Fake News oder wie ich zur Witwe von Hans Wollschläger wurde

Königsberg i.B., Foto: Gabriele Gordon

Vor knapp zwei Jahren habe ich den letzten Artikel auf meinem Blog geschrieben. Er ist aktuell wie eh und je, ja, man muß sagen, daß die deutsche Politik und die deutschen Medien bis zum heutigen Tag nicht das Verhältnis zur Türkei gefunden haben, das notwendig wäre. Warum bleibt eine Verurteilung des völkerrechtswidrigen Einmarschs der Türkei in Syrien aus? Weil die USA ebenso völkerrechtswidrig in Syrien interveniert haben und nun dort Nord-Ost-Syrien besetzen (neben al-Tanf im Süden), wozu Deutschland aufklärerische Tornado-Beihilfe betreibt?

In den knapp 12.000 Kommentaren seit Erscheinen dieses Artikels zu zahlreichen Phänomenen wie der Syrien-Krise, das Trump-Bashing, der Putin-Dämonisierung, der metoo-Bewegung u.a. stand und steht der medienkritische Aspekt im Vordergrund: wer sich allein auf westliche Leitmedien, insbesondere die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender, verläßt, weiß nichts von dem, was wirklich vor sich geht in der Welt. Oder davon, daß es auch legitime andere Möglichkeiten gibt, die Welt anzuschauen. Öffentliche Meinung wird durch eine Vielzahl medialer Methoden hergestellt: thematische Schwerpunktsetzung im Rahmen einer – oft volkserzieherischen – Agenda, unbeirrte Wiederholung bereits widerlegter Behauptungen, Weglassung von Tatsachen, die nicht in die Narration passen, die skandalisierende Personalisierung eigentlich differenzierter politischer oder gesellschaftlicher Prozesse, die Erzeugung eines Spins durch Heranziehung einseitiger Quellen und Experten, die willfährige Nutzung lenkender Leaks aus Verwaltung und Geheimdiensten, selektive Mitteilungen über vorhandene Gegenpositionen, die subtile Vermischung von Kommentar und Nachricht, die Benutzung manipulativer Begriffe – und, wenn alles nicht hilft und die Kritik der Rezipienten nicht verstummen will,  bleiben noch die Mittel der Kommentarlöschung und der Publikumsbeschimpfung.

Interessanter als die Ermittlung abstrakter Kriterien zum Wirken der Presse ist eigentlich nur, wenn man selbst einmal als Betroffene Einblick in die Zusammenhänge und Arbeitsweise der Medien erhält.

Hans Wollschläger in Celle, 22.1.1984, Foto: Franz-Josef Knelangen

Am 28.2.2018 erreichte mich der Anruf einer Bekannten, die mit dem nachfolgenden Vorgang vertraut war: soeben habe der MDR berichtet, daß ich als Hans Wollschlägers Witwe verhindert hätte, daß eine Bearbeitung seiner 1975 erschienenen „Ulysses“-Übersetzung im Suhrkamp-Verlag erscheinen könne.

Google brachte als wahrscheinlichste Quelle dieser Meldung einen Vorabtext der ZEIT, der im „Presseportal“ erschienen war:

DIE ZEIT

Verlagsskandal: Ulysses-Übersetzung darf nicht erscheinen

28.02.2018 – 13:11

DIE ZEIT 10/18 Weiterer Text über ots und http://www.presseportal.de/nr/9377 /

Hamburg (ots) – Zehn Jahre dauerte es, den Roman „Ulysses“ von James Joyce in der legendären Übersetzung von Hans Wollschläger zu überarbeiten – aber nun darf der Suhrkamp Verlag das Buch nicht veröffentlichen. Das berichtet die Wochenzeitung DIE ZEIT. Ein Forscherteam hatte 5000 Änderungen und Korrekturen vorgenommen, doch die Wollschläger-Witwe Gabriele Gordon hat sich entschieden, die Publikation aus Copyright-Gründen zu verbieten. Sie bezeichnet die Arbeit als „rechtswidrige Bearbeitung der Wollschläger-Ulysses-Übersetzung durch Harald Beck“ und beruft sich auf Paragraph 23 des Urheberrechtsgesetzes, demzufolge „Bearbeitungen oder andere Umgestaltungen des Werkes“ nur mit „Einwilligung des Urhebers“ veröffentlicht werden dürfen.

Der Suhrkamp Verlag hatte vergessen, bei den Erben die Rechte für die Überarbeitung einzuholen. Suhrkamp-Chef Jonathan Landgrebe spricht nun von einem „gescheiterten Versuch einer Werkpflege zulasten aller“. Statt der groß aufgelegten Publikation soll nun eine Mini-Edition von 200 nicht frei verkäuflichen Exemplaren für die Wissenschaft erscheinen.

[…]

https://www.presseportal.de/pm/9377/3879205

[Hervorhebungen von mir]

Die gefetteten Behauptungen sind unzutreffend. Und was daran ein „Verlagsskandal“ sein soll, ergibt sich aus dem Text nicht.

Unzählige Male wurde er weiterverbreitet: ich wähle hier zwei Beispiele, denen weitere Fehlerchen hinzugefügt wurden – es muß ja heute alles ganz schnell gehen:

  1. 28. Februar 2018, 19:02 Uhr

Urheberrecht

Keine friedliche Koexistenz

Hannes Wollschlägers Witwe verhindert das Erscheinen einer überarbeiteten Fassung seiner Joyce-„Ulysses“-Übersetzung von 1975.

[…]

http://www.sueddeutsche.de/kultur/urheberrecht-keine-friedliche-koexistenz-1.3887294

[Hervorhebung von mir]

Efeu – Die Kulturrundschau

Szenisch, lakonisch, milieugenau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

01.03.2018.

[…]

Weitere Artikel: Eine noch von Hans Wollschläger selbst initiierte, nach zehn Jahren Arbeit abgeschlossene Überarbeitung seiner „Ulysses“-Übersetzung darf nicht erscheinen, weil Wollenschlägers Witwe Gabriele Gordon, bei der Suhrkamp nach dem Tod Wollschlägers keine Rechte eingeholt hat, sie verbietet, berichtet Susanne Mayer in der Zeit.

https://www.perlentaucher.de/efeu/2018-03-01.html

[Hervorhebungen von mir]

Von Hans Wollschläger „selbst initiiert“? Stimmt ebenfalls nicht. Und steht auch nicht in Susanne Mayers Artikel  in der ZEIT vom 1.3.2018.

Selbst im Interview von Deutschlandfunk Kultur mit dem Suhrkamp-Verlagsleiter Jonathan Landgrebe vom 28.2.2018 heißt es lediglich:

Nach Ansicht von Landgrebe entsprach die Überarbeitung auch dem Willen Wollschlägers. Im Jahr 2007 habe er einer Überarbeitung grundsätzlich zugestimmt. „Es ging darum, den Text Wollschlägers an den aktuellen Forschungsstand anzupassen, an fast 40 Jahre literaturwissenschaftliche und lexikografische Forschung“, sagte Landgrebe. Schon in den 1980er Jahren sei ein veränderter Originaltext veröffentlicht worden. „Man wollte den (deutschen, Anm. d. Red.) Text ein wenig auf diesen Stand bringen.“

http://www.deutschlandfunkkultur.de/neue-ulysses-uebertragung-untersagt-zehn-jahre.1013.de.html?dram:article_id=411922

Aber hier lauert natürlich eine weitere Möglichkeit zum Mißverständnis: hat er zugestimmt, selbst seine eigene Übersetzung zu überarbeiten, oder hat er einer Fremdbearbeitung zugestimmt?

Lobenswerterweise erwähnt Landgrebe den Tod der Witwe Hans Wollschlägers, Monika Wollschläger.

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2018/02/28/kein_neuer_ulysses_uebersetzer_erbin_verweigert_drk_20180228_2309_2558b899.mp3

Aber auf  die Frage, warum er nicht früher mit der Erbin, also mir, in Kontakt getreten sei [bei Minute 1], sagt er:

„seine Witwe sagte grundsätzlich, man solle weiterarbeiten, starb dann aber einige Zeit später auch“

Die subjektive Interpretation der Erklärung Monika Wollschlägers will ich einstweilen durchgehen lassen, nicht aber die der Formulierung „einige Zeit später“.

17.3.2015, Monika Wollschläger in Haßfurt, Foto: Gabriele Gordon

Sie starb, für mich völlig unerwartet, nach einer Herzoperation am 11.5.2015. Vorher hätte er überhaupt nicht mit mir als Inhaberin des Urheberrechts in Kontakt treten können.

Der Falschdarstellungen ist damit kein Ende. Wie konnte es dazu kommen?

Nun bin ich persönlich presseerfahren. 1975, im Alter von 19 Jahren, ereilte mich das Schicksal, als Karl-May-Expertin beim „Großen Preis“ von Wim Thoelke im ZDF – damals gab es nur ARD und ZDF – als dreimalige Gewinnerin und viermalige Teilnehmerin mit Medien umgehen zu müssen. Seither wußte ich, daß es ziemlich gleichgültig ist, was man der schreibenden Zunft so erzählt: deren Selektion bestimmt das Bild. Der Luxus autorisierter Interviews wird nur Wenigen zuteil.

Dieselben Erfahrungen machte ich als Autorin von Kriminalromanen in der Zeit von 1990 bis 2006; erweitert um die Erkenntnis, daß man es mit Reportern zu tun bekommt, die kein einziges Buch der zu interviewenden Autorin gelesen haben, es als Lokalredakteure aber nicht vermeiden können, über deren Lesungen zu berichten.

Hier mein Werkverzeichnis unter meinem Geburts- und Autorennamen Gabriele Wolff:

http://www.gabrielewolff.de/files/Bib.html

In meiner Profession als Oberstaatsanwältin mit der Befugnis zur Presseinformation habe ich meine  Bemühungen darauf gerichtet, die Presse davon abzuhalten, über den Vorwurf eines Sexualdelikts zu berichten. Ein solcher Vorwurf ist existenzvernichtend,  woran die spätere Einstellung eines Verfahrens oder ein Freispruch nur wenig ändern können. Selbstgerechte Medienpranger wie die ZEIT gegen Dieter Wedel waren zu meiner Zeit noch unbekannt – daß ein Medium einen Fall erst auf unerklärte Art und Weise zusammenbastelt und danach bekundet, die Beweise seien erdrückend, war zu meiner Zeit noch nicht absehbar. Darüberhinaus konnte ich auch damals allerdings schon die juristische Ahnungslosigkeit von lokalen Gerichtsreportern bestaunen.

Diese Inkompetenz und der zunehmende online-bedingte Qualitätsverlust der Presse waren mir bewußt. Deshalb hatte ich mich schon im Jahr 2017 dazu entschieden, zu dem Suhrkamp-Vorgang öffentlich keine Stellung zu nehmen. Denn philologische Auseinandersetzungen sollten dort verhandelt werden, wo sie hingehören. Als ich von der ZEIT-Redakteurin Susanne Mayer in der Zeit vom 10.2.2018 bis zum 13.2.2018  wegen des eigentlich schlichten Suhrkamp-Sachverhalts per Mail befragt wurde, war ich also gewarnt.

Meine Antworten kreisten um meine Verweigerung, mit der Presse zu kommunizieren. Immerhin soviel brachte ich zum Ausdruck:

Am 11.2.2018:

Ihr Informant, bei dem es sich mutmaßlich um Herrn Beck handelt, hat Sie jedenfalls schon einmal irreführend unterrichtet: es gab angesichts der juristischen Lage keine Kontroverse, und meine sachlichen Gründe gegen seine Bearbeitung, die ich auf 48 Seiten darlegte, dürften ihm bekannt sein.

Hier muß ich bekennen: tatsächlich war mein Brief an Suhrkamp von August 2017 49 Seiten lang. Und offenbar hat Suhrkamp ihn nicht an die Bearbeiter übermittelt.

Am 12.2.2018:

Ich arbeite vertrauensvoll mit Suhrkamp zusammen, und wir stimmen darin überein, daß die rechtswidrige Bearbeitung der Wollschläger-Ulysses-Übersetzung durch Harald Beck durch die Wissenschaft zu diskutieren ist, die von dieser Bearbeitung im Einvenrnehmen zwischen Suhrkamp und mir Kenntnis erhalten wird.

[Der Tippfehler ist leider „original“]

Am 13.2.2018:

Herr Dr. Landgrebe und ich waren uns lange einig, bevor Ihre „Recherche-Mail“ bei mir eintraf.

Den von Ihnen imaginierten Skandal gibt es nicht. Schlagen Sie ihn sich bitte aus dem Kopf. Für’s Feuilleton ist der Fall nicht geeignet, wie ich schon sagte. Er sollte der Wissenschaft vorbehalten bleiben.

[…]

P.S.

Darf ich erwähnen, daß mich die im Jahr 2015 verstorbene Ehefrau von Hans Wollschläger, der 2007 starb, Monika Wollschläger, per Vermächtnis aus dem Jahr 2009 zur Rechteinhaberin machte? Sie wußte, warum sie es tat.

Hier zitiere ich nur meine Antworten, soweit sie nicht konkret auf Susanne Mayers Anfragen/Antworten Bezug nehmen. Tatsächlich war unser Mail-Wechsel weitaus, nunja, temperamentvoller.

Vermutlich kam meine letzte Info zu spät. Da stand ihr Artikel, offiziell erschienen am 1.3.2018 in der Printausgabe, womöglich schon:

„Ulysses“: Heiliger James!

Zehn Jahre lang wurde die legendäre Wollschläger-Übersetzung des „Ulysses“ von James Joyce überarbeitet. Jetzt darf diese Fassung nicht erscheinen.

Von Susanne Mayer

  1. Februar 2018

Aus der ZEIT Nr. 10/2018

[…]

Und das Team? Arbeitete einfach weiter, ohne den Übersetzer. Der Suhrkamp Verlag? Vergaß bei den Erben von Wollschläger die Rechte für die Überarbeitung einzuholen. Und wie immer in solchen Fällen fahren alle Zeigefinger aus und zeigen jetzt in Richtung böser Witwe, sprich: Erbin der Wollschläger-Rechte, die eine Publikation der überarbeiteten Übersetzung des Jahrhundertwerks verbietet. Heiliger James!

[…]

http://www.zeit.de/2018/10/ulysses-james-joyce-wollschlaeger-uebersetzung/komplettansicht

Vermutlich hat Susanne Mayer in ihren bereits bestehenden Text lediglich die Worte: „sprich Erbin“ eingefügt – was zu der Falschinformation in dem Vorabtext der ZEIT führte.

Daß ich sachliche Gründe hatte, der Bearbeitung von Harald Beck nicht zuzustimmen, wird geflissentlich verschwiegen:

Und jetzt sieht es so aus, als ob eine große Revision der berühmten Hans-Wollschläger-Übersetzung gar nicht erscheinen dürfe. Wegen Copyright. Zehn Jahre Arbeit eines dreiköpfigen Forscherteams wären damit in den Sand gesetzt.

[…]

Beck war Mitarbeiter der Edition von Gabler, der Beck als „international geachteten Philologen“ bezeichnet. Nichts, was die Wollschläger-Erbin wohl beeindruckt. Sie heißt Gabriele Gordon und bezeichnet das Revisionsprojekt als „rechtswidrige Bearbeitung der Wollschläger -Ulysses- Übersetzung durch Harald Beck“.

Auch Gabriele Gordon schreibt übrigens Bücher, Werke mit Titeln wie Kölscher Kaviar oder Rote Grütze, also Krimis. Gordon ist Mitglied der Karl-May-Gesellschaft und Arno-Schmidt-Expertin wie Wollschläger, mit dem sie eng zusammengearbeitet hat. Im Übrigen ist Gabriele Gordon eine Oberstaatsanwältin a. D.

Juristisch also: Volltreffer. Aus und vorbei.

[…]

http://www.zeit.de/2018/10/ulysses-james-joyce-wollschlaeger-uebersetzung/komplettansicht

[Hervorhebungen von mir]

So sieht Journalismus heute aus. Hätte sie nicht formulieren sollen, daß ich Kriminalromane schrieb und nicht schreibe? Und warum referiert sie nur Erstlingswerke aus den 90iger Jahren des letzten Jahrhunderts? Mit der Erwähnung meiner Mitgliedschaft in der Karl May-Gesellschaft  meint sie wohl, mich gegenüber Uninformierten als Pierre Brice-Fan outen zu können; tatsächlich waren der Strafrechtsprofessor Claus Roxin und Hans Wollschläger im Jahr 1969 Mitgründer dieser wissenschaftlichen Gesellschaft, deren Aktivitäten sich gegen die seinerzeitige Bearbeitungspraxis des Karl-May-Verlags richtete -: übrigens ganz im Sinne Arno Schmidts.

Hans Wollschlägers letzte Arbeit, die er Anfang März 2007 noch vollenden konnte, war der editorische Bericht zu Mays Manuskriptfassung von „Ardistan und Dschinnistan“ für den KMV. Mit diesem Spätwerk Mays hat er sich über Jahrzehnte beschäftigt.

http://www.karl-may.de/modules/produkt.php?nummer=B-00651

Niemals habe ich mit Hans Wollschläger „eng zusammengearbeitet“.

Spielt Susanne Mayer eventuell darauf an, daß meine Studie

GABRIELE WOLFF

 

Ermittlungen in Sachen Frau Pollmer

 

Ich habe nicht nur überhaupt, sondern vor allen Dingen auch hier in dieser Studie wahr zu sein …
Karl May: Frau Pollmer, eine psychologische Studie, S. 8901

[…]

http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/seklit/JbKMG/2001/11.htm

in dem von Hans Wollschläger geschäftsführend herausgegebenen Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 2001 erschienen ist?

HANS WOLLSCHLÄGER

 

Das einunddreißigste Jahrbuch

durchbricht ein weiteresmal Tradition und Gewohnheit, und ein weiteresmal mit guten Gründen: es ist diesmal eine Monographie, und dieser Umstand versieht nicht nur ihr Thema, sondern auch dessen Behandlung mit einem besonderen Gewicht. Die inzwischen enorme Sekundärliteratur um Karl May hat im Lauf von Jahrzehnten eine kleine Reihe von Grundlagenschriften hervorgebracht, aus denen sich – im Gedanklichen wie im Faktisch-Materiellen – das übrige Schrifttum gespeist hat und auf die es sich in bleibender Verpflichtung zurückbezieht. Diesen Grundschriften tritt heuer eine weitere an die Seite, und es schien nur angemessen, ihr den besten Publikationsraum zur Verfügung zu stellen, über den die Karl-May-Gesellschaft verfügt.

[…]

http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/seklit/JbKMG/2001/7.htm

Das war natürlich eine große Ehre, aber mit der Entstehung meines Textes hatte Hans Wollschläger nur sehr wenig zu tun.

Zurück zur Vorabmeldung des ZEIT-Artikels:

Ein Forscherteam hatte 5000 Änderungen und Korrekturen vorgenommen,

So könnte man die nachfolgende Passage zusammenfassen, in der es ununterscheidbar mal um die Änderungen der englischen Joyce-Ausgabe durch die Fassung von Hans Walter Gabler geht, dann wiederum um die Änderungen, die das Beck-Forscherteam in der deutschen Übersetzung Hans Wollschlägers vorgenommen hat:

Die Gabler-Edition des Ulysses ist State of the Art. Der Münchner Anglist Hans Walter Gabler hatte alle Manuskriptseiten mit dem handschriftlichen Gewoge, die Blätter mit den Notizen, die endlosen Korrekturfahnen computergestützt verlinkt und dann zu einem idealtypischen Ulysses- Manuskript synthetisiert.

[…]

Was auch für die Gabler-inspirierte Übersetzungsrevision gilt, Gabler spricht von Touch-up: Hätte Wollschläger sie durchgewinkt?

Schwer zu sagen. Das Team hatte sich nach seinem Tod in seine Schuhe gestellt, man hatte es kaum wahrgenommen. Waren sie nicht eh alle Joycianer? Wie sich ihr Werk vergleicht mit dem, was Wollschläger tat – schwer zu sagen, es ist ja nicht öffentlich. Aber das Vorwort von Harald Beck liegt vor. Beck summiert: Tippfehler korrigiert, vergessene Phrasen eingefügt, Lesefehler richtiggestellt. Mal etwa war „great“ zu „grey“ geworden, Fehler des französischen Setzers. Hier sei ein Hamlet-Zitat nicht erkannt, Fehler Wollschlägers. Man habe, so Beck im Gespräch, Wollschlägers „großzügigen Umgang mit Füllwörtern“ zurückgefahren. Die Rede ist von Fehlern, die durch Wollschlägers „mangelnde Berücksichtigung des dokumentarischen Charakters“ des Romans entstanden seien. Eine Gasse erwies sich als zu eng, als dass „turn“ hinsichtlich einer Kutsche mit „wenden“ korrekt übersetzt wäre: „abbiegen“ sei richtig. Hier eine Stelle angeraut, dort den Rhythmus neu getaktet. Touch-up von 5000 Stellen.

http://www.zeit.de/2018/10/ulysses-james-joyce-wollschlaeger-uebersetzung/komplettansicht

Woher hat sie nur die „5000 Stellen“?, habe ich mich gefragt. In der online-Version des Artikels wird zu diesem vergnüglichen Text über die Gabler-Fassung verlinkt, in dem das Treiben von echten „Joycianern“ in all seiner Wucht vor Augen geführt wird:

Der James-Joyce-Krieg

  1. März 1989, 7:00 Uhr Aktualisiert am 21. November 2012, 20:24 Uhr

[…]

http://www.zeit.de/1989/11/der-james-joyce-krieg/komplettansicht

Und da finden sich diese 5.000 Änderungen:

Durch diesen Dschungel haben sich Gabler und seine Mitarbeiter Wolfhard Steppe und Claus Melchior mit Hilfe eines Computerprogramms der Universität Tübingen hindurchgeschlagen. Die Bilanz: an über 5000 Stellen berichtigte ihr Newlysses frühere Ausgaben, siebenmal pro Seite, und die Kollationslisten der dreibändigen Ausgabe verraten auch, wo. Es ist eine stolze Zahl, und trotzdem besagt sie nicht allzuviel: Zum weitaus größten Teil handelt es sich um Änderungen von Interpunktion und Schreibweisen, ohne Rückwirkung auf den Sinn.

Mithin für einen Übersetzer überwiegend belanglos.

Entsprechende Beispielsfälle werden auch in diesem Artikel aufgeführt:

03.02.1992

„Saug ihm das Auge raus“

Mit Boxkampf-Vokabular und Schmähungen wird der Krieg um die 264 485 Wörter des „Ulysses“ ausgetragen: Der amerikanische James-Joyce-Experte John Kidd hat eine von ihm revidierte Fassung des Jahrhundertromans angekündigt – jüngster Versuch, das gerade erloschene Joyce-Copyright wiederaufleben zu lassen.

[…]

Beispiele: Aus einem Bart („beard“), den in der Bodley-Fassung ein Papier umhüllt, wird wieder ein Brot („bread“). Leopold Bloom kommentiert seine Gedanken über die Kraft des Käses mit der Bemerkung „Mity“ (madiger), statt wie vorher mit „Mighty (mächtiger) cheese“. Der Captain, der „mal im Kildare Street Club mit einem einzigen Schlag auf Linksfänger ein Fenster geschafft“ hat, heißt nach der Revision Culler, nicht wie vordem Buller – da allerdings hatte sich Gabler verguckt und, wie er zugibt, „einen richtigen Heuler“ in den Text gesetzt.

[…]

DER SPIEGEL 6/1992

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9273263.html

John Kidds Ausgabe ist übrigens nie erschienen.

Wieviele echte Änderungen das Forscherteam an der deutschen Übersetzung vorgenommen hat, ist auch mir unbekannt; nach meiner Schätzung nach Lektüre der ersten sieben Seiten dürften es aber zwei- bis dreimal so viele Änderungen sein.

Der Artikel von Susanne Mayer hatte ungeahnte Konsequenzen, nämlich weitere Erfindungen der Medien – hier bei der NZZ, die fest und treu auf der Seite der Zürcher Beck-Zuarbeiterinnen ab 2010 stand:

«Ulysses»-Neuedition: «Rechtlich ist die Sache tot»

Was die Betroffenen längst befürchteten, aber verschweigen mussten, ist nun publik: Die revidierte Neuausgabe von Wollschlägers «Ulysses»-Übersetzung darf nicht erscheinen. Auch die Zürcher James-Joyce-Stiftung war an dem Projekt beteiligt.

Angela Schader 2.3.2018, 05:30 Uhr

[…]

Nicht zuletzt waren es wohl gewisse Zurückbindungen dieses Wollschlägerschen Duktus, die das Projekt zu Fall brachten. Gabriele Gordon, die Erbin des Übersetzers, hat laut einem Bericht der «Zeit» gegen die «rechtswidrige Bearbeitung der Wollschläger-Ulysses-Übersetzung durch Harald Beck» Klage erhoben. Über diese Intervention wurden Beck und seine Mitarbeiterinnen Ende Juni 2017 unter dem Siegel der Geheimhaltung informiert; erst dann wurde ihnen auch klar, dass der Suhrkamp-Verlag es versäumt hatte, sich zeitig um die Rechtsfrage zu kümmern – eine Angelegenheit, die bei einem grossen und erfahrenen Haus wie Suhrkamp spätestens 2010 anlässlich der Neuformierung des Editoren-Teams aufs Tapet hätte kommen müssen.

[…]

https://www.nzz.ch/feuilleton/ulysses-neuedition-rechtlich-ist-die-sache-tot-ld.1361961

[Hervorhebung von mir]

Natürlich habe ich keine Klage erhoben. Die juristische Lage war ja klar. Mit welchem Recht eigentlich wird so etwas erfunden? Im ZEIT-Artikel steht davon nichts.

Besonders schrill ist diese Ausdeutung des Vorgangs geraten:

1 March 2018 – Thursday

(Un)revised Ulysses in German | On the Edge review

       (Un)revised Ulysses in German

So, for ten years they’ve been working on a revision of the 1975 German Hans Wollschläger translation of James Joyce’s Ulysses, a team effort led by Harald Beck (who writes about it (in German) here) and, 5000 revisions and corrections later, Suhrkamp was ready to publish this in July — see the book’s publicity page.
As you can see, it is still credited as: „Übersetzung von Hans Wollschläger“. And Beck reports that Wollschläger agreed to the revised translation, back in February 2007 — only to pass away not much later (in May). But they decided to go ahead without him — except somebody (everybody ?) forgot to ask his literary estate for permission. And it seems that his literary executor has put her foot down, and they can’t publish. Rather late in the day, the widow has decided that this interference with Wollschläger’s (original) work is unacceptable

[…]

Of course, this is presumably not so much about textual integrity and fidelity as … well, cold, hard cash. I assume this will be resolved … financially, eventually.
(Posted by: M.A.Orthofer)

http://www.complete-review.com/saloon/archive/201803a.htm#dj3

Nichts könnte von der Wahrheit weiter entfernt sein: der deutschsprachige Markt ist gesättigt, die Verkaufszahlen bewegen sich im ein- bis zweistelligem Bereich, und nur eine neue Ulysses-Ausgabe hätte zu einer, wenn auch nicht überwältigenden, Nachfrage interessierter Kreise führen können.

Und so habe ich mich entschlossen, etwas Licht in die Angelegenheit zu bringen.

Hans Wollschläger in Bargfeld, 2005, Foto: Gabriele Gordon

Am 29.11.2005 schrieb Hans Wollschläger im Zuge der Bemühungen um eine Überarbeitung seiner Ulysses-Übersetzung auf ein entsprechendes Verlagsschreiben vom 9.11.2005, in dem es lediglich im Textanpassungen wegen der neueren englischen Textfassung geht:

Nun sind nach meiner Kenntnis für die Übersetzung relevant nicht allzu viele Druckfehler der alten englischen Ausgaben; ich schätze, es sind kaum mehr als zwei Dutzend Stellen. Trotzdem würde ich gern, vorausgesetzt, Sie planen einen wirklichen Neusatz, bei dieser Gelegenheit auch den Gesamttext einer Durchsicht unterziehen, um winzige, meist das Klanggefälle betreffende Knicke auszubügeln. […] Die Arbeit selbst aber sollte jedenfalls meine Sache sein, wobei ich versprechen kann, jede gut begründete Anregung mit Geduld und nach Kräften zu bedenken.

Damit ist klargestellt, daß die Initiative vom Verlag ausging, Wollschläger selbst das letzte Wort haben und die Gelegenheit nutzen wollte, seine Übersetzung zu verbessern. Erst im Jahr 2007 wurden die Planungen konkreter. Im Vorfeld des Treffens vom 10.3.2007 in Dörflis schrieb er am 26.2.2007 an den zuständigen Verlagslektor:

Die Unterlagen sind eingetroffen; ich werde aber bis dahin kaum Zeit finden, mich richtig einzuarbeiten, da mir lauter Terminsachen auf den Nägeln brennen. Das macht aber wohl nichts; wir wollen ja vor allem das Prinzipielle diskutieren.

Das verlagseitig erstellte Protokoll des Treffens vom 10.3.2007 trägt den Titel: „Protokoll zur geplanten Vorgehensweise“ und enthält überwiegend technische Anmerkungen zur Zusammenarbeit; so sollten Dirk Schultze und Dirk Vanderbeke bis Dezember 2007 die geänderte englische Textversion mit farbig herausgestellten Korrekturen unter Darstellung der alten Textgrundlage produzieren. Harald Beck sollte Übersetzungsvorschläge liefern, die mit Schultze/Vanderbeke besprochen werden sollten, wobei Vanderbeke als „zentraler Ansprechpartner zu den Zwischenstufen“ fungieren sollte. Wer das letzte Wort haben sollte, wird in dem Papier nicht ausgeführt. Wollschlägers Übersetzungsexemplar mit seinen handschriftlichen Korrekturen sollte „am Schluß an alle Beteiligten zur Schlußabstimmung versandt“ werden.

Unter Punkt 6 heißt es:

Mit Herrn Wollschläger ist eine Vereinbarung zu treffen (Arbeitszeitraum Januar bis Dezember 2008);

Das Protokoll wurde Hans Wollschläger am 21.3.2007 übersandt; da er bereits vor seinem 72. Geburtstag, dem 17.3.2007, ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte, hat er von diesem Protokoll – auch während eines kurzfristigen Aufenthalts zuhause in der ersten Aprilhälfte –  keine Kenntnis mehr genommen, und naturgemäß kam es auch nicht mehr zu der avisierten Vereinbarung, da er am 19.5.2007 starb.

Eine Überarbeitung der Übersetzung, die über die veränderte englische Textvorlage hinausgeht, ist dem Plan nicht zu entnehmen.

Am 6.7.2007 trat der Verlagslektor an Monika Wollschläger heran. Dieses Schreiben liegt mir nicht vor, wohl aber ihre Antwort vom 10.7.2007:

ich bin gern damit einverstanden, wie Sie in Ihrem Brief vom 6. Juli schrieben, daß die Herren Beck / Vanderbeke / Schultze die erforderlichen Korrekturen in der Ulysses-Übersetzung mit – wie Sie sagen – großer Zurückhaltung vornehmen. Mein Mann hat ja immer nur von einer Handvoll Korrekturen gesprochen – nur sind diese hier nirgendwo (oder für mich einstweilen noch nicht auffindbar) gespeichert. Ich bin derzeit dabei, das Archiv zu ordnen. Sollte ich die Handvoll finden, erfahren Sie es als erster.

[Hervorhebungen von mir]

Das war die Basis, auf der Vanderbeke/Schultze mit ihrem Zuarbeiter Beck die Übersetzung an die veränderte englische Textbasis der Gabler-Ausgabe anpaßten. Die weitergehenden Ambitionen von Harald Beck führten im Jahr 2010 dazu, daß Vanderbeke und Schultze, die Hans Wollschlägers Übersetzung im Jahr 2004 umfangreich kommentiert hatten und diese bewahren wollten, ausstiegen.

Susanne Mayer hat deren Ausstieg so kommentiert:

Dirk Vanderbeke, Professor in Jena, sagt, schon im ersten Team habe man heftig gestritten, ob man wortinhaltszentriert arbeiten solle oder orientiert an der rhetorischen Form der Übersetzung. Deshalb Trennung. Es übernahmen dann 2010 Ruth Frehner und Ursula Zeller aus der Zürcher Joyce-Stiftung. Sie geben an, ihr Fokus sei gewesen, „den Wollschlägerschen Text näher an das Original heranzuführen“. Im Zweifel, bestätigt auch Beck, habe Beck entschieden.

http://www.zeit.de/2018/10/ulysses-james-joyce-wollschlaeger-uebersetzung/komplettansicht

Die Zürcher Joyce-Stiftung bestätigt  den „Werktreue“-Ansatz von Harald Beck, plötzlich im Jahr 2010 zum Chef aufgestiegen:

Deshalb wurde die Revision 2007 einvernehmlich an die Hand genommen. Nur drei Monate später verstarb Wollschläger; das von Harald Beck geleitete Team setzte seine Arbeit dennoch fort. Aber wie weit sollten die Revisionen gehen? Das war in diesem Fall eine heikle Frage.

Für eine Übertragung des «Ulysses» ist beides vonnöten: der bereits genannte schöpferische Eigensinn, aber auch das beharrliche Ausloten von Details, von sprachlichen, inner- und aussertextlichen Bezügen und Zusammenhängen. Deshalb begleiteten Fritz Senn und der deutsche Anglist Klaus Reichert Wollschlägers Übersetzungsarbeit seinerzeit mit fachkundigem Rat. «Bei den vielen unvermeidlichen Meinungsverschiedenheiten habe ich die Entscheidung natürlich immer Wollschläger überlassen», erinnert sich Fritz Senn, «vor allem auch, was den Ton angeht.» Und hier liegt die Crux der neuen Edition – die Frage, wie viel Autorität dem Original, wie viel der Intention und Leistung des Übersetzers zukommen soll.

https://www.nzz.ch/feuilleton/ulysses-neuedition-rechtlich-ist-die-sache-tot-ld.1361961

[Hervorhebung von mir]

Von alldem, was sich so zutrug, ahnte ich nichts.

Nicht einmal, als ich am 12.11.2016 eine Mail des Suhrkamp-Verlags vom 10.11.2016 erhielt. Sie kam per Post. Adressiert war sie an einen vermeintlichen Rechtsanwalt Monika Wollschlägers, in der Anrede war zusätzlich Monika Wollschläger bedacht. Es wurde die „gute Nachricht“ überbracht, daß die Übersetzungs-Überarbeitung nun abgeschlossen und mit der Herstellung begonnen worden sei. Über die Anpassung an die Gabler-Edition des englischen Text hinaus habe es Korrekturen von „Ungenauigkeiten und Versehen“ gegeben, wobei „Hans Wollschlägers Ton“ erhalten geblieben sei.

Diese Mail trug einen an mich adressierten handschriftlichen Zusatz, ich möge dieses Schreiben zur Kenntnis nehmen, an den Tantiemen Hans Wollschlägers ändere sich nichts.

Zwar etwas irritiert von der Formlosigkeit der Ansprache, tat ich genau das: ich nahm zur Kenntnis und heftete die Mail samt Briefumschlag ab, im Glauben, daß zwischen Monika Wollschläger und dem Verlag ein entsprechender Vertrag abgeschlossen worden war. Welcher Verlag würde ohne hinreichende Rechtsgrundlage mit der Herstellung beginnen?

Zweifel daran kamen mir erst, als am 16.6.2017 folgender Text von Harald Beck erschien:

Harald Beck

Übersetzen ist ein asymptotisches Handwerk

In unregelmäßiger Folge werden an dieser Stelle Berichte aus der Werkstatt der Übersetzungsrevision des Ulysses vorgestellt, die einen Eindruck davon vermitteln sollen, auf welchen Überlegungen die vorgenommenen Änderungen beruhen. – Den Anfang macht Harald Beck, der zehn Jahre lang an der Revision gearbeitet hat.

[…]

Knapp 50 Jahre danach folgte 1975 Hans Wollschlägers gefeierte Neu-Übersetzung, die nun einer schnell wachsenden, weitgehend enthusiastischen deutschen Leserschaft erstmals eine glaubhafte Vorstellung von der sprachlichen Vielfalt und Virtuosität des Originals vermitteln konnte. Sie basierte allerdings noch auf einer unzuverlässigen Textvorlage aus den 60er-Jahren, der Bodley-Head- oder Random-House-Ausgabe, enthielt aber bereits einzelne Textkorrekturen zu fehlerhaften Stellen, die in der Zwischenzeit entdeckt worden waren.

Dreißig Jahre später, im Februar 2007 [März 2007], stimmte Hans Wollschläger bei einem Treffen in seinem Haus in Dörflis zu, mit einem kleinen Team von Beratern seine Übersetzung auf der Grundlage der kritischen Edition des Originals zu überarbeiten und dabei neue Erkenntnisse der lexikologischen Forschung und der beträchtlich angewachsenen Kommentierung des Ulysses zu berücksichtigen. Nach seinem plötzlichen Tod wenige Wochen danach, entschloss sich der Verlag, die geplante Revision trotzdem in die Wege zu leiten. Zehn Jahre später ist sie nun abgeschlossen. Zum Team gehörten von 2007 bis 2009 Harald Beck, Dirk Schulze und Dirk Vanderbeke, von 2009 bis 2017 Harald Beck, Ruth Frehner und Ursula Zeller, Kuratorinnen der Zürcher James Joyce Stiftung. Besonderer Erwähnung bedarf die großzügige Unterstützung der Revisionsarbeit durch Hans Walter Gabler und den Mastermind der englischen Lexikografie, John Simpson, bis 2013 Chief Editor des Oxford English Dictionary. Und wie schon bei Hans Wollschlägers ursprünglicher Übersetzung stand Fritz Senn, Direktor der Zürcher James Joyce Stiftung, auch der revidierten Übersetzung als Berater zur Verfügung, wiewohl er insgeheim überzeugt ist, dass sich Ulysses nicht übersetzen lässt.

http://www.logbuch-suhrkamp.de/harald-beck/uebersetzen-ist-ein-asymptotisches-handwerk/

[Hervorhebungen von mir]

In der – jetzt gelöschten – Verlagsankündigung der „Ulysses-Übersetzung von Hans Wollschläger“, Erscheinungstermin: 23.10.2017, hieß es u.a.:

Vor 95 Jahren erschien Ulysses in Paris, vor 90 Jahren Georg Goyerts erste, vor 42 Jahren Hans Wollschlägers hoch gelobte und viel geliebte zweite Übersetzung ins Deutsche. Aber erst 1984, neun Jahre danach, legte ein Team um den Anglisten Hans Walter Gabler den Originaltext  zum ersten Mal  verlässlich ediert, in der von James Joyce intendierten Gestalt vor.

Harald Beck und die Kuratorinnen der Zürcher James Joyce Stiftung haben auf dieser Grundlage die Übersetzung Hans Wollschlägers in mehrjähriger Arbeit revidiert – und damit dem Original unerhört nahegebracht. Der deutsche ist dem englischen Text auf den Leib gerückt und hat – an Frische, Direktheit und Joyce-Ton – gewonnen.

»Joyce redivivus!« Allen, Alt- wie Jung- und Neulesenden, verspricht der neue Ulysses ein aufregendes Leseabenteuer und -vergnügen.

[Hervorhebungen von mir]

Hans Wollschläger hätte einer derartigen Bearbeitung seiner Nachdichtung niemals zugestimmt, und daß seine Witwe einem Beraterstab von „Joycianern“ freie Hand gegeben haben sollte, konnte ich mir nicht vorstellen.

Am 18.6.2017 schrieb ich daher folgenden Brief:

Am Bloomsday wurde ich auf den Text von Harald Beck: Übersetzen ist ein asymptotisches Handwerk auf einem Suhrkamp-Blog aufmerksam gemacht.

http://www.logbuch-suhrkamp.de/harald-beck/uebersetzen-ist-ein-asymptotisches-handwerk/

Da mir hierzu schriftliche Unterlagen fehlen und Monika Wollschläger mit mir über diese Bearbeitung nicht gesprochen hat, bitte ich um Übersendung der vertraglichen Vereinbarung über das Bearbeitungsrecht an der Wollschläger-Übersetzung.

Ich bedanke mich bereits jetzt.

 

Es stellte sich schnell heraus, daß eine solche Vereinbarung nicht vorhanden war, woraufhin ich am 30.6.2017 schon aus grundsätzlichen Erwägungen eine jetzt mit mir zu treffende Vereinbarung ablehnte (wobei mich die Mitteilung einer Bekannten, die einen Blick auf die Korrekturfahnen der bearbeiteten Fassung werfen konnte und sich negativ geäußert hatte, bestärkte).

Das war also die von mir angeblich erhobene Klage.

In der Folge kam es zu einem sehr freundlichen Briefwechsel mit Jonathan Landgrebe, der mich davon überzeugen wollte, daß es sich um eine vorsichtig überarbeitete Fassung der Wollschläger-Übersetzung handele, was sich aus einem Vergleich der ersten sieben Seiten des Wollschläger- mit dem Beck-Ulysses sowie aus dem Vorwort von Harald Beck ergebe.

Letzteres ist mittlerweile veröffentlicht worden:

 

http://www.logbuch-suhrkamp.de/wp-content/uploads/2018/03/harald_beck-ulysses_revision-vorwort-copyright-suhrkamp_verlag.pdf

In meiner Würdigung dieser Unterlagen kam ich zu dem gegenteiligen Ergebnis.

Aber zuvor ist die Grundfrage zu stellen: wie überträgt man ein so vertracktes Kunstwerk wie den „Ulysses“ in eine andere Sprache? Und was intendierte Hans Wollschläger?

Dörflis, Oktober 2006, Foto: Gabriele Gordon

Kurt Tucholsky schrieb über die Goyert-Übersetzung:

[…]

Mögen Anglisten entscheiden, wie der Übersetzer Georg Goyert seine Riesenaufgabe bewältigt hat, bei der ihn übrigens der deutsch verstehende Verfasser unterstützte. Es handelt sich hier auch gewiß nicht darum, dem Übersetzer, der jahrelang gearbeitet haben mag, Fehlerchen anzukreiden. Das kann ich nicht.

Wohl aber kann ich nach Hunderten von Stichproben bei der ersten Lektüre eines sagen:

In welchem Stil dieses Buch abgefaßt ist, steht dahin. Dichterisches Deutsch ist es bestimmt nicht.

[…]

Ich nehme eine Stelle des glatt laufenden Textes.

»Als er an Blooms zahnärztlichen Fenstern vorbeischritt, bürstete sein wehender Staubmantel einen dünnen, tastenden Stock aus seiner Richtung, fegte weiter und traf dann einen schwachen Körper. Der blinde Jüngling wandte sein krankes Gesicht hinter der davonschreitenden Gestalt her.«

Das ist nichts. Das ist tot. Das hat keine Musik, tönt nicht, die Worte sind, wie Jacobsen das einmal ausgedrückt hat, »aus dem Wörterbuch« genommen; sie sind richtig, ja ja – aber es schwingt nichts unterhalb der Prosa, die Sprachmelodie fehlt. So geht das durch das ganze Buch. Seine Sprache ist stumpf.

[…]

Schlußurteil über die Übersetzung:

Hier ist entweder ein Mord geschehen oder eine Leiche fotografiert.

[…]

Doch stellen diese Visionen im ›Ulysses‹ vielleicht Anforderungen an den Übersetzer, denen grade noch der allergrößte Sprachkünstler gewachsen wäre. Und der übersetzt nicht, sondern schreibts selber.

[…]

Peter Panter

Die Weltbühne, 22.11.1927, Nr. 47, S. 788.

 

http://www.textlog.de/tucholsky-ulysses-joyce.html

Susanne Mayer zitiert in ihrem Artikel Walter Benjamin:

Man wagt kaum zu fragen, was wohl Walter Benjamin zu alldem sagen würde, der in seinem berühmten Text Die Aufgabe des Übersetzers die Suche nach Fehlern in Übersetzungen, das Verlangen nach großer Werktreue als Missverständnis bezeichnet hat. Nur in der Nachdichtung, so Benjamin, erreiche das Original „seine stets erneute späteste und umfassendste Entfaltung“.

http://www.zeit.de/2018/10/ulysses-james-joyce-wollschlaeger-uebersetzung/komplettansicht

Hans Wollschläger teilte diese Auffassung:

Ein Stück von ihm: daß der Ulysses dies zu werden nicht etwa nur erlaubte, sondern zur unbedingten Aufgabe machte, rechnet der Übersetzer zu den größten der Schwierigkeiten, vor die er gestellt war. Denn die Sprache dieses Weltalltags der Epoche, wie Hermann Broch das Buch genannt hat, ist gerade, wo sie im Kanon ihrer mannigfaltigen Formen objektiviert erscheint, Widerbild der höchsten Subjektivität und Erfahrung eines Gehörs – und in einem Gehör auch hatte sich die Verwandlung ins Deutsche zu vollziehen, nicht nur der bloßen Worte, sondern der schillernden, dauernd wechselnden Stilresonanzen, die quer durch alle Schichten der Menschensprache reichen, von den höchsten Erinnerungsfeldern der Literatur bis hinunter in die Trümmergründe des Jargons. Damit aber ist keine Freiheit umschrieben, sondern gerade ihr Gegenteil: die extreme Einschränkung aller Erlaubnisse, die dem Übersetzer sonst gegeben sind, und zugleich die Aufhebung aller Sicherheit, die das präzise Verdolmetschen bloßer Worte gewährt. Was hier aufgegeben war, könnte man am besten wohl als  »Identifizierung auf Zeit« bezeichnen: die Pflicht, die psychische Struktur des Autors so weit ins eigene Ich hereinzuholen, daß es möglich wurde, auch irrationale Bewegungsmechanismen des Werks zu erspüren und zu übertragen. Denn durchaus zahllose, subtil verschlüsselte Wort-, Klang- und Sinnfiguren sind nur so zu erspüren und zu übertragen; dem bloß musternden Vokabelprüfer bleiben sie dunkel, hier bei uns wie in England und Irland, immergrüne Zankäpfel der Sekundärliteraten.

[Hans Wollschläger: Am Ende eines »Welt-Alltags«; in: Internationales Jahrbuch für Literatur. ensemble 7. München: dtv 1976, S. 156–168, (S. 161); diese Stelle zitiert nach einer Vortragsfassung vom 26.2.1976; Hervorhebungen von mir]

Oder:

Es soll hier keine Theorie des Übersetzens vorgetragen werden (die zuletzt auch nur eine Konfrontation der lange schon bestehenden und sich bekriegenden Theorien sein könnte); auch bekennt der Übersetzer seine Unlust, dem häufig erhobenen Einwand seiner Kritiker, man merke seinen Übertragungen den fremdsprachlichen Ursprung nicht mehr an, viel mehr entgegenzusetzen als die Feststellung, daß ihm damit das Gelingen seiner vielleicht wichtigsten Absicht bescheinigt sei. Ein deutsches Buch – ein Kunst-Werk der deutschen Sprache: das sollte auch der übertragene ULYSSES werden –, aber er mußte es unter Verzicht auf alle Freiheiten werden, die sich der Übersetzer im „Normalfall“, das zu erreichen, herausnimmt.

[wie vor, S. 159 f.]

Dieter E. Zimmer hat bereits 1976 auf das nicht spannungsfreie Verhältnis zwischen Übersetzer und Redaktion, Fritz Senn und Klaus Reichert (in deren Tradition Harald Beck zu wirken scheint), hingewiesen:

Zum Schreien schwierig

Wie die Neuübersetzung von Joyces Kolossalroman entstand

  1. Januar 1976, 7:00 Uhr Aktualisiert am 21. November 2012, 14:58 Uhr

Von Dieter E. Zimmer

[…]

Diese Zusammenarbeit verlief nicht ohne Spannungen. Zwei völlig legitime, aber weit auseinanderliegende Übersetzungskonzeptionen stießen hier aufeinander. Wollschläger wollte „keine Wortübersetzung an der Grammatik entlang“, sondern einen eigenständigen deutschen Text, „ein Kunst-Werk der deutschen Sprache“. Senn und Reichert wollten lieber Strukturen übersetzt sehen, Entsprechungen, Zusammenhänge, auch wenn die Stimmigkeit und Gefälligkeit der einzelnen deutschen Stelle darunter litte.

Dazu kam, daß Wollschläger ein Mann mit einem ungeheuren, aber auch ungemein logischen Sprachgefühl ist.

[…]

Für Senn und Reichert, Pedanten auf andere Art, war dagegen äußerste Texttreue oberstes Gebot – eingeschlossen die Treue zu den Joyceschen Stilbrüchen.

Übersetzer und Redakteure trafen sich jedoch wieder in der Überzeugung, daß es eine restlose Übersetzung nicht gibt, schon gar nicht bei einem Buch wie diesem, daß die Übersetzung nur eine Annäherung sein kann und niemals wirklich abschließbar.

[…]

http://www.zeit.de/1976/06/zum-schreien-schwierig/komplettansicht

So wurde die Wollschläger-Übersetzung auch aufgenommen:

Eine neue, spontane und gelöste Sprache und parodistische Variationen aller möglichen Stile machen den „Ulysses“ zu dem, was er vor allem ist: ein Roman, betont Übersetzer Wollschläger unermüdlich, „dessen Held die Sprache ist, dessen Stoff die Sprache ist und in dessen Handlung das Eigenleben der Sprache selbst beschrieben wird“.

Die Wortmusik und Sprachmelodie des „Ulysses“ ins Deutsche „rüberzubringen“, was der ersten Übersetzung im Jahr 1927 nicht gelungen war, hat Wollschläger besonders interessiert, er ist dafür auch besonders präpariert.

DER SPIEGEL 13/1976

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41331062.html

 

22.03.1976

Mit Kling Klang und TatüTata

Ein halbes Jahrhundert lang waren deutsche Joyce-Leser auf Georg Goyerts stiltrockene, fehlerhafte und sinnverdunkelnde „Ulysses“-Übersetzung angewiesen. Was ihnen bisher an Joyceschem Witz, an versteckten Zitaten und Anspielungen, an Sprachstruktur, Rhythmus und Melos vorenthalten wurde, Hans Wollschlägers Neuübertragung macht es deutlich — etwa in der Beschreibung des gemessenen Schritts, mit dem der Annoncen-Akquisiteur Leopold Bloom morgens durch Dublin wandert (zum Vergleich: Goyerts Text links, Wollschlägers Version rechts):

 

[Goyert]

Bloom ging ernst vorbei an den Lastwagen auf dem Sir John Rogerson’s Quai, vorbei an der Windmill Lane, an Leask’s Ölmühle und dem Telegraphenamt.

 

[Wollschläger]

An Ladekränen entlang dem Sir John Rogerson’s Quay schritt Mr. Bloom gesetzt dahin, vorbei an der Windmill Lane, an Leask’s Leinsamenmühle, am Telegraphenamt.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41331064.html

Ginge es nach Harald Beck, müßten wir jetzt einen Schritt zurück in Richtung Goyert gehen:

Die 5. Episode, deren gelegentliches Abdriften in träumerische Lethargie sich aus der homerischen Vorlage ableitet, beginnt mit dem Satz: „By lorries along sir John Rogerson’s quay Mr Bloom walked soberly …“ Der Kontrast dieses initialen „soberly“ (nüchtern) und der folgenden Tagträumereien wird durch Wollschlägers „… entlang dem Sir John Rogerson’s Quay schritt Mr. Bloom gesetzt dahin“ nicht spürbar. Die Revision lautet deshalb: „… entlang Sir John Rogerson’s Quay schritt Mr. Bloom nüchternen Muts dahin.“

[S. 13 des Vorworts]

http://www.logbuch-suhrkamp.de/wp-content/uploads/2018/03/harald_beck-ulysses_revision-vorwort-copyright-suhrkamp_verlag.pdf

Man erkennt, was „Werktreue“ für das „Forscherteam“ bedeutet.

Im Ernst: wer, außer Harald Beck, hat jemals etwas von nüchternem Mut/nüchternen Muts gehört? Entsprechende Google-Ergebnisse liegen im einstelligen Bereich. Und wieso fehlt der Artikel dem – als ob der Quay Sir John Rogerson gehöre?

Arbeitszimmer Hans Wollschläger in Dörflis, Oktober 2005, Foto: Gabriele Gordon

Die Vokabelprüfer-Eigenschaft Becks belegte auch der Übersetzungsvergleich.

In den ersten sieben Wollschläger-Seiten – sie gehören nicht zu den schwierigen Teilen des Ulysses – brachte das Team 116 Änderungen an. Auf die neue englische Textvorlage lassen sich 17 Änderungen in der Interpunktion zurückführen, zwei auf Wortaustauschungen: einmal von „grey“ zu „great“, einmal von „great“ zu „grey“.

Ansonsten herrschen Willkür und Beeinträchtigung des Kunstwerk-Charakters.

Die fängt schon im zweiten Satz an:

Ein gelber Schlafrock mit offenem Gürtel bauschte sich leicht hinter ihm in der milden Morgenluft. (Wollschläger)

Ein gelber Schlafrock, ungegürtet, bauschte sich leicht hinter ihm in der milden Morgenluft. (Beck)

Da haben wir die durch Kommata eingerahmte Apposition mit dem häßlich knallenden viersilbigen Wort „ungegürtet“, die den Fluß jäh unterbricht. Warum? Weil bei Joyce die Vokabel ungirdled steht. Die im englischen Kontext aber viel sanfter klingt und sich dem Sprachfluß nicht entgegenstellt:

A yellow dressinggown, ungirdled, was sustained gently behind him on the mild morning air.

Beck mit seinem Programm einer „Präzision“ der Übersetzung zerstört die Feinheiten einer kongenialen kreativen Übertragung. Zusätzlich wird der Assoziationsraum verschüttet, den die Formulierung mit offenem Gürtel eröffnet hat: in der kommentierten Wollschläger-Ausgabe von 2004 heißt es hierzu auf S. 7:

Der Gürtel, den der Priester während der Messe trägt, symbolisiert Keuschheit; ein offener Gürtel deutet daher auf Unkeuschheit hin.

Der gesamte Einstieg ist eine Travestie der katholischen Messe: der bibelfeste Pfarrersohn Wollschläger hatte ein besonderes Gespür für derlei Anspielungen. Gespannt war ich auf diese Neu-Übersetzung:

Buck Mulligan peeped an instant under the mirror and then covered the bowl smartly.

-Back to barracks, he said sternly.

He added in a preacher’s tone:

-For this, O dearly beloved, is the genuine christine: body and soul and blood and ouns. Slow music, please. Shut your eyes, gents. One moment. A little trouble about those white corpuscles. Silence, all.

Für den Leser des englischen Textes ist die Kleinschreibung ein Signal, daß das Wort mit Mehrfachbedeutungen aufgeladen ist: von Eucharistie über christlich bis hin zu einem Namen. Für manch einen mag sogar noch pristine anklingen, makellos, jungfräulich.

Ich habe mir sagen lassen, daß Georg Goyert seinerzeit christine  mit „Eucharistilin“ übersetzte. Ein netter Versuch. Aber immerhin ein Versuch!

Bei Hans Wollschläger klingt die Passage so:

Buck Mulligan lugte kurz unter den Spiegel und deckte dann mit pfiffiger Miene das Becken zu.

-Huschhusch ins Körbchen, sagte er streng.

Und im Ton eines Predigers fügte er hinzu:

-Denn dies, o geliebte Gemeinde, ist der wahre eucharistische Jakob: Leib und Seele, potz Blut und Wunden. Getragene Musik, wenn ich bitten darf. Die Augen zu, Herrschaften. Einen Moment. Kleine Panne mit den weißen Korpuskeln. Silentium, alle!

 

Genial gelöst. Man hat den „wahren Jakob“ als stehenden Begriff, den Namen eines Heiligen und den Hinweis auf die Eucharistie, die hier parodiert wird. Seifenschaumflocken sollen zu Hostien werden.

Nun kommt Harald Beck (die sonstigen Abweichungen von Hans Wollschlägers Übersetzung  sind unterstrichen):

Buck Mulligan lugte kurz unter den Spiegel und deckte dann flink das Becken zu.

-Zurück ins Quartier! sagte er streng.

[Und] Im Ton eines Predigers fügte er hinzu:

-Denn dies, o geliebte Gemeinde, ist die wahre Christine: Leib und Seele, potz Blut und Wunden. Getragne Musik, bitte. Die Augen zu, Herrschaften. Einen Moment. Kleine Panne mit den weißen Korpuskeln da. Alle mal Ruhe.

Die wahre Christine ist sozusagen eine Kapitulation, eine Übersetzungsverweigerung angesichts der von Joyce eindeutig intendierten Mehrfachbedeutung.

Was Harald Beck angerichtet hat, hat der Doyen der Joyce-Forschung, Fritz Senn, laut ZEIT trefflich kommentiert:

Fritz Senn, Leiter der Zürcher Joyce-Stiftung, der mit Wollschläger die erste Edition verantwortet hatte, sagt, eine so umfangreiche Revision sei natürlich nie geplant gewesen. Zu unterscheiden sei immer zwischen möglichen, notwendigen und überflüssigen Änderungen. Weil eine Änderung ja oft andere auslöse. Der gefürchtete Lawineneffekt.

http://www.zeit.de/2018/10/ulysses-james-joyce-wollschlaeger-uebersetzung/komplettansicht

Es würde den Raum sprengen, meine komplette Kritik der Beckschen Veränderungen, wie ich sie Suhrkamp gegenüber geäußert habe, hier zu veröffentlichen. Sie sind schlicht unvereinbar mit der Wollschläger-Übersetzung, und sein Vorwort-Ausblick darauf, was alles an Wollschlägers „explikativen“ Übersetzungen gestrichen wurde, oder wie der Molly-Monolog „aufgeraut“ wurde, der laut Joyce ja nicht verstanden werden soll, macht einem angst und bange.

Von Ruth Frehner, die sich auf der Suhrkamp-Seite nach Bekanntwerden der Nicht-Veröffentlichung am 28.2.2018 zu ausgewählten Änderungen äußerte:

Ruth Frehner

In den Köpfen von Mr und Mrs Bloom

[…]

Noch bevor ich auch nur einen Satz des Ulysses gelesen hatte, blieb einer in meinem Gedächtnis hängen, und zwar aus der deutschen Übersetzung von Hans Wollschläger:
»Und er ging hinaus und weinte Buttermilch.«
Das war 1976, als in einer Schweizer Radiosendung Wollschlägers neue deutsche Übersetzung diskutiert wurde, der mit diesem fast schon dadaistisch anmutenden Satz Buck Mulligans »And going forth he met Butterly« übersetzt hatte. Natürlich wusste ich damals noch nicht, was es mit diesem Satz alles auf sich hat – es ist sehr viel –, aber eines wurde mir klar: Literarisches Übersetzen war neben vielem anderen auch ein Handwerk, wo Kreativität gefragt ist, und offensichtlich brachte Hans Wollschläger diese in nicht unerheblichem Masse ein.

[…]

http://www.logbuch-suhrkamp.de/ruth-frehner/in-den-koepfen-von-mr-und-mrs-bloom/

hätte ich natürlich brennend gern erfahren, ob wenigstens diese Stelle erhalten blieb. Das verrät sie in ihrem Rechtfertigungstext  leider nicht.

Hans Wollschläger:

Und wenn er, gleich darauf, beim Hinausgehen sagt:“ And going forth he met Butterly“, so  „traf er Bütterlich“ bei Goyert; aber das „he met Butterly“ ist eine Verballhornung des „he wept bitterly“ aus der Geschichte der Verleugnung Petri, der hinausging und bitterlich weinte, und so muß es deutsch ähnlich heißen: „Und er ging hinaus und weinte Buttermilch. “

[wie vor, S.165]

Zuletzt sei auf folgenden Gegensatz zwischen Harald Beck und Hans Wollschläger hingewiesen:  In seinem Vorwort merkt er an:

Wie sich mangelnde Berücksichtigung des dokumentarischen Charakters des Texte hinsichtlich seines Personals niederschlagen kann, lässt sich am folgenden Beispiel aufzeigen: In der 8. Episode improvisiert Bloom einen scherzhaften kulinarischen Wortwechsel: “May I tempt you to a little more filleted lemon sole, Miss Dubedat. Yes, do bedad. And she did bedad.”

Obwohl Bloom in seinem inneren Monolog fortfährt: “A miss Dubedat lived in Killiney“ und damit den realen Lebenshintergrund betont, ändert Wollschläger Miss Dubedat zu „Miss Dusedat“ für sein nachfolgendes Wortspiel, „Ach ja, dun Se dat“. So kommt dem Roman eine Nebenfigur mit Bezug zur realen Dubliner Lebenswelt Blooms abhanden. Mit dem Wortspiel „do bedad“ verweist Joyce explizit auf den Bühnennamen der „irischen Nachtigall“: Miss du Bédat (1860-1932). Die Revision gibt der Realie den Vorrang vor dem glatteren Wortspiel: „… Miss Dubedat? Ach ja, dun Se dat. Und dann tat se dat bei Gott.“

[S. 9]

Seinem eigenen Blog kann man demgegenüber entnehmen, daß der Bühnenname der Sängerin Martha Jane Du Bédat in ihren Anfangsjahren zwar „Miss Du Bédat“ lautete, also ohne Nennung des späteren Bühnen-Vornamens Marie – aber nicht Miss du Bédat, wie Beck ihn schreibt. Man erfährt auch, daß sie nicht in Killiney lebte, von Joyce mithin nicht gemeint war. Den Namen von zwei Frauen wiederum, Rosa Elizabeth und Mary Rosa Du Bédat, die 1904 tatsächlich in Killiney lebten, dürfte Joyce dem Adressbuch entnommen haben. Und es stellt sich heraus, daß Joyce es sogar gewagt hat, eine Gwendolen Dubedat schlicht zu erfinden. Noch schwerer wiegt die Einschätzung von Fritz Senn, daß es auf eine reale Person dieses Namens weniger ankomme als auf die Möglichkeit, mit diesem Namen Wortspiele zu betreiben:

http://www.jjon.org/jioyce-s-people/dubedat

Mit den von Joyce mit größter Präzision wiedergegebenen Schauplätze[n] des Ulysses ist es allerdings so dolle auch wieder nicht: Auf S. 13 der Wollschläger-Übersetzung finden wir folgende topographische Angabe:

Sie blieben stehen und blickten zur stumpfen Kuppe des Bray Head hinüber, der auf dem Wasser lag wie die Schnauze eines schlafenden Wals.

Im Kommentar dazu wird  auf S. 13 angemerkt:

27-28] Bray Head: Ca. 240 m hohe Landzunge, die sich etwa 12 km südlich vom Turm in Sandycove steil aus dem Wasser erhebt; vom Turm aus eigentlich nicht zu sehen.

Harald Beck besteht allerdings  auf der Unfehlbarkeit seines Idols:

Auch unsichere Kenntnis der von Joyce mit größter Präzision wiedergegebenen Schauplätze des Ulysses kann Übersetzungspannen verursachen. So lässt die Übersetzung von 1975 die Kutschen des Leichenzuges für Paddy Dignam in der schmalen Vorstadtstraße wenden statt abbiegen, was nicht nur nahezu unmöglich gewesen wäre, sondern zudem einen drastischen Bruch von Würde und Etikette im Ritual eines Trauerzuges bedeutet hätte. Es ist die topographische Realität, die hier das Wort „turn“ definiert: die Wagen biegen von der Newbridge avenue links in die Tritonville road ab.

[S. 10]

http://www.logbuch-suhrkamp.de/wp-content/uploads/2018/03/harald_beck-ulysses_revision-vorwort-copyright-suhrkamp_verlag.pdf

O.K, nun also „abbiegen“ statt „wenden“. Und?

Vor allen Dingen: was rechtfertigt die unmittelbar anschließende ad hominem-Bemerkung?

Es ist verwunderlich, dass Hans Wollschläger trotz seiner großen Bewunderung für Arno Schmidt, dessen Werk bekanntermaßen penibelst realitätsverankert ist, Angebote, sich mit den realen Schauplätzen des Ulysses vertraut zu machen, ausschlug.

 

Verwunderlich ist mir eher die Annahme, daß die Bewunderung für einen Schriftsteller  zwangsläufig in den Wunsch münden soll, ihm nachzueifern. Und hätte Harald Beck sich mit Hans Wollschlägers Wesen & Werk befaßt, dann wüßte er die Antwort:

Ich habe das Buch, als Beginn meiner Arbeit, zwei Jahre lang nur gelesen, parallel zum biographischen Material, das Joyce selbst und die Forschung bereitgestellt haben, und habe da erst – nach vielen Jahren der bloßen Kenntnis – begonnen, seine Stilbeschaffenheit wirklich zu verstehen, den proteischen Charakter seines Sprachleibs und dessen vegetativen Steuerungsstrom, kurz: die   N o t w e n d i g k e i t   seines So-Seins – als Resultanten der Verschränkung von Schöpfertum und frühem Schicksal. Ich würde die Materialien zu diesem Schicksal jetzt gern vor Ihnen ausbreiten – aber meine Zeit ist längst überschritten, und wir können auch sie nur noch mit einem kurzen Blick streifen. Ich müßte Ihnen die Mutter vorführen, die im Buch und Leben »geisterhafte« Erscheinung (wie Gorman, der von Joyce verbal-inspirierte, sie zeichnet) – sie die sich (ebenfalls Gorman) »willig ihren zwei großen Herren fügte, John Stanislaus (dem Vater) und der Heiligen Römischen Kirche« und diese Willigkeit im Sohn hinterließ, in Wesen und Sprache, nicht löschbar lebenslang. Und wir müßten zusammen dann das Eingangskapitel analysieren, das scheinbar so einfache, die >Telemachie<, die zugleich   d a s   Mutter-Kapitel par excellence ist – und Quelle eines Unterstroms, der durch das ganze Buch geht und erst im Schlußkapitel ausmündet: wir würden dann sehen, aus welchem Turm der Held Stephen da hinaustritt, welche Stimmen es sind, die da auf ihn eindringen (und wir brauchten, um Buck Mulligan zu identifizieren, das Modell Gogarty dann nicht einmal mehr zu erwähnen), – und sichtbar werden würde Ihnen auch, warum mir zur Wiedergabe dieser Stimmen der Einblick in das Familien-Ambiente von Martello Terrace in Bray (der frühesten erinnerten Kindheitsstätte) viel wichtiger war als die Besichtigung des Martello-Tower selbst, deren Unterlassung so mancher Journalist gar nicht begreifen konnte …

Hans Wollschläger: Joyce pro toto oder Tiefenmuster der Sprache. Einige Überlegungen zur Kreativität der Künstler. in: Der Rabe Nr. 2. Zürich: Haffmans 1983, S.174–194 (S.192f.)

Ach ja: Beck schreibt:

Wo Wollschläger in der ersten Episode des Romans noch »a grey sweet mother« in seiner Vorlage fand, steht nun »a great sweet mother«, und erst in dieser Form ist Buck Mulligans Anspielung auf »Algy«, den Dichter Algernon Swinburne und sein Gedicht »The Triumph of Time«, stimmig: »Isn’t the sea what Algy calls it: a great sweet mother?«

[Vorwort, S. 4]

Und machte bei dieser Gelegenheit aus der “grauen lieben Mutter” gleich eine „große süße Mutter“.

Jetzt versteht man die Verlagsankündigung vielleicht besser.

Der deutsche ist dem englischen Text auf den Leib gerückt und hat – an Frische, Direktheit und Joyce-Ton – gewonnen.

Oder doch nicht?

Diese Frage sollte die zuständige Wissenschaft beantworten.

138 Gedanken zu „Fake News oder wie ich zur Witwe von Hans Wollschläger wurde

  1. @ Angelika Roll:

    https://gabrielewolff.wordpress.com/2018/03/17/fake-news-oder-wie-ich-zur-witwe-von-hans-wollschlaeger-wurde/comment-page-3/#comment-72830

    Schön, daß der off-Guardian die vom Gericht verwendeten Angaben der Experten von Porton Down aufgegriffen hat.

    In den USA hat es Ron Paul gemacht:

    Dort werden die Ausführungen des Gerichts mit den Aussagen von May kontrastiert.

    In den MSM darf sich hingegen diese Dame erklären, die eine Version erfindet, die bislang noch niemand gebracht hat:

    Ein weiterer Fehler in ihrem Artikel:

    First Russia unleashed a nerve agent. Now it’s unleashing its lie machine.
    By Anne Applebaum Columnist March 23 at 7:55 PM
    […]
    They also sent samples of the Skripals’ blood to a neutral international institution, the Organization for the Prohibition of Chemical Weapons, for testing to confirm their conclusions.
    […]

    https://www.washingtonpost.com/opinions/first-russia-unleashed-a-nerve-agent-now-its-unleashing-its-lie-machine/2018/03/23/5eb85628-2ed4-11e8-8ad6-fbc50284fce8_story.html

    Die OPCW wäre nicht unabhängig, würde sie sich auf Proben stützen, die eine Partei gezogen hat; sie nimmt die Proben natürlich selbst, um die Beweiskette zu wahren.

    Ansonsten gibt es auch Skepsis hinsichtlich der Art und Weise, wie diese Ermittlungen geführt werden: einerseits wird Angst und Schrecken verbreitet, so daß die Geschäfte in Salisbury schon Umsatzeinbrüche verzeichnen, andererseits ausgesprochen merkwürdig ermittelt:

    Salisbury, Skripal, And Novichok – A Local’s View

    by Tyler Durden
    Fri, 03/23/2018 – 02:00
    Authored by Lesley Docksey via TruePublica,

    […]
    But the real question, says the lady in the shop, is ‘What about Skripal’s car?’ a red BMW series 3. Why was it taking so long for the police to find it? Surely they would look in the Sainsbury’s car park first? They cordoned off the car park, but not until 8 days after the poisoning. Later they came back and cordoned off the ticket machine.
    It is known Skripal’s car entered the car park at about 1:40 pm on March 4th. When was it taken to the Ashley Wood Recovery Garage, and by whom? And indeed, why, unless to get it out of the way?

    Why did ‘incident response units’ examine a red BMW at the Garage on Thursday March 8th, remove an Ashley Wood recovery van from Winterslow village on Monday 12th,

    http://www.salisburyjournal.co.uk/news/16081210.Military_remove_van_from_Winterslow/

    return to the Garage on Tuesday 13th, remove another recovery van from a Dorset town on Thursday March 14th

    https://www.gillingham-news.co.uk/news/army-called-gillingham-remove-recovery-truck-linked-salisbury-nerve-agent-attack/

    and only then on Friday, 12 whole days after the incident, it is officially identified as Skripal’s car, and the Journal reports that it is being removed from Ashley Wood Recovery Garage, with the national media limping in a day later.

    http://www.salisburyjournal.co.uk/news/16092793.Military_remove_Sergei_Skripal_s_car/

    12 days. If this nerve agent is so very dangerous why is there so little to show for so much activity, and so many delays in dealing with it?
    […]

    https://www.zerohedge.com/news/2018-03-22/salisbury-skripal-and-novichok-locals-view

    Das verstehe ich auch nicht, zumal zwischenzeitlich mal die These aufgestellt wurde, das wohl pulverförmige Nervengift sei über den Autogriff oder die Lüftungsschlitze verabreicht worden. Aber auch insoweit geht es ja wild durcheinander: im Koffer aus Moskau war auch eine Option. Merkwürdigerweise greift Applebaum das nicht auf… 😉

    • Wer die Wahl hat, hat die Qual. 😉
      Die hinterlistige Formulierung „.. to confirm their conclusions“ hat Applebaum aber vom britischen Statement übernommen, vermutlich bewusst.
      Darüber hatten wir (? jedenfalls ich mich) uns doch bereits gewundert, was das sollte. Ich müsste den entsprechenden Artikel erneut heraussuchen.

      Diese Geschichte da bei Zerohedge hatte auch ich gerade unmittelbar zuvor gelesen, ohne den Tweet gesehen zu haben. Da reihen sich in der Tat die völlig unverständlichen Merkwürdigkeiten aneinander; miserabel orchestrierte Aufführung !

      • Wir hatten uns über Mays Formulierung „to verify“ gewundert – „to confirm“ ist noch eindeutiger… 😉

        An der Russiagate-Front war auch was los.

        Nun werden die beiden neuen Anwälte doch nicht antreten:

        In another blow to Trump’s efforts to combat Russia probe, diGenova will no longer join legal team
        By Josh Dawsey and Carol D. Leonnig March 25 at 11:31 AM
        […]
        But in a statement on Sunday, a spokesman for Trump’s legal team said both diGenova and his wife, Victoria Toensing, who is also a lawyer, would not be working on the Russia probe.
        “The President is disappointed that conflicts prevent Joe diGenova and Victoria Toensing from joining his Special Counsel legal team,” said Jay Sekulow, counsel to Trump. “However, those conflicts do not prevent them from assisting the President in other legal matters. The President looks forward to working with them.”
        […]
        Among the concerns about diGenova’s representation is that Toensing has represented others involved in the Russia probe, including Mark Corallo, a former Trump spokesman. Corallo has talked to Mueller’s team about how Trump and his aides responded to revelations about a June 2016 Trump Tower meeting between Donald Trump Jr. and other campaign officials and a group of Russians.

        https://www.washingtonpost.com/politics/in-another-blow-to-trumps-efforts-to-combat-russia-probe-digenova-will-no-longer-join-legal-team/2018/03/25/8ac8c8d2-3038-11e8-94fa-32d48460b955_story.html

        Wegen der Formulierung einer Presseerklärung über ein vollkommen irrelevantes Ereignis also.

        Die WaPo entwickelt sich immer mehr zum Sprachrohr: hier darf McCabe den Unschuldsengel spielen und im predigerhaften Comey-Sound das FBI als Hort der Diversity und Wahrheitspflege anpreisen.

        Andrew McCabe: Not in my worst nightmares did I dream my FBI career would end this way
        By Andrew McCabe March 23

        Andrew McCabe served in the FBI from 1996 until March 16 [18]. He was the bureau’s deputy director from 2016 to January, including time as acting director from May to August 2017.

        On March 16, I spent the day with my family waiting to hear whether I would be fired, after 21 years in the FBI and one day before I qualified for my long-planned, earned retirement.
        […]
        I have been accused of “lack of candor.” That is not true. I did not knowingly mislead or lie to investigators. When asked about contacts with a reporter that were fully within my power to authorize as deputy director, and amid the chaos that surrounded me, I answered questions as completely and accurately as I could. And when I realized that some of my answers were not fully accurate or may have been misunderstood, I took the initiative to correct them.
        […]
        Each year, more than 2,000 men and women of all races, colors and creeds are drawn to the FBI by the same professional and personal desire to do good. It is the DNA that we all share.
        […]

        https://www.washingtonpost.com/opinions/andrew-mccabe-not-in-my-worst-nightmares-did-i-dream-my-fbi-career-would-end-this-way/2018/03/23/5ff8fd8c-2eb9-11e8-8688-e053ba58f1e4_story.html

        Ich lese gerade im FBI-Buch von Tim Weiner: dazu passen solche Sprüche überhaupt nicht.

        Der Geheimdienstausschuß des Abgeordnetenhauses hat eine Kurzfassung seiner Findungen herausgegeben:

        Zu letzerem gibt es auch einen Artikel von York:

        Logo, Räsonnieren über Putins Absichten kann nur Kaffeesatz sein: aber das FBI ist später auf die CIA-Linie umgeschwenkt, die noch nicht einmal die NSA teilte.

    • Naja, nicht ganz. Applebaum hat einfach ‚verify‘ mit ‚confirm‘ ersetzt, schließlich ja auch eine sehr gebräuchliche Bedeutung.
      Diesen Satz hatte ich gemeint, über den wir gestolpert waren:
      „Last Wednesday, the Prime Minister wrote to the OPCW to formally invite them to verify the government’s analysis of the nerve agent used in the Salisbury attack.“

      aus der Regierungs-Presseerklärung
      https://www.gov.uk/government/news/investigators-from-chemical-weapons-watchdog-to-arrive-in-uk

      Wobei selbst das mich nicht einmal mehr schockieren würde, womit dann jenes Gerücht bestätigt würde, wonach bereits ‚in China die diplomatischen Verhandlungen liefen‘, den für den Fall vorgesehenen chinesischen Teamleiter der OPCW zu konsultieren. Diese Spekulation war doch auch irgendwo zu lesen.

      • Ich bezog mich auf das Update, welches Craig Murray seinem Artikel vom 16.3. anhängte
        https://www.craigmurray.org.uk/archives/2018/03/of-a-type-developed-by-liars/
        „UPDATE

        This post prompted another old colleague to get in touch. On the bright side, the FCO have persuaded Boris he has to let the OPCW investigate a sample. But not just yet. The expectation is the inquiry committee will be chaired by a Chinese delegate. The Boris plan is to get the OPCW also to sign up to the “as developed by Russia” formula, and diplomacy to this end is being undertaken in Beijing right now.“ [-]

        Sie hatten da seinerzeit so kommentiert:
        https://gabrielewolff.wordpress.com/2018/03/17/fake-news-oder-wie-ich-zur-witwe-von-hans-wollschlaeger-wurde/comment-page-1/#comment-72680

        „Warum die Vetomacht China das tun sollte, weiß ich allerdings nicht. Und ob GB jetzt tatsächlich die Spielregeln einhalten will, obwohl doch das Ergebnis verheerend sein wird? Ich bin mir nicht sicher…“

        😉 Wohl nur nach entsprechender ‚Sicherstellung‘ des gewünschten Ergebnisses..

        Zwei Tage später, am 18. 3. folgte dann die Press release von Johnson, nachdem aber schon seit dem 8.3. und erneut spätestens am 14.3. die OPCW und das ‚technical seretariat‘ kontaktiert worden waren.

        https://www.gov.uk/government/news/investigators-from-chemical-weapons-watchdog-to-arrive-in-uk
        Published 18 March 2018
        From: Foreign & Commonwealth Office and The Rt Hon Boris Johnson MP

        Wie der bewusste britische Vertreter, Peter Wilson seine Rede vor der ja seit dem 13. 3. tagenden Executive Council der OPCW am 14.3. vortrug, ist hier nachzulesen:
        https://www.gov.uk/government/speeches/organisation-for-the-prohibition-of-chemical-weapons-87th-executive-council-session-14-march-update-on-the-use-of-nerve-agent-in-salisbury-uk

        • Danke für die Updates!

          Das ist doch interessant, daß die Pressemitteilung vom 18.3.2018 folgende Autoren hat:

          Press release
          Independent technical experts from chemical weapons watchdog to arrive in UK
          Independent technical experts from chemical weapons watchdog (OPCW) to arrive in UK following the incident in Salisbury,
          Published 18 March 2018
          From:
          Foreign & Commonwealth Office and The Rt Hon Boris Johnson MP
          […]

          https://www.gov.uk/government/news/investigators-from-chemical-weapons-watchdog-to-arrive-in-uk

          Da distanziert sich das Außenministerium von Äußerungen des bloßen Angeordneten Johnson, der laut Pressemitteiling ja Folgendes gesagt hat:

          The Foreign Secretary revealed this morning that we have information indicating that within the last decade, Russia has investigated ways of delivering nerve agents likely for assassination. And part of this programme has involved producing and stockpiling quantities of Novichok. This is a violation of the Chemical Weapons Convention.

          Was ja offensichtlich eine Lüge ist, weil die OPCW über diese „Erkenntnisse“ nie informiert worden ist.
          Und vielleicht klärt mich jemand auf:

          More than 20 countries across 6 continents have expressed their solidarity with us and we will continue to work with our European partners and allies around the world to tackle the threat posed by Russia to our collective security.

          Ich habe in der Schule noch gelernt, daß es 5 Kontinente gibt: Amerika, Europa, Afrika, Asien und Australien. War das falsch?

          Die Hoffnung, daß die EU nun den bedingungslosen Schulterschluß exekutieren würde, war allerdings vergebens. Sooo blöd sind Politiker nun auch nicht. Die politisierte und winkeladvokatenmäßge Pressemitteilung:

          On 12 March the Foreign Secretary summoned the Russian Ambassador and sought an explanation from the Russian government, as Article 9 of the convention is clear we have the right to do. We received no meaningful response.

          https://www.opcw.org/chemical-weapons-convention/articles/article-ix-consultations-cooperation-and-fact-finding/

          läßt jedem Juristen die Haare zu Berge stehen…

          Nicht besser die Rede des britischen OPCW-Vertreters vom 14.3.2018 bei dieser Organisation, die doch als sachorientiert eingeschätzt wird – was sie schon längst nicht mehr leistet. Der britische Vertreter Wilson sondert dort ebenfalls nur Politik und juristische Rabulistik ab:

          Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons 87th Executive Council session: 14 March update on the use of nerve agent in Salisbury, UK

          Update by Permanent Representative of the UK Peter Wilson to the Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons, on the use of a nerve agent in the UK.
          Published 14 March 2018
          From:
          Foreign & Commonwealth Office and Peter Wilson CMG
          Delivered on:
          14 March 2018 (Transcript of the speech, exactly as it was delivered)
          […]

          https://www.gov.uk/government/speeches/organisation-for-the-prohibition-of-chemical-weapons-87th-executive-council-session-14-march-update-on-the-use-of-nerve-agent-in-salisbury-uk

          Da liest man dann:

          Russia will complain that we have not shared any samples. There are no provisions in the Convention that require the UK to share its samples collected as part of a criminal investigation with Russia in this type of scenario.

          Aber Artikel 9 geht von gegenseitigem Informationsaustausch aus.

          Das in Artikel 9 nicht vorgesehene 24-Stunden-Ultimatum für Gegenerklärungen zu unbewiesenen Behauptungen von GB wird so dargestellt:

          On 12 March my Foreign Secretary summoned the Russian Ambassador to London and sought explanations from his government within 24 hours. As my Prime Minister has said, we offered the Russian government the opportunity to provide an explanation. We explained to Russia that if it had somehow lost control of its stock, it needed to immediately provide full disclosure of the programme, and account for this loss. But their response has demonstrated complete disdain for the gravity of these events.

          Russia has provided no explanation; and no meaningful response.

          No explanation as to how this agent came to be used in the United Kingdom; no explanation as to why Russia has an undeclared chemical weapons programme contravening its obligations under the chemical weapons convention.

          Man hätte es nicht für möglich gehalten, daß vor einem solchen Forum derartige Vorwürfe erhoben werden könnten. Jedenfalls geht aus dieser Polemik klar hervor, daß die OPCW als Kontroll-Organ jedenfalls nicht vor diesem Datum angerufen worden ist.

  2. @ Dipfele:

    Ein Super-Artikel!

    Die Super-Blamage für unsere Realitätsverweigerer aus ARD und ZDF…

    Ein kleines Update:

    Auch die ukrainische Nationalistin und Ex-Soldatin Nadja Savchenko, die zwei Jahre in einem russischen Gefängnis saß, steht nicht im Verdacht, Moskau zuzuarbeiten. In einem Interview mit der taz bezeichnete sie Putin gerade erst als Feind des ukrainischen Volkes und forderte harte Ultimaten gegen Moskau.

    Doch selbst diese Putin-Feindin und Maidananhängerin hatte kürzlich ausgesagt, dass es mit Sergej Pashinsky ein Maidan-Mann war, der die Schützen ins Hotel Ukraina führte. Golineh Atai ficht das nicht an. Der freie Journalist und Buchautor Paul Schreyer („Wir sind die Guten“) hatte sie bei Twitter gefragt, wann die ARD denn endlich über die Aussage der Ex-Soldatin Nadja Savchenko berichten wolle.

    Doch Atai ist genauso wenig bereit, diesen wie all die anderen Hinweise anzuerkennen, geschweige denn dazu selbst zu recherchieren. Savchenko sei „notorisch unzuverlässig“, schrieb die Reporterin bei Twitter. Damit war sie fertig. Einen Bericht wird es also nicht geben. Als Savchenko aus dem russischen Gefängnis zurückkehrte, hörte sich Atais Beurteilung auch noch etwas anders an: Statt als Soldatin oder Nationalistin bezeichnete sie Savchenko damals unkritisch als „Heldin und Widerstandskämpferin für viele Ukrainer“.

    https://www.rubikon.news/artikel/propaganda-statt-journalismus

    Da gibt es Neuigkeiten:

    Wegen angeblicher Umsturzpläne
    Ukrainische Ex-Soldatin Sawtschenko muss in Untersuchungshaft
    Nadija Sawtschenko war Kampfpilotin und ukrainische Abgeordnete. Weil sie angeblich den Mord an Präsident Poroschenko plante, kommt sie nun in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft fordert lebenslänglich.
    Freitag, 23.03.2018 23:47 Uhr

    Gegen die ukrainische Abgeordnete Nadija Sawtschenko sind wegen angeblicher Umsturzpläne zwei Monate Untersuchungshaft verhängt worden. „Bis zum Treffen in Freiheit!“, verabschiedete sich die Ex-Soldatin örtlichen Medien zufolge von Unterstützern im Gerichtssaal in Kiew. Das Gericht schloss eine Freilassung auf Kaution aus. Die Verteidigung kann Rechtsmittel einlegen.

    Der 36-Jährigen wird unter anderem vorgeworfen, mit anderen Militärs die Ermordung von Präsident Petro Poroschenko geplant zu haben. Das Parlament hatte ihr am Vortag mit großer Mehrheit die Immunität entzogen und die Erlaubnis für die Festnahme und einen anschließenden Arrest erteilt.
    Die Staatsanwaltschaft droht ihr mit lebenslänglicher Haft. Sawtschenko kündigte an, in Hungerstreik zu treten. Bei vorherigen Inhaftierungen hatte sie diese Drohung bereits mehrfach umgesetzt.
    […]

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/kiew-ukrainische-ex-soldatin-sawtschenko-muss-in-untersuchungshaft-a-1199712.html

    Und wer an fundierter Kritik an journalistischem Versagen Interesse hat, sollte sich dieses umfassende Interview mit Patrick Cockburn anhören:

    Es lohnt sich.

    • > Ein super Artikel
      … und die Reaktion darauf erst:

      • Ja, der Klassiker: wer sich im Mainstream bewegt, fühlt sich stark, braucht keine Argumente und beschimpft den Kritiker; und da der Mainstream der Journalisten sich im Mainstream der Politik bewegt, agiert er auch noch auf der Seite der Macht. Was wiederum zum Gefühl der eigene Stärke beiträgt. Nur die Realität, die spielt nicht mit, und das Publikum auch nicht mehr.

        7% Umsatzverlust beim SPIEGEL im letzten Quartal, und Brinkbäumer wackelt. Die im heutigen SPIEGEL abgedruckten Leserbriefe zum Skripal-Propaganda-Stück der letzten Ausgabe sprechen Bände. Insbesondere, weil der SPIEGEL sie abgedruckt hat. 😉

        Also zu Skripal!

        Michel German hat Mercouris‘ Folge-Artikel gepostet:

        Skripal case: EU Council ditches Theresa May’s ultimatum to Russia

        EU Council statement retreats from “culpable” to “highly likely”, and refers to “ongoing investigation” of Skripal case
        by Alexander Mercouris March 23, 2018, 18:53
        […]

        http://theduran.com/skripal-case-eu-council-ditches-theresa-may-ultimatum-russia/

        Ich war ja skeptisch, weil der Europäische Rat, also die Regierungschefs, die maue Solidaritätserklärung gegenüber GB vom 22.3.2018 im Vergleich zu der der Außenminister vom 19.3.2018 jedenfalls in einem Punkt verschärft hatte:

        https://gabrielewolff.wordpress.com/2018/03/17/fake-news-oder-wie-ich-zur-witwe-von-hans-wollschlaeger-wurde/comment-page-3/#comment-72811

        Aber ich muß zugeben, daß Mercouris mich überzeugt hat. Die Verschärfung ist eine diplomatische Kompromißformel, die nicht überdecken kann, daß es sich hier um folgenloses Blabla im Zuge der allgegenwärtigen Rußland-Dämonisierung zugunsten der Rüstungsindustrie und der NATO handelt.

        @ Angelika Roll:

        https://gabrielewolff.wordpress.com/2018/03/17/fake-news-oder-wie-ich-zur-witwe-von-hans-wollschlaeger-wurde/comment-page-3/#comment-72817

        Super, daß Craig Murray am Ball bleibt und Boris Johnson der Lüge überführt:

        https://www.craigmurray.org.uk/archives/2018/03/boris-johnson-a-categorical-liar/

        Ich will es noch mal hervorheben:
        Das sagt Johnson gegenüber der Deutschen Welle:

        DW: You argue that the source of this nerve agent, Novichok, is Russia. How did you manage to find it out so quickly? Does Britain possess samples of it?

        Boris Johnson: Let me be clear with you … When I look at the evidence, I mean the people from Porton Down, the laboratory …

        DW: So they have the samples …

        Boris Johnson: They do. And they were absolutely categorical and I asked the guy myself, I said, „Are you sure?“ And he said there’s no doubt.

        http://www.dw.com/en/boris-johnson-russias-position-in-skripal-case-is-increasingly-bizarre/a-43043873

        Damit behauptet er, daß die Porton Down-Chemiker des Chemiewaffen-Labors über Proben aus dem sowjetisch-russischen Entwicklungsprogramm verfügen, das durch den Überläufer Mirzayanov den Namen „Novichok“ erhielt, während dieser Name seinerzeit nicht existierte.

        Das Betreuungsgericht in GB dagegen, das nun die Einwilligung der einwilligungsunfähigen Opfer Skripal zur Blutentnahme durch die OPCW ersetzte, faßte den Ermittlungsstand so zusammen:

        The Evidence

        16. The evidence in support of the application is contained within the applications themselves (in particular the Forms COP 3) and the witness statements.

        17. I consider the following to be the relevant parts of the evidence. I shall identify the witnesses only by their role and shall summarise the essential elements of their
        evidence.

        i) CC: Porton Down Chemical and Biological Analyst

        Blood samples from Sergei Skripal and Yulia Skripal were analysed and the findings indicated exposure to a nerve agent or related compound. The samples
        tested positive for the presence of a Novichok class nerve agent OR CLOSELY RELATED AGENT.

        Klicke, um auf sshd-v-skripal-and-another-20180322.pdf zuzugreifen

        The emphasis is mine. This sworn Court evidence direct from Porton Down is utterly incompatible with what Boris Johnson has been saying.

        https://www.craigmurray.org.uk/archives/2018/03/boris-johnson-a-categorical-liar/

        Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen. Es war ja schon auffällig, daß Porton Down bereits am 12.3.2018 zu dieser vagen Evaluierung kam, während die OPCW sich für ihre Blutproben-Untersuchung 3 Wochen vorbehielt…

        Ich stimme jedenfalls Mercouris zu: angesichts der politischen Eingriffe kann von London keine objektive Untersuchung mehr erwartet werden.

        Mercouris zitiert u.a. diesen Artikel:

        European commissioner slams possible new anti-Russian sanctions
        March 23, 8:43 UTC+3

        A European commissioner comments on possible new sanctions against Russia
        MOSCOW, March 23. /TASS/. The European Union’s possible move to introduce new sanctions against Russia would be inappropriate, European Commissioner for Budget and Human Resources Gunther Oettinger said in an interview published by Augsburger Allgemeine newspaper on Friday.

        „The sanctions were introduced over Crimea’s accession [to Russia] and the Ukrainian conflict. I believe the introduction of further measures will be inappropriate,“ the European commissioner said. „At the moment, I also consider that lifting [the sanctions] step by step as proposed by former German Foreign Minister Sigmar Gabriel would be wrong,“ he said.

        Speaking on whether sanctions should be introduced against former German Chancellor Gerhard Schroder, who assumed a high position in Russian oil giant Rosneft, Oettinger said: „The EU was guided by the right motives when excluding part of the energy sector from the sanctions list. Gas and oil are essential for both sides, this is a vulnerable product.“ „I believe it is important and I want to warn against targeting this sector by economic sanctions,“ he stressed.

        On March 19, Ukrainian Foreign Minister Pavel Klimkin called on the EU to slap sanctions on the former German Chancellor over his support of projects involving Russia.

        http://tass.com/world/995713

        Würg. Die Ukraine mal wieder…

        Aktuell spricht Bolton natürlich nicht über seine Planungen, falls er die hat. Aber hier sieht man doch, wo er Trump entgegenkommt:

        • Na das hat doch wieder Klasse, die feine russische Art eben.
          Auch Bolton wand sich da elegant und angemessen aus der Frage raus. 😉

          Ich hatte mich mal interessehalber bei der baltischen Presse umgesehen, von wo ja auch Töne bekannt wurden, daß man über Maßnahmen gegen Russland nachdenke,- wen wundert’s schon.

          https://news.err.ee/691581/ratas-estonia-considering-expelling-russian-diplomats
          [-]
          „Russia’s attack against the U.K. in Salisbury is an attack against all of us,“ National Defence Committee of the Riigikogu member Margus Tsahkna told BNS. „This is the message we must relay to the British Secretary of Defence visiting his troops in Estonia on Sunday. The least we can do is support our ally unconditionally and expel Russian intelligence diplomats from Estonia.“

          Im nächsten Absatz heißen sie dann, immer dicht der May’schen Formel folgend („undeclared intelligence officers“ )
          „There is nothing to be discussed at length here by the Estonian government — a clear decision must be made that, similarly to the British, we are likewise expelling Russian * intelligence workers working under diplomatic cover,“ * said the Estonian MP.

          Und Litauen natürlich auch
          „According to Tsahkna, Lithuanian President Dalia Grybauskaitė on Thursday said that Lithuania is deliberating expelling Russian diplomats from the country just as the U.K. is doing.“

        • Craig Murrays Enthüllung über den tatsächlichen Porton Down Befund wurde auch vom OffGuardian aufgegriffen, der weiter analysiert
          https://off-guardian.org/2018/03/23/closely-related-agent-claim-closely-examined/
          [-]
          „If the words “closely related agent” refer merely to the presence of an organophosphate nerve agent in the Skripals’ bodies this is distortion of a truly criminal nature.
          [-]
          It shows the UK government is currently guilty of lying to Parliament, to the British people, and to the world.

          And that isn’t even taking into consideration the statement of Stephen Davies, the Salisbury Hospital consultant who claimed in a letter to the Times that “no patients have experienced symptoms of nerve agent poisoning in Salisbury.” If those words are literally true and not a result of careless writing, the lie is astronomically greater than anyone is yet suggesting.“

          Bis in eine Makedonische online Plattform schaffte es die Meldung
          http://macedoniaonline.eu/content/view/33084/53/

          Ich wäre nicht überrascht, wenn sich schließlich doch der erste Verdacht auf Fentanyl bestätigte, was wir aber wohl nie offiziell erfahren würden.

  3. Langsam wird das Problem „Türkei in Syrien“ erkannt.

    Aber mit Appellen ist es nicht getan. Die syrischen Kurden hoffen jetzt auf Bolton:

    Tatsächlich blickt Bolton in Syrien durch und äußert sich kritisch zur Türkei:

    Welche Post-anti-IS-Strategie er allerdings empfehlen würde, sagt er zwar nicht, beklagt aber, daß Europa nichts tue, um Erdogan wieder in die NATO zu holen.
    Die USA scheinen es auf eine Konfrontation ankommen zu lassen:

    Ein Blick nach Ost-Ghouta:

    Natürlich! Das sind nicht die Bilder, die man sehen will. Die Russen sind ja die Schurken im Stück.

    • Ergänzend zu Ehsanis Tweet auch dieser, auf den er ich bezieht

      Aus Boltons Worten klingt ja fast sowas wie regime change in Ankara durch.., hmm.. dann mal viel Glück mit der Überzeugungsarbeit bei Merkel!

      Und die gestrige Meldung von Leit Fadel, wonach die Ost Ghouta Kämpfer nicht nach Idlib, sondern Afrin gebracht werden sollen, war wohl eine Ente, da sie keiner wiederholt

      Falls Magnier seine getweetete Kenntnis aus akustischer Übermittlung hatte, wird er sich schlicht verhört haben bei ‚Arbeen'(=Irbin) und das, so konfus wie er war, als Afrin tippte.

  4. Die „Legion des Barmherzigen“ scheint sich ihres Beinamens bewusst geworden zu sein – oder aber die, welche noch vor 2 Wochen den Endkampf ankündigten, sind derweil zu Märtyrern geworden oder haben ein Umdenken erfahren:

    Eine Handvoll tausend also sind es, die hier „zur Umsiedlung gezwungen werden“. Oder die, will man ehrlicher sein, ihr Geschäftsmodell des bewaffneten Widerstands anderswo weiterführen müssen.
    Duma mit inbegriffen schätze ich mal, dass maximal 150.000 Menschen das Regiment der „Moderaten“ haben ertragen müssen in Ost-Ruta. Wird es eine Revision der „400.000“ geben, wenn der Abzug der „Moderaten“ über die Bühne gebracht wurde? Wir kennen leider die Antwort…

    Die logische nächste Marschrichtung hat Herr Magnier hier vorgestellt: ISIL im Yarmuk-Bezirk, südlich des Stadtzentrums von Damaskus:

    Hat er nicht unrecht: Welche Sendeanstalt drehte schon auf Ost-Halab und Ost-Ruta vergleichbare Art und Weise die Hyperbeln auf, als ISIL in Musul zerschlagen und in Raqqa zerbombt wurde? Freilich darf man annehmen, dass es wieder eine große Medienkampagne geben wird, sollte die revolutionäre Besatzung um ar-Rastan, nördlich der Stadt Homs, angegangen werden.

    • Jeder kann ja selbst nachrechnen, um wie viele ‚Einwohner‘ die Region nun erleichtert wurde. Obwohl die Medien natürlich bei den ‚400.000 eingeschlossenen und Assads Bomben ausgesetzen Zivilisten‘ bleiben werden.
      Die letzte ‚Zangsumsiedlung‘ umfasste „roughly 1500 militants and their 6000 family members“.

      • Da will ich doch nun updaten:

        Heather Nauert und ihr Entsetzen über Assads non-bodyguard-Auftreten im befreiten Ost-Ghouta:

        Dabei nimmt sie Bezug auf dieses Video, das für US-Verhältnisse, wo Trump keinen Schritt wagen kann ohne engste Überwachung, natürlich sehr ungewöhnlich, für syrische Verhältnisse allerdings normal ist in Gegenden, in denen die Terroristen vertrieben sind:

        Vielleicht bezog sie sich aber auch auf dieses Video, wo Assad in seinem Mittelklassewagen, vermutlich, Honda, allein nach Ost-Ghouta fuhr?

        Afrin ist gewiß ein Irrtum.
        Aber sonst ist ganz East-Ghouta – bis auf Douma, wo aber kaum mehr Bevölkerung existiert, die sich mittlerweile auf Regierungsgebiet gerettet hat, – befreit:

        Die Freude der Damaskus-Bevölkerung ist natürlich riesig:

        Der Westen hat natürlich keine Ahnung davon, wie sehr sich die zwangsweise in Ost-Ghouta verbliebene Bevölkerung freut, dem Sharia-und Mafia-Regime entkommen zu sein.

        Davon war nat6ürlich auch nie die Rede.

        Die USA verweigern weiterhin humanitäre Hilfe in den von ihnen beherrschten Gebieten:

        Was soll man davon halten?

        • Also, reichlich Bodyguards um Assad herum sieht man doch deutlich, alle in Zivil, dennoch immer sofort erkennbar an ihrer wachsamen Blickrichtung!

          Ja, da hat sich Magnier verhaspelt mit Afrin, -vielleicht gedanklich verbunden mit dieser Meldung?
          https://www.almasdarnews.com/article/east-ghouta-militants-to-be-transported-to-afrin/
          Erdogan scheint Nachschub zu brauchen..?

          Zu Raqqa und dem Flüchtlingslager Rukban: eben typisches Verhalten der ‚humanitarians‘. Und sicher tun sich da auch Dinge, die nicht gesehen werden sollen.

  5. An sich ist es bei dem Thema unmöglich, doch gelingt es Alexander Mercouris durch Fokussierung auf die diplomatischen Feinheiten zum Fall Skripal etwas erfreulich intelligentes zu Papier zu bringen – die Chronik einer britischen Schlinderpartie auf internationalem Parkett:

    http://theduran.com/britain-struggles-win-allied-support-skripal/

    John Pilger, u.a. Kenner der lokalen Medienlandschaft, begnügt sich lieber mit dem Wort „Drama“ als Charakterisierung des Skripalspektakels:

    • Naja, wenigstens korrigiert er sich später ja noch mit der Feststellung “ we don’t even know if a Novichok programme even existed..“ – Min 4, wogegen er zuvor – Min 1:44 – sagte „..its *active Novichok program* was verified as destroyed in Sept 2013 by [OPCW]“.
      Ansonsten wie gewohnt alles korrekt.

      Was er NICHT erwähnt, hatte aber u.a. Craig Murray berichtet: die letzte Bestätigung in 2017, die doch noch relevanter sein dürfte.
      Nicht nur durch den türkischen OPCW Direktor selbst, sondern auch den diensthabenden UK Botschafter für die OPCW, Sir Geoffrey Adams.

      https://www.gov.uk/government/news/british-ambassador-addresses-the-opcw

      Murray schrieb:
      https://www.craigmurray.org.uk/archives/2018/03/boris-johnson-issues-completely-new-story-on-russian-novichoks/
      [-]
      „If the UK was in possession of intelligence about a secret Russian chemical weapons programme, it was not under a legal obligation to tell Andrew Marr, but it was under a legal obligation to tell the OPCW. Not only did the UK fail to do that, the UK Ambassador Sir Geoffrey Adams was last year fulsomely congratulating the OPCW on the completion of the destruction of Russia’s chemical weapons stocks, without a single hint or reservation entered that Russia may have undeclared or secret stocks.“

      • Nun hat Mercouris am 22.3.2018 schön dargestellt, wie GB vorgegangen und wie es gescheitert ist, die Alliierten „mitzunehmen“.

        Dann schrieb er:

        All the indications are that the same pattern will continue at the EU Council meeting today.

        http://theduran.com/britain-struggles-win-allied-support-skripal/

        Weshalb ich mich frage, was wohl zwischen dem 19.3.2018 und dem 22.3.2018 geschehen sein mag, daß die EU ihre Meinung so verschärfte?

        Die vom 19.3.2018 lautete nach Mercouris so:

        The European Union strongly condemns the attack that took place against Sergei and Yulia Skripal in Salisbury, UK on 4 March 2018, that also left a police officer seriously ill. The lives of many citizens were threatened by this reckless and illegal act. The European Union takes extremely seriously the UK Government’s assessment that it is highly likely that the Russian Federation is responsible.

        Am 22.3.2018 heißt es:

        Schlussfolgerungen des Europäischen Rates zum Anschlag von Salisbury, 22. März 2018
        […]
        9. Der Europäische Rat verurteilt auf das Schärfste den kürzlich in Salisbury verübten Anschlag, bezeugt sein tiefstes Mitgefühl für alle, deren Leben in Gefahr gebracht wurde, und unterstützt die laufenden Ermittlungen. Er stimmt mit der Einschätzung der Regierung des Vereinigten Königreichs überein, wonach sehr wahrscheinlich die Russische Föderation dafür verantwortlich ist und es keine andere plausible Erklärung gibt. Angesichts dieser gravierenden Herausforderung für unsere gemeinsame Sicherheit stehen wir in uneingeschränkter Solidarität zum Vereinigten Königreich.

        http://www.consilium.europa.eu/de/press/press-releases/2018/03/22/european-council-conclusions-on-the-salisbury-attack/

        Das ist ein echter Rückschritt in der Rechtskultur und den diplomatischen Gepflogenheiten.

        Die ZEIT berichtet übrigens:

        Beim Abendessen forderte May nach Angaben aus britischen Regierungskreisen ihre EU-Kollegen auf, russische Geheimdienstmitarbeiter aus ihren Ländern auszuweisen.

        Analyse der Blutproben legal

        Ein britisches Gericht hatte internationalen Chemiewaffenexperten die Untersuchung von Blutproben des vergifteten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia gestattet. Richter David Williams erteilte der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) die entsprechende Erlaubnis. Sergej Skripal und seine Tochter Julia befinden sich nach der Vergiftung am 4. März weiter im Koma, ihr Zustand wird von den Ärzten als ernst, aber stabil bezeichnet.

        Die Analyse der OPCW wird bis zu drei Wochen dauern. Der britische Richter befand, dass die Untersuchungen im Sinne der derzeit nicht äußerungsfähigen Skripals seien. In der Entscheidung heißt es zudem, es sei noch nicht absehbar, welche Langzeitfolgen die Vergiftung auf den Gesundheitszustand der Opfer haben werde. In der Stadt Salisbury erkrankte unterdessen ein zweiter Polizist nach dem Kontakt mit dem Gift. Ein anderer Beamter wurde nach zweiwöchiger Behandlung aus dem Krankenhaus entlassen.

        http://www.zeit.de/politik/ausland/2018-03/eu-staaten-verurteilen-giftgasanschlag-skripal-russland-verantwortung

        • Mercouris hat einen zweiten Artikel nachfolgen lassen, erklärt die diplomatischen Formulierungen weiterhin sehr schön, und sieht mit dem „Kompromis“ der heutigen Erklärung den „peak“ der internationalen Welle bereits vorüberziehen, was er festmacht an der Rückkehr zum nur „highly likely“ der May-Verlautbarung vom 12.03. (gegenüber der Verschärfung zum „no alterative conclusion“ vom 14.03.), und dem herabstufen von „an unlawful use of force“ zu nur noch „grave challenge“ – alles das inzwischen ohne Ultimatum.

          „In the meantime the only thing the EU for the moment is collectively prepared to do is make the token gesture of withdrawing the EU’s ambassador from Moscow for four days for consultations.“

          http://theduran.com/skripal-case-eu-council-ditches-theresa-may-ultimatum-russia/

          Hoffen wir, daß er recht behält…

        • Hier noch etwas mehr zu ‚Analyse der Blutproben legal‘:
          In seinem letzten Blogpost vom 22. 3. verlinkt Murray auf den richterlichen Beschluss des Obersten Gerichts, woraus klar wird, daß die Regierung gelogen hat (da er originale Aussagen von Porton Down zur Substanz enthält)

          Klicke, um auf sshd-v-skripal-and-another-20180322.pdf zuzugreifen

          und der Richter Williams zudem die Möglichkeit des Ablebens der Skripals einkalkulierte, weshalb weitere Blutproben der noch lebenden Patienten zur Analyse zu bevorzugen seien.
          https://www.craigmurray.org.uk/archives/2018/03/boris-johnson-a-categorical-liar/
          [-]
          „…i) CC: Porton Down Chemical and Biological Analyst
          Blood samples from Sergei Skripal and Yulia Skripal were analysed and the
          findings indicated exposure to a nerve agent *or related compound.* The samples tested positive for the presence of a Novichok class nerve agent OR CLOSELY RELATED AGENT.“

        • Warum sich jemand wofür engagiert:

  6. A propos Frau Merkel, wie wird sie dies wohl handhaben, wenn es aktuell wird?

    https://www.zerohedge.com/news/2018-03-21/us-threatens-sanctions-european-firms-participating-russian-gas-pipeline-project

    “As many people know, we oppose the Nord Stream 2 project, the US government does,” said State Department spokeswoman, Heather Nauert at a Tuesday press briefing. “We believe that the Nord Stream 2 project would undermine Europe’s overall energy security and stability. It would provide Russia [with] another tool to pressure European countries, especially countries such as Ukraine.”
    [–]
    Wir glauben allerdings an das genaue Gegenteil.

    “At the State Department, we have spent a lot of time speaking with our partners and allies overseas to explain to them the ramifications of CAATSA and how an individual or a company or a country can run afoul against CAATSA and fall into sanctions,“ Nauert said.“

    Wie der Artikel auch anmerkt, wurde diese CAATSA Regulierung bereits bei den jüngsten Sanktionen der USA gegen russische Personen und Einrichtungen angewandt. Zu meinem ungläubigen Staunen wurde darin im Rahmen des Sündenregisters an ‚Russian agression‘ sogar auch der Skripal Vergiftungsfall als weitere Begründung aufgeführt!
    (https://home.treasury.gov/news/press-releases/sm0312 )

    Hier spricht sich die RT Chefredakteurin alles von der Seele und man kann ihr nur zustimmen, wie das Verhältnis zwischen dem Westen und Russland zerstört wurde:

    https://www.zerohedge.com/news/2018-03-21/rt-editor-chief-explains-why-we-dont-respect-west-anymore

    • Ich weiß nicht, für wen Nauert spricht, oder das Schatzamt, und wie ernst man diese Verlautbarungen nehmen muß: vorerst ist Europa froh, daß es von den Stahl-Importzöllen vorerst ausgenommen wurde. Die EU täte gut daran, wie bei TTIP vorgesehen, bei Fahrzeugen den EU-Zoll von 10 % auf importierte US-Autos auf den US-Zoll von 2,5% herabzuschrauben, der auf EU-importierte Autos in die USA anfällt. Das wäre ein Zeichen des guten Willens und würde nichts kosten, denn am Zoll liegt es nicht, daß US-Autos hierzulande keinen Absatz finden.

      Was ich mit vollem Herzen begrüßen kann, sind die Worte der RT-Chefredakteurin:

      With their short-sighted sanctions, heartless humiliation of our athletes (including athletes with disabilities ), with their “skripals” and ostentatious disregard of the most basic liberal values, like a presumption of innocence, that they manage to hypocritically combined with forcible imposition of ultra-liberal ideas in their own countries, their epileptic mass hysteria, causing in a healthy person a sigh of relief that he lives in Russia, and not in Hollywood, with their post-electoral mess in the United States, in Germany, and in the Brexit-zone; with their attacks on RT, which they cannot forgive for taking advantage of the freedom of speech and showing to the world how to use it, and it turned out that the freedom of speech never was intended to be used for good, but was invented as an object of beauty, like some sort of crystal mop that shines from afar, but is not suitable to clean your stables, with all your injustice and cruelty, inquisitorial hypocrisy and lies you forced us to stop respecting you. You and your so called “values.”

      https://www.zerohedge.com/news/2018-03-21/rt-editor-chief-explains-why-we-dont-respect-west-anymore

      In diese Litanei kann ich nur einstimmen. Es ist furchtbar, wie der Westen seine Werte verrät.

      Nehmen wir nur einmal diese britische antirussische Gehirnwäsche gegenüber unschuldigen Schülern:

      Natürlich von RT aufgedeckt – wer sonst würde das denn machen?

      Als Intellektuelle schämt man sich für solche FAZ-Beiträge von einem ihrer Herausgeber:

      Wolfgang Kubicki : Nur für Moskau
      Von Berthold Kohler
      Aktualisiert am 22.03.2018-18:44

      Für Moskau zerreißt der FDP-Mann sich geradezu. Die Nato kommt da deutlich schlechter weg. Und wie hat man den Aufnahmewunsch der Mittelosteuropäer nur ohne Zustimmung des Kremls erfüllen können?

      Wolfgang Kubicki ist nicht nur ein hohes Tier in der FDP, sondern auch Strafverteidiger mit interessanten Mandaten. Dazu gehören nach seiner Aussage drei Unternehmen, die wegen der Sanktionen, die der Westen nach der Okkupation der Krim gegen Russland verhängte, pleitegingen. Moskau ist auch der Beschuldigte, für den Kubicki sich gegenwärtig öffentlich geradezu zerreißt, wohl ganz ohne Auftrag. „Es gilt die Unschuldsvermutung!“, ruft der Anwalt all jenen zu, die behaupten, der Kreml stecke hinter dem Giftanschlag in England.

      Nicht einmal Schröder könnte so ausdauernd wie Kubicki für „Nord Stream 2“ und die Lockerung der Sanktionen plädieren, und der bekommt russischen Sold. Bessere Argumente als jene, die schon Linkspartei und AfD dem Kreml nachplapperten, vermag aber auch der FDP-Vize nicht zu liefern. Für die Nato lässt er die Unschuldsvermutung nicht gelten: Die brauche „wieder einen Feind“.

      http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wolfgang-kubicki-nur-fuer-moskau-15507901.html

      Kubicki hat natürlich recht: der Westen macht sich lächerlich, wenn er seine Werte um Umgang mit Rußland verrät.

      Diese Position findet man aber nur jenseits der Leitmedien:

      Unanswered Questions Linger Over the Salisbury Poisoning
      An anti-Russia smokescreen may prevent the truth of the poisoning of former double agent Sergei Skripal from ever being known.
      By Mary Dejevsky
      Yesterday 12:01 pm
      […]
      A key to the official frenzy in the Skripal case, however, is less the grim fate of Litvinenko than what was seen, in retrospect, as the UK’s timid response. The then-Labour government took eight months to expel four Russian diplomats, and the then-Conservative home secretary (Theresa May, as it happens) cited damage to “international relations” as a reason for postponing the legally required inquest. “Soft on Russia” is the charge that, as prime minister, May has tried to disprove—at a time when she needs also to prove she will not go soft on Brexit.

      The speed with which she has elevated a heinous crime — but still a crime — into something tantamount to an act of war (the first use of a nerve agent in Europe since, it is being said, World War II), however, risks two types of damage. The first is to the prospects of solving the crime. With the investigation transferred almost immediately from the regular to the counter-terrorist police (and the intelligence services), the only public theme is the culpability of Putin’s Russia. It is still not known — or if it is known, the UK public and Parliament have not been told — exactly when, where, and how the attack happened, or even whether any culprits are being sought.
      […]
      The second area of damage is not just to the UK’s (already bad) relations with Russia, but potentially to relations with allies. The United States, the EU, and NATO may (after some UK diplomatic effort) have voiced their qualified solidarity with Britain, but the UK will soon have to present some proof of the charges it has leveled with such confidence. London seemed surprised by the Kremlin’s early call to observe the procedures of the Chemical Weapons Convention, but woe betide the UK if it has overplayed its hand. A past “pattern” would not win a conviction in a court of law.

      https://www.thenation.com/article/unanswered-questions-linger-over-salisbury-poisoning/

      Mit Propaganda allein ist es nicht getan – auch wenn die EU schon viele Sanktionen gegen Rußland verhängt hat, ohne daß ein „court of law“ eine Schuld festgestellt hätte: dieses Mal war sie offensichtlich schlauer als die US-Satelliten Deutschland, Frankreich und GB, und hat sich diesem Schuldurteil nicht angeschlossen, sondern den Ball nach GB zurückgespielt.

      Bei all dem Trump-Bashing fragt man sich, wieso nun gerade Macron und Merkel sich der Trump-Verurteilung von Rußland anschlossen?

      Man kann nur hoffen, daß Trump sich von allen diesen deep state-Einflüsterungen emanzipiert. Wobei die pro-Israel- und anti-Iran-Einflüsterungen seines Umfelds natürlich kaum weniger gefährlich sein werden.

      Hatten wir diesen Beitrag von MoA eigentlich schon?

      http://www.moonofalabama.org/2018/03/no-patients-have-experienced-symptoms-of-nerve-agent-poisoning-in-salisbury.html

      Besonders bedeutsam erscheint mir dabei dies:

      Der US- und EU-Coup, die Ukraine gewaltsam in den Westen zu zerren, ist spektakulär gescheitert. Daß zu diesem Zweck mit antiruisschen Nazis zusammengearbeitet wurde, ist nur für West-Medien noch ein Geheimnis.

      Umso erstaunlicher ist dieser Reuters-Report, von dem sich Reuters natürlich explizit distanzierte:

      March 19, 2018 / 11:00 PM / 2 days ago
      Commentary: Ukraine’s neo-Nazi problem
      Josh Cohen

      As Ukraine’s struggle against Russia and its proxies continues, Kiev must also contend with a growing problem behind the front lines: far-right vigilantes who are willing to use intimidation and even violence to advance their agendas, and who often do so with the tacit approval of law enforcement agencies.
      […]
      There’s no easy way to eradicate the virulent far-right extremism that has been poisoning Ukrainian politics and public life, but without vigorous and immediate efforts to counteract it, it may soon endanger the state itself.

      (Josh Cohen is a former USAID project officer involved in managing economic reform projects in the former Soviet Union.)
      The views expressed in this article are not those of Reuters News.

      https://www.reuters.com/article/us-cohen-ukraine-commentary/commentary-ukraines-neo-nazi-problem-idUSKBN1GV2TY

      Ein wenig Wahrheit scheint hier auf. Daß die Ukraine Sanktionen verdient, und nicht Rußland, sollte längst common sense sein.

      Man schämt sich wirklich für die Aktionen des Westens.

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