›Das verteufelte Geschlecht‹ Mann – und die Erosion der Unschuldsvermutung (I)

Nahtlos kann ich an meinen Frauen-Artikel anschließen –

https://gabrielewolff.wordpress.com/2012/04/17/frauen-zwischen-schmerzensmannern-frauenquote-und-top-model-was-will-das-weib/

denn die Verheerungen, die der gegen den Mann gerichtete hardcore-Feminismus à la longue gesellschaftlich angerichtet hat, zeigen sich heute in aller Schärfe.

Geschlechterrollen

Der Penis ist keine Waffe

betitelt Jonathan Widder seine Rezension vom 6.3.2012 des Buchs von Ralf Bönt: ›Das entehrte Geschlecht‹. Und es stimmt hoffnungsfroh, daß in einem Medium wie der ZEIT, in dem zum Geschlechter-Thema bislang nahezu ausschließlich dezidiert feministisch-weibliche Stimmen zu hören waren, nun endlich einmal auch das als gewalttätig, machtversessen und defizitär diffamierte männliche Geschlecht Gelegenheit zur Gegenrede erhält. Die nicht medial wirkenden Frauen in den westlichen Ländern wissen, daß es nicht das Patriarchat ist, das sie unterdrückt, und schon gar nicht der Mann oder die Männer, mit denen sie es real zu tun haben. Es ist vielmehr die Arbeitswelt, die zerstörerisch auf Menschen und Familien wirkt, und die falsche Wertschätzung von Erwerbstätigkeit, die über jeden, der – aus welchen Gründen auch immer – aus ihr herausfällt, ein Unwerturteil ausspricht. Das Verdikt der Ökonomie trifft nicht nur Frauen, die sich für Erziehungsarbeit entscheiden. Es trifft vor allen Dingen Männer, denen die Ernährerrolle auferlegt wird, während Frauen schon immer Wahlmöglichkeiten hatten. Widder faßt die Thesen von Bönt so zusammen:

 Im Kern des Buches stehen drei Forderungen: „1. Das Recht auf ein karrierefreies Leben. Der Mann muss auch jenseits einer beruflichen Stellung respektiert werden. 2. Das Recht auf Krankheit jenseits der Vorwürfe von Hypochondrie und Fühllosigkeit. 3. Das Recht auf eine geehrte Sexualität jenseits von Ablehnung, Diffamierung, Kapitalisierung und Kriminalisierung.“

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-03/ralf-boent/komplettansicht

Und wie reagieren Feministinnen auf diese Forderungen, soweit sie männliche Geschlechterdiskurse überhaupt zur Kenntnis nehmen? Beispielsweise so:

Die Zitate aus Bönts Buch empfinde ich als seltsam. Es mischen sich hier oberflächlich nachvollziehbare Wünsche der Männer mit Forderungen – ja – an wen? Vor allem der seltsame Satz mit der “geehrten Sexualität”. Wer soll die denn ehren? Die Partnerin? Die Gesellschaft? Die Männer selbst? Die Vergewaltigten? Alles in allem spüre ich hier mehr Verlangen nach weiterer Macht und Kontrolle als den Wunsch gemeinsam und vor allem jenseits von heteronormativem Denken etwas zu ändern. Also alles was jetzt noch als “unmännlich” gilt – keine Karriere, Kinderbetreuung, Krankeit, das mit der Sexualität verstehe ich leider nicht so ganz, soll jetzt “ehrbar” und männlich werden. Das ist Eroberung von Terrain und keine Verbesserung der Zustände.

http://maedchenmannschaft.net/wie-koennten-neue-maennlichkeiten-aussehen/#comments

Prompt wird die männliche Sexualität, wie zurecht kritisiert,  kriminalisiert (»Vergewaltigte«), und frau wittert sogleich Gefahr: wenn der moderne Mann ein Recht auf Wertschätzung auch bei fehlender beruflicher Karriere und Hinwendung zur Erziehungsarbeit einfordert, wenn er reklamiert, auch schwach sein zu dürfen – denn die Akzeptanz von Krankheit trägt zu einer besseren medizinischen Behandlung der Männer bei und könnte dazu führen, die geringere Lebenserwartung von Männern an die höhere der Frauen anzugleichen –, dann erobert er weibliches Terrain und erstrebt, so ist der Mann nun mal beschaffen, nichts weiter als Macht und Kontrolle. Während er nur Gleichberechtigung verlangt.

Tatsächlich sind es berechtigte Forderungen beider Geschlechter an eine durchökonomisierte und auf Effizienz getrimmte Welt, die den Menschen insgesamt schadet und nur einer Elite nutzt. Insbesondere die letzte Forderung hat es allerdings in sich. Denn wie sehr die Sexualität des Mannes bereits mit Kriminalität konnotiert ist, belegt Bönt an einem Einzelbeispiel:

 Weil das, auch wenn es selbstverständlich klingen mag, kein gesellschaftlicher Konsens ist, beschreibt Bönt die Facetten negativer und banalisierter Männerbilder in der Öffentlichkeit und ihre Auswirkungen auf Gesellschaft und Privatleben. Er schildert fassungslos, wie ein Freund auf dem Spielplatz auf Initiative der umstehenden Mütter von der Polizei kontrolliert wird, weil er seiner Tochter die Strumpfhose richtet.

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-03/ralf-boent/komplettansicht

Man darf sich nicht wundern, daß sich junge Männer angesichts dieses gesellschaftlichen Klimas selten für einen pädagogischen Beruf entscheiden, in dem sie mit Kindern zu tun haben, obwohl sie dort, in Kindergärten und Grundschulen, die fest in weiblicher Hand sind, angesichts der zunehmenden Zahl alleinerziehender Mütter dringend benötigt werden. Wie ich mich nicht wunderte, von einer alten Freundin zu hören, daß sich ihr 75-jähriger Mann nicht mehr traut, seine Enkelin auf den Schoß zu nehmen, um nicht als Fummel-Opa wahrgenommen zu werden.

Den Feminismus kritisiert Bönt nur dort, wo er über die Gleichberechtigung hinausgeht und den Mann als ständigen Täter porträtiert (und damit paradoxerweise gleichzeitig die Frau im Opferstatus zementiert). Dabei rechnet er vor allem mit Alice Schwarzer und ihrer Schwanz-Ab-Ideologie ab: „Schwarzer ist der Franz Josef Strauß des Feminismus, der notwendig gewesene Macho der Frauenbewegung“; aber: „Der Hass hat das Problem der Geschlechter, statt es zu lösen, verschärft.“

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-03/ralf-boent/komplettansicht

Nun gibt es Menschen, denen es nicht einmal mehr auffällt, mit wieviel Häme und Verachtung über das männliche Geschlecht seit einigen Jahren medial verhandelt wird. Menschen, die solche Artikel für ›normal‹ halten, in denen stellvertretend für das männliche Geschlecht in aller Genüßlichkeit und mit einem Höchstmaß von polemischem Einsatz Einzelpersonen attackiert werden:

Sex, Lügen, Twitter – die schlimmsten Männerpannen

Von Boetticher, Strauss-Kahn, Schwarzenegger, Kachelmann oder Fürst Albert: Diese mächtigen Männer demontierten sich 2011 selbst.

Von Judith Luig

29.12.11

2011 war das Jahr der Männer. Ist das nicht jedes Jahr, fragen Sie? Kann sein, aber dieses Mal war es das in besonderer Form: Ein Jahr, das durch Ereignisse bestimmt wurde, bei denen ein männlicher Protagonist, der angesehen, geschätzt und teilweise sogar bewundert wurde, über eine als besonders männliche verschriene Eigenschaft besonders dämlich stolperte. Selbstüberschätzung, Selbstgerechtigkeit und Realitätsverlust gelten ja schon lange als Männertugenden, aber selten haben sie so viele so dumm dastehen lassen wie in den vergangenen zwölf Monaten.

[…]

Die seltsam archaischen Männer, die uns in diesem Jahr mit ihren Großmannsgeschichten in Atem gehalten haben, haben eines gemein: Sie gehen davon aus, dass der wie auch immer zustande gekommene Sex ein Geheimnis zwischen ihnen und der Frau bleibt. Und sie scheinen zu glauben, Sex über den man spricht, bringt ihm Ruhm und ihr Schande.

Aber 2011 haben ein paar Frauen diesen Pakt gebrochen. Auch wenn es fraglich ist, was es ihnen persönlich gebracht hat, der Welt haben sie damit geholfen, dass man sich endlich ein paar überfälligen Fragen zum Thema Jungsbünde, Sexprotze und Imponiergehabe stellt.

http://www.welt.de/vermischtes/prominente/article13788891/Sex-Luegen-Twitter-die-schlimmsten-Maennerpannen.html

Nicht unzufällig hat die Autorin die beiden Verfahrenseinstellungen gegen Dominique Strauss-Kahn ›vergessen‹, und der Freispruch von Jörg Kachelmann erfolgte ja ›nur‹ aus Mangel an Beweisen. Auch der seinerzeit noch amtierende Bundespräsident kriegt sein Fett weg: zwar gab es lediglich einen medialen Shitstorm gegen ihn, und auch Frau Luig wußte nicht so recht, was sie ihm eigentlich vorwerfen sollte. Aber er ist ein Mann, und daher leidet er ›naturgemäß‹ unter Selbstüberschätzung (und einem kostspieligen Hang zur Zweitfamilie, der er schließlich was bieten muß).

Das mediale Geschlechterbild ist festzementiert: hier der sexuell untreue, umtriebige, gewalttätige, vergewaltigende unmoralische Mann – dort die Frau, das reine Opfer. Das sie sogar bleibt, wenn sie zur Täterin geworden ist. Wäre es denkbar, einen Artikel über einen gewalttätigen Mann, der eine Selbsthilfegruppe gründet, so einzuleiten?

Wenn Frauen nur zuschlagen können

Opferschicksal

Eine Mutter berichtet über ihre Aggressionen den Töchtern gegenüber

Marika Bach gründet eine Selbsthilfegruppe. Sie hat ihre Töchter täglich geschlagen.

von Sabine Schicke

Oldenburg – Marika Bach (Name geändert) ist eine freundliche Frau mit dunklen Haaren. Anfang 40, hilfsbereit und zuvorkommend. Aufmerksam selbst in kleinen Dingen. Dass sie ein zweites Gesicht haben kann, würde niemand glauben. „Gewalt von Frauen, das ist noch immer ein Tabu-Thema“, erklärt sie. Über Jahre hat sie ihre beiden Töchter täglich geschlagen, hatte ihre Aggression nicht unter Kontrolle. „Schon während ich ausholte, habe ich mich selbst gehasst – und trotzdem zugeschlagen.“

Nun möchte sie anderen Frauen helfen, die ähnliche Probleme mit Aggressionen haben und gründet eine Selbsthilfegruppe.

http://www.nwzonline.de/Region/Stadt/Oldenburg/Artikel/2847945/Wenn-Frauen-nur-zuschlagen-k%F6nnen.html

Natürlich, sie konnte nur zuschlagen angesichts der von Gewalt, Mißbrauch und fehlender Mutterliebe geprägten Kindheit. Aber schlagende Männer haben ähnlich schreckliche Kindheiten, wie man weiß. Nur, daß deren Kindheitserzählungen eher als Schutzbehauptung oder als Mitleidsmasche bewertet werden, wenn sie vor Gericht stehen. Unsere Selbsthilfegruppengründerin stand gewiß niemals vor Gericht: die Lehrer und die Jugendamtsmitarbeiter, die von ihrer Gewalttätigkeit wußten, haben sicherlich den Datenschutz bemüht und keine Anzeige erstattet. Denn eine prügelnde Frau ist Opfer und darf nicht kriminalisiert werden.

Wenden wir uns dem Leitmedium für aggressive niedrige Instinkte zu, der Aufputschdroge, die die heftigsten Verwüstungen in den Seelen des Menschengeschlechts anrichtet, weil sich damit am leichtesten Geld verdienen läßt. Der BILD nämlich, die zu allem Überfluß auch noch Briefe schreiben läßt. Für die Amokläuferin von Lörrach, deren Tötungsserie (3 Tote, zahlreiche Verletzte) auch von unseren seriöseren Medien wie FAZ, SPIEGEL und WELT gern als ›Beziehungstat‹ gewürdigt wurde, fand F. J. Wagner am 21.9.2010 in BILD folgende Worte:

Ja, es war richtig, die Amokläuferin zu töten. Sie war eine Maschine.

Aber sie war auch mal ein Mensch. Abitur, Jurastudium, Ehe, ein Kind, eine Fehlgeburt, Anwältin, Trennung, zwei getrennte Wohnungen, Kind beim Vater, Kind bei der Mutter. Das alltägliche Drama.

Auch dieser Mensch wurde erschossen. Ein Mensch, der kaputt ging, ein Mensch, eine Maschine wurde.

http://www.bild.de/news/standards/news/post-von-wagner-14029404.bild.html

»Sabine R.« (nur das übliche »Liebe« ließ er weg), schmalzte er am selben Tag so an:

Es ist ein Foto im Garten Ihres Glücks. Sie haben ein eigenes Häuschen mit Garten. Papa, Mama, Kind. Vielleicht ist eine Schaukel irgendwo, man sieht Blumen auf dem Foto.

Im nächsten Moment werden Sie Ihr Kind umarmen, mit Ihrem Kind durch den Garten herumtollen. Ihr Kind auf den Schultern tragen.

Das Foto ist ein Jahr alt. Sie sehen gut aus, Sie sind schlank. Sie sehen aus, wie eine glückliche, 41-jährige Frau, die Mutter ist. Eine Mutter, die in der Sonne liegt, das Liebste neben sich hat, ihr Baby, ihr Sonnenschein.

Als diese Frau tötete, war sie selbst schon tot. Ihr Mann hatte sie verlassen, ihr heiler Garten war zerstört.

http://www.bild.de/news/standards/news/post-von-wagner-14041228.bild.html

Nach anderen Berichten hatte sie zwar ihren Mann verlassen, aber was soll’s. Der Mann muß schuld sein und die Frau traumatisiert. Gerne ist sie auch schuldunfähig, die Psychiatrie ist ja gesellschaftlich geprägt. In Diktaturen gilt der querulatorische Wahn als Ausschlußkriterium gegen Oppositionelle, in feministisch beherrschten  Welten bekommen Frauen bei Persönlichkeitsstörungen, die bei Männern nie zur Schuldunfähigkeit führen, den Jagdschein. Und schon ist das säuberliche Mann-Frau-Weltbild wieder in Ordnung.

Nur einen Tag später textet BILD:

Toter Mann in Schuppen gefunden

Rosenheim-Killer tot aufgefunden

München – Ist die wochenlange Jagd nach dem Doppelmörder von Rosenheim zu Ende? Gestern wurde ein Mann tot aufgefunden, bei dem es sich mit ziemlicher Sicherheit um Franz Müller (48) handelt.

Der Tote hat sich wohl aufgehängt. In einem Schuppen in der Äußeren Münchner Straße in Rosenheim. Nur wenige Meter vom Tatort entfernt. Entdeckt hätte ihn ein Hausmeister.

Die Polizei wollte das weder bestätigen noch dementieren. Aber: „Es deutet einiges darauf hin“, dass es sich um den verdächtigen Doppelmörder handeln könnte. Erst nach der Obduktion heute könne genaueres gesagt werden.

Rückblick: Am 30. August wurden Lacramioara (†37) und ihr kleiner Sohn Marcus (†3) in Rosenheim bestialisch getötet. Wohl von ihrem Ex Franz Müller! Den Bub hängte der feige Killer im Keller auf! Die Mutter erschlug er brutal – die Tat einer Bestie! Ganz Bayern war erschüttert von dieser Horrortat!

Nach der Bluttat floh der feige Killer. Gejagt von der Polizei, der „Soko Hochgern“.

Mögliches Motiv des Doppelmords: Angeblich hätte Franz Müller Zweifel an der Vaterschaft von Marcus gehabt. Glaubte, er habe ein Kuckuckskind groß gezogen.

Laut Obduktion der Kindes-Leiche war Müller allerdings der leibliche Vater von Marcus.

http://www.bild.de/BILD/regional/muenchen/aktuell/2010/09/22/leiche-des-rosenheim-killers/toter-mann-in-schuppen-gefunden.html

Ist es bestialischer, das eigene Kind zu erhängen oder mit einer Plastiktüte zu ersticken? Wer ist eher ein feiger Killer: der, der seinen Partner erschlägt oder der, der ihn erschießt? Ganz zu schweigen von dem Aggressionsüberschuß, die eigene Wohnung hochgehen zu lassen, einen unbeteiligten Krankenpfleger zu ermorden, Patienten zu gefährden und sich mit der Polizei auf einen Schußwechsel einzulassen, auf daß die den eigenen geplanten Tod exekutiere.

BILD weiß Bescheid. BILD ordnet ein. Der Mann ist die Bestie und die Frau das traumatisierte Opfer.

In welcher Welt lebt eine feministische Kolumnistin wie Silke Burmester? Na, in dieser:

Liebe Herren, keine Angst vor den 30 Prozent! Damit Sie die Umstellung nicht merken, kommen auch weiterhin natürlich nur attraktive Sahneschnitten.

Silke Burmester, freie Journalistin

http://www.pro-quote.de/unterzeichnerinnen/silke-burmester/

Wer Männer für hormongesteuerte Trottel hält, die nicht mitbekommen, daß ihre Sexobjekte die Macht an sich gerissen haben, muß schon ein finsteres Männerbild haben. Wie die BILD eben. Daher ist es vollkommen unverständlich, daß sie Kristina Schröder das hier zuruft:

Familienministerin Schröder

Die Feindin aller Frauen

[…]

Und jetzt Ihr Buch! Ein Buch, in dem Sie eine Emanzipationswut anprangern, die seit 20 Jahren nicht mehr existent ist. Ein Buch, in dem Sie sich vor einem „Weltanschauungsfeminismus“ fürchten, der Männer verteufelt, der aber mit dem Aufgehen von Alice Schwarzer als „Bild“-Maskottchen und als Ratetante im Fernsehen untergegangen ist und den außer Ihnen niemand mehr sieht.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,828803,00.html

Diese Hybris! ›Feindin aller Frauen‹! Als ob Frau Burmester, die noch was werden will, für alle Frauen spräche. Vieleicht machen ihr die zahlreichen kritischen Kommentare klar, daß sie auf dem falschen Dampfer ist.

Denn umgekehrt wird ein Schuh daraus. Sie selbst erkennt ihre eigene Männer-Verteufelung nicht einmal. Und verkennt, daß die Saat der Schwarzerschen Männer-Verteufelung zur giftigen Sumpfblüte aufgegangen ist, die fest im Ur-Schlamm der wohlfeilen populistischen Empörung von Springers Gnaden wurzelt. Rate-Tante ist Schwarzer schon seit längerem nicht mehr, dafür aber Talkshow-Tante, zumindestens in den öffentlich-rechtlichen Sendern. Und sie hat mehr Nachfolgerinnen, als Burmester ahnt, die in der heutigen Feministinnen-Szene wohl nur harmlose akademische Gender-Forscherinnen, konziliante Alpha-Mädchen und die intellektuelle F-Klasse am Werke sieht. Da sollte sie sich mal in einschlägigen Blogs und Foren kundig machen, damit sie mitkriegt, wieviel Haß und Erbitterung gegen den Mann dort wüten.

Gestern sinnierte ein Mann darüber, wie man denn eine emanzipierte Männlichkeit definieren könnte.

Diesen Beitrag kommentierte als erste eine Frau. Und zwar so:

Worin genau besteht denn nun der Unterschied zwischen Mann und Frau, den man unbedingt anerkennen muss?

Warum könntest Du keine Frau sein, was an “der Art zu leben” missfällt Dir so?

M.A.n. gibt es viel zuwenig Männer, die sich von (Kinderficker-)Sextouristen oder Freiern allgemein abgrenzen, viel zu wenig Männer, die ihr Unverständnis gegenüber staatlich-legitimierten Soldaten oder den (Miniatur-)Breiviks dieser Welt zum Ausdruck bringen, viel zu wenig Männer, die sagen, dass sie froh sind, dass ein Typ wie DSK einen Machtverlust hinnehmen musste.

Umfasst Dein Konzept von Männlichkeit all diese Männer, oder blendest Du sie einfach aus?

Wozu braucht es ein Konzept von (frauenausschließender) Männlichkeit?
Was fehlt Dir denn bei der Idee, die man Menschlichkeit nennt?

http://allesevolution.wordpress.com/2012/04/24/der-emanzipierte-mann/?replytocom=35036#respond

Bevor diese Frau Vorstellungen eines Mannes über Männlichkeit überhaupt thematisiert, muß er sich erst einmal dafür entschuldigen, daß er sagt, daß er gern Mann ist, weil er als Frau nicht leben könne. Ich kenne keine Frau, die lieber als Mann leben würde (es sei denn, ER ist im falschen Körper geboren). Keine Frau würde, von wem auch immer, aufgefordert werden, sich von echten oder vermeintlichen weiblichen Untaten zu distanzieren, bevor sie sich über ihre Geschlechterrolle äußern darf. Und niemand würde es wagen, das Reden einer Frau über Weiblichkeit mit dem Argument zu delegitimieren, daß es Wichtigeres gebe, nämlich Menschlichkeit, die gegenüber der (männerausschließenden) Weiblichkeit nicht nur ein aliud , sondern etwas Höherrangiges sei.

Nein, der Haß gegen den Mann  an sich sitzt tief und ist hochaktuell. Es ist erfreulich, daß Kristina Schröder dagegen anschreibt. Sie beweist damit Mut. Die klassische Politikerin von der Leyen hat 2007 der CSU-Forderung nach dem Betreuungsgeld zugestimmt, und dieser Vorgabe und Merkels Machtwort (der gestaltende Politik am Arsch vorbeigeht, ihr geht es um bloßen Machterhalt, Überzeugungen hatte sie noch nie) folgt sie zähneknirschend, denn andernfalls wird sie entlassen. Mehr an Kompromissen wird sie nicht eingehen, und ihr Buch provoziert bewußt den blöden medialen Mainstream.

Als »BILD-Maskottchen« hat Alice Schwarzer ihre gefährlichste Wirkungsphase erreicht: den Anschluß des fundamental-feministischen Männerhasses (der nur einen Teilbereich der Frauenbewegung abdeckt) an ein gewissenloses journalistisches Milieu, in dem es um den Aufbau von Erregungspotentialen aus kommerziellen Gründen geht. Sandor Ragaly hat dieses Geschäftsprinzip in einem medienkritischen Aufsatz mit dem Titel:

Der Reiz, zu verachten – instrumenteller Moralismus als Medien-Stil

– Skizze eines aufsteigenden Medienproblems  –

sehr klar ausgeleuchtet. Hier ein kleiner Auszug:

M.E. kann man dabei, wie sicher öfters, von einer Mischung aus instrumentellem Moralismus verschiedener Akteure (auch auf politischer Seite), authentischer Kritik und Empörung sowie Mischphänomenen ausgehen – letztere etwa im Fall an sich wahrhafter Emotionen und Kritik, welche aber ins Über- und Hineinsteigern geraten durch den massiven Gleichklang moralisch überhitzter Debatten.

Der instrumentelle Moralismus von BILD jedenfalls lügt – denn er gibt nur vor, moralisch intendiert zu sein und so wirken zu wollen, während er doch nur Mittel zum Zweck (von Einfluss und Verkaufszahlen) ist. Und: Er wirkt vermutlich nicht nur politisch. Die aggressive Substanz sickert in die Gesellschaft ganz allgemein hinein. Auch die ständigen bösartigen Denk- und Handlungsmuster, wie sie in den Reality-”Dokus” bis zum Ekel vorgeführt werden und der Stil in den dezentral/schwarm-mäßig vorangetriebenen “Spontan-Kampagnen” u.a. der Medien (Wulff, Grass), all das beeinflusst – so meine These – nicht nur das Politiker-, sondern auch das allgemeine Menschen- und Weltbild in bestimmten Bevölkerungsteilen.

https://sandoragaly.wordpress.com/2012/04/23/der-reiz-zu-verachten-instrumenteller-moralismus-als-medien-stil/

BILD ist seit längerer Zeit weitaus mehr als ein Medium dumpfer Unterschichten, wie Silke Burmester zu glauben scheint. Politiker, die allesamt populistisch agieren, wenn’s drauf ankommt, beobachten genau, welchen Volkszorn BILD gerade befeuert – und reagieren entsprechend bis hin zu menschenrechtswidrigen Wegsperr-Aktivitäten, die allesamt Männer betreffen.

Update (25.4.2012) : Ich las, daß es auch drei Frauen gibt, gegen die Sicherungsverwahrung verhängt wurde, drei von rund 450 Betroffenen dieses atavistischen Verfahrens. Das wäre schon interessant, deren Gefährlichkeitsprognosen zu studieren.

Soeben durfte man bei Maischberger eine Gattenmörderin (Heimtücke, weil sie ihren schlafenden Mann mit 14 – 20 Messerstichen tötete) bewundern, die sich als Opfer eines Tyrannen präsentierte, um im entscheidenden Moment einen Affektdurchbruch zu erleiden, der ihr verminderte Schuldfähigkeit und damit nur zehn Jahre Haft statt lebenslänglich einbrachte. Selbstverständlich verließ sie den Mann nie, weil sie ihm hörig war. Und natürlich half ihr nie jemand, und natürlich verfolgte die Justiz ihren Mann nicht, obwohl er ihr in aller Öffentlichkeit mit einem Messer in den Hals stach. Solche Märchen dürfen heute unhinterfragt bei Maischberger verbreitet werden.

Wer diese Frau erlebt hat, mußte Angst vor ihrer noch immer vorhandenen Aggressivität kriegen. Als Vertreterin der Opferklasse war sie denkbar ungeeignet. Ihre Töchter hatten Glück, daß sie nach der Tat in anderen Verhältnissen aufwachsen durften.

http://www.daserste.de/unterhaltung/talk/menschen-bei-maischberger/sendung/2012/gier-hass-eifersucht-100.html

Das Haustyrannenmord-Urteil des BGH hat dieser Verteidigungslinie die Stichworte vorgegeben, die sie allesamt beherzigte. Und daß mittlerweile alle Medien anschlußfähig an BILD sind, steigert das dumpfe Empörungs-Potential. Wulff, Grass, Kristina Schröder – alles eine Einheits-Sauce, die jegliche intellektuelle Redlichkeit vermissen läßt und nur auf den eines gekränkten Moralismus setzt. Es ist nun mal so in unserer schnellebigen Zeit, daß lediglich Skandale Klicks und Reichweite und Werbeeinnahmen generieren..

Was Alice Schwarzers Anti-Kachelmann-Kampagne in BILD besonders gefährlich macht, ist ihr Angriff auf den Rechtsstaat. Denn wer für eine vermeintliche Unschuldsvermutung zugunsten einer Anzeigenerstatterin (die keine Beschuldigte ist, sondern Zeugin, die nicht verfolgt wird und daher keiner Unschuldsvermutung bedarf) eintritt, negiert ein Fundament des Rechtsstaats: die Unschuldsvermutung eines Beschuldigten/Angeklagten, der nämlich plötzlich seine Unschuld zu beweisen hat – denn der Anzeigenerstatterin wird unterstellt, die Wahrheit gesagt zu haben.

Alle gesetzgeberischen Vorhaben zur Stärkung des Opferschutzes der letzten zehn Jahre gehen bereits von diesem Konzept aus. Das aufgrund eigener Behauptung konstruierte Opfer erhält staatsanwaltschaftsähnliche Befugnisse, die den aufklärerischen Impuls, persönliche Vergeltungsbedürfnisse einer rationalen Ebene zu überantworten, negieren. Und der Staat zahlt im Zweifel den ›Opferanwalt‹: Feminismus erschließt lukrative Geschäftsfelder. Der ›Weiße Ring‹ macht die Lobby-Arbeit, die Anwaltslobby sowieso, Parlamentarier nicken ab, Politiker profilieren sich mit ›Opferschutz‹, das macht sich immer gut. Es gibt allerdings echte und falsche Opfer, und die müssen erst geschieden werden. Unschuldsvermutung? Ach was. Beschuldigte haben keine Lobby, und zu Unrecht Verurteilte schon mal gar nicht.

Und auch in der justitiellen Praxis gilt die Opferanzeige einer Frau gegen einen Mann mehr als dessen bestreitende Einlassungen. Hierzu mehr in Teil II.

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Grass-Gedicht: Über die Arroganz unserer versagenden medialen Vordenker

Christoph von Marschall im TAGESSPIEGEL, 13.4.2012:

Die meisten Deutschen spüren auch instinktiv, warum Israels Atomwaffen ihnen keine schlaflosen Nächte bereiten, iranische schon.

http://www.tagesspiegel.de/meinung/krieg-und-diplomatie-gespraeche-sind-kein-selbstzweck/6503290.html

Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz, so weiß es ein Sprichwort. Dieser Leitartikel-Satz belegt jene Erkenntnis aufs Grellste.

Dumm ist es, dem Volk Instinkte zu unterstellen, die es nicht hat. Schon im Jahr 2003 ergab eine Umfrage, daß die EU-Bürger in Israel die größte Gefahr für den Weltfrieden sahen – weshalb sich die Auftraggeberin auch gleich von dem Ergebnis distanzierte. So genau wollte sie es dann, aufgerüttelt durch israelische Kritik, dann doch nicht wissen.

03.11.2003
„Gefahr für den Weltfrieden“
EU distanziert sich von eigener Umfrage

Peinlich, peinlich: Eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Umfrage ergab, dass die EU-Bürger in Israel die größte Gefahr für den Weltfrieden sehen. Rang zwei geht an eine etwas andere Achse des Bösen bestehend aus Iran, Nordkorea – und den USA. Nachdem aus Israel scharfe Kritik kam, distanzierte sich Brüssel rasch.

[…]

Der israelische Außenminister Silwan Schalom hatte zuvor erklärt, die von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Umfrage sei auf unverantwortliche Weise erstellt worden und verzerre die Wirklichkeit.

In der Erhebung sahen 59 Prozent der Befragten in Israel eine Gefahr für den Frieden in der Welt. Israel führte damit die Rangliste der als gefährlich eingeschätzten Staaten noch vor Iran, Nordkorea und den USA mit jeweils 53 Prozent an. In Deutschland sahen sogar 65 Prozent der Befragten in Israel eine Gefahr für den Frieden. Israel lag damit in Deutschland gleichauf mit Nordkorea.

Schalom distanzierte sich ungeachtet seiner Kritik an der Studie von Äußerungen des israelischen Jerusalem-Ministers Natan Scharansky, der die Umfrage als Beleg dafür sah, dass hinter politischer Kritik an Israel reiner Antisemitismus stehe. „Wie in der Vergangenheit, als Juden als der Satan und schuldig an allem Bösen der Welt beschrieben wurden, macht die aufgeklärte Welt von heute Israel für alle Krankheiten der Welt verantwortlich“, hatte Scharansky erklärt.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,272436,00.html

Dumm ist es, existierende israelische Atomwaffen mit nicht existierenden iranischen Atomwaffen gleichzusetzen.

Dumm ist es, anzunehmen, daß das Volk sich in selbstverschuldete Unmündigkeit begeben und auf Instinkte vertrauen werde, wenn es um politische Einschätzungen geht.

Und stolz bzw. arrogant ist es, daß ein Journalist meint, sich mit Verweis auf angeblich richtige Instinkte vor Recherche und Begründung seiner unmaßgeblichen Meinung drücken zu können. Was gedruckt ist, ist schließlich immer richtig – seine bloße Meinung daher auch. Die des Dichters Günter Grass dagegen nicht. Was, wenn sie viel begründeter wäre als die unseres Leitartiklers? Den natürlich auch nicht die Angst vor einem Krieg bewegt, denn Friedensbewegte hat er, zynisch, wie er ist, schon längst als Spezies des Gutmenschentums verortet und als irrelevant abgelegt.

Vielleicht hilft ihm und seinen Kollegen, die so gerne militärische Sandkastenspiele betreiben, ein Blick in die Historie der israelischen Nuklear-Aufrüstung und ihre Auswirkung:

21.10.1991

Ich schulde Ihnen die Bombe

Weil Israel seinen Verbündeten nicht trauen mochte, sollten eigene Atomwaffen das Überleben des jüdischen Staates garantieren. Um sie zu erhalten, war Politikern und Militärs jedes Mittel recht. In einem neuen Buch enthüllt der amerikanische Journalist Seymour Hersh die dunkle Geschichte der israelischen Superwaffe.

Die acht Scud-Raketen, die 25 Stunden nach Beginn des Golfkriegs in Tel Aviv und bei Haifa einschlugen, sorgten für Panik beim Oberkommando der US-Streitkräfte im saudiarabischen Riad. Die Angriffsplaner hatten gehofft, die Abschußrampen im Westen des Irak seien schon bei den ersten Bombenflügen ausgeschaltet worden.

Alle Aufklärungsanstrengungen der Amerikaner richteten sich jetzt darauf, herauszufinden, wie viele Raketen der irakische Diktator noch abschießen könnte. Kameras in Flugzeugen und Satelliten wurden fündig: Sie entdeckten eine deutlich höhere Anzahl mobiler Abschußrampen, als Amerikas Geheimdienste vor Ausbruch des Krieges gemeldet hatten.

Doch die Bilder aus der Konfliktregion belegten auch, daß Gefahr nicht nur vom Kriegsgegner drohte. Ein Satellit, der in 96 Minuten die Erde umkreiste, hatte Daten gesendet, deren Auswertung US-Analytiker davon überzeugte, daß Israel sein nukleares Potential aktiviert hatte.

Mobile Abschußrampen waren in Stellung gebracht, die Sprengköpfe geschärft worden. Feuerbereit zielten die Raketen auf irakische Städte. US-Präsident George Bush mußte damit rechnen, daß von einem bestimmten Eskalationspunkt an Israel einen irakischen Angriff nuklear vergelten würde.

Wo dieser Punkt lag, wußte niemand. Für den Rest des Krieges unternahmen die Amerikaner alle erdenklichen diplomatischen Anstrengungen, um die Israelis zum Stillhalten zu bewegen und eine völlig unkontrollierbare Ausweitung des Krieges zu verhindern. Die Zerstörung der Scud-Batterien genoß fortan allerhöchste Priorität.

Sicher war dagegen, daß der wichtigste Nahost-Verbündete der Amerikaner die Entscheidung über den Einsatz seiner Atomwaffen in völliger Souveränität treffen würde. Das zumindest hatte die Geschichte der nuklearen Aufrüstung Israels gezeigt.

[…]

Doch eines ist schon heute verwirklicht: Die Atommacht Israel ist auf fremde Hilfe nicht mehr angewiesen. Sie allein, so lautet die unheimliche Erkenntnis des brisanten Buches von Hersh, wird beim nächsten Nahostkonflikt über den adäquaten Einsatz ihrer Waffen entscheiden.

* Seymour M. Hersh: „Atommacht Israel“. Droemer Knaur, München; 384 Seiten; 39,80 Mark.

DER SPIEGEL 43/1991

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13492033.html

In derselben unheimlichen Situation befinden wir uns heute: Netanjahu hat Anfang März 2012 gegenüber den USA erklärt, unabhängig von der erbetenen und verweigerten militärischen Hilfe der Vereinigten Staaten über einen Angriff auf den Iran zu entscheiden. Israel ist außenpolitisch isoliert, nachdem es alle UN-Resolutionen gegen den illegalen Siedlungsbau ignoriert hat, der die Zwei-Staaten-Lösung torpediert. Anders als im Kalten Krieg gibt es im Nahen Osten kein nukleares Gleichgewicht des Schreckens, dessen Devise lautete: Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter. Es gibt niemanden, der Israel daran hindern könnte, ab einer bestimmten Eskalation eines iranischen Gegenschlags auch Atomwaffen einzusetzen. Und nicht nur Deutschen macht die aktuelle rechtsgerichtete religiös fundamentalistische israelische Regierung Angst. Denn religiösen Eiferern ist alles zuzutrauen, egal, welcher Religion sie angehören. Ihnen fehlt die Vernunft.

Debatte um Grass-Gedicht

„Ich fürchte mich vor der israelischen Regierung“

12.04.2012, 17:56

Die Debatte um das Gedicht von Günter Grass war vor allem die ergrauter Intellektueller und Politiker. Süddeutsche.de lässt nun junge Israelis zu Wort kommen. Die finden: Auch Deutsche haben das Recht, sich über die Politik ihres Heimatlandes aufzuregen.

[…]

Gadi Kenny, Friedensaktivist

„In den 70er oder 80er Jahren war Günter Grass in Israel ein sehr populärer Schriftsteller. Ich habe seine Bücher oft bei Bekannten gesehen. Besonders für meine Generation ist Grass also durchaus ein Begriff. Vielleicht ist das auch der Grund, warum es jetzt in Israel eine so große Diskussion darüber gibt.

Ich habe über ihn in der Tageszeitung Haaretz gelesen, wo er bis heute in Artikeln besprochen wird. Interessanterweise gehört die Zeitung Israelis mit deutschen Wurzeln.

Ansichten, wie Grass sie äußert  sind mittlerweile weit verbreitet. Das liegt wohl daran, dass die Situation in Israel aufgrund der Terroranschläge immer problematischer geworden ist. Es würde mich interessieren, wieviel Grass wirklich über die Israelis und die Iraner weiß. Ich für meinen Teil fürchte mich vor der israelischen Regierung. Ich fürchte mich vor der ganzen Eskalation, der Militarisierung in meinem Land. Ich habe das Gefühl, dass Israel zu der Spitze des Eisberges in einem Kampf der Kulturen geworden ist.“

http://www.sueddeutsche.de/politik/debatte-um-grass-gedicht-ich-fuerchte-mich-vor-der-israelischen-regierung-1.1331114

In dieser aktuellen Situation setzen die USA alles daran, die israelische Regierung von dem angekündigten völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Iran (und nichts anderes ist der Militärschlag gegen iranische Atomanlagen) abzuhalten. Und zwar, indem sie einem solchen Angriff auch den letzten Schein von Rationalität und Legitimität nehmen. Zunächst leakten sie über die ›New York Times‹ die erschreckenden Ergebnisse eines amerikanischen Planspiels – mit dem zusätzlichen Tenor, daß ein Militärschlag das iranische Nuklearprogramm nur um ein bis drei Jahre zurückwerfen würde.

20.03.2012

Iran-Planspiel

US-Simulation prophezeit Krieg bei Erstschlag Israels

Es war ein Planspiel, das die Folgen einer israelischen Attacke auf Irans Atomanlagen aufzeigen sollte – und das Resultat ist drastisch. Ein solcher Angriff, so Experten des Pentagon, könnte einen Krieg auslösen. Auch US-Streitkräfte würden in einen solchen Konflikt hineingezogen.

Washington – Es ist ein düsteres Szenario, das US-Top-Militärs in einer geheimen Simulation erarbeitet haben. Eine Attacke Israels auf Atomanlagen in Iran würde demnach einen regionalen Krieg auslösen – in den aber auch die USA hineingezogen werden könnten. Das Leben Hunderter US-Soldaten wäre laut dem Planspiel in größter Gefahr. Dies berichtet die „New York Times“ unter Berufung auf Beteiligte an dem Projekt.

Rund zwei Wochen lang hatten die Militärexperten die Simulation Internal Look laufen lassen. Eines der wahrscheinlichen Szenarien sieht einen iranischen Angriff auf US-Kriegsschiffe in der Region voraus. Als Gegenmaßnahme könnten die USA mit Angriff auf die Atomanlagen des Regimes in Teheran reagieren, so das Blatt.

Auch die Auswirkungen solcher Angriffe auf das umstrittene Nuklearprogramm wurden berechnet. Demnach würde die Entwicklung der iranischen Atomanlagen durch den israelischen Erstschlag um rund ein Jahr zurückgeworfen, durch mögliche Schläge der Amerikaner noch einmal um zwei weitere Jahre.

www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822550,00.html

Selbst unser journalistischer Oberstratege Josef Joffe sieht die Sache richtig:

Das Pentagon hat vor drei Wochen den Ausgang eines Kriegsspiels an die Presse gestreut, wonach ein israelischer Alleingang das Atomprogramm nur um ein Jahr zurückwerfen, aber einen Krieg in der gesamten Region entfachen würde. Das Szenario: Die Iraner schlagen mit Raketen zurück und töten 200 Amerikaner auf einem Navy-Schiff im Golf. Nun entfesselt Amerika seinen eigenen Krieg gegen die Mullahs. Zeitgewinn gerade mal zwei weitere Jahre. Es bringt also nichts. […] Die Indiskretion enthält eine politische Botschaft: Das Militär will keinen Krieg gegen den Iran; deshalb hat die Generalität die trübe Bilanz an die Medien lanciert. Obama will ihn ebensowenig.

ZEIT 16/12, 12.4.2012, S.3

http://www.zeit.de/2012/16/Kriegsspiele/komplettansicht

Ein Militärschlag Israels gegen den Iran ist damit vorab als irrational und verantwortungslos gebrandmarkt worden.

Am 8.4.2012 lancierten amerikanische Regierungsoffizielle in der ›Washington Post‹, daß der Iran weder in der Vergangenheit geplant hat noch heute plant, sich nuklear zu bewaffnen. Die Überwachung des Iran sei so vollständig, daß jeder Umschwung hin zu einer Entscheidung, Nuklearwaffen herzustellen, sofort bemerkt werden würde. Ein Artikel, der bis heute in Deutschland in seiner Brisanz niemals kommuniziert wurde: bedeutet er doch, daß mit der unter Bush begonnenen Dämonisierung des Iran durch Amerika jetzt Schluß ist – und daß Israel der letzte Rest an Scheinlegitimität genommen wird, einen völkerrechtswidrigen Militärschlag als Präventivmaßnahme gegen eine drohende Gefahr auszugeben. Ausführlichst wird über die amerikanischen Überwachungsmaßnahmen Auskunft erteilt:

U.S. intelligence gains in Iran seen as boost to confidence

By Joby Warrick and Greg Miller, Published: April 8

More than three years ago, the CIA dispatched a stealth surveillance drone into the skies over Iran.

The bat-winged aircraft penetrated more than 600 miles inside the country, captured images of Iran’s secret nuclear facility at Qom and then flew home. All the while, analysts at the CIA and other agencies watched carefully for any sign that the craft, dubbed the RQ-170 Sentinel, had been detected by Tehran’s air defenses on its maiden voyage.

[…]

U.S. officials say Iran’s leaders are gathering the materials for a nuclear bomb but have not decided to build one. If they do, they’ll have to overcome technical hurdles and risk having their work discovered by outsiders. Here are steps Iran might follow to make its first weapon.

[…]

White House officials contend that Iran’s leaders have not decided to build a nuclear weapon, and they say it would take Iran at least a year to do so if it were to launch a crash program now.

“Even in the absolute worst case — six months — there is time for the president to have options,” said the senior U.S. official, one of seven current or former advisers on security policy who agreed to discuss U.S. options on Iran on the condition of anonymity.

http://www.wpost.com/world/national-security/us-sees-intelligence-surge-as-boost-to-confidence/2012/04/07/gIQAlCha2S_story.html

Nicht nur die deutschen Medien, die offenbar nicht mal mehr Zeitung lesen können, haben versagt. Die deutsche Politik ebenso. Denn außer einem leisen „Du, Du“ gegenüber dem israelischen Verteidigungsminister gab es über die zwei in diesem Jahr lieferbaren Dolphin-U-Boote hinaus just in der Zeit, in der die israelische Regierung militärische Angriffe ankündigt, die Zusage über eine weitere U-Boot-Lieferung.

Und zwar über so ein U-Boot, laut Jürgen Rose, Oberstleutnant der Bundeswehr a. D. und Vorstandsmitglied der kritischen SoldatInnenvereinigung „Darmstädter Signal“ in einem gegen die Grünen gerichteten Artikel vom 5.8.2011, der nicht einmal im FREITAG erscheinen durfte, so vehement und gegen alle Parteien setzte er sich mit der Unmoral deutscher Rüstungslieferungen auseinander:

Die rot-grüne Bundesregierung hat nämlich damals Tel Aviv nicht nur irgendwelche U-Boote geliefert, sondern der Atommacht Israel damit wissentlich und vorsätzlich die Trägersysteme für das seegestützte Element ihres nuklearen Waffenarsenals verfügbar gemacht. Dank der auf deutschen Werften für die Aufnahme der atomaren Bewaffnung eigens zugerichteten U-Boote des Typs U-212A, einem brennstoffzellengetriebenen, wochenlang tauchfähigen, praktisch unverwundbaren und zugleich einem der gefährlichsten Waffensysteme der Welt, besitzt Israel die Option, seine militärische Vorherrschaft in der Region mittels nuklearer Vernichtungsdrohung auf Dauer unangreifbar abzusichern – ein wahrlich beeindruckender Erfolg verantwortungsvoller deutscher Rüstungsexportpolitik unter Rot-Grün und unbestreitbar ein Beitrag zum Frieden in Nah- und Mittelost.

http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16806

Die deutsche Regierung wird auch diesen Artikel der britischen Sunday Times von 2010 (das Original habe ich im Net nicht gefunden) gekannt haben, der nicht nur in Israel hohe Wellen schlug; danach operierten die hochwahrscheinlich nuklear ausgerüsteten U-Boote mit einer Reichweite von 1.500 km gegen den Iran – im Juli 2009 war es bereits gelungen, eines von den drei U-Booten durch den Suez-Kanal ins Rote Meer zu schleusen, und nun sollte mit ihnen eine permanente Kontrolle der iranischen Küste erreicht werden: seinerzeit mit dem Ziel, als Abschreckung zu dienen, Informationen zu gewinnen und eventuell Mossad-Agenten im Iran abzusetzen (deren Ziel die Ermordung iranischer Atomwissenschaftler war und ist):

  • Published 10:54 30.05.10
  • Latest update 10:54 30.05.10

Report: Israel to deploy nuclear-armed submarines off Iran coast

Sunday Times quotes IDF official saying the 3 German-made long range submarines will gather intelligence, act as deterrent and potentially land Mossad agents.

Israel is to deploy three submarines equipped with nuclear cruise missiles in the Persian Gulf, the Sunday Times reported on Sunday.

According to the Times report, one submarine had been sent over Israeli fears that ballistic missiles developed by Iran, and in the possession of Syria and Hezbollah, could be used to hit strategic sites within Israel, such as air bases and missile launchers.

Dolphin, Tekuma, and Leviathan, all German-made Dolphin class submarines of the 7th navy Flotilla, have been reported as frequenting the Gulf in the past, however, according to the Sunday Times report, this new deployment is meant to ensure a permanent naval presence near the Iranian coastline.

A flotilla officer told the Times that the deployed submarines were meant to act as a deterrent, gather intelligence and potentially to land Mossad agents.

„We’re a solid base for collecting sensitive information, as we can stay for a long time in one place,“ the officer said.

The flotilla’s commander, identified only as „Colonel O,“ was quoted by the Times as saying that the submarine force was „an underwater assault force. We’re operating deep and far, very far, from our borders.“

The submarines could be used if Iran continues its program to produce a nuclear bomb. „The 1,500km range of the submarines’ cruise missiles can reach any target in Iran,“ a navy officer told the Times.

Apparently responding to the reported Israeli activity, an Iranian admiral told the Times: „Anyone who wishes to do an evil act in the Persian Gulf will receive a forceful response from us.“

Last July, defense sources reported that an Israeli submarine had sailed the Suez Canal to the Red Sea last month, describing the unusual maneuver as a show of strategic reach in the face of Iran.

Israel has long kept its three Dolphin-class submarines, which are widely assumed to carry nuclear missiles, away from Suez so as not to expose them to the gaze of Egyptian harbormasters.

http://www.haaretz.com/news/diplomacy-defense/report-israel-to-deploy-nuclear-armed-submarines-off-iran-coast-1.293005

Es mutet schon merkwürdig an, daß kein deutscher Journalist und kein deutscher Politiker die Regierung kritisch zu dieser unverantwortlichen neuerlichen Lieferungszusage befragt. Denn eigentlich müßte sogar die Lieferung der in diesem Jahr fertig werdenden U-Boote Nr. 4 und 5, weitaus teurer und noch ausgeklügelter als die der Nrn. 1-3, gestoppt werden: spannungsreicher als in diesem Jahr könnte der Nahe Osten gar nicht sein, als daß von Rechts wegen dorthin geliefert werden dürfte: ob sich wohl jemand findet, der der Regierung per einstweiliger Anordnung zum Bundesverfassungsgericht zu besserer Einsicht verhilft?

Zu den Absurditäten des Medienbetriebs gehört es, daß ausgerechnet BILD, schlimmster Hetzer gegen das ›irre‹ Grass-Gedicht und schlimmster Diffamierer des Menschen Günter Grass, auf diesen Artikel in der ›Sunday Times‹ zurückkommt und der Regierung leise Vorwürfe wegen der U-Boot-Zusage macht – als einziges Medium weit und breit: was soll man davon halten? (Mich hat natürlich auch die plumpe Vertraulichkeit der Netanjahu-Anrede ›Dear Angela‹ geschockt. Ich gehe mal davon aus, daß der Brief in englischer Sprache verfaßt ist und daß BILD das neutrale ›you‹ mit ›Du‹ übersetzt hat – ansonsten würde es mich schütteln ob der Zudringlichkeiten, mit denen man es als Politikerin oder Politiker zu tun hat):

Am 24.3.2012 schreibt BILD:

So wertvoll sind die „Dolphins“ für Israel, dass Premierminister Benjamin Netanjahu sich in einem Brief persönlich bei Kanzlerin Angela Merkel bedankte.

Das Schreiben, das BILD.de exklusiv vorliegt, ist brisant. Es deutet darauf hin, dass die U-Boote aus deutscher Herstellung bei einem möglichen Krieg Israels gegen den Iran zum Einsatz kommen könnten!

„Liebe Angela“, schreibt Netanjahu in seinem Brief, „ich möchte Dir persönlich und im Namen der israelischen Regierung dafür danken, dass Du der Lieferung eines weiteren U-Boots zugestimmt hast.“

Dann kommt der entscheidende Satz: Die U-Boote würden Israel „helfen, unser immenses Bedürfnis auf Verteidigung in diesen turbulenten Zeiten zu gewährleisten.“

Turbulente Zeiten – eine deutliche Anspielung auf den schwelenden Atomkonflikt mit dem Iran!

Die deutsche Rüstungslieferung werde „auf großartige Weise zur Sicherheit des jüdischen Staates beitragen“, so Netanjahu in seinem Brief an Merkel weiter.

Die „Dolphin“-U-Boote können sowohl mit nuklearen als auch mit konventionellen Marschflugkörpern bestückt werden. Nach einem Bericht der britischen „Sunday Times“ kreuzt mindestens ein israelisches U-Boot mit Atomwaffen ständig im Persischen Golf – als Abschreckung gegen den Iran.

Ein General der Bundeswehr hält es für möglich, dass Israel die U-Boote bei einem Präventivschlag gegen den Iran einsetzen könnte.

„Man kann mit Marschflugkörpern, die vom Wasser aus abgefeuert werden, eine ganz enorme Zerstörungskraft entfalten und zum Beispiel Luftabwehrsysteme ausschalten“, so der deutsche General zu BILD.de.

Ein israelischer U-Boot-Kommandant sagt in der „Sunday Times“: „Wir sind eine Unterwasser-Angriffseinheit. Wir operieren weit entfernt von den Grenzen unseres eigenen Landes.“

Und ein weiterer israelischer Marine-Offizier sagt: „Mit der 1500-Kilometer-Reichweite unserer U-Boot-Marschflugkörper können wir jedes Ziel im Iran treffen.“

Sogar Israels Verteidigungsminister Ehud Barak spricht inzwischen öffentlich über einen Einsatz der deutschen U-Boote in einem möglichen Krieg mit dem Iran.

Der Kauf der U-Boote, so Barak im israelischen Rundfunk, stärke die israelische Marine, die immer mehr eine Schlüsselrolle dabei spiele, Herausforderungen wie dem Iran zu begegnen.

„In den letzten Jahren haben wir unsere Marine zur Speerspitze, zum langen Arm des israelischen Militärs ausgebaut“, so Barak.

http://www.bild.de/politik/ausland/atomprogramm-iran/greift-israel-mit-deutschen-u-booten-an-23310708.bild.html

Grass sei Dank. Er hat zwar die Pfeile auf sich ziehen müssen und hat das auf sich genommen, weil er gar nicht verlieren kann (gegen Ende des Lebens ist das alles vanitas, was die fuchtelnden Zeitgenossen, die sich mittendrin wähnen, für Lebenselixier halten). Und er hat, das war der Sinn seines politischen Gedichts, den Blick auf die falsche Politik der Deutschen gegenüber Israel gelenkt, die noch als Wiedergutmachung verkaufen, was nur Geschäft ist und mehr noch als das, Beschädigung der Existenz des Staates Israels gegen sein eigenes Volk. Vielleicht bringt Obama Merkel noch zur Raison – wer weiß.

Irgendwann werden sich Philologen über den Nachlaß von Günter Grass beugen und vermutlich herausfinden, daß es der 20.3.2012 war, der ihn zu seinem so wirkmächtigen Gedicht veranlaßte. An diesem Tag wurde die erneute U-Boot-Lieferung Deutschlands an Israel publik. Und am selben Tag gab es dieses Gespräch in der Tagesschau:

Konflikt zwischen Israel und Iran

Militärschlag laut Experte „fast schon sicher“

Beim Besuch von Israels Verteidigungsminister Barak in Berlin steht auch das Thema eines israelischen Militärschlags gegen den Iran auf der Tagesordnung. Dieser wird nach Einschätzung von Nahost-Experte Michael Lüders immer wahrscheinlicher. Die Folgen wären verheerend, sagt er im Gespräch mit tagesschau.de.

[…]

tagesschau.de: Sie sagen, ein Angriff Israels ist fast schon sicher. Wann rechnen Sie damit?

Lüders: Wann genau es passiert oder nicht, weiß natürlich niemand. Bei dem Treffen von Netanjahu und Obama am 5. März in Washington war die Rede davon, dass beide Seiten noch ein Zeitfenster von zwei Monaten einräumen, um zu einer Verhandlungslösung zu kommen. Aber wenn mal eine solche Dynamik greift, wie wir sie jetzt erleben, dann ist nicht davon auszugehen, dass eine der Parteien einen Rückzieher macht.

Mal davon abgesehen geht es in diesem Konflikt nur vordergründig um das Atomprogramm. Es geht vor allem darum, einen geostrategischen Rivalen auszuschalten. Der Iran ist das letzte Land im weiten Feld zwischen Marokko und Indonesien, das keine pro-westliche Politik verfolgt. Die USA und Israel hätten – wäre die Islamische Republik Iran vernichtend geschlagen – keinerlei Widersacher mehr in der Region.

tagesschau.de: Israel argumentiert unter anderem damit, dass Teheran darauf aus sei, das Land zu vernichten. Ahmadinedschad hat sich in der Vergangenheit wiederholt so geäußert. Wie ernst muss man die Drohung Teherans nehmen?

Lüders: Ahmadinedschad ist ein furchtbarer Demagoge, er ist wiederholt durch antiisraelische Polemik aufgefallen und hat den Holocaust geleugnet. Er hat seinem eigenen Land einen Bärendienst erwiesen, denn er hat den Kriegstreibern in Israel und den USA damit eine Steilvorlage geliefert. Aber dieses Zitat, was immer wieder in den deutschen Medien zu vernehmen ist, ist sachlich falsch. Der Iran hat nicht damit gedroht, Israel zu vernichten. Das ist eine falsche Übersetzung einer Rede von 2005, wo Ahmadinedschad erklärte, dass der Zionismus vor der Geschichte keinen Bestand haben werde. Er hat gesagt, das Besatzerregime müsse Geschichte werden, so wie das Apartheitsregime in Südafrika Geschichte geworden ist.

Der Iran hat keinen Grund, Israel anzugreifen, es gibt keine territorialen Konflikte mit Israel, die beiden Länder liegen 2000 Kilometer auseinander. Es ist hier viel Ideologie im Spiel und es geht um Machtansprüche.

tagesschau.de: Aber warum macht Teheran keine Zugeständnisse, um zu deeskalieren?

Lüders: Welches Zugeständnis sollen die Iraner denn machen? Durch die wirtschaftlichen Sanktionen setzt man ihnen die Pistole auf die Brust. Und egal, welche Zugeständnisse sie in der Vergangenheit gemacht haben, es wurde ihnen immer negativ ausgelegt …

[…]

tagesschau.de: Welche Konsequenzen hätte ein Angriff Israels?

Lüders: Die Kriegspropagandisten behaupten, ein Krieg gegen den Iran wäre so eine Art verlängerter Spaziergang. Man würde zwei, maximal drei Wochen das Land bombardieren. Dann würde das marode Regime in sich zusammenfallen und die Demokratiebewegung würde die Chance ergreifen, selbst die Macht zu übernehmen.

Das alles ist Unfug. Ein Krieg gegen den Iran würde sich über Monate und Jahre erstrecken und er würde die gesamte Region zum Explodieren bringen. Das hätte verheerende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Es wäre ein Krieg, der politisch nicht mehr einzudämmen wäre, wie bei einer chemischen Kettenreaktion. Das ist ein ganz anderes Kaliber als der Krieg gegen den Irak oder Afghanistan. Ein solcher Angriff würde das Jahrhundert prägen, wie der erste Weltkrieg das vorige Jahrhundert geprägt hat.

[…]

tagesschau.de: Welche Alternativen gibt es zu einem Angriff? Auch die wirtschaftlichen Sanktionen scheinen ja nichts zu bewirken.

Lüders: Der Westen muss seine Strategie ändern. Man muss beginnen, mit dem Iran ernsthaft zu verhandeln. Die Verhandlungen bisher hatten nicht das Ziel, Kompromisse herbeizuführen. Es waren Verhandlungen, bei denen man den Iranern die Pistole auf die Brust gesetzt hat, nach dem Motto ‚Akzeptiert unsere Bedingungen oder wir werden euch wirtschaftlich in Grund und Boden boykottieren‘. Und genau das passiert ja im Augenblick. Das ist keine Politik, das ist Erpressung und darauf lässt sich der Iran nicht ein.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de

Stand: 20.03.2012 15:13 Uhr

http://www.tagesschau.de/ausland/iraninterview104.html

Und es ist ein Literaturwissenschaftler, Prof. Thomas Anz, der gegen die Journaille und gegen die üblichen reflexhaften Schmäher (zu denen auch Klein-Literaten und Klein-Literaturkritiker gehören, deren begrenzte Kreativität schon immer die Neigung zum Vatermord förderte) zu dem Schluß kommt, daß die Verreißer eben ungenau lesen:

Günter Grass und „Was gesagt werden muss“

Kleine Verteidigung eines heftig attackierten Friedensgedichtes

Von Thomas Anz

Das wenige Tage vor den Osterfeiertagen erschienene Gedicht „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass hat zu vielen empörten Reaktionen provoziert, obwohl es ungemein vorsichtig ein Problem aufgreift, das viele andere längst ähnlich angesprochen haben. Wie kommt es, dass ein ganz offensichtlich in der pazifistischen Tradition der Friedensbewegung und der Ostermärsche stehendes, auf Völkerversöhnung und -verständigung zielendes Gedicht derart feindselige Reaktionen hervorruft? Und zwar genau jene, die es antizipiert und denen es vorbeugend entgegenarbeitet?

Jede Kritik an der Rüstungs- und militärischen Abschreckungspolitik der israelischen Regierung muss, ähnlich wie schon die Kritik an der Aufrüstungsspirale in alten Zeiten des Kalten Krieges, mit reflexartigen Reaktionen rechnen, die der fatalen Logik von Freund-Feind-Schemata folgen:

1. Die Gefährlichkeit des Iran werde ignoriert oder verharmlost.

[…]

2. Die Kritik an der Politik der Regierung Israels sei durch antisemitische Einstellungen motiviert.

[…]

3. Deutsche hätten aufgrund der mörderischen Vergangenheit ihres Landes kein Recht, einem anderen Land und vor allem nicht Israel eine friedensgefährdende und dabei die Vernichtung eines ganzen Volkes riskierende Politik vorzuwerfen. Damit würden sie die eigenen Verbrechen relativieren oder von ihnen ablenken.

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16571

Alle diese Punkte widerlegt er durch das Gedicht selbst – und nur mein Respekt vor dem Urheberrecht hindert mich daran, diesen Artikel in Gänze zu zitieren.

Thomas Anz:

Das Gedicht ist jedoch vor allem eine Kritik an Deutschland, an dem drittgrößten Rüstungsexporteur der Welt. Es reagiert auf wenige Tage zuvor erschienene Meldungen, dass Deutschland ein sechstes U-Boot nach Israel liefern wird, das mit atomwaffenfähigen Mittelstreckenraketen ausgerüstet werden kann. Ein Drittel der Kosten, 135 Millionen Euro, übernimmt der deutsche Staat.

Dass die deutschen Waffenlieferungen an Israel wie alle Waffenlieferungen ein Geschäft sind, dieses aber im Fall Israels mit besonders gutem Gewissen als Akt der „Wiedergutmachung“ deklariert wird, ist eine der Botschaften dieses Gedichts. Die zentrale aber steht an seinem Ende, ein konstruktiver Vorschlag und eine Hoffnung auf friedliche Konfliktlösungen. Was ist daran so anstößig?

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16571

Tja. Das versteht wirklich keiner, der sich noch den Luxus des Selber-Denkens leistet. Der Wunsch sei irreal, weil Israel sich niemals in die Karten gucken lassen werde? Eben diese starrsinnige Haltung muß aufgegeben werden. Frieden gibt es nicht durch Übermilitarisierung, sondern durch vernünftigen Interessenausgleich.

Thomas Anz liefert keine Literaturkritik, er weist nur darauf hin, daß es bislang keine gab und daß sie nachgeholt werden müsse. Und natürlich muß ihm die Frage, ob es sich bei dem Gedicht von Günter Grass überhaupt um ein Gedicht handele, absurd erscheinen. Auf diesem Niveau bewegt sich allenfalls ein ununterrichteter Bürger, der, eines abstrakten Bildes angesichtig, erklärt, daß auch seine fünfjährige Tochter so etwas anfertigen könne.

Thomas Anz liefert darüberhinaus noch einen wertvollen Hinweis auf den Gedichttitel (den der gemeine illiterate Journi ja mit der Stammtisch-Parole ›Das wird man ja wohl noch sagen dürfen‹ schon inhaltlich falsch konnotiert hat):

Marcel Reich-Ranicki hatte 1995 im „Spiegel“ seinen Verriss des Grass-Romans „Ein weites Feld“ unter der Überschrift „… es muß gesagt werden“ veröffentlicht. Das war einer Bemerkung  Fontanes entnommen, die gleich im ersten Abschnitt des Artikels zitiert wird: „Mein lieber Günter Grass, es gehöre ‚zu den schwierigsten und peinlichsten Aufgaben des Metiers‘ – meinte Fontane –, ‚oft auch Berühmtheiten, ja, was schlimmer ist, auch solchen, die einem selber als Größen und Berühmtheiten gelten, unwillkommene Sachen sagen zu müssen‘. Aber – fuhr er fort – ’schlecht ist schlecht, und es muß gesagt werden. Hinterher können dann andere mit den Erklärungen und Milderungen kommen‘.“

Ob Grass sich zu seinem Titel (an dem ebenfalls Kritik geübt wurde) durch Fontane hat inspirieren lassen? Oder durch Reich-Ranicki? Literarische Techniken der Anspielung sind dem Autor jedenfalls keineswegs fremd.

Der Beitrag ist zuerst in  unserem Kulturjournal erschienen – zusammen mit dem kompletten Text des Gedichtes und  Hinweisen  auf die Resonanz darauf. Weitere Beiträge zu der Debatte sind willkommen.

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16571

Kulturgeschichte wird weder durch die schnellfingrige Medienmeute noch durch Politiker geschrieben, die in dem ganzen Trubel mit dem Ziel: Haben mich die Medien auch noch lieb? Steche ich meinen Konkurrenten aus? Gewinne ich die nächsten Wahlen? sowieso nie Zeit zum Nachdenken finden. Politik ist dank der Macht Nr. 1, der vampirischen Medien, ein extrem unterbezahltes burn-out-Umfeld geworden, in dem alle Ideale (und das richtige und wichtige Privatleben) auf der Strecke bleiben müssen. ›The survival of the fittest‹ bekommt unter diesen Vorzeichen eine geradezu bedrohliche Aussage. Denn wie muß ein Mensch beschaffen sein, der diesen medialen Druck über längere Zeit aushält?

Besser als der große Schweizer Autor Adolf Muschg kann man das abstoßend niedrige Treiben dieser Branche gar nicht beschreiben:

Das deutet auch auf einen Generationenwechsel in den Redaktionen. Wer die Welt immer noch als Intellektueller sieht wie Graß – nämlich: als Verpflichtung zur moralischen Intervention – ist ein notorischer Schulmeister, der sich selbst maßlos überschätzt und besser vor der eigenen Tür kehren würde. Als Moraltrompeter ist er eine Figur von Vorgestern und bemächtigt sich einer Aufmerksamkeit, die er nicht verdient: so urteilt dieselbe Macht, die sie ihm verschafft hat. Und sie ist, in Sachen öffentlicher Kultur, spätestens seit der Affäre Wulff von der vierten im Staate zur ersten geworden.

Ich frage bescheiden: womit eigentlich hat das Graß-Gedicht keine sachliche Auseinandersetzung verdient? Warum führt die Brandwarnung – selbst wenn sie unbegründet wäre – nicht weiter als bis zur Hinrichtung des Feuermelders? Hat er für seine übrige Tätigkeit – wenn man die aktuelle schon für einen Mißgriff hält – keinerlei Respekt verdient? Es ist offenbar müßig, danach zu fragen, ja, es ist spielverderberisch – auf ein faires Spiel der veröffentlichten Meinung ist in diesem Fall nicht zu rechnen. Aber die Erinnerung darf nicht verboten sein, daß die Medien ihre Freiheit auch schon liberaler verstanden, ihre Macht selbstkritischer ausgeübt haben. Nur: wer auf Teufel komm raus im Rennen bleiben muß, der holt sich seinen Teufel, wo er ihn findet. Blut lecken ist gut; Blut ziehen ist besser.

Nein, Schonung braucht Graß nicht, aber die unfröhliche Jagd, mit der er zur Strecke gebracht wird, ist kein Zeichen von Souveränität. Es zeugt auch nicht von jenem Selbstvorbehalt an Scham, den man so lautstark bei ihm vermißt. Kritik an Israel hätten andere kompetenter vorgebracht, lese ich überall, die seine sei also nicht nur heuchlerisch, sondern auch wohlfeil. Wenn das wahr ist: warum drückt sich die deutschsprachige Reaktion fast einhellig vor der Frage, ob sie sich denn erledigt hat? Und womit ein Autor wie Graß das Recht verwirkt haben soll, sie weltbürgerlich zu äußern? Das dröhnende Schweigen über diesen Punkt zeigt jedenfalls so viel, daß die Selbstgefälligkeit nicht nur auf seiner Seite ist. Er meinte der Diskussion zu dienen – auch in Israel. Wenn das ein Irrtum ist: warum begnügt man sich damit, seinen ernst gemeinten Beitrag dazu indiskutabel zu finden? Weil die Lage ihn nicht im geringsten rechtfertigt? Weil sie zwar verzweifelt sein mag, aber bitte nicht ernst?

http://www.sonntagonline.ch/ressort/aktuell/2224/

SIE IST ERNST. Und gerade darum ist der übliche Skandalisierungshype der Presse so von Übel.

Update (15.4.2012):

Friedrich Küppersbusch kann immerhin noch Witze über den medialen Hype machen:

Günter Grass wird wegen seines Gedichts „Was gesagt werden muss“ in Israel zur Unperson erklärt und erhält Beifall von den Rechten – hat die öffentliche Person Grass noch eine Zukunft, und wenn ja, als was?

Als Namenspatron der diese Epoche prägenden heimtückischen Stattfindekrankheit. „Du hast ja krass grass“ – „grassierender Unsinn“ – „bald grass ich am Neckar, bald grass ich am Inn“ usf. Seine Leidensgenossen hatten je nach Fortschritt ihrer Erkrankung die moralschäumenden Erwiderungen fertig, kurz bevor Grass überhaupt losdichtete (Broderline-Syndrom), andere bastelten den Text erst noch ein bisschen um, damit sie ihn besser niederschirrmachern konnten. Ein Rudel Meinungshirsche beim brünftigen kommunizierenden Röhren. – Zehn Wochen hat uns diese Selbsthilfegruppe mit der fundamentalen Bedeutung von Preisschildchen unter Bobby-Cars bei Wulffs daheim unterhalten. Nun kommt einer und versucht, mit den Fingern ein relevantes Thema dagegenzustellen – und reißt zugleich mit dem Arsch alles wieder um. Das ist tragisch, vor allem für das Thema: ein Krieg um und womöglich mit Nuklearwaffen, der GAU aller bekannten Nahostszenarien. Das ist das Thema, und nun liegt es begraben unter faulendem Heu.

http://www.taz.de/Die-Woche/!91493/

Aber so ganz begraben ist das Thema nicht: in ›Berlin direkt‹ wurde es heute aufgegriffen – mit dem Tenor, daß die Regierung eine öffentliche Diskussion wohl lieber vermieden hätte.

Update (16.4.2012):

Gestern bei Jauch war wieder das seltsame Spektakel zu besichtigen, daß der Bellizist Wolffsohn, nachdem ihm der Nahostexperte Lüders die Absurdität der propagandistischen Presse-Darstellung, der Iran bedrohe Israel konket, nachgewiesen hatte, sofort auswich: Lüders sei auf eine israelische Taktik hereingefallen. Die Kriegsdrohung Israels sei ja nicht ernstzunehmen, sondern (ebenfalls?) nur Propaganda. Hat Netanjahu ihm persönlich diese Drohung als Lüge gestanden? Und auch erklärt, wieso er mit dem Feuer spielt?

Die Jauch-Sendung hat dank Jakob Augstein, Heide Simonis und Michael Lüders die Diskussion auf der Sachebene vorangetrieben – ein Erfolg, den Günter Grass sich zuschreiben kann. Diese Entwicklung hat er anstoßen wollen, und im Prinzip hat er dafür wenig riskiert: die Rufschädigung durch irrelevante Zeitgenossen – was zählt die schon, wenn es um das höhere Ziel des Weltfriedens geht?

Karl May hat im Jahr 1901 in den patriotisch-militaristischen Chinaband Kürschners sehr listig seine Friedensprosa ›Et in Terra Pax‹ in bewußt verzögerten Text-Lieferungen eingeschmuggelt, weil er diesem Kriegsgong-Werk etwas entgegensetzen wollte – für diesen Coup hat er seinen Ruf als bestsellender Abenteuerschriftsteller benutzt. Und schwer dafür bezahlt, obwohl man seiner Arbeit ein vorzeitiges Ende setzte. Missionare als Geisteskranke und europäische Imperialisten als unzivilisierte Kolonisatoren zu kennzeichnen, hat zu keiner Zeit Autoren genutzt. Ihre Hybris gegen den aktuellen Zeitgeist war und ist allerdings immer berechtigt. Denn der immer aktuelle Zeitgeist will die Aggression. Warum auch immer.

http://www.sueddeutsche.de/medien/tv-kritik-guenther-jauch-ueber-guenter-grass-junge-du-spinnst-1.1333442

Update (24.4.2012)

Thomas Anz, selber ein genauer Leser des Grass-Gedichts, wies in ›Literaturkritik.de‹ auf eine Rezension des Grass-Gedichts hin, der die breiteste Aufmerksamkeit zu wünschen ist. Sie stammt von Heinrich Detering, neben Michael Maar der einzige ernstzunehmende Literaturvermittler überhaupt. Beide sind Philologen, ›Liebhaber des Logos‹, wie es ansonsten weder beamtete Literaturverwalter mit ihrem Seminarsprachenkauderwelsch noch feuilletonistische Kritiker sind, die sich dem Kulturbetrieb nebst seinem ökonomischen Faktor unterworfen haben. Es ist, nach Hans Wollschlägers Tod, rar geworden, solchen Texten zur Literatur zu begegnen, die sich kenntnisreich und ernsthaft, liebend, schöpferischen Produktionen widmen… Ohne den kritischen Aspekt zu vernachlässigen. Heinrich Deterings Arbeit erschien am 16.4.2012 (kein Schnellschuß also) im CICERO.

 

Hier ein Ausschnitt, der das Sich-Einlassen auf den Text belegt – aber das soll natürlich nur ein Teaser sein, den ganzen Text zu lesen:

 

Erstaunlich leicht und genau. In seinem Gedicht tritt das Muster erst im Laufe des Textes hervor; spätestens ab der fünften Zeile ist es zu bemerken. Am deutlichsten wird das Verfahren dort, wo ihm regeltreu gebaute Verse unterlaufen und ebenjene Spannung zwischen metrischer und prosaischer Lesbarkeit erzeugen, die der Begriff des „gestischen Rhythmus“ meint. Die Zeile „Es íst das beháuptete Récht auf den Érstschlag“ ist im epischen Dreivierteltakt des Daktylus gebaut; der Kontext macht sie wiederum prosaisch. Vierhebig liest man, in alltäglicher Betonung, auch dies: „mit flínker Líppe als Wiedergútmachung deklaríert“. Doch der Vers ist überfüllt – als sei er selber „mit flinker Lippe“ geplappert. Wovon er spricht, das demonstriert sein Klang.

 

Noch öfter nützt Grass die Balance der Form zu semantischen Effekten – einige Male auch dort, wo der Streit der Kritiker seinen Anfang nahm. Beispielsweise beim Reden über die deutschen Verbrechen, „díe óhne Vergléich sínd“: Die Zeile verlangt danach, verlangsamt und mit beschwerten Hebungen gelesen zu werden. Hier geht es, gegen alle Relativierungsversuche, um Verbrechen, „die – ohne – Vergleich – sind“. Der Vers gibt, so gelesen, mehr zu verstehen, als sein Wortlaut besagt: eine Emphase, die das Erstarren zur Formel verhindern soll.

 

http://www.cicero.de/salon/guenter-grass-gestischer-rhythmus-prosaische-metrik-lyrische-hochstapelei/48966?seite=2

 

Und dann noch dieser Hinweis:

 

Nahost-Experte stellt sich auf Grass’ Seite

 

 

Lübeck – Der Islamwissenschaftler Udo Steinbach hält Günter Grass’ Gedicht „Was gesagt werden muss“ für den richtigen Text zum richtigen Zeitpunkt.

 

http://www.ln-online.de/nachrichten/3419993/nahost-experte-stellt-sich-auf-grass-seite