Fake News oder wie ich zur Witwe von Hans Wollschläger wurde

Königsberg i.B., Foto: Gabriele Gordon

Vor knapp zwei Jahren habe ich den letzten Artikel auf meinem Blog geschrieben. Er ist aktuell wie eh und je, ja, man muß sagen, daß die deutsche Politik und die deutschen Medien bis zum heutigen Tag nicht das Verhältnis zur Türkei gefunden haben, das notwendig wäre. Warum bleibt eine Verurteilung des völkerrechtswidrigen Einmarschs der Türkei in Syrien aus? Weil die USA ebenso völkerrechtswidrig in Syrien interveniert haben und nun dort Nord-Ost-Syrien besetzen (neben al-Tanf im Süden), wozu Deutschland aufklärerische Tornado-Beihilfe betreibt?

In den knapp 12.000 Kommentaren seit Erscheinen dieses Artikels zu zahlreichen Phänomenen wie der Syrien-Krise, das Trump-Bashing, der Putin-Dämonisierung, der metoo-Bewegung u.a. stand und steht der medienkritische Aspekt im Vordergrund: wer sich allein auf westliche Leitmedien, insbesondere die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender, verläßt, weiß nichts von dem, was wirklich vor sich geht in der Welt. Oder davon, daß es auch legitime andere Möglichkeiten gibt, die Welt anzuschauen. Öffentliche Meinung wird durch eine Vielzahl medialer Methoden hergestellt: thematische Schwerpunktsetzung im Rahmen einer – oft volkserzieherischen – Agenda, unbeirrte Wiederholung bereits widerlegter Behauptungen, Weglassung von Tatsachen, die nicht in die Narration passen, die skandalisierende Personalisierung eigentlich differenzierter politischer oder gesellschaftlicher Prozesse, die Erzeugung eines Spins durch Heranziehung einseitiger Quellen und Experten, die willfährige Nutzung lenkender Leaks aus Verwaltung und Geheimdiensten, selektive Mitteilungen über vorhandene Gegenpositionen, die subtile Vermischung von Kommentar und Nachricht, die Benutzung manipulativer Begriffe – und, wenn alles nicht hilft und die Kritik der Rezipienten nicht verstummen will,  bleiben noch die Mittel der Kommentarlöschung und der Publikumsbeschimpfung.

Interessanter als die Ermittlung abstrakter Kriterien zum Wirken der Presse ist eigentlich nur, wenn man selbst einmal als Betroffene Einblick in die Zusammenhänge und Arbeitsweise der Medien erhält.

Hans Wollschläger in Celle, 22.1.1984, Foto: Franz-Josef Knelangen

Am 28.2.2018 erreichte mich der Anruf einer Bekannten, die mit dem nachfolgenden Vorgang vertraut war: soeben habe der MDR berichtet, daß ich als Hans Wollschlägers Witwe verhindert hätte, daß eine Bearbeitung seiner 1975 erschienenen „Ulysses“-Übersetzung im Suhrkamp-Verlag erscheinen könne.

Google brachte als wahrscheinlichste Quelle dieser Meldung einen Vorabtext der ZEIT, der im „Presseportal“ erschienen war:

DIE ZEIT

Verlagsskandal: Ulysses-Übersetzung darf nicht erscheinen

28.02.2018 – 13:11

DIE ZEIT 10/18 Weiterer Text über ots und http://www.presseportal.de/nr/9377 /

Hamburg (ots) – Zehn Jahre dauerte es, den Roman „Ulysses“ von James Joyce in der legendären Übersetzung von Hans Wollschläger zu überarbeiten – aber nun darf der Suhrkamp Verlag das Buch nicht veröffentlichen. Das berichtet die Wochenzeitung DIE ZEIT. Ein Forscherteam hatte 5000 Änderungen und Korrekturen vorgenommen, doch die Wollschläger-Witwe Gabriele Gordon hat sich entschieden, die Publikation aus Copyright-Gründen zu verbieten. Sie bezeichnet die Arbeit als „rechtswidrige Bearbeitung der Wollschläger-Ulysses-Übersetzung durch Harald Beck“ und beruft sich auf Paragraph 23 des Urheberrechtsgesetzes, demzufolge „Bearbeitungen oder andere Umgestaltungen des Werkes“ nur mit „Einwilligung des Urhebers“ veröffentlicht werden dürfen.

Der Suhrkamp Verlag hatte vergessen, bei den Erben die Rechte für die Überarbeitung einzuholen. Suhrkamp-Chef Jonathan Landgrebe spricht nun von einem „gescheiterten Versuch einer Werkpflege zulasten aller“. Statt der groß aufgelegten Publikation soll nun eine Mini-Edition von 200 nicht frei verkäuflichen Exemplaren für die Wissenschaft erscheinen.

[…]

https://www.presseportal.de/pm/9377/3879205

[Hervorhebungen von mir]

Die gefetteten Behauptungen sind unzutreffend. Und was daran ein „Verlagsskandal“ sein soll, ergibt sich aus dem Text nicht.

Unzählige Male wurde er weiterverbreitet: ich wähle hier zwei Beispiele, denen weitere Fehlerchen hinzugefügt wurden – es muß ja heute alles ganz schnell gehen:

  1. 28. Februar 2018, 19:02 Uhr

Urheberrecht

Keine friedliche Koexistenz

Hannes Wollschlägers Witwe verhindert das Erscheinen einer überarbeiteten Fassung seiner Joyce-„Ulysses“-Übersetzung von 1975.

[…]

http://www.sueddeutsche.de/kultur/urheberrecht-keine-friedliche-koexistenz-1.3887294

[Hervorhebung von mir]

Efeu – Die Kulturrundschau

Szenisch, lakonisch, milieugenau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

01.03.2018.

[…]

Weitere Artikel: Eine noch von Hans Wollschläger selbst initiierte, nach zehn Jahren Arbeit abgeschlossene Überarbeitung seiner „Ulysses“-Übersetzung darf nicht erscheinen, weil Wollenschlägers Witwe Gabriele Gordon, bei der Suhrkamp nach dem Tod Wollschlägers keine Rechte eingeholt hat, sie verbietet, berichtet Susanne Mayer in der Zeit.

https://www.perlentaucher.de/efeu/2018-03-01.html

[Hervorhebungen von mir]

Von Hans Wollschläger „selbst initiiert“? Stimmt ebenfalls nicht. Und steht auch nicht in Susanne Mayers Artikel  in der ZEIT vom 1.3.2018.

Selbst im Interview von Deutschlandfunk Kultur mit dem Suhrkamp-Verlagsleiter Jonathan Landgrebe vom 28.2.2018 heißt es lediglich:

Nach Ansicht von Landgrebe entsprach die Überarbeitung auch dem Willen Wollschlägers. Im Jahr 2007 habe er einer Überarbeitung grundsätzlich zugestimmt. „Es ging darum, den Text Wollschlägers an den aktuellen Forschungsstand anzupassen, an fast 40 Jahre literaturwissenschaftliche und lexikografische Forschung“, sagte Landgrebe. Schon in den 1980er Jahren sei ein veränderter Originaltext veröffentlicht worden. „Man wollte den (deutschen, Anm. d. Red.) Text ein wenig auf diesen Stand bringen.“

http://www.deutschlandfunkkultur.de/neue-ulysses-uebertragung-untersagt-zehn-jahre.1013.de.html?dram:article_id=411922

Aber hier lauert natürlich eine weitere Möglichkeit zum Mißverständnis: hat er zugestimmt, selbst seine eigene Übersetzung zu überarbeiten, oder hat er einer Fremdbearbeitung zugestimmt?

Lobenswerterweise erwähnt Landgrebe den Tod der Witwe Hans Wollschlägers, Monika Wollschläger.

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2018/02/28/kein_neuer_ulysses_uebersetzer_erbin_verweigert_drk_20180228_2309_2558b899.mp3

Aber auf  die Frage, warum er nicht früher mit der Erbin, also mir, in Kontakt getreten sei [bei Minute 1], sagt er:

„seine Witwe sagte grundsätzlich, man solle weiterarbeiten, starb dann aber einige Zeit später auch“

Die subjektive Interpretation der Erklärung Monika Wollschlägers will ich einstweilen durchgehen lassen, nicht aber die der Formulierung „einige Zeit später“.

17.3.2015, Monika Wollschläger in Haßfurt, Foto: Gabriele Gordon

Sie starb, für mich völlig unerwartet, nach einer Herzoperation am 11.5.2015. Vorher hätte er überhaupt nicht mit mir als Inhaberin des Urheberrechts in Kontakt treten können.

Der Falschdarstellungen ist damit kein Ende. Wie konnte es dazu kommen?

Nun bin ich persönlich presseerfahren. 1975, im Alter von 19 Jahren, ereilte mich das Schicksal, als Karl-May-Expertin beim „Großen Preis“ von Wim Thoelke im ZDF – damals gab es nur ARD und ZDF – als dreimalige Gewinnerin und viermalige Teilnehmerin mit Medien umgehen zu müssen. Seither wußte ich, daß es ziemlich gleichgültig ist, was man der schreibenden Zunft so erzählt: deren Selektion bestimmt das Bild. Der Luxus autorisierter Interviews wird nur Wenigen zuteil.

Dieselben Erfahrungen machte ich als Autorin von Kriminalromanen in der Zeit von 1990 bis 2006; erweitert um die Erkenntnis, daß man es mit Reportern zu tun bekommt, die kein einziges Buch der zu interviewenden Autorin gelesen haben, es als Lokalredakteure aber nicht vermeiden können, über deren Lesungen zu berichten.

Hier mein Werkverzeichnis unter meinem Geburts- und Autorennamen Gabriele Wolff:

http://www.gabrielewolff.de/files/Bib.html

In meiner Profession als Oberstaatsanwältin mit der Befugnis zur Presseinformation habe ich meine  Bemühungen darauf gerichtet, die Presse davon abzuhalten, über den Vorwurf eines Sexualdelikts zu berichten. Ein solcher Vorwurf ist existenzvernichtend,  woran die spätere Einstellung eines Verfahrens oder ein Freispruch nur wenig ändern können. Selbstgerechte Medienpranger wie die ZEIT gegen Dieter Wedel waren zu meiner Zeit noch unbekannt – daß ein Medium einen Fall erst auf unerklärte Art und Weise zusammenbastelt und danach bekundet, die Beweise seien erdrückend, war zu meiner Zeit noch nicht absehbar. Darüberhinaus konnte ich auch damals allerdings schon die juristische Ahnungslosigkeit von lokalen Gerichtsreportern bestaunen.

Diese Inkompetenz und der zunehmende online-bedingte Qualitätsverlust der Presse waren mir bewußt. Deshalb hatte ich mich schon im Jahr 2017 dazu entschieden, zu dem Suhrkamp-Vorgang öffentlich keine Stellung zu nehmen. Denn philologische Auseinandersetzungen sollten dort verhandelt werden, wo sie hingehören. Als ich von der ZEIT-Redakteurin Susanne Mayer in der Zeit vom 10.2.2018 bis zum 13.2.2018  wegen des eigentlich schlichten Suhrkamp-Sachverhalts per Mail befragt wurde, war ich also gewarnt.

Meine Antworten kreisten um meine Verweigerung, mit der Presse zu kommunizieren. Immerhin soviel brachte ich zum Ausdruck:

Am 11.2.2018:

Ihr Informant, bei dem es sich mutmaßlich um Herrn Beck handelt, hat Sie jedenfalls schon einmal irreführend unterrichtet: es gab angesichts der juristischen Lage keine Kontroverse, und meine sachlichen Gründe gegen seine Bearbeitung, die ich auf 48 Seiten darlegte, dürften ihm bekannt sein.

Hier muß ich bekennen: tatsächlich war mein Brief an Suhrkamp von August 2017 49 Seiten lang. Und offenbar hat Suhrkamp ihn nicht an die Bearbeiter übermittelt.

Am 12.2.2018:

Ich arbeite vertrauensvoll mit Suhrkamp zusammen, und wir stimmen darin überein, daß die rechtswidrige Bearbeitung der Wollschläger-Ulysses-Übersetzung durch Harald Beck durch die Wissenschaft zu diskutieren ist, die von dieser Bearbeitung im Einvenrnehmen zwischen Suhrkamp und mir Kenntnis erhalten wird.

[Der Tippfehler ist leider „original“]

Am 13.2.2018:

Herr Dr. Landgrebe und ich waren uns lange einig, bevor Ihre „Recherche-Mail“ bei mir eintraf.

Den von Ihnen imaginierten Skandal gibt es nicht. Schlagen Sie ihn sich bitte aus dem Kopf. Für’s Feuilleton ist der Fall nicht geeignet, wie ich schon sagte. Er sollte der Wissenschaft vorbehalten bleiben.

[…]

P.S.

Darf ich erwähnen, daß mich die im Jahr 2015 verstorbene Ehefrau von Hans Wollschläger, der 2007 starb, Monika Wollschläger, per Vermächtnis aus dem Jahr 2009 zur Rechteinhaberin machte? Sie wußte, warum sie es tat.

Hier zitiere ich nur meine Antworten, soweit sie nicht konkret auf Susanne Mayers Anfragen/Antworten Bezug nehmen. Tatsächlich war unser Mail-Wechsel weitaus, nunja, temperamentvoller.

Vermutlich kam meine letzte Info zu spät. Da stand ihr Artikel, offiziell erschienen am 1.3.2018 in der Printausgabe, womöglich schon:

„Ulysses“: Heiliger James!

Zehn Jahre lang wurde die legendäre Wollschläger-Übersetzung des „Ulysses“ von James Joyce überarbeitet. Jetzt darf diese Fassung nicht erscheinen.

Von Susanne Mayer

  1. Februar 2018

Aus der ZEIT Nr. 10/2018

[…]

Und das Team? Arbeitete einfach weiter, ohne den Übersetzer. Der Suhrkamp Verlag? Vergaß bei den Erben von Wollschläger die Rechte für die Überarbeitung einzuholen. Und wie immer in solchen Fällen fahren alle Zeigefinger aus und zeigen jetzt in Richtung böser Witwe, sprich: Erbin der Wollschläger-Rechte, die eine Publikation der überarbeiteten Übersetzung des Jahrhundertwerks verbietet. Heiliger James!

[…]

http://www.zeit.de/2018/10/ulysses-james-joyce-wollschlaeger-uebersetzung/komplettansicht

Vermutlich hat Susanne Mayer in ihren bereits bestehenden Text lediglich die Worte: „sprich Erbin“ eingefügt – was zu der Falschinformation in dem Vorabtext der ZEIT führte.

Daß ich sachliche Gründe hatte, der Bearbeitung von Harald Beck nicht zuzustimmen, wird geflissentlich verschwiegen:

Und jetzt sieht es so aus, als ob eine große Revision der berühmten Hans-Wollschläger-Übersetzung gar nicht erscheinen dürfe. Wegen Copyright. Zehn Jahre Arbeit eines dreiköpfigen Forscherteams wären damit in den Sand gesetzt.

[…]

Beck war Mitarbeiter der Edition von Gabler, der Beck als „international geachteten Philologen“ bezeichnet. Nichts, was die Wollschläger-Erbin wohl beeindruckt. Sie heißt Gabriele Gordon und bezeichnet das Revisionsprojekt als „rechtswidrige Bearbeitung der Wollschläger -Ulysses- Übersetzung durch Harald Beck“.

Auch Gabriele Gordon schreibt übrigens Bücher, Werke mit Titeln wie Kölscher Kaviar oder Rote Grütze, also Krimis. Gordon ist Mitglied der Karl-May-Gesellschaft und Arno-Schmidt-Expertin wie Wollschläger, mit dem sie eng zusammengearbeitet hat. Im Übrigen ist Gabriele Gordon eine Oberstaatsanwältin a. D.

Juristisch also: Volltreffer. Aus und vorbei.

[…]

http://www.zeit.de/2018/10/ulysses-james-joyce-wollschlaeger-uebersetzung/komplettansicht

[Hervorhebungen von mir]

So sieht Journalismus heute aus. Hätte sie nicht formulieren sollen, daß ich Kriminalromane schrieb und nicht schreibe? Und warum referiert sie nur Erstlingswerke aus den 90iger Jahren des letzten Jahrhunderts? Mit der Erwähnung meiner Mitgliedschaft in der Karl May-Gesellschaft  meint sie wohl, mich gegenüber Uninformierten als Pierre Brice-Fan outen zu können; tatsächlich waren der Strafrechtsprofessor Claus Roxin und Hans Wollschläger im Jahr 1969 Mitgründer dieser wissenschaftlichen Gesellschaft, deren Aktivitäten sich gegen die seinerzeitige Bearbeitungspraxis des Karl-May-Verlags richtete -: übrigens ganz im Sinne Arno Schmidts.

Hans Wollschlägers letzte Arbeit, die er Anfang März 2007 noch vollenden konnte, war der editorische Bericht zu Mays Manuskriptfassung von „Ardistan und Dschinnistan“ für den KMV. Mit diesem Spätwerk Mays hat er sich über Jahrzehnte beschäftigt.

http://www.karl-may.de/modules/produkt.php?nummer=B-00651

Niemals habe ich mit Hans Wollschläger „eng zusammengearbeitet“.

Spielt Susanne Mayer eventuell darauf an, daß meine Studie

GABRIELE WOLFF

 

Ermittlungen in Sachen Frau Pollmer

 

Ich habe nicht nur überhaupt, sondern vor allen Dingen auch hier in dieser Studie wahr zu sein …
Karl May: Frau Pollmer, eine psychologische Studie, S. 8901

[…]

http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/seklit/JbKMG/2001/11.htm

in dem von Hans Wollschläger geschäftsführend herausgegebenen Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 2001 erschienen ist?

HANS WOLLSCHLÄGER

 

Das einunddreißigste Jahrbuch

durchbricht ein weiteresmal Tradition und Gewohnheit, und ein weiteresmal mit guten Gründen: es ist diesmal eine Monographie, und dieser Umstand versieht nicht nur ihr Thema, sondern auch dessen Behandlung mit einem besonderen Gewicht. Die inzwischen enorme Sekundärliteratur um Karl May hat im Lauf von Jahrzehnten eine kleine Reihe von Grundlagenschriften hervorgebracht, aus denen sich – im Gedanklichen wie im Faktisch-Materiellen – das übrige Schrifttum gespeist hat und auf die es sich in bleibender Verpflichtung zurückbezieht. Diesen Grundschriften tritt heuer eine weitere an die Seite, und es schien nur angemessen, ihr den besten Publikationsraum zur Verfügung zu stellen, über den die Karl-May-Gesellschaft verfügt.

[…]

http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/seklit/JbKMG/2001/7.htm

Das war natürlich eine große Ehre, aber mit der Entstehung meines Textes hatte Hans Wollschläger nur sehr wenig zu tun.

Zurück zur Vorabmeldung des ZEIT-Artikels:

Ein Forscherteam hatte 5000 Änderungen und Korrekturen vorgenommen,

So könnte man die nachfolgende Passage zusammenfassen, in der es ununterscheidbar mal um die Änderungen der englischen Joyce-Ausgabe durch die Fassung von Hans Walter Gabler geht, dann wiederum um die Änderungen, die das Beck-Forscherteam in der deutschen Übersetzung Hans Wollschlägers vorgenommen hat:

Die Gabler-Edition des Ulysses ist State of the Art. Der Münchner Anglist Hans Walter Gabler hatte alle Manuskriptseiten mit dem handschriftlichen Gewoge, die Blätter mit den Notizen, die endlosen Korrekturfahnen computergestützt verlinkt und dann zu einem idealtypischen Ulysses- Manuskript synthetisiert.

[…]

Was auch für die Gabler-inspirierte Übersetzungsrevision gilt, Gabler spricht von Touch-up: Hätte Wollschläger sie durchgewinkt?

Schwer zu sagen. Das Team hatte sich nach seinem Tod in seine Schuhe gestellt, man hatte es kaum wahrgenommen. Waren sie nicht eh alle Joycianer? Wie sich ihr Werk vergleicht mit dem, was Wollschläger tat – schwer zu sagen, es ist ja nicht öffentlich. Aber das Vorwort von Harald Beck liegt vor. Beck summiert: Tippfehler korrigiert, vergessene Phrasen eingefügt, Lesefehler richtiggestellt. Mal etwa war „great“ zu „grey“ geworden, Fehler des französischen Setzers. Hier sei ein Hamlet-Zitat nicht erkannt, Fehler Wollschlägers. Man habe, so Beck im Gespräch, Wollschlägers „großzügigen Umgang mit Füllwörtern“ zurückgefahren. Die Rede ist von Fehlern, die durch Wollschlägers „mangelnde Berücksichtigung des dokumentarischen Charakters“ des Romans entstanden seien. Eine Gasse erwies sich als zu eng, als dass „turn“ hinsichtlich einer Kutsche mit „wenden“ korrekt übersetzt wäre: „abbiegen“ sei richtig. Hier eine Stelle angeraut, dort den Rhythmus neu getaktet. Touch-up von 5000 Stellen.

http://www.zeit.de/2018/10/ulysses-james-joyce-wollschlaeger-uebersetzung/komplettansicht

Woher hat sie nur die „5000 Stellen“?, habe ich mich gefragt. In der online-Version des Artikels wird zu diesem vergnüglichen Text über die Gabler-Fassung verlinkt, in dem das Treiben von echten „Joycianern“ in all seiner Wucht vor Augen geführt wird:

Der James-Joyce-Krieg

  1. März 1989, 7:00 Uhr Aktualisiert am 21. November 2012, 20:24 Uhr

[…]

http://www.zeit.de/1989/11/der-james-joyce-krieg/komplettansicht

Und da finden sich diese 5.000 Änderungen:

Durch diesen Dschungel haben sich Gabler und seine Mitarbeiter Wolfhard Steppe und Claus Melchior mit Hilfe eines Computerprogramms der Universität Tübingen hindurchgeschlagen. Die Bilanz: an über 5000 Stellen berichtigte ihr Newlysses frühere Ausgaben, siebenmal pro Seite, und die Kollationslisten der dreibändigen Ausgabe verraten auch, wo. Es ist eine stolze Zahl, und trotzdem besagt sie nicht allzuviel: Zum weitaus größten Teil handelt es sich um Änderungen von Interpunktion und Schreibweisen, ohne Rückwirkung auf den Sinn.

Mithin für einen Übersetzer überwiegend belanglos.

Entsprechende Beispielsfälle werden auch in diesem Artikel aufgeführt:

03.02.1992

„Saug ihm das Auge raus“

Mit Boxkampf-Vokabular und Schmähungen wird der Krieg um die 264 485 Wörter des „Ulysses“ ausgetragen: Der amerikanische James-Joyce-Experte John Kidd hat eine von ihm revidierte Fassung des Jahrhundertromans angekündigt – jüngster Versuch, das gerade erloschene Joyce-Copyright wiederaufleben zu lassen.

[…]

Beispiele: Aus einem Bart („beard“), den in der Bodley-Fassung ein Papier umhüllt, wird wieder ein Brot („bread“). Leopold Bloom kommentiert seine Gedanken über die Kraft des Käses mit der Bemerkung „Mity“ (madiger), statt wie vorher mit „Mighty (mächtiger) cheese“. Der Captain, der „mal im Kildare Street Club mit einem einzigen Schlag auf Linksfänger ein Fenster geschafft“ hat, heißt nach der Revision Culler, nicht wie vordem Buller – da allerdings hatte sich Gabler verguckt und, wie er zugibt, „einen richtigen Heuler“ in den Text gesetzt.

[…]

DER SPIEGEL 6/1992

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9273263.html

John Kidds Ausgabe ist übrigens nie erschienen.

Wieviele echte Änderungen das Forscherteam an der deutschen Übersetzung vorgenommen hat, ist auch mir unbekannt; nach meiner Schätzung nach Lektüre der ersten sieben Seiten dürften es aber zwei- bis dreimal so viele Änderungen sein.

Der Artikel von Susanne Mayer hatte ungeahnte Konsequenzen, nämlich weitere Erfindungen der Medien – hier bei der NZZ, die fest und treu auf der Seite der Zürcher Beck-Zuarbeiterinnen ab 2010 stand:

«Ulysses»-Neuedition: «Rechtlich ist die Sache tot»

Was die Betroffenen längst befürchteten, aber verschweigen mussten, ist nun publik: Die revidierte Neuausgabe von Wollschlägers «Ulysses»-Übersetzung darf nicht erscheinen. Auch die Zürcher James-Joyce-Stiftung war an dem Projekt beteiligt.

Angela Schader 2.3.2018, 05:30 Uhr

[…]

Nicht zuletzt waren es wohl gewisse Zurückbindungen dieses Wollschlägerschen Duktus, die das Projekt zu Fall brachten. Gabriele Gordon, die Erbin des Übersetzers, hat laut einem Bericht der «Zeit» gegen die «rechtswidrige Bearbeitung der Wollschläger-Ulysses-Übersetzung durch Harald Beck» Klage erhoben. Über diese Intervention wurden Beck und seine Mitarbeiterinnen Ende Juni 2017 unter dem Siegel der Geheimhaltung informiert; erst dann wurde ihnen auch klar, dass der Suhrkamp-Verlag es versäumt hatte, sich zeitig um die Rechtsfrage zu kümmern – eine Angelegenheit, die bei einem grossen und erfahrenen Haus wie Suhrkamp spätestens 2010 anlässlich der Neuformierung des Editoren-Teams aufs Tapet hätte kommen müssen.

[…]

https://www.nzz.ch/feuilleton/ulysses-neuedition-rechtlich-ist-die-sache-tot-ld.1361961

[Hervorhebung von mir]

Natürlich habe ich keine Klage erhoben. Die juristische Lage war ja klar. Mit welchem Recht eigentlich wird so etwas erfunden? Im ZEIT-Artikel steht davon nichts.

Besonders schrill ist diese Ausdeutung des Vorgangs geraten:

1 March 2018 – Thursday

(Un)revised Ulysses in German | On the Edge review

       (Un)revised Ulysses in German

So, for ten years they’ve been working on a revision of the 1975 German Hans Wollschläger translation of James Joyce’s Ulysses, a team effort led by Harald Beck (who writes about it (in German) here) and, 5000 revisions and corrections later, Suhrkamp was ready to publish this in July — see the book’s publicity page.
As you can see, it is still credited as: „Übersetzung von Hans Wollschläger“. And Beck reports that Wollschläger agreed to the revised translation, back in February 2007 — only to pass away not much later (in May). But they decided to go ahead without him — except somebody (everybody ?) forgot to ask his literary estate for permission. And it seems that his literary executor has put her foot down, and they can’t publish. Rather late in the day, the widow has decided that this interference with Wollschläger’s (original) work is unacceptable

[…]

Of course, this is presumably not so much about textual integrity and fidelity as … well, cold, hard cash. I assume this will be resolved … financially, eventually.
(Posted by: M.A.Orthofer)

http://www.complete-review.com/saloon/archive/201803a.htm#dj3

Nichts könnte von der Wahrheit weiter entfernt sein: der deutschsprachige Markt ist gesättigt, die Verkaufszahlen bewegen sich im ein- bis zweistelligem Bereich, und nur eine neue Ulysses-Ausgabe hätte zu einer, wenn auch nicht überwältigenden, Nachfrage interessierter Kreise führen können.

Und so habe ich mich entschlossen, etwas Licht in die Angelegenheit zu bringen.

Hans Wollschläger in Bargfeld, 2005, Foto: Gabriele Gordon

Am 29.11.2005 schrieb Hans Wollschläger im Zuge der Bemühungen um eine Überarbeitung seiner Ulysses-Übersetzung auf ein entsprechendes Verlagsschreiben vom 9.11.2005, in dem es lediglich im Textanpassungen wegen der neueren englischen Textfassung geht:

Nun sind nach meiner Kenntnis für die Übersetzung relevant nicht allzu viele Druckfehler der alten englischen Ausgaben; ich schätze, es sind kaum mehr als zwei Dutzend Stellen. Trotzdem würde ich gern, vorausgesetzt, Sie planen einen wirklichen Neusatz, bei dieser Gelegenheit auch den Gesamttext einer Durchsicht unterziehen, um winzige, meist das Klanggefälle betreffende Knicke auszubügeln. […] Die Arbeit selbst aber sollte jedenfalls meine Sache sein, wobei ich versprechen kann, jede gut begründete Anregung mit Geduld und nach Kräften zu bedenken.

Damit ist klargestellt, daß die Initiative vom Verlag ausging, Wollschläger selbst das letzte Wort haben und die Gelegenheit nutzen wollte, seine Übersetzung zu verbessern. Erst im Jahr 2007 wurden die Planungen konkreter. Im Vorfeld des Treffens vom 10.3.2007 in Dörflis schrieb er am 26.2.2007 an den zuständigen Verlagslektor:

Die Unterlagen sind eingetroffen; ich werde aber bis dahin kaum Zeit finden, mich richtig einzuarbeiten, da mir lauter Terminsachen auf den Nägeln brennen. Das macht aber wohl nichts; wir wollen ja vor allem das Prinzipielle diskutieren.

Das verlagseitig erstellte Protokoll des Treffens vom 10.3.2007 trägt den Titel: „Protokoll zur geplanten Vorgehensweise“ und enthält überwiegend technische Anmerkungen zur Zusammenarbeit; so sollten Dirk Schultze und Dirk Vanderbeke bis Dezember 2007 die geänderte englische Textversion mit farbig herausgestellten Korrekturen unter Darstellung der alten Textgrundlage produzieren. Harald Beck sollte Übersetzungsvorschläge liefern, die mit Schultze/Vanderbeke besprochen werden sollten, wobei Vanderbeke als „zentraler Ansprechpartner zu den Zwischenstufen“ fungieren sollte. Wer das letzte Wort haben sollte, wird in dem Papier nicht ausgeführt. Wollschlägers Übersetzungsexemplar mit seinen handschriftlichen Korrekturen sollte „am Schluß an alle Beteiligten zur Schlußabstimmung versandt“ werden.

Unter Punkt 6 heißt es:

Mit Herrn Wollschläger ist eine Vereinbarung zu treffen (Arbeitszeitraum Januar bis Dezember 2008);

Das Protokoll wurde Hans Wollschläger am 21.3.2007 übersandt; da er bereits vor seinem 72. Geburtstag, dem 17.3.2007, ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte, hat er von diesem Protokoll – auch während eines kurzfristigen Aufenthalts zuhause in der ersten Aprilhälfte –  keine Kenntnis mehr genommen, und naturgemäß kam es auch nicht mehr zu der avisierten Vereinbarung, da er am 19.5.2007 starb.

Eine Überarbeitung der Übersetzung, die über die veränderte englische Textvorlage hinausgeht, ist dem Plan nicht zu entnehmen.

Am 6.7.2007 trat der Verlagslektor an Monika Wollschläger heran. Dieses Schreiben liegt mir nicht vor, wohl aber ihre Antwort vom 10.7.2007:

ich bin gern damit einverstanden, wie Sie in Ihrem Brief vom 6. Juli schrieben, daß die Herren Beck / Vanderbeke / Schultze die erforderlichen Korrekturen in der Ulysses-Übersetzung mit – wie Sie sagen – großer Zurückhaltung vornehmen. Mein Mann hat ja immer nur von einer Handvoll Korrekturen gesprochen – nur sind diese hier nirgendwo (oder für mich einstweilen noch nicht auffindbar) gespeichert. Ich bin derzeit dabei, das Archiv zu ordnen. Sollte ich die Handvoll finden, erfahren Sie es als erster.

[Hervorhebungen von mir]

Das war die Basis, auf der Vanderbeke/Schultze mit ihrem Zuarbeiter Beck die Übersetzung an die veränderte englische Textbasis der Gabler-Ausgabe anpaßten. Die weitergehenden Ambitionen von Harald Beck führten im Jahr 2010 dazu, daß Vanderbeke und Schultze, die Hans Wollschlägers Übersetzung im Jahr 2004 umfangreich kommentiert hatten und diese bewahren wollten, ausstiegen.

Susanne Mayer hat deren Ausstieg so kommentiert:

Dirk Vanderbeke, Professor in Jena, sagt, schon im ersten Team habe man heftig gestritten, ob man wortinhaltszentriert arbeiten solle oder orientiert an der rhetorischen Form der Übersetzung. Deshalb Trennung. Es übernahmen dann 2010 Ruth Frehner und Ursula Zeller aus der Zürcher Joyce-Stiftung. Sie geben an, ihr Fokus sei gewesen, „den Wollschlägerschen Text näher an das Original heranzuführen“. Im Zweifel, bestätigt auch Beck, habe Beck entschieden.

http://www.zeit.de/2018/10/ulysses-james-joyce-wollschlaeger-uebersetzung/komplettansicht

Die Zürcher Joyce-Stiftung bestätigt  den „Werktreue“-Ansatz von Harald Beck, plötzlich im Jahr 2010 zum Chef aufgestiegen:

Deshalb wurde die Revision 2007 einvernehmlich an die Hand genommen. Nur drei Monate später verstarb Wollschläger; das von Harald Beck geleitete Team setzte seine Arbeit dennoch fort. Aber wie weit sollten die Revisionen gehen? Das war in diesem Fall eine heikle Frage.

Für eine Übertragung des «Ulysses» ist beides vonnöten: der bereits genannte schöpferische Eigensinn, aber auch das beharrliche Ausloten von Details, von sprachlichen, inner- und aussertextlichen Bezügen und Zusammenhängen. Deshalb begleiteten Fritz Senn und der deutsche Anglist Klaus Reichert Wollschlägers Übersetzungsarbeit seinerzeit mit fachkundigem Rat. «Bei den vielen unvermeidlichen Meinungsverschiedenheiten habe ich die Entscheidung natürlich immer Wollschläger überlassen», erinnert sich Fritz Senn, «vor allem auch, was den Ton angeht.» Und hier liegt die Crux der neuen Edition – die Frage, wie viel Autorität dem Original, wie viel der Intention und Leistung des Übersetzers zukommen soll.

https://www.nzz.ch/feuilleton/ulysses-neuedition-rechtlich-ist-die-sache-tot-ld.1361961

[Hervorhebung von mir]

Von alldem, was sich so zutrug, ahnte ich nichts.

Nicht einmal, als ich am 12.11.2016 eine Mail des Suhrkamp-Verlags vom 10.11.2016 erhielt. Sie kam per Post. Adressiert war sie an einen vermeintlichen Rechtsanwalt Monika Wollschlägers, in der Anrede war zusätzlich Monika Wollschläger bedacht. Es wurde die „gute Nachricht“ überbracht, daß die Übersetzungs-Überarbeitung nun abgeschlossen und mit der Herstellung begonnen worden sei. Über die Anpassung an die Gabler-Edition des englischen Text hinaus habe es Korrekturen von „Ungenauigkeiten und Versehen“ gegeben, wobei „Hans Wollschlägers Ton“ erhalten geblieben sei.

Diese Mail trug einen an mich adressierten handschriftlichen Zusatz, ich möge dieses Schreiben zur Kenntnis nehmen, an den Tantiemen Hans Wollschlägers ändere sich nichts.

Zwar etwas irritiert von der Formlosigkeit der Ansprache, tat ich genau das: ich nahm zur Kenntnis und heftete die Mail samt Briefumschlag ab, im Glauben, daß zwischen Monika Wollschläger und dem Verlag ein entsprechender Vertrag abgeschlossen worden war. Welcher Verlag würde ohne hinreichende Rechtsgrundlage mit der Herstellung beginnen?

Zweifel daran kamen mir erst, als am 16.6.2017 folgender Text von Harald Beck erschien:

Harald Beck

Übersetzen ist ein asymptotisches Handwerk

In unregelmäßiger Folge werden an dieser Stelle Berichte aus der Werkstatt der Übersetzungsrevision des Ulysses vorgestellt, die einen Eindruck davon vermitteln sollen, auf welchen Überlegungen die vorgenommenen Änderungen beruhen. – Den Anfang macht Harald Beck, der zehn Jahre lang an der Revision gearbeitet hat.

[…]

Knapp 50 Jahre danach folgte 1975 Hans Wollschlägers gefeierte Neu-Übersetzung, die nun einer schnell wachsenden, weitgehend enthusiastischen deutschen Leserschaft erstmals eine glaubhafte Vorstellung von der sprachlichen Vielfalt und Virtuosität des Originals vermitteln konnte. Sie basierte allerdings noch auf einer unzuverlässigen Textvorlage aus den 60er-Jahren, der Bodley-Head- oder Random-House-Ausgabe, enthielt aber bereits einzelne Textkorrekturen zu fehlerhaften Stellen, die in der Zwischenzeit entdeckt worden waren.

Dreißig Jahre später, im Februar 2007 [März 2007], stimmte Hans Wollschläger bei einem Treffen in seinem Haus in Dörflis zu, mit einem kleinen Team von Beratern seine Übersetzung auf der Grundlage der kritischen Edition des Originals zu überarbeiten und dabei neue Erkenntnisse der lexikologischen Forschung und der beträchtlich angewachsenen Kommentierung des Ulysses zu berücksichtigen. Nach seinem plötzlichen Tod wenige Wochen danach, entschloss sich der Verlag, die geplante Revision trotzdem in die Wege zu leiten. Zehn Jahre später ist sie nun abgeschlossen. Zum Team gehörten von 2007 bis 2009 Harald Beck, Dirk Schulze und Dirk Vanderbeke, von 2009 bis 2017 Harald Beck, Ruth Frehner und Ursula Zeller, Kuratorinnen der Zürcher James Joyce Stiftung. Besonderer Erwähnung bedarf die großzügige Unterstützung der Revisionsarbeit durch Hans Walter Gabler und den Mastermind der englischen Lexikografie, John Simpson, bis 2013 Chief Editor des Oxford English Dictionary. Und wie schon bei Hans Wollschlägers ursprünglicher Übersetzung stand Fritz Senn, Direktor der Zürcher James Joyce Stiftung, auch der revidierten Übersetzung als Berater zur Verfügung, wiewohl er insgeheim überzeugt ist, dass sich Ulysses nicht übersetzen lässt.

http://www.logbuch-suhrkamp.de/harald-beck/uebersetzen-ist-ein-asymptotisches-handwerk/

[Hervorhebungen von mir]

In der – jetzt gelöschten – Verlagsankündigung der „Ulysses-Übersetzung von Hans Wollschläger“, Erscheinungstermin: 23.10.2017, hieß es u.a.:

Vor 95 Jahren erschien Ulysses in Paris, vor 90 Jahren Georg Goyerts erste, vor 42 Jahren Hans Wollschlägers hoch gelobte und viel geliebte zweite Übersetzung ins Deutsche. Aber erst 1984, neun Jahre danach, legte ein Team um den Anglisten Hans Walter Gabler den Originaltext  zum ersten Mal  verlässlich ediert, in der von James Joyce intendierten Gestalt vor.

Harald Beck und die Kuratorinnen der Zürcher James Joyce Stiftung haben auf dieser Grundlage die Übersetzung Hans Wollschlägers in mehrjähriger Arbeit revidiert – und damit dem Original unerhört nahegebracht. Der deutsche ist dem englischen Text auf den Leib gerückt und hat – an Frische, Direktheit und Joyce-Ton – gewonnen.

»Joyce redivivus!« Allen, Alt- wie Jung- und Neulesenden, verspricht der neue Ulysses ein aufregendes Leseabenteuer und -vergnügen.

[Hervorhebungen von mir]

Hans Wollschläger hätte einer derartigen Bearbeitung seiner Nachdichtung niemals zugestimmt, und daß seine Witwe einem Beraterstab von „Joycianern“ freie Hand gegeben haben sollte, konnte ich mir nicht vorstellen.

Am 18.6.2017 schrieb ich daher folgenden Brief:

Am Bloomsday wurde ich auf den Text von Harald Beck: Übersetzen ist ein asymptotisches Handwerk auf einem Suhrkamp-Blog aufmerksam gemacht.

http://www.logbuch-suhrkamp.de/harald-beck/uebersetzen-ist-ein-asymptotisches-handwerk/

Da mir hierzu schriftliche Unterlagen fehlen und Monika Wollschläger mit mir über diese Bearbeitung nicht gesprochen hat, bitte ich um Übersendung der vertraglichen Vereinbarung über das Bearbeitungsrecht an der Wollschläger-Übersetzung.

Ich bedanke mich bereits jetzt.

 

Es stellte sich schnell heraus, daß eine solche Vereinbarung nicht vorhanden war, woraufhin ich am 30.6.2017 schon aus grundsätzlichen Erwägungen eine jetzt mit mir zu treffende Vereinbarung ablehnte (wobei mich die Mitteilung einer Bekannten, die einen Blick auf die Korrekturfahnen der bearbeiteten Fassung werfen konnte und sich negativ geäußert hatte, bestärkte).

Das war also die von mir angeblich erhobene Klage.

In der Folge kam es zu einem sehr freundlichen Briefwechsel mit Jonathan Landgrebe, der mich davon überzeugen wollte, daß es sich um eine vorsichtig überarbeitete Fassung der Wollschläger-Übersetzung handele, was sich aus einem Vergleich der ersten sieben Seiten des Wollschläger- mit dem Beck-Ulysses sowie aus dem Vorwort von Harald Beck ergebe.

Letzteres ist mittlerweile veröffentlicht worden:

 

http://www.logbuch-suhrkamp.de/wp-content/uploads/2018/03/harald_beck-ulysses_revision-vorwort-copyright-suhrkamp_verlag.pdf

In meiner Würdigung dieser Unterlagen kam ich zu dem gegenteiligen Ergebnis.

Aber zuvor ist die Grundfrage zu stellen: wie überträgt man ein so vertracktes Kunstwerk wie den „Ulysses“ in eine andere Sprache? Und was intendierte Hans Wollschläger?

Dörflis, Oktober 2006, Foto: Gabriele Gordon

Kurt Tucholsky schrieb über die Goyert-Übersetzung:

[…]

Mögen Anglisten entscheiden, wie der Übersetzer Georg Goyert seine Riesenaufgabe bewältigt hat, bei der ihn übrigens der deutsch verstehende Verfasser unterstützte. Es handelt sich hier auch gewiß nicht darum, dem Übersetzer, der jahrelang gearbeitet haben mag, Fehlerchen anzukreiden. Das kann ich nicht.

Wohl aber kann ich nach Hunderten von Stichproben bei der ersten Lektüre eines sagen:

In welchem Stil dieses Buch abgefaßt ist, steht dahin. Dichterisches Deutsch ist es bestimmt nicht.

[…]

Ich nehme eine Stelle des glatt laufenden Textes.

»Als er an Blooms zahnärztlichen Fenstern vorbeischritt, bürstete sein wehender Staubmantel einen dünnen, tastenden Stock aus seiner Richtung, fegte weiter und traf dann einen schwachen Körper. Der blinde Jüngling wandte sein krankes Gesicht hinter der davonschreitenden Gestalt her.«

Das ist nichts. Das ist tot. Das hat keine Musik, tönt nicht, die Worte sind, wie Jacobsen das einmal ausgedrückt hat, »aus dem Wörterbuch« genommen; sie sind richtig, ja ja – aber es schwingt nichts unterhalb der Prosa, die Sprachmelodie fehlt. So geht das durch das ganze Buch. Seine Sprache ist stumpf.

[…]

Schlußurteil über die Übersetzung:

Hier ist entweder ein Mord geschehen oder eine Leiche fotografiert.

[…]

Doch stellen diese Visionen im ›Ulysses‹ vielleicht Anforderungen an den Übersetzer, denen grade noch der allergrößte Sprachkünstler gewachsen wäre. Und der übersetzt nicht, sondern schreibts selber.

[…]

Peter Panter

Die Weltbühne, 22.11.1927, Nr. 47, S. 788.

 

http://www.textlog.de/tucholsky-ulysses-joyce.html

Susanne Mayer zitiert in ihrem Artikel Walter Benjamin:

Man wagt kaum zu fragen, was wohl Walter Benjamin zu alldem sagen würde, der in seinem berühmten Text Die Aufgabe des Übersetzers die Suche nach Fehlern in Übersetzungen, das Verlangen nach großer Werktreue als Missverständnis bezeichnet hat. Nur in der Nachdichtung, so Benjamin, erreiche das Original „seine stets erneute späteste und umfassendste Entfaltung“.

http://www.zeit.de/2018/10/ulysses-james-joyce-wollschlaeger-uebersetzung/komplettansicht

Hans Wollschläger teilte diese Auffassung:

Ein Stück von ihm: daß der Ulysses dies zu werden nicht etwa nur erlaubte, sondern zur unbedingten Aufgabe machte, rechnet der Übersetzer zu den größten der Schwierigkeiten, vor die er gestellt war. Denn die Sprache dieses Weltalltags der Epoche, wie Hermann Broch das Buch genannt hat, ist gerade, wo sie im Kanon ihrer mannigfaltigen Formen objektiviert erscheint, Widerbild der höchsten Subjektivität und Erfahrung eines Gehörs – und in einem Gehör auch hatte sich die Verwandlung ins Deutsche zu vollziehen, nicht nur der bloßen Worte, sondern der schillernden, dauernd wechselnden Stilresonanzen, die quer durch alle Schichten der Menschensprache reichen, von den höchsten Erinnerungsfeldern der Literatur bis hinunter in die Trümmergründe des Jargons. Damit aber ist keine Freiheit umschrieben, sondern gerade ihr Gegenteil: die extreme Einschränkung aller Erlaubnisse, die dem Übersetzer sonst gegeben sind, und zugleich die Aufhebung aller Sicherheit, die das präzise Verdolmetschen bloßer Worte gewährt. Was hier aufgegeben war, könnte man am besten wohl als  »Identifizierung auf Zeit« bezeichnen: die Pflicht, die psychische Struktur des Autors so weit ins eigene Ich hereinzuholen, daß es möglich wurde, auch irrationale Bewegungsmechanismen des Werks zu erspüren und zu übertragen. Denn durchaus zahllose, subtil verschlüsselte Wort-, Klang- und Sinnfiguren sind nur so zu erspüren und zu übertragen; dem bloß musternden Vokabelprüfer bleiben sie dunkel, hier bei uns wie in England und Irland, immergrüne Zankäpfel der Sekundärliteraten.

[Hans Wollschläger: Am Ende eines »Welt-Alltags«; in: Internationales Jahrbuch für Literatur. ensemble 7. München: dtv 1976, S. 156–168, (S. 161); diese Stelle zitiert nach einer Vortragsfassung vom 26.2.1976; Hervorhebungen von mir]

Oder:

Es soll hier keine Theorie des Übersetzens vorgetragen werden (die zuletzt auch nur eine Konfrontation der lange schon bestehenden und sich bekriegenden Theorien sein könnte); auch bekennt der Übersetzer seine Unlust, dem häufig erhobenen Einwand seiner Kritiker, man merke seinen Übertragungen den fremdsprachlichen Ursprung nicht mehr an, viel mehr entgegenzusetzen als die Feststellung, daß ihm damit das Gelingen seiner vielleicht wichtigsten Absicht bescheinigt sei. Ein deutsches Buch – ein Kunst-Werk der deutschen Sprache: das sollte auch der übertragene ULYSSES werden –, aber er mußte es unter Verzicht auf alle Freiheiten werden, die sich der Übersetzer im „Normalfall“, das zu erreichen, herausnimmt.

[wie vor, S. 159 f.]

Dieter E. Zimmer hat bereits 1976 auf das nicht spannungsfreie Verhältnis zwischen Übersetzer und Redaktion, Fritz Senn und Klaus Reichert (in deren Tradition Harald Beck zu wirken scheint), hingewiesen:

Zum Schreien schwierig

Wie die Neuübersetzung von Joyces Kolossalroman entstand

  1. Januar 1976, 7:00 Uhr Aktualisiert am 21. November 2012, 14:58 Uhr

Von Dieter E. Zimmer

[…]

Diese Zusammenarbeit verlief nicht ohne Spannungen. Zwei völlig legitime, aber weit auseinanderliegende Übersetzungskonzeptionen stießen hier aufeinander. Wollschläger wollte „keine Wortübersetzung an der Grammatik entlang“, sondern einen eigenständigen deutschen Text, „ein Kunst-Werk der deutschen Sprache“. Senn und Reichert wollten lieber Strukturen übersetzt sehen, Entsprechungen, Zusammenhänge, auch wenn die Stimmigkeit und Gefälligkeit der einzelnen deutschen Stelle darunter litte.

Dazu kam, daß Wollschläger ein Mann mit einem ungeheuren, aber auch ungemein logischen Sprachgefühl ist.

[…]

Für Senn und Reichert, Pedanten auf andere Art, war dagegen äußerste Texttreue oberstes Gebot – eingeschlossen die Treue zu den Joyceschen Stilbrüchen.

Übersetzer und Redakteure trafen sich jedoch wieder in der Überzeugung, daß es eine restlose Übersetzung nicht gibt, schon gar nicht bei einem Buch wie diesem, daß die Übersetzung nur eine Annäherung sein kann und niemals wirklich abschließbar.

[…]

http://www.zeit.de/1976/06/zum-schreien-schwierig/komplettansicht

So wurde die Wollschläger-Übersetzung auch aufgenommen:

Eine neue, spontane und gelöste Sprache und parodistische Variationen aller möglichen Stile machen den „Ulysses“ zu dem, was er vor allem ist: ein Roman, betont Übersetzer Wollschläger unermüdlich, „dessen Held die Sprache ist, dessen Stoff die Sprache ist und in dessen Handlung das Eigenleben der Sprache selbst beschrieben wird“.

Die Wortmusik und Sprachmelodie des „Ulysses“ ins Deutsche „rüberzubringen“, was der ersten Übersetzung im Jahr 1927 nicht gelungen war, hat Wollschläger besonders interessiert, er ist dafür auch besonders präpariert.

DER SPIEGEL 13/1976

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41331062.html

 

22.03.1976

Mit Kling Klang und TatüTata

Ein halbes Jahrhundert lang waren deutsche Joyce-Leser auf Georg Goyerts stiltrockene, fehlerhafte und sinnverdunkelnde „Ulysses“-Übersetzung angewiesen. Was ihnen bisher an Joyceschem Witz, an versteckten Zitaten und Anspielungen, an Sprachstruktur, Rhythmus und Melos vorenthalten wurde, Hans Wollschlägers Neuübertragung macht es deutlich — etwa in der Beschreibung des gemessenen Schritts, mit dem der Annoncen-Akquisiteur Leopold Bloom morgens durch Dublin wandert (zum Vergleich: Goyerts Text links, Wollschlägers Version rechts):

 

[Goyert]

Bloom ging ernst vorbei an den Lastwagen auf dem Sir John Rogerson’s Quai, vorbei an der Windmill Lane, an Leask’s Ölmühle und dem Telegraphenamt.

 

[Wollschläger]

An Ladekränen entlang dem Sir John Rogerson’s Quay schritt Mr. Bloom gesetzt dahin, vorbei an der Windmill Lane, an Leask’s Leinsamenmühle, am Telegraphenamt.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41331064.html

Ginge es nach Harald Beck, müßten wir jetzt einen Schritt zurück in Richtung Goyert gehen:

Die 5. Episode, deren gelegentliches Abdriften in träumerische Lethargie sich aus der homerischen Vorlage ableitet, beginnt mit dem Satz: „By lorries along sir John Rogerson’s quay Mr Bloom walked soberly …“ Der Kontrast dieses initialen „soberly“ (nüchtern) und der folgenden Tagträumereien wird durch Wollschlägers „… entlang dem Sir John Rogerson’s Quay schritt Mr. Bloom gesetzt dahin“ nicht spürbar. Die Revision lautet deshalb: „… entlang Sir John Rogerson’s Quay schritt Mr. Bloom nüchternen Muts dahin.“

[S. 13 des Vorworts]

http://www.logbuch-suhrkamp.de/wp-content/uploads/2018/03/harald_beck-ulysses_revision-vorwort-copyright-suhrkamp_verlag.pdf

Man erkennt, was „Werktreue“ für das „Forscherteam“ bedeutet.

Im Ernst: wer, außer Harald Beck, hat jemals etwas von nüchternem Mut/nüchternen Muts gehört? Entsprechende Google-Ergebnisse liegen im einstelligen Bereich. Und wieso fehlt der Artikel dem – als ob der Quay Sir John Rogerson gehöre?

Arbeitszimmer Hans Wollschläger in Dörflis, Oktober 2005, Foto: Gabriele Gordon

Die Vokabelprüfer-Eigenschaft Becks belegte auch der Übersetzungsvergleich.

In den ersten sieben Wollschläger-Seiten – sie gehören nicht zu den schwierigen Teilen des Ulysses – brachte das Team 116 Änderungen an. Auf die neue englische Textvorlage lassen sich 17 Änderungen in der Interpunktion zurückführen, zwei auf Wortaustauschungen: einmal von „grey“ zu „great“, einmal von „great“ zu „grey“.

Ansonsten herrschen Willkür und Beeinträchtigung des Kunstwerk-Charakters.

Die fängt schon im zweiten Satz an:

Ein gelber Schlafrock mit offenem Gürtel bauschte sich leicht hinter ihm in der milden Morgenluft. (Wollschläger)

Ein gelber Schlafrock, ungegürtet, bauschte sich leicht hinter ihm in der milden Morgenluft. (Beck)

Da haben wir die durch Kommata eingerahmte Apposition mit dem häßlich knallenden viersilbigen Wort „ungegürtet“, die den Fluß jäh unterbricht. Warum? Weil bei Joyce die Vokabel ungirdled steht. Die im englischen Kontext aber viel sanfter klingt und sich dem Sprachfluß nicht entgegenstellt:

A yellow dressinggown, ungirdled, was sustained gently behind him on the mild morning air.

Beck mit seinem Programm einer „Präzision“ der Übersetzung zerstört die Feinheiten einer kongenialen kreativen Übertragung. Zusätzlich wird der Assoziationsraum verschüttet, den die Formulierung mit offenem Gürtel eröffnet hat: in der kommentierten Wollschläger-Ausgabe von 2004 heißt es hierzu auf S. 7:

Der Gürtel, den der Priester während der Messe trägt, symbolisiert Keuschheit; ein offener Gürtel deutet daher auf Unkeuschheit hin.

Der gesamte Einstieg ist eine Travestie der katholischen Messe: der bibelfeste Pfarrersohn Wollschläger hatte ein besonderes Gespür für derlei Anspielungen. Gespannt war ich auf diese Neu-Übersetzung:

Buck Mulligan peeped an instant under the mirror and then covered the bowl smartly.

-Back to barracks, he said sternly.

He added in a preacher’s tone:

-For this, O dearly beloved, is the genuine christine: body and soul and blood and ouns. Slow music, please. Shut your eyes, gents. One moment. A little trouble about those white corpuscles. Silence, all.

Für den Leser des englischen Textes ist die Kleinschreibung ein Signal, daß das Wort mit Mehrfachbedeutungen aufgeladen ist: von Eucharistie über christlich bis hin zu einem Namen. Für manch einen mag sogar noch pristine anklingen, makellos, jungfräulich.

Ich habe mir sagen lassen, daß Georg Goyert seinerzeit christine  mit „Eucharistilin“ übersetzte. Ein netter Versuch. Aber immerhin ein Versuch!

Bei Hans Wollschläger klingt die Passage so:

Buck Mulligan lugte kurz unter den Spiegel und deckte dann mit pfiffiger Miene das Becken zu.

-Huschhusch ins Körbchen, sagte er streng.

Und im Ton eines Predigers fügte er hinzu:

-Denn dies, o geliebte Gemeinde, ist der wahre eucharistische Jakob: Leib und Seele, potz Blut und Wunden. Getragene Musik, wenn ich bitten darf. Die Augen zu, Herrschaften. Einen Moment. Kleine Panne mit den weißen Korpuskeln. Silentium, alle!

 

Genial gelöst. Man hat den „wahren Jakob“ als stehenden Begriff, den Namen eines Heiligen und den Hinweis auf die Eucharistie, die hier parodiert wird. Seifenschaumflocken sollen zu Hostien werden.

Nun kommt Harald Beck (die sonstigen Abweichungen von Hans Wollschlägers Übersetzung  sind unterstrichen):

Buck Mulligan lugte kurz unter den Spiegel und deckte dann flink das Becken zu.

-Zurück ins Quartier! sagte er streng.

[Und] Im Ton eines Predigers fügte er hinzu:

-Denn dies, o geliebte Gemeinde, ist die wahre Christine: Leib und Seele, potz Blut und Wunden. Getragne Musik, bitte. Die Augen zu, Herrschaften. Einen Moment. Kleine Panne mit den weißen Korpuskeln da. Alle mal Ruhe.

Die wahre Christine ist sozusagen eine Kapitulation, eine Übersetzungsverweigerung angesichts der von Joyce eindeutig intendierten Mehrfachbedeutung.

Was Harald Beck angerichtet hat, hat der Doyen der Joyce-Forschung, Fritz Senn, laut ZEIT trefflich kommentiert:

Fritz Senn, Leiter der Zürcher Joyce-Stiftung, der mit Wollschläger die erste Edition verantwortet hatte, sagt, eine so umfangreiche Revision sei natürlich nie geplant gewesen. Zu unterscheiden sei immer zwischen möglichen, notwendigen und überflüssigen Änderungen. Weil eine Änderung ja oft andere auslöse. Der gefürchtete Lawineneffekt.

http://www.zeit.de/2018/10/ulysses-james-joyce-wollschlaeger-uebersetzung/komplettansicht

Es würde den Raum sprengen, meine komplette Kritik der Beckschen Veränderungen, wie ich sie Suhrkamp gegenüber geäußert habe, hier zu veröffentlichen. Sie sind schlicht unvereinbar mit der Wollschläger-Übersetzung, und sein Vorwort-Ausblick darauf, was alles an Wollschlägers „explikativen“ Übersetzungen gestrichen wurde, oder wie der Molly-Monolog „aufgeraut“ wurde, der laut Joyce ja nicht verstanden werden soll, macht einem angst und bange.

Von Ruth Frehner, die sich auf der Suhrkamp-Seite nach Bekanntwerden der Nicht-Veröffentlichung am 28.2.2018 zu ausgewählten Änderungen äußerte:

Ruth Frehner

In den Köpfen von Mr und Mrs Bloom

[…]

Noch bevor ich auch nur einen Satz des Ulysses gelesen hatte, blieb einer in meinem Gedächtnis hängen, und zwar aus der deutschen Übersetzung von Hans Wollschläger:
»Und er ging hinaus und weinte Buttermilch.«
Das war 1976, als in einer Schweizer Radiosendung Wollschlägers neue deutsche Übersetzung diskutiert wurde, der mit diesem fast schon dadaistisch anmutenden Satz Buck Mulligans »And going forth he met Butterly« übersetzt hatte. Natürlich wusste ich damals noch nicht, was es mit diesem Satz alles auf sich hat – es ist sehr viel –, aber eines wurde mir klar: Literarisches Übersetzen war neben vielem anderen auch ein Handwerk, wo Kreativität gefragt ist, und offensichtlich brachte Hans Wollschläger diese in nicht unerheblichem Masse ein.

[…]

http://www.logbuch-suhrkamp.de/ruth-frehner/in-den-koepfen-von-mr-und-mrs-bloom/

hätte ich natürlich brennend gern erfahren, ob wenigstens diese Stelle erhalten blieb. Das verrät sie in ihrem Rechtfertigungstext  leider nicht.

Hans Wollschläger:

Und wenn er, gleich darauf, beim Hinausgehen sagt:“ And going forth he met Butterly“, so  „traf er Bütterlich“ bei Goyert; aber das „he met Butterly“ ist eine Verballhornung des „he wept bitterly“ aus der Geschichte der Verleugnung Petri, der hinausging und bitterlich weinte, und so muß es deutsch ähnlich heißen: „Und er ging hinaus und weinte Buttermilch. “

[wie vor, S.165]

Zuletzt sei auf folgenden Gegensatz zwischen Harald Beck und Hans Wollschläger hingewiesen:  In seinem Vorwort merkt er an:

Wie sich mangelnde Berücksichtigung des dokumentarischen Charakters des Texte hinsichtlich seines Personals niederschlagen kann, lässt sich am folgenden Beispiel aufzeigen: In der 8. Episode improvisiert Bloom einen scherzhaften kulinarischen Wortwechsel: “May I tempt you to a little more filleted lemon sole, Miss Dubedat. Yes, do bedad. And she did bedad.”

Obwohl Bloom in seinem inneren Monolog fortfährt: “A miss Dubedat lived in Killiney“ und damit den realen Lebenshintergrund betont, ändert Wollschläger Miss Dubedat zu „Miss Dusedat“ für sein nachfolgendes Wortspiel, „Ach ja, dun Se dat“. So kommt dem Roman eine Nebenfigur mit Bezug zur realen Dubliner Lebenswelt Blooms abhanden. Mit dem Wortspiel „do bedad“ verweist Joyce explizit auf den Bühnennamen der „irischen Nachtigall“: Miss du Bédat (1860-1932). Die Revision gibt der Realie den Vorrang vor dem glatteren Wortspiel: „… Miss Dubedat? Ach ja, dun Se dat. Und dann tat se dat bei Gott.“

[S. 9]

Seinem eigenen Blog kann man demgegenüber entnehmen, daß der Bühnenname der Sängerin Martha Jane Du Bédat in ihren Anfangsjahren zwar „Miss Du Bédat“ lautete, also ohne Nennung des späteren Bühnen-Vornamens Marie – aber nicht Miss du Bédat, wie Beck ihn schreibt. Man erfährt auch, daß sie nicht in Killiney lebte, von Joyce mithin nicht gemeint war. Den Namen von zwei Frauen wiederum, Rosa Elizabeth und Mary Rosa Du Bédat, die 1904 tatsächlich in Killiney lebten, dürfte Joyce dem Adressbuch entnommen haben. Und es stellt sich heraus, daß Joyce es sogar gewagt hat, eine Gwendolen Dubedat schlicht zu erfinden. Noch schwerer wiegt die Einschätzung von Fritz Senn, daß es auf eine reale Person dieses Namens weniger ankomme als auf die Möglichkeit, mit diesem Namen Wortspiele zu betreiben:

http://www.jjon.org/jioyce-s-people/dubedat

Mit den von Joyce mit größter Präzision wiedergegebenen Schauplätze[n] des Ulysses ist es allerdings so dolle auch wieder nicht: Auf S. 13 der Wollschläger-Übersetzung finden wir folgende topographische Angabe:

Sie blieben stehen und blickten zur stumpfen Kuppe des Bray Head hinüber, der auf dem Wasser lag wie die Schnauze eines schlafenden Wals.

Im Kommentar dazu wird  auf S. 13 angemerkt:

27-28] Bray Head: Ca. 240 m hohe Landzunge, die sich etwa 12 km südlich vom Turm in Sandycove steil aus dem Wasser erhebt; vom Turm aus eigentlich nicht zu sehen.

Harald Beck besteht allerdings  auf der Unfehlbarkeit seines Idols:

Auch unsichere Kenntnis der von Joyce mit größter Präzision wiedergegebenen Schauplätze des Ulysses kann Übersetzungspannen verursachen. So lässt die Übersetzung von 1975 die Kutschen des Leichenzuges für Paddy Dignam in der schmalen Vorstadtstraße wenden statt abbiegen, was nicht nur nahezu unmöglich gewesen wäre, sondern zudem einen drastischen Bruch von Würde und Etikette im Ritual eines Trauerzuges bedeutet hätte. Es ist die topographische Realität, die hier das Wort „turn“ definiert: die Wagen biegen von der Newbridge avenue links in die Tritonville road ab.

[S. 10]

http://www.logbuch-suhrkamp.de/wp-content/uploads/2018/03/harald_beck-ulysses_revision-vorwort-copyright-suhrkamp_verlag.pdf

O.K, nun also „abbiegen“ statt „wenden“. Und?

Vor allen Dingen: was rechtfertigt die unmittelbar anschließende ad hominem-Bemerkung?

Es ist verwunderlich, dass Hans Wollschläger trotz seiner großen Bewunderung für Arno Schmidt, dessen Werk bekanntermaßen penibelst realitätsverankert ist, Angebote, sich mit den realen Schauplätzen des Ulysses vertraut zu machen, ausschlug.

 

Verwunderlich ist mir eher die Annahme, daß die Bewunderung für einen Schriftsteller  zwangsläufig in den Wunsch münden soll, ihm nachzueifern. Und hätte Harald Beck sich mit Hans Wollschlägers Wesen & Werk befaßt, dann wüßte er die Antwort:

Ich habe das Buch, als Beginn meiner Arbeit, zwei Jahre lang nur gelesen, parallel zum biographischen Material, das Joyce selbst und die Forschung bereitgestellt haben, und habe da erst – nach vielen Jahren der bloßen Kenntnis – begonnen, seine Stilbeschaffenheit wirklich zu verstehen, den proteischen Charakter seines Sprachleibs und dessen vegetativen Steuerungsstrom, kurz: die   N o t w e n d i g k e i t   seines So-Seins – als Resultanten der Verschränkung von Schöpfertum und frühem Schicksal. Ich würde die Materialien zu diesem Schicksal jetzt gern vor Ihnen ausbreiten – aber meine Zeit ist längst überschritten, und wir können auch sie nur noch mit einem kurzen Blick streifen. Ich müßte Ihnen die Mutter vorführen, die im Buch und Leben »geisterhafte« Erscheinung (wie Gorman, der von Joyce verbal-inspirierte, sie zeichnet) – sie die sich (ebenfalls Gorman) »willig ihren zwei großen Herren fügte, John Stanislaus (dem Vater) und der Heiligen Römischen Kirche« und diese Willigkeit im Sohn hinterließ, in Wesen und Sprache, nicht löschbar lebenslang. Und wir müßten zusammen dann das Eingangskapitel analysieren, das scheinbar so einfache, die >Telemachie<, die zugleich   d a s   Mutter-Kapitel par excellence ist – und Quelle eines Unterstroms, der durch das ganze Buch geht und erst im Schlußkapitel ausmündet: wir würden dann sehen, aus welchem Turm der Held Stephen da hinaustritt, welche Stimmen es sind, die da auf ihn eindringen (und wir brauchten, um Buck Mulligan zu identifizieren, das Modell Gogarty dann nicht einmal mehr zu erwähnen), – und sichtbar werden würde Ihnen auch, warum mir zur Wiedergabe dieser Stimmen der Einblick in das Familien-Ambiente von Martello Terrace in Bray (der frühesten erinnerten Kindheitsstätte) viel wichtiger war als die Besichtigung des Martello-Tower selbst, deren Unterlassung so mancher Journalist gar nicht begreifen konnte …

Hans Wollschläger: Joyce pro toto oder Tiefenmuster der Sprache. Einige Überlegungen zur Kreativität der Künstler. in: Der Rabe Nr. 2. Zürich: Haffmans 1983, S.174–194 (S.192f.)

Ach ja: Beck schreibt:

Wo Wollschläger in der ersten Episode des Romans noch »a grey sweet mother« in seiner Vorlage fand, steht nun »a great sweet mother«, und erst in dieser Form ist Buck Mulligans Anspielung auf »Algy«, den Dichter Algernon Swinburne und sein Gedicht »The Triumph of Time«, stimmig: »Isn’t the sea what Algy calls it: a great sweet mother?«

[Vorwort, S. 4]

Und machte bei dieser Gelegenheit aus der “grauen lieben Mutter” gleich eine „große süße Mutter“.

Jetzt versteht man die Verlagsankündigung vielleicht besser.

Der deutsche ist dem englischen Text auf den Leib gerückt und hat – an Frische, Direktheit und Joyce-Ton – gewonnen.

Oder doch nicht?

Diese Frage sollte die zuständige Wissenschaft beantworten.

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