Bloggen – die große Freiheit oder Zwang zur Produktion? (mit einem Seitenblick auf Alice Schwarzer)

Dieses Internet-Café in Side/Türkei hatte es mir angetan – denn bei aller beschworener Modernität hatte der Inhaber nicht darauf verzichtet, zwei Amulette gegen den ›Bösen Blick‹ über die Eingangstür zu hängen: ein Sinnbild für die Gleichzeitigkeit von technischem Fortschritt und archaischer Menschheitsgeschichte.

Ähnlich ergeht es dem ehrenamtlichen Blogger, der für nichts Reklame macht, nicht mal für sein Gewerbe, denn er hat keins, keinen Profit erstrebt, als Person unsichtbar und als Text sichtbar sein möchte und der das Schreiben immer als große Freiheit verstanden hat: plötzlich werden Erwartungen an ihn herangetragen, die an Autoren-Leserbindungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert gemahnen. Nur daß heute der Geduldsfaden schneller reißt als zu Schneckenpostzeiten. Ja, ich habe erfahren, daß mein Blog bereits von einer Blogroll entfernt wurde, weil er schlecht gepflegt werde… Das war zwar eine etwas übereilte Reaktion, aber wir leben nun mal in hektischen Zeiten mit überforderndem multi-tasking auf allen Kanälen und burnout-Syndromen, die ein rechtzeitiges Innehalten und ein Mindestmaß von Selbstreflektion unschwer verhindert hätten. Ich gestatte mir solche Auszeiten.

In der Zeit, als ich noch Kriminalromane verfaßte, habe ich keine einzige Zeile unter Schreibzwang verfaßt; Schreiben ist mir immer Freude, Notwendigkeit, persönlichster Ausdruck & freigewählte Arbeit gewesen – und so soll das auch in Internet-Zeiten bleiben. Zur bloßen quantitativen Blog-Pflege oder zur effektiven Schlagwort-Fütterung von Suchmaschinen fühle ich mich nicht berufen – liebe Leser, so ist das nun mal. Es gibt Zeiten, da kommt mir die Pflege anderer Dinge (Freundschaften, Haus & Garten, Bücherlesen) nützlicher vor als ›unnützliche Kommentare‹ zu verfassen, die im Wind verwehen.

Aber vielleicht mache ich mir auch nur etwas vor und leide tatsächlich bloß unter der neuen Psychomode-Krankheit Prokrastination. Harald Martenstein hat meinen Wortschatz um dieses häßliche Wort erweitert, als er neulich wieder das Klagelied eines unter Schreibzwang produzierenden Kolumnisten sang, der pünktlich liefern muß, um sein Mittelklasse-Leben fristen zu können – ja, das muß ein schreckliches Schicksal sein…

Martenstein:

Wenn ich schreiben muss, dann nehme ich mir vor, zu einer bestimmten Uhrzeit anzufangen. Wenn diese Zeit gekommen ist, meistens um neun oder zehn, und ich sitze nicht im Büro, beginne ich, die Küche zu putzen. Danach checke ich meine Mails. Anschließend gehe ich einkaufen und räume auf.

Ich fühle mich dabei nicht gut. Ich weiß genau, dass ich diese Dinge nicht deshalb tue, weil sie unbedingt getan werden müssten. Ich mache das, um dem Schreiben aus dem Weg zu gehen. Inzwischen weiß ich, dass es für dieses Verhalten, das Verschieben, einen Fachbegriff gibt. Er heißt »Prokrastination«, auf Deutsch: Vermorgung.

http://www.zeit.de/2012/30/Martenstein

Das kenne ich auch – und auch ich neige dazu, erst einmal gründlich aufzuräumen, virtuell und im real life, bevor ich mich wohlgemut und mit freiem Kopf wieder ans Werk setzen kann. Zumal viele prokrastinative (sagt man das so? Habe ich soeben erfunden) Tätigkeiten den freien Gedankenfluß fördern und Formulierungen heranschwemmen, die man später gut gebrauchen kann. Unter diesem Gesichtspunkt kann ich Unkrautjäten und Rasenkantenschnitt wärmstens empfehlen. In Ermangelung eines Gartens tuns aber auch Geschirrspülen und eine gründliche Kühlschrankreinigung. Und jetzt weiß ich auch, warum mir das immer noch nicht beendete Aufräumen so sehr in die Quere gekommen ist. Der Breno-Artikel schrie nach Fortsetzung, und das war vielleicht schon zuviel an drohendem Schreibzwang – insbesondere in einer Zeit, in der einen so viele Themen ansprangen, daß sich die ausgeschnittenen Zeitungsartikel schon wieder auf dem Schreibtisch stapeln und man sich schier verzetteln muß. Das thematische Ordnen in Klarsichthüllen und das Abspeichern von interessanten Online-Artikeln haben einen Überblick nur vorgetäuscht.

Beschämt und der Bewunderung voll warf ich so manchen Seitenblick auf den Blog der unermüdlichen Alice Schwarzer, die die seltene Gabe hat, auch die heikelsten Weltprobleme auf knackige anderthalb DIN A 4-Seiten einzudampfen und sich auf dieser Grundlage eine unerschütterliche Meinung zu bilden – schade, daß sie sich zur Euro-Krise nicht zu Wort meldet. Das wäre doch eine große Hilfe für sämtliche Regierungen, wenn Schwarzer erklärte, daß eine Frauenquote in Vorständen und Aufsichtsräten von Banken und Hedgefonds die Lösung schlechthin sei. Denn Frauen sind edel, hilfreich und gut, kennen mangels Macht keinen Machtmißbrauch, betatschen ihre Assistenten nicht und Geldgier ist ihnen von Natur aus fremd. So viel Natur muß auch für eine Gender-Verfechterin sein, wenn’s der Sache dient.

Innerhalb gut eines Monats erledigte sie rüstig folgende Themen – und ich befleißige mich, meinem unerreichbaren Vorbild nachzueifern, indem ich keine Links setze und den Inhalt der Postings frei paraphrasiere: denn in der Kürze liegt bekanntlich die Würze, wie BILD es ja auch schon so erfolgreich vorführt:

02.07.2012

Soll die Beschneidung verboten werden?

Natürlich nicht. Religion ist zwar nicht ihr Ding, aber soviel Gedöns um einen kleinen Schnitt, der die ganze ohnehin unerfreuliche Sache viel hygienischer gestaltet, muß ja nicht sein. Betrifft ja eh nur Jungs, für die sie nicht zuständig ist.

06.07.2012

Es reicht, Herr Kachelmann!

Die Schadensersatzklage von Jörg Kachelmann gegen die frühere Anzeigenerstatterin ist nach Auffassung unserer frischgebackenen Rechtsexpertin juristisch Kokolores und dient nur der Werbung für das für Oktober angekündigte Buch ›Recht und Gerechtigkeit‹ des Klägers und seiner Frau (weshalb auch der Anwalt der Beklagten die Chefreporterin Tanja May von der BUNTE über das Zivilverfahren unterrichtete). Irgendwie alles Litigation-PR durch Prozeßführung. Und daß das Landgericht Frankfurt a. M. in einer Sache, der kein Erfolg beschieden sein kann, auch noch Termin anberaumt, ist schlicht und einfach ungeheuerlich.

13.07.2012

Wie masochistisch sind Frauen?

Erstens: ›Fifty Shades of Grey‹ ist kein Porno-Roman. Zweitens: Die Heldin ist nicht sub, denn sie verläßt ihren Herrn und Meister (was dann wohl in den zwei Fortsetzungsbänden vor sich gehen mag?). Drittens: Phantasie darf sein, da ist sie großzügig. Viertens: In der Realität gibt es so gut wie kein BDSM. Fünftens: wenn es ihn dann doch marginalst gibt, ist die heterosexuelle Variante männlicher Dom – weibliche Sub aufs schärfste zu verurteilen. Alle anderen Formen sind unbedenklich, da sie dem emanzipatorischen Fortschritt der FRAU nicht in die Speichen greifen.

16.07.2012

Die SM-Debatte & Spiegel TV

Die medienunerfahrene Alice im Fernsehland mußte die bittere Erfahrung machen, daß man aus ihrem differenzierten Statement lediglich einen Satz brachte:

In diesem Fall blieben von einem knapp halbstündigen Dreh – mit immer wieder denselben, zunehmend suggestiven Fragen – genau 20 Sekunden. Und darin ließ der Spiegel-TV-Reporter mich zwischen zwei Auspeitschungen Folgendes sagen:

Die Männer von heute seien irritiert und so mancher, der beruflich mit Frauen konkurriere, stelle sich das weibliche Geschlecht eben lieber auf allen vieren vor als im aufrechten Gang.

Das ist allerdings eine sehr zutreffende und juristisch unanfechtbare Beschneidung gewesen, die die Sache auf den Punkt bringt…

Nina Pauer, eine Frau von heute, sieht die Sache realistisch:

Dass sich heute, in einer Zeit, in der Frauen Männer in Ausbildung und Arbeitspensum abhängen und Familien ernähren, der Topos des ausgepeitschten Managers um den der ausgepeitschten Managerin erweitert, ist nur plausibel.

http://www.zeit.de/2012/29/Shades-of-grey

17.07.2012

Outing: Argumentieren statt Denunzieren!

Hier meint sie, ein Zwangs-Outing eines Politikers erkannt zu haben und findet das gar nicht gut, die Entschuldigung der taz-Chefredakteurin für den Anschlag dagegen umso besser, während sie zugleich einen dissentierenden Kollegen als homosexuell outet, der aber, anders als sie, kein Problem mit der Öffentlichmachung seiner sexuellen Orientierung hat. Ein Kabinettstückchen! Die Kunst des entstellenden Zitats mit anschließendem Bashing erreicht Alpengipfelhöhe!

26.07.2012

NEIN zur Intervention in Syrien

Lieber Auto- und Kleptokraten, Tyrannen und Gewaltherrscher (deren Opfer überwiegend Männer sind) als böse Islamisten, die nach jeder Volkserhebung in der islamischen Welt zwangsläufig an die Macht kommen und Frauen entrechten, selbst wenn die vorher auch schon nichts zu lachen hatten. Da steht sie seit zwanzig Jahren und kann nicht anders. So ist es nun mal, da beißt keine Maus einen Faden ab.

03.08.2012

Liebeserklärung an Marilyn

Marilyn war kein unglückliches sexy Dummchen, sondern eine belesene toughe Karrierefrau, die sich durchgesetzt hat. Und daher ist sie zurecht eine Feminismus-Ikone, neben der Simone de Beauvoir alt und grau aussieht.

Ein Blog, der einen das Fürchten lehrt. Aber gepflegt, das muß man Alice Schwarzer lassen, sieht er schon aus. Öfter mal was Neues – wenn auch im zerschlissenen alten Gewand.

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Friede Springer & die Frauenquote

 

Die Witwe und Erbin Friede Springer hat der WELT AM SONNTAG ein längliches Interview gegeben, das am 29.4.2012 veröffentlicht wurde:

„Ich wollte es dem Herrn Kirch beweisen“

Am 2. Mai wäre der Verleger Axel Springer 100 Jahre alt geworden. Seine Frau Friede öffnet deshalb ihr privates Fotoalbum und spricht im Interview über ihre Ehe mit einem Visionär und dessen Erbe. Von Andrea Seibel

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Die Interviewerin gibt wohlwollende Stichworte und Frau Springer extemporiert wolkig, wie das nun mal ist, wenn eine Angestellte die Chefin befragt.

Das hier ist schon der Höhepunkt an Kritik, die sich Andrea Seibel leistet:

Welt am Sonntag: Ernst Cramer, der langjährige Weggefährte Ihres Mannes und auch Ihr Freund bis zu seinem Tod vor zwei Jahren, sagte 2008 versöhnend in einem Gespräch mit dem Schriftsteller Peter Schneider, Springer hätte in Rudi Dutschke zwar einen Zerstörer aller demokratischen Werte gesehen, aber den deutschen Patrioten in ihm verkannt. Damals war Ihr Mann hart in seiner Kritik. Würde er heute anders auf diese Zeit blicken, gemäßigter, wie Ernst Cramer oder auch Peter Boenisch, der sich später für manche Überschrift der „Bild“ entschuldigte?

Friede Springer: Eines ist sicher: Er war ein sensibler, mitfühlender Mensch. Es fiel ihm nicht schwer, sich zu entschuldigen. Er konnte auch schnell verzeihen. Sicher täte ihm vieles leid. Einmal sagte er ja auch im Laufe eines Ben-Witter-Interviews, manchmal fiele er vor Schreck aus dem Bett, wenn er die Überschriften seiner Blätter läse. So war er. Er war sehr emotional.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Nun mußte das Interview vielleicht nicht ganz so harsch ausfallen wie jenes, das Gerhard Henschel am 5.9.2006 führte:

„Friede Springer ist pervers!“

Der Fall Natascha Kampusch. Interview mit dem Psychoanalytiker Erwin Sonderbrügge

taz: Herr Sonderbrügge, die nach achteinhalb Jahren Gefangenschaft der Gewalt ihres Entführers entkommene Natascha Kampusch hat sich in einem offenen Brief intime Fragen ausdrücklich verbeten und erklärt: „Die Intimität gehört mir alleine.“ Nun haben das österreichische Magazin News und die deutsche Bild-Zeitung ausführlich Intimstes aus den unrechtmäßig angezapften Vernehmungsprotokollen zitiert, die die Öffentlichkeit einen Dreck angehen …

Erwin Sonderbrügge: Ich bin kein Jurist und kann mich nur auf mein Gerechtigkeitsempfinden berufen, wenn ich sage, dass die presserechtlich dafür Verantwortlichen hinter schwedische Gardinen gehören. Außerdem bedürfen sie einer intensiven Therapie. Es ist allerdings fraglich, inwieweit Menschen, die seit Jahren ihren Lebensunterhalt mit Schnüffeleien in fremden Betten bestreiten, therapierbar sind.

Bild hat die Leserschaft auch über die Existenz von DNA-Spuren der Geisel am Bettlaken des Entführers informiert.

Wer so etwas tut, ist pervers. Der finanzielle Vorteil, den die Sexualnachrichtenhehler aus ihrem Geschäft ziehen, sollte nicht den Blick darauf verstellen, dass ihnen als Triebtätern die Fähigkeit fehlt, moralisch und sozial verantwortlich zu handeln. Im Grunde sind diese Leute arme Schweine.

Besonders arm ist der Bild-Herausgeber Kai Diekmann ja nun nicht.

Das ist auch wieder wahr.

Die Verlegerin Friede Springer ist sogar Milliardärin und verdient sich in diesen Tagen noch dümmer und dämlicher mit dem Ausplärren der im Schlafzimmer des Entführers zusammengetragenen polizeilichen Ermittlungsergebnisse.

Und eben daraus spricht ja die bittere Geistesarmut dieser Person. Sie ist betriebsblind, sozial inkompetent, seelisch verroht und absolut unfähig, ihre Geldgier aus Rücksicht auf andere Menschen zu zügeln, und so lässt sie ihre Angestellten eben das Bettlaken eines Entführers auslutschen und Schindluder in Frau Kampuschs Intimsphäre treiben.

Wie würden Sie Friede Springer, Kai Diekmann und Mathias Döpfner, den Chef des Springerkonzerns, therapieren?

Pffffff … (Kratzt sich am Kopf und schweigt ratlos.)

[…]

http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2006/09/05/a0198

Aber eine kleine Nachfrage, wie es denn um ihren eigenen Seelenfrieden bestellt sei, wenn sie die Schlagzeilen ihrer Cash-Cow BILD lese, wäre doch wohl möglich gewesen, ohne eine Abmahnung zu kassieren? Und wie sie selbst zu den Haß-Parolen der BILD stehe, die das Klima der Jahre 67/68 vergiftete. Marek Dutschke hat es jedenfalls probiert:

Es ist für mich unerheblich, ob Josef Bachmann selbst die „Bild“-Zeitung gelesen oder die Parolen irgendwo aufgeschnappt hat, als er beschloss, meinen Vater zu erschießen. Die Parolen der Springer-Presse waren längst in die Mitte der Gesellschaft gedrungen.

Hat Axel Springer in der Studentenbewegung wirklich eine Bedrohung für Westdeutschland gesehen? Woher rührte das krasse Feindbild und die Hetzjagd durch seine Scharfmacher in der Redaktion? Fand er es unverschämt, dass vermeintlich privilegierte Studenten einen Machtanspruch formuliert hatten? Hatte der große Medienmogul Axel Cäsar Springer einen Minderwertigkeitskomplex, weil er selbst nicht studiert hatte? War er neidisch auf Jugend und Tatendrang der Studenten? Oder kalkulierte er trocken, je drastischer die Schlagzeile, desto größer die Auflage? Wie dem auch sei, er ist mitverantwortlich für das Attentat auf meinen Vater und für die weitere Eskalation der Gewalt.

Als ich im Jahr 2000 längere Zeit in Berlin lebte, wohnte ich bei Freunden zufällig genau in der Straße, in der Friede Springers Villa steht. Ich war Anfang Zwanzig und naiv. Ich schrieb einen formlosen Brief an sie und fragte, wieso ihr späterer Mann damals eine solch verantwortungslose und gefährliche Berichterstattung zugelassen hat. Warum musste alles so kommen, wie es gekommen ist?

Ich ging zu ihrem Haus und steckte den Brief einfach in den Kasten. Die Antwort folgte prompt. „Erstaunt, aber auch erfreut“, sandte Friede Springer mir („dem lieben Herrn Dutschke“) „freundliche Grüße von Tür zu Tür“. Es sei eine „aufregende Zeit“ gewesen damals. Ihr verstorbener Mann sei von allen Seiten angefeindet worden. Die „Ursachen der ganzen Entwicklung“ könne man „im Archiv nachlesen“. Der Brief war freundlich und milde. Im wichtigsten Punkt blieb Friede Springer der alten Linie treu: „Schuld am Tod Ihres Vaters kann Axel Springer gar nicht gewesen sein“. Begründet hat sie das nicht. Es ist ein starkes Stück, Springer als Opfer darzustellen. Er, der reiche Meinungsmacher, ein Opfer der Studenten? An dieser Argumentation hat sich, soweit mir bekannt ist, bis heute nichts geändert. Es hat beim Springer-Verlag keine Aufarbeitung der Geschichte gegeben.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,829694,00.html

Nein, dieses Terrain ist zu gefährlich. Friede Springer arbeitet lieber weiter am kitschigen Verklärungswerk, das ihren charmanten Götter-Gatten der Zone der gemeinen Kritik entrückt. Sie trägt aber auch, was ihr eigenes Leben angeht, eine rosarote Brille. Und insoweit ist dieses Interview wirklich interessant.

Wie sieht sie ihr Leben ›als Frau‹, das in seiner Spannweite von Kindermädchen ohne Ausbildung über ausgehaltene Geliebte, fünfte Ehefrau eines dreißig Jahre älteren Wirtschaftsmagnaten, Aufsichtsrätin bis hin zur Erbin und machtbewußten Milliardärin genug Anlaß zur Reflektion bietet? Was hält sie vor diesem biographischen Hintergrund von der Frauenquote? Gibt es ihr zu denken, daß nahezu alle mächtigen Frauen in der Wirtschaft auf dieselbe Art und Weise zu Rang, Namen und Vermögen gekommen sind?

Mächtige Wirtschaftsfrauen

Von seiner Seite an die Spitze

Von Maria Marquart

Sie machten Karriere ohne Quote: Friede Springer und Liz Mohn stiegen vom Kindermädchen und der Telefonistin zu den mächtigsten Frauen der deutschen Wirtschaft auf. Jetzt rückt Ursula Piëch in den VW-Aufsichtsrat auf. Denn wenn es ums Erbe geht, vertrauen die Bosse ihren Frauen.

[…]

Eine Frauenquote lehnen viele Vorstandsbosse oft mit dem Verweis ab, es gebe zu wenig qualifizierte Bewerberinnen. Ursula Piëch gibt in der Kandidatur für den VW-Aufsichtsrat ihren Beruf mit „Kindergärtnerin und Horterzieherin mit zusätzlichem Prüfungsfach Wirtschaft und Recht“ an – und VW-Chef Martin Winterkorn gibt sich von der künftigen Konzern-Kontrolleurin begeistert. Der Manager – und Untergebene von Ferdinand Piëch – nannte dessen Gattin eine „sehr kompetente und unternehmerisch denkende Frau“.

Protegiert vom mächtigen Ehemann haben Frauen offenbar gute Chancen, sich in der Wirtschaft zu etablieren. Piëchs Strategie haben andere Unternehmer bereits umgesetzt. Die Verleger Axel Springer und Reinhard Mohn, der Industriezulieferer Georg Schaeffler und der BMW-Großaktionär Herbert Quandt – sie alle zogen ihre Ehefrauen als Nachfolgerinnen heran. Die Lebenswege dieser Frauen weisen überraschende Parallelen auf.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,820887,00.html

Das ist zweifellos die für die Männer schmerzloseste Variante der Frauenquote: die Mehrheitsaktionäre installieren ihre entsprechend geführten Frauen und Töchter im Aufsichtsrat, und die setzen dort die Strategie der Ehemänner und Väter um.

Ist golddigging also tatsächlich eine Option für den weiblichen Lebensweg? Wie denkt Friede Springer über die elf Jahre, in denen sie von der Großzügigkeit eines Frauenhelden abhängig war? (Was ließen sich heute nicht für Strauss-Kahn’sche Titelstories über den Eroberer Axel Springer schreiben…)

Friede Springer: Wir haben uns so gut verstanden, nie gab er mir das Gefühl, nur eine Affäre zu sein. Klar, ich war schüchtern, still, zurückhaltend. Aber nie war ich nur Geliebte, ich lebte schließlich mit ihm in seinen vielen Häusern, ich gehörte dazu, ich wurde geachtet. Als Axel Springer 1978 dann zu mir sagte: „Ich kann dieses Fräulein Riewerts nicht mehr hören. Wir heiraten!“, kam das so überraschend, dass ich fast vom Stuhl fiel.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

So kann es nicht gewesen sein – ganz abgesehen davon, daß der Heiratsantrag im Dezember 1977 gemacht wurde… Ihre Biographin Inge Kloepfer zeichnet diese Periode ihres Lebens in aller Deutlichkeit:

Er verwöhnte sie, wann immer er sie besuchte. Er kaufte ihr sündhaft teure Schuhe, die er im Schaufenster entdeckte, vermied es aber, mit seiner Neuen das Geschäft zu betreten. „Das Paar gefällt mir. Geh schnell hinein und kauf es dir“, sagte er zu ihr, drückte ihr ein paar große Scheine in die Hand und wartete, bis sie im Handumdrehen mit einer Tüte wieder aus dem Laden kam.

Springer unterhielt sich mit ihr – meinte er zumindest, denn was er für Unterhaltung hielt, endete häufig in Monologen. Nur zu Freunden und Bekannten nahm er sie nicht mit. So blieb sie allein, wenn er nicht bei ihr war, eingesperrt in einem goldenen Käfig. Sie fühlte sich einsam und nicht wirklich glücklich. Deshalb vermied sie es, die Nachmittage in ihren vier Wänden zu verbringen und auf Springer zu warten. Sie rannte aus dem Haus, besuchte Ausstellungen und Museen, ging spazieren und floh vor ihren eigenen Gedanken. Sie lenkte sich ab, so gut es ging. Über sich selbst und ihre Situation wollte sie nicht grübeln. Auf keinen Fall. Ihrem Unwohlsein wollte sie sich nicht stellen. Dann hätte sie sich eingestehen müssen, daß sie sich aushalten ließ, das Leben einer Mätresse führte, deren Wohl und Wehe nur von ihrem Gönner abhing. Und das wiederum wollte sie nicht wahrhaben. Es konnte und durfte nicht sein.

http://www.welt.de/print-wams/article122803/Die-Frau-von-der-Insel-und-ihre-grosse-Liebe.html

Elf  Jahre, in denen die Hoffnung auf Prestigegewinn und Vorzeigbarkeit mittels Eheschließung bereits begraben worden ist; Jahre, die aus Warten auf den Mann, Ablenkungen, dem Horten von Schmuck und Pelzen, dem Aufschauen, dem Aufgehen in ihm bestehen, alles bei ungesichertem sozialen und rechtlichen Status und der Gefahr, vor dem Nichts zu stehen, wenn der Mann sie verläßt. Wie hätte sie sich selbst ernähren können, ohne Berufsausbildung und Erwerbsbiographie? Über den demütigenden Aspekt dieses fremdbestimmt-abhängigen Lebens eilt sie hinweg und reklamiert ›Augenhöhe‹:

Welt am Sonntag: Was liebte und schätzte Axel Springer besonders an Ihnen?

Friede Springer: Ich kümmerte mich hundert Prozent um ihn, das gefiel ihm. Ich war eine gute Zuhörerin und ich lernte dazu. Das Verlagsgeschäft habe ich am Frühstückstisch, am Mittagstisch und beim Abendessen mit aufgesogen. Im Urlaub lasen wir gemeinsam Bücher und unterhielten uns darüber. Das kannte er nicht, dass sich jemand derartig mit ihm auseinandersetzte und beschäftigte, intensiv und auf gleicher Augenhöhe.

[…]

Friede Springer: Er hatte zu jeder Phase seines Lebens die richtige Frau. Wie mich auch.

Welt am Sonntag: Sie, die so gut mit Kindern konnten, durften keine haben. Er wollte Ihre ganze Aufmerksamkeit. Haben Sie ihm das nicht nachgetragen?

Friede Springer: Das war ein großes Opfer für mich. Ich liebe Kinder. Aber ich wusste, dass das nicht gut gehen würde. Er wollte meine Aufmerksamkeit. Und er wusste, hätten wir ein Kind, würde ich es niemals an ein Kindermädchen abgeben. Dafür kannte er mich zu gut. Heute habe ich elf Patenkinder und ich genieße das sehr.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Tatsächlich beschreibt sie ein Programm der Unterwerfung. Einzig die Bedürfnisse des Mannes nach exklusiver mütterlicher Zuwendung zählen. Weiter weg von Emanzipation könnte ein solches Frauenleben nicht angesiedelt sein, und da hilft auch nicht die herbeibeschworene Illusion, als ein auf Augenhöhe agierender Partner angesehen zu werden.

Der Springer-Enkel Axel Sven Springer hat im SPIEGEL-Interview vom 16.4.2012 Folgendes zu dem Verhältnis des Paares gesagt:

Springer: Die Friede Springer von damals hat mit der Friede Springer von heute wenig zu tun. Damals war sie nicht sehr selbstbewusst.

SPIEGEL: Es war kein Verhältnis auf Augenhöhe?

Springer: Niemand hatte zu meinem Großvater ein Verhältnis auf Augenhöhe. Friede war für meinen Großvater da. Das hat sie auch wirklich sehr liebevoll gemacht.

SPIEGEL: Aber sie tat nur, was er wollte?

Springer: Egal, was passierte, egal, wonach er fragte – mein Großvater bekam fast immer von allen nur die Antwort: „Bereits veranlaßt, Herr Springer“. Das ist ein geflügeltes Wort in der Familie.

SPIEGEL 16/2012, S. 141

Umso erstaunlicher, wie sie sich nach seinem Tod entwickelt hat: zäh in der familiären Erbauseinandersetzung, die ihr 20 % mehr sicherte als im vorhandenen rechtsgültigen schriftlichen Testament Axel Springers vorgesehen war; erfolgreich in der Rückeroberung der Aktienmehrheit – natürlich durch Männer wie Bernhard Servatius, Aufsichtsratsvorsitzender, Familienfreund und Testamentsvollstrecker, entsprechend beraten. Sie selbst führt diesen auch von Tränen, Ängsten und Einsamkeit begleiteten Wesenswandel auf ein Lehrer-Schüler-Verhältnis zurück:

Welt am Sonntag: „Friede darf alles wissen“, sagte einst Ihr Mann zu Ernst Cramer. Sie haben viel von ihm gelernt.

Friede Springer: Einmal meinte ich, ich sei ein Produkt von ihm, das ist missverständlich, es klingt, als hätte ich keinen eigenen Willen. Heute sage ich: Er hat mich ausgebildet, ich bin dank ihm gewachsen.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Ich lasse diese Lebensdeutung so stehen, einfach schon deshalb, weil mir außer dem Phänomen der Seelenwanderung keine anderen plausiblen Erklärungen einfallen wollen. Friede Springer ist jedenfalls eine Frau, deren Leben die Extrema der Skala zwischen Abhängigkeit und Machtausübung, zwischen unkritisch-liebevollem Umsorgen und knallharter Geschäftstätigkeit berührt. Eigentlich müßte gerade sie Erhellendes zu Emanzipation und Frauenquote sagen können.

Und dann liest man das:

Welt am Sonntag: Sie sind emanzipiert, sind eine moderne Frau, die sich in einer Männerwelt bewährt hat, ein Vorbild. Sie haben gesagt, ich habe immer Herausforderungen gesucht, ich bin ein Mann.

Friede Springer: Nein, ich habe gesagt, ich wäre lieber ein Mann geworden. Männer haben es einfacher im Leben. Wäre ich heute 18, würde ich das natürlich nicht mehr so sagen. Heute steht jungen Frauen die Welt offen. Aber ich werde 70 in diesem Jahr und ich denke manchmal, als Mann wäre ich früher sicherlich weiter gekommen im Leben.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Erschütternd. Als Mann wäre sie leistungslos Milliardärin und Unternehmenslenkerin geworden? Als Sohnemann vielleicht… Da wagt sogar Andrea Seibel einen zaghaften Widerspruch:

Welt am Sonntag: Aber das sind Sie doch! Und außerdem hätten Sie Ihren Mann dann nicht gehabt.

Friede Springer: Das stimmt auch wieder.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Wie sie das nur vergessen konnte, die große Liebe… Gut, daß noch einmal nachgehakt wurde.

Zur Frauenquote sagt sie jedenfalls entschieden JEIN:

Welt am Sonntag: Heute sind Frauen so frei wie nie, Sie sagten es, und doch ist immer noch die Erfahrung vieler, dass sie es schwerer haben als Männer. Brauchen wir die Quote?

Friede Springer: Ich bin sicher oft eine Quotenfrau gewesen, in vielen Kreisen und Kuratorien, in die man mich berief, aber ich habe das nie als negativ empfunden. In dem Sinne bin ich nicht gegen die Quote. Vehement dafür bin ich aber auch nicht, weil ihr ein Hauch von Unfreiheit und Zwang anhaftet. Aber wir wollen schließlich weiterkommen! Vielleicht braucht es daher einfach diesen Schub.

http://www.welt.de/vermischtes/article106233685/Ich-wollte-es-dem-Herrn-Kirch-beweisen.html

Sie scheint nicht verstanden zu haben, was der Begriff ›Quotenfrau‹ bedeutet und welche Abwertung er vermittelt: nur wegen des Geschlechts und nicht wegen der Qualifikation befördert zu werden, muß jede Frau kränken, die tatsächlich qualifiziert ist. Friede Springer war nirgendwo Quotenfrau, sondern im Konzern als Anteilseignerin sozusagen ein ›geborener‹ Aufsichtsrat. Und in den diversen Kuratorien ist sie eine hochqualifizierte Repräsentantin von Macht, Geld und Einfluß – ihr Geschlecht ist unerheblich.

Dem ›Hauch von Unfreiheit und Zwang‹, ja, dem sieht sie als Unternehmerin freilich beklommen entgegen. Das würde ihr nicht gefallen, wenn sie im eigenen Machtbereich die bewährten Vertrauten austauschen müßte. Und das steht zu befürchten, daß irgendwann auch die Vorstandsebene dran glauben soll. Letztlich geht es um den geschäftlichen Erfolg, und die Ära der geschassten Manager mit ihren Millionenabfindungen bei Springer sollte nun wirklich abgeschlossen sein.

Und der ›Schub‹, ja nun, ich weiß nicht. Es wird immer Menschen, Frauen wie Männer, geben, deren Vorstellung von ›Weiterkommen‹ begrenzt ist. Kloepfer über die Bewerbung der 23-jährigen Friede als Kindermädchen bei, wie es sich später herausstellte, der Springer-Familie:

Ein Villenhaushalt in Hamburg – war das nicht das, was sie wollte? Dort sollte sie nicht Mädchen für alles sein, sondern ausschließlich das Kinderfräulein für einen niedlichen Jungen in einem herrlichen Haus, sicher bei wohlhabenden Leuten, die sie womöglich ebenso freundlich und offen aufnähmen wie die beiden anderen Familien, bei denen sie bisher gearbeitet hatte. Die Vorstellung, die diese Anzeige bei ihr weckte, gefiel ihr. Sie bewarb sich, formulierte ihr Anschreiben schlicht und verbindlich und schrieb auch ein wenig von sich selbst. Viel gab es ja nicht zu berichten über ihren Werdegang. Gerade einmal die Volksschule hatte sie absolviert und in zwei Haushalten mit Kindern Erfahrung gesammelt. Mit ihrer schwungvollen Schrift setzte sie ihren Namen unter den Text und die Adresse des Springer-Verlages in Hamburg auf den Briefumschlag.

http://www.welt.de/print-wams/article122803/Die-Frau-von-der-Insel-und-ihre-grosse-Liebe.html

Ob sie die 1958 begonnene Lehre im Hotelfach im Duus-Hotel in Wyk nicht nach wenigen Monaten abgebrochen hätte, wenn es seinerzeit schon Quotenfrauen in Aufsichtsräten von DAX-Konzernen gegeben hätte?

http://www.klixs.de/friede-springer/F/1136.html

Angesichts des Lebensziels ›Villenhaushalt‹ ist das zu bezweifeln. Sicher erscheint dagegen, daß Friede Springer nicht weiter mit Fragen zur Emanzipation und der Frauenquote behelligt werden sollte. Denn ihre Kern-Botschaft lautet recht eigentlich: Tu, felix femina, nube. Und nutze den jungen Witwenstand.

Das ist ganz und gar nicht emanzipiert. Und da die Frauen von heute ja alle so frei und selbstbewußt sind, hätte das uns vor Augen geführte Beziehungsmodell sowieso nicht den Hauch einer Chance…

Update:

Hier gibt es eine umfangreiche Darstellung über das gerichtliche Berufungsverfahren (2 U 35/04 OLG Hamburg), das Axel Sven Springer gegen Friede Springer wegen der Erbschaftsauseinandersetzung geführt hat:

http://www.manager-magazin.de/unternehmen/it/0,2828,517817,00.html

Friede Springer hat diesen Prozeß gewonnen:

http://justiz.hamburg.de/oberlandesgericht/aktuelles/1289468/pressemeldung-2008-01-22-olg-01.html

Mir ist bereits der mitgeteilte Sachverhalt unverständlich: wenn der anwaltlich nicht beratene 19-jährige Axel Sven Springer am 31.10.1985 in einem Erbvertrag auf die ihm gemäß gültigem Testament zustehenden 25% des Erbes verzichtet und er sich mit 5% beschieden hat, wie kann er dann am 17.12.1985 von seinem gar nicht existierenden 25% -Anteil 10% an Friede Springer abgetreten haben? Rätselhaftes Zivilrecht…

Der BGH wies am 15.7.2009 die Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision zurück.

http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&nr=48759&pos=0&anz=1