Betreuungsgeld: zwischen Hammelsprung und Bockmist

Die Fußball-Europameisterschaft ist vorbei – und ich kann nahtlos an meinen letzten Beitrag vom 13.6.2012 anknüpfen:

https://gabrielewolff.wordpress.com/2012/06/13/deutschland-gegen-portugal-und-viecher-bluhgut-fusball-und-garten-als-welt-in-der-nusschale/

Die deutsche Mannschaft siegte – und wurde kritisiert. (Mit Ausnahme von BILD, die sich als berauschter Fan und Nationaler Fahnenschwinger betätigte.) Die deutsche Mannschaft verlor das Halbfinale – und nun wurde zusätzlich auch noch der Trainer kritisiert: denn Weltmeister in Sachen Taktik sind nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Sportjournalisten. Insbesondere die meinungsBILDenden:

Jogi hat sich gnadenlos verzockt

Heute wieder Finale ohne uns. Kann man noch an Jogi glauben?

Verwechselt! Ist Jogi Löw schuld am WM-Aus?

BILD.de-User haben abgestimmt. Jogi ist schuld am WM-Aus

BILD fragte den Bundestrainer. Werfen Sie hin, Herr Löw?

 

http://www.bildblog.de/40003/enttaeuschte-liebe/

Sollte sich BILD dazu entschließen, nicht nur einen Bundespräsidenten, sondern auch den viel wichtigeren Bundestrainer abzuschießen, dann muß sie nur ihren preisgekrönten investigativen Rechercheur Martin Heidemanns fragen, was der denn für den Fall des Falles so in seinem Giftschrank zu liegen hat. Das wäre doch gelacht, wenn Jogi alias jetzt plötzlich schon der Herr Löw nicht auch eine Leiche im Keller hätte: bezahlt der seine schnittigen Hemden selbst oder hat er einen heimlichen Werbevertrag in der Tasche? Trennt er den Müll etwa nicht ordnungsgemäß? Kann ein so gutaussehender Typ eigentlich treu sein? Man wird doch wohl noch fragen dürfen!

Und weil Fußball ein Gleichnis für das Leben an und für sich ist, wurden wir auch mit dem ödesten Finale seit langem bestraft. Mich hat dieses Tiki-Taka jedenfalls herzlich gelangweilt – zwei Einzelaktionen, begünstigt durch Abwehrfehler, das war’s. Ansonsten ging es um Ballbesitz, Schlafwagenfußball pur. Die zweite Hälfte war entschieden, nachdem Italien wegen Verletzungspechs in Unterzahl agieren mußte. Da hat man tatsächlich nur noch gehofft, daß die Packung nicht allzu hoch ausfällt.

Das war Fußball zum Abgewöhnen. Aber das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert, und Gerechtigkeit herrscht eher selten… Im Leben wie im Fußball wie im Garten. Die Ersatzlupine fiel ebenfalls den Schnecken zum Opfer, die Prachtscharten müssen wohl auf ihren ersten Namensteil verzichten und eher rein schartig daherkommen, und die Gärtnerin brilliert als Auswechselspezialistin. Cosmea statt Dahlie, Bartfaden statt Lupine – Leben ist auch Anpassung an die Spielbedingungen: Geschmacksvorlieben und –abneigungen von Schnecken gehören unbedingt dazu.

Was sich im Schatten der Europameisterschaft abspielte, von der Euro-Krise bis zum Syrien-Türkei-Konflikt, war auch nicht erfreulich – und darum wende ich mich lieber einer Posse zu, die, wenn sie denn alle parlamentarischen Hürden nimmt, auch noch spottbillig zu haben ist: 2013 legt die Gesamtheit der Steuerzahler 300 Millionen, 2014 1,11 Milliarden und 2015 und 2016 jeweils 1,23 Milliarden Euro auf den Tisch des Hauses, woraufhin die Knete aus machtpolitischen Gründen an einen ausgewählten Teil der Bevölkerung mit Kindern zwischen dem ersten und dem dritten Lebensjahr umverteilt wird.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/betreuungsgeld-kostet-100-millionen-im-jahr-weniger-als-geplant-a-836796.html

Da die Geburtenrate von 2010 auf 2011 schon wieder gesunken ist, wird die Sache wahrscheinlich noch preisgünstiger, wenn der Trend anhält. Und das wird er, wenn immer weniger Menschen eine verläßliche wirtschaftliche Exístenz haben

Der Irrwitz, um den es geht, nennt sich Betreuungsgeld vulgo Herdprämie. Eine besonders undurchsichtige, knallbunte und löcherige Gießkanne, deren kühles Naß rein gar nichts zum Blühen bringen wird.

Aber zunächst mal gab es am 15.6.2012 den Hammelsprung: das Gesetz, das keiner will (nicht mal Frau Merkel, die muß, weil Herr Seehofer es so will, und der will recht eigentlich auch nicht, muß aber wollen, damit er auch mal was durchsetzt – und wer, wenn nicht er, stünde für die heile Familie?), sollte nämlich leise still und heimlich an einem Freitagmittag ohne großes Gedöns in erster Lesung vom Bundestag verabschiedet werden. Der war aber wie üblich kurz vor dem Wochenende nicht nur halbvoll, er war halbleer und damit beschlußunfähig, was bei einem vorhergehenden, als Abnickbeschluß vorgesehenem, Gesetzentwurf zutagetrat.

Robert Birnbaum vom TAGESSPIEGEL informierte den erstaunten Bürger, daß das eigentlich üblich und unschädlich sei:

Der Hammelsprung ist das Verfahren, mit dem unklare Mehrheiten ausgezählt werden: Alle gehen raus aus dem Plenarsaal in die Lobby, dann kommt jeder einzeln wieder rein durch eine der drei Glastüren, über denen Ja, Nein und Enthaltung steht. Der Hammelsprung hat freilich eine Nebenwirkung: Er zeigt genau, wie viele da sind. Das interessiert sonst keinen Menschen. Der Bundestag ist ein Arbeitsparlament, Arbeitsgruppen und Ausschüsse tagen parallel zum Plenum – kurz, es ist weder nötig noch vorgesehen, dass an jeder Debatte und Abstimmung alle teilnehmen. Formal ist der Bundestag nur beschlussfähig, wenn mehr als die Hälfte seiner Mitglieder im Saal ist. Praktisch zählt so gut wie nie einer nach.

http://www.tagesspiegel.de/politik/betreuungsgeld-abstimmung-hammelsprung-mit-folgen/6758472.html

Ja wenn das so ist…

Kurz und gut: wegen eines anderen Gesetzesvorhabens kam es zum Hammelsprung, die Opposition blieb draußen vor der Tür, das Parlament war ausgezählt, angezählt und nachweislich beschlußunfähig. Die übliche öffentlichkeitswirksame Keilerei von wegen ›Geschäftsordnungstricks‹, ›ungeheuerlicher Vorgang‹ undsoweiterundsofort fiel unter die Kategorie ›Schattenboxen‹, denn der Bundestag wäre auch dann beschlußunfähig gewesen, wenn die Opposition nicht draußen vor der Tür geblieben ware:

Gut 70 Abgeordnete von SPD, Grünen und Linken verlassen den Plenarsaal. Sie kommen aber nicht wieder rein. Draußen in der Lobby stehen sie, plaudern, feixen; und wenn einer das Spiel noch nicht begriffen hat und auf eine der Hammelsprungtüren zustrebt, dann zupfen ihn andere beim Ärmel zurück. Am Ende steht fest: 204 Koalitionsabgeordnete haben gegen sieben von der Opposition gestimmt. Das sind zusammen aber nur 211 der 620 Mitglieder des Hauses. Pau beendet die Sitzung.

http://www.tagesspiegel.de/politik/betreuungsgeld-abstimmung-fluchend-ziehen-die-koalitionaere-ab/6758472-2.html

Denn 211 plus 70 ergibt immer noch keine 311.

Der vorläufige Höhepunkt der Komödie spielte sich dann am Donnerstag, dem 28.6.2012, im vollbesetzten Bundestag ab, als dröhnende Worthülsen vom ›Kulturkampf‹ Schall und Rauch absonderten, die Sicht vernebelten und ein Knalltrauma hinterließen. Bildungsferne Schichten würden noch bildungsfernere Kinder erzeugen, die ohne intellektuellen Austausch im 2. und 3. Lebensjahr mit gebildeteren Kita-Kleinkindern an der Dumpfheit ihrer Umgebung zugrundegingen; das Heimchen am Herd werde prämiiert, ein Rückfall in die Fünfziger Jahre drohe, alle Errungenschaften des Feminismus seien dahin; ohne Betreuungsgeld werde familienorientierten Paaren das Leitbild der berufstätigen Frau aufoktroyiert, das Kinder zu Objekten von Verwahranstalten degradiere; und überhaupt, wo bleibt die Gegenfinanzierung ohne neuen Schulden?

Die Schlachtrösser des Feminismus dampften, der Sozialdemokratismus erhob sein müdes, von Chancengleichheit längst entleertes, Haupt, Traditionalisten kochten ihr fades Süppchen, der Arbeitgeberverband bangte um seine Pfründe einer leicht ausbeutbaren breiten Arbeitnehmerschicht, er kann schließlich gar nicht genug Frauen in preisdrückenden Leichtlohngruppen haben, und die Liberalen, Seit‘ an Seit‘ fechtend, klammerten sich an der Schuldenbremse fest wie an einem Strohhalm.

Eine ideologisch aufgeheizte Gespensterdebatte von gewaltigem Unverstand. Als ob die Abgeordneten das Gesetz nicht gelesen hätten, um das es ging:

Das Betreuungsgeld sieht folgende Regelungen vor:

  • Ab dem nächsten Jahr sollen alle Eltern die Prämie bekommen, die ihre Kleinkinder nicht in staatliche Betreuung geben. 2013 bekommen Eltern von Einjährigen demnach 100 Euro, ab 2014 will der Staat 150 Euro an Eltern von Ein- und Zweijährigen zahlen, die nicht in Kitas oder zu Tagesmüttern gehen. Eltern, die ihr Kind privat, etwa von einer Nanny oder von Familienmitgliedern betreuen lassen, während sie arbeiten, können die Prämie anfordern.
  • Es gibt eine Stichtagsregelung: Das Betreuungsgeld wird nicht für vor dem 1. Januar 2012 geborene Kinder ausgezahlt und für jedes Kind höchstens 24 Monate.
  • Hartz-IV- und Sozialhilfeempfänger profitieren nicht von dem Betreuungsgeld – die Prämie wird mit den Sozialleistungen verrechnet.
  • Nach dem Gesetzentwurf könnten Eltern im 13. und 14. Lebensmonat ihres Kindes sowohl Elterngeld als auch Betreuungsgeld beziehen. Das Familienministerium will die Möglichkeit eines doppelten Bezugs von Elterngeld und Betreuungsgeld, damit Alleinerziehende nicht schlechter gestellt werden. Paare könnten auch zwei Monate parallel Elternzeit nehmen, so dass sie in zwölf Monaten 14 Monatsraten Elterngeld bekämen.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/betreuungsgeld-kostet-100-millionen-im-jahr-weniger-als-geplant-a-836796.html

Von 100 bis 150 Euro pro ein- bis zweijährigem Kind für 24 Monate gehen nicht die geringsten arbeitsmarktpolitischen Steuerungsmomente aus. Wer wegen dieser Minibeträge auf eine berufliche Tätigkeit verzichtet, hat sie ohnehin nicht nötig.

Die berühmt-berüchtigten bildungsfernen Schichten, gerne mit Immigrationshintergrund, erhalten praktisch überhaupt kein Betreuungsgeld, so daß in diesem Bereich gar keine negativen Effekte auftreten können, die nicht schon vorhanden wären. (Wenn sie es überhaupt sind.)

Das Leitbild der berufstätigen Mutter wird durch das Betreuungsgeld in keiner Weise berührt, denn es wird an diejenigen ausgeschüttet, die ihre Kinder entweder selbst oder durch Dritte betreuen lassen, soweit letztere nicht staatlich gefördert werden.

Der aufgeklärte Teil des Publikum klopft sich auf die Schenkel und lacht sich einen ab. So gaga hat sich die Politik schon lange nicht mehr aufgeführt. Aber die pure Geldverschwendung läßt das Grienen und Grinsen dann doch gefrieren und zu folgenden Fragen führen:

Über eine Milliarde pro Jahr als Subvention für das doppelverdienende Akademiker-Pärchen, das sich eine englische Nanny leistet? Für die Oma, die sich sowieso ums Enkelkind gekümmert hätte? Für die Mittelschichtsfrau, die es sich leisten kann, die ersten drei Lebensjahre des Kindes aus dem Beruf auszusteigen (und dafür gibt es ja gute bis sehr gute Gründe angesichts des allgemeinen Zustands der Kitas)?

Ein Trostpflästerchen für diejenigen, die einen kommunalen Kita-Platz trotz Rechtsanspruch nicht erhalten haben und nun was Eigenes gründen oder eine private Tagesmutter suchen müssen?

Und gänzlich leer geht der ›Normalfall‹ Familie aus, die zwei Einkommen benötigt, um über die Runden zu kommen, und die weder eine familiäre noch eine finanzielle Möglichkeit hat, die Kleinkinder privat betreuen zu lassen. Die froh und glücklich ist, überhaupt einen kommunalen Kita-Platz errungen zu haben – ungeachtet seiner Qualität.

Wie man es dreht und wendet: kein Mensch versteht, was diese neue unsoziale Sozialleistung soll. Ein Witz, aber kein guter.

Gong!

Das finden auch Herr A und Frau B, die im Familienministerium arbeiten. Herr A, groß, breit, dröhnend, kurz vor der Pensionierung und daher Zyniker (er hat schon viele Ministerinnen kommen und gehen sehen, er ist immer Referatsleiter geblieben und ihm ist es mittlerweile egal, wer unter ihm Ministerin ist), sitzt in seinem Dienstzimmer und verspeist sein Dienstfrühstück. Auftritt Frau B, Juristin, klein, zierlich, übereifrig, zweiunddreißig, vor einem Monat von einem Landesjugendamt zwecks Beflügelung der Karriere für drei Jahre ins Ministerium abgeordnet.

A:

Nanu, schon fertig mit dem Antragsformular fürs Betreuungsgeld? Das ging aber fix. Nehmen Sie doch Platz. Zeigen  Sie mal her… Na, das liest sich aber seeehr professionell. Da haben Sie nun wirklich alles berücksichtigt, der allerletzte Patchwork-Fall ist noch mit drin, das ist ja auch ein Durcheinander heutzutage… Drei Kinder, fünf Väter, eingetragene LP, Samenspender, Adoptionen, hähähä.

B: (lacht pflichtschuldigst, errötet leicht.)

A:

Wo ist denn das Hinweis- und Merkblatt?

B:

Wie bitte?

A:

Naja, hier steht: Betreuen Sie ihr Kind selbst? Bitte fügen Sie Nachweise bei.

B:

Ja klar. Natürlich… Das Merkblatt! Das mache ich später, ich wollte ja erst einmal sehen, ob das Formular an und für sich in die richtige Richtung geht. Und der Nachweis? Das kann doch der Ehemann unterschreiben… ja, aber wenn es keinen Ehemann gibt… eigentlich muß es den doch geben, eine Alleinerziehende kann schließlich nicht selbst… Dann müßte sie ja Hartz IV beziehen, und diese Leute kriegen es ja nicht, das heißt, beantragen können sie es natürlich, aber… (hört sich selber heillos blödsinnig daherplappern und verstummt)

A:

Sehen Sie, und so geht das hier immer weiter: Wer betreut das Kind? a) ein Familienangehöriger, b) eine angestellte Person, c) eine Tagesmutter… fügen Sie Nachweise Nachweise Nachweise bei. Und wenn die Omma auf stur stellt, weil sie in ihrer berechtigten Skepsis vor dem Staat eine Rentenkürzung wegen angeblichen Nebenverdienstes befürchtet oder wenn das ukrainische Kindermädchen schwarz arbeitet, ist Essig mit Nachweisen. Und die Tagesmutter hat vielleicht ein Kind mehr, als sie von Amtswegen darf. So geht das irgendwie nicht.

B: (grübelt, hat eine Idee, sie strahlt)

Sie haben ja sooo recht, Herr A! Das müssen wir gaaaanz anders aufzäumen. Wir fragen einfach, ob das Kind in einen staatlichen Kindergarten geht, und bei einer Nein-Antwort müssen bloß Negativatteste der kommunalen Kitas im Umkreis von 10 km vorgelegt werden. Öhm. Hmtja. (Das Licht in ihren Augen geht aus) ›Bloß‹ ist gut – – –

Schweigen. B denkt nach, A tut nur so als ob. In Wirklichkeit hat er die Lösung schon.

B: (sinnierend in die zu lange Gesprächspause hinein)

Und wenn das Kind bei einer staatlich geförderten Tagesmutter ist? Und kriegen nicht auch kirchliche Einrichtungen Staatszuschüsse? Wie hoch dürfen die denn sein, damit sie noch unschädlich sind? Was ist das alles nur für ein Murks!!! (senkt den Kopf, beschämt über ihren Ausbruch)

A: (versonnen, überlegen lächelnd)

Liebe Frau B, meinen Sie vielleicht, daß ich nicht bemerkt habe, wieso Ihr Einstieg ins Formular so profihaft war? Haben sich meinen Tip wohl doch schon zu Herzen genommen, was?

B: (alle Schauspielkunst aufgebend)

Stimmt. Es lebe die Vorlage. Den Anfang habe ich aus dem Kindergeldantrag der Familienkasse der Arbeitsagentur abgekupfert.

A:

Und jetzt, Kindchen, lernen Sie das Wichtigste in einem Beamtenleben: Frage Nummer Eins, ist das meins? Logo wird die Familienkasse den Schrott übernehmen. (greift zum Hörer)

B: (schüchtern)

Aber die Hausleitung… wir haben doch den Auftrag… die ganze Hühnerleiter hat ihn abgezeichnet…

A: (winkt lässig-routiniert ab, telefoniert. B sitzt auf der Stuhlkante und hält den Atem an)

A: (dröhnend)

Ja, dann ciao, alter Schwede! Nö, ich bin gar nicht schadenfroh, das hört sich nur so an, hähähä. (legt auf)

A:

Die vom Arbeitsministerium sitzen schon dran und schwitzen Blut und Wasser, hähähä. Die wissen genau, daß sie fällig sind. Die Vau-Deh-Ellll (er kostet den letzten Konsonanten in geradezu rheinländischer Liebkosung voll und ganz aus, obwohl er Westfale ist) hat es der CSU im Jahr 2007 versprochen, dann soll es ihr auch an der Backe kleben bleiben. Es gilt schließlich das Verursacherprinzip.

B: (zwischen Angst und Hoffnung)

Und wie bringen wir es Frau Schröder bei?

A: (schnurrt leierkastenmäßig herunter)

Auf der Arbeitsebene wurde ressortübergreifend dahingehend Einvernehmen erzielt, daß im Interesse einer effizienten schlanken Verwaltung der Betreuungsgeldantrag als Annex zum Kindergeldantrag unter der Federführung von undsoweiterundsofort.

B:

Und das schluckt die Hausleitung?

A:

Das geht der am Arsch vorbei. Ist doch sowieso alles Bockmist. Und haben Sie schon mal einen Fototermin mit Präsentation eines besonders bürgerfreundlichen Formulars erlebt? Sehense. Sie lernen es auch noch. Übrigens: wie ist denn eigentlich Ihr Familienstand?

B: (patzig)

Referentin.

Gong!

(Den Gong und manches Andere habe ich von Arno Schmidt geklaut. Dies vorsorglich – man kann heutzutage gar nicht vorsichtig genug sein…)

Wie und wann sich die Betreuungsgeld-Farce weiterschleppt, werden Sie hier gewiß hier nachlesen können. Dieser Blog ist nicht unermüdlich, aber nachhaltig. Lediglich einer Klage vor dem BVerfG räume ich keine Chancen ein: denn die bloße Unsinnigkeit einer Maßnahme verstößt nicht gegen das GG, und Untreue wäre vorrangig von Strafgerichten zu ahnden, die insoweit aber keinen Präzedenzfall haben. Politische Gestaltung ist nun mal mit Unternehmensführung nicht zu vergleichen…

Anmerkung: wie kommt es, daß in WordPress manche Passagen wie von Geisterhand in Fettdruck erscheinen, der nicht zu korrigieren ist?!

Zahnpastatube II

Nun geht es also weiter. Die Zahnpastatube hat gewonnen.

06.03.2012

Leserreaktionen auf Kommentar

„Wulff verdient kein Mitleid“

[…]

Kehrt Ruhe ein, wenn die letzten Takte gespielt sind? Wird nach dem Großen Zapfenstreich auch die Debatte über Wulff und seinen Ehrensold beendet sein? Wohl kaum, das zeigte zuletzt auch ein SPIEGEL-ONLINE-Kommentar mit der Überschrift „Genug ist genug“, in dem der Autor argumentiert, dass der Streit unwürdig sei und beendet werden müsse.

Der Text hat heftige Reaktionen ausgelöst: Mehr als tausend Leser haben seit der Veröffentlichung am späten Montagnachmittag ihre Beiträge im SPIEGEL-ONLINE-Forum geposted, Hunderte Lesermails gingen ein. Sie reichen von eindeutiger Zustimmung bis hin zu entrüsteter Ablehnung.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,819613,00.html

Da trifft die Titelunterzeile den Tenor schon eher: Ressentiments und schrille Töne herrschen vor, blanke Wut macht sich breit. Und die wird nicht nur vom SPIEGEL selbst wiederum gelenkt.

qed hat in einem Kommentar auf die Manipulation von Umfrageergebnissen als Mittel der Politik hingewiesen:

Wie Manipulation funktioniert, demonstriert gerade lehrbuchhaft die Politkommissarin Reding (ehedem Journaillistin, wer hätte es gedacht!), indem sie ihre Quotenforderung mit der Brechstange durchsetzen will und sich dabei groteskerweise auf den Bevölkerungswillen beruft.
Das Prinzip ist ja von der Systempresse sattsam bekannt.
Ich darf der geneigten Leserschaft sehr einen Artikel über die Prinzipien der Manipulation (überhaupt den ganzen Blog) ans Herz legen:

http://sciencefiles.org/2012/03/06/europaische-meinungsmacher-wie-man-umfrageforschung-fur-seine-zwecke-missbraucht/

https://gabrielewolff.wordpress.com/2012/03/04/was-ist-eine-razzia-und-was-ein-burgerrechtler/#comment-47

Und so formuliert der SPIEGEL seine Umfrage, die er gleich neben den Artikel placiert:

Verdient Christian Wulff einen Großen Zapfenstreich?

  • Ja.
  • Nein.
  • Ich habe dazu keine Meinung.

Das ist selbstverständlich keine neutrale Formulierung: VERDIENT Wulff den üblichen Zapfenstreich, der ihm von de Maizière angeboten wurde?

Bei einer Formulierung wie: ›Finden Sie den Großen Zapfenstreich angemessen?‹ oder gar: ›Stört Sie der Große Zapfenstreich?‹ wäre vermutlich ein anderes als das erwartbare Ergebnis herausgekommen:

Vote-Auswertung

Abschied für den Ex-Bundespräsidenten

Verdient Christian Wulff einen Großen Zapfenstreich?

Ja.

3671

8,29%

Nein.

39322

88,84%

Ich habe dazu keine Meinung.

1271

2,87%

Gesamtbeteiligung

44264

Stand: 06.03.2012, 20.48 Uhr

Die Zahnpastatube bleibt leer, der Geist ist aus der Flasche. Und so sind eben Politiker an der Lynchstimmung des ›Volkes‹ schuld, gerne werden verzweifelt um Überleben und Profil ringende FDP-Politiker zitiert, die nach dem Motto ›Nach mir die Sintflut‹ agieren:

Immer mehr Politiker fordern inzwischen eine Reform der Zusatzversorgung für Altbundespräsidenten. Zur Kostensenkung müsse die Nutzung eines eigenen Büros durch Ex-Bundespräsidenten streng geregelt werden, sagte der FDP-Bundestagsabgeordnete und Haushaltsexperte Jürgen Koppelin der „Bild“-Zeitung. Sie sollten ihr Büro künftig in Berlin haben, „am besten in Räumen des Deutschen Bundestags“, forderte Koppelin. Damit sollten hohe Ausgaben für Büros in teuren Lagen anderer Städte verhindert werden.

Koppelin forderte zudem, ehemalige Bundespräsidenten sollten statt eigener Fahrer künftig die Fahrbereitschaft des Bundestages nutzen. Wulff war am 17. Februar nach Einleitung staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen wegen des Verdachts der Vorteilsnahme von seinem Amt zurückgetreten. Laut Bundespräsidialamt hat er aber Anspruch auf den Ehrensold in Höhe von jährlich 199.000 Euro, weil sein Rücktritt aus „politischen Gründen“ erfolgt sei. Zudem hat Wulff Anspruch auf Sach- und Personalkosten für ein Büro mit Sekretariat, persönlichem Referenten und auf einen eigenen Fahrer.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,819613,00.html

Koppelin fordert noch viel mehr, so sehr steht seiner Partei das Wasser bis zum Hals (da schadet auch der Widerspruch nicht, einerseits triumphal Gauck gegenüber dem Koalitionspartner durchgesetzt zu haben, andererseits das Amt für überflüssig zu halten, was den Kandidaten doch ein wenig kränken muß):

Koppelin: Über Abschaffung des Bundespräsidenten-Amtes nachdenken

Jürgen Koppelin (FDP), Mitglied des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestags, hat die Frage aufgeworfen, ob Deutschland überhaupt einen Bundespräsidenten benötigt. „Es stellt sich die grundsätzliche Frage: Brauchen wir überhaupt noch einen Bundespräsidenten? Wofür?“, sagte Koppelin der „Passauer Neuen Presse“ (Montagausgabe). „Langfristig sollten wir diskutieren, ob unsere Republik einen Bundespräsidenten benötigt“, sagte er. „Wir haben den Bundesratspräsidenten und die Bundeskanzlerin. Der Bundespräsident prüft Gesetze. Wenn man Bedenken gegen ein Gesetz hat, kann man das allerdings vom Bundesverfassungsgericht klären lassen. Den Bundespräsidenten benötigt man da nicht“, sagte er.
In der Diskussion um die Versorgung von Ex-Bundespräsident Christian Wulff legte Koppelin Wulff den Verzicht auf Dienstwagen und Büro nahe.

http://phoenix.de/content/445619

Die Medien können aufatmen. Sie trifft keine Schuld an dem allgemeinen Flurschaden, der hier zu besichtigen ist. Es hat zwar einen Monat gedauert, bis aus dem medienkritischen Skeptiker der Wutbürger wurde, und mindestens genauso lange, bis die Politiker populistisch agierten: aber sie haben natürlich nur die Avantgarde dieses Trends gemimt, aufgeklärt, ihr kritisches Wächteramt ausgeübt. Und dafür gibt es sogar erstmals eine Preis-Nominierung für die vom Presserat meistgerügte Zeitung Deutschlands:

Bundespräsidenten-Affäre und kein Ende: Mit der Geschichte „Wirbel um Privat-Kredit – Hat Wulff das Parlament getäuscht?“ der Reporter Nikolaus Harbusch und Martin Heidemanns hat es erstmals eine „Bild“-Recherche unter die Nominierten des Henri-Nannen-Preises gebracht.

[…]

Viel „Zeit“, viel „Spiegel“ also unter den Kandidaten für einen Henri-Nannen-Preis. Und eben erstmals die „Bild“-Zeitung. Wie man hört, soll die Nominierung der „Bild“-Wulff-Story in der Vorjury kaum Gegenstand einer streitbaren Diskussion gewesen sein. Über die Auswahlkriterien der finalen zwölfköpfigen Text-Jury (darunter „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und „stern“-Chef Thomas Osterkorn) wird vom Verlag keine Auskunft erteilt. Der „stern“ und der Verlag Gruner & Jahr vergeben den mit 35 000 Euro dotierten Henri-Nannen-Preis zum achten Mal. Dieses Jahr wird kein Sonderpeis für eine überragende journalistische Leistung außerhalb des Wettbewerbs verliehen. meh

http://www.tagesspiegel.de/medien/novum-bild-story-fuer-nannen-preis-nominiert-/6289622.html

Presse-Kumpanei, wohin man sieht. BILD setzt ihre journalistischen Meisterleistungen wie folgt fort:

Neuer Ärger um Zapfenstreich

Wulff wünscht sich ein Lied mehr als alle anderen vor ihm

Er will „Over the Rainbow“ hören • Stabsmusikkorps soll vier statt drei Titel spielen • Was denken Sie? Schreiben Sie uns!

[…]

Unstimmigkeiten gibt es aber auch bei den Musikern. Denn: Wulff will vom Stabsmusikkorps statt der üblichen drei Titel gleich vier Stücke gespielt bekommen.

 

Aus dem Verteidigungsministerium heißt es dazu: „Das haben wir noch nie für jemanden gemacht.“

 

Auf Wulffs Wunschliste: „Over the Rainbow“ von Harold Arlen, der „Alexandermarsch“ von Andreas Leonhardt und „Da berühren sich Himmel und Erde“ von Christoph Lehmann.

 

Als vierten Titel hat Christian Wulff sich die „Ode an die Freude“ von Ludwig von Beethoven gewünscht, erfuhr BILD.de. Ursprünglich wollte Wulff den Titel „Ebony and Ivory“ bei seinem Zapfenstreich hören. Allerdings hatte das Stabsmusikkorps dabei Bedenken, weil der Titel sich nur schwerlich auf der Trompete spielen lässt.

http://www.bild.de/politik/inland/christian-wulff/ex-bundespraesident-christian-wulff-will-musik-zugabe-bei-zapfenstreich-22996726.bild.html

Schnäppchenjäger bis zuletzt also… Aber vielleicht hat er auch nur vier Titel als Wunschtitel genannt, aus denen sich das Orchester drei aussuchen sollte?

›Ludwig von Beethoven‹ also. Eine durchaus preiswürdige Recherche.

Schlußendlich läßt BILD wieder einen FDP-Politiker zu Wort kommen, die agieren zur Zeit schließlich am radikalsten gegen die CDU:

FDP WILL ZAPFENSTREICH VERSCHIEBEN

 

Der FDP-Bundestags-Abgeordnete Erwin Lotter hat in der Angelegenheit einen offenen Brief an Bundesverteidigungsminister de Maizière geschrieben.

Darin regt er an, den umstrittenen Zapfenstreich zu verschieben – aus „Respekt vor dem Amt, dem bisherigem Amtsträger, den Soldaten der Bundeswehr und dem Souverän“, so Lotter.

Die Entscheidung über die Verabschiedung solle „auf einen Zeitpunkt nach Abschluss der Ermittlungen vertagt werden, um im Lichte belastbarer Erkenntnisse eine tatsächlich fundierte Entscheidung zu treffen.“

http://www.bild.de/politik/inland/christian-wulff/ex-bundespraesident-christian-wulff-will-musik-zugabe-bei-zapfenstreich-22996726.bild.html

Da spricht der Hinterbänkler Erwin Lotter (sorry, dazu fällt einem spontan nur Erwin Lottermann mit dem Papst in der Wuppertaler Boutique ein) also für die gesamte FDP.

Gleich danach folgt die BILD-Umfrage:

Deutschlands schnellste Meinung

          Sollte Wulff den Großen Zapfenstreich absagen?

Ja

Nein
Stimmen: 94491

Das Ergebnis ist für die nächsten zwei Stunden noch geheim. Ich habe aber, um ein SED-Abstimmungsergebnis abzuwenden, mit Nein gestimmt. Es fehlt übrigens die Option: ›Ist mir egal‹, die alle die angekreuzt hätten, die mit dem ganzen militärischen Tschingderassabum ohnehin nichts am Hut haben.

Die Menschheit will nun mal betrogen sein, und die Medien sind gern dabei behilflich, diesen Herzenswunsch zu erfüllen.