Zum 100. Todestag von Karl May, † am 30.3.1912

Karl May als Kara Ben Nemsi (1896)

Ein kleiner Auszug aus einem utopischen Roman:

»Wann wird er kommen, dieser Friede?« fragte Schakara. »Es scheint fast, nie!«

»Er kommt!« antwortete die Herrin mit schwerer Betonung. »Er muß kommen, denn Gott will es.«

»Es vergingen Tausende von Jahren, ohne daß er kam!«

»Aber es werden nicht mehr Tausende vergehen!«

»Im Abendlande regt es sich bereits,« fiel ich ein. »Die edelsten der Männer und der Frauen vereinen sich, ihm freie Bahn zu brechen.«

»Freie Bahn?« fragte Marah Durimeh. »Im Abendland? Ich weiß, ich weiß! Aber was können die Vorschläge selbst der edelsten Menschen fruchten, wenn man die großen, die deutlichen, die riesenhaft in die Augen fallenden Winke nicht beachtet, welche das Leben selbst erteilt? Und wenn sich hundert Kaiserinnen und tausend Königinnen vereinen, um ihre Stimmen für den sogenannten ewigen Frieden zu erheben, was wäre der Chor dieser Stimmen gegen den fürchterlichen, ununterbrochenen Schrei des Blutes, welches von Anfang an bis heute vergossen worden ist, ohne daß auch nur ein einziges Jahr erschien, von dem man sagen könnte, daß es Friede auf Erden gab.«

»Die Herrscher und Fürsten beschicken Friedenskonferenzen,« sagte ich, »auf denen – -«

»Auf denen man den Krieg, nicht aber den Frieden organisiert!« unterbrach mich Marah Durimeh.

»Man humanisiert den Krieg!«

»Das heißt, man tötet schneller und schmerzloser, aber – man tötet! Ich sage dir, mein Freund, der stolze Krieg steigt nie zum Frieden herab, um ihm die Hand zu reichen, sondern der Friede muß zu ihm empor, um ihn, der ewig widerstreben wird, herabzuschmettern. Hat der Krieg eine eiserne Hand, so habe der Friede eine stählerne Faust! Nur die Macht imponiert, die wirkliche Macht. Will der Friede imponieren, so suche er nach Macht, so sammle er Macht, so schaffe er sich Macht. Du siehst, daß der Friede niemals wirklich Friede sein kann. Er ist es nur so lange, als er die Macht besitzt, es zu sein. Er hat stets auf Vorposten zu stehen. Sobald er sich beschleichen und überfallen läßt, tritt der Feind an seine Stelle. Alle Rüstung der Erde und alle Rüstung ihrer Völker war bisher auf den Krieg gerichtet. Als ob es unmöglich wäre, in eben derselben und noch viel nachdrücklicherer Weise auf den Frieden zu rüsten! Begreifst du, was ich meine?«

»Ich verstehe dich,« antwortete ich. »Krieg oder Friede. Wer von beiden die größere Macht besitzt, der wird herrschen. Woher aber bezieht der Krieg seine Macht?«

»Das wirst du in Ardistan sehen.«

»Und woher der Friede die seinige?«

»Das sollst du in Dschinnistan erfahren. Heute, in diesem Augenblicke, ist nicht die Zeit, über diese Fragen viele Worte zu machen. Worte tun es überhaupt nicht, sondern Taten müssen geschehen. Ihr habt Kriegswissenschaften, theoretische und praktische. Und ihr habt Friedenswissenschaften, theoretische, aber keine praktischen. Wie man den Krieg führt, das weiß jedermann; wie man den Frieden führt, das weiß kein Mensch. Ihr habt stehende Heere für den Krieg, die jährlich viele Milliarden kosten. Wo habt ihr eure stehenden Heere für den Frieden, die keinen einzigen Para kosten, sondern Milliarden einbringen würden? Wo sind eure Friedensfestungen, eure Friedensmarschälle, eure Friedensstrategen, eure Friedensoffiziere? Mehr will ich jetzt nicht fragen. Denn alle, alle diese Fragen werden sich in Ardistan vor dir erheben, und die Antworten werden dir in Dschinnistan erscheinen, doch nur dann, wenn du die Augen offen hältst. Dein Ritt nach diesen beiden Ländern ist ein Studien- und ein Uebungsritt, und was du dir da geistig aneignest, das betrachte als meinen Dank für die Bereitwilligkeit, mit der du meinen Auftrag übernimmst. Diese beiden Länder werden dir ein ziemlich treues Bild der Erde bieten, der Erde, ihrer Bewohner und aller möglichen Verhältnisse, in denen die Völker zueinander stehen. Und wenn dir da Rätsel begegnen, die du nicht lösen kannst, so denke an das Bild, welches ich dir jetzt entwerfe.«

Sie machte eine langsame, andeutende Armbewegung nach dem Osten und fuhr dann fort:

»Da hinten ist die gelbe Rasse aus einem langen, tiefen Schlaf erwacht. Sie regt nur erst die Glieder. Sie beginnt erst, frei zu atmen. Wehe, wenn sie, ihre Kräfte fühlend, vom Lager aufspringt, um zu zeigen, daß sie genau so wie andere berechtigt ist, zu leben!«

Hierauf zeigte sie nach dem Westen und sprach weiter:

»Da drüben liegt Amerika, das ihr so falsch als ‚Neue Welt‘ bezeichnet. Dort lebt der rote Mann, von dem ihr meint, daß er dem Untergange gewidmet sei. Ihr irrt. Dieser rote Mann stirbt nicht. Kein Portugiese, kein Spanier, kein Englischmann, kein Yankee hat die Macht, ihn auszurotten. Und der Deutsche geht nicht hinüber, um des Indianers Feind zu sein. Sie haben Beide das, was wohl kein Anderer hat, nämlich Gemüt, und das wird sie vereinen. Der sogenannte ’sterbende‘ Indianer wird wieder aufstehen. Es gibt ein übermächtiges, weltgeschichtliches Gesetz, welches befiehlt, daß der mit dem Schwert Besiegte mit dem Spaten dann der Sieger sei. Der gegenwärtige Yankee wird verschwinden, damit sich an seiner Stelle ein neuer Mensch bilde, dessen Seele germanisch- indianisch ist. Diese neue amerikanische Rasse wird eine geistig und körperlich hochbegabte sein und ihren Einfluß nicht auf die westliche Erdhälfte allein beschränken. Sie wird sich aller geistigen Triebkräfte des Abendlandes bemächtigen, und wehe dem alten Europa, wenn es dem nichts Anderes entgegenzusetzen hat, als nur die alten Vorurteile, die alte Selbstüberhebung, die alten Kultursünden und – – die alten Kanonen! Denn auch der Orient beginnt schon, sich zu regen. Er streckt die Glieder; er prüft die Muskeln, die Gelenke. Er glaubt, was Japan konnte, das könne er auch! Der Riese Islam, dessen mächtige Gestalt auf europäischer, asiatischer und afrikanischer Erde ruht, fürchtet sich nicht vor der scheinbaren Uebermacht des Abendlandes. Das Kismet, an welches er glaubt, ist unwiderstehlich im Angriff und von unendlicher Ausdauer. Es wiegt die Uebermacht der europäischen Waffen auf. Gebt dem Morgenlande gute Führer, so wird es siegen. Und siegt es nicht, so wird sein Untergang zugleich der eure sein. Die gelbe Rasse wird sich dann mit der germanisch-indianischen in die Herrschaft über die Erde teilen. Und warum? Weil das Abendland nicht groß, gerecht und edel genug war, seine angeblichen ‚Interessensphären‘ einer humanen Nachprüfung zu unterwerfen und sich mit dem Morgenlande auszusöhnen!«

»Sich mit dem Morgenlande auszusöhnen?« fragte ich. »Das ist falsch. Es muß heißen, das Morgenland mit sich auszusöhnen, denn nicht das Abend- sondern das Morgenland ist der beleidigte, der schwer gekränkte, der unterdrückte Teil. Fast Alles, was das Abendland besitzt, hat es vom Morgenlande. Seine Religion, seine Kunst, seine Wissenschaft, seine ganze Bildung und Gesittung, seine Zerealien, seine Früchte. Den ganzen Grund und Boden seines äußeren und inneren Lebens. Und was es nicht unmittelbar von ihm hat, dazu ist doch wenigstens der Anstoß von ihm ausgegangen. Wie unendlich groß ist der Dank, den wir ihm schuldig sind! Und wie haben wir ihm gelohnt? Wie und womit?«

»Du fragst sehr richtig, sehr richtig!« antwortete Schakara. »Wie habt ihr uns gelohnt, und womit? Nachdem wir euch Alles gaben, was wir besaßen, nur unsere Erde nicht, denn die gehört nicht uns, sondern Gott, kommt ihr mit allerlei Listen und Waffen, uns auch noch diese wegzunehmen! Hätte euch der Orient weiter nichts, weiter gar nichts, als nur das eine, einzige Wort gegeben, ‚Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm‘, so könntet ihr ihm diese eine Gabe nicht mit allen Sonnen, Monden und Sternen belohnen, so viele ihrer auch am Himmel stehen; Ihr aber habt nicht nur hierfür, sondern überhaupt für Alles, was ihr bekamt, keine einzige Tat des Dankes, sondern nur Blut und Krieg und Neid und Haß gegeben.«

»Wenn du das im Abendlande sagtest, würde man darüber lachen, o Schakara,« warf ich ihr zu. »Man behauptet dort das gerade Gegenteil von dem, was du behauptest. Man glaubt, dem Morgenlande Wohltat über Wohltat zu erweisen, indem man zu ihm geht, um – – -«

»Um ihm die Liebe aufzudringen, die es nicht mag, weil sie die falsche ist,« fiel Marah Durimeh ein. »Ich spreche nicht von der Mission, ich spreche von der Nächstenliebe der europäischen Politik. Man zeige mir ein Herz, welches durch sie gewonnen worden wäre! Es gibt keines, kein einziges! Und doch ist es die größte, die wichtigste, ja die heiligste Aufgabe des Abendlandes, das Herz des Orients zu gewinnen, wenn es zukünftige Kämpfe vermeiden will, aus denen es wohl kaum als Sieger hervorzugehen vermag. Und nicht nur nach der Liebe des Orients hat es zu trachten, sondern auch nach seiner Achtung, seinem Vertrauen!«

»Aber wie?« erkundigte ich mich.

»Das fragst du, der du doch schon längst auf dem rechten Wege bist, dir Alles zu gewinnen? In allen Büchern, die du schreibst, lehrst du die Liebe zu dem Morgenlande! Aus allen deinen Schriften lächelt die Seele des Orients – sehnsüchtig, wehmutsvoll! Es ist ein Lächeln durch Tränen! Wärst du das Abendland, du hättest den Orient wohl schnell gewonnen, denn du liebst ihn, und du kommst nicht, um ihn auszunützen. Aber du bist nur ein einzelner Mensch, und es müßten außer dir und denen, die dich lesen, noch viele, viele Tausende kommen, um in demselben Sinne zu wirken und zu leben. Man schicke, so wie du, die deutsche Kunst ins Morgenland! Da lernt man es am besten kennen und lieben! Man sende auch die Wissenschaft, doch nicht nur, um in Babylon nach alten Steinen zu graben, sondern um überhaupt nach dem ruhenden Geist des Orients zu suchen. Die Wege, welche vom Abendlande zum Morgenlande führen, sollen nicht mehr Wege des Krieges, sondern Pfade des Friedens sein! Laßt Waffen- und Soldatentransporte verschwinden! Der Handel blühe! Die Wohlfahrt eile freudig hin und her, um Zwiste auszugleichen, Schäden zu heilen und Segen zu verbreiten! Dann wird der Mensch des Menschen würdig sein. Und wenn die große, schwere Stunde kommt, in der im fernen Westen wie im fernen Osten die Schicksalsfrage: ob Krieg oder Friede, klingt, dann werden beide, der Orient und das Abendland, als unüberwindliche, weltgebietende Freunde beieinander stehen und die Völker der Erde zwingen, ihre Schwerter verrosten zu lassen!«

»Wann wird dies sein?« fragte ich. »Wie bald, wie spät?«

»Geh nach Dschinnistan; dort wird die Stunde schlagen,« antwortete sie.

[Karl May: Ardistan und Dschinnistan I, S. 16 -22, Buchfassung im Verlag Fehsenfeld, Freiburg i. Br. (1909)]

Und hier einer meiner Lieblingsdialoge zwischen Halef und Kara Ben Nemsi:

»Herr, du bist ein Christ, ein Franke, mit dem man von diesen Dingen reden kann. Weißt du, was die Liebe ist?«

»Ja. Die Liebe ist eine Koloquinthe. Wer sie ißt, bekommt Bauchgrimmen.«

»O, Sihdi, wer wird die Liebe mit einer Koloquinthe vergleichen! Allah möge deinen Verstand erleuchten und dein Herz erwärmen! Ein gutes Weib ist wie eine Pfeife von Jasmin und wie ein Beutel, dem nimmer Tabak mangelt. Und die Liebe zu einer Jungfrau, die ist – – die ist – – wie – der Turban auf einem kahlen Haupte und wie die Sonne am Himmel der Wüste.«

»Ja. Und wen ihre Strahlen treffen, der bekommt den Sonnenstich. Ich glaube, du hast ihn schon, Halef. Allah helfe dir!«

»Sihdi, ich weiß, daß du niemals ein Bräutigam sein willst; ich aber bin einer, und daher ist mein Herz geöffnet wie eine Nase, die den Duft der Blumen trinkt.«

[Karl May: Durch die Wüste, S. 272, Verlag Fehsenfeld, Freiburg i. Br. (1892)]

Ein zeitloser Mayster – beide Themen sind immer noch aktuell…

Update (31.3.2012):

Soeben aus Radebeul zurück, mußte ich Betrübliches zur Kenntnis nehmen; denn

nun hat sich Georg Diez, den zu tadeln ich schon einmal nicht umhin konnte:

https://gabrielewolff.wordpress.com/2012/03/21/literaturkritik-als-mittel-der-vernichtung-eines-autors-auf-der-spur-der-methode-diez/

auch Karl Mays angenommen – oder vielmehr, sich des berühmten Namens bemächtigt, um mal wieder seine Befindlichkeit, unverdaute Lesefrüchte und name-dropping von sich zu geben. May dient nur als Aufhänger:

 30.03.2012

Durchs wilde Ironiestan

Eine Kolumne von Georg Diez

Dieser Tage wird ausgiebig der Triumphzug Karl Mays gefeiert – getarnt mit etwas Ironie. Dabei stellte Albert Camus in einer erst jetzt veröffentlichten Abhandlung klar, dass richtig verstandene Ironie immer der Aufklärung dient.

Ist Ironie eine Waffe der Starken oder der Schwachen, ist sie ein Mittel der Wahrheit oder der Lüge, ist Ironie gut oder schlecht? So einfach sind die Fragen, die Albert Camus stellt. Es ist der November 1939, Camus ist Journalist in Algier, die Deutschen machen sich daran, die Welt zu erobern. Aber die Frage nach der Ironie gilt heute so wie damals. Weil die Ironie eine Mata Hari ist, eine Doppelagentin der Wahrheit.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,824763,00.html

Es folgen ungeordnete Ziate und Gedanken zur Ironie, zu Harald Schmidt, zu Camus, zu Thomas Mann, zu Kracht – was der Kritiker denkt oder sagen will, bleibt bis zum Schluß unklar. Da rückt er dann mit der eigentlichen Aussage heraus:

Die Ironie ist dabei eines von vier Prinzipien, an die sich ein freier Mensch, sagt Camus, halten sollte: Klarheit, Widerspruch, Ironie und Eigensinn. „Der Eigensinn ist dabei die wichtigste Tugend“, schreibt Camus, das Paradox sei dabei, dass gerade der Eigensinn zu mehr „Objektivität und Toleranz“ führt.

Und wenn heute alle groß Karl May feiern? Dann weiß ich, warum ich Karl May nie mochte.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,824763,00.html

Ahja. Alle feiern heute May, und daher mußte schon Klein-Georg recht gehabt haben, dagegen gewesen zu sein. Denn Eigensinn ist Individualität. Und um die geht es unserem Kritiker. Nehmt! Mich! Wahr! Und nicht den ollen May.

Literaturkritik als Mittel der Vernichtung eines Autors: auf der Spur der ›Methode Diez‹

Der Versuch des SPIEGEL-Kritikers Georg Diez, den Autor Christian Kracht aus der Gilde ernstzunehmender Autoren herauszuschreiben, indem er ihn als ›Rechten‹ diffamiert, ist glücklicherweise mißlungen. Die Zahl der Kollegen, die ihn tadelten, war groß, prominente Autoren meldeten sich gegen diesen Mißbrauch von Literaturkritik zu Wort, sein eigenes Blatt, der für seine Kultur-Abteilung schon lange unberühmte SPIEGEL, gab dem Kracht-Verleger Helge Malchow Raum zur Gegenrede und veranlaßte seinen vowitzigen Autoren-Erleger Diez zum Nachsitzen: wobei freilich nur wortreich herauskam, daß er den Autor Kracht ja eigentlich gar nicht beschädigen, sondern nur einem eigenen subjektiven Unbehagen habe Ausdruck geben wollen. Und außerdem sei die Etkettierung ›rechts‹ ja kein Verdikt, das den literarischen wie bürgerlichen Tod herbeiführe. Oder so. Jener SPIEGEL 9/2012 ist bei mir schon in der Altpapierkiste gelandet, die seit längerer Zeit entsorgt ist. Ich bitte um rege Hinweise, falls Diez in seinem Erklärstück mit dem unnötig vertraulichen Titel ›Meine Jahre mit Kracht‹ noch etwas Substantielles gesagt haben sollte, das mir womöglich entgangen ist.

Der Literaturskandal blieb also weitgehend aus, der verletzte Schweizer Autor sagte nur seine Premieren-Lesung in Deutschland ab, las aber in Leipzig, und der Absatz seines Romans ›Imperium‹ entwickelte sich erfreulich..

Damit ist der Fall aber nicht erledigt. Denn die Frage bleibt: wie konnte es zu dieser ehrenrührigen Attacke kommen? Welches journalistische Selbstverständnis steckt hinter dem Unterfangen? Was für ein Literaturbegriff liegt dem allem zugrunde? Und wieso findet sich ein bedeutendes Blatt, das diese Entgleisung verbreitet?

13.02.2012

Die Methode Kracht

Von Diez, Georg

Seit „Faserland“ gilt Christian Kracht als wichtige Stimme der Gegenwart. Sein neuer Roman „Imperium“ zeigt vor allem die Nähe des Autors zu rechtem Gedankengut.

Was will Christian Kracht? Am 16. Februar 2012 erscheint sein neuer Roman, er heißt „Imperium“, das Cover ist bunt und schaut einen fast kindlich an wie ein Comic. Eine Südseeinsel und das blaue Meer sind dort zu sehen, ein paar Möwen, ein rauchender Dampfer, eine Eidechse auf einem Baum und ein Totenschädel unter einem Busch.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Dieses Cover wäre ein erster Hinweis auf die Natur des zu rezensierenden Werks gewesen, zumal es heißt, daß Kracht sich auch um die äußere Gestaltung seiner Bücher kümmere:

http://www.amazon.de/gp/product/images/3462041312/ref=dp_image_0?ie=UTF8&n=299956&s=books

Denn es weist weniger Ähnlichkeit mit einem Comic auf als vielmehr mit den Deckelbildern des Karl-May-Verlages. Bis ins Detail ist es diesem hier nachempfunden:

Im Lande des Mahdi III (KMV Radebeul ab 1920)

http://www.biblioman.de/info/Versandantiquari8864/artikel_038610.htm

Im Sudan (Im Lande des Mahdi III) (die aktuelle Version)

http://www.amazon.de/gp/product/images/378020018X/ref=dp_otherviews_0?ie=UTF8&s=books&img=0

Im Vordergrund lauert hier statt Eidechse hilfsweise Gecko und Totenkopf deren Symbiose, gefährliche Krokodile nämlich, der Blick auf das Meer wird auch durch Palmen eingerahmt, im Hintergrund ist ebenfalls eine Insel zu sehen – nur die Vögel fehlen, und statt des Dampfers sieht man, wie sich ein Segelboot ins Bild schiebt.

Illustration eines Abenteuerromans aus kolonialen Zeiten, in dem der Ich-Erzähler gegen den Sklavenhandel streitet; ein Reiseroman, der von Ägypten in den Sudan führt und in den eine historisch verbürgte Person, nämlich der Mahdi, zur Beglaubigung des Realitätsgehalts einer ganz und gar phantasierten Geschichte verwoben ist. In der geht es, wie immer bei May, um Erlösung und Vernichtung, (Worte, die wir uns merken müssen), um Gefangenschaft und Befreiung: Metaphern, die sein reales niederdrückendes, ihn zur Flucht in die Literatur treibendes, Leben nur allzugut beschreiben. Heute könnte man sein ›Leben und Streben‹ als role-model für Autoren bezeichnen. Es gilt selbst für die, die ihn nicht kennen. Sie sollten ihn kennenlernen.

Im Gegensatz zu May, der seine exotischen Wort-Welten aus Reiseberichten, geographischen Werken, Sprachführern und Lexika erbaute, reist Kracht wirklich. Das scheint aber auch der einzige Gegensatz zu sein. Mag sich das Baumaterial beider Autoren unterscheiden, im Ergebnis führte und führt es zu literarischen Utopien. In einer Kundenrezension bei Amazon fand ich dieses Zitat:

‚Max‘ ist eine der schlechtesten Zeitschriften Deutschlands. Das ist bekannt. Daß es der sogenannte ‚Max‘ schafft, noch schlechter als der ‚Stern‘ zu sein, mit dem er neuerdings häufig verglichen wird, ist neu – beinahe. ‚Max‘ schafft es trotzdem, auch diese Hürde mit traumwandlerischer Sicherheit zu nehmen, wie immer wieder in verblüffender Weise deutlich wird. Ein Beispiel dafür ist die Besprechung von Christian Krachts jüngstem Buch ‚Der gelbe Bleistift‘, die in dem Satz ‚Das Buch wird Ihnen gefallen, wenn Sie früher Karl-May-Fan waren‘, verbunden mit der schlechtmöglichsten Punktebewertung, mündet. Danke, lieber Rezensent, danke, ‚fl‘.

http://www.amazon.de/review/R229JEJSU563NO

Diez:

„Unter den langen weißen Wolken“, so beginnt „Imperium“, „unter der prächtigen Sonne, unter dem hellen Firmament, da war erst ein langgedehntes Tuten zu hören, dann rief die Schiffsglocke eindringlich zum Mittag, und ein malaysischer Boy schritt sanftfüßig und leise das Oberdeck ab, um jene Passagiere mit behutsamem Schulterdruck aufzuwecken, die gleich nach dem üppigen Frühstück wieder eingeschlafen waren.“

Es ist ein ferner, seltsamer Klang, der den Leser mit den ersten Sätzen ergreift, die Sprache kräuselt sich sanft wie Wellen, die auf den Horizont zulaufen. Es ist auch eine ferne, seltsame Geschichte, die Kracht da erzählt, von August Engelhardt, „Bartträger, Vegetarier, Nudist“, ein deutscher Aussteiger am Beginn des 20. Jahrhunderts, der sein Glück in der Südsee sucht. Neupommern, Blanchebucht und Herbertshöhe, das waren die Namen damals – und obwohl das alles erfunden wirkt: Es ist mehr oder weniger wahr, die Namen gab es wirklich, und auch August Engelhardt gab es wirklich.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Und spätestens jetzt hätte Diez auffallen müssen, daß er es mit einem Sprach-Kunstwerk zu tun hat, in dem der Duktus der Jahrhundertwende nachempfunden wird und in dem die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Vergangenheit und Gegenwart aufgehoben sind. In dem das Scheitern eines realen erlösungssuchenden Aussteigers zum Plädoyer für die Konstruktion einer literarischen Gegenwelt wird.

So deutete es sich schon in Krachts Erstlingswerk ›Faserland‹ (1995) an, als der durch Deutschland reisende Held, immer mehr erkaltend und vereinsamt in der oberflächlichen Konsumkultur, die ihn umgibt, sich zum Schluß auf den Friedhof von Kilchberg begibt, um das Grab von Thomas Mann zu suchen. Er findet es wegen der einbrechenden Dunkelheit nicht, und daher bleibt er untröstlich…

Der aktuelle Held August Engelhardt ist ein Konsum- und Kapitalismuskritiker wie die Ich-Figur in ›Faserland‹ und geht in seinem realen Flucht-Imperium zugrunde.

Georg Diez, der nebenbei die verblüffende Forderung aufzustellen scheint, ein Autor solle auch ein »guter Mensch« sein, beugt sich über dieses Werk wie seinerzeit ein katholischer Kritiker auf der Suche nach anstößigen Stellen. Und mißt dabei mit folgender, ähnlich unzulänglicher, Elle:

Krachts Koordinaten waren immer Vernichtung und Erlösung. Er platzierte sich damit sehr bewusst außerhalb des demokratischen Diskurses.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Diese Messung kann nur schiefgehen. Man muß dem Kritiker wünschen, daß ihm ein großer Teil der Literatur niemals unter die Augen gerät, insbesondere die Literatur nicht, die sich den existentiellen Fragen des Lebens zuwendet und mit demokratischem Diskurs daher nichts zu schaffen hat. Diez echauffiert sich tatsächlich darüber, daß in einem Kolonialroman Rassismus vorkommt, mokiert sich über allwissend-ironische Sentenzen der zeitenthobenen Erzählerstimme und scheint sogar etwas gegen die doch eigentlich hehren und auch heute noch aktuellen Fluchtgründe des Helden zu haben:

In „Imperium“ nun feiert er „die exquisiteste Barbarei“, in die sich sein Held Engelhardt rettet und sich an dem Gedanken berauscht, „dieser vergifteten, vulgären, grausamen, vergnügungssüchtigen, von innen heraus verfaulenden Gesellschaft, die lediglich damit beschäftigt ist, nutzlose Dinge anzuhäufen, Tiere zu schlachten und des Menschen Seele zu zerstören, adieu zu sagen, für immer“.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Es ist überdeutlich dargetan: Diez will Kracht an den Kragen, und koste es seine eigene Reputation. Zwischendurch fragt er zwar mal: »Wer denkt so?« und »Wer spricht da?«, aber ernsthaft stellt er sich die Fragen nicht: es ist natürlich immer der Autor persönlich, und den will er erlegen. Allein mit dem Buch ›Imperium‹ oder anderen Romanen des Autors schafft er das allerdings nicht:

Und über den Holocaust: „Komödiantisch wäre es wohl anzusehen, wenn da nicht unvorstellbare Grausamkeit folgen würde: Gebeine, Excreta, Rauch.“

Kracht lässt diese drei Worte fallen wie die schönsten, bösesten Edelsteine, die er finden konnte. Aber was will er mit dieser Provokation?

Bei dieser Frage, stellt man irgendwann fest, hilft „Imperium“, helfen die Romane nur bedingt weiter. Kracht kann sich da leicht in seinen Literaturgewittern verstecken.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Das ist natürlich ärgerlich, daß es da einen gibt, der schreiben kann. Den kriegt man nicht zu fassen, der rettet sich in »semantischen Strudel«, der frönt »antimodernem Ästhetizismus«, der produziert »schönen Wellenschlag der Worte«. Leider, leider, hier gilt’s der Kunst, da muß der beschränktere Journalist neidvoll passen und sich daher einen publizierten Mail-Wechsel des Künstlers Kracht mit dem Künstler David Woodard vornehmen, in dem gar obskure Themen und obskure Menschen behandelt werden; denn Künstlers Briefwechsel, Mails und Tagebücher, selbst wenn sie von Anfang an zur Publikation vorgesehen waren, sind für einen Journalisten die Reine Quelle. Da muß doch jetzt das eigentliche Autoren-Denken zum Vorschein kommen… Bei diesen Textsorten gibt es nämlich keine Rollenprosa, keine Selbstdarstellung, keine Kunst, keine Stilisierungen. Meint jemand, der zwar gern selbst einen literarischen Journalismus pflegen würde, wenn er es könnte (es gelingen ihm nur mancherlei Stilblüten), der aber von Künstlern nichts versteht. Von ihren Inszenierungen, ihren Lebens-Umschreibungen. Diez bringt aber, unbewußt, ein hübsches Beispiel, wie diese Lebens-Art auch den Mail-Wechsel durchdringt:

„Es ist sehr bedacht von dir“, schreibt Kracht an Woodard, „dass du dich etwas von dem entfernst, was deine Gegner rechtsradikal nennen könnten, und eine entspanntere Art des zivilen Ungehorsams gewählt hast.“ Hinter diesem „Nebelvorhang“ könne Woodard sich vor den „Linken (in Schottenmuster gekleidete Schweizer feministische DJs) in Europa“ verstecken, die sich „gezwungen sehen werden zu überdenken, wie sie deine Theorie der aristotelischen Komödie interpretieren“.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Nein, mit Komödie und in Schottenmuster gekleideten Schweizer feministischen DJs hat es unser eindimensionaler Mainstream-Kritiker nicht. Und so schließt er wuchtig:

„Wie die meisten seiner Zeitgenossen“, schreibt Kracht in diesem distanziert-ironischen Ton über Engelhardt, „wie alle Mitglieder seiner Rasse war er früher oder später dazu gekommen, in der Existenz der Juden eine probate Ursache für jegliches erlittene Unbill zu sehen.“

Vor dem Hintergrund von Nueva Germania und David Woodard und all den E-Mails werden diese Sätze bleischwer.

Was also will Christian Kracht? Er ist, ganz einfach, der Türsteher der rechten Gedanken. An seinem Beispiel kann man sehen, wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken seinen Weg findet hinein in den Mainstream.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977254.html

Was also will Georg Diez? Er ist, ganz einfach, der beckmesserische Türsteher vor dem Reich der Literatur, in dem er die Plätze anweist, die er selbst niemals einnehmen kann. An seinem Beispiel kann man sehen, wie antimoderner, demokratiefeindlicher, totalitärer Machtanspruch der Presse seinen Weg in den medialen Mainstream gefunden hat.

Notwendiger Seitenblick:

An Georg Diez’ ›Rezension‹ einer nachgelassenen Reportagesammlung des Journalisten Marc Fischer kann man studieren, wie groß sein literarischer Ehrgeiz ist – so groß, daß eine Rezension nicht zustandekommt:

 16.03.2012

Georg Diez

S.P.O.N. – Der Kritiker

Bereit, die Welt zu umarmen

Marc Fischer war ein Journalist, ein Reisender, ein Suchender, ein Romantiker. Vor etwa einem Jahr ist er gestorben, doch mit dem Reportagen-Band „Die Sache mit dem Ich“ lebt er wieder auf – als einer, der einem gute Laune machen kann, selbst wenn man Rückenschmerzen hat.

Ich mochte Marc Fischer, und ich glaube, er mochte mich auch, aber das kann ich natürlich nicht wissen, denn ich rede mit Leuten nicht über so etwas, weil ich denke, entweder ist es so oder eben nicht, und er redete mit Leuten nicht über so etwas, weil er dachte, es wird schon so sein – und jetzt ist er tot, er hat sich vor etwa einem Jahr umgebracht, und seine gesammelten Reportagen erscheinen, und als ich sie gestern Nachmittag durchgelesen habe, da lag ich auf meinem Bett, weil mir mein Rücken weh tut, und ich hatte auf einmal wieder gute Laune, es war, als habe jemand ein paar Wolken vor meiner Brille verrückt.

Das war Marc Fischer.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,821609,00.html

Das sind natürlich nur Ich-Botschaften des Schreibers, die mit Marc Fischer nur insoweit zu tun haben, als er dessen ›Programm‹ zu erfüllen versucht:

06.04.2011

Zum Tode Marc Fischers

          Der Junge mit der Mütze

Von Sebastian Hammelehle

[…]

Popjournalismus zeichnete sich durch dreierlei aus: 1. Phantasie war wichtiger als Recherche; 2. kein Satz sollte so geschrieben sein, wie man es auf den Journalistenschulen beigebracht bekam. Und, 3., die Texte waren ziemlich subjektiv.

[…]

Wie viele Journalisten der Zeit veröffentlichte Fischer Romane („Eine Art Idol“ und „Jäger“) und lotete darin die von Vorbildern wie Bret Easton Ellis und Douglas Coupland vorgegebenen Möglichkeiten der Popliteratur aus. Sein eigentliches Metier aber war nicht der Roman, sondern jene schwer greifbare Mischform im Niemandsland zwischen Journalismus und Literatur.

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,755325,00.html

In diesem Niemandsland irrt Georg Diez zur Zeit orientierungslos umher: was eine Rezension zu leisten hat und wie man an Literatur herangeht, hat er vergessen, aber die reflektierte Subjektivität, die den betrachteten Gegenstand klarer erfaßt und ihm mehr abgewinnt als die Vortäuschung einer objektiven Würdigung, hat er noch nicht gefunden. Auf S.P.O.N. mag er meinethalben ja noch üben. Im SPIEGEL bitte nicht mehr. Die Kollateralschäden seiner eigenen Entwicklungsgeschichte sind schlicht zu hoch. Autoren sind empfindsam. Hätten sie ein rindsledernes Gemüt, würden sie Journalisten werden.

Diese Offenheit ist es, die ich an Marc Fischers Schreiben mag. Man könnte es auch Ratlosigkeit nennen. Aber das sind ja die schönsten Menschen: Die, die im Grunde nicht wissen, was sie tun.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,821609,00.html

Tja. Das war dann wiederum eine treffliche Selbstbeschreibung. Aber wieso ›es‹? Und wieso ›schönste‹ Menschen? Dieses Adjektiv trifft wiederum gar nicht, was der Schreiber ausdrücken wollte.

Die Pointe von alldem ist, daß der von Georg Diez bewunderte reisende Ich-Sager Marc Fischer ein gemeinsamer Freund von Christian Kracht und David Woodard war.

Woodard hat am 6.4.2011 einen kleinen funkelnden Nachruf auf Fischer geschrieben (und hierin die Geschichte erzählt, unter welch aufwendigen Inszenierungen – falsches Haus, falsche Geburtstagsparty, falscher Todesfall, falscher Erbe – er Fischer im September 1996 zum ersten Mal empfangen hat. Eine Geschichte, die der Interpretation des Mail-Wechsels Woodard – Kracht doch sehr auf die Beine geholfen hätte):

http://032c.com/2011/an-elegy-for-marc-fischer-by-david-woodard/

Muß Diez jetzt auch den ratlosen Fischer (vielleicht war aber auch nur sein Schreiben ratlos oder vielmehr seine Offenheit) posthum verdammen, weil der nicht wußte, was er tat, als er mit Kracht und Woodard befreundet war, Diez aber nur mochte, jedenfalls vielleicht? Oder sollte man Menschen, die nicht wissen, was sie tun, vielleicht doch nicht schön finden? Ich überlasse Georg Diez der Wirrnis seiner Gedankenwelt, mit der ich glücklicherweise nichts zu tun habe.

Georg Diez:

Und so stellen die Geschichten von Marc Fischer eben auch ein paar Fragen an uns Überlebende: Wie viel wollen wir riskieren, wie weit würden wir gehen, wie wichtig ist uns unsere Sicherheit, wie groß ist die Sehnsucht, von anderen geliebt zu werden dafür, dass wir das Gleiche machen wie sie? Es sind Geschichten über die Medienwelten, in denen wir uns verheddern, es ist ein Buch über die Zwänge, die wir uns selbst auferlegen, es war ein Leben, das viel komplizierter war, als es schien, was wunderbar ist, wenn es gut geht.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,821609,00.html

Für Fischer ging es nicht gut, und auch Georg Diez sehe ich auf einem schlechten Weg. Es ist nämlich kein Ausweg, sich selbst den medialen Mainstream-Zwängen zu unterwerfen, und den Schmerz darüber in Aggression gegen einen anderen abzuleiten, der eine freie Haltung, die des literarischen Spiels gegen alle Konvention, gefunden hat.

Georg Diez sollte sich fragen, warum der SPIEGEL seinen unterkomplexen Angriff gegen Christian Kracht überhaupt abdruckte. Vielleicht versteht er dann, wie groß das Skandalisierungsbedürfnis des SPIEGEL zur Erzielung von Auflagensteigerung ist. Dem Autor Kracht hat der ›Skandal‹ trotz aller persönlicher Verletzungen auflagentechnisch genutzt, dem Kritiker hat er geschadet.

Es wäre nicht schlecht, wenn er hieraus Lehren ziehen würde.

Sonst erwartet ihn die Höchststrafe: lebenslänglich S.P.O.N.

Update:

Da war jemand schneller als ich und hat die unmittelbare Vorlage für das ›Imperium‹-Cover gefunden:

Christian Krachts „Imperium“

Finden Sie die Unterschiede?

06.03.2012 ·  Gegen Christian Krachts Roman „Imperium“ werden allerhand Vorwürfe erhoben. Dabei nimmt er nur seinen Titel ernst und ist auf Eroberungszüge aus – zum Besten der Leser.

Von Andreas Platthaus

© Dupuis verlag Das Schlussbild aus Frank Le Galls Comic „Das Schicksal der Maria Verita“ (1989)

[…]

Ein bislang von den Interpreten übersehenes tatsächliches Plagiat mag die Vorgehensweise von „Imperium“ klarmachen. Es handelt sich um das Offensichtlichste am Buch überhaupt: sein Titelbild. Laut Impressum stammt das Motiv von dem Hamburger Gestalter Dominik Monheim. Es ist jedoch eine nur notdürftig kaschierte Übernahme aus einem Comic: „Das Schicksal der Maria Verita“ aus Frank Le Galls Albenreihe „Theodor Pussel“. Diese Geschichte endet mit dem Bild eines abfahrenden Schiffs. Für „Imperium“ wurde ein Ausschnitt daraus entnommen, das Schiff gegen ein ankommendes ausgetauscht, ein paar Details retuschiert – und fertig ist ein perfekt passendes Cover, denn auch die „Theodor Pussel“-Abenteuer haben ihren Schauplatz in der Südsee.

Einen Schlüssel zur Lektüre

Krachts Verlag Kiepenheuer & Witsch kann sich nicht erklären, wie diese Übernahme zustande kam. Dabei ist es so einfach: In Krachts Buch gibt es eine explizite Anspielung auf „Theodor Pussel“: Es tritt ein „Herr November“ auf, und das ist neben dem Titelhelden die zweite Hauptfigur aus Frank Le Galls Comicserie. Kracht kennt sie also, und somit wird Monheim (der 1998 schon die Illustrationen zu Krachts „Ferien für immer“ anfertigte und dafür den Stil des Comiczeichners Hergé wählte) der Hinweis auf das seinem Stoff kongeniale Bild zu verdanken gewesen sein. Schäbig nur, dass dann die Urheberschaft von Le Gall verschwiegen wurde.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/christian-krachts-imperium-finden-sie-die-unterschiede-11674244.html

Bleibt nur noch die Frage, durch wen sich Le Gall inspirieren ließ…