Grass-Gedicht: Gefährdet die Atommacht Israel den Frieden? Ein Faktencheck

Immerhin, in Schweden hat man die Nerven behalten, und das ist ja keine Kleinigkeit in Zeiten der medialen Hocherregung:

Günter Grass

Posted by Peter Englund under Nobelpriset, då och nu

Unter Bezugnahme auf die jüngste Debatte über Günter Grass‘ Gedicht „Was gesagt werden muβ“ erlaube ich mir festzustellen, daβ Herr Grass den Nobelpreis für Literatur des Jahres 1999 aufgrund literarischer Verdienste, und ausschlieβlich aufgrund literarischer Verdienste, erhalten hat – was, nebenbei gesagt, für alle Preisträger gilt. Die Schwedische Akademie sieht heute wie zukünftig keinen Anlaβ für eine Diskussion, ihm diesen Preis in irgendeiner Weise streitig zu machen.

Peter Englund
Ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie

http://akademiblogg.wordpress.com/

Das Lesen von Gedichten scheint eine Schwerarbeit zu sein, der sich Journalisten, Politiker und Adabei-Profiteure der medialen Aufmerksamkeit nur ungern unterziehen. So heißt es allzuoft, Günter Grass habe der israelischen Regierung unterstellt, einen atomaren Erstschlag gegen den Iran zu planen. Er habe zudem unterstellt, die Regierung wolle die Auslöschung des iranischen Volks. Beides ist falsch, wie eigentlich ganz leicht nachzulesen ist:

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809

Die Art und Weise des Erstschlags wird nicht konkretisiert, und aus dem konjunktivischen ›könnte‹, das auf die möglichen Konsequenzen eines heillos eskalierenden Militärschlags gegen iranische Atomanlagen verweist, wird mutwillig ein entsprechender Wunsch der israelischen Regierung gebastelt. Das ist intellektuell unredlich – aber mit Intellekt hat die allseitige Schmähkampagne gegen Günter Grass ja auch nichts zu tun.

Weitere öffentliche Vorwürfe knüpfen sich an diese Zeilen:

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?

http://www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809

Grass mache das Opfer zum Täter, heißt es. Iran sei der Aggressor, die Drohungen Ahmadinejads, Israel von der Landkarte zu wischen, seien mehr als bloßes Maulheldentum, Grass verkenne die wahre Situation, er spreche Israel das Recht auf Selbstverteidigung ab, ja, er bestreite geradezu das Existenzrecht Israels.

Solchen Anwürfen kann man nur mit einem Faktencheck begegnen.

Es fängt schon damit an, daß der auch im Jahr 2012 noch immer kolportierte Ausspruch des iranischen Präsidenten aus dem Jahr 2005 spätestens im Jahr 2008 als falsche Übersetzung westlicher Pressedienste entlarvt worden ist:

Umstrittenes Zitat von Ahmadinedschad

Der iranische Schlüsselsatz

26.03.2008, 19:21

Von Katajun Amirpur

Kein Satz wird so häufig mit dem amtierenden Präsidenten Irans, Mahmud Ahmadinedschad, assoziiert wie dieser: Israel muss von der Landkarte radiert werden. Das Problem ist nur – er hat diesen Satz nie gesagt.

[…]

Was also ist passiert? Am 26.10.2005 sprach Ahmadinedschad auf einer Konferenz, die unter dem Motto stand „Die Welt ohne Zionismus“. Es waren im Wesentlichen die großen westlichen Nachrichtenagenturen, die die Übersetzung dieser Passage lieferten: Israel von der Landkarte radieren (AFP), Israel von der Landkarte tilgen (AP, Reuters), Israel ausrotten (DPA). Ahmadinedschad sagte jedoch wörtlich: „in rezhim-e eshghalgar bayad az safhe-ye ruzgar mahv shavad.“

Das bedeutet: „Dieses Besatzerregime muss von den Seiten der Geschichte (wörtlich: Zeiten) verschwinden.“ Oder, weniger blumig ausgedrückt: „Das Besatzerregime muss Geschichte werden.“ Das ist keine Aufforderung zum Vernichtungskrieg, sondern die Aufforderung, die Besatzung Jerusalems zu beenden.

[…]

http://www.sueddeutsche.de/kultur/umstrittenes-zitat-von-ahmadinedschad-der-iranische-schluesselsatz-1.287333

Nun, die Besetzung von Ost-Jerusalem ist völkerrechtswidrig und muß tatsächlich beendet werden. Und die Forderung nach einem Verschwinden des zionistischen Regimes entspricht auf der Gegenseite der Forderung nach einem Verschwinden des Mullah-Regimes – in beiden Fällen wird nicht zur Vernichtung eines ganzen Volkes aufgerufen. Im übrigen: Bramabarsieren gehört zum innenpolitischen Handwerkszeug, und man sollte auf keiner der beiden Seiten Worte auf die Goldwaage legen. Auch den Ministern Jischai und Lieberman ist herabsetzende Polemik nicht fremd:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,675247,00.html

http://zmag.de/artikel/avigdor-lieberman-schande-israels

Wie ernst ist die Gefahr eines israelischen Erstschlags gegen die Atomanlagen im Iran?

Glaubt man Anshel Pfeffer, der bei der ›Haaretz‹ den ›the-axis-haaretz-iran-blog‹ betreibt, hat Netanjahu Anfang März gegenüber Obama abgelehnt, mit dem Militärschlag bis nach den amerikanischen Wahlen im November 2012 zu warten, sondern lediglich versprochen, bis zum Herbst dieses Jahres abzuwarten, so daß der Angriff in die letzte Zeit des Wahlkampfs des amerikanischen Präsidenten fallen und diesen unter Druck setzen würde. So könnte Israel Konzessionen der USA gegen das Versprechen erzielen, den riskanten Militärschlag zu unterlassen.

Pfeffer bezieht sich dabei auf einen Artikel der israelischen Zeitung Maariv vom 10.4.2012, der sich auf amerikanische Offizielle beruft:

  • Published 15:27 10.04.12
  • Latest update 15:27 10.04.12

Small window of opportunity for a strike on Iran

If recent reports of a Netanyahu promise to postpone an attack on Iran until the fall are true, a possible strike would correspond with the pivotal weeks just before the American presidential election.

By Anshel Pfeffer

[…]

Since most military analysts believe that Israel would almost certainly prefer to carry out a complex and difficult long-range attack on Iran in a period when the skies above the target are cloudless, that either means Israel has agreed to postpone the potential strike for at least another eleven months or that the window of opportunity is open now for September or October. In other words, during the crucial final stages of the American presidential elections campaign.

This seems to be the fear of Maariv’s un-named administration sources, complaining that „Netanyahu refused to commit that Israel would not attack Iran before the elections in November 2012 and agreed to wait with a military operation only until the fall.“

According to the paper, Netanyahu’s reasoning is that „after fall, the Iranian nuclear installations will be in ‚the immunity zone‘ from an Israeli strike and Israel will lose its independence to decide on military action.“

We have no way of verifying this report but it does tally with what Barack Obama said two months ago – „I don’t think that Israel has made a decision on what they need to do.“ And of course, it fits in with Netanyahu’s tendency to play the internal American political arena.

Announcing that Israel may decide to attack Iran at the worst possible political timing puts pressure on Obama, and could potentially lead to some valuable American concessions to Israel, in exchange for an eventual commitment not to strike.

http://www.haaretz.com/blogs/the-axis-haaretz-iran-blog/small-window-of-opportunity-for-a-strike-on-iran-1.423573

Pfeffer weist auch auf diesen Artikel in der Washington Post vom 8.4.2012 hin, der auf ein gezieltes Leak von Geheimdiensten und Regierungsoffiziellen in Richtung Israel und Iran hindeute: Israel solle damit beruhigt werden, daß die USA wegen ihrer hervorragenden Aufklärung durch Drohnen und Abhörmaßnahmen genau darüber im Bild seien, ob und wann der Iran heimlich ein Atomwaffen-Programm beginne, und der Iran solle gewarnt werden, daß die USA wüßten, was er im Schilde führe:

Meanwhile, a comprehensive report in Sunday’s Washington Post on America’s intelligence operations within and regarding Iran seems to be intended, at least partly, to allay Israeli fears that a lack of accurate intelligence could allow Iran to quietly slip into the nuclear realm, as North Korea did in October 2006 when it shocked the world with its first nuclear test. It would seem that the report is directed at Iran to warn them that „we know what you are up to.“

http://www.haaretz.com/blogs/the-axis-haaretz-iran-blog/small-window-of-opportunity-for-a-strike-on-iran-1.423573

Aus dem entsprechenden Artikel der Washington Post ergibt sich allerdings auch, daß der Iran überhaupt kein Atomwaffen-Programm betreibt. Seit Jahrzehnten wurde also ein großer Popanz aufgebaut:

U.S. intelligence gains in Iran seen as boost to confidence

By Joby Warrick and Greg Miller, Published: April 8

More than three years ago, the CIA dispatched a stealth surveillance drone into the skies over Iran.

The bat-winged aircraft penetrated more than 600 miles inside the country, captured images of Iran’s secret nuclear facility at Qom and then flew home. All the while, analysts at the CIA and other agencies watched carefully for any sign that the craft, dubbed the RQ-170 Sentinel, had been detected by Tehran’s air defenses on its maiden voyage.

[…]

U.S. officials say Iran’s leaders are gathering the materials for a nuclear bomb but have not decided to build one. If they do, they’l have to overcome technical hurdles and risk having their work discovered by outsiders. Here are steps Iran might follow to make its first weapon.

“There was never even a ripple,” said a former senior U.S. intelligence official involved in the previously undisclosed mission.

CIA stealth drones scoured dozens of sites throughout Iran, making hundreds of passes over suspicious facilities, before a version of the RQ-170 crashed inside Iran’s borders in December. The surveillance has been part of what current and former U.S. officials describe as an intelligence surge that is aimed at Iran’s nuclear program and that has been gaining momentum since the final years of George W. Bush’s administration.

http://www.wpost.com/world/national-security/us-sees-intelligence-surge-as-boost-to-confidence/2012/04/07/gIQAlCha2S_story.html

Da sind wir also, wie vor dem Irak-Krieg, in die Irre geführt wurden: die USA wußten schon seit Jahren, daß der Iran keine Atomwaffen baut. Diese Desinformationspolitik wundert einen nicht: Iran war, nach dem Irak, der nächste Schurkenstaaat auf Bush’s Agenda. Daß jetzt offenbar wird, daß an dem Verdacht nichts dran war, hat natürlich mit der Gefahr zu tun, die Netanjahus Ankündigung eines Erstschlags auslöst:

The Obama administration has cited new intelligence reports in arguing against a preemptive military strike by Israel against Iranian nuclear facilities.

Israeli officials have pushed for a more aggressive response to Iran’s nuclear activities, arguing that Iran is nearing what some officials have called a “zone of immunity,” in which Iran can quickly complete the final steps toward becoming a nuclear power inside heavily fortified bunkers protected from Israeli airstrikes.

White House officials contend that Iran’s leaders have not decided to build a nuclear weapon, and they say it would take Iran at least a year to do so if it were to launch a crash program now.

“Even in the absolute worst case — six months — there is time for the president to have options,” said the senior U.S. official, one of seven current or former advisers on security policy who agreed to discuss U.S. options on Iran on the condition of anonymity.

http://www.wpost.com/world/national-security/us-sees-intelligence-surge-as-boost-to-confidence/2012/04/07/gIQAlCha2S_story.html

Israel ist auch für die USA aus dem Ruder gelaufen: also wird jetzt offenbart, daß der Iran ab jetzt noch ein Jahr bis zur Waffenentwicklung brauchen würde, wenn er sich denn wenigstens jetzt zu einen solchem Programm entschlösse. Netanjahu geht allerdings von einem halben Jahr aus – daher die Ankündigung eines Abwartens nur bis September/Oktober.

Für das Maulheldentum iranischer Regierungskreise gibt es übrigens auch hier ein instruktives Beispiel: nachdem vor vier Monaten eine den Iran beobachtende US-Drohne abgestürzt war, berühmte sich der Iran, er habe die Kontrolle über die Drohne übernommen und sie gezielt landen lassen. Komplett ausgeschlossen, sagt ein israelischer Drohnen-Spezialist:

On the tail of the long report, there was a very interesting detail – that despite the capture of one of the U.S.’s ultra-secret RQ-170 surveillance drones that fell in Iran four months ago and was displayed on Iranian television, the „Beast of Kandahar“ is still silently overflying Iran, escaping radar detection.

At the time, the Iranians claimed that they had managed to penetrate the drone’s control system, take it over and land it. I recently asked one of Israel Air Force’s veteran drone experts if this was at all possible and he said that „it is virtually impossible. As humiliating as that was for the Americans, losing control of an unmanned plane, especially when it is on a long-range mission, far away from any of your bases, is not a rare occurrence.“

http://www.haaretz.com/blogs/the-axis-haaretz-iran-blog/small-window-of-opportunity-for-a-strike-on-iran-1.423573

Wer also gefährdet aktuell den Weltfrieden: Israel oder Iran?

Und wie gefährlich ist die Atommacht Israel?

In einer Rezension der Neuausgabe von David Hirst’s Buch: ›The Gun and the Olive Branch‹ zitierte THE OBSERVER am 21.9.2003 den berühmten israelischen Militärhistoriker Martin van Creveld. Aus anderen Quellen ist bekannt, daß es sich hierbei um ein Interview im niederländischen Wochenmagazin Elsevier, 2002, no. 17, p. 52-53 (April 27th, 2002) handelt, also zur Hochzeit der zweiten Intifada:

http://en.wikipedia.org/wiki/Martin_van_Creveld

In dieser Situation schätzte er die Bevölkerung und Ariel Sharon so ein, daß beide zum Eskalations-Mittel einer ‚Überführung’ (sprich Ausweisung) der Palästinenser greifen würden. Auf die Frage, ob die Welt eine solche ethnische Säuberung erlauben würde, sagte er: »Das kommt darauf an, wer es tut und wie schnell es passiert. Wir verfügen über hundert atomare Sprengköpfe und können sie gegen Ziele in alle Richtungen, vielleicht sogar nach Rom, schießen. Die meisten europäischen Hauptstädte sind Ziele für unsere Luftwaffe. Lassen Sie mich General Moshe Dayan zitieren: „Israel muß wie ein tollwütiger Hund sein, zu gefährlich, als daß man sich mit ihm anlegt.“ Für mich ist das alles jetzt hoffnungslos. Wir müßten versuchen, zu verhindern, daß es dazu kommt, soweit das möglich ist. Unsere Armee ist jedenfalls nicht die dreißig-stärkste in der Welt, sondern eher die zweit- oder drittstärkste. Wir haben die Fähigkeit, die Welt mit in den Untergang zu reißen. Und ich kann Ihnen versichern, daß das passiert, bevor Israel untergeht.«

Tilman Krause würde wohl wieder von typischer Nazi-Untergangsmetaphork sprechen, wenn er sich denn mal mit den Realien beschäftigen würde:

The war game

David Hirst’s account of the Arab-Israeli conflict, The Gun and the Olive Branch, caused a storm 25 years ago. In this edited extract from his new and updated edition he offers a personal and highly controversial view of the current crisis in the Middle East

[…]

Iran can never be threatened in its very existence. Israel can. Indeed, such a threat could even grow out of the current intifada. That, at least, is the pessimistic opinion of Martin van Creveld, professor of military history at the Hebrew University in Jerusalem. ‚If it went on much longer,‘ he said, ‚the Israeli government [would] lose control of the people. In campaigns like this, the anti-terror forces lose, because they don’t win, and the rebels win by not losing. I regard a total Israeli defeat as unavoidable. That will mean the collapse of the Israeli state and society. We’ll destroy ourselves.‘

In this situation, he went on, more and more Israelis were coming to regard the ‚transfer‘ of the Palestinians as the only salvation; resort to it was growing ‚more probable‘ with each passing day. Sharon ‚wants to escalate the conflict and knows that nothing else will succeed‘.

But would the world permit such ethnic cleansing? ‚That depends on who does it and how quickly it happens. We possess several hundred atomic warheads and rockets and can launch them at targets in all directions, perhaps even at Rome. Most European capitals are targets for our air force. Let me quote General Moshe Dayan: „Israel must be like a mad dog, too dangerous to bother.“ I consider it all hopeless at this point. We shall have to try to prevent things from coming to that, if at all possible. Our armed forces, however, are not the thirtieth strongest in the world, but rather the second or third. We have the capability to take the world down with us. And I can assure you that that will happen before Israel goes under.‘

http://www.guardian.co.uk/world/2003/sep/21/israelandthepalestinians.bookextracts

Es ging noch einmal gut: aber daß diese Phantasien bei Regierungen bestehen und sie auch noch die Mittel dazu haben, sie umzusetzen, sollte ausreichen, um eine kritische Haltung gegenüber dem einzunehmen, was jetzt gerade geschieht.

Bereits im April 2006 warnte Martin van Creveld Israel davor, den Iran anzugreifen. Unter den gegebenen Machtverhältnissen stelle ein nuklear bewaffneter Iran keine Bedrohung für die USA dar und, allen Brandreden Ahmadinejads zum Trotz, nicht einmal für Israel. Israel habe schon seit langem ausreichendes Abschreckungspotential.

»Sollte die Abschreckung versagen, kann Jerusalem Teheran schnell in eine radioaktive Wüste verwandeln – ein Fakt, dessen sich die Iraner voll bewußt sind.«

Und er weist schon 2006 darauf hin, daß den Geheimdiensten der Bush-Administration nicht zu trauen ist, was die angebliche Nuklear-Rüstung Irans angeht. Seit fünfzehn Jahren erzählen sie, daß der Iran in drei oder fünf Jahren die Bombe haben werde.

»Wenn ihre vergangenen Leistungen überhaupt etwas belegen, dann das, daß die Geheimdienste nicht einmal wissen dürften, wie sie es sagen sollen, ob sie genug über iranische Kernkraftanlagen wissen – oder ob sie ihre Vorgesetzten anlügen oder nicht oder ob sie sich selbst belügen. Jeder, der ihnen auch nur ein Wort glaubt – geschweige denn die ›Information‹, die sie bereitstellen, als Basis einer Entscheidungsfindung benutzt – muß von Sinnen sein.«

Knowing Why Not To Bomb Iran Is Half the Battle

By Martin Van Creveld

Published April 21, 2006, issue of April 21, 2006.

Given the balance of forces, it cannot be argued that a nuclear Iran will threaten the United States. Iranian President Mahmoud Ahmadinejad’s fulminations to the contrary, the Islamic Republic will not even be a threat to Israel. The latter has long had what it needs to deter an Iranian attack.

Should deterrence fail, Jerusalem can quickly turn Tehran into a radioactive desert — a fact of which Iranians are fully aware. Iran’s other neighbors, such as Russia, Pakistan and India, can look after themselves. As it is, they seem much less alarmed by developments in Iran than they do by those thousands of miles away in Washington.

The main countries to feel the impact of a nuclear Iran will surely be those of the Persian Gulf. This is not because Tehran is likely to drop a bomb on Kuwait or the United Arab Emirates; rather, the Iranian regime may feel less constrained in dealing with its neighbors across the Gulf.

[…]

Last but not least, before deciding to bomb Iran’s nuclear installations the Bush administration must seriously question whether the intelligence on which its decision is based is reliable. Those of us who have followed reports on the development of Iran’s nuclear program know that the warnings from American and other intelligence agencies about Tehran building a bomb in three and five years have been made again and again — for more than 15 years.

For 15 years, the intelligence agencies have been proven dead wrong. And to this gross exaggeration of Iran’s true intentions and capabilities must be added the fairy tales the same intelligence agencies have been feeding the world regarding Saddam Hussein’s alleged weapons of mass destruction.

The Central Intelligence Agency, Defense Intelligence Agency, National Security Agency and the rest of the American intelligence community may know where Iran’s nuclear installations are located. Or they may not. They may know how those installations are inter-connected, which ones are the most important, and how they can be hit and destroyed. Or they may not.

If their past record is any indication, the intelligence agencies may not even know how to tell whether they know enough about Iran’s nuclear installations — or whether or not they are lying to their superiors, or to themselves. Anybody who believes one word they are saying — let alone uses the “information” they provide as a basis for decision-making — must be out of his or her mind.
Read more: http://www.forward.com/articles/1254/knowing-why-not-to-bomb-iran-is-half-the-battle/#ixzz1rdpFwCY2

Ganz aktuell, am 14.3.2012, empfahl van Creveld seinem Land dringlich, sich um Syrien zu kümmern, aber den Iran in Ruhe zu lassen. Irans Nuklear-Programm sei durch Bomben nicht zu stoppen – und andererseits würde eine atomare Bewaffnung des Iran Stabilität für die Region bedeuten, wie es der Kalte Krieg in Europa gezeigt habe. Wörtlich sagt er das, was Günter Grass auch sagt:

»In diesem Licht ist die wahre Bedrohung nicht Irans Verfolgung einer Nuklearbewaffnung, sondern Israels Versuche, sie aufzuhalten.«

»Die meisten geistig gesunden Menschen – eingeschlossen die in Israel – verstehen, daß ein unprovozierter israelischer Angriff auf den Iran katastrophale Auswirkungen haben könnte. Er würde die Bewegung des Arabischen Frühlings in eine entschiedene anti-westliche Richtung befördern, die Islamisten und die Säkularisten in erneutem verstärkten Haß gegen Israel vereinen und eine Serie von terroristischen Attentaten sowohl in Israel als auch auf westliche Einrichtungen in arabischen Ländern mit schiitischer Bevölkerung hervorrufen.

Das virtuelle Armageddon zu erkennen, das einem schlecht entworfenen Angriff des Irans folgen könnte hat nichts mit Appeasement-Politik zu tun. Es ist die schlichte Wahrnehmung der Realität, daß Israel und der Westen wenig vom Iran zu befürchten haben – selbst von einem Iran mit limitierter nuklearer Kapazität nicht.«

Martin van Creveld, Jason Pack

Mar. 14, 2012

Hands On Syria, Hands Off Iran

CAMBRIDGE – Israel is daily ratcheting up its threats to attack Iran over its nuclear program. Unfortunately, these threats have come to overshadow more pressing events in Syria, which is the epicenter of a regional crisis that will determine the future of the Arab Spring, as well as Iran’s role in the Middle East.

[…]

The Israeli government has vastly exaggerated the threat that a nuclear Iran poses to its security, as well as Israel’s capacity to halt it. Disabling the Iranian nuclear program by aerial bombardment is probably impossible, owing to its size and dispersion, a lack of actionable intelligence, and, above all, the fact that the element of surprise has long been lost. Iran’s acquisition of the bomb, on the other hand, could bring increased stability to the region, as the doctrine of Mutual Assured Destruction demonstrated in the Cold War between the United States and the Soviet Union.

Understood in this light, the real threat is not Iran’s pursuit of a nuclear weapon, but Israel’s attempts to halt it, which would surely incur Iranian retaliation through blockade of the Strait of Hormuz – sending oil prices soaring to more than $200 a barrel and driving the world’s major economies into sustained free-fall. In fact, despite the faux solidarity that US President Barack Obama expressed to the American Israel Public Affairs Committee in early March, Israel’s saber-rattling appears to be galvanizing an American modus vivendi with Iran in order to avert an Israeli attack.

This reading of events is amplified by British Prime Minister David Cameron’s statements during his recent US visit. The subtext is that Cameron and Obama have closed ranks in identifying Israeli Prime Minister Binyamin Netanyahu, and not the ayatollahs, as the primary wildcard. Netanyahu threatens to upend Obama’s carefully constructed international consensus concerning sanctions and containment of Iran – a consensus that averts regional mayhem.

Most sane people – including in Israel – grasp that an unprovoked Israeli attack on Iran could have catastrophic consequences. It would push the Arab Spring movements in a decidedly anti-Western direction, unify Islamists and secularists in a reinvigorated hatred of Israel, and provoke a spate of terror attacks both inside Israel and on Western interests in Arab countries with Shia populations.

Acknowledging the virtual Armageddon that could follow from an ill-conceived attack on Iran is not appeasement. It is simply recognition of the reality that Israel and the West have little to fear from Iran – even an Iran with limited nuclear capacity.

http://www.project-syndicate.org/online-commentary/hands-on-syria–hands-off-iran

So hat es schon im November 2011 Shimon Stein gesehen:

Atomstreit mit Iran

Mit der Bombe leben

  • Shimon Stein
  • Datum 20.11.2011 – 19:46 Uhr

Sollte die iranische Bedrohung, wie zahlreiche israelische Politiker sie beschreiben, existenzieller Natur sein, dann muss man einen militärischen Eingriff mit allen damit verbundenen Nachteilen ernsthaft in Erwägung ziehen.

Ich bin nicht der Auffassung, dass die Bedrohung existenziell ist. Daher glaube ich, dass wir uns völlig anders mit dem Problem auseinandersetzen müssen. In einem Punkt bin ich mir sicher: Die Folgen eines militärischen Alleingangs Israels hätten unvorstellbare Konsequenzen für unser Land. Daher sollte von der militärischen Option Abstand genommen werden.

[…]

Die zweite Option besteht darin, zu lernen, mit der Bombe zu leben. Wenn ein Staat entschlossen ist, nukleare Waffen zu besitzen, wird es ihm über kurz oder lang auch gelingen (siehe Pakistan). Man kann das iranische Programm militärisch nicht ein für alle Mal ausschalten. Aber sollte man sich deshalb darauf einstellen, regelmäßig aufs Neue militärisch vorzugehen?

Mit der iranischen Bombe zu leben würde für Israel, die Region und den Westen einen Paradigmenwechsel bedeuten. Israel würde sich einige grundsätzliche Fragen bezüglich seiner zukünftigen Abschreckungsstrategie stellen und Antworten darauf finden müssen, wie es sich auf die neue Lage einstellt. Ebenso müssten die USA und die Nato überlegen, welche Strategie sie dann in der Region verfolgen wollen. Die Anpassung würde nicht leicht sein. Hoffen wir deshalb, dass die Vernunft obsiegt und die Welt es schafft, Iran endlich unmissverständlich den Ernst der Lage klarzumachen.

http://www.zeit.de/2011/47/P-Israel-Iran/seite-2

Warum ist es so schwierig, sich von einem überholten Konzept der militärischen Überlegenheit zu verabschieden, wenn sich ein Gleichgewicht des Schreckens doch wesentlich stabilisierender auswirkt?

Grass hat mit seinem Gedicht die wahre Sachlage erfaßt – und viele scheinen es ja geflissentlich übersehen zu haben, daß sein Hauptgegner die deutsche Politik ist.

Da gesteht der Verteidigungsminister gegenüber BILD, daß er seinem israelischen Kollegen von einem Angriff auf den Iran wegen der nicht beherrschbaren Konsequenzen abgeraten habe.

Warum stellt er sich nicht vor das Parlament und erklärt, welche Planspiele in seinem Haus und beim BND zu diesem Szenario durchgeführt wurden? Wieso gibt er nicht bekannt, wie die militärischen Optionen Deutschlands im Kriegsfall aussehen? Und warum begründet er nicht, wie er den Rechtsbruch verantwortet, Waffen in ein Spannungsgebiet zu verkaufen und die Lieferung auch noch mit 135 Mio. Euro zu subventionieren, auf daß die deutsche Rüstungsindustrie gedeihe?

Warum schreibt Westerwelle in BILD, daß die deutsche Politik einen atomwaffenfreien Nahen Osten erstrebe, läßt aber das Parlament darüber im unklaren, welche Schritte zur Erreichung dieses Ziels bislang unternommen wurden? Die U-Boot-Lieferung kann es ja nicht sein…

Warum erklärt Frau Merkel nicht, wie sie die Staatsdoktrin der deutschen Garantie der Sicherheit Israels in der aktuellen Lage – gegen Obama – umzusetzen gedenkt?

Warum müssen israelische Gast-Autoren in deutschen Zeitungen für die Freiheit der Meinung und der Kunst des widerlich gebashten Günter Grass streiten, warum schweigt unser Freiheitskämpfer und Herzens-Präsident Gauck, jetzt, wo es mit billigen Predigten nicht mehr getan, sondern wirklich mal Mut gefragt ist? Weil er nur von Springers Gnaden Präsident geworden ist?

Die taz hält es wie fast alle deutsche Zeitungen: sie traut sich nicht, dem widerwärtigen Antisemitismus-Vorwurf gegen Kritiker der Regierungspolitik Israels selbst entgegenzutreten, sondern läßt den bewährten Moshe Zuckermann das Notwendige sagen:

http://www.taz.de/Debatte-Guenter-Grass/!91171/

Was hinter dem ideologisch mißbrauchten Antisemitismus-Vorwurf steckt, hat Zuckermann hier erläutert:

Das Böse der Banalisierung

Moshe Zuckermann über den Rechtsruck der Antisemitismuskritik – bis an die Grenze zur Holocaust-Leugnung
Von REDAKTION, 25. November 2010 –

H.: Inwiefern und wo grenzt der ideologische Missbrauch der Antisemitismuskritik an „Shoah-Verleugnung“ – bei den Genozid verharmlosenden, sogar verniedlichenden Gleichsetzungen von NS-Schergen mit militanten Palästinensern, wie sie beispielsweise von israelischen Regierungsvertretern oder hierzulande von Israel-Solidarisierern praktiziert werden? Sie warnen ja auch vor einer „Entleerung“ des Antisemitismusbegriffs …

M.Z.: Ja, es handelt sich in der Tat um Vergleiche, die das, was ein Adorno noch als unsäglich apostrophierte und sich davor scheute, allzu schnell mit Namen zu benennen, in einen polemisch konstruierten Zusammenhang bringen. Es geht also um eine verbale Praxis, die letztlich darauf hinauslaufen muss, dass durch Inflationierung des Begriffs, mithin durch seine Abnutzung die welthistorische Singularität der Shoah, aber eben auch das Bewusstsein von den geschichtlich gewichtigen Auswirkungen des realen Antisemitismus schlicht aushöhlt. Was den Polemikern, die solche Vergleiche in Israel wie in Deutschland anstellen, entgeht, ist die Tatsache, dass sie damit nicht nur die historischen Opfer des Antisemitismus für unhaltbare Zwecke instrumentalisieren, sondern dass sie die Opfer im Stande ihres Opferseins, also als die, die sie waren, nämlich Opfer, nicht mehr erinnern. Damit verraten sie die Opfer selbst, aber auch das Andenken daran, was diese zivilisatorisch repräsentieren – eine Opfer erzeugende gesellschaftliche Realität – ein weiteres Mal. Im Falle der so agierenden Deutschen wundert mich das auch gar nicht: ihnen geht es ja gar nicht um die Juden, schon gar nicht um die heute noch lebenden, sondern primär um ihre eigene Befindlichkeit bzw. um die Regulierung ihres gestörten emotionalen Haushaltes. Es handelt sich um ein regressives Moment.

http://www.hintergrund.de/201011251260/feuilleton/zeitfragen/das-boese-der-banalisierung.html

Im übrigen hat Deutschland keinen Anlaß, sich über das Einreiseverbot Israels aufzuregen.

Es bleibt nämlich noch anzumerken, daß Martin van Creveld ebenfalls zur persona non grata erklärt wurde: von der Universität Trier, deren rabiate Feministinnen Anstoß an seinen politisch unkorrekten Auslassungen ­nahmen – eine Kurzfassung seines inkriminierten Vortrags befindet sich hier:

http://www.welt.de/kultur/history/article13693394/Wenn-Maenner-sich-schlagen-erregt-das-die-Frauen.html

Hier der flammende Protestbrief des AStA gegen ihn, weil seine Thesen »frauenfeindlich, militaristisch, latent antiisraelisch, nicht zuletzt vulgärwissenschaftlich und methodisch primitiv« seien – eigentlich fehlt nur noch der bewährte Antisemitismus-Vorwurf!, – der tatsächlich zum Abbruch der Vortragsreihe führte:

http://www.uni-trier.de/index.php?id=21689&tx_ttnews[tt_news]=12570&cHash=5b32f3af9fb735f25ba867415f311d48

Hier der offene Brief von Prof. Gerhard Amendt gegen die Ausladung:

http://www.freiewelt.net/nachricht-8518/offener-brief-zur-ausladung-von-martin-van-creveld.html

Mit der Meinungs- und Wissensschaftsfreiheit ist es eben auch in einem demokratischen Rechtsstaat so eine Sache, wenn man gegen die geltende Staatsdoktrin verstößt. Eigentlich sollte auch der Mißbrauch des Holocaust dazu gehören, wie ihn Netanjahu Anfang März in den USA betrieb. Kritik daran war aber nur aus Israel zu hören.

In Deutschland haben wir vielmehr einen emeritierten Ästhetik-Professor namens Bazon Brock, der die Instrumentalisierung der Shoah sehr in Ordnung findet:

FOCUS Online:Netanjahu hat Obama auch Aufzeichnungen des US-Außenministeriums übergeben, die 1944 erstellt wurden und aus denen hervorgeht, dass trotz Bitten von jüdischen, polnischen und anderen Exilanten das KZ Ausschwitz nicht verhindert wurde.

Brock: Es gab nur sechs Eisenbahngleise nach Auschwitz. Wenn diese gesprengt worden wären, hätte es Auschwitz nie geben können. Roosevelt, Stalin und Churchill haben das systematische Töten von Juden trotz klarer Beweise nicht unterbunden. Sie hätten diese Gleise sprengen können, doch sie haben es nicht getan. Netanjahu gibt Obama damit zu verstehen, dass die Amerikaner damals den Holocaust nicht verhindert haben und sich damit mitschuldig gemacht haben. Hier stecken also die großen Dimensionen in diesem Fall und die hätte ein Grass erkennen müssen. Doch mit seinen Zeilen ist er in der Widersinnigkeit geendet.

FOCUS Online: Auf welche aktuellen Ereignisse spielte Netanjahu mit dieser Botschaft an?

Brock: Die klare Botschaft, die hier überbracht wird, ist, dass es eine solche Situation wie Auschwitz nie weder geben darf. Damit wird eine neue Dimension eröffnet, weil Netanjahu klar sagt, dass auch die Amerikaner Schuld am Holocaust haben. Netanjahus Botschaft ist klar: Amerika muss den Präventivschlag mit Israel gegen den Iran führen oder glaubhaft versichern, dass die Iraner keine Atombombe bauen. Doch mit diplomatischen Mitteln wird das nicht funktionieren. Das funktionierte schon in Indien, Pakistan und Nordkorea nicht. Deshalb wird es auch nicht im Iran funktionieren. Und der Iran hat als erklärtes Ziel die Vernichtung von Israel. Deshalb gibt es von Netanjahu eine klare Botschaft an die amerikanischen Freunde.

http://www.focus.de/politik/deutschland/aesthetik-professor-brock-zu-grass-gedicht-er-hat-in-gravierender-weise-kontrollverlust-erlitten_aid_734426.html

Von einem selbsternannten Generalisten kann man keinen Durchblick verlangen. Von anderen schon.

Günter Grass: Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht

Was gesagt werden muss

04.04.2012, 12:03

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten –
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug –
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809

Die SÜDDEUTSCHE hat Günter Grass ein Podium geboten – vielleicht wegen der Befürchtung, ihre eigene Kritik an dem geplanten Militärschlag der Netanjahu-Regierung gegen den Iran finde kein Gehör?

http://www.sueddeutsche.de/politik/israel-droht-iran-mit-praeventivangriff-israels-offene-wunde-1.1305460

Vielleicht zweifelte auch sie daran, daß der ›freundschaftliche‹ Ratschlag von Thomas de Maizière an seinen israelischen Kollegen Ehud Barak, wegen der unkalkulierbaren Risiken von diesem Vorhaben abzurücken, ernstgenommen werden würde, wenn das tatsächliche Ergebnis dieses Besuchs eines Kollegen dann recht eigentlich die Zusage der Lieferung eines sechsten U-Boots der Dolphin-Klasse war? Taten sind mehr als Worte.

http://www.bild.de/politik/inland/thomas-de-maiziere/interview-steht-israel-vor-einem-krieg-mit-dem-iran-23348742.bild.html

Es freut mich, daß Günter Grass für seinen Mahn- und Warnruf vor einem drohenden Krieg die Form der Lyrik gewählt hat – nicht nur, weil er hierdurch die bekannte Wirkungslosigkeit von Literatur wenigstens für dieses eine Mal widerlegt hat. Die Wahrheit ist manchmal so groß und so ernst, daß sie der Rhythmik, des Pathos’ und der rhetorischen Figuren eines Gedichts bedarf, auch seines seelischen Mehrwerts, um in ganzer Klarheit dazustehen. Der Ton einer elegischen Altersmüdigkeit, die Ahnung von der Vergeblichkeit »in dieser/vom Wahn okkupierten Region«, in der immer noch das ›Auge um Auge, Zahn um Zahn‹-Prinzip wirksam ist, das Wissen von der ihm drohenden Strafe »das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig«, der Zwang, die Wahrheit dennoch aussprechen zu müssen (»was gesagt werden muss«) – das alles transportiert das Gedicht. Und es wäre ihm, Günter Grass, nur zuzuwünschen gewesen, mehr Zeit für den poetischen Schliff gehabt zu haben. Die gab es aber nicht: denn die deutsche Verstrickung, von der angeblich kritischen, tatsächlich lediglich der political correctness verpflichteten taz komplett unkritisch verbreitet, trat erst am 20.3.2012 zutage:

http://www.taz.de/!90009/

Und morgen kann es schon zu spät sein für eine Intervention gegen einen Krieg. Eigentlich, so erfahren wir in diesem taz-Artikel, hätten die U-Boot-Lieferungen eingestellt werden sollen, weil Israel seine völkerrechtswidrigen Siedlungen im besetzten Ost-Jerusalem fortsetzte. Jetzt gab es die mit 135 Millionen deutscher Steuergelder subventionierte Lieferzusage, weil Israel immerhin auf Druck der EU den Palästinensern rechtswidrig vorenthaltene 100 Millonen Dollar ausgezahlt hatte – Rechtsstaat ist nun mal teuer, und das Geleit zum Rechtsstaat auch

Daß in Leitartikeln Wahrheit stehe, glaubt ohnehin niemand mehr. Und der offene Brief eines Dichters an die Kanzlerin, eine Form, die Martin Walser am 12.7.2009 gewählt hatte, um den Wahnsinn des Afghanistan-Kriegs zu stoppen, ist von vorneherein dazu verurteilt, Flaschenpost zu bleiben. Wann hätte Geist je Macht gehabt? In die Politik und die Tagschreiber-Gilde gehen nur die Geistfernen. Blieb also nur noch die prominent placierte Lyrik mit ihren schillernden Unwägbarkeiten.Und das Standing eines Mannes mit einem beeindruckenden literarischen Lebenswerk, geadelt durch den Literaturnobelpreis.

http://www.zeit.de/2009/29/Walser-Brief

Im Gegensatz zu Frank Schirrmacher von der FAZ hatte ich glücklicherweise Lehrer, die uns beibrachten, danach zu suchen, was der Dichter uns denn sagen wolle; auch erlebte ich gottlob keinen, der uns aufforderte, ein Gedicht für ein Ikea-Regal zu halten und es mittels Schraubenziehern zu attackieren. Bei diesem unseligen Unterfangen kommt, wie man sieht, ja auch nur eine grobschlächtige Psychologisiererei heraus.

Schirrmacher:

Es empfiehlt sich, Gedichte von Günter Grass erst mit den Augen und dann mit dem Schraubenzieher zu lesen. Sie ähneln Ikea-Regalen. Auf dem Papier sieht alles ganz einfach aus, aber wenn man das fertige Werk erst einmal auseinander genommen hat, kriegt man es einfach nicht mehr zusammen.

Ein Gedicht ist natürlich kein Regal. Man sieht von außen nicht, was in ihm steckt. Ein Gedicht ist ein Gedicht, weil es niemals sagt, was Sache ist. Seit Generationen müssen Schüler im Deutschunterricht deshalb die Frage beantworten, was der Dichter uns verheimlicht.

[…]

Es ist ein Machwerk des Ressentiments, es ist, wie Nietzsche über das Ressentiment sagte, ein Dokument der „imaginären Rache“ einer sich moralisch lebenslang gekränkt fühlenden Generation. Gern hätte er, dass jetzt die Debatte entsteht, ob man als Deutscher Israel denn kritisieren dürfe. Die Debatte aber müsste darum geführt werden, ob es gerechtfertigt ist, die ganze Welt zum Opfer Israels zu machen, nur damit ein fünfundachtzigjähriger Mann seinen Frieden mit der eigenen Biographie machen kann.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/eine-erlaeuterung-was-grass-uns-sagen-will-11708120.html

(Dirk Knipphals von der taz blieb es vorbehalten, den medialen anti-Grass-Meinheitsbrei so zusammenzufassen:

Dabei hat die deutsche Presse doch insgesamt schnell, im Großen und Ganzen sachlich und übrigens mit vielen Diffenziertheiten von der Henryk-M.-Broder-Keule bis zum feuilletonistischen Feinbesteck herausgearbeitet, was alles an diesem Gedicht hakt und klemmt.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=tz&dig=2012%2F04%2F07%2Fa0213&cHash=c3e7926363

Ich befürchte, daß er mit dem ›Feinbesteck‹ das Schirrmacher’sche Machwerk gemeint hat.)

Ich ziehe allerdings das Lesen dem Hineinlesen vor, und kann daher feststellen, daß die nachfolgenden beiden Strophen nichts als die Wahrheit aussprechen (die nichts damit zu tun hat, daß Günter Grass sich diese ›Debatte‹ gewünscht haben könnte: es war doch angesichts des erbarmungswürdigen Zustands der hiesigen aktuellen Medienwelt abzusehen, daß es keine Debatte, sondern eine Kampagne werden würde, deren Opfer er sein mußte):

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten –
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.

Manch ein Kommentator war immerhin so schlau, die spezifische Strafe nicht zu verhängen, um den Dichter nicht bestätigen zu müssen, brachte es aber in nicht zu überbietender Unlogik fertig, ihm dennoch antisemitisches Gedankengut zu attestieren.

Mal wieder die taz, ein besonders verabscheuungswürdiges Produkt, weil es vorgibt, links und kritisch zu sein, tatsächlich aber vor der political correctness in  die Knie geht und jegliche Gedankenfreiheit abwürgt. Gut, daß es mittlerweile den FREITAG gibt:

Es ist verheerend, wenn ein deutscher Literat mit antisemitischen Klischees hantiert

Der alte Mann und das Stereotyp

Kommentar von Klaus Hillenbrand

Dabei geht es nicht darum, dass Grass die israelische Regierung für ihre Iranpolitik scharf kritisiert. Solche Kritik ist alltäglich und nur allzu berechtigt. Doch Grass nutzt seine Gedichtveröffentlichung für etwas ganz anderes: Er entschuldigt sein langes Schweigen mit der Furcht, als Antisemit abgestempelt werden zu können.

Das aber ist falsch und perfide. Die auch in deutscher Sprache verfassten Beiträge, die den Kurs der Regierung Netanjahu für gefährlich halten, sind nicht zu zählen, so viele sind es. Und selbstverständlich hat es nicht das Geringste mit Judenhass zu tun, wenn man seine Ablehnung von Israels Iranpolitik öffentlich äußert.

Wenn Grass aber genau das behauptet, dann produziert er ein Tabu, das nicht existiert. Dann erzeugt er neue Vorurteile. Und dann passt es ins Bild, wenn Grass über das Teheraner Regime wenige milde, über Israels Atommacht aber viele deutliche Worte verliert.

Der Skandal besteht also nicht in Grass’ Israelkritik, sondern darin, dass er sich bei dieser Kritik zum Märtyreropfer von Juden stilisiert, die mit der Antisemitismuskeule angeblich die Wahrheit zensieren wollen. Das ist ein antisemitisches Stereotyp.

http://www.taz.de/Kommentar-Grass-Gedicht/!90981/

Wenn es so unzählig viele deutsche – oder doch nur ins Deutsche übersetzte von Grossman und Oz oder deutschsprachige von Shimon Stein? – kritische Beiträge gegen den Kurs der Netanjahu-Regierung gibt, kann man sie selbstverständlich nicht aufzählen. Das ist ja noch logisch. Aber Grass hat selbstverständlich kein Wort darüber verloren, wer das Verdikt ›Antisemitismus‹ bei deutscher Kritik an der israelischen Regierungspolitik ausspricht. Juden sind dabei nämlich in der Minderheit: denn es geht tatsächlich um den medialen Mainstream in Deutschland, der geradezu reflexhaft diese Höchststrafe verhängt. Quod erat demonstrandum. Auch durch die mainstreamige taz.

Geschenkt, daß natürlich auch Henryk M. Broder – der areligiös ist, sich aber dennoch als Jude empfindet, was mir als Ex-Katholikin, die sich wegen Kirchenaustritts nicht mehr als Katholikin empfindet, nicht recht einleuchtet –  seinen üblichen polemischen Artikel abliefert (man könnte ihn fast selber schreiben, so erwartbar fällt er aus. Broder ist halt das folkloristische Element des Betriebs, von dem er lebt, und wenn ich mich recht erinnere, hat er gar das Meinungsfreiheitsrecht erstritten, auch israel-regierungskritische Juden als antisemitisch bezeichnen zu dürfen):

Günter Grass – Nicht ganz dicht, aber ein Dichter

Günter Grass hatte schon immer ein Problem mit Juden, aber so deutlich wie in einem neuen „Gedicht“ mit dem Titel „Was gesagt werden muss“ über Israel und den Iran hat er es noch nie gesagt. Von Henryk M. Broder

[…]

Grass ist der Prototyp des gebildeten Antisemiten, der es mit den Juden gut meint. Von Schuld- und Schamgefühlen verfolgt und zugleich von dem Wunsch getrieben, Geschichte zu verrechnen, tritt er nun an, den „Verursacher der erkennbaren Gefahr“ zu entwaffnen.

Die Deutschen werden den Juden nie verzeihen, was sie ihnen angetan haben. Damit im Nahen Osten endlich Frieden einkehrt und auch Günter Grass seinen Seelenfrieden findet, soll Israel „Geschichte werden“. So sagt es der iranische Präsident, und davon träumt auch der Dichter beim Häuten der Zwiebel.

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article106152894/Guenter-Grass-Nicht-ganz-dicht-aber-ein-Dichter.html

Und daß er, wenn man ihm ein Mikrophon hinhält, noch einmal nachlegt, war für einen Kenner seiner Psyche ebenfalls nicht weiter überraschend:

Scharfe Kritik übte der Publizist und Morgenpost Online-Autor Henryk M. Broder. Er nannte Grass den „Prototypen des gepflegten Antisemiten“.  Er warf ihm zudem vor, im fortgeschrittenen Alter zu seinen Anfängen zurückgekehrt zu sein: „Damals war er ein SS-Mann, heute schreibt er wie einer“, sagte Broder dem Saarländischen Rundfunk.

http://www.morgenpost.de/politik/article106157890/Antisemit-oder-ahnungslos-Hitzige-Debatte-um-Grass.html

Aber der Rest der Medien stieß ja ins selbe Horn.

Josef Joffe liefert in der ZEIT gar eine längliche Ab- bis Umschrift des Broder’schen Werks ab:

Josef Joffe

  • Datum 04.04.2012 – 19:05 Uhr

Günter Grass

Der Antisemitismus will raus

So denkt ES in ihm: Günter Grass schreibt ein Gedicht über Israel, das Sigmund Freud jubeln ließe. Denn es gibt tiefe Einblicke in sein Unterbewusstsein.

http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-04/guenter-grass-gedicht-israel/seite-1

Das wäre was, wenn zwischen den beiden ein Plagiatsprozeß lösbräche! Er würde belegen, daß zwischen Konservativen jeglicher Couleur kein Blatt paßt: beide agieren vernunftlos und bejahen den Krieg als Mittel der Politik.

Der journalistische Betrieb gab sich derart wortgewaltig einer bloßen Empörung hin, daß deren Ur-Grund umso mehr ins Auge fiel: mit dem Inhalt des Gedichts mochte sich keiner so richtig beschäftigen.

Grass-Gedicht über Israel

Lyrischer Erstschlag

Ein Kommentar von Sebastian Hammelehle

Israelis als Kriegstreiber, „Antisemitismus“ als Totschlagargument: Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik ist ein prominenter Intellektueller so klischeehaft gegen Israel zu Felde gezogen wie Günter Grass.

[…]

„Was gesagt werden muss“, das ist, lyrisch kaum verhüllt, nichts anderes als das, was man dort, wo man keinen Literaturnobelpreis vorzuweisen hat, nur unwesentlich schlichter ausdrückt. Am deutschen Stammtisch: „Man wird ja nochmal sagen dürfen, dass…“

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,825669,00.html

»Lyrisch kaum verhüllt?« Zwischen beiden Formulierungen liegen inhaltliche Welten. Mit dem verstehenden Lesen hapert es ganz offensichtlich. Der Stammtisch-Bruder verbreitet in Kenntnis des Tabus antisemitische Sentenzen. Der Dichter sieht sich gezwungen, angesichts drohender Kriegsgefahr sein Schweigen zu brechen und Kritik an der israelischen Regierung zu äußern.

„Die Juden“, das hat zumindest Günter Grass noch immer nicht begriffen, sind nicht „die Israelis“.

In seinem Fall allerdings würde selbst diese Erkenntnis kaum noch weiterhelfen: Ob man die sinisteren Strippenzieher, die jede Kritik an ihnen mit gesellschaftlicher Ächtung bestrafen, nun Juden oder Israelis nennt, ist fast egal – es steckt ja doch das gleiche Klischee dahinter: Die Weltverschwörung. Und das ist, den Gefallen muss man Grass an dieser Stelle leider tun, antisemitisch.

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,825669,00.html

Wie kommt auch dieser Autor darauf, Grass habe mit den Verurteilern Juden oder Israeli gemeint? Nur um ihm den Antisemitismusvorwurf dann doch noch machen zu können? Oder schreiben wirklich alle voneinander ab?

Abgesehen davon bedarf es eines Rückgriffs auf eine Weltverschwörung nicht: ich habe lediglich zwei jüdische Stimmen gefunden, die Grass vor dem Vorwurf, Antisemit oder ein Feind Israels zu sein, in Schutz genommen haben:

Zugleich verteidigte Segev Grass: „Er ist kein Antisemit, er ist nicht anti-israelisch,“  sagte er Deutschlandradio Kultur.

Auch der der langjährige Botschafter Israels in Deutschland, Avi Primor, wies einen Antisemitismus-Vorwurf gegen Grass zurück. „Ich halte Günter Grass weder für einen Antisemiten noch für einen Feind Israels,“ sagte Primor der „Berliner Zeitung“.

http://www.morgenpost.de/politik/article106157890/Antisemit-oder-ahnungslos-Hitzige-Debatte-um-Grass.html

Alle anderen jüdischen Kommentatoren, ob Deutsche oder Israeli, ob Medienschaffende oder Politiker, die sich bislang zu Wort gemeldet haben, haben ihn mit diesen Etiketten versehen. Das realitätsfremde Argument, es gebe kein ›strafbewehrtes‹ Tabu für Deutsche, israelische Politik zu kritisieren, ist damit restlos widerlegt. Untergemischt in diese faktenarme Behauptungs-Mélange werden dann natürlich auch ad-hominem-Vorwürfe der Eitelkeit, des Drängens ins Rampenlicht, der unbewältigten eigenen Psychohistorie, er habe keine Ahnung, was da wirklich los sei etc. – man kennt diese trübe Brühe zur Genüge.

Hier ein paar Überblicke:

Israel-Kritik

Antisemit oder ahnungslos? Hitzige Debatte um Grass

Nach der Veröffentlichung seiner Israelkritik sieht sich Literaturnobelpreisträger Günter Grass dem Vorwurf des Antisemitismus ausgesetzt. Aus dem Kulturleben erfährt er jedoch auch Zuspruch.

http://www.morgenpost.de/politik/article106157890/Antisemit-oder-ahnungslos-Hitzige-Debatte-um-Grass.html

Dichter kritisiert Israels Iran-Politik

Sturm der Entrüstung nach Grass‘ Gedicht

Mit heftiger Kritik an Israels Atompolitik hat sich Literaturnobelpreisträger Günter Grass öffentlich zu Wort gemeldet und damit eine Welle der Empörung ausgelöst.

http://www.tagesschau.de/inland/grassgedicht106.html

Pressestimmen

„Ach, Grass“

Ein Proteststurm prasselt über Literaturnobelpreisträger Grass herein. Seine scharfe Kritik an Israels Atompolitik wird auch von vielen Tageszeitungs-Kommentatoren zerpflückt. „Unfug“ heißt es da, „Zumutung“ und „Kokolores“. Lesen Sie Auszüge aus Kommentaren vom Donnerstag:  

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,825830,00.html

Noch perfider agierten nur die SPRINGER-Blätter, die Grass gleich zum Nazi herunterschrieben:

Matthias Döpfner in BILD:

„Warum aber schwieg ich bislang?“, schreibt Grass.

Man möchte zurückfragen: Warum schwieg er 60 Jahre lang zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS?

„Gealtert und mit letzter Tinte“ (Grass über Grass) verbreitet er im raunenden Ton des Moralisten nur eines: politisch korrekten Antisemitismus. Er versucht, die Schuld der Deutschen zu relativieren, indem er die Juden zu Tätern macht. Beim „Häuten der Zwiebel“, wie Günter Grass seine Autobiografie genannt hat, ist er jetzt ganz innen angekommen. Und der Kern der Zwiebel ist braun und riecht übel.

http://www.bild.de/news/standards/bild-kommentar/der-braune-kern-der-zwiebel-23503740.bild.html

Eine Schmähkritik reinsten Wassers. Aber das sind wir von BILD gewöhnt. Noch derber schlug bloß noch Tilman Krause in der Springer’schen MORGENPOST zu:

Israelkritik

Grass‘ Anti-Israel-Gedicht steckt voller NS-Stereotypen

Günter Grass’ Anti-Israel-Gedicht „Was gesagt werden muss“ transportiert zahlreiche Denkfiguren der NS–Ideologie.

Von Tilman Krause

[…]

Wer sich auf das zynische Niveau von Günter Grass‘ Gedicht begeben wollte, könnte sagen: Wenn es nur der Antisemitismus wäre!

[…]

Was an dem in Gedichtform gegossenen Leitartikel des Romanciers so überrascht und erschreckt, ist im Grunde etwas anderes. Wer „Was gesagt werden muss“ genauer liest, der wird eine solche Fülle von Denkfiguren und Sprachformeln finden, die ihre Herkunft aus der NS-Ideologie nicht verbergen können, dass man leider sagen muss, dieses Dokument, angeblich vom Autor „mit letzter Tinte“ geschrieben (quasi als Vermächtnis verfügt), bringt es endgültig an den Tag: Hier kann sich ein Mensch von den intellektuellen Prägungen seiner Jugend offenbar nicht lösen. Anders gesagt: Sie holen ihn jetzt im hohen Alter von fast 85 Jahren endgültig ein.

Jetzt muss es heraus

Die demagogische Rhetorik, die den gesamten Text durchzieht, dieses bohrende anaphorische „warum“ und „darum“, das zu Strophenbeginn unablässig wiederholte „warum schweige ich“, „warum sage ich jetzt erst“ erinnert an das aus der NS-Phraseologie sattsam bekannte Muster des trotzigen Donnerworts, das sich irgendwann Bahn brechen muss: Allzu lange hat man die Demütigungen und Knebelungen des „Weimarer Systems“ oder „Schandfriedens von Versailles“ hingenommen, aber jetzt kann man einfach nicht mehr, jetzt muss es heraus, und koste es das Leben (oder die „Strafe“, dem „Verdikt ,Antisemitismus’“ zu verfallen). Da steht dann einer für alle, und Grass will ja auch möglichst „viele vom Schweigen befreien“. Das hat seinerseits Joseph Goebbels im Sportpalast nicht anders gehalten, dessen angeblich lange unterdrückter Aufschrei schließlich in die Formel mündete: „Nun, Volk, steh auf, und Sturm brich los!“

http://www.morgenpost.de/kultur/article106156817/Grass-Anti-Israel-Gedicht-steckt-voller-NS-Stereotypen.html

Da bleibt einem der Mund offen stehen angesichts des Vergleichs der demagogischen Rhetorik eines Goebbels mit dem vollkommen unverdächtigen Stilmittel der repetitio.

Warum schweige ich, verschweige zu lange,

Doch warum untersage ich mir,

Warum aber schwieg ich bislang?

Warum sage ich jetzt erst,

Das angeführte »darum« findet sich im Gedichttext erst gar nicht, und was an der Wiederholung des »Warum«  bohrend anaphorisch sein soll, hat Herr Krause trotz Googelns wohl selbst nicht verstanden, der Gleiches mit Fug und Recht auch einem Martin Luther King anhängen könnte mit seinen bohrenden Wiederholungen des »Ich habe einen Traum«.

Tilman Krause:

Der alte Kulturhass der Nazis, projiziert auf die jüdischen Mitbürger, während man für sich selbst nur die Mächte des Instinkts und „gesunden Volksempfindens“ reklamieren kann: Diese NS-Stereotypen klingen an, wenn Grass die „Heuchelei“ des Westens beklagt, während er für sich das kerndeutsche „Hier stehe ich und kann nicht anders“ in Anspruch nimmt.

http://www.morgenpost.de/kultur/article106156817/Grass-Anti-Israel-Gedicht-steckt-voller-NS-Stereotypen.html

Ja wie jetzt? Die westliche Heuchelei, israelische Rechtsbrüche und rhetorische Kriegsvorbereitung zu beschweigen, wäre demnach ein auf Juden projizierbarer Kulturakt, gegen den ein irgendwie den Nazis zurechenbarer Luther aufstände? Wie mag es in einem solch wirren Kopf zugehen?

Tilman Krause:

Auch die bei den Nazis so beliebte Untergangs-Metaphorik, diese Angewohnheit, als Alternative zur eigenen Politik nur die komplette Auslöschung gelten zu lassen, findet gleich zu Anfang von Grassens Gedicht ihren Nachhall, wenn er drohend unkt, dass wir alle „als Überlebende allenfalls Fußnoten sind“, wenn wir Israel weitermachen lassen wie bisher.

http://www.morgenpost.de/kultur/article106156817/Grass-Anti-Israel-Gedicht-steckt-voller-NS-Stereotypen.html

Die Untergangsmetaphorik war nicht nur bei den Nazis beliebt: man findet sie u.a. auch heutzutage bei Hollywood-Regisseuren, Dschihadisten, Chemtrail-Gläubigen, Pazifisten, Veganern, Naturschützern, Atomkraftgegnern und Klimaforschern, kurz: bei allen, die ein Anliegen missionarisch um- und antreibt und die Wirkungsmacht erzeugen wollen.Daß ein Anti-Kriegsgedicht von einem, der Krieg noch selbst erlebt hat und daher von dem authentischen »Nie wieder!« lebenslang  bewegt ist, radikal ausfallen muß, bedarf keiner Diskussion. Helmut Schmidt hat seine Kriegserfahrung mit den Worten ›Große Scheiße‹ umfassend und zutreffend beschrieben. Aber die erfahrungslosen Schreibtischtäter sterben ja nicht nur nicht aus, sie vermehren sich zur ahnungslos verurteilenden Mehrheit…

Tilman Krause:

Die absurde Verdrehung von Ursache und Wirkung bei Grass, der aus dem iranischen Diktator einen harmlosen „Maulhelden“ macht, während Israel raunend zu „jenem anderen Land“ dämonisiert wird, das, jeglicher Kontrolle von außen entzogen, seinen dunklen Machenschaften frönt, „alles vernichtende Sprengköpfe“ herzustellen, erinnert fatal an die propalästinensische Propaganda, bei der ja auch das in seiner Existenz bedrohte Israel als der eigentliche Aggressor hingestellt wird.

http://www.morgenpost.de/kultur/article106156817/Grass-Anti-Israel-Gedicht-steckt-voller-NS-Stereotypen.html

Hier wäre nun Raum gewesen, inhaltlich zu würdigen: in welchem Verhältnis stehen Ursache und Wirkung, wenn die Ursache eine bloße Befürchtung ist und die Wirkung eine konkrete Zerstörung? Der Raum bleibt ungenutzt. Ganz abgesehen davon bleibt der Autor eine Erklärung schuldig, was propalästinensische Propaganda mit NS-Denkfiguren gemeinsam hat. Zum schlechten Schluß wird er ganz und gar unterirdisch:

Tilman Krause:

Aber vielleicht hat er ihn sich gar nicht „gestattet“, vielleicht rächt sich jetzt ganz einfach das lange Verdrängte, vielleicht kommt auf seine alten Tage eben doch der glühende Nazi, der er einmal war, durch die Hintertür wieder hereinspaziert? Man darf ja nicht vergessen, dass Grass, Walser, Wolf und andere aus illiteraten Elternhäusern stammen, die der NS-Ideologie geistig nichts entgegenzusetzen vermochten.

Diese Kleinhäusler und Kleinhändler waren das Milieu, mit dem die Nazis ihr „Weltreich“ aufzubauen gedachten. Die alten Eliten waren dem braunen Mob suspekt, sie wurden unterdrückt und wenn irgend möglich auch vernichtet. Doch dieses proletarisierte Kleinbürgertum der Grassens und Walsers, von beiden in der „Blechtrommel“ und im „Springenden Brunnen“ anschaulich beschrieben, das wurde nun auf einmal politikfähig. Von eben diesem ungeheuren Missverhältnis kündet nun, wie vor siebzig Jahren, Grassens angemaßte Präzeptorenrolle. Da gibt es noch viel aufzuarbeiten.

http://www.morgenpost.de/kultur/article106156817/Grass-Anti-Israel-Gedicht-steckt-voller-NS-Stereotypen.html

Kleinhäusler bleibt Kleinhäusler, Prolet Prolet, politikfähig sind nur die Eliten, und ein indoktrinierter Jugendlicher kann nichts dazulernen. Der Literaturnobelpreis war ein Versehen, das Gedicht ist eine Anmaßung. Setzen, Sechs, Leben verfehlt. Hach, macht das Spaß, einen Großen zu schmähen, wenn man die gesamte deutsche Presse an seiner Seite weiß!

Falls der Herr Krause aus einem elitären Elternhaus stammt, so sei ihm attestiert, daß ihm diese Herkunft gar nichts genutzt hat…

Auch Michael Naumann, CICERO-Herausgeber, stimmt in das Große Unisono ein. Aber er differenziert dann doch ein wenig:

Gedicht zum Israel-Iran-Konflikt

Was spricht in Günter Grass?

von

Michael Naumann

4. April 2012

Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat in einem in mehreren Zeitungen veröffentlichten Gedicht die israelische Politik gegenüber dem Iran heftig kritisiert

„Die Atommacht Israel gefährdet / den ohnehin brüchigen Weltfrieden?“ Diese fragende Zeile stammt aus dem umstrittenen Gedicht von Nobelpreisträger Günter Grass. Darin kritisiert er Israel scharf und warnt vor einem Krieg mit Iran. Was sollte das? Sein Werk erinnert an andere antisemitische Bemerkungen. Ein Kommentar

Dies vorweg: Günter Grass ist nicht nur ein bewundernswerter Schriftsteller, sondern ein politisch denkender, bisweilen leicht erregbarer Bürger, dessen moralischen Interventionen kraft seiner Sprachgewalt, seines literarischen Ruhms in aller Welt eine Aufmerksamkeit generieren, die bisweilen im umgekehrten Verhältnis zum Gegenstand seiner Empörungen stand. Diesmal ist es anders: Sein „Gedichte“ „Was gesagt werden muss“ ist ein moralischer und politischer Skandal.

[…]

Das wahrlich verspätete Bekenntnis des Dichters, als 17jähriger einige Wochen in der Waffen-SS gedient zu haben, führte zu einem kostenlosen moralischen Rausch derjenigen, die des bisweilen pastoralen Tons von Günter Grass überdrüssig geworden waren: Als wären seine vergangenen politischen Einlassungen damit moralisch entwertet worden, als hätte das Kind Grass – und das war er – mit seiner unvermeidbaren Einberufung in den letzten Kriegsmonaten alle nachfolgenden politischen und womöglich auch literarischen Äußerungen diskreditiert.

http://www.cicero.de/salon/gedicht-israel-iran-naumann-was-spricht-guenter-grass/48867

Das ist ja wenigstens einmal eine zutreffende Einordnung eines Tatbestandes, der schon im Jahr 2006 zum Skandalon hochgeschrieben worden war.(Und zwar maßgeblich von der FAZ. Glaube doch keiner, daß Schirrmacher irgendwie unbefangen war).

Michael Naumann:

Mit dem Diplom des gelebten Antifaschismus in der Tasche und der festen Überzeugung, dass die Lehre, die Deutschland aus seiner mörderischen Geschichte gezogen hat, auf einer universalen Moral aufruht – nämlich dem Recht auf Leben in Würde und Freiheit – öffnet sich die heimliche Tapetentür zur Kritik an Israel.   Es ist ein seltsames Bedürfnis, dass sich hier Luft schafft: Endlich einmal „den anderen“ zuzurufen, dass wir nicht nur ein „Volk der Täter“ seien, sondern dass die Opfer, genauer, ihre Nachfahren, ja auch nicht fehlerlos seien. Im Gegenteil: Die Israelis gefährdeten mit ihrem „behaupteten Recht auf den Erstschlag“ unser aller Überleben. Es ist aber der schiere Unsinn.

http://www.cicero.de/salon/gedicht-israel-iran-naumann-was-spricht-guenter-grass/48867?seite=2

Dieses angebliche Bedürfnis, das Naumann hier erblickt, ist ein Ergebnis seiner subjektiven Gedicht-Interpretation. Im Gedicht selbst wird vielmehr die historische Last der eigenen Herkunft angenommen und – bis eben jetzt – daraus die Handlungsmaxime abgeleitet, Kritik am staatlichen Handeln Israels zu unterlassen:

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Benannt wird auch, was ›jetzt‹ eben anders ist: nämlich die erneute deutsche Verstrickung in Schuld durch die Lieferung eines weiteren atomwaffenfähigen U-Boots an ein Land, das für sich das Recht eines militärischen Erstschlags herausnimmt. Und das, obwohl es nach deutschem Recht verboten ist, Waffen in Spannungsgebiete zu verkaufen. Immerhin wendet sich Michael Naumann dieser Problematik zu:

Der Begriff „Erstschlag“ entstammt der nuklearen Abschreckungsstrategie. Noch nie hat ein israelischer Politiker den Nachbarstaaten, Iran inklusive,  mit einem Atomkrieg, also einem „Erstschlag“ gedroht. Israel zu vernichten, „auszuradieren“, auszulöschen, die Israelis ins Mittelmeer zu treiben usw. – die seit der Existenz des kleinen Landes niemals endenden Androhungen aus dem arabischen und neuerdings iranischen Raum sind so bekannt wie  die Herkunft des militanten Terrorismus, der Selbstmordattentäter, der kontinuierlichen Anti-Israel-Propaganda und der jahrelangen Raketen-Angriffen aus dem Libanon und dem Gaza-Streifen. Einzig die atomaren Abschreckungswaffen Israels haben dem Land eine prekäre Sicherheit gewährt – es ist die gleiche Sicherheit, die Deutschland unter dem amerikanischen Schutzschirm davor bewahrte, zum designierten Schlachtfeld des Kalten Krieges zu werden.

http://www.cicero.de/salon/gedicht-israel-iran-naumann-was-spricht-guenter-grass/48867?seite=2

Den Begriff ›Erstschlag‹ hat Grass allerdings lediglich übernommen: erstmals war von diesen Planungen am 5.11.2011 die Rede:

Angst vor der Atombombe der Mullahs

Israel erwägt Erstschlag gegen Iran

Samstag, 05.11.2011, 13:33

Reuters Präsident Schimon Peres: „Militärische Option gegen Iran rückt näher“

In Israel wird offen über einen Erstschlag gegen den Iran diskutiert. Auch Staatschef Shimon Peres macht jetzt Druck. Die Internationale Gemeinschaft müsse handeln, zur Not auch militärisch. Die Gefahr, dass der Iran die Atombombe schon bald entwickele, sei zu groß.

„Die Geheimdienste aller Länder wissen, dass die Zeit abläuft und warnen ihre Führer“, sagte Israels Staatschef Shimon Peres in einem Fernsehinterview, aus dem die Zeitung „Haaretz“ am Samstag zitierte. Der Iran könne in sechs Monaten eine Atombombe haben.

Teheran hat stets beteuert, die Atomtechnik nur zu nutzen, um Energie zu gewinnen. Israel und der Westen vermuten aber seit langem, dass der Iran das zivile Atomprogramm nur als Deckmantel nutzt und im Geheimen Atombomben entwickelt.

Partner sollen Pflicht durch „militärisches Handeln“ erfüllen

Peres sagte, die Welt sei gegenüber Israel in der Pflicht, die iranischen Atombestrebungen zu stoppen. Die Partner des Landes hätten stets Unterstützung versprochen. Jetzt sei es an der Zeit, „ihre Pflicht entweder durch harsche Sanktionen oder durch militärisches Handeln zu erfüllen“.

In Israel wird seit über einer Woche eine ernsthafte Debatte über einen Militärschlag gegen Iran geführt. Die Bevölkerung ist einer Umfrage nach gespalten. Die Angst, dass der Iran Atomwaffen erlangen könnte, hält sich die Waage mit den Folgen des militärischen Vorgehens, das einen Flächenbrand in der gesamten Region auslösen könnte.

Bericht der Atomenergiebehörde wird entscheidend

Immer wieder wurde in diesem Zusammenhang auf einen Bericht der internationalen Atomenergiebehörde IAEO in Wien hingewiesen, der kommende Woche vorgelegt werden soll. Die darin womöglich enthaltenen Feststellungen zum iranischen Atomprogramm seien von großer Bedeutung für das weitere Vorgehen, hieß es in israelischen Medienberichten.

[…]

http://www.focus.de/politik/ausland/angst-vor-der-atombombe-der-mullahs-israel-erwaegt-erstschlag-gegen-iran_aid_681452.html

Obwohl dann auch der aktuelle, im wesentlichen auf Geheimdienstberichten beruhende IAEO-Bericht die Vermutungsbasis für ein Atomwaffenprogramm des Iran nicht vergrößerte – und wie valide Geheimdienstberichte über Waffenprogramme sind, wissen wir aus den Lügen über Saddam Husseins gefährliche Arsenale, die als offizieller Kriegsgrund herhalten mußten –, wird das Erstschlagskonzept weiterverfolgt.

8.11.2011

In einem neuen Bericht, den die Behörde am Dienstag an die wichtigsten Mitglieder des UN-Sicherheitsrates sandte, heißt es, das Regime in Teheran habe mindestens noch im Jahr 2009 zahlreiche „Tätigkeiten ausgeführt, die relevant sind für die Entwicklung eines nuklearen“ Sprengsatzes. Dazu gehörten Arbeiten an Computermodellen für atomare Explosionen, vor allem aber Experimente mit Zündern für Nuklearbomben. Der Bericht geht auch auf Irans Bemühungen ein, Raketen zu entwickeln.

http://www.sueddeutsche.de/politik/bericht-der-atomenergiebehoerde-iaea-iran-soll-an-atomwaffen-gearbeitet-haben-1.1184392

Mit welchen Mitteln dieser präventive Angriff erfolgen soll, ist auch bei Netanjahus Auftritt Anfang März in den USA offengeblieben:

Netanjahu will Erstschlag gegen Iran

Israel und die USA können sich nicht auf einen gemeinsamen Kurs im Iran-Streit einigen: Netanjahu drängt auf rasches militärisches Handeln, Obama setzt auf Diplomatie. Noch soll sich Netanjahu nicht für einen Alleingang entschieden haben.

Washington/Tel Aviv. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu drängt immer offener auf einen baldigen Militärschlag gegen den Iran. „Niemand von uns kann es sich leisten, viel länger zu warten“, sagte er in Washington. Bisher hätten weder Diplomatie noch Sanktionen Wirkung gezeigt. Israel müsse sich auf sich selbst verlassen, um seine Existenz zu sichern, sagte Netanjahu am Montagabend (Ortszeit) vor der pro-israelischen Lobby-Organisation Aipac. „Wenn es um das Überleben Israels geht, müssen wir stets Herr unseres Schicksals bleiben.“

Israelische Medien berichteten allerdings am Dienstag, Netanjahu habe im Gespräch mit US-Präsident Barack Obama versichert, er habe noch keine Entscheidung getroffen. Die israelische Zeitung „Jediot Achronot“ berichtete unter Berufung auf US-Regierungsvertreter, gleichzeitig habe Netanjahu aber betont, Israel behalte sich das Recht vor, sich in Zukunft für einen solchen Angriff zu entscheiden. Der israelische Rundfunk meldete, Obama habe Verständnis für Israels Recht auf Selbstverteidigung geäußert.

[…]

In seiner leidenschaftlichen Rede bei der Jahrestagung der Israel-Lobby ging Netanjahu auch auf den Holocaust ein. 1944 hätten die USA Bitten der jüdischen Lobby abgelehnt, das Vernichtungslager Auschwitz zu bombardieren. „Aber 2012 ist nicht 1944. Die heutige amerikanische Regierung ist anders“, rief Netanjahu unter dem Jubel mehrerer tausend Zuhörer. „Als Ministerpräsident Israels werde ich mein Volk niemals im Schatten der Vernichtung leben lassen.“

Ein atomar bewaffneter Iran wäre eine Bedrohung für die ganze Region, sagte Netanjahu. Zudem würde sich die Gefahr eines nuklearen Terrorismus dramatisch verschärfen. Ein iranischer Atomstaat könne die Welt erpressen, meinte er.

Oppositionspolitiker in Israel verurteilten den Vergleich mit dem Holocaust. Der Abgeordnete Daniel Ben Simon sprach von der „gefährlichsten Rede, die je ein israelischer Ministerpräsident gehalten hat“. „Die israelische Supermacht von heute kann nicht mit dem jüdischen Volk im Jahre 1942 verglichen werden, bevor es einen Staat gab.“
(dpa)

Artikel vom 06. März 2012, 16.25 Uhr (letzte Änderung 07. März 2012, 04.48 Uhr)

http://www.fnp.de/fnp/nachrichten/politik/netanjahu-will-erstschlag-gegen-iran_rmn01.c.9658431.de.html

Selbst wenn dieser Erstschlag gegen iranische Atomanlagen lediglich mit konventionellen Waffen geführt werden sollte, sind Auswirkungen wie in Fukushima zu erwarten. Und angesichts eines zu erwartenden Rückschlags Teherans sind die Eskalationen bis hin zum Einsatz israelischer Atomwaffen nicht zu berechnen. Entsprechende amerikanische Planspiele lassen auch ohne dieses Horror-Szenario bereits Schlimmes befürchten:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822550,00.html

In der Zeit des Kalten Krieges herrschte ein Gleichgewicht des Schreckens, das für einen ungemütlichen Frieden sorgte. Diese Situation ist mit der asymmetrischen im Nahen Osten, die immer von einer überlegenen militärischen Stärke Israels geprägt war, nicht zu vergleichen.

Michael Naumann:

Als Nuklearstratege ist Günter Grass bisher nicht in Erscheinung getreten. Wie also kommt er auf die bizarre Behauptung, „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden“? Welcher „Wahn“ „okkupiert die Region“ – wenn nicht diejenige eines Mullah-Regimes im Iran, dessen Führung unverblümt von der Zerschlagung der einzigen nicht-muslimischen Demokratie im Nahen Osten schwadroniert? Eines Regimes, das mit längst durchschauten Täuschungsmanövern unter Bruch eines völkerrechtlich verbindlichen Vertrags den Bau von Atombomben und dazugehörigen Träger-Raketen forciert?

http://www.cicero.de/salon/gedicht-israel-iran-naumann-was-spricht-guenter-grass/48867?seite=3

Die Behauptung von Grass ist nicht bizarr, sondern zutreffend. Denn ein Land, das sich weigert, völkerrechtlich verbindliche Verträge zur Kontrolle seiner Atom-Politik abzuschließen und gleichzeitig auf einem Recht auf präventive militärische Gewalt gegen bloß vermutete Atomwaffen-Herstellung eines feindlich gesonnenen Staates besteht, ist natürlich eine Gefahr für den Frieden. Mit dem es ja ohnehin nicht weit her ist. Israel weiß, wie es die von Naumann zurecht als ›Schwadronieren‹ bezeichnete Rhetorik Ahmadinejads und diesen selbst einzustufen hat: als ›Maulhelden‹, der innenpolitisch punkten will. Jenes morgenländische Bramabarsieren kennt die Welt aus einschlägigen Suaden der Endzeit von Hussein und Ghadafi sowie, in seiner an Hadschi Halef Omar gemahnenden Variante, von ›Comical Ali‹ während des Irak-Krieges. Das bringt keine Regierung Israels aus der Ruhe.

Es wundert mich, daß Naumann den Verriß seines Kollegen Stefan Buchen wegen des Fernsehinterviews von Claus Kleber mit dem iranischen Regierungschef nicht gelesen zu haben scheint. Kleber wurde im CICERO nämlich vorgeworfen, sich auf das Iran-Israel-Thema kapriziert zu haben: ein Thema, bei dem Mahmud Ahmadinejad, moralisch wie rhetorisch, nur gewinnen könne. Aber hinter diese Einsichten fällt man zurück, wenn man sich dem hingibt, was die ›Gleichschaltung‹ eines Kampagnen-Journalismus’ aus wirtschaftlichen Gründen verlangt: der einander überbietenden Skandalisierung & den Wonnen des Herostratos.

Selbstdemontage eines Nachrichtenstars

von

Stefan Buchen

21. März 2012

[…]

Sicher, der Moderator des heute journals und ehemalige Washington-Korrespondent kann nichts dafür, dass er gegenüber Mahmud Ahmadinejad aussieht als habe John F. Kennedy vor einem unrasierten Landarbeiter lateinamerikanischer Herkunft Platz genommen. Aber dieses Bild verstärkt doch den alles überragenden Eindruck, dass Claus Kleber hier „den Westen“ repräsentiert. Die westliche Deutungshoheit. Die westliche Logik. Den westlichen Anspruch, vom Iran Rechenschaft über sein Atomprogramm zu verlangen und die westliche und israelische Anmaßung, zur Not einen unvermeidlichen, gerechten Präventivkrieg zu führen.

http://www.cicero.de/weltbuehne/claus-kleber-mahmud-ahmadinejad-interview-selbstdemontage-eines-nachrichtenstars/48714

Kleber will gleich klarmachen, dass Ahmadinejad in der Klemme sitzt, denn Israel werde zu einem Militärschlag ausholen, wenn Iran nicht sein Atomprogramm offenlege. Als habe es nie einen Irakkrieg und nie ein Kriegstrommeln gegeben, für das sich später viele schämen mussten. Kaum hat das Interview begonnen, schon hat Kleber den Faden aus der Hand gegeben. Schon sitzt der Journalist in der Klemme und Ahmadinejad stellt die Fragen: „Warum drohen die Zionisten? Legen etwa die Zionisten ihre nuklearen Anlagen offen?“, fragt der Populist aus Teheran bohrend und gleichzeitig ahnend, dass er als rhetorischer Sieger vom Platz gehen wird.

Interviewter und Interviewer tauschen von nun an die Rollen. Kleber weiß nichts Handfestes zu erwidern und gibt so Ahmadinejad Raum für längliche Ausführungen über die Friedfertigkeit und Kulturbeflissenheit der iranischen Nation, die aus humanistischer Überzeugung die Atombombe an sich ablehne. Krieg, Besatzung und Kolonialismus, das sei die Politik der anderen: im Irak, in Afghanistan und eben in Palästina.

Kleber entgeht, dass die Nuklearfrage nicht das schwierigste Thema für Ahmadinejad ist, sondern das ihm willkommenste. Die damit verbundenen Kriegsdrohungen gegen Iran, die Wirtschaftssanktionen, die Morde an iranischen Atomwissenschaftlern auf offener Straße in Teheran: all dies nutzt Ahmadinejad geschickt, um sich zum Underdog zu stilisieren, zum Verfolgten auf der Weltbühne, den die internationale Gemeinschaft zu Unrecht ausgrenzt und dem die ihm gebührende Gleichberechtigung verweigert wird.

http://www.cicero.de/weltbuehne/claus-kleber-mahmud-ahmadinejad-interview-selbstdemontage-eines-nachrichtenstars/48714?seite=2

Kleber macht dem iranischen Zyniker die Sache leicht. Iran habe mit einem „apokalyptischen“ Gegenschlag gedroht, sollte er von Israel angegriffen werden. Was denn der Präsident damit gemeint habe. Natürlich werde Iran sich verteidigen, entgegnet Ahmadinejad. Was denn Deutschland täte, wenn es einem militärischen Angriff ausgesetzt wäre? Würde Deutschland zuschauen?

Der gefährlichste Mann der Welt zieht den Zuschauer auf seine Seite. Die Ursache liegt in Klebers Haltung. Für wen und als was spricht der Moderator des heute journals? Als verkappter amerikanischer Präsident? Als Anwalt Netanyahus?

http://www.cicero.de/weltbuehne/claus-kleber-mahmud-ahmadinejad-interview-selbstdemontage-eines-nachrichtenstars/48714?seite=3

Nun, als Anwalt Netanjahus hat Kleber natürlich schlechte Karten. Wie eben auch die Grass-Kritiker. Ein publizistischer Einzelkämpfer, der sich nicht zu Netanjahus‘ Anwalt machen läßt, hat sich mal wieder glänzend profiliert:

Es musste gesagt werden

Ein Debattenbeitrag von Jakob Augstein

Mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ liegt Günter Grass richtig: Er holt Deutschland aus dem Schatten der Worte von Kanzlerin Merkel, die Sicherheit Israels gehöre zur deutschen „Staatsräson“. Und der Schriftsteller kritisiert zurecht, dass Israel der Welt eine Logik des Ultimatums aufdrängt.

Ein großes Gedicht ist das nicht. Und eine brillante politische Analyse ist es auch nicht. Aber die knappen Zeilen, die Günter Grass unter der Überschrift „Was gesagt werden muss“ veröffentlicht hat, werden einmal zu seinen wirkmächtigsten Worten zählen. Sie bezeichnen eine Zäsur. Es ist dieser eine Satz, hinter den wir künftig nicht mehr zurückkommen: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt, ein Schriftsteller, ein Nobelpreisträger, weil Günther Grass ihn sagt. Darin liegt ein Einschnitt. Dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen. Ein überfälliges Gespräch hat begonnen.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,826163,00.html

Ich hoffe, daß er recht behält. Glaube aber nicht daran. Nach der Skandalisierung eines Individuums wird zum üblichen Beschweigen des Problems übergegangen werden. Auch Kriegsberichtserstatter brauchen ihr Material. An der Verhinderung von berichtenswerten Ereignissen kann der Presse nicht gelegen sein.

Und von der Politik ist traditionell gar nichts zu erwarten.

Update:

Unser Außenminister hat sich im amtlichen Regierungsorgan BILD (am Sonntag?) zu Wort gemeldet – und ein bestgehütetes Staatsgeheimnis ausgeplaudert:

Außenminister Westerwelle antwortet Günter Grass

Israel und Iran auf eine gleiche moralische Stufe zu stellen ist absurd

Von Guido Westerwelle

08.04.2012 — 00:05 Uhr

[…]

Wir setzen uns für eine atomwaffenfreie Zone im gesamten Nahen und Mittleren Osten ein.

[…]

http://www.bild.de/politik/inland/guido-westerwelle/anti-israel-gedicht-aussen-minister-antwortet-guenter-grass-23537798.bild.html

Und dann ist noch diese Entwicklung hier nachzutragen:

Er ist nicht mehr erwünscht in Israel!

Die Regierung in Jerusalem hat Günter Grass (84) nach seinem irren Gedicht („Was gesagt werden muss“) zur persona non grata erklärt.

Der Literaturnobelpreisträger hat ab sofort Einreiseverbot. Wenn Grass „weiter seine verdrehten und lügnerischen Werke verbreiten will, schlage ich vor, er macht das vom Iran aus”, sagte Innenminister Eli Jischai am Sonntag. Dort würde er ein gewogenes Publikum finden.

Bei dem Einreiseverbot gegen Grass greift Jischai auf ein Gesetz zurück, dass es der Regierung erlaubt, ehemaligen Nazis die Einreise ins Land zu verweigern. Grass hatte eingestanden, in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges in der Waffen-SS gedient zu haben.

http://www.bild.de/politik/inland/guenter-grass/guenter-grass-gedicht-israel-iran-reich-ranicki-nennt-es-ekelhaft-23540174.bild.html