Hans Wollschläger: Die Gegenwart einer Illusion. Reden gegen ein Monstrum

H.W. 13.8.05 100. Geburtstag Erwin Chargaff

13.8.2005, 100. Geburtstag von Erwin Chargaff (Foto: privat, Urheber/in unbekannt*)

Hans Wollschläger, *17.3.1935 in Minden  † 19.5.2007 in Bamberg

Es ist wieder eine Aktualität, die den Abschluß meiner Rosenkrieg-Serie um den bayerischen Justiz- und Psychiatrie-Skandalfall Gustl Mollath, der sich mittlerweile zum Politskandal ausgeweitet hat, verhindert. Und dann doch: es sind ganz unheimliche Fäden, die diesen Geburtstag nicht nur mit dem aktuellen Unrechtsfall, sondern auch mit der Wahl des Jesuiten Jorge Bergoglio zum neuen Papst, der sich Franziskus I. nennt, verknüpfen.

Was als erstes ins Auge fällt: daß der geborene Westfale Wollschläger, der ohne Abschluß Kirchenmusik studiert hatte, Anfang der sechziger Jahre als freier Lektor des Karl-May-Verlags an den Verlagssitz nach Bamberg verzog, ins Fränkische, und fortan dieser Stadt in Haßliebe verbunden war (Hans Wollschläger: Bei Gott eine schöne Stadt. Eine zornige Liebeserklärung an Bamberg, seine konservative Liberalität und die vielen guten Gründe, hier zu leben, in: Merian. Bamberg • Fränkische Schweiz, 7/40 [1987], S. 42-45). Daß der Erzbischof ihn, dem plötzlich erwiesenen Kirchenfeind, keine Orgelkonzerte im Dom mehr geben ließ, nagte natürlich ein wenig an dieser Liebe, und die Geschichtsvergessenheit der Bamberger Bischofsstadt, was ihren entscheidenden Anteil an den Greueln der Inquisition und ihr sofortiges Umschwenken hin zu den Nazis schon ab 1933 betrifft, empörte ihn.

Selbstverständlich auch die Zerstörung dieser schönen Stadt durch die Ökonomie:

Überall sind die, vom Denkmalschutz leider nicht undurchkreuzbar gehüteten, Straßenensembles von frechen Schachtel-Grimassen aufgesprengt, auf denen die häßlichen Namen von Banken, Versicherungen und Kaufhäusern stehen, Institutionen also, die ohnehin unter die Erde gehörten;

[Merian, a.a.O., S. 44]

1996 verzog er nach Dörflis bei Königsberg, 30 km von Bamberg entfernt; die fränkische Idylle dort hat nicht zur Altersmilde gegenüber den herrschenden Institutionen geführt. Gustl Mollath hat immer, noch in aussichtlosester Lage, auf den Rechtsstaat vertraut. Hans Wollschläger nie:

Es gibt, so wie die Welt beschaffen ist, weder »Gerechtigkeit« noch einen Anspruch darauf; man kann nur darauf hoffen, stärker zu werden durch das, was einen nicht umbringt…

[aus einem Brief Hans Wollschlägers vom 22.8.1996]

Mich hat immer erschreckt, wie leicht man Opfer werden kann, wo Recht gesprochen wird; ich möchte Richter nie sein…

Woher haben wir eigentlich diesen merkwürdigen Drang, das Gleichgewicht der Dinge, die Große Balance, die Absolute Gerechtigkeit zu wünschen, nachdem sie doch in der anschaubaren Welt gar nicht vorkommt?!

[aus einem Brief Hans Wollschlägers vom 29.11.2002]

Ich sammle solche Fälle, um zur gegebenen Zeit vor dem Jüngsten Gericht diverse Nebenklagen zu vertreten, auch wenn ich mir im klaren darüber bin, daß das mir vorschwebende Strafmaß – hundert Jahre Erkenntnispein – nicht viel Aussicht hat, zum Zuge zu kommen, da die (deutsche) Verteidigung es mühelos mit dem Grundsatz Nulla poena sine lege kippen wird. Es könnte freilich auch sein, daß, weil dann ja doch die Ewige Gerechtigkeit das Sagen bekommen dürfte, das Deutsche Recht selber mitsamt seiner Rechtsprechung bereits in den Orkus getan worden ist und somit das Haupthindernis für die Verfolgung von Politgangstern beseitigt … nun, wir werden sehen.

[Sudelbuch II  (Januar 2001 –  4.3.2007), undatiert, vermutlich Ende 2002]

Tja. Da wird man wohl tatsächlich aufs Jüngste Gericht warten müssen.

Im September 2012 ist der zehnte Band seiner Werksausgabe ›Schriften in Einzelausgaben‹ im gar nicht genug zu lobenden Wallstein Verlag in Göttingen erschienen:

H.W. Illusion

http://www.wallstein-verlag.de/9783835311039-hans-wollschlaeger-die-gegenwart-einer-illusion.html

Die wortmächtigen Essays erschüttern einen aufs Neue – Leser, die die vergriffene Diogenes-Ausgabe von 1978 verpaßt haben, sollten sich der Wucht dieser Texte gegen das Monstrum Kirche durchaus zum ersten Mal aussetzen. Denn da schreibt jemand, der sich auskennt, (idealtypischer?) Sproß eines protestantischen Pfarrhauses, einer, der sich in die Archive begeben hat. Einer, der in der Tradition der Aufklärung steht und Vernunft & Humanität einfordert, eindringlich, elegant polemisch, in guter Kraus’scher Manier den Gegner durch Zitate erledigend. Liest man die Texte heute, dreißig bis vierzig Jahre später, versteht man nicht, wie Hans Wollschläger daran zweifeln konnte, daß sein Porträt des protestantischen ›Startheologen‹ Helmut Thielicke aus dem Jahr 1968 Gültigkeit haben werde. 1978, in dem Rahmentext ›Vorläufiger Schluß‹, verleiteten ihn flachbrüstige Äußerungen des besagten, heute zurecht vergessenen, Startheologen im Hamburger Abendblatt (86/1976) unter Annoncierung von dessen 50. Buchveröffentlichung ›Mensch sein – Mensch werden‹ noch zu folgendem Fazit:

Schön, sehr schön: damit bringen wir mühelos das nächste Jahrtausend zu. Ich bin beruhigt und kann mich anderen Dingen zuwenden; die Zukunftsgültigkeit meines Porträts ist nach allem Menschenermessen gesichert. Höchstens das schöne Bildnis  des Startheologen, das den ABENDBLATT-Artikel begleitete, hätte ich gern noch dazu genommen – mitsamt seiner Legende: »Von der Freiheit, ein Mensch zu sein: Helmut Thielicke«. Es hat mich u.a. der Sorge enthoben, ob er der Zukunft und ihren Wiederholungsaufgaben auch physisch gewachsen sein werde; ich brauche ihn noch lange als Zeugen und wünsche ihm viel Gesundheit.

[Hans Wollschläger: Die Gegenwart einer Illusion, a.a.O., S. 207]

Knapp zehn Jahre später zweifelte der Autor wiederum an der Haltbarkeit seines Porträts:

 Helmut Thielicke ist heute gestorben (6.3.86) : ich habe die Nachricht mit einem seltsamen Gefühl gehört. Nicht weil ich der Versöhnung mit seiner Person bedürftig wäre –: mit ihr war ich ja nie verfeindet, und der Briefwechsel seinerzeit tat mehr, als getan werden mußte. Nein : er holt das Paradigma, das ich aus ihm gemacht habe, mit einem Schlag in die Sterblichkeit : er wird vergessen werden und zieht in seine Vergessenheit mich mit. Das macht mich irgendwo traurig, wo er gar nicht zu betrauern ist, auch nicht als der arglose Mit-Mensch, der er sicher auch war, schon gar nicht als der Dampfmacher des gesellschaftlichen Karussellbetriebs. Wir gehörten zusammen – das schlägt mir, doch von mir bewirkt, jetzt zum Schlechten aus. Eine sehr unheimliche Vergeltung, die ihm gewährt wird. Warnung zuletzt: Man muß auch sehr genau ansehen, mit wem man sich verfeindet!

[Handschriftliches SUDELBUCH (1986 bis 28.1.1993)]

Die Sorge war unnötig: heute haben wir gar einen protestantischen Pfarrer-Präsidenten namens Gauck, der die bestehenden Verhältnisse mit der Thielickschen ›Freiheits-Suada‹ affirmativ beschwurbelt und ansonsten, wie letzterer auch, zum Weltlauf wenig zu sagen weiß.

Die Einschränkungen von Freiheit, die sich hinter allen liberal geschminkten Denk-Anträgen des Startheologen verbergen, münden sämtlich und immer wieder in jene Definition des Grundbegriffs, die Paul de Lagarde herlieh: »Frei ist nicht, wer tun kann, was er will, sondern wer werden kann, was er soll.«

[a.a.O., S. 91]

Ja, Freiheit & Verantwortung, Anpassung & Karriere – es gibt Lebenswege, die sich einem schlagartig erhellen, liest man Texte wie diesen.

Auch die ›Illusion‹ nimmt in der Gegenwart noch reichlich Raum ein:

Das Verständnis der Gottesverehrung und ihrer Eigentümlichkeiten als eines zwangsneurotisch zeremonialisierten Übertragungsprozesses hat freilich zugleich auch erste greifbare Aussicht auf eine therapeutische Beeinflussung eröffnet: – vielleicht ist das Frömmigkeitssyndrom ja doch reversibel. Aber es wird dauern, kürzestenfalls Generationen lange, bis die Über-Ich-Kette, durch die man dieses seltsame Gut ererbt von seinen Vätern hat und von seinen Müttern, wirksam gesprengt und unterbrochen ist.

[a.a.O., S.27]

Hans Wollschlägers Religions- und Kirchenkritik ist von Freuds Erkenntnissen grundiert, wie der dankenswerterweise im ›Anhang‹ zusätzlich aufgenommene Text ›Das Christentum im Urteil seiner Gegner‹ von 1971, mit vielen einschlägigen Freud-Zitaten versehen, offenbart. Nun, die Psychoanalyse als die von Hans Wollschläger erhoffte Therapielösung hat ausgedient, die Pharmaindustrie hat übernommen, und in oberflächlichen Zeiten wie diesen hat sie auch als »Forschungsmethode«, als »ein parteiloses Instrument, wie etwa die Infinitesimalrechnung« [Freud-Zitate, a.a.O., S. 237] zur Untersuchung von kulturellen Phänomenen nur noch wenige Anhänger: parteilose Instrumente sind out, Ideologie (wie Gender studies) und drittmittelgeförderter Lobbyismus sind in.

Dem Fortbestand der katholischen Kirche kommt zudem die mediale Verwertbarkeit ihrer Riten, Kostüme und Inszenierungen entgegen, wie auch die Kabalen ihrer Verwaltung, die dunklen Machenschaften ihrer Banken und die immer bizarrer anmutende Verdammung der menschlichen Sexualität, die sich naturgemäß ihre eigenen düsteren Wege bahnt. Das ist Thriller-Stoff und Futter für den schnellen Online-Journalismus. Die letzten Wochen zwischen Papst-Rücktritt und Papstwahl boten zudem genügend Anlaß für mediale Events vom Live-Ticker bis zum Livestream, dessen Gegenstand der zuweilen rauchende und überwiegend nicht rauchende Schornstein der Sixtinischen Kapelle war.

Hans Wollschlägers so profunder wie leidenschaftlicher Vortrag: ›Warum ich aus der Kirche ausgetreten bin‹ – als Rede gehalten am 25.10.1970 in der Nürnberger Meistersingerhalle zum Tag der Geistesfreiheit (immerhin, ein Tag im Jahr wird ihr dort sanktionslos eingeräumt) – wird noch Gültigkeit bis zum Ende dieses Jahrtausends haben. Die Kirche hat sich immer mit Macht und Gewalt arrangiert, und sie distanziert sich bis heute nicht hinreichend von ihrer eigenen jahrhundertelangen Gewaltausübung oder dem systematischen sexuellen Mißbrauch, der im Rahmen ihrer auf Unterwerfung gründenden Institutionen denknotwendig geduldet wurde.

»Selbst Atombomben können in den Dienst der Nächstenliebe treten«: der Theologe H.Künneth. Wie bald schon könnte es wieder Lücken in den Himmlischen Heerscharen auszufüllen geben…! Überrraschte ich sehr, wenn ich die Einführung des Begriffs »Kanzeltäter« in das StGB empfehle? Die Verwirklichung des Reich Gottes auf Erden : sie gehört in die Strafgesetzbücher der Welt.

[a.a.O., S. 131]

Denkbar, daß in Gustl Mollaths Brief an den Papst mit der Begründung seines Kirchenaustritts etwas Ähnliches gestanden hat. So sind sie nun einmal, derart ›wirre Konvolute‹…

Hat noch niemand begriffen, was es bedeuten könnte, daß der neue ›Papa‹ der erste Jesuit auf dem Thron ist? Die päpstliche Kampftruppe, als die sich die ›Gesellschaft Jesu‹ gründete, weist in ihrem Motto  ›Omnia ad majorem dei gloriam‹ (Alles zur höheren Ehre Gottes) schon untergründig darauf hin, daß der Zweck die Mittel heilige. Die berühmte kasuistische ›Jesuitenmoral‹ kommt einem in den Sinn, die in rabulistischer Manier selbst für Todsünden immer noch ein Hintertürchen zur läßlichen Sünde offenläßt, die rechtfertigende Mentalreservationen vorsieht oder ein lügnerisches »nicht schuldig«, wenn zuvor die Tat gebeichtet und dem Täter die göttliche Gnade der Vergebung zuteil wurde… Jesuiten waren nicht grundlos beliebte Beichtväter der Majestäten und des Adels: sie absolvierten großzügig, wenn es ad majorem gloriam des Ordens und des Papstes diente.

Und so liest sich die Geschichte der Jesuiten als das Protokoll einer totalitären Kontrolle ihrer Mitglieder und der ihnen Anvertrauten sowie als das einer nachhaltigen Einflußnahme auf die Eliten der Welt (bei gleichzeitiger geschmeidiger Anpassung an die aktuell herrschenden Verhältnisse des Landes, in das sie jeweils durch den Papst geschickt wurden).

„Lasst uns überzeugt sein, dass alles gut und richtig ist, wenn es der Obere befiehlt“, schrieb Loyola. Und nochmals: „Selbst wenn Euch Gott ein Tier ohne Verstand als Meister gäbe, werdet Ihr nicht zögern, ihm, als Meister und Führer, zu gehorchen, weil Gott es so verfügt hat.“

Und etwas noch Besseres: der Jesuit hat in seinem Oberen keinen fehlbaren (nicht gegen Irrtümer, Fehler gefeiten) Menschen, sondern Christus selbst zu sehen. J.Huber (ERKL.: Johann Nepomuk Huber, Philosoph und theolog. Schriftsteller, *1830, †1879), Professor für katholische Theologie in München und Verfasser eines der bedeutendsten Werke über die Jesuiten, schrieb: „Wie man bemerkt haben will, kommen die Constitutionen (Satzungen) wohl 500mal darauf zurück, dass man im General Christus sehen müsse.“ (15)

(15) J.Huber: „Les Jésuites“ (Sandoz et Fischbacher, Paris, 1875, S. 71 & 73).

IN DEUTSCH: J.Huber, „Der Jesuiten=Orden“ (Carl Habel, Berlin, 1873, S.48).

Die derart oft als jener der Armee ähnlich angesehene Disziplin des Ordens ist also nichts mit der Realität Vergleichbares.

„Der militärische Gehorsam deckt sich mit dem jesuitischen noch nicht, der letztere ist viel umfassender, denn er nimmt immer und ungetheilt den ganzen Menschen in Anspruch und fordert dann nicht bloß, wie der erstere, nur die äußere That, sondern auch das Opfer des Willens und die Suspension (Ausschaltung) des eigenen Urtheils.“ (16)

(16) J.Huber: „Les Jésuites“ (Sandoz et Fischbacher, Paris, 1875, S. 71 & 73).

IN DEUTSCH: J.Huber, „Der Jesuiten=Orden“ (Carl Habel, Berlin, 1873, S.50-51).

http://der-weg.org/fileadmin/Die-verborgene-Geschichte-der-JESUITEN-Edmond-Paris.pdf

Graf Paul von Hoensbroech hat in seiner Broschüre ›Mein Austritt aus dem Jesuitenorden‹ (1893) die Methoden beschrieben, mit denen Selbständigkeit, Charakter, Eigenwille  und Individualität des Einzelnen im Laufe der langjährigen Ausbildung vernichtet werden, und Scientology hat sich hieraus mit Gewinn bedient: die gegenseitige tägliche Kritik durch seit dem Noviziat zugeteilte ›Schutzengel‹ bei Regelverstößen (S. 19), die mehrmals im Jahr unter Leitung des Novizenmeisters stattfindende ›Steinigung‹, eine Gruppenkritik an jedem Einzelnen, der niederknien muß, während ihm die Gruppe alle seine Verfehlungen vorwirft (S. 20), Spitzelberichte an die Oberen (S. 20), ein Regelwerk, das sich auf alle Lebensverrichtungen bis hin zur Stellung beim Schlaf erstreckt:

Die Quintessenz, der präziseste Ausdruck dieses ganzen Schablonensystems, sind endlich die sogenannten „Regeln der Bescheidenheit“ (regulae modestiae). Das ist die Form, in welche der Jesuit, vom Scheitel bis zur Zeh, hineingepreßt werden soll. […] Kurz sei der Inhalt dieser Regeln skizziert: Die Stirn und noch weniger die Nase sei nicht gerunzelt; die Lippen seien nicht aufeinandergepreßt, noch auch voneinander abstehend; beim Sprechen schaue man dem anderen nicht in die Augen, sondern halte den Blick etwas gesenkt; die Hände halte man ruhig; der Gesichtsausdruck weise nie starke Gemütsbewegungen auf, sondern zeige nur eine gleichbleibende Heiterkeit: der Gang sei stets gemäßigt, das Lachen sei nicht laut.

[a.a.O., Druck und Verlag von Breitkopf & Härtel, 11. Tausend  Leipzig 1910, S. 21 f.]

Der Zugriff erfolgt auch auf die private Frömmigkeit mittels angeleiteter Exerzitien (S. 23), durch ausgedehnte nichtsakramentale »Gewissensrechenschaften« gegenüber den Oberen, die über die Beichte weit hinausgehen und noch, zum Nutzen des Ordens, in den letzten Seelenwinkel Einblick nehmen (S. 26). Daß der wissenschaftliche Horizont, von Mathematik, Naturwissenschaften und Philologie abgesehen, auf jesuitische Schriften eingeengt wird (S. 34 f.), versteht sich von selbst.

Am Rande, auch hier gibt es unsichtbare Fäden, sei vermerkt, daß der insbesondere von der katholischen Presse und dem katholischen Klerus verfolgte Karl May nebst Gattin Klara am 11.3.1908 einem Vortrag von Paul von Hoensbroech über ›Zentrum und Papsttum‹ in Dresden lauschte.

[Dieter Sudhoff/Hans-Dieter Steinmetz: Karl-May-Chronik IV, S. 362]

May selbst war gläubig, aber längst über konfessionelle Bindungen hinweg und ein Kirchenkritiker, der nach der Humanität ihrer Funktionäre fragte. Daß die Jesuiten ihm Kolportage-Material waren in Zeiten des Kulturkampfs im 19. Jahrhundert, war ihm, dem lutheranisch Getauften, eine Selbstverständlichkeit.

Und wie sieht es heute bei den Jesuiten aus?

Die Jesuiten Deutschlands haben es tunlichst unterlassen, auf ihrer Homepage ihre Ordensregeln in der aktuellen Fassung zu veröffentlichen, wie andere Orden es ganz selbstverständlich tun. Aber schon ihr Glossar verrät, daß Loyolas Geist noch immer weht und wütet:

Destination (dt. „Bestimmung“): Der konkrete Arbeitsauftrag, den ein Jesuit von seinem Oberen erhält.

Gelübde: Der Jesuit verspricht vor Gott für immer Armut, Keuschheit und Gehorsam und bindet sich durch diesen Akt an den Orden; ein viertes Gelübde drückt die Verfügbarkeit für Sendungen des Papstes aus.

Indifferenz (dt. „Gleichförmigkeit“): Die innere Freiheit, sich nicht nach eigenen Vorlieben zu entscheiden, sondern über sich verfügen zu lassen.

Oberer: Der Vorgesetzte, dem gegenüber man Gehorsam übt; es gibt den Haus-, den Provinz- und den Generaloberen.

https://www.jesuiten.org/wir-jesuiten/der-orden/glossar.html

Das fünfte Gelübde für Professen, wie es der neue Papst ist und war, bevor er ordenswidrige Kirchenämter erhielt, wird nicht mitgeteilt: nämlich die Ablehnung von Kirchenämtern. Und nun darf gerätselt werden, warum der spanische Generalobere der Jesuiten seinem Ordensbruder die Annahme der Papstwürde gestattete. Wie sein/e Vorgänger schon die Annahme der früheren Kirchenämter eines Bischofs und eines Kardinals. Welche Machtfragen mögen da wohl erörtert worden sein?

Die aktuelle Berichterstattung über Gewalt, Demütigung und Mißbrauch in den jesuitischen Schulen, des Canisius- und des Aloisius-Kollegs, belegt jedenfalls, daß die überlieferten jesuitischen Gewaltverhältnisse auch im 20. und 21. Jahrhundert noch fortdauerten und fortdauern:

11.02.2010

Canisius-Kolleg

Kadavergehorsam als oberste Tugend

In den 60er-Jahren herrschten am Jesuitengymnasium Autoritätsfixierung, Prügelstrafe und Sexualfeindlichkeit, erinnert sich ein Zögling von damals.

von NORBERT BÖHNKE

[…]

Den Lehrern fehlte zu der Zeit jegliches Unrechtsbewusstsein. Pater M.: „Ich finde es unverschämt, wenn ein Schüler einen Lehrer so weit reizt, bis dieser ihn schlägt“ – typisch jesuitische Rabulistik, ganz in der Tradition des Ordens.

http://www.taz.de/!48241/

Jesuitenkolleg tut sich schwer mit Aufklärung Missbrauch: Bericht sieht Verfehlungen bis 2010 [recte: 2005]

16.3.2013 00:00 Uhrvon Claudia Keller

Berlin – Ein neuer Untersuchungsbericht zeigt: Am Bonner Aloisiuskolleg (Ako) wurden bis 2010 Kinder und Jugendliche systematisch Opfer von Machtmissbrauch, Demütigung und intimen Grenzverletzungen. 2011 hatte eine erste Untersuchung ergeben, dass in dem von Jesuiten geleiteten Gymnasium und Internat in den 50er und 60er Jahren über das „übliche“ Maß hinaus geprügelt wurde. In den 70er und 80er Jahren kamen sexuelle Übergriffe hinzu. Die Vorwürfe reichen bis 2005. Beschuldigt werden 18 Jesuitenpatres und fünf weltliche Mitarbeiter. Der Hauptverantwortliche starb 2010.

Im Mittelpunkt des neuen Berichts steht eine Freizeiteinrichtung, das „Ako Pro Scouting“, das ans Ako angegliedert war und auch externen Jugendlichen offenstand.

Es wurde jahrzehntelang mit öffentlichen Mitteln gefördert. Der Leiter des Ako Pro Scouting errichtete ein „autoritäres Machtsystem“ mit Demütigungen, Machokultur und frauenfeindlichen Komponenten, schreibt der Kölner Psychologe Arnfried Bintig, der die Untersuchung im Auftrag des Ako durchgeführt hat. Er vermutet bei dem Leiter der Freizeiteinrichtung eine „narzisstische Persönlichkeitsakzentuierung“. Ihm habe „jegliche pädagogische Distanz“ gefehlt, er habe „möglicherweise auch strafrechtlich gebotene Grenzen“ überschritten.

[…]

http://www.tagesspiegel.de/politik/jesuitenkolleg-tut-sich-schwer-mit-aufklaerung-missbrauch-bericht-sieht-verfehlungen-bis-2010/7938286.html

So verwundert es nicht wirklich, daß den neuen Papst, Franziskus I., alte Vorwürfe der Anpassung an die argentische Militärjunta als jesuitischer Provinzialoberer von Buenos Aires einholen: sie haben berechtigte Tradition:

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/jorge-mario-bergoglio-und-die-militaerdiktatur-die-zwei-gesichter-des-papstes-franziskus/7928238.html

und daß er, gelernt ist gelernt, mit Demuts- und Bescheidenheitsgesten in Erscheinung tritt, sogleich was vom Teufel murmelt und Charmeoffensiven gegenüber den Medien fährt (Jesuiten haben seit jeher die Schauspielkunst gepflegt, gefördert, in ihren Bildungseinrichtungen für die Eliten gelehrt und sie zur Missionierung des Plebs eingesetzt), läßt sich unschwer seinem speziellen Orden zuordnen, der sich als intriganter und militanter Papstmacher organisiert hatte. Was von einem gebrochenen Zuarbeiter zu erwarten ist, der ordenswidrig zu Macht kommt  – das erscheint mir hochgefährlich.

Hans Wollschlägers ›Reden gegen ein Monstrum‹ sind daher von bestürzender Aktualität: denn die drängenden Fragen der Zeit dürfen gerade nicht »theologisch – das heißt, aufrichtend illusionär und abrichtend autoritär« [a.a.O., S. 54] beantwortet werden.

Für mich bleibt das Herzstück des Buchs immer noch der ›Nachruf auf 1000 Jahre. Bamberg in Geschichte und Gegenwart‹ aus dem Jahr 1973. Was da in die heiter-volkstümlichen Feierlichkeiten der Tausendjahr-Feier, am 24.6.1973 im Bayerischen Rundfunk gesendet und am 20.7.1973 im Grünen Saal der Harmonie, Bamberg, vorgetragen, hineinscholl und die Bierlaune verdarb, waren überaus disharmonische Töne:

Wahn, Unterdrückung und Schmerzen: Überblickt man die Geschichte Bambergs bis in die fernsten Zeiten, so haben die Menschen dort eigentlich immer im Kampf mit ihrer gottgesandten Obrigkeit gelegen, in Notwehr gegen Ausbeutung und Raub, gegen Abgabenerpressung, gegen Verfolgung von Denken, von Rasse und Art.

[a.a.O., S. 163]

Was folgt, sind aufrüttelnde Archivfunde, Daten, Fakten, die Stimmen der Opfer werden hörbar, die Täter eindeutig kenntlich gemacht, selbst wenn ihre Namen auch heute noch Bamberger Straßenschilder zieren. Von den frühen Judenverfolgungen über die Verfolgung der Ketzer, die Niederschlagung der Bauernkriege – erschütternd bis ins Mark: die Dokumente zu den Hexenverfolgungen. Es war der Hofmeister des Bamberger Erzbischofs, der es zuwege brachte, daß die kirchliche Inquisition den Weg in die Reichsgesetzgebung fand. Und weltliche Justiz läßt sich, soweit Normen bereitstehen, traditionell aufs gesetzliche Unrecht verpflichten.

Ob man die irrwitzigen Geständnisse, die von der Folter erpreßt wurden, beim unglaublichen Wort nimmt, ob man sich’s von den phantastischen Zeichnungen des Meisters Hans Baldung Grien vorstellen läßt, immer bleibt es ein harmlos armseliger Ausbruch der zu lange geschundenen Freiheit: ein wirres Gemisch aus Phantastik und Hysterie. Zugleich aber auch: das nur zu genaue Äquivalent einer Metaphysik, die eine voll durchdämonisierte »bezauberte Welt« überhaupt erst geschaffen hatte, ein verzerrtes Widerbild der ebenso irrealen des »Glaubens«. Was es aus einem bloßen Kulturkuriosum zum Mittelpunkt später Barbarei gemacht hat, war erst die Barbarei, mit der dieser Glaube darauf reagierte: – nirgends geht Humanität, Vernunft, mitleidende Empfindlichkeit so zugrunde wie da, wo zwei Wahnformen zusammenstoßen. Neun Millionen unschuldige Opfer hat, wie Voltaire errechnete, dieser Zusammenprall gekostet …

[a.a.O., S. 174]

Der Bogen zum politischen Wahn des Nationalsozialismus ist schnell geschlagen, wenn die von Hanns Pfau 1932 angelegte Stadtchronik besichtigt wird: noch am 25.10.1932 wird eine Straßenkundgebung der Nazis als »unauslöschliche Schande« für Bamberg bezeichnet, die Chronik von 1933 aber bereits dem 1. Bürgermeister Lorenz Zahneisen gewidmet, dem Standartenführer  und »langjährigen, unermüdlichen Kampfer und Führer der nationalsozialistischen Bewegung in Bamberg« (S. 193).

Unschwer lassen sich weitere Bögen zur Jetzt-Zeit, ihren aktuellen Verblendungen und ihren aktuellen Ungerechtigkeiten mitsamt Unterdrückung und Schmerzen schlagen. Noch fehlt der historische Abstand, um Sicherheits- Anpassungs- und Selbstoptimierungsbedürfnisse, sowie die Ideologie, den Menschen als bloßes Objekt wirtschaftlicher Brauchbarkeit zu betrachten, als krankhafte Erscheinung einzustufen. Einzelne können das schon jetzt, die Gesellschaft wird mehr Zeit benötigen. Noch ist sie, die Gesellschaft insgesamt, munter dabei, Nicht-Funktionierende zu verelenden, zu pathologisieren und strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen.

Wie nicht anders zu erwarten, bestand die Reaktion auf diese spezielle Bamberger Geschichtsschreibung von Hans Wollschläger aus einem »Getümmel der Affekte« (S. 210), der Generalvikar des Erzbischofs legte Protest beim Bayerischen Rundfunk ein, der ihn elegant abservierte. Schon wieder ein paar Feinde gewonnen, aber nichts für das fort und fortbestehende Anliegen von Vernunft, Humanität, Gerechtigkeit? Sollte man solche Groß-Unternehmungen aufgeben? Behält Hans Wollschläger recht, wenn er am Ende schreibt:

Ganz zuletzt: bleibt, wiederum mit Nietzsche, doch bloß das bißchen Stil.

[a.a.O., S. 218]

H.W., 10.10.06 02

Hans Wollschläger in Dörflis, 9.10.2006 © Gabriele Wolff

Ich mag die Frage nicht beantworten. Vielleicht sind meine ›unnützlichen Kommentare‹ eine Reaktion. Andererseits: ›Das bißchen Stil‹ ist ja nicht wenig, und für uns Leser ein bleibender Hochgenuß. Vor allen Dingen, wenn es die üblichen bloßen ›Feinde‹ eines jeden größeren Geistes sind, die er mit diesem Mittel der Wahl zur Strecke bringt. Die allzuwenigen Gegner schätzte er. Selten genug sind sie ja.

Anders dagegen, ach wie so anders, die Feinde. Mit ihnen ist schlechterdings nichts anzufangen: sie brodeln und rüdeln irgendwo herum; man kann nie richtig verstehen, was sie eigentlich meinen; nimmt man sie sich vor, so greift man, statt in fassenswerte Argumente, bloß in eine quallige, oft sogar schmuddelige Motivation, die mit einem selber gar nichts zu tun hat; was immer man täte, um sie zur Räson zu bringen oder zu leidlichem Benehmen, es würde alles sofort in der Dumpf- und Sumpfheit versacken, in der ihre Feind-Gefühle so vor sich gehen. Gibt man ihnen ein Buch in die Hand, so machen sie als erstes einen Fettfleck drauf; läßt man ihnen Gelegenheit, sich zu äußern, so randalieren sie derart besinnungslos quer durch die Grammatik, daß man um ihr Leben fürchtet; will man ihnen gar beschwichtigend die Hand geben, so entringt sich ihnen nur noch ein unartikulierter Schrei.

[Hans Wollschläger: Die Insel und einige andere Metaphern für Arno Schmidt, Wallstein Verlag Göttingen 2008, S. 229 f. (Bruder Kuhn)]

In Internetzeiten stellen sie solide Mehrheiten. Indes: auch der Buchmarkt goûtiert sie, falls sie ein Plus zu versprechen scheinen, was ab 10.000 verkaufter Exemplare der Fall ist. Danach werden sie fallen gelassen, weil sie nicht liefern können. Manche Feinde können von der liebgewordenen Gewohnheit nicht lassen und brodeln und rüdeln sogar posthum noch irgendwo herum. Obwohl es sich hier ersichtlich um einen ›erledigten Fall‹ handelt, will ich den Freunden von Hans Wollschläger dieses Stückchen aus den ›Sudelbüchern‹ nicht vorenthalten:

Der Bettelstudent

              Die Kenntnis der Werke des Kollegen Henscheid, der, weil er mich seinerzeit einmal gelobt hat, so ganz schlecht ja nicht sein kann, jedoch, da er mich neuerdings tadelt, offenbar etwas nachläßt, – die Kenntnis der Werke des Henscheid also, die, wie ich in der Radiozeitung des Bayerischen Rundfunks lese, nicht nur »sprachmächtig und sprachwitzig« sind, sondern auch »voller Bezüge« stecken, nämlich auf »literarische Traditionen«, nämlich weitgreifend »von Franz Kafka bis Karl Valentin«, – die Kenntnis des Henscheid, die man somit ja eigentlich von mir verlangen kann, ist bei mir immer noch auf einige frühe Eindrücke angewiesen und zeigt, von diesen nur mangelhaft angeregt, eine mir selber auffallende Stagnation. Das kann nun anders werden, denn »zu den vielen Facetten der Begabung dieses sehr eigenen Autors, der sich ob seiner geburtsbedingten Verbundenheit mit der Oberpfalz gern als ›Heimatler‹ sieht, gehört auch die Musik«. Ja, doch, das könnte etwas sein und mir neuen Auftrieb geben. »Der Eisenbahnersohn kam mit ihr schon früh in Berührung«, ist des weiteren zu erfahren: »als Schifferklavier spielendes Mitglied eines von der Posaune des Vaters und der Geige der Schwester komplettierten Familientrios.« Ich habe zwar einige Schwierigkeiten, mir den Kollegen Henscheid als Trio vorzustellen, das von Geige und Posaune komplettiert wird, aber am Schifferklavier sehe ich ihn sofort zum Greifen nahe vor mir; da sind alle Facetten beisammen, ja förmlich zur Synthese gebracht: die Begabung, die Oberpfalz und die Eisenbahn erklingen in kunstvoller Polyphonie, und neu anregend erscheint vor meinem Auge der Musiker Henscheid »als Klavierdilettant, der ehrfurchtgebietend schwierige Partituren meistert, so gut wie als nimmermüder Operngänger und Plattensammler.« In diesen drei Rollen ist er »besessen von der Musik«: das will ich mir nun doch gesagt sein lassen, auch wenn nicht ganz klar ist, ob er selber Ehrfurcht gebietet oder ob die Schwierigkeit es tut. Ich entsinne mich, wie er mir – es mag ein Vierteljahrhundert her sein – einmal die posthume A-dur-Klaviersonate von Schubert vordilettierte, und würde mich nach längerer Überlegung doch für die Noten entscheiden: ich habe irgendwie eindrucksvoll erlebt, wie die Sonate dem Interpreten auswich und die Berührung zu meiden suchte, und jedenfalls ist er als Operngänger und Plattensammler bedeutender, wie ich, der zumindest des Operngehens längst müde geworden ist, neidlos zugestehen will – offen gelassen, ob er im einen so gut zu nennen wäre wie im andern. Irgendwie erleichtert es mich aber, ihn nun nicht mehr darauf angewiesen zu wissen, als Literat zu dilettieren, zumal die Spannweite seiner Bezüge in der Musik erfreulich breiter ist als in der Literatur: sie »beginnt bei Mozart und endet „an guten Tagen“ bei Karl Millöckers ›Bettelstudent‹, den Henscheid „in einigen Stücken“ Mozarts ›Figaro‹ an die Seite zu stellen keine Sekunde zögert.« Ich hatte mir das fast schon gedacht und will seinen Lobredner nicht mit der Frage irritieren, wo denn Händel bleibe, den sein Laudatus, wenn ich mich recht entsinne, im seinerzeitigen Bach-Jahr als weit bedeutender denn Bach erklärte? Nun, es stehe dahin, und wenn es bei Millöcker endet, ist noch nichts verloren. Die Bezüge auch auf musikalische Traditionen sind ersichtlich gesichert, und der Musiker Henscheid gebietet mir erneut die sonst nicht mehr frisch gebliebene Ehrfurcht. Dabei soll es bleiben – jedenfalls bis eine weitere von den vielen Facetten ihre Aufwartung macht. Denn es kann ja nicht ausbleiben, daß ihn das Fernsehen demnächst auch als Sonntagsmaler feiert und mir eine neue Chance gibt, meine Kenntnisse zu vertiefen; darauf freue ich mich schon jetzt.

[»da er mich neuerdings tadelt«: Eckhard Henscheid: Von Steinmetzen und Skalpellarbeitern. Eine Kurzgeschichte der beliebtesten Brachialmetaphern der neueren Dichtkunst, in: ›Süddeutsche Zeitung‹, 8./9. 7.2006]

Ich danke Monika Wollschläger für die Erlaubnis, aus noch unveröffentlichten Texten von Hans Wollschläger zu veröffentlichen, und * bitte den oder die unbekannt gebliebene Fotographen/in, sich mit mir wegen der Veröffentlichung des privaten Fotos vom 13.8.2005 in Verbindung zu setzen, das anläßlich des Gedenkens an Chargaffs 100. Geburtstag (11.8.2005) entstanden ist.

Update (18.3.2013)

Wie sehr dieser Text (und andere) auf Leser gewirkt hat, belegt die Veröffentlichung eines Leserbriefes (von Giesbert Damaschke) an Hans Wollschläger aus dem Jahr 1999, der von ihm nach Hans Wollschlägers Tod als ersatzweiser Nekrolog veröffentlicht wurde:

http://www.damaschke.de/notizen/index.php/ein-brief-an-hans-wollschlager-aus-dem-jahr-1999/

Ich bin sicher, daß dieser Brief dem Autor, der die Vergeblichkeit seines Unterfangens kannte, gutgetan hat.

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Grass-Gedicht: Gefährdet die Atommacht Israel den Frieden? Ein aktueller Faktencheck

Nichts ist älter als eine Zeitung von gestern. Insbesondere die abgebildete vom 7.5.2012 war schon einen Tag später Makulatur. Die Situation spitzt sich zu. Günter Grass hatte recht, mahnend seine Stimme zu erheben.

Setze ich also meinen Faktencheck fort:

https://gabrielewolff.wordpress.com/2012/04/11/grass-gedicht-gefahrdet-die-atommacht-israel-den-frieden-ein-faktencheck/

Ach, übrigens: Josef Joffe muß seine Sandkastenspiele vom 12.4.2012 ebenfalls überarbeiten.

http://www.zeit.de/2012/16/Kriegsspiele/komplettansicht

Seinen vorgeblich kenntnisreichen, inhaltlich aber wirren Ausführungen war zu entnehmen, daß Israels militärische Gerätschaften für einen erfolgreichen Erstschlag kaum ausreichen, weil es an Flugzeugen für die Betankung in der Luft mangele. Die Möglichkeit, daß Israel seinen Schlag von Aserbaidschan aus starte, schloß er in seinem Szenario aus. Wohl aus diesem Grund verfiel er auf den Gedanken, daß die israelische Kriegsdrohung nicht ernstgemeint sei, sondern nur einen Krieg (welchen?) verhindern solle.

Achje, nicht einmal seine leichtfertigen Aserbaidschan-Prämisse trifft zu. Da hat unser kriegslüsterner Amateur-Feldherr wohl diesen Bericht übersehen:

30.03.2012, 07:17

Atomstreit mit Teheran

Israel macht Flugfeld nahe Iran klar

Aserbaidschan stellt laut US-Diplomaten Israel einen Luftstützpunkt zur Verfügung. Offiziell dementiert Baku – doch der Deal würde einen israelischen Militärschlag wesentlich erleichtern.

Von Silke Mertins Berlin

Die israelische Regierung hat sich US-Vertretern zufolge einen Luftstützpunkt in Aserbaidschan gesichert – in unmittelbarer Nähe zum Erzfeind Iran. „Israel hat sich ein Flugfeld gekauft“, zitiert das renommierte US-Magazin „Foreign Policy“ einen von insgesamt vier hochrangigen amerikanischen Diplomaten. „Und dieses Flugfeld heißt Aserbaidschan.“

Stimmt der Bericht, ist ein möglicher israelischer Militärschlag gegen iranische Atomanlagen ein großes Stück näher gerückt.

Israels F15- und F16-Kampfflugzeuge könnten nach einer Attacke direkt im Nachbarland landen und für den Rückweg auftanken. Das Auftanken in der Luft, für das dem israelischen Militär ausreichend Kapazitäten fehlen, wäre damit unnötig. Gleichzeitig könnten die Kampfflieger mit weniger Treibstoff auch mehr Waffen transportieren, und so die Erfolgschancen der Attacke erhöhen. Ein Flughafen in Aserbaidschan würde Israel „Treibstoff für 1300 Kilometer sparen“, so Sam Gardiner, Militärexperte und Ex-US-Luftwaffen-Oberst.

Dadurch sei ein Angriff „machbarer“. Die Entfernung und die große Anzahl an Zielen galt bisher als Haupthindernis für einen Militärschlag gegen den Iran. Von einem Luftstützpunkt im Nachbarland aus könnten zudem Rettungsaktionen durchgeführt werden, sollte der Angriff missglücken.

Im Weißen Haus sei man über die engen Beziehungen zwischen Israel und Aserbaidschan „nicht glücklich“, so ein Diplomat. Zumal Israel dem als Kleptokratie verrufenen Regime in Baku Waffen im Wert von 1,6 Mrd. Dollar verkauft hat. Darunter sollen israelische Drohnen sein, die zu den besten der Welt gehören, sowie Raketenabwehrsysteme.

[…]

http://www.ftd.de/politik/international/:atomstreit-mit-teheran-israel-macht-flugfeld-nahe-iran-klar/70016240.html

Wer glaubt schon den Dementis eines gewissenlosen Kleptokraten?

19.04.2012

Aserbeidschan widerspricht Meldungen, Israel könne Flughäfen für einen Angriff auf den Iran nutzen

[…]

Militärisch gibt es enge Beziehungen mit Israel. Militärflughäfen in Aserbeidschan wurden von Israel modernisiert, das auch Waffen an das Land verkauft. Zu den Berichten, dass Aserbeidschan Israel bei einem Angriff auf den Iran unterstützen könnte, sagte nun Aliyev, dabei handele es sich um eine „Informationssabotage“ interessierter Kreise, um Aserbeidschans unabhängige Position in Misskredit zu bringen und Konflikte mit seinen Nachbarn zu schüren.

http://www.heise.de/tp/blogs/8/151827

Daß Netanjahu eine Gefährdung Israels durch den Iran lediglich verschwörungstheoretisch behauptet und nicht einmal vor dem Holocaust-Vergleich zurückschreckt, kritisieren israelische Militär- und Sicherheitsexperten mittlerweile scharf:

30. April 2012

Sicherheitschefs misstrauen Netanyahu

Israels Ministerpräsident am Pranger wegen Iran-Politik

Monika Bolliger, Jerusalem

[…]

Neben ehemaligen Führungspersönlichkeiten aus Armee und Geheimdienst haben sich auch Amtsträger kritisch zum Thema Iran geäussert. Der jetzige Chef des Mossad und Nachfolger Dagans, Tamir Pardo, sagte Ende 2011, dass der Ausdruck «existenzielle Bedrohung» zu beliebig verwendet werde. Iran sei zwar unbestritten eine Gefahr für Israel. Aber selbst wenn Teheran die Atombombe erlange, heisse das nicht, dass Israel zerstört würde.

Vergangene Woche schliesslich hatte auch Generalstabschef Benny Gantz besonnene Töne angeschlagen, welche im Kontrast zu Netanyahus Rede anlässlich des Holocaust-Gedenktages vorletzte Woche standen. Der Ministerpräsident hatte die iranische Bedrohung mit dem Dritten Reich gleichgesetzt und vor einem neuen Holocaust gewarnt. Trotz anhaltender Popularität Netanyahus unterstützen laut einer Umfrage vom Februar nur rund 20 Prozent der Israeli einen militärischen Alleingang gegen Iran. Laut einer anderen Umfrage nehmen 75 Prozent der Israeli Iran als Bedrohung für ihr Land wahr.

http://www.nzz.ch/nachrichten/startseite/sicherheitschefs-misstrauen-netanyahu_1.16677574.html

Letzteres Umfrageergebnis verwundert nicht: wenn Angst propagandistisch geschürt wird, entsteht sie auch. In demselben Artikel aus der Schweiz – in der deutschen Presse kann man solch klare Aussagen ja wegen Selbstzensur aus Angst, wie Grass mit der Antisemitismuskeule niedergemacht zu werden, leider kaum finden –, heißt es zu der militärischen Sinnlosigkeit eines Erstschlags gegen iranische Atomanlagen:

Die Iran-Politik Netanyahus stösst in Israel auf immer grösseren Widerstand. Am Freitag kritisierte erneut eine bedeutende Persönlichkeit aus dem israelischen Sicherheitsapparat den Ministerpräsidenten. Yuval Diskin, der von 2005 bis 2011 Chef des israelischen Inlandgeheimdienstes Shin Bet war, sagte, er habe keinerlei Vertrauen in die Führung des Landes. Netanyahu überschätze die Erfolgschancen eines Militärschlages gegen Iran und führe mit seiner Rhetorik die Öffentlichkeit in die Irre. Der Ministerpräsident hatte wiederholt auf militärische Aktionen gegen die iranischen Atomanlagen gedrängt.

Ein Angriff auf Iran könne laut zahlreichen Experten jedoch auch zu einer Beschleunigung des Atomprogramms führen, begründete Diskin seine Kritik. Netanyahu aber äussere sich so, als ob ein Militärschlag eine iranische Atombombe automatisch verhindern würde. Er kritisierte weiter, dass Netanyahu nur vorgebe, mit den Palästinensern verhandeln zu wollen, zumal er damit seine Koalition aufs Spiel setzen würde. Dabei erschwere jeder weitere ungenutzte Tag die Lösung des Problems.

http://www.nzz.ch/nachrichten/startseite/sicherheitschefs-misstrauen-netanyahu_1.16677574.html

Natürlich hat Vernunft keine Chance. Weder in Diktaturen noch in Demokratien. Das ist schlicht ein Naturgesetz… Der Nationalist Netanjahu will den Krieg, warum auch immer (wobei ich auf den unvernünftigen Drang zur Selbsterhöhung tippe). So hat er Differenzen mit den ultrareligiösen Koalitionspartnern, deren Klientel sich vor der Wehrpflicht noch drücken kann, wenn sie nur eifrig die Thora studiert, beim Säbelrasseln, Kämpfen und Töten der Soldaten als klassische Siedler im Palästinensergebiet aber am meisten profitiert, zum Anlaß genommen, Neuwahlen herbeizuführen. So schrieb es noch am 7.5.2012 der TAGESSPIEGEL, der sich wegen der Hintergründe dieses Vorhabens der Insiderkenntnisse von Charles A. Landsmann bediente:

Damit öffnet Netanjahu nach Informationen des renommierten israelischen Journalisten Amnon Abramowitsch allerdings auch ein zweimonatiges Kriegsfenster für einen Angriff auf Irans Atomanlagen.

Der hochdekorierte Kriegsinvalide äußerte sich entsprechend in dem Wochenmagazin des Fernsehsenders „Kanal 2“. In Israel geht man davon aus, dass es im Sommer auf keinen Fall zu einem Angriff auf den Irans kommen wird. Nach der US-Wahl im November riskiert Jerusalem aber eine heftige Reaktion des gewählten Präsidenten, sei es der Demokrat Barack Obama oder der Republikaner Mitt Romney. Mit Wahlen im September aber entstünde bis zur US-Wahl am 5. November ein zweimonatiges Kriegsfenster. In diesem Zeitraum würde Netanjahu – für dessen Wahlsieg derzeit alles spricht – einer Übergangsregierung vorstehen, die keiner parlamentarischen Kontrolle unterliegt. In den USA könne sich Obama in der Schlussphase des Wahlkampfes keine politischen Strafmaßnahmen gegen Israel erlauben. Netanjahu und sein Verteidigungsminister Ehud Barak, die gemeinsam gegen den mehrheitlichen Willen der israelischen Regierung und des Parlamentes dem Iran mit einer Attacke drohen, hätten somit zwei Monate Zeit, ihre Pläne umzusetzen. Abramowitschs Enthüllungen stützen sich offenbar – wie schon früher – auf zuverlässige Quellen in höchsten Kreisen.

http://www.tagesspiegel.de/politik/neuwahl-in-israel-wegen-iran/6597574.html

Schon einen Tag später ging die Taktik Netanjahus mit den drohenden Neuwahlen auf, bei denen die Kadima-Partei schlechte Karten gehabt hätte. Mit fliegenden Fahnen trat ein opportunistischer Machtmensch (die israelische Politikerkaste ist flächendeckend korrupt) in die schwächelnde Netanjahu-Regierung ein. Und nun gibt es niemanden mehr, der Netanjahu in den Arm fallen könnte – gegen die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung, gegen die Ratio von Militärs und Geheimdiensten. Demokratie läßt sich mißbrauchen, das ist bekannt. In der durchmilitarisierten Gesellschaft von Israel ist die Gefahr noch viel größer als anderswo. Das, was jetzt in Israel geschieht, gefährdet tatsächlich den Weltfrieden…

SPON am 8.5.2012:

Für Israels Premierminister Benjamin Netanjahu war es ein großer Coup: Überraschend hat er in der letzten Minute vorgezogene Neuwahlen doch noch abgewendet. In den frühen Morgenstunden einigte er sich mit Schaul Mofas, Chef der Mitte-Links-Partei Kadima, eine Große Koalition zu bilden. Ihr werden 96 der 120 Abgeordneten im Parlament angehören – eine komfortable Mehrheit.

Damit erhöht Netanjahu den Druck auf Teheran im Streit um das iranische Atomprogramm. Anstatt die nächsten Monate im Wahlkampf zu versinken, bleibt der Premierminister handlungsfähig und kann sich nun auf eine große und stabile Koalition stützen. Gleichzeitig schafft er es, die israelische Innenpolitik auf eine Linie einzustimmen: Mit Mofas bindet er den Politiker ein, der ihm im Streit um die Iran-Politik hätte gefährlich werden können

[…]

Schaul Mofas hatte in den vergangenen Wochen angefangen, sich der Kritik israelischer Sicherheitsexperten an Netanjahus harter Iran-Linie anzuschließen. Ex-Geheimdienstchef Meir Dagan und einzelne Militärs kritisierten, Netanjahu überschätze die Bedrohung für Israel durch Iran.

Dieser Linie schien sich auch der eher als Hardliner bekannte Ex-Militärchef Mofas anschließen zu wollen. Zuletzt sagte er im April in einem Interview mit der „New York Times“, die Gefahr für Israel durch die festgefahrenen Friedensverhandlungen mit den Palästinensern sei deutlich größer. Seine Kadima-Partei hatte in Umfragen massiv verloren.

[…]

Mit dem Ex-Likud-Mann und Ex-Verteidigungsminister Mofas hat Netanjahu nun einen Partner an seiner Seite, der sich wohl seiner Linie gegen Teheran anschließen wird. Einen Militärschlag gegen Iran hat Mofas bisher nicht ausgeschlossen. Er werde, sollte es dazu kommen, Netanjahu unterstützen, erklärte Mofas im April.

Mofas gilt in Israel als Opportunist und Machtmensch. Erst im vorigen Monat hatte er ausgeschlossen, der Regierung Netanjahus beizutreten. Auch der Kadima-Partei hatte sich der Ex-Likud-Vertreter 2005 erst angeschlossen, nachdem er dies wenige Wochen zuvor noch abgelehnt hatte.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/israel-netanjahu-bildet-grosse-koalition-mit-kadima-a-831964.html

Man darf Israel und seine Bürger nicht diesen Figuren überlassen. Sie, die Menschen, nicht von diesen verachtungswürdigen Politikern ins Verderben stürzen lassen. So wenig wie deutsche Wähler haben sie Einfluß darauf, welche Koalitionen Machtpoliker auch gegen ihren Willen schmieden. Wer das Existenzrecht Israels bejaht, muß diesen Politiker-Kriegstreibern in den Arm fallen.

In Deutschland hat sich neben Günter Grass eigentlich nur die Ein-Mann-Friedensbewegung Jürgen Todenhöfer zu Wort gemeldet und in der FRANKFURTER RUNDSCHAU auf Selbsterständlichstes hingewiesen (zitiert nach dem Online-Ausriß in ›Junge Welt‹):

Vieles spricht dafür, daß das »iranische Nuklearproblem« ein Vorwand ist, um den Iran zu isolieren und in die Knie zu zwingen. Daß es in Wahrheit um die Vorherrschaft in der ölreichen Region geht. Der Iran ist zum Ärger der USA der eigentliche Gewinner des Irakkriegs, ohne daran teilgenommen zu haben. Seither erstreckt sich der iranische Einfluß über den Irak, Syrien, Libanon bis tief in die schiitischen Gebiete Saudi-Arabiens und Bahrains hinein.

Diesen Machtzuwachs wollen die USA rückgängig machen und den Iran durch Druck, Drohung und Gewalt wieder zu einem linientreuen Verbündeten machen. Wie zu Zeiten des CIA-Schützlings Schah Reza Pahlevi, dessen Nuklearpläne der Westen stets bereitwillig unterstützte. Daneben geht es den USA im Mittleren Osten immer auch um die Stabilisierung Israels. Die arabische Revolution hat die Region unberechenbar gemacht. Jeder israelische Politiker muß sich Sorgen um die Zukunft seines Landes machen. (…)

Angriffsdrohungen und erst recht Militärschläge sind völkerrechtswidrig. Die deutsche Unterstützung eines Angriffs widerspräche Artikel 26 unseres Grundgesetzes und wäre nach Paragraph 80 des Strafgesetzbuches strafbar. Die lockere Art, mit der westliche und israelische Politiker völkerrechts- und verfassungswidrige Pläne in Betracht ziehen, zeigt, daß ihnen die rechtlichen und moralischen Maßstäbe abhanden gekommen sind. (…)

http://www.jungewelt.de/2012/05-04/026.php

Hier der Link zum Original-Artikel von Todenhöfer:

http://www.fr-online.de/israel-iran-konflikt/iran-auf-der-suche-nach-der-bombe,11950234,15091698,item,0.html

 

Um Moral geht es der Politik allerdings nur, wenn es nichts kostet. Die Ukraine ist wirtschaftlich uninteressant. Da sagt ein deutscher Bundespräsident zugunsten einer zweifelhaften Gas-Oligarchin und professionellen Selbstinszeniererin namens Julia Timoschenko gerne mal ein langweiliges Treffen ab, und Frau Wendehals Merkel plädiert ebenfalls dafür, sich vor Ort keine Fußballspiele anzusehen (im Fernsehen sieht man sowieso mehr: Nahaufnahmen, Zeitlupenwiederholungen). Die Nagelprobe für den schlichten Populisten von BILDs Gnaden Gauck wird es sein, wie er sich auf seiner Israel- und Palästina-Reise ab dem 31.5. positioniert. Darauf dürfen wir alle gespannt sein.

Ganz klar waren die bislang stattgefundenen angeblichen Verhandlungen mit dem Iran über sein Atomprogramm keine Verhandlungen, sondern Demütigungsveranstaltungen mit dem Ziel & Zweck, den einzigen orientalischen Staat, der nicht auf US-Kurs ist, mit Sanktionen in die Knie zu zwingen. Niemand hat die Sicherheitsbedürfnisse eines von feindlichen Glaubensbrüdern und US-Militärbasen umzingelten Staates jemals ernsthaft in Erwägung gezogen. Oder die Ungleichbehandlung von Iran und Israel in Sachen Atomprogramm thematisiert. Auch das iranische Volk leidet, extremer als das israelische, unter einer schlechten Regierung… Wer sich über die vorgeblichen Verhandlungen informieren möchte, kann hier nachlesen:

Am Rande des Abgrunds.

Norman Paech
http://norman-paech.de/app/download/5784395691/Am+Rande+des+Abgrunds.pdf

Tja. Und welche Signale sendet die feige deutsche Regierung heute aus?

Wie üblich die falschen. Nachzulesen in einem kleinen Kästchen-Bericht im SPIEGEL Print, 19/2012, S. 20

Westerwelle verprellt Palästinenser

Die palästinensische Regierungsspitze fühlt sich von Außenminister Guido Westerwelle hinters Licht geführt. Der hatte bei einem Besuch in Ramallah Anfang Februar angekündigt, dass die palästinensische Generaldirektion in Berlin aufgewertet werden solle. Im Bundestag hatte er sogar von einer „diplomatischen Mission Palästinas“ gesprochen. Davon ist der Minister wieder abgerückt. In einer sogenannten Verbalnote des Auswärtigen Amtes an die palästinensische Mission heißt es nun, der Leiter der paästenisensischen Mission dürfe sich Botschafter nennen, falls die Palästinenser das wollten. Daraus ergäben sich aber „keinerlei zusätzliche  Privilegien oder Immunität“. Die Regierung von Präsident Mahmud Abbas will nun darauf pochen, dass Westerwelle sein Versprechen auch umsetzt. Westerwelles Rückzieher hat wohl damit zu tun, dass Kanzlerin Angela Merkel die Aufwertung der palästinensichen Vertretung für verfrüht hält.

Angesichts dieser Konstellation: ein schon aufgrund parteipolitischer Selbstzerlegung marginalisierter Außenpolitiker, eine moralfreie machtbewußte Realpolitikerin als Kanzlerin ohne Wertegerüst, brauchen wir unsere Dichter wie Grass und unsere Moralisten wie Todenhöfer, der seine alte Sünden glaubhaft abgebüßt hat – Profi-Politiker und Mainstream-Journis haben ja offensichtlich kein Interesse daran, diesen unsinnigen, elenden Krieg zu verhindern.

Daß meine Kommentare unnützlich sind, weiß ich ja. Aber manchmal schmerzt das mehr, als man ertragen kann…

Update:

Und wer sich selbst ein Bild vom Iran machen will und mit anderen als den vorgestanzten Mehrheitsmeinungen zurückkehrt, erntet was? Genau, den Sturm der Entrüstung und jede Menge Nachteile und Ausgrenzungen:

Radikalliberale Unschuld

von Eckhard Stengel

Wie der FDP-Landtagskandidat Claus Hübscher seinen Besuch beim iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad verteidigt.

Claus Hübscher hätte es wissen können. „Warum fährst du da hin? Was handelst du dir da ein?“, fragten Bekannte den FDP-Landtagskandidaten aus Delmenhorst bei Bremen, bevor er als Privatmann zu einer zehntägigen Iranreise aufbrach. Jetzt ist er wieder da, und ein Sturm der Entrüstung fegt über ihn hinweg. Denn der 65-jährige ehemalige VHS-Chef war mit seiner Reisegruppe auch Gast bei Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Hübscher hat ihm die Hand geschüttelt, sich mit ihm fotografieren lassen und hinterher erstaunlich Positives über ihn verlautbart: Ahmadinedschad bestreite weder den Holocaust noch lasse er Atomwaffen entwickeln.

Die allgemeine Empörung hat ihn jetzt einen Dozentenjob gekostet: Die Volkshochschule, an der Claus Hübscher als Ruheständler noch einen Gesprächskreis über Kulturen und Religionen leitete, hat ihn fristlos entlassen, weil er „dem Ansehen der VHS erheblich geschadet“ habe.

[…]

Hübscher hat nun keine Ruhe mehr. Ein anonymer Anrufer habe ihm angedroht, alles für seinen Rauswurf aus der FDP zu tun. Der Diplom-Volkswirt und dreifache Vater fühlt sich „missverstanden und überinterpretiert, von A bis Z“ und sagt: „Ich kann dem Günter Grass jetzt nachfühlen, was er mitmacht.“

http://www.tagesspiegel.de/politik/radikalliberale-unschuld/6606826.html