschroute des Gerichts war klar, nachdem der im Lager der Jugendämter stehende Sachverständige sein Gutachten erstatten durfte:

Der Befangenheitsantrag vom Verteidiger gegen einen vom Gericht beauftragten Gutachter der Jugendamtsarbeit wurde abgelehnt. Der Sachverständige Thomas Mörsberger bleibt im Prozess, um die Arbeit der Behörde im Fall Marcel zu beurteilen.

http://www.morgenweb.de/mannheim/mannheim-stadt/klinikum-fuhrte-beherzte-diskussion-mit-jugendamt-1.492744

Die Staatsanwaltschaft plädierte auf eine Freiheitsstrafe von 9 Jahren und 6 Monaten, die Verteidigung auf eine unterhalb von 6 Jahren.

„Was bleibt, ist eine Lücke“

Von unserem Redaktionsmitglied Angela Boll

[…]

Totschlag durch Unterlassung und Misshandlung von Schutzbefohlenen, an diesen schweren Vorwürfen hielt der Oberstaatsanwalt fest: „Sie hat Marcel bewusst sterben lassen, Anfang Februar 2010 beschloss sie, die Nahrungszufuhr endgültig einzustellen.“ Damals im Frühjahr vor zwei Jahren war der neunjährige Marcel bereits schwerst behindert. Er litt unter der tödlichen Krankheit Adrenoleukodystrophie, war bettlägerig , konnte nicht sprechen, weder sehen noch hören und musste über eine Magensonde ernährt werden. Die Familie stand unter Obhut des Jugendamts. „Man hat der Mutter jegliche Hilfe angeboten, aber sie hat immer wieder beteuert, dass sie es alleine machen will“, wiederholte Hofmann seine Erkenntnisse aus den Zeugenbefragungen. Mit einer „riesigen Manpower“ habe man in der Behörde versucht, die dreifache, alleinerziehende Mutter zu unterstützen – „trotzdem passierte die Katastrophe“. Als Sündenbock dürften nun aber weder das Jugendamt noch die Ärzte herhalten, betonte der Ermittler mit Hinblick auf eine Strafmilderung. „Was bleibt, ist eine Lücke an der Schnittstelle zwischen Jugend- und Gesundheitsamt“, kritisierte der Ankläger das System: „Marcel ist in diese Lücke gefallen, genau so wie schon das ein oder andere Kind in ähnlichen Prozessen.“ Zugunsten der Angeklagten bewertete der Staatsanwalt die „von Anfang an instabilen Familienverhältnisse“ der 31-Jährigen: „Sie hatte selbst kaum Chancen im Leben und muss nun mit dem Schuldgefühl leben, als Mutter versagt zu haben.“

http://www.morgenweb.de/mannheim/mannheim-stadt/was-bleibt-ist-eine-lucke-1.566959

Klar. Logisch. Es ist eine Regelungslücke, die für das verfrühte Sterben des dem Tod geweihten Kindes verantwortlich war. Amtliche Institutionen benötigen Vorschriften, um zu funktionieren, und deshalb reicht es aus, wenn sie nicht gegen geschriebenen Regeln verstoßen, um sich exkulpieren zu können. Materielle Verantwortung für ihren gesetzlichen Auftrag, so wie Eltern, tragen sie offenbar nicht. Ihr Versagen, aus ideologischen Gründen einer Frau, die als Mutter nur versagen konnte, alle drei Kinder zu belassen, ist damit aus der Welt.

Und damit steht die Nathalie B. allein da. Als ein Exemplum für die viel zu vielen Fälle, bei denen Kinder zu Tode kommen. Tatsächlich gibt es kaum ›ähnliche‹ Fälle, wie der Oberstaatsanwalt suggeriert. Dieser hier grenzt eher an Sterbehilfe denn an Verhungernlassen aus Geichgültigkeit oder gar aus feindseliger Gesinnung. Wie lange und mit welcher ›Lebensqualität‹ hätte das Kind bei optimaler Pflege noch gelebt? Vielleicht ist der mütterliche Egoismus, ein Kind lieber bei sich sterben zu lassen als es zum Sterben wegzugeben, moralisch angreifbar. Sich in diesen Konflikt hineinzuversetzen, dürfte allerdings kaum jemandem gelingen, und vielleicht spielte bei alldem auch die Angst hinein, nach dem Geständnis, mit der Pflege des schwerstkranken Kindes überfordert zu sein, auch die beiden anderen gesunden Kinder zu verlieren. Denn auch die wuchsen naturgemäß nicht gedeihlich auf – was das Amt allerdings nicht weiter störte. So sind sie nun mal, die sozialen Verhältnisse.

Angesichts des Strafrahmen von fünf bis fünfzehn Jahren ist der Antrag der Staatsanwaltschaft jedenfalls nicht nachvollziehbar. Der tragische Fall an sich liegt bereits unter dem Durchschnitt der denkbaren Fälle, und wegen der ersichtlichen Milderungsgründe hätte der Antrag am unteren Strafrahmen liegen müssen – bei einer objektiv agierenden Staatsanwaltschaft jedenfalls, die be- wie entlastende Elemente in gleichem Maße zu berücksichtigen hat.

Die Verteidigung argumentierte so (abgesehen davon, daß sie die Kausalität zwischen Einstellung der Sondenernährung und dem Todeseintritt bezweifelte):

Die stundenlangen Plädoyers, die knallharten Fakten, die Zukunftsaussichten – zitternd verdeckte die angeklagte junge Frau ihr vom Weinen verquollenes Gesicht vor den Blicken der Zuschauer. „Sie hat ihren Sohn geliebt“, daran ließ Verteidiger Lindberg in seinem Abschlusswort nicht den geringsten Zweifel. Die Geschichte von Marcel unterscheide sich grundlegend von den vielen anderen Vernachlässigungsfällen – „hier gab es keine allgemeine Gleichgültigkeit. Ab einem bestimmten Zeitpunkt konnte sie einfach nicht mehr“, erklärte der Jurist. Und er zitiert aus einer E-Mail, die er von der Mutter eines ebenfalls an Adrenoleukodystrophie erkrankten und mittlerweile verstorbenen Jungen, bekommen hat: „Die Angst, das Kind wegzugeben, kann ich verstehen. Als mein Sohn im Heim war, war das Muttersein vorbei. Aber ich musste es tun, ich hatte keine Kraft mehr.“

Niemand könne sich wohl die persönliche Herausforderung in solch einer Situation vorstellen, so der Anwalt, die ständig andauernde körperliche und seelische Belastung und keine Reaktion mehr – „nicht mal mehr ein Lächeln“. Den Vorwurf des Totschlags stellte Lindberg deutlich infrage, bekräftige vielmehr die Mitschuld nicht nur der Behörden, sondern auch die des Hausarztes und der Familienmitglieder. Im Jugendamt seien wohl alle Standards eingehalten worden. „Das mag sein. Aber reicht das aus?“, fragte er. Der Hausarzt habe eine erstaunliche Passivität an den Tag gelegt. Und das soziale Umfeld? „Anscheinend hat sich hier jeder darauf verlassen, dass der jeweils andere etwas unternimmt“, stellte Lindberg fest.

 

http://www.morgenweb.de/mannheim/mannheim-stadt/was-bleibt-ist-eine-lucke-1.566959

Ja nun. Gutmenschengerede. In Mannheim gilt es offensichtlich, den Ruf als Hardliner zu verteidigen. Und die staatlichen Behörden zu entlasten, auf daß die Staatsanwaltschaft die vermutlich mutwillig eingeleiteten Verfahren gegen Jugendamtsmitarbeiter und Mitarbeiter freier Träger einstelle. Da ignoriert man die berechtigten Argumente der Verteidigung. Und macht ein Urteil nach Antrag. Das Biotop gewinnt.

Verhungerter Neunjähriger

Schuldspruch für die Mutter, Freispruch fürs Amt

Von Julia Jüttner, Mannheim

Die Frau stand unter Aufsicht des Jugendamts, war mit der Pflege ihres unheilbar kranken Sohns völlig überfordert und ließ den Jungen verhungern: Das Landgericht Mannheim verurteilte die hemmungslos weinende 30-Jährige nun zu neuneinhalb Jahren Haft – und sprach die Behörde von jeglicher Schuld frei.

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/mannheimer-mutter-liess-sohn-marcel-verhungern-neuneinhalb-jahre-haft-a-832340.html

Das Urteil bürdet der gezeichneten Mutter eine Last auf, die sie nicht allein zu tragen hat. Aber so ist es nun mal bequemer. Die amtliche Ideologie – Kinder gehören zu ihren Müttern – siegt, und wenn die mit falschen überfrachteten Erwartungen bedachte Mutter versagt, wird ein Exempel statuiert.

Julia Jüttner:

Wer hat Schuld an Marcels Tod? Für die Kammer ist es eindeutig Nathalie B., die die alleinige Schuld trägt. Sie sei nicht mehr beim behandelnden Arzt erschienen und habe Kontaktversuche der Frau, die die Sonden lieferte, abgewimmelt. Beiden könne man keinen Vorwurf machen, so Richter Meinerzhagen. Ihre Vermutungen, Nathalie B. habe den Arzt gewechselt oder Marcel sei im Krankenhaus seien nachvollziehbar.

Zudem habe die 30-Jährige die Anstrengungen Dritter – beispielsweise aus dem Familienkreis oder von Seiten der Familienhilfe – abgewimmelt. „Keiner nahm etwas wahr von den tatsächlichen Vorgängen“, resümiert Meinerzhagen am Mittwoch.

Seit Mitte 2009 habe das Jugendamt konkrete Erziehungshilfe für die beiden gesunden Kinder angeboten. Nathalie B. habe bewusst, alle Hilfsangebote ausgeschlagen. Sie habe Marcel partout selbst pflegen, sich aber nicht eingestehen wollen, dass sie überfordert sei. „Sie hat das zwar erkannt, aber nicht wahrhaben wollen“, betont Richter Meinerzhagen.

Doch wie konkret die Hilfe des Jugendamts und der Familienhilfe aussah, erläutert er nicht. Auch nicht, ob es in so einem Fall fahrlässig ist, sich abwimmeln zu lassen. Gehören platte oder gar originelle Ausreden nicht zur täglichen Arbeit von Sozialarbeitern?

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/mannheimer-mutter-liess-sohn-marcel-verhungern-neuneinhalb-jahre-haft-a-832340.html

Dieses Urteil ist ein falsches Signal.

Es reiht sich in die Mannheimer Urteile ein, in denen trotz eines richtigen Schuldspruchs bzw. Freispruchs wie im Fall Kachelmann ein moralisches Unwerturteil gesprochen wird, obwohl deutliche Anhaltspunkte für eine Mitschuld der Behörden (im Fall von Nathalie B.) bzw. für eine Schuld der Anzeigenerstatterin (im Fall Kachelmann) sprechen. Entsprechenden möglichen oder tatsächlich eingeleiteten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wird vom Mannheimer Landgericht unzuständigerweise gleich ein Riegel vorgelegt.

Es ist ungut, wenn Bauchgefühle die Rationalität, die die Jurisprudenz eigentlich auszeichnet, aushebeln. Sie tun es zeitgeistgemäß überwiegend zugunsten weiblicher Straftäter. Aber in diesem Fall, in dem es galt, zugunsten der Frauen ideologisch agierende Behörden aus der Schußlinie zu nehmen, ist die individuelle Frau das Opfer.

Sorry, der Staatsfeminismus verlangt das. Wenn eine Frau es nicht schafft, sich als Opfer patriarchalischer Hegemonie darzustellen, sondern als Täterin in Erscheinung tritt, die allenfalls staatlichen Institutionen eine Mitschuld aufbürden kann – dann hat sie von vorneherein verloren: insbesondere dann, wenn ihr Tun und Lassen dem mythischen Mutterbild widerspricht. Dieser Mythos gilt unbeschadet des Einzelfalls, der ausgegrenzt wird, weiter, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung weiß, daß er irreal ist.

Monatelang habe die heute 30-Jährige ihren sterbenskranken Sohn nicht ernährt und verwahrlosen lassen, hieß es in der Urteilsbegründung. Die Umstände, mit denen die Mutter zu kämpfen hatte, seien zwar «durchaus bitter» gewesen und es sei offensichtlich, dass sie das Geschehen bereue, sagte der Vorsitzende Richter Ulrich Meinerzhagen. Von «überaus großem Gewicht» sei aber, dass es ihr eigenes Kind war, das im allerhöchsten Maße auf ihre Fürsorge angewiesen war.

Wegen seiner schweren Krankheit konnte Marcel sich nicht mehr äußern. Letztlich habe die Mutter daher aus egoistischen Motiven gehandelt, sagte Meinerzhagen. Bereits Anfang Februar hatte sie gestanden, dass sie ihren Sohn absichtlich verhungern ließ. Sie sagte, sie habe dies getan «damit er sich nicht länger quälen muss».

Das Gericht geht aber davon aus, dass letztlich die vielen familiären Probleme sie zu dem fatalen Plan führten. Ihr drohte nicht nur die Zwangsräumung ihrer Wohnung, sondern auch, dass ihr das Jugendamt ihre Kinder entzieht (Az.: 1Ks 200 Js 14922/10).

http://www.rnz.de/AufmacherStart_Metropolregion/00_20120509172200_102029817_Marcel_Prozess_Mutter_muss_neuneinhalb_Jahre_i.php

Über diesen Muttermythos müßte man reden. Es wäre falsch, wenn ein Sündenbock-Urteil wie das in Mannheim die notwendige öffentliche Diskussion über Frauen, die eben nicht qua Geschlecht die besseren Menschen sind, entbehrlich machen würde. Wegsperren ist keine Lösung.

 Update:

Landgericht: Verteidiger Steffen Lindberg geht in Revision  / Ergebnis vom Bundesgerichtshof frühestens im Herbst 2012

Urteil im Fall Marcel „deutlich überhöht“

Von unserem Redaktionsmitglied Angela Boll

[…]

Als Grund für seine Entscheidung nannte er gestern unter anderem eine „falsche Tatsachengrundlage für das Urteil“. Die Kammer habe zu unrecht behauptet, dass die Unterernährung zum Tod des Jungen führte. Tatsächlich hatte das aber die Rechtsmedizinerin festgestellt und es sogar in einer zweiten Befragung wiederholt. „Ich gehe davon aus, dass die Sachverständige nicht die notwendige Sachkunde über Marcels Grunderkrankung hatte“, so der Verteidiger, der im Prozess einen Ablehnungsantrag gegen die Medizinerin gestellt hatte. „Angesichts der Hauptverhandlung und des persönlichen Eindrucks, den man von der Angeklagten gewinnen konnte, ist das Urteil deutlich überhöht“ betonte Lindberg. Klar sei ihm jedoch auch, dass zu Beginn des Prozesses eine zweistellige Strafe im Raum stand. Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Ermittlungsergebnis mehrere Mordmerkmale thematisiert, insbesondere das der Grausamkeit. Immerhin sei man davon im Laufe der Beweisaufnahme abgekommen, zeigte sich Lindberg erleichtert und betonte: „Meine Mandantin will ihre Verantwortung übernehmen, ist sich ihrer Schuld bewusst und weiß, dass sie eine Zeit lang im Gefängnis bleiben muss.“

© Mannheimer Morgen, Freitag, 11.05.2012

http://www.morgenweb.de/mannheim/mannheim-stadt/urteil-im-fall-marcel-deutlich-uberhoht-1.571363

Update (17.12.2012)

Der BGH hat das deutlich überhöhte Urteil des Landgerichts Mannheim aufgehoben:

17.12.2012

Verhungertes Kind

Neuer Prozess gegen Marcels Mutter

Von Julia Jüttner

Nathalie B. war mit der Pflege ihres unheilbar kranken Sohnes überfordert, ließ ihn verhungern und wurde wegen Totschlags zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. Nun die überraschende Wende: Der Bundesgerichtshof hat das Urteil teilweise aufgehoben, der Fall wird neu verhandelt.

Hamburg – Mit dieser Nachricht – kurz vor Weihnachten – hatte Nathalie B. in keiner Weise gerechnet: Der Bundesgerichtshof (BGH) hat das Urteil gegen sie teilweise aufgehoben. Das Landgericht Mannheim hatte die 31-Jährige wegen Totschlags durch Unterlassung und Misshandlung Schutzbefohlener zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt.

[…]

Für die erste Strafkammer des Landgerichts Mannheim ist erwiesen, dass Nathalie B. die Versorgung des Jungen einstellte und ihn schwer vernachlässigte – in vollem Bewusstsein, dass dies zum Tod des Neunjährigen führen würde.

Laut Entscheidung des 1. Strafsenats des BGH ist der sogenannte Strafausspruch jedoch fehlerhaft. Das bedeutet: Über die Höhe der Strafe muss neu verhandelt werden. Der Fall Marcel wird deshalb ein zweites Mal neu aufgerollt und vor einer anderen Kammer des Mannheimer Landgerichts verhandelt.

Neuer Prozess garantiert keine mildere Strafe

Ein „voller Erfolg“ für Pflichtverteidiger Lindberg und seinen Kollegen Nicolas Frühsorger aus München, der sich honorarfrei bei der Revision einklinkte. Ihr Ziel: Eine Verurteilung wegen Totschlags im minder schweren Fall. „Uns ging es nicht darum, die Mutter von ihrer Schuld freizusprechen, sondern um die angemessene Höhe einer Strafe“, konstatiert Frühsorger. Neuneinhalb Jahre seien „total überzogen“.

Ein neues Verfahren bedeutet nicht unbedingt eine mildere Strafe, theoretisch kann Nathalie B. erneut zu neuneinhalb Jahren verurteilt werden.

Den fehlerhaften Strafausspruch macht der BGH in seiner Begründung an einem Beispiel fest: In der Urteilsbegründung lehnte die Kammer eine Strafmilderung ab, weil die Angeklagte ohne jegliche Empathie gehandelt habe – gleichzeitig aber attestierte sie ihr, sie habe das Kind „nach besten Kräften“ und „liebevoll“ gepflegt, auch weil Marcel ihr „Wunschkind“ gewesen sei. Fehlende Empathie auf der einen Seite, überbordende Zuneigung auf der anderen Seite – ein Widerspruch, der nach Ansicht des BGH nicht aufgelöst wird.

Lindberg und Frühsorger blicken nun „voller Erwartung“ auf einen neuen Prozess: Vielleicht könnte in einem zweiten Verfahren noch einmal die umstrittene Rolle des Jugendamts beleuchtet werden. Die Staatsanwaltschaft Mannheim hatte im September die Ermittlungen gegen eine Sozialarbeiterin der Behörde und zwei Mitarbeiter eines freien Trägers eingestellt. Es bestehe kein hinreichender Verdacht, dass sie Fehler bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben gemacht hätten. Nathalie B. habe die Familienhelfer getäuscht und sie unter Vorwänden nicht zu dem unheilbar kranken Neunjährigen gelassen, heißt es in der Begründung.

[…]

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/verhungerter-marcel-mutter-kommt-erneut-vor-gericht-a-873322.html

2.Update (17.12.2012)

Daß mit unserem Rechtssystem etwas nicht stimmt, belegt dieser Fall erneut: hätten sich nicht ein engagierter Pflichtverteidiger und ein weiterer,  hochbegabter Anwalt mit jugendlichem Elan, der pro bono arbeitete, zusammengetan, wäre die Revision mit Sicherheit nicht erfolgreich gewesen.

Angela Boll:

[…]

Für Strafverteidiger Steffen Lindberg, der Marcels Mutter beim Prozess vertrat, sowie für seinen Kollegen Dr. Nicolas Frühsorger aus München, der sich bei der Revision einklinkte, ist die Entscheidung des Bundesgerichtshofs ein „voller Erfolg“. Die beiden Anwälte hatten in wochenlanger Teamarbeit die Revision vorbereitet, eine 200-seitige Begründung vorgelegt und „sehr viel“ Zeit investiert – während Lindberg als Pflichtverteidiger bezahlt wird, verzichtet Frühsorger komplett auf ein Honorar. Von Anfang an sei es nicht darum gegangen, die Frau von ihrer Schuld frei zusprechen, versichert Lindberg gestern: „Aber dieses Urteil war überhöht, eine Korrektur absolut notwendig.“ Von dieser Meinung konnten die Juristen nun auch den Ersten Senat des Bundesgerichtshofs überzeugen. Unter fünf Prozent liegen üblicherweise die Chancen auf eine Wiederaufnahme. „Ich gebe zu, die Überraschung war groß. Wir haben in diesem Fall echt für die Sache gekämpft, auf den Erfolg gehofft, ihn aber nicht unbedingt erwartet“, erklärt Frühsorger.

Den fehlerhaften Schuldausspruch macht der Bundesgerichtshof konkret an einem Beispiel fest: In der Urteilsbegründung habe die Kammer unter Vorsitz von Dr. Ulrich Meinerzhagen eine Strafmilderung abgelehnt, weil die Angeklagte ohne jegliche Empathie vorgegangen sei – gleichzeitig aber attestierte man der Frau, sie habe die ersten eineinhalb Jahre ihr Kind „nach besten Kräften“ und „liebevoll“ gepflegt – ein Widerspruch, so der BGH.

Frühsorger und Lindberg wollen nun in ihrem Engagement „für die Sache“ in keinem Fall nachlassen, erwarten erneut eine umfangreiche Beweisaufnahme. Dann könnte auch noch einmal die Rolle des Jugendamts beleuchtet werden, das die Familie betreute, und eine Mitschuld Dritter wiederholt in Frage gestellt werden. Der Fall Marcel wird vermutlich in wenigen Monaten an der dritten Strafkammer des Landgerichts, unter dem Vorsitz von Richter Rolf Glenz, verhandelt.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 15.12.2012

http://www.morgenweb.de/mannheim/mannheim-stadt/fall-marcel-landet-erneut-am-landgericht-1.840197

http://strafverteidiger-fruehsorger.de/4.html

Und dann hat die Angeklagte auch noch Glück gehabt, was den für sie nunmehr zuständigen Spruchkörper angeht. Denn die 3. Kammer unter dem Vorsitzende Richter am LG, Rolf Glenz, hat ja schon im Fall Harry Wörz gezeigt, daß es beim Landgericht Mannheim hervorragende Richter gibt:

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/freispruch-im-fall-harry-woerz-triumph-des-richters-a-656792.html

Update (18.12.2012):

Ich habe festgestellt, daß der den Strafausspruch aufhebende Beschluß des BGH, 1. Strafsenat, bereits am 20.11.2012 ergangen ist:

BUNDESGERICHTSHOF

BESCHLUSS

1 StR 503/12

vom

20. November 2012

in der Strafsache

gegen

wegen Totschlags u.a. – 2 –

Der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat am 20. November 2012 gemäß § 349 Abs. 2 und 4 StPO beschlossen:

1. Auf die Revision der Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Mannheim vom 9. Mai 2012 im Strafausspruch mit den zugrundeliegenden Feststellungen aufgehoben.

2. Die weitergehende Revision wird verworfen.

3. Im Umfang der Aufhebung wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere als Schwurgericht zuständige Kammer des Landgerichts zurückverwiesen.

Gründe:

Das Landgericht hat die Angeklagte wegen durch Unterlassen begangenen Totschlags in Tateinheit mit Misshandlung von Schutzbefohlenen zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren und sechs Monaten verurteilt. Hiergegen wendet sie sich mit ihrer auf Verfahrensrügen und die Sachrüge gestützten Revision. Das im Übrigen unbegründete Rechtsmittel hat mit der Sachrüge nur im tenorierten Umfang Erfolg (§ 349 Abs. 4 StPO).

[…]

3. Dagegen hat der Strafausspruch keinen Bestand (§ 349 Abs. 4 StPO). Allerdings ist die Strafzumessung grundsätzlich Sache des Tatgerichts. Das Revisionsgericht kann nach ständiger Rechtsprechung nur eingreifen, wenn die Zumessungserwägungen in sich fehlerhaft sind, gegen rechtlich anerkannte Strafzwecke verstoßen wird oder sich die verhängte Strafe von ihrer Bestimmung, gerechter Schuldausgleich zu sein, so weit löst, dass sie nicht mehr innerhalb des dem Tatgericht eingeräumten Spielraums liegt (BGHSt 34, 345, 349; 29, 319, 320).

a) Die Prüfung anhand dieser Maßstäbe ergibt, dass das Landgericht die Voraussetzungen des § 13 Abs. 2 StGB nicht rechtsfehlerfrei verneint hat. Denn es hat zu Lasten der Angeklagten „das Fehlen von jeglicher Empathie mit dem Tatopfer“ gewertet und auch „angesichts dessen … für eine Strafmilde-rung gemäß § 13 Abs. 2 i.V.m. § 49 Abs. 1 StGB keinen Raum“ gesehen (UA S. 140). Dieser vom Landgericht herangezogene Umstand lässt sich jedoch mit den zum Verhältnis zwischen der Angeklagten und ihrem etwa anderthalb Jahre lang „nach besten Kräften und liebevoll“ gepflegten „Wunschkind“ M. getroffenen Feststellungen nicht ohne Weiteres in Einklang bringen. Der insofern bestehende Widerspruch wird in den Urteilsgründen auch nicht aufgelöst.

b) Hierauf beruht der Strafausspruch (§ 337 Abs. 1 StPO). Denn der Senat vermag nicht auszuschließen, dass die Strafe niedriger ausgefallen wäre, wenn das Landgericht die Voraussetzungen des § 13 Abs. 2 StGB bejaht, insbesondere den dann gegebenen vertypten Milderungsgrund bei der vorrangigen Prüfung (vgl. BGH, Beschluss vom 26. Oktober 2011 – 2 StR 218/11, NStZ 2012, 271; Schäfer/Sander/van Gemmeren, Praxis der Strafzumessung, 5. Aufl., Rn. 930) eines minder schweren Falles gemäß § 213 Alt. 2 StGB in die gebotene Gesamtabwägung mit eingestellt hätte. Dies gilt erst recht, weil das Landgericht der Angeklagten nicht nur auch dort, sondern nochmals bei der Festsetzung der konkreten Strafe den „(herausragenden) Mangel an Empathie mit dem geschädigten Kind“ (UA S. 144, 147) angelastet hat. Der Senat weist darauf hin, dass es hiermit umgekehrt als kaum vereinbar erscheint, dass das Landgericht zugunsten der Angeklagten deren „Erfahrung von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit angesichts der Erkrankung des Kindes und seines gesundheitlichen Verfalls“ gewertet hat (UA S. 146).

Nack Wahl Jäger

Sander Radtke

http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&Datum=Aktuell&Sort=3&Seite=1&nr=62575&pos=53&anz=614