Hundstage in Warnemünde oder: vom Verschwinden des Strandkorbs

Ein Sommer-Capriccio

Die schönste aller Prokrastinationen – die hatten wir hier schon mal –

https://gabrielewolff.wordpress.com/2012/08/12/bloggen-die-grose-freiheit-oder-zwang-zur-produktion-mit-einem-seitenblick-auf-alice-schwarzer/

sind zweifellos Urlaubstage. Und wenn sich sogar in Deutschland einmal der Hochsommer einstellt, dann lockt das Meer sprich die naheliegende Ostsee. Wenn es so heiß ist, daß die Gedankenströme klebrig werden und gänzlich zu versiegen drohen, der Körper matt und matter wird, das Eis schon auf dem Weg vom Supermarkt zum heimischen Kühlschrank schmilzt, dann muß man einfach nach Warnemünde fahren.

Und war das wieder einmal schön: das kühle Naß –

und der zauberhafte Strand:

Fotos lügen nicht?

Weit gefehlt! Man muß nur den richtigen Ausschnitt wählen und ganz schnell abdrücken, bevor jemand durchs Bild latscht. Denn natürlich sah es am Wochenende dort ganz anders aus.

Hier das Meer:

Und hier der Strand:

Dort gab es dann einen richtigen Kulturschock (nein, nicht wegen des Menschengewimmels, das und nichts anderes hatte ich erwartet) –: kein einziger Strandkorb weit und breit. Stattdessen zeigte sich mal wieder der Trend zur Autarkie. Heutzutage bringt der Strandbesucher seinen eigenen Korb in Form eines bunten Nylon-Halb-Iglus mit, schließlich muß man sich vor Wind und Sonne zeitgemäß schützen, obwohl man doch gerade Strandurlaub macht, um Wind und Sonne zu genießen… Ich fand die Dinger praktisch, dienen sie doch als Orientierungspunkte bei der Suche nach dem eigenen Liegeplatz. Da tritt man den Gang ins Wasser ganz unbesorgt an, wenn man weiß, daß das altvertraute Handtuch zwischen dem orangefarbenen und dem blau-roten Halb-Iglu liegt.

Fatal nur, wenn der orangefarbene bei Rückkehr bereits abgebaut ist und eine massive Mehrheit blau-rote bevorzugt… Dann irrt man, mit vorgerecktem Kopf spähend, an der Wasserlinie umher und versucht krampfhaft, den Eindruck zu vermeiden, man sei voyeuristisch veranlagt (oder ein dummes Hühnchen ohne Orientierungssinn – man will ja keine Geschlechterstereotype verfestigen).

Ein entschiedener Vorzug des mobilen Strandkorbs ist das große Kino, das mitunter bei dessen Abbau gegeben wird.

Drei Frauen: eine studiert die Gebrauchsanweisung und weist die anderen beiden ein. Diese klappen das flexible Teil ein und um, verdrehen es zu  Achten, schütteln Sand heraus, ein Windstoß bläst die fragile Konstruktion wieder auseinander, alles beginnt von vorne – eine saukomische Choreographie, ein Menuett der Vergeblichkeit. Nach fünfzehn Minuten ist ein etwas sperriger kreisrunder widerspenstiger Gegenstand geformt, der aber immer noch doppelt so groß ist wie die Hülle mit dem praktischen Tragegriff, in die er hineinsoll. Die drei Frauen beschließen, eine benachbarte Halb-Iglu-Bewohner-Familie um Rat zu fragen. Der Familienvater verweist auf seine Ehefrau: die kenne sich damit besser aus. Nun beginnt das Ballett erneut, weitaus harmonischer als zuvor, denn nun mühen sich gleich vier Grazien ab. Und obwohl die Angelegenheit jetzt irgendwie zielstrebiger aussieht, dauert es dann doch noch fünf Minuten, bis das Teil dergestalt in die Tragetasche verfrachtet ist, daß der Reißverschluß noch funktioniert.

Es gibt aber noch ein anderes neuzeitliches Strandkorb-Modell, dessen Abbau ein gegerbtes Naturfreund-Ehepaar in mustergültigem Zusammenspiel in Null-Komma-Nichts bewältigte: Sie zupfte rhythmisch den Nylonstoff von den Stangen und faltete ihn zu einem ordentlichen Päckchen, während Er die zusammengesteckten Stangen auseinandernahm und die handlichen Teilstäbchen ordentlich bündelte und verschnürte. Zeitgleich beendete das Paar seine Tätigkeit, Sie hielt ihm die erstaunlich kleine Tragetasche hin, Er verstaute das ordentliche Bündel und das ordentliche Päckchen, woraufhin Sie den Reißverschluß zuzog. Ein eingespieltes Team, eine fast militärisch anmutende Präzision der Vorführung. Wurde hier mehr als der Abbau des modernen Strandkorbs vorgeführt? War das hier eine Schlüsselszene, die das Geheimnis einer gelungenen Ehe offenbarte?

Aber ach, es ist viel zu heiß zum Denken. Man liegt und fühlt und schaut und es denkelt nur noch zusammenhanglos & unsinnig vor sich hin, das Gehirn.

Der alte Schopi hatte schon recht, als er die Frauen das ›kurzbeinige Geschlecht‹ nannte.

Menschen mit Ganzkörper-Tatoos können eigentlich nur uni-Bademoden tragen, möglichst helle oder schockfarbene, sonst sieht man nicht, wo die Bekleidung anfängt und die Tätowierung aufhört.

Kein Körper gleicht dem anderen, und kaum einer dem Ideal. Entweder findet man sie alle schön oder alle häßlich. Und wie ist es nur möglich, daß es einheitliche medizinische Standards für so unterschiedliche Gebilde gibt?

Was das Meer und der Himmel alles schon gesehen haben und noch sehen werden.

Kinder haben es gut. Die vergleichen nur, wer von ihnen den besten Handstand hinbekommt.

Die riesige Möwe heute auf der Frühstücksterrasse, die sich ein ganzes Brötchen reinwürgte wie eine Boa constrictor ein Kaninchen. Fast hätte sie sich den Schnabel ausgerenkt oder wäre vor Gier erstickt.

Die zartgliedrige Maid nebenan, die sich oben ohne sonnte: keiner guckte hin. Aber als die junge afrikanische Frau, Typ Mammy, schwarzer Bikini, majestätisch-graziös, in unbeschreiblichem Stolz und unglaublicher Würde den Strand entlangschritt, zog sie die Blicke auf sich. Erotik hat nichts mit Schlankheit zu tun. Auch Masse kann schweben.

Ist noch Wasser in der Flasche? Warum sehe ich schon wieder so paniert aus?

Wie schön, nichts machen und nichts denken zu müssen… Da fällt mir ein, daß die Regierung in Gestalt unserer wackeren Verbraucherschützerin Frau Ilse Aigner ein Ampelsystem für Klamotten einführen sollte. Kombiniere nie eine zitronengelbe Hose mit blaurotorange-kariertem Hemd. Ein No-go für Leptosome: die geräumigen Bermuda-Shorts mit dem tiefhängenden Hosenboden. Quergestreiftes ab Größe 48 darf nicht einmal mehr produziert werden – der Verbraucher muß vor eigenschädigenden ästhetischen Mißgriffen ganz unbedingt geschützt werden. Dafür ist eine Regierung schließlich da. Tiefstrote Ampel für die Sandalensocke, kombiniert mit einem akustisch vernehmbaren Sockenschuß, wenn sie ins unpassende Schuhwerk gezwungen werden soll.

Hahaha, die Frau, die den Iglu-Abbau erklärt hat, braucht jetzt auch zehn Minuten, um das störrische Ding zusammenzufalten…

Kinners, war das wieder toll am Strand! Wenn ich in zehn Jahren noch mal vorbeischaue, karrt wohl jeder zweite schon sein eigenes Dixi-Klo heran.

Und auch spät abends, nach einem leichten Mahl und einem leichten Rosé, (schon lange keinen Rosé mehr getrunken: erst als die Dame am Nachbartisch fragte, wo denn ihr Riesling bleibe, fiel’s mir wie Schuppen von den nachtblinden Augen…) hält die Leichtigkeit des Seins an. Daß Häuser schwimmen können…

P.S.

Nicht mal als Strandlektüre hätte sich der Steinfeld-Krimi ›Der Sturm‹ geeignet, wäre er an jenem Warnemünde-Wochenende bereits im Handel erhältlich gewesen. O.K., wer sich bei Thomas Wörtche die Rezension eines deutschen Krimis (oder auch nur die Besprechung über einen, der gelesen werden will) bestellt, weiß, daß er einen Verriß aquiriert – das war also kulturbetriebsinterne quantité négligeable –

Mit Kriminalliteratur auf der Höhe der Zeit hat der Roman so wenig zu tun wie ein Ritterschmöker à la „Die Wanderhure“ mit der Artus-Epik. „Der Sturm“ versucht, tagespolitische Themen mit der biedersten kriminalliterarischen Ästhetik zu verhandeln. Das war auch die Achilles-Ferse der Wallander-Romane – insofern wäre die ursprüngliche Schweden-Fiktion schon sinnvoll gewesen. Das Getöse um das Buch ist ein anderes Thema.

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1844300/

Aber auch Gerrit Bartels im TAGESSPIEGEL meint, daß das Buch weder als Krimi noch als Schlüsselroman taugt:

So ließe sich jetzt noch die eine oder andere Beschreibung von Meier zitieren – trotzdem bleibt er als Figur blass. Ronny Gustavsson sagt zwar einmal, dass ihn das Opfer mehr interessiere als der Täter. Nach Klärung der Opferidentität ist das aber eine reine Behauptung: Meier spielt im Folgenden keine Rolle mehr, sein Umfeld, sein Tun, all das, was in einem klassischen „Whodunnit“-Krimi von Bedeutung wäre.

Ansonsten ist „Der Sturm“ eine solide Genrearbeit geworden, gerade in den ersten zwei Dritteln. Eine schnelle Kapitelabfolge, viel schwedisches Lokalkolorit, ein kluger, sympathischer, in Liebes- wie Berufsdingen aber gescheiterter und alles andere als ermittelnder Reporter als Hauptfigur, ein weiterer Toter, New York und Berlin als Nebenschauplätze.

[…]

Der Wintersturm, der Schonen dann heimsucht und die Existenz schwedischer Bauern und Waldbesitzer bedroht, ist die etwas dick aufgetragene Metapher für diese heftig in Bewegung geratene Welt. Der Sturm fördert schließlich auch den BMW des Mordopfers zutage, auf dass Steinfeld/Winkler eine unspektakuläre, mäßig interessante Auflösung ihrer Geschichte präsentieren können.

http://www.tagesspiegel.de/kultur/der-dax-und-die-dachse/7037320.html

Ach, wie war mir das alles am Strand von Warnemünde Hekuba – Sonne, Meer und Wind: das Existenzielle zählt.

Steinfeld contra Schirrmacher: Krimi oder Literaturbetriebsunfall?

Wie der Zufall so spielt: vor knapp einem Monat hat der Literaturwissenschaftler und -kritiker Michael Maar, im Alter von zweiundfünzig Jahren debütierend, einen schmalen Roman herausgebracht, der natürlich im Literaturbetrieb spielt: ›Die Betrogenen‹ heißt er. Die Hauptfigur ist Karl Lorentz, mit cirka fünfunddreißig Jahren zwar noch jung, aber bereits ein gescheiterter Adabei der Literatenszene. Ein Literaturwissenschaftler zwar, der seine vielgelobte ›Kulturgeschichte des Verrats‹ in einem Suhrkamp-ähnlichen Verlag des gerade verstorbenen Gabriel herausbringen konnte, sich aber zwecks Gelderwerbs bei einer sehr dominanten Literaturagentin verdingen muß. Ein Mann ohne Charisma, wegen Mumps in der Kindheit unfruchtbar und ohne Schlag bei den Frauen, die ihn angesichts seiner erotischen Bemühungen auslachen oder gar mittendrin einschlafen. Vor langer Zeit schätzte er einmal den Literaten Moritz Manteuffel, danach verehrte er dessen Intimfeind Arthur Bittner, den er aber mittlerweile als eitlen Geck durchschaut hat. Dennoch hat er sich gegenüber dem Verlag verpflichtet, dessen Biographie zu schreiben – ein dienender Akt zu viel im beschädigten Leben des Fast-Paranoikers, der in jeder Naturerscheinung ein Zeichen sieht und dennoch blind durchs Leben stolpert.

Durch das Hirn und das Herz dieser Figur betrachten wir den Betrieb und seine beiden Hauptprotagonisten Bittner und Manteuffel: Neid, Mißgunst, Klatschfreude und Selbsterhöhung sind Karls Erzählmotivationen, Vatermord das Ziel, Irrtum der Weg.

Manteuffel allerdings rächt sich für den Liebesentzug und den Wechsel zum Gegner:

Als Karl den Band aufschlug, fand er eine Widmung von Manteuffels schöner Hand: «Dem neuen Nachbarn und geschätzten agent littéraire.»

Donnerwetter – das war mehr, als er erwarten durfte. Edles Vorsatzpapier, sogar ein Lesebändchen. Watsons letzter Fall – ein Kriminalroman im Literatenmilieu! Sieh einer an, Manteuffel, auf seine alten Tage…

[…]

War es denn zu fassen! Dieser alerte Stoffel sollte er sein? Es gab keinen Zweifel: Manteuffel hatte eine komische Nebenfigur aus ihm gemacht. Sogar Karls nervöses Augenzucken fehlte nicht, daraus hatte er geradezu ein kleines Leitmotiv geschöpft. Und daß seine Hemdkragen abgewetzt waren und sich die Taschen ausbeulten… Da sah er nun zum ersten Mal den Pavillon des Ich, den er seit seiner Geburt behauste, mit den Augen eines zufällig Vorbeischlendernden, dem dann vor allem die feuchten Mauerflecken auffielen, der Grünspan und das schiefe Portal.

Das also war Manteuffels Postkarte. Nun, es gab Schlimmeres. Daß er – ein literarischer Agent, subtil! – einer der Mordverdächtigen war, konnte Karl sich mit Mühe sogar als Kompliment auslegen.

Ob der Verlag mit diesem Buch ganz glücklich würde? Schließlich schrie der Markt nicht nach dieser Sorte Literatur. Immerhin kamen auch Gabriel und ganz am Rande Bittner vor, der als Prediger auftrat. Vielleicht verkauften sie es ja als Schlüsselroman.

[S. 99f.]

Dieses Schicksal hat ihm der Verlag C.H.Beck glücklicherweise erspart, ebenso die Garde der Kollegen-Rezensenten – Verriß in der WELT, Entzücken in der FAZ, für die er schon viel geschrieben hat, Unbehagen bei Thomas E. Schmidt in der ZEIT –:

Nichts Spektakuläres in diesem Kurzroman: Am Anfang wird ein Verleger zu Grabe getragen, am Schluss ein Schriftsteller. Dazwischen reist ein junger Autor durch den deutschen Literaturbetrieb, hat gelegentlich Sex und macht sich so seine Gedanken. Das ist stellenweise amüsant, und mit hochgezogenen Brauen folgt man auch der intrikaten Konstruktion dieses Buches, aber ehrlicherweise ist zu sagen: Angelangt auf Seite 143, weiß man eigentlich nicht mehr, was man da genau gelesen hat und warum.

Es kommt hinzu, daß Erwähnungen im Feuilleton oft Beerdigungen erster Klasse bedeuten, wie Georg Seesslen kürzlich in der taz meinte:

Wie sind die Kulturseiten so unerträglich borniert geworden?
Eine Erklärung

[…]

Das Problem mit dem schrumpfenden Feuilletonismus liegt nun darin, dass es immer weniger Menschen sind, die gegenüber einer immer größeren ästhetischen und diskursiven Produktion entscheiden, was verhandelbar ist und was nicht. Und diese wenigen Menschen achten viel weniger darauf, was in der Welt los ist, als darauf, was die Konkurrenz macht. Aus einem ursprünglich zur Öffnung der Diskurse gedachten, lockeren und experimentellen Submedium ist ein geschlossenes selbstreferentielles und dogmatisches Instrument zum kulturpolitischen Mainstreaming geworden. Was im deutschen Feuilleton gelandet ist, ist so gut wie tot.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=me&dig=2012%2F08%2F08%2Fa0108&cHash=cbcf684f3f

Das ist wohl wahr – wahr ist aber auch, daß die Charakterstudie dieses Karl Lorentz und der Topos Krimi-Kommerz-Schlüsselroman eine geradezu verblüffend realistische Gebrauchsanweisung zur Bewertung des aktuellen Literaturskandals liefern.

Als Watson – und das nicht zum ersten Mal – fungiert Richard Kämmerlings von der WELT; auch er hat unter Schirrmacher gedient, ist also bestens geeignet, sich in Täter und Opfer einzufühlen. Mustergültig baut er eine reißfeste Indizienkette auf, die Thomas Steinfeld, Feuilletonchef der SÜDDEUTSCHEN und bis 2001 unter seinem Chef Frank S. leidend, als den Schwedenkrimi-Autor Per Johansson entlarvt und den fiktiv gemordeten, den Dachsen und der Leserschaft zum Fraß vorgeworfenen Christian Meier als Frank Schirrmacher. Hut ab vor diesem Journalismus!

14.8.2012

12:20

Rufmord

Vergeltung – Der grausige Tod eines Großjournalisten

In einem neuen Schweden-Krimi stirbt eine Person, die dem „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher sehr ähnelt. Den Autor, Per Johansson, gibt es nicht. Die Spurensuche führt zur „Süddeutschen Zeitung“. Von Richard Kämmerlings

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article108599900/Vergeltung-Der-grausige-Tod-eines-Grossjournalisten.html

Noch am selben Tag reagiert der S. Fischer Verlag, der die Autorschaft an dem Buch ›Der Sturm‹ höchst kunstvoll verschleiert und sogar eine Übersetzerin für das in Schweden nicht erschienene Werk erfunden hatte:

Der Frankfurter S.-Fischer-Verlag hat allerdings auf seiner Website eine andere Identität für den Neuzugang („sein erster Roman“) parat: „Per Johansson wurde 1962 in Malmö geboren und wuchs in der Nähe von Osby auf. Er studierte Elektrotechnik in Stockholm und arbeitete mehrere Jahre im Anlagenbau, bevor er Anfang der neunziger Jahre nach Berlin ging, um seinen künstlerischen Interessen nachzugehen: der Fotografie und dem Kurzfilm. Daneben baute er eine Firma auf, die sich hauptsächlich mit der Entwicklung von Homepages für Künstler und künstlerische Organisationen beschäftigt. Per Johansson lebt heute in Berlin und in der Nähe von Osby, wo er einen kleinen Bauernhof bewirtschaftet.“

Am Dienstag jedoch schloss der Verlag den Bauernhof. Pressechef Martin Spieles sagte dieser Zeitung: „Ja, es ist ein Pseudonym. Es handelt sich in Wahrheit um ein Autoren-Duo.“ Ob dazu auch Steinfeld gehöre? „Autoren haben das Recht, unter Pseudonym zu schreiben, und wenn es wie in diesem Fall geschützt bleiben soll, dann respektiert der Verlag das.“ Allerdings räumt Spieles ein, dass die erfundene Vita wohl des Guten zu viel sei. Man wolle ja nicht den Leser täuschen und sehe den Vorgang selbstkritisch.

[…]

Steinfeld und Schirrmacher wirkten einst gemeinsam fürs „FAZ“-Feuilleton. Dann wechselte Steinfeld zum „SZ“-Feuilleton: Aus Kollegen wurden Konkurrenten. Die Küchenpsychologie kann gar nicht anders, als hier eine Abrechnung zu vermuten. Doch Fischer-Sprecher Spieles wehrt ab: „Nie im Leben wäre ich darauf gekommen, dass das ein Schlüsselroman sein könnte.“ Sein Credo: Alles nur fiktiv.

http://www.ksta.de/kultur/-der-sturm–schwedischer-mordfall-unter-falschen-namen,15189520,16886804.html

Man wolle die Leser nicht täuschen? Das Gegenteil ist bereits erwiesen. Dem werten Publikum sollte ein am Erfolgs-Reißbrett entworfener Schweden-Krimi mit Hedgefonds, Internet-Kriminalität und den üblichen Verdächtigen als authentisches Produkt präsentiert werden, S. Fischer durfte sich im Glanze eines Entdeckers darstellen, der das richtige Näschen hatte und den alten Schweden der Konkurrenz vor der Nase weggeschnappt hatte, noch bevor der in Schweden herausgekommen war. Und zwei gute prominente Freunde von Steinfeld, die das Buch nicht kennen dürften, lieferten lobende Blurbs fürs Cover: Orhan Pamuk und Håkan Nesser.

»Stark. Einzigartig und unterhaltsam. Dicht liegt das Geheimnis über diesem Kriminalroman wie der Herbstnebel über den schwedischen Wäldern.« Håkan Nesser

http://www.fischerverlage.de/buch/der_sturm/9783100170262

Jetzt noch ein paar Marketing-Tools einsetzen, dann ist der Bestseller vorprogrammiert. Schwedenkrimis laufen immer, egal, wie schlecht sie sind. Und später hätte man den wahren Autor präsentieren können, mit einem Seitenhieb gegen das bornierte Feuilleton, für das Iris Radisch wie keine zweite steht:

Für gewöhnlich werden Krimis gekauft und von Krimifreunden gelesen, und damit gut. Höhere Bedeutung, publizistische Wellen, gar Debatten in den Kulturteilen überregionaler Zeitungen erregen sie nie. Jetzt allerdings veröffentlicht ein gewisser Per Johansson, markantes Kinn, Seemannsbart, in Malmö geboren, einen Krimi mit dem Titel Der Sturm, schwedisch: Stormen, der in diesen Tagen mehr Beachtung findet, als alle Wallander-Krimis zusammengenommen jemals gefunden haben. Ja, man kann sagen: Die mysteriösen Vorgänge um diesen Krimi sind selbst ein Krimi, mit allem, was dazugehört: einem Detektiv, einem Opfer, einem Verdächtigen und einem Tatmotiv.

http://www.zeit.de/2012/34/Krimi-Per-Johansson-Frank-Schirrmacher/komplettansicht

Was für ein Dünkel aus diesen Zeilen spricht: Wallander-Krimis sind sozusagen eine Kulturerscheinung, die weltweit Beachtung gefunden hat und klassischerweise erst danach vom Feuilleton beachtet wurde, wie immer unter dem Motto: wie konnte es hinter unserem Rücken nur zu diesem erschreckenden Phänomen kommen? Können wir es durch unsere hochgestochenen Analysen eventuell adeln? Wenn Iris Radisch von ›Beachtung‹ spricht, redet sie nur von dem kleinen Kosmos überregional agierender Literaturkritiker, dem Nabel ihrer kleinen selbstbezüglichen Welt. Kritikern wie ihr hätte S. Fischer zurufen können: ›Seht her, das hat einer von euch geschrieben!‹

Ja, er war’s wirklich. Schon am 15.8.2012 gibt Thomas Steinfeld zu, Co-Autor dieses Buchs zu sein. Er übernimmt die undankbare Rolle des Karl Lorentz, der ebenfalls unter mangelnder Selbstreflektion leidet.

Der tote Chefredakteur sei eine „abstrakte, idealtypische Gestalt“, erklärte dagegen Steinfeld. Darin seien einige der jüngsten Themen des internationalen Feuilletons sowie Züge vieler Kulturjournalisten eingeflossen. Es sei abenteuerlich, diese auf eine lebende Person „und zudem auf einen respektierten Journalisten“ zu übertragen, betont Steinfeld, ohne Schirrmacher namentlich zu nennen. Alle Ereignisse und Figuren im Roman seien fiktiv. „Viele davon sind artifiziell zugespitzt.“ Es sei nur darum gegangen, „mit Ernst, Können und Humor einen guten Kriminalroman zu schreiben“.

http://www.focus.de/kultur/buecher/sz-kulturchef-steinfeld-gibt-autorschaft-zu-wirbel-um-den-schweden-krimi-der-sturm_aid_800678.html

Und für welche Aspekte war dann der Co-Autor Martin Winkler zuständig?

Denn Steinfeld wurde beim Schreiben durchgehend kompetent betreut. Ein Münchner Arzt sei der Co-Autor des Romans, so erfahren die verwunderten Radiohörer weiter, ein Arzt, mit dem er sich „mehrfach über intellektuelle Themen unterhalten habe“ und der sich sehr gut mit Krimis auskenne. Aus diesen Gesprächen sei die Idee zu „Der Sturm“ entstanden.

http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article108658419/Steinfeld-ist-ein-anderer.html

Gab es Tips zur Beschreibung der skelettierten Leiche oder eher zum Thema therapeutische Aspekte des Schreibens und sozialverträgliche Triebabfuhr? Über SUBLIMATION?

Als ehemalige Krimischreiberin kenne ich den Betrieb und wundere mich nicht mehr, wie da unter Umgehung originärer und origineller Autoren, die keine Massenkonfektion abliefern wollen, gut vernetzte Journalisten oder Verlagsmitarbeiter, die immer schon fremdbestimmt und auf Zuruf gearbeitet haben, Bestseller nach der Man-nehme-Rezeptur verfassen, massiv beworben werden und Kasse machen. Unter diesem Marktgesichtspunkt ist die Causa Steinfeld kein Einzelfall im Krimi-Bereich (und nur pars pro toto für die gesamte Kommerzialisierung aller Lebensbereiche):

06.06.12

Krimi-Shootingstar

Von Null auf Hundert – Wer ist Jean-Luc Bannalec?

Jean-Luc Bannalec hat den Krimi-Bestseller des Frühjahrs geschrieben. Doch kann es sein, dass hinter dem Pseudonym einer der wichtigsten Verleger des Landes steckt? Eine Ermittlung. Von Richard Kämmerlings

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article106421190/Von-Null-auf-Hundert-Wer-ist-Jean-Luc-Bannalec.html

15.8.2012 13:58

Kriminalfälle

Warum immer mehr Verlage ihre Autoren erfinden

Einst stand der Name S. Fischer für große Literatur. Heute macht er mit erfundenen Schriftstellern von sich reden, ein Trend, mit dem auch andere Verlage ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen. Von Elmar Krekeler

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article108619680/Warum-immer-mehr-Verlage-ihre-Autoren-erfinden.html

Und doch interessiert mich dieser gnadenlose Mißbrauch von Kriminalliteratur aus kommerziellen Gründen weniger als derjenige, sie für literarischen Abrechnungen zu benutzen. Denn das glaubt niemand, daß dieser als Schirrmacher so kenntliche Christian Meier ein abstrakter ›Idealtypus‹ sei, dem man mit ›Können und Humor‹ Puffbesuche, Chats mit jungen Mädchen und Demütigung von Untergebenen hinzufügt, damit die Sache noch idealer wird.

Hier Steinfelds typische Karl Lorentz-Verteidigung, wie sie heute von Cornelius Tittel wiedergegeben wurde:

Auf die Frage, warum er für seinen Krimi ein Pseudonym gewählt habe, sagte Thomas Steinfeld dem Deutschlandfunk am Mittwoch, er habe beim Schreiben das Gefühl gehabt: „Das ist jetzt nicht mein normales Ich“.

[…]

Die These des „Welt“-Literaturkritikers Richard Kämmerlings, das Mordopfer sei Steinfelds früherem Chef Frank Schirrmacher nachempfunden, ist für Steinfeld „völliger Blödsinn“ beziehungsweise: „Welch ein Unsinn!“

Auf die Frage, ob er nicht doch an Schirrmacher gedacht habe, während er einen Chefredakteur sterben ließ, der Genom-Feuilletons publiziert und Bestseller zur Überalterung der Gesellschaft und der Macht von Computernetzwerken schreibt – auf diese Frage reagiert Steinfeld sehr ungehalten. „Halten Sie mich für einen Kindskopf?“ fährt er die Moderatorin an – das alles sei nur „eine radikale Verschwörungsfantasie“ eines „Welt“-Autors, der offensichtlich „ein Problem“ habe.

http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article108658419/Steinfeld-ist-ein-anderer.html

Selbstverständlich ist dieses Bestreiten auch juristischen Gründen geschuldet – einen Fall ›Esra‹ möchte weder Steinfeld noch sein Verlag erleben. Aber die Verteidigung mittels der Gegenattacke, es handele sich um eine Verschwörungsphantasie eines einzelnen Gegners, zeigt so viel an emotionalem Überschuß und Realitätsverlust, daß man schon tiefer graben muß. Steigen wir also hinab in die Seele des nicht normalen Ich, das sein Über-Ich verabschiedet, (das ein kerniger Schwede namens Per Johansson schließlich nicht benötigt), und daher im ›Ernst‹ sein Unterbewußtes die Feder führen läßt.

Karl Lorentz hat bezeichnenderweise nur einmal, und auch nur ganz kurz, darüber nachgedacht, wie es zu der Deformation seines Charakters gekommen sein könnte:

Wem man etwas zu verdanken hatte, bei dem fanden sich schnell auch allerhand Lächerlichkeiten und Defekte, die der Selbstachtung aufhalfen und die Bürde der Dankespflicht erleichterten. Und schon huschten, wie der Dichter sagte, die Wölfe der Undankbarkeit durch den Winter unseres Herzens – was Karl mit Blick ins eigene nur bestätigen konnte, wenn auch nicht im Falle Cornelius.

[S. 90]

Das wäre eine Möglichkeit, die zu bedenken wäre. Jakob Augstein wittert anderes:

Jakob Augstein

16.08.2012 | 09:00

Wir töten, was wir lieben

[…]

Kriminalistisch gesehen hat Steinfeld tatsächlich Motiv, Mittel und Gelegenheit für die Tat: Er kennt sich in Schweden gut aus, als einer von zwei Ressortleitern im überschaubaren SZ-Kulturteil bleibt genug Muße für den literarischen Nebenerwerb und vor allem: Er ist vor Jahren in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an Schirrmacher gescheitert. Rache. Das ist ein guter Grund für einen Mord. Sehnsucht nach einer unmöglichen Nähe ist ein anderer. Und das ist kein Widerspruch.

[…]

Für den möglichen Autor Steinfeld ist es noch schlimmer. Er gibt sich und seiner Zeitung mit dieser pathologischen Tat eine große Blöße. Steinfeld wird von nun an immer der Schirrmacher-Mörder sein. Die Zeitung kann sich kaum leisten, ihn auf diesem Posten zu halten. Aber vielleicht war das sogar Steinfelds heimlicher Wunsch und der literarische Mord in Wahrheit ein professioneller Selbstmord.

„In gewissem Sinne gestaltet und formt das Opfer den Verbrecher“ hat vor langer Zeit der Kriminalpsychologe Hans von Hentig in seinem Standardwerk „The Criminal and his Victim“ über die Täter-Opferbeziehung geschrieben. Selten traf das so zu wie in diesem Fall. Denn selbst in der Tat sind Schirrmachers Gegner nur Epigonen. Und er selbst? Er hat gesagt, er lese keine Schwedenkrimis.

http://www.freitag.de/autoren/jaugstein/wir-toeten-was-wir-lieben

Tja. Krimiautor müßte man sein… Dann würden einem noch viel mehr Motive einfallen.

Und auch die Hochliteratur könnte etwas von der Kriminalliteratur lernen: mag auch ein unwissender Literaturkritiker ›intrikate Konstruktionen‹ herausschmecken, der Krimi-Kenner, ob aktiv, ob passiv, wendet sich mit Grausen, wenn er liest, wie Michael Maar seinen Anti-Helden Karl die namenlose Tochter des Meisters Bittner mit deren Mitbewohnerin und Galerie-Mitinhaberin Nora Kraus verwechseln läßt. So viele Unwahrscheinlichkeiten und Zufälle nebst einer Figur, die aber auch gar nichts schnallt, würde nicht einmal ein drittklassiger Krimiautor seiner Leserschaft zumuten.

Es gibt nur gute und schlechte Literatur, unabhängig vom Genre. Und Literatur als durchsichtiges Mittel der Abrechnung kann nicht gut sein. Sie läßt lediglich auf psychische Probleme des Autors und auf fehlende Erfindungsgabe schließen.

Update (20.8.2012)

Gestern hat sich auch Cora Stephan, die unter dem Pseudonym Anne Chaplet auch Kriminalromane schreibt (echte, keine von der Stange!) temperamentvoll zu Wort gemeldet – für die, die in der Causa Steinfeld nicht zuletzt ›Die Betrogenen‹ sind: die Krimiautoren und das Genre schlechthin.

Gut gebrüllt, Cora!

Stürmchen der Würmchen

Liebe Männer, könnt ihr eure Kontroversen nicht wieder so wie früher austragen? Verabredung im Morgengrauen, Pistole oder Säbel, ein Stoß, ein Schuss – fertig? Statt dessen Angriff aus dem Hinterhalt in pseudonymer Vermummung. Geht’s noch? Die Rede ist von einem Autor, hinter dessen schwedischem Pseudonym, so stand es in der „Welt“, ein Feuilletonchef namens Thomas St. steckt, der in seinem Krimidebüt womöglich einen bekannten Feuilletonherausgeber namens Frank Sch. meuchelt und die Leiche, als letzte Demütigung, den Aasfressern vorwirft. Also eigentlich ein Feuilletonstreit. Aber heute wird ja gleich ein Krimi draus. Warum nur? Weil man im Genreroman sämtliche zivilisatorischen Hüllen fallenlassen und sich dem Blutrausch hingeben darf? Endlich mal Schwein sein? Oder nennt sich die Sache Krimi, weil der sich bekanntlich entschieden besser verkauft als eine Kolportage aus dem bewegten Leben im deutschen Feuilleton, geschmückt mit kulturpessimistischer Kapitalismuskritik?

[…]

http://cora-stephan.blogspot.de/2012/08/sturmchen-der-wurmchen.html

Neue verwirrrende Geständnisse in Sachen Steinfeld gibt es auch:

„Da stecke ich drin, in hohem Maße“:
„Sturm“-Mordopfer laut Steinfeld auch Selbstporträt

von Marc Bartl

Laut Thomas Steinfeld, dem Feuilleton-Chef der „Süddeutschen Zeitung„, ist das Mordopfer in seinem Roman „Der Sturm“ nicht nur ein „Amalgam“ aus Charakterzügen bekannter Journalisten, sondern auch ein Selbstporträt. „Da stecke ich drin, in hohem Maße“, sagte Steinfeld dem „Focus„.

[…]

Im Roman wird der Erschlagene, den Steinfeld nun unter anderem als Selbstporträt verstanden wissen will, als „journalistisches Genie“ bezeichnet.

[…]

Seit Maxim Billers Roman „Esra“ 2007 verboten wurde, weil sich eine Ex-Geliebte in dem Buch wiederzuerkennen glaubte, werden Romanfiguren immer häufiger als Porträts realer Vorbilder verstanden und nicht als literarische Schöpfungen. Steinfeld sagte „Focus“, solche „Personifikationen“ lehne er ab. Es sei falsch, auf diese Weise „Literatur in Leben zu überführen“.Während der Prozesse um „Esra“ hatte Steinfeld keine Probleme, in Billers Romanfiguren reale Personen wiederzuerkennen. Damals schrieb er, Literatur „darf nicht Waffe sein im persönlichen Umgang von Menschen miteinander. Sie darf nicht der private Abrechnung dienen.“

http://kress.de/print/detail/beitrag/117643-da-stecke-ich-drin-in-hohem-masse-sturm-mordopfer-laut-steinfeld-auch-selbstportraet.html

Die Sache wird wirklich immer komplexer. Einerseits will Steinfeld auch einmal ein ›journalistisches Genie‹ sein und steuert der Figur eigene Züge bei – andererseits treibt ihn ein Todeswunsch und er bringt die mit eigener Persönlichkeit aufgeladene Figur brutalst um die Ecke? Jetzt kann nur noch der medizinisch beschlagene Co-Autor Licht ins Dunkel bringen. Aus meiner früheren Autorenexistenz sind mir derartige Phänomene nicht erinnerlich: meiner auch mit eigenen Vorlieben und Erkenntnissen ausgestattete Ich-Figur hätte ich jedenfalls nie etwas antun können.

Und auch Martin Walser meldete sich zu Wort:

Martin Walser wies in der „Bild am Sonntag“ Vergleiche mit seinem Roman „Tod eines Kritikers“ zurück. „Wirkliche Morde kommen bei mir nicht vor. Dafür bin ich viel zu zivil“, so Walser. (dpa)

http://www.sz-online.de/Nachrichten/Kultur/Ermordet_sich_der_Autor_selbst/articleid-3135073

Daran muß nun wirklich erinnert werden: in Walsers Roman mit der Widmung ›Für die, die meine Kollegen sind‹ geht es um den Mordverdacht gegen einen Autor, der im Verdacht steht, einen schrecklichen und schrecklich einflußreichen Kritiker, der verschwunden ist, getötet zu haben. Am Ende betritt letzterer putzmunter wieder die Bühne. Mit diesem Stoff hat Walser wohl allen seinen Kollegen, die je von den subjektiven Verrissen MRRs existenziell gefährdet oder vernichtet wurden, aus der Seele gesprochen.

Update (30.8.2012)

Stellvertretend für die bislang erschienenen Rezensionen des Schwedenkrimis mit dem Willen zum Erfolg empfehle ich diese Buchbesprechung:

Letztlich ist „Der Sturm“ ein durchschnittlich uninteressanter Krimi, nicht schlechter und gehässiger als die Dutzendware, die Jahr für Jahr auf den Buchmarkt gestoßen wird und die alle möglichen Autoren als Vehikel benutzen, um ihren Lieblingsurlaubsort zu verewigen, ihre Gedanken zur Weltlage bekannt zu machen oder schnelles Geld zu verdienen. Der „Sturm“ ist höchstens etwas dünkelhafter: Die einzige Person, die nicht den besseren Kreisen entstammt, ist der Sohn der Haushälterin. Er heißt Olle und über ihn lesen wir: „Er spricht nicht viel, denken tut er übrigens auch nicht.“ Unterschicht! Aber wer weiß: Angesichts all der soignierten Freiherren, Gräfinnen und Philosophieprofessoren wird sich bestimmt beim NDR ein Kollege finden, der die Verfilmung und einen Sendeplatz am Freitagabend klar macht.

Thekla Dannenberg

http://www.perlentaucher.de/mord-und-ratschlag/die-dachse-sind-relativ-diskret.html