Deutschland gegen Portugal und Viecher & Blühgut: Fußball und Garten als Welt in der Nußschale

Es mag wichtigere Themen geben. Die Eurokrise beispielsweise, auch Finanzkrise, am liebsten aber Schuldenkrise genannt, die durchs Armsparen des Volkes, Reduzierung der staatlichen Steuereinnahmen und Abwürgen der Wirtschaft geheilt werden soll. Geht’s noch dümmer? Das kann doch allenfalls kurzfristig im Billiglohnland eines Exportweltmeisters klappen, der auf Binnennachfrage nicht groß angewiesen ist… Einzig genial in diesem Tollhaus war die Strategie der Finanzmarktlobbyisten, die es vermochten, das Wort Bankenkrise klammheimlich aus dem Diskurs zu entfernen. Das hat bis vor wenigen Tagen geklappt. Jetzt, wo Spaniens Banken wanken, ist das Wort endlich wieder im Spiel.

Womit wir im Leben angekommen sind. Denn was ist der Euro gegen die Europameisterschaft im Fußball, was herumfuchtelnde Weltuntergangs-Demagogie gegen die wahren Dramen hinter dem Gartenzaun?

Diesen Krempel hier lassen wir, zwei recht, zwei links, schlicht fallen und freuen uns auf das einzig wichtige Endspiel:

06.06.2012

Schuldenkrise

Ahnungslos in die Euro-Dämmerung

Eine Kolumne von Wolfgang Münchau

Die meisten Bürger ahnen es noch nicht, doch das Endspiel um den Euro hat begonnen: Entweder Europas Regierungen schaffen noch schnell eine politische Union oder die Währungsgemeinschaft zerbricht. Egal, für welchen Weg sie sich entscheiden – für eine billige Lösung ist es wahrscheinlich längst zu spät.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/wolfgang-muenchau-die-euro-zone-steht-vor-dem-zusammenbruch-a-837214.html

Werfen nur noch einen kurzen Blick zurück und fragen uns, was gewesen wäre, wenn Dominique Strauss-Kahn der Kanzlerin am 15.5.2011 massiv klargemacht hätte, daß Griechenland sofort geholfen werden müsse, um den Dominoeffekt zugunsten der gegen die Eurozone Spekulierenden zu vermeiden: wäre sie dann endlich endlich bereit gewesen, der widerlichen anti-Griechenland-BILD-Kampagne entschlossen die Stirn zu bieten?

Aber so ist das mit den Medien und den von ihnen erzeugten Stimmungen immer wieder: da legte die deutsche Mannschaft ein erstes Spiel hin, bei dem die Zuschauerin zu keinem Zeitpunkt die Ahnung beschlich, sie könne es verlieren. Eine solide stehende Abwehr, ein hervorragender Torhüter, gelungene Kombinationen im Mittelfeld – nur mit der Dynamik im Angriff haperte es noch etwas: die verständliche Angst, Fehler zu machen, bremste den Elan. Noch ist die Elf eben nicht eingespielt. Dann wird das Spiel sogar mit einem grandiosen Tor von Gomez in der 72. Minute gewonnen – und trotzdem wird genörgelt, was das Zeug hält. Der Fernseh-Kommentator Gottlob hielt nicht, was sein Name versprach, fand mithin Lahm zu lahm, Schweinsteiger nicht weltmeisterlich genug (obwohl es ja nur um die Europameisterschaft geht) und den überwiegenden Ballbesitz sowie die Spielkontrolle der deutschen Mannschaft nicht weiter der Rede wert.

So einigten sich die zur Einheitsmeinung tendierenden Medien rasch auf die Formel des glücklichen Siegs. Als ob Portugal die bessere Mannschaft gewesen wäre und der deutsche Sieg unverdient. Wie hätten sie wohl getönt, wenn die Deutschen es wie die Niederländer gemacht hätten: überlegen gespielt, aber 0:1 verloren? Auch die nölende Trantüte, die das Spiel Frankreich gegen England in Grund und Boden redete, paßt ins Bild. In der 70. Minute tönte sie, daß sich die Fehlpässe häuften, daß sich die Mannschaften nicht mehr weh tun würden, ein Nichtangriffspakt zum Halten des 1:1 sei zu besichtigen… Die verdutzte Zuschauerin sah nichtsdestotrotz eine packende Torraumszene nach der anderen und Torchancen zuhauf. Und natürlich hätte Frankreich gewinnen müssen, das meinte auch der verschwörungstheoretisierende Kommentator, der sich am Schluß den Freud’schen Versprecher leistete, Frankreich und England hätten sich 1:0 getrennt.

Dasselbe Phänomen findet sich beim Gärtner. Der kauft eine Knolle, deren Verpackung ihm eine Fülle wundersamster Lilienblüten vorgaukelt. Und dann registriert er mürrisch, wieviel raumgreifendes Grünzeug die Knolle produziert. Ist entsetzt, daß dann nicht viele, sondern manchmal nur ein Stengel dem Gewirr entwächst. Wenn er Pech hat und das Klima nicht stimmt, wird nicht einmal die übliche einzige Blüte Wirklichkeit. Der Jammer faßt ihn an.

(Da ich ja nur die Schönheit wahrnehme, habe ich die Mickrigkeit des Ertrags im Hinblick auf den Aufwand gar nicht erst fotographiert…)

So ist die Welt nun mal: Erwartungen, Wünsche und Träume sind groß, die Realität ernüchternd. Und selbst wenn das Ergebnis stimmt, gibt der Kritikaster keine Ruhe.

Versuch macht kluch, sagt sich der Gärtner, der per defintionem ein geduldiger Mensch ist. Medienmenschen dagegen werden nicht klug. Sie arbeiten mit Emotionen, wo Betrachtung und Analyse angebracht wäre.

Die Klasseleistung von Jérôme Boateng, der den Ballzauberer Ronaldo kaltstellte? Der auf keinen Übersteiger hereinfiel, auf keine Körpertäuschung, der stur nur den Ball betrachtete und entschlossen durchgriff? Tja, das war ja bloß eine Bringschuld. Denn BILD hatte ihn bereits abgeschossen, nachdem der offenbar naive Mann sich am Vortag, zusammen mit einem Freund, vor dem Abflug zur EM in einem Köpenicker Hotel mit der Notorikerin Gina-Lisa Lohfink getroffen hatte. Nun, man braucht die Dame nicht zu kennen, Hauptsache, daß BILD sie kennt, die ihren Absturz seit einer Germanys Next Top Model-Kandidatur im Jahr 2008 hautnah begleitet.

Was machte Boateng mit Gina-Lisa im Hotel?

Lukas Heinser weiß im BILDblog vom 5.6.2012 die Antwort:

 So wirklich genau weiß es auch „Bild“ nicht. Die einzige beteiligte Person, der „Bild“ ein Statement entlocken konnte, ist Gina-Lisa Lohfink selbst — und ihre Antwort dürfte nicht ganz dem entsprochen haben, was sich die „Bild“-Redakteure erhofft hatten:

Was lief in der Nacht in Zimmer 248?

Die TV-Blondine: „Wir haben uns nur unterhalten!“

Aber wer ist überhaupt diese Gina-Lisa Lohfink? Also mal ab von den Bezeichnungen „Nacktmodel“, „Ex-Topmodel“, „sexy Blondine“, „TV-Blondine“ bzw. schlicht „Blondine“, die ihr „Bild“ allein in diesem einen Artikel verpasst?

Die Zeitung erklärt es ihren Lesern gerne:

Die Blondine wurde „berühmt“, als sie 2008 in der Model-Show „Germany’s Next Topmodel“ mitmachte.

Diese Anführungszeichen um „berühmt“ sind natürlich eine Gemeinheit. Frau Lohfinks Teilnahme bei Heidi Klums Casting-Show liegt immerhin schon vier Jahre zurück und sie wäre vermutlich schon vergessen wie so viele andere Kandidatinnen, wenn — ja, wenn eine Zeitung sie nicht seit vier Jahren immer wieder mit Aufmerksamkeit beschenken würde:

[…]

Die 268 Treffer bei Bild.de können Sie ja selbst durchgehen!

http://www.bildblog.de/39289/was-macht-eigentlich-gina-lisa/

Hach, und die Springer-Kollegen von der WELT wollen jetzt auch einen Nannen-Preis und recherchieren mutig, was die Hanseln von BILD & Co. denn so getrieben haben:

10.06.12

Löws Rechtsverteidiger

Jerome Boateng kämpft sich aus der Luder-Falle

Sportlich hat sich Jerome Boateng gegen Cristiano Ronaldo rehabilitiert. Doch sein nächtlicher Ausflug zu Gina-Lisa bleibt ein Lehrstück, wie schnell ein Fußballstar in eine Inszenierung geraten kann. Von Jürn Kruse

[…]

Es war offenbar eine Inszenierung, in die Boateng hineingeraten war. Denn es gibt keinen Grund für einen Reporter, um 2 Uhr in der Nacht im Berliner Ortsteil Köpenick vor einem Hotel herumzulungern, nur in der Hoffnung, dass sich dort Stars die Klinke in die Hand geben würden. Doch Boateng war dort, Gina-Lisa Lohfink auch und dazu ein Fotograf. Irgendwer muss ihm die Info vom Treffen gesteckt haben. Boateng wird es wohl nicht gewesen sein. Womöglich die Managerin der früheren „Germany’s Next Topmodel“-Kandidatin? Mal nachfragen. Ein erster Anruf endet kurz nach der Vorstellung des eigenen Ansinnens. Aufgelegt. Vielleicht ein Versehen. Also noch mal probieren. Wieder aufgelegt. Beim dritten Mal geht die Mailbox ran.

Dabei ist Lohfink (25) doch auf jede Öffentlichkeit angewiesen, will die generalüberholte Blondine mit ihren Auftritten in Diskotheken und Fernsehshows Geld verdienen. Und ihr Marktwert dürfte in der abgelaufenen Woche deutlich gestiegen sein. Sie hat den Zeitungen, Magazinen und Fernsehsendern die größte Geschichte vor der EM geliefert.

Arthur Boka, Stuttgarter Bundesliga-Profi und einst mit Lohfink liiert, erkannte das Muster: „Ich bin mir sicher, dass Jerome in eine Falle gelockt wurde“, sagte er der Münchner „TZ“ und beschrieb die Inszenierung so: „Ich glaube, dass der Fotograf in das Hotel bestellt wurde. Dann wurden die Bilder verkauft, und Gina-Lisa hat Geld dafür bekommen“, sagt er: „So bekommt sie Aufmerksamkeit und bleibt im Gespräch.“ Und im Gespräch bleibt sie tatsächlich: Jeden Tag legt die gelernte Arzthelferin nach, gibt Details aus der Nacht preis und beteuert in der „Bild am Sonntag“: „Ich will Boateng nichts Böses.“ Doch schweigen – es wäre das Beste für Boateng – kann sie nicht. Dann wäre das Theaterstück schließlich vorbei – und die Bühne der Aufmerksamkeit müsste für Micaela Schäfer oder Daniela Katzenberger geräumt werden.

http://www.welt.de/sport/fussball/em-2012/article106489085/Jerome-Boateng-kaempft-sich-aus-der-Luder-Falle.html

Soviel Heuchelei gehört zwar zur Welt, aber nicht zur Gartenwelt. Da geht es nämlich ganz offen fies, gemein und hinterhältig zu, wenn sich des Nachts oder nach Regenfällen schleimige Gesellen auf den kürzesten Weg in die leckere Lupine, auf die köstlich mundende Tagetes oder in die Blumentöpfe mit den Petunien und Verbenen machen.

Jakob Augstein irrt (nein, nicht wegen der nichtblühenden Igel, wo er recht hat, hat er recht):

Jakob Augstein

Igel blühen nicht

Jakob Augstein bramarbasiert über Lust und Last des Gärtnerns.

  • Elke von Radziewsky
  • Datum 16.03.2012 – 15:16 Uhr

[…]

Die ganze Welt ist ein Garten, der Garten die Welt. Man könnte das wirklich so sagen.

[…]

Und so ist das ehrgeizige Buch ein eigentümliches geworden. Eine der unhaltbaren Behauptungen: „Lassen Sie bloß die Finger von Rittersporn.“ Dieser total überschätzten Pflanze. Das könnte noch ironisch sein. Vielleicht hat Jakob Augstein zu viel vom Rittersporn-Papst Karl Foerster gelesen. Ernst ist es ihm mit der Ablehnung jeglicher Nutzpflanze (Spalierobst ausgenommen). Der plötzliche Hang zur Nutzgärtnerei sei eine ostdeutsche Infektion, nach 1989 in den Westen rübergeschwappt. Und vollkommen ungebremst ist seine Mission: „Im Garten kommen wir dem Ziel am nächsten: Herrschaft, Kontrolle, Ordnung.“ Schützen Sie gefährdete Pflanzen mit einer geballten, am besten dreifachen Dosis Schneckenkorn. Kein schlechtes Gewissen. Igel kommen eh nicht vor. Und wenn schon: „Igel blühen nicht.“

http://www.zeit.de/2012/12/L-SM-Garten

Wenn die Welt ein Garten ist und der Garten die Welt (so sehe ich das auch), ist es nicht möglich, Herrschaft, Kontrolle und Ordnung hineinzubekommen. Ein paar Glücksmomente lang, so wie hier, mag das angehen:

aber nach einem Starkregen sieht das Idyll schon wieder ganz anders aus. Stützen einziehen, hochbinden, die Tatwaffe einstecken:

und immer schön fachgerecht entsorgen:

Die Auswechselung zur rechten Zeit nicht versäumen:

Tatsächlich geht es dem Gärtner wie dem Fußballtrainer: ob er am Spielfeldrand hin- und herrennt, flucht, gestikuliert, sich die Haare rauft oder aber versteinert auf der Trainerbank sitzenbleibt und sein bestes Pokerface herzeigt – auf dem Platz geht alle Theorie zuschanden. Die Viererkette hält nicht, die Standardsituationen mißraten, die Kombinationen klappen nicht. Wo ist das Spiel ohne Ball geblieben? Warum tappen die Spieler in die Abseitsfalle? Die schöne Taktik zerfällt in Stückwerk und Einzelaktionen.

Woran liegt es, daß Garten- Spiel- und Lebensentwürfe in der Regel so kläglich scheitern?

Am Wetter. Am Gegner. An der eigenen Mannschaft, die nicht hören will. Am inneren Schweinehund. Am Übereifer. Am Schiedsrichter. Am Schicksal, dem unabänderlichen. (Denn der Schöpfer in seiner unerforschlichen Weisheit gesellte den Pflanzen die Schnecken, den Rosen die Blattläuse und den Lilien das Lilienhähnchen bei. Um von den kleineren Übeln des Lebens zu reden.)

http://www.hausgarten.net/blog/7188-lilienhahnchen-feuerroter-kafer-mit-vorliebe-fur-lilien/

Der neuen Lupine hatte ich Schneckenfreiheit versprochen. Für eine Nacht hat das auch geklappt. Leider hat meine couragierte Aktion sie um zwei Blüten gebracht. Wie schnell diese blöden Stengel aber auch abknicken…

Und so heißt es auf dem Platz, im Garten und im Leben:

Machen wir das Beste daraus!

Und fiebern dem neuen Spiel heute abend entgegen. Wenn es jetzt in Schönheit stirbt und verlorengeht, gibt’s wieder mal ganz was Neues zu lesen. Nein, nicht das:

Jerome Boateng und Freundin Sherin

Neun Tage nach dem Nacht-Treff mit Nacktmodell Gina-Lisa Lohfink kommt jetzt heraus: Der Nationalspieler und die Mutter seiner Zwillinge sind schon länger getrennt

Geheimes Liebes-Aus

13. Juni 2012 01.10 Uhr, BZ

Nein, Gewissensbisse muss er nicht haben, denn er hat niemanden betrogen. Jerome Boateng (23) kann treffen, wen er will und wo will – nur nicht unbedingt, wann er will.

http://www.bz-berlin.de/archiv/geheimes-liebes-aus-article1480625.html

Geheime Dinge, die in der Zeitung stehen, gibt es doch schon mehr als genug…

 

Update, 13.6.2012, 23:25

 

Was sich der medienkritischen Beobachterin schon beim ersten Spiel der deutschen Mannschaft erschloß, zeigte die deutsche Mannschaft im zweiten Spiel: 2:1 gegen die Niederlande vulgo Holland. Schweinsteiger bereitete vor, Gomez vollstreckte meisterlich. Lahm war gar nicht lahm, Boateng warf sich mit Verve in einen Scharfschuß aufs Tor und kriegte eins in die Rippen. Das mediale Gerede von Rehabilitation (wofür eigentlich?) und Bringschuld sollte nun langsam zu Ende sei. Das Gegentor trübt die positive Bilanz nicht: durch die Einwechslung von Klose für Gomez kurz aus dem Tritt gekommen, ließ die deutsche Mannschaft eine Einzelleistung zu, die ihresgleichen sucht (und wohl kaum wiederholbar ist): da schießt der Stürmer zwischen den Beinen des Verteidigers hindurch aufs Tor – unhaltbar für den Torwart.  Ein Glücksschuß. Das erwartbare Pressing des Gegners machte die Sache noch einmal spannend…

Ein tolles Spiel. Congrats.

Und dann die reporterdämliche Frage an Philipp Lahm:

»Warum ist es dann doch noch ein Zitterspiel geworden?«

Ei, Kall, mei Drobbe…

In der Halbzeitpause wurden sechs gefräßige Gartengegner zur Strecke gebracht – ganz ohne Einsatz der Taschenlampe. Ein rundum gelungener Abend. Und daß eine der beiden abgebrochenen Lupinenblüten in der Vase statt in rosa nun in gelb erblüht, belegt, daß man von der Natur noch nicht allzuviel weiß, dämlichen Computersimulationen zum Trotz…

Grass-Gedicht: Über die Arroganz unserer versagenden medialen Vordenker

Christoph von Marschall im TAGESSPIEGEL, 13.4.2012:

Die meisten Deutschen spüren auch instinktiv, warum Israels Atomwaffen ihnen keine schlaflosen Nächte bereiten, iranische schon.

http://www.tagesspiegel.de/meinung/krieg-und-diplomatie-gespraeche-sind-kein-selbstzweck/6503290.html

Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz, so weiß es ein Sprichwort. Dieser Leitartikel-Satz belegt jene Erkenntnis aufs Grellste.

Dumm ist es, dem Volk Instinkte zu unterstellen, die es nicht hat. Schon im Jahr 2003 ergab eine Umfrage, daß die EU-Bürger in Israel die größte Gefahr für den Weltfrieden sahen – weshalb sich die Auftraggeberin auch gleich von dem Ergebnis distanzierte. So genau wollte sie es dann, aufgerüttelt durch israelische Kritik, dann doch nicht wissen.

03.11.2003
„Gefahr für den Weltfrieden“
EU distanziert sich von eigener Umfrage

Peinlich, peinlich: Eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Umfrage ergab, dass die EU-Bürger in Israel die größte Gefahr für den Weltfrieden sehen. Rang zwei geht an eine etwas andere Achse des Bösen bestehend aus Iran, Nordkorea – und den USA. Nachdem aus Israel scharfe Kritik kam, distanzierte sich Brüssel rasch.

[…]

Der israelische Außenminister Silwan Schalom hatte zuvor erklärt, die von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Umfrage sei auf unverantwortliche Weise erstellt worden und verzerre die Wirklichkeit.

In der Erhebung sahen 59 Prozent der Befragten in Israel eine Gefahr für den Frieden in der Welt. Israel führte damit die Rangliste der als gefährlich eingeschätzten Staaten noch vor Iran, Nordkorea und den USA mit jeweils 53 Prozent an. In Deutschland sahen sogar 65 Prozent der Befragten in Israel eine Gefahr für den Frieden. Israel lag damit in Deutschland gleichauf mit Nordkorea.

Schalom distanzierte sich ungeachtet seiner Kritik an der Studie von Äußerungen des israelischen Jerusalem-Ministers Natan Scharansky, der die Umfrage als Beleg dafür sah, dass hinter politischer Kritik an Israel reiner Antisemitismus stehe. „Wie in der Vergangenheit, als Juden als der Satan und schuldig an allem Bösen der Welt beschrieben wurden, macht die aufgeklärte Welt von heute Israel für alle Krankheiten der Welt verantwortlich“, hatte Scharansky erklärt.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,272436,00.html

Dumm ist es, existierende israelische Atomwaffen mit nicht existierenden iranischen Atomwaffen gleichzusetzen.

Dumm ist es, anzunehmen, daß das Volk sich in selbstverschuldete Unmündigkeit begeben und auf Instinkte vertrauen werde, wenn es um politische Einschätzungen geht.

Und stolz bzw. arrogant ist es, daß ein Journalist meint, sich mit Verweis auf angeblich richtige Instinkte vor Recherche und Begründung seiner unmaßgeblichen Meinung drücken zu können. Was gedruckt ist, ist schließlich immer richtig – seine bloße Meinung daher auch. Die des Dichters Günter Grass dagegen nicht. Was, wenn sie viel begründeter wäre als die unseres Leitartiklers? Den natürlich auch nicht die Angst vor einem Krieg bewegt, denn Friedensbewegte hat er, zynisch, wie er ist, schon längst als Spezies des Gutmenschentums verortet und als irrelevant abgelegt.

Vielleicht hilft ihm und seinen Kollegen, die so gerne militärische Sandkastenspiele betreiben, ein Blick in die Historie der israelischen Nuklear-Aufrüstung und ihre Auswirkung:

21.10.1991

Ich schulde Ihnen die Bombe

Weil Israel seinen Verbündeten nicht trauen mochte, sollten eigene Atomwaffen das Überleben des jüdischen Staates garantieren. Um sie zu erhalten, war Politikern und Militärs jedes Mittel recht. In einem neuen Buch enthüllt der amerikanische Journalist Seymour Hersh die dunkle Geschichte der israelischen Superwaffe.

Die acht Scud-Raketen, die 25 Stunden nach Beginn des Golfkriegs in Tel Aviv und bei Haifa einschlugen, sorgten für Panik beim Oberkommando der US-Streitkräfte im saudiarabischen Riad. Die Angriffsplaner hatten gehofft, die Abschußrampen im Westen des Irak seien schon bei den ersten Bombenflügen ausgeschaltet worden.

Alle Aufklärungsanstrengungen der Amerikaner richteten sich jetzt darauf, herauszufinden, wie viele Raketen der irakische Diktator noch abschießen könnte. Kameras in Flugzeugen und Satelliten wurden fündig: Sie entdeckten eine deutlich höhere Anzahl mobiler Abschußrampen, als Amerikas Geheimdienste vor Ausbruch des Krieges gemeldet hatten.

Doch die Bilder aus der Konfliktregion belegten auch, daß Gefahr nicht nur vom Kriegsgegner drohte. Ein Satellit, der in 96 Minuten die Erde umkreiste, hatte Daten gesendet, deren Auswertung US-Analytiker davon überzeugte, daß Israel sein nukleares Potential aktiviert hatte.

Mobile Abschußrampen waren in Stellung gebracht, die Sprengköpfe geschärft worden. Feuerbereit zielten die Raketen auf irakische Städte. US-Präsident George Bush mußte damit rechnen, daß von einem bestimmten Eskalationspunkt an Israel einen irakischen Angriff nuklear vergelten würde.

Wo dieser Punkt lag, wußte niemand. Für den Rest des Krieges unternahmen die Amerikaner alle erdenklichen diplomatischen Anstrengungen, um die Israelis zum Stillhalten zu bewegen und eine völlig unkontrollierbare Ausweitung des Krieges zu verhindern. Die Zerstörung der Scud-Batterien genoß fortan allerhöchste Priorität.

Sicher war dagegen, daß der wichtigste Nahost-Verbündete der Amerikaner die Entscheidung über den Einsatz seiner Atomwaffen in völliger Souveränität treffen würde. Das zumindest hatte die Geschichte der nuklearen Aufrüstung Israels gezeigt.

[…]

Doch eines ist schon heute verwirklicht: Die Atommacht Israel ist auf fremde Hilfe nicht mehr angewiesen. Sie allein, so lautet die unheimliche Erkenntnis des brisanten Buches von Hersh, wird beim nächsten Nahostkonflikt über den adäquaten Einsatz ihrer Waffen entscheiden.

* Seymour M. Hersh: „Atommacht Israel“. Droemer Knaur, München; 384 Seiten; 39,80 Mark.

DER SPIEGEL 43/1991

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13492033.html

In derselben unheimlichen Situation befinden wir uns heute: Netanjahu hat Anfang März 2012 gegenüber den USA erklärt, unabhängig von der erbetenen und verweigerten militärischen Hilfe der Vereinigten Staaten über einen Angriff auf den Iran zu entscheiden. Israel ist außenpolitisch isoliert, nachdem es alle UN-Resolutionen gegen den illegalen Siedlungsbau ignoriert hat, der die Zwei-Staaten-Lösung torpediert. Anders als im Kalten Krieg gibt es im Nahen Osten kein nukleares Gleichgewicht des Schreckens, dessen Devise lautete: Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter. Es gibt niemanden, der Israel daran hindern könnte, ab einer bestimmten Eskalation eines iranischen Gegenschlags auch Atomwaffen einzusetzen. Und nicht nur Deutschen macht die aktuelle rechtsgerichtete religiös fundamentalistische israelische Regierung Angst. Denn religiösen Eiferern ist alles zuzutrauen, egal, welcher Religion sie angehören. Ihnen fehlt die Vernunft.

Debatte um Grass-Gedicht

„Ich fürchte mich vor der israelischen Regierung“

12.04.2012, 17:56

Die Debatte um das Gedicht von Günter Grass war vor allem die ergrauter Intellektueller und Politiker. Süddeutsche.de lässt nun junge Israelis zu Wort kommen. Die finden: Auch Deutsche haben das Recht, sich über die Politik ihres Heimatlandes aufzuregen.

[…]

Gadi Kenny, Friedensaktivist

„In den 70er oder 80er Jahren war Günter Grass in Israel ein sehr populärer Schriftsteller. Ich habe seine Bücher oft bei Bekannten gesehen. Besonders für meine Generation ist Grass also durchaus ein Begriff. Vielleicht ist das auch der Grund, warum es jetzt in Israel eine so große Diskussion darüber gibt.

Ich habe über ihn in der Tageszeitung Haaretz gelesen, wo er bis heute in Artikeln besprochen wird. Interessanterweise gehört die Zeitung Israelis mit deutschen Wurzeln.

Ansichten, wie Grass sie äußert  sind mittlerweile weit verbreitet. Das liegt wohl daran, dass die Situation in Israel aufgrund der Terroranschläge immer problematischer geworden ist. Es würde mich interessieren, wieviel Grass wirklich über die Israelis und die Iraner weiß. Ich für meinen Teil fürchte mich vor der israelischen Regierung. Ich fürchte mich vor der ganzen Eskalation, der Militarisierung in meinem Land. Ich habe das Gefühl, dass Israel zu der Spitze des Eisberges in einem Kampf der Kulturen geworden ist.“

http://www.sueddeutsche.de/politik/debatte-um-grass-gedicht-ich-fuerchte-mich-vor-der-israelischen-regierung-1.1331114

In dieser aktuellen Situation setzen die USA alles daran, die israelische Regierung von dem angekündigten völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Iran (und nichts anderes ist der Militärschlag gegen iranische Atomanlagen) abzuhalten. Und zwar, indem sie einem solchen Angriff auch den letzten Schein von Rationalität und Legitimität nehmen. Zunächst leakten sie über die ›New York Times‹ die erschreckenden Ergebnisse eines amerikanischen Planspiels – mit dem zusätzlichen Tenor, daß ein Militärschlag das iranische Nuklearprogramm nur um ein bis drei Jahre zurückwerfen würde.

20.03.2012

Iran-Planspiel

US-Simulation prophezeit Krieg bei Erstschlag Israels

Es war ein Planspiel, das die Folgen einer israelischen Attacke auf Irans Atomanlagen aufzeigen sollte – und das Resultat ist drastisch. Ein solcher Angriff, so Experten des Pentagon, könnte einen Krieg auslösen. Auch US-Streitkräfte würden in einen solchen Konflikt hineingezogen.

Washington – Es ist ein düsteres Szenario, das US-Top-Militärs in einer geheimen Simulation erarbeitet haben. Eine Attacke Israels auf Atomanlagen in Iran würde demnach einen regionalen Krieg auslösen – in den aber auch die USA hineingezogen werden könnten. Das Leben Hunderter US-Soldaten wäre laut dem Planspiel in größter Gefahr. Dies berichtet die „New York Times“ unter Berufung auf Beteiligte an dem Projekt.

Rund zwei Wochen lang hatten die Militärexperten die Simulation Internal Look laufen lassen. Eines der wahrscheinlichen Szenarien sieht einen iranischen Angriff auf US-Kriegsschiffe in der Region voraus. Als Gegenmaßnahme könnten die USA mit Angriff auf die Atomanlagen des Regimes in Teheran reagieren, so das Blatt.

Auch die Auswirkungen solcher Angriffe auf das umstrittene Nuklearprogramm wurden berechnet. Demnach würde die Entwicklung der iranischen Atomanlagen durch den israelischen Erstschlag um rund ein Jahr zurückgeworfen, durch mögliche Schläge der Amerikaner noch einmal um zwei weitere Jahre.

www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822550,00.html

Selbst unser journalistischer Oberstratege Josef Joffe sieht die Sache richtig:

Das Pentagon hat vor drei Wochen den Ausgang eines Kriegsspiels an die Presse gestreut, wonach ein israelischer Alleingang das Atomprogramm nur um ein Jahr zurückwerfen, aber einen Krieg in der gesamten Region entfachen würde. Das Szenario: Die Iraner schlagen mit Raketen zurück und töten 200 Amerikaner auf einem Navy-Schiff im Golf. Nun entfesselt Amerika seinen eigenen Krieg gegen die Mullahs. Zeitgewinn gerade mal zwei weitere Jahre. Es bringt also nichts. […] Die Indiskretion enthält eine politische Botschaft: Das Militär will keinen Krieg gegen den Iran; deshalb hat die Generalität die trübe Bilanz an die Medien lanciert. Obama will ihn ebensowenig.

ZEIT 16/12, 12.4.2012, S.3

http://www.zeit.de/2012/16/Kriegsspiele/komplettansicht

Ein Militärschlag Israels gegen den Iran ist damit vorab als irrational und verantwortungslos gebrandmarkt worden.

Am 8.4.2012 lancierten amerikanische Regierungsoffizielle in der ›Washington Post‹, daß der Iran weder in der Vergangenheit geplant hat noch heute plant, sich nuklear zu bewaffnen. Die Überwachung des Iran sei so vollständig, daß jeder Umschwung hin zu einer Entscheidung, Nuklearwaffen herzustellen, sofort bemerkt werden würde. Ein Artikel, der bis heute in Deutschland in seiner Brisanz niemals kommuniziert wurde: bedeutet er doch, daß mit der unter Bush begonnenen Dämonisierung des Iran durch Amerika jetzt Schluß ist – und daß Israel der letzte Rest an Scheinlegitimität genommen wird, einen völkerrechtswidrigen Militärschlag als Präventivmaßnahme gegen eine drohende Gefahr auszugeben. Ausführlichst wird über die amerikanischen Überwachungsmaßnahmen Auskunft erteilt:

U.S. intelligence gains in Iran seen as boost to confidence

By Joby Warrick and Greg Miller, Published: April 8

More than three years ago, the CIA dispatched a stealth surveillance drone into the skies over Iran.

The bat-winged aircraft penetrated more than 600 miles inside the country, captured images of Iran’s secret nuclear facility at Qom and then flew home. All the while, analysts at the CIA and other agencies watched carefully for any sign that the craft, dubbed the RQ-170 Sentinel, had been detected by Tehran’s air defenses on its maiden voyage.

[…]

U.S. officials say Iran’s leaders are gathering the materials for a nuclear bomb but have not decided to build one. If they do, they’ll have to overcome technical hurdles and risk having their work discovered by outsiders. Here are steps Iran might follow to make its first weapon.

[…]

White House officials contend that Iran’s leaders have not decided to build a nuclear weapon, and they say it would take Iran at least a year to do so if it were to launch a crash program now.

“Even in the absolute worst case — six months — there is time for the president to have options,” said the senior U.S. official, one of seven current or former advisers on security policy who agreed to discuss U.S. options on Iran on the condition of anonymity.

http://www.wpost.com/world/national-security/us-sees-intelligence-surge-as-boost-to-confidence/2012/04/07/gIQAlCha2S_story.html

Nicht nur die deutschen Medien, die offenbar nicht mal mehr Zeitung lesen können, haben versagt. Die deutsche Politik ebenso. Denn außer einem leisen „Du, Du“ gegenüber dem israelischen Verteidigungsminister gab es über die zwei in diesem Jahr lieferbaren Dolphin-U-Boote hinaus just in der Zeit, in der die israelische Regierung militärische Angriffe ankündigt, die Zusage über eine weitere U-Boot-Lieferung.

Und zwar über so ein U-Boot, laut Jürgen Rose, Oberstleutnant der Bundeswehr a. D. und Vorstandsmitglied der kritischen SoldatInnenvereinigung „Darmstädter Signal“ in einem gegen die Grünen gerichteten Artikel vom 5.8.2011, der nicht einmal im FREITAG erscheinen durfte, so vehement und gegen alle Parteien setzte er sich mit der Unmoral deutscher Rüstungslieferungen auseinander:

Die rot-grüne Bundesregierung hat nämlich damals Tel Aviv nicht nur irgendwelche U-Boote geliefert, sondern der Atommacht Israel damit wissentlich und vorsätzlich die Trägersysteme für das seegestützte Element ihres nuklearen Waffenarsenals verfügbar gemacht. Dank der auf deutschen Werften für die Aufnahme der atomaren Bewaffnung eigens zugerichteten U-Boote des Typs U-212A, einem brennstoffzellengetriebenen, wochenlang tauchfähigen, praktisch unverwundbaren und zugleich einem der gefährlichsten Waffensysteme der Welt, besitzt Israel die Option, seine militärische Vorherrschaft in der Region mittels nuklearer Vernichtungsdrohung auf Dauer unangreifbar abzusichern – ein wahrlich beeindruckender Erfolg verantwortungsvoller deutscher Rüstungsexportpolitik unter Rot-Grün und unbestreitbar ein Beitrag zum Frieden in Nah- und Mittelost.

http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16806

Die deutsche Regierung wird auch diesen Artikel der britischen Sunday Times von 2010 (das Original habe ich im Net nicht gefunden) gekannt haben, der nicht nur in Israel hohe Wellen schlug; danach operierten die hochwahrscheinlich nuklear ausgerüsteten U-Boote mit einer Reichweite von 1.500 km gegen den Iran – im Juli 2009 war es bereits gelungen, eines von den drei U-Booten durch den Suez-Kanal ins Rote Meer zu schleusen, und nun sollte mit ihnen eine permanente Kontrolle der iranischen Küste erreicht werden: seinerzeit mit dem Ziel, als Abschreckung zu dienen, Informationen zu gewinnen und eventuell Mossad-Agenten im Iran abzusetzen (deren Ziel die Ermordung iranischer Atomwissenschaftler war und ist):

  • Published 10:54 30.05.10
  • Latest update 10:54 30.05.10

Report: Israel to deploy nuclear-armed submarines off Iran coast

Sunday Times quotes IDF official saying the 3 German-made long range submarines will gather intelligence, act as deterrent and potentially land Mossad agents.

Israel is to deploy three submarines equipped with nuclear cruise missiles in the Persian Gulf, the Sunday Times reported on Sunday.

According to the Times report, one submarine had been sent over Israeli fears that ballistic missiles developed by Iran, and in the possession of Syria and Hezbollah, could be used to hit strategic sites within Israel, such as air bases and missile launchers.

Dolphin, Tekuma, and Leviathan, all German-made Dolphin class submarines of the 7th navy Flotilla, have been reported as frequenting the Gulf in the past, however, according to the Sunday Times report, this new deployment is meant to ensure a permanent naval presence near the Iranian coastline.

A flotilla officer told the Times that the deployed submarines were meant to act as a deterrent, gather intelligence and potentially to land Mossad agents.

„We’re a solid base for collecting sensitive information, as we can stay for a long time in one place,“ the officer said.

The flotilla’s commander, identified only as „Colonel O,“ was quoted by the Times as saying that the submarine force was „an underwater assault force. We’re operating deep and far, very far, from our borders.“

The submarines could be used if Iran continues its program to produce a nuclear bomb. „The 1,500km range of the submarines’ cruise missiles can reach any target in Iran,“ a navy officer told the Times.

Apparently responding to the reported Israeli activity, an Iranian admiral told the Times: „Anyone who wishes to do an evil act in the Persian Gulf will receive a forceful response from us.“

Last July, defense sources reported that an Israeli submarine had sailed the Suez Canal to the Red Sea last month, describing the unusual maneuver as a show of strategic reach in the face of Iran.

Israel has long kept its three Dolphin-class submarines, which are widely assumed to carry nuclear missiles, away from Suez so as not to expose them to the gaze of Egyptian harbormasters.

http://www.haaretz.com/news/diplomacy-defense/report-israel-to-deploy-nuclear-armed-submarines-off-iran-coast-1.293005

Es mutet schon merkwürdig an, daß kein deutscher Journalist und kein deutscher Politiker die Regierung kritisch zu dieser unverantwortlichen neuerlichen Lieferungszusage befragt. Denn eigentlich müßte sogar die Lieferung der in diesem Jahr fertig werdenden U-Boote Nr. 4 und 5, weitaus teurer und noch ausgeklügelter als die der Nrn. 1-3, gestoppt werden: spannungsreicher als in diesem Jahr könnte der Nahe Osten gar nicht sein, als daß von Rechts wegen dorthin geliefert werden dürfte: ob sich wohl jemand findet, der der Regierung per einstweiliger Anordnung zum Bundesverfassungsgericht zu besserer Einsicht verhilft?

Zu den Absurditäten des Medienbetriebs gehört es, daß ausgerechnet BILD, schlimmster Hetzer gegen das ›irre‹ Grass-Gedicht und schlimmster Diffamierer des Menschen Günter Grass, auf diesen Artikel in der ›Sunday Times‹ zurückkommt und der Regierung leise Vorwürfe wegen der U-Boot-Zusage macht – als einziges Medium weit und breit: was soll man davon halten? (Mich hat natürlich auch die plumpe Vertraulichkeit der Netanjahu-Anrede ›Dear Angela‹ geschockt. Ich gehe mal davon aus, daß der Brief in englischer Sprache verfaßt ist und daß BILD das neutrale ›you‹ mit ›Du‹ übersetzt hat – ansonsten würde es mich schütteln ob der Zudringlichkeiten, mit denen man es als Politikerin oder Politiker zu tun hat):

Am 24.3.2012 schreibt BILD:

So wertvoll sind die „Dolphins“ für Israel, dass Premierminister Benjamin Netanjahu sich in einem Brief persönlich bei Kanzlerin Angela Merkel bedankte.

Das Schreiben, das BILD.de exklusiv vorliegt, ist brisant. Es deutet darauf hin, dass die U-Boote aus deutscher Herstellung bei einem möglichen Krieg Israels gegen den Iran zum Einsatz kommen könnten!

„Liebe Angela“, schreibt Netanjahu in seinem Brief, „ich möchte Dir persönlich und im Namen der israelischen Regierung dafür danken, dass Du der Lieferung eines weiteren U-Boots zugestimmt hast.“

Dann kommt der entscheidende Satz: Die U-Boote würden Israel „helfen, unser immenses Bedürfnis auf Verteidigung in diesen turbulenten Zeiten zu gewährleisten.“

Turbulente Zeiten – eine deutliche Anspielung auf den schwelenden Atomkonflikt mit dem Iran!

Die deutsche Rüstungslieferung werde „auf großartige Weise zur Sicherheit des jüdischen Staates beitragen“, so Netanjahu in seinem Brief an Merkel weiter.

Die „Dolphin“-U-Boote können sowohl mit nuklearen als auch mit konventionellen Marschflugkörpern bestückt werden. Nach einem Bericht der britischen „Sunday Times“ kreuzt mindestens ein israelisches U-Boot mit Atomwaffen ständig im Persischen Golf – als Abschreckung gegen den Iran.

Ein General der Bundeswehr hält es für möglich, dass Israel die U-Boote bei einem Präventivschlag gegen den Iran einsetzen könnte.

„Man kann mit Marschflugkörpern, die vom Wasser aus abgefeuert werden, eine ganz enorme Zerstörungskraft entfalten und zum Beispiel Luftabwehrsysteme ausschalten“, so der deutsche General zu BILD.de.

Ein israelischer U-Boot-Kommandant sagt in der „Sunday Times“: „Wir sind eine Unterwasser-Angriffseinheit. Wir operieren weit entfernt von den Grenzen unseres eigenen Landes.“

Und ein weiterer israelischer Marine-Offizier sagt: „Mit der 1500-Kilometer-Reichweite unserer U-Boot-Marschflugkörper können wir jedes Ziel im Iran treffen.“

Sogar Israels Verteidigungsminister Ehud Barak spricht inzwischen öffentlich über einen Einsatz der deutschen U-Boote in einem möglichen Krieg mit dem Iran.

Der Kauf der U-Boote, so Barak im israelischen Rundfunk, stärke die israelische Marine, die immer mehr eine Schlüsselrolle dabei spiele, Herausforderungen wie dem Iran zu begegnen.

„In den letzten Jahren haben wir unsere Marine zur Speerspitze, zum langen Arm des israelischen Militärs ausgebaut“, so Barak.

http://www.bild.de/politik/ausland/atomprogramm-iran/greift-israel-mit-deutschen-u-booten-an-23310708.bild.html

Grass sei Dank. Er hat zwar die Pfeile auf sich ziehen müssen und hat das auf sich genommen, weil er gar nicht verlieren kann (gegen Ende des Lebens ist das alles vanitas, was die fuchtelnden Zeitgenossen, die sich mittendrin wähnen, für Lebenselixier halten). Und er hat, das war der Sinn seines politischen Gedichts, den Blick auf die falsche Politik der Deutschen gegenüber Israel gelenkt, die noch als Wiedergutmachung verkaufen, was nur Geschäft ist und mehr noch als das, Beschädigung der Existenz des Staates Israels gegen sein eigenes Volk. Vielleicht bringt Obama Merkel noch zur Raison – wer weiß.

Irgendwann werden sich Philologen über den Nachlaß von Günter Grass beugen und vermutlich herausfinden, daß es der 20.3.2012 war, der ihn zu seinem so wirkmächtigen Gedicht veranlaßte. An diesem Tag wurde die erneute U-Boot-Lieferung Deutschlands an Israel publik. Und am selben Tag gab es dieses Gespräch in der Tagesschau:

Konflikt zwischen Israel und Iran

Militärschlag laut Experte „fast schon sicher“

Beim Besuch von Israels Verteidigungsminister Barak in Berlin steht auch das Thema eines israelischen Militärschlags gegen den Iran auf der Tagesordnung. Dieser wird nach Einschätzung von Nahost-Experte Michael Lüders immer wahrscheinlicher. Die Folgen wären verheerend, sagt er im Gespräch mit tagesschau.de.

[…]

tagesschau.de: Sie sagen, ein Angriff Israels ist fast schon sicher. Wann rechnen Sie damit?

Lüders: Wann genau es passiert oder nicht, weiß natürlich niemand. Bei dem Treffen von Netanjahu und Obama am 5. März in Washington war die Rede davon, dass beide Seiten noch ein Zeitfenster von zwei Monaten einräumen, um zu einer Verhandlungslösung zu kommen. Aber wenn mal eine solche Dynamik greift, wie wir sie jetzt erleben, dann ist nicht davon auszugehen, dass eine der Parteien einen Rückzieher macht.

Mal davon abgesehen geht es in diesem Konflikt nur vordergründig um das Atomprogramm. Es geht vor allem darum, einen geostrategischen Rivalen auszuschalten. Der Iran ist das letzte Land im weiten Feld zwischen Marokko und Indonesien, das keine pro-westliche Politik verfolgt. Die USA und Israel hätten – wäre die Islamische Republik Iran vernichtend geschlagen – keinerlei Widersacher mehr in der Region.

tagesschau.de: Israel argumentiert unter anderem damit, dass Teheran darauf aus sei, das Land zu vernichten. Ahmadinedschad hat sich in der Vergangenheit wiederholt so geäußert. Wie ernst muss man die Drohung Teherans nehmen?

Lüders: Ahmadinedschad ist ein furchtbarer Demagoge, er ist wiederholt durch antiisraelische Polemik aufgefallen und hat den Holocaust geleugnet. Er hat seinem eigenen Land einen Bärendienst erwiesen, denn er hat den Kriegstreibern in Israel und den USA damit eine Steilvorlage geliefert. Aber dieses Zitat, was immer wieder in den deutschen Medien zu vernehmen ist, ist sachlich falsch. Der Iran hat nicht damit gedroht, Israel zu vernichten. Das ist eine falsche Übersetzung einer Rede von 2005, wo Ahmadinedschad erklärte, dass der Zionismus vor der Geschichte keinen Bestand haben werde. Er hat gesagt, das Besatzerregime müsse Geschichte werden, so wie das Apartheitsregime in Südafrika Geschichte geworden ist.

Der Iran hat keinen Grund, Israel anzugreifen, es gibt keine territorialen Konflikte mit Israel, die beiden Länder liegen 2000 Kilometer auseinander. Es ist hier viel Ideologie im Spiel und es geht um Machtansprüche.

tagesschau.de: Aber warum macht Teheran keine Zugeständnisse, um zu deeskalieren?

Lüders: Welches Zugeständnis sollen die Iraner denn machen? Durch die wirtschaftlichen Sanktionen setzt man ihnen die Pistole auf die Brust. Und egal, welche Zugeständnisse sie in der Vergangenheit gemacht haben, es wurde ihnen immer negativ ausgelegt …

[…]

tagesschau.de: Welche Konsequenzen hätte ein Angriff Israels?

Lüders: Die Kriegspropagandisten behaupten, ein Krieg gegen den Iran wäre so eine Art verlängerter Spaziergang. Man würde zwei, maximal drei Wochen das Land bombardieren. Dann würde das marode Regime in sich zusammenfallen und die Demokratiebewegung würde die Chance ergreifen, selbst die Macht zu übernehmen.

Das alles ist Unfug. Ein Krieg gegen den Iran würde sich über Monate und Jahre erstrecken und er würde die gesamte Region zum Explodieren bringen. Das hätte verheerende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Es wäre ein Krieg, der politisch nicht mehr einzudämmen wäre, wie bei einer chemischen Kettenreaktion. Das ist ein ganz anderes Kaliber als der Krieg gegen den Irak oder Afghanistan. Ein solcher Angriff würde das Jahrhundert prägen, wie der erste Weltkrieg das vorige Jahrhundert geprägt hat.

[…]

tagesschau.de: Welche Alternativen gibt es zu einem Angriff? Auch die wirtschaftlichen Sanktionen scheinen ja nichts zu bewirken.

Lüders: Der Westen muss seine Strategie ändern. Man muss beginnen, mit dem Iran ernsthaft zu verhandeln. Die Verhandlungen bisher hatten nicht das Ziel, Kompromisse herbeizuführen. Es waren Verhandlungen, bei denen man den Iranern die Pistole auf die Brust gesetzt hat, nach dem Motto ‚Akzeptiert unsere Bedingungen oder wir werden euch wirtschaftlich in Grund und Boden boykottieren‘. Und genau das passiert ja im Augenblick. Das ist keine Politik, das ist Erpressung und darauf lässt sich der Iran nicht ein.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de

Stand: 20.03.2012 15:13 Uhr

http://www.tagesschau.de/ausland/iraninterview104.html

Und es ist ein Literaturwissenschaftler, Prof. Thomas Anz, der gegen die Journaille und gegen die üblichen reflexhaften Schmäher (zu denen auch Klein-Literaten und Klein-Literaturkritiker gehören, deren begrenzte Kreativität schon immer die Neigung zum Vatermord förderte) zu dem Schluß kommt, daß die Verreißer eben ungenau lesen:

Günter Grass und „Was gesagt werden muss“

Kleine Verteidigung eines heftig attackierten Friedensgedichtes

Von Thomas Anz

Das wenige Tage vor den Osterfeiertagen erschienene Gedicht „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass hat zu vielen empörten Reaktionen provoziert, obwohl es ungemein vorsichtig ein Problem aufgreift, das viele andere längst ähnlich angesprochen haben. Wie kommt es, dass ein ganz offensichtlich in der pazifistischen Tradition der Friedensbewegung und der Ostermärsche stehendes, auf Völkerversöhnung und -verständigung zielendes Gedicht derart feindselige Reaktionen hervorruft? Und zwar genau jene, die es antizipiert und denen es vorbeugend entgegenarbeitet?

Jede Kritik an der Rüstungs- und militärischen Abschreckungspolitik der israelischen Regierung muss, ähnlich wie schon die Kritik an der Aufrüstungsspirale in alten Zeiten des Kalten Krieges, mit reflexartigen Reaktionen rechnen, die der fatalen Logik von Freund-Feind-Schemata folgen:

1. Die Gefährlichkeit des Iran werde ignoriert oder verharmlost.

[…]

2. Die Kritik an der Politik der Regierung Israels sei durch antisemitische Einstellungen motiviert.

[…]

3. Deutsche hätten aufgrund der mörderischen Vergangenheit ihres Landes kein Recht, einem anderen Land und vor allem nicht Israel eine friedensgefährdende und dabei die Vernichtung eines ganzen Volkes riskierende Politik vorzuwerfen. Damit würden sie die eigenen Verbrechen relativieren oder von ihnen ablenken.

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16571

Alle diese Punkte widerlegt er durch das Gedicht selbst – und nur mein Respekt vor dem Urheberrecht hindert mich daran, diesen Artikel in Gänze zu zitieren.

Thomas Anz:

Das Gedicht ist jedoch vor allem eine Kritik an Deutschland, an dem drittgrößten Rüstungsexporteur der Welt. Es reagiert auf wenige Tage zuvor erschienene Meldungen, dass Deutschland ein sechstes U-Boot nach Israel liefern wird, das mit atomwaffenfähigen Mittelstreckenraketen ausgerüstet werden kann. Ein Drittel der Kosten, 135 Millionen Euro, übernimmt der deutsche Staat.

Dass die deutschen Waffenlieferungen an Israel wie alle Waffenlieferungen ein Geschäft sind, dieses aber im Fall Israels mit besonders gutem Gewissen als Akt der „Wiedergutmachung“ deklariert wird, ist eine der Botschaften dieses Gedichts. Die zentrale aber steht an seinem Ende, ein konstruktiver Vorschlag und eine Hoffnung auf friedliche Konfliktlösungen. Was ist daran so anstößig?

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16571

Tja. Das versteht wirklich keiner, der sich noch den Luxus des Selber-Denkens leistet. Der Wunsch sei irreal, weil Israel sich niemals in die Karten gucken lassen werde? Eben diese starrsinnige Haltung muß aufgegeben werden. Frieden gibt es nicht durch Übermilitarisierung, sondern durch vernünftigen Interessenausgleich.

Thomas Anz liefert keine Literaturkritik, er weist nur darauf hin, daß es bislang keine gab und daß sie nachgeholt werden müsse. Und natürlich muß ihm die Frage, ob es sich bei dem Gedicht von Günter Grass überhaupt um ein Gedicht handele, absurd erscheinen. Auf diesem Niveau bewegt sich allenfalls ein ununterrichteter Bürger, der, eines abstrakten Bildes angesichtig, erklärt, daß auch seine fünfjährige Tochter so etwas anfertigen könne.

Thomas Anz liefert darüberhinaus noch einen wertvollen Hinweis auf den Gedichttitel (den der gemeine illiterate Journi ja mit der Stammtisch-Parole ›Das wird man ja wohl noch sagen dürfen‹ schon inhaltlich falsch konnotiert hat):

Marcel Reich-Ranicki hatte 1995 im „Spiegel“ seinen Verriss des Grass-Romans „Ein weites Feld“ unter der Überschrift „… es muß gesagt werden“ veröffentlicht. Das war einer Bemerkung  Fontanes entnommen, die gleich im ersten Abschnitt des Artikels zitiert wird: „Mein lieber Günter Grass, es gehöre ‚zu den schwierigsten und peinlichsten Aufgaben des Metiers‘ – meinte Fontane –, ‚oft auch Berühmtheiten, ja, was schlimmer ist, auch solchen, die einem selber als Größen und Berühmtheiten gelten, unwillkommene Sachen sagen zu müssen‘. Aber – fuhr er fort – ’schlecht ist schlecht, und es muß gesagt werden. Hinterher können dann andere mit den Erklärungen und Milderungen kommen‘.“

Ob Grass sich zu seinem Titel (an dem ebenfalls Kritik geübt wurde) durch Fontane hat inspirieren lassen? Oder durch Reich-Ranicki? Literarische Techniken der Anspielung sind dem Autor jedenfalls keineswegs fremd.

Der Beitrag ist zuerst in  unserem Kulturjournal erschienen – zusammen mit dem kompletten Text des Gedichtes und  Hinweisen  auf die Resonanz darauf. Weitere Beiträge zu der Debatte sind willkommen.

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16571

Kulturgeschichte wird weder durch die schnellfingrige Medienmeute noch durch Politiker geschrieben, die in dem ganzen Trubel mit dem Ziel: Haben mich die Medien auch noch lieb? Steche ich meinen Konkurrenten aus? Gewinne ich die nächsten Wahlen? sowieso nie Zeit zum Nachdenken finden. Politik ist dank der Macht Nr. 1, der vampirischen Medien, ein extrem unterbezahltes burn-out-Umfeld geworden, in dem alle Ideale (und das richtige und wichtige Privatleben) auf der Strecke bleiben müssen. ›The survival of the fittest‹ bekommt unter diesen Vorzeichen eine geradezu bedrohliche Aussage. Denn wie muß ein Mensch beschaffen sein, der diesen medialen Druck über längere Zeit aushält?

Besser als der große Schweizer Autor Adolf Muschg kann man das abstoßend niedrige Treiben dieser Branche gar nicht beschreiben:

Das deutet auch auf einen Generationenwechsel in den Redaktionen. Wer die Welt immer noch als Intellektueller sieht wie Graß – nämlich: als Verpflichtung zur moralischen Intervention – ist ein notorischer Schulmeister, der sich selbst maßlos überschätzt und besser vor der eigenen Tür kehren würde. Als Moraltrompeter ist er eine Figur von Vorgestern und bemächtigt sich einer Aufmerksamkeit, die er nicht verdient: so urteilt dieselbe Macht, die sie ihm verschafft hat. Und sie ist, in Sachen öffentlicher Kultur, spätestens seit der Affäre Wulff von der vierten im Staate zur ersten geworden.

Ich frage bescheiden: womit eigentlich hat das Graß-Gedicht keine sachliche Auseinandersetzung verdient? Warum führt die Brandwarnung – selbst wenn sie unbegründet wäre – nicht weiter als bis zur Hinrichtung des Feuermelders? Hat er für seine übrige Tätigkeit – wenn man die aktuelle schon für einen Mißgriff hält – keinerlei Respekt verdient? Es ist offenbar müßig, danach zu fragen, ja, es ist spielverderberisch – auf ein faires Spiel der veröffentlichten Meinung ist in diesem Fall nicht zu rechnen. Aber die Erinnerung darf nicht verboten sein, daß die Medien ihre Freiheit auch schon liberaler verstanden, ihre Macht selbstkritischer ausgeübt haben. Nur: wer auf Teufel komm raus im Rennen bleiben muß, der holt sich seinen Teufel, wo er ihn findet. Blut lecken ist gut; Blut ziehen ist besser.

Nein, Schonung braucht Graß nicht, aber die unfröhliche Jagd, mit der er zur Strecke gebracht wird, ist kein Zeichen von Souveränität. Es zeugt auch nicht von jenem Selbstvorbehalt an Scham, den man so lautstark bei ihm vermißt. Kritik an Israel hätten andere kompetenter vorgebracht, lese ich überall, die seine sei also nicht nur heuchlerisch, sondern auch wohlfeil. Wenn das wahr ist: warum drückt sich die deutschsprachige Reaktion fast einhellig vor der Frage, ob sie sich denn erledigt hat? Und womit ein Autor wie Graß das Recht verwirkt haben soll, sie weltbürgerlich zu äußern? Das dröhnende Schweigen über diesen Punkt zeigt jedenfalls so viel, daß die Selbstgefälligkeit nicht nur auf seiner Seite ist. Er meinte der Diskussion zu dienen – auch in Israel. Wenn das ein Irrtum ist: warum begnügt man sich damit, seinen ernst gemeinten Beitrag dazu indiskutabel zu finden? Weil die Lage ihn nicht im geringsten rechtfertigt? Weil sie zwar verzweifelt sein mag, aber bitte nicht ernst?

http://www.sonntagonline.ch/ressort/aktuell/2224/

SIE IST ERNST. Und gerade darum ist der übliche Skandalisierungshype der Presse so von Übel.

Update (15.4.2012):

Friedrich Küppersbusch kann immerhin noch Witze über den medialen Hype machen:

Günter Grass wird wegen seines Gedichts „Was gesagt werden muss“ in Israel zur Unperson erklärt und erhält Beifall von den Rechten – hat die öffentliche Person Grass noch eine Zukunft, und wenn ja, als was?

Als Namenspatron der diese Epoche prägenden heimtückischen Stattfindekrankheit. „Du hast ja krass grass“ – „grassierender Unsinn“ – „bald grass ich am Neckar, bald grass ich am Inn“ usf. Seine Leidensgenossen hatten je nach Fortschritt ihrer Erkrankung die moralschäumenden Erwiderungen fertig, kurz bevor Grass überhaupt losdichtete (Broderline-Syndrom), andere bastelten den Text erst noch ein bisschen um, damit sie ihn besser niederschirrmachern konnten. Ein Rudel Meinungshirsche beim brünftigen kommunizierenden Röhren. – Zehn Wochen hat uns diese Selbsthilfegruppe mit der fundamentalen Bedeutung von Preisschildchen unter Bobby-Cars bei Wulffs daheim unterhalten. Nun kommt einer und versucht, mit den Fingern ein relevantes Thema dagegenzustellen – und reißt zugleich mit dem Arsch alles wieder um. Das ist tragisch, vor allem für das Thema: ein Krieg um und womöglich mit Nuklearwaffen, der GAU aller bekannten Nahostszenarien. Das ist das Thema, und nun liegt es begraben unter faulendem Heu.

http://www.taz.de/Die-Woche/!91493/

Aber so ganz begraben ist das Thema nicht: in ›Berlin direkt‹ wurde es heute aufgegriffen – mit dem Tenor, daß die Regierung eine öffentliche Diskussion wohl lieber vermieden hätte.

Update (16.4.2012):

Gestern bei Jauch war wieder das seltsame Spektakel zu besichtigen, daß der Bellizist Wolffsohn, nachdem ihm der Nahostexperte Lüders die Absurdität der propagandistischen Presse-Darstellung, der Iran bedrohe Israel konket, nachgewiesen hatte, sofort auswich: Lüders sei auf eine israelische Taktik hereingefallen. Die Kriegsdrohung Israels sei ja nicht ernstzunehmen, sondern (ebenfalls?) nur Propaganda. Hat Netanjahu ihm persönlich diese Drohung als Lüge gestanden? Und auch erklärt, wieso er mit dem Feuer spielt?

Die Jauch-Sendung hat dank Jakob Augstein, Heide Simonis und Michael Lüders die Diskussion auf der Sachebene vorangetrieben – ein Erfolg, den Günter Grass sich zuschreiben kann. Diese Entwicklung hat er anstoßen wollen, und im Prinzip hat er dafür wenig riskiert: die Rufschädigung durch irrelevante Zeitgenossen – was zählt die schon, wenn es um das höhere Ziel des Weltfriedens geht?

Karl May hat im Jahr 1901 in den patriotisch-militaristischen Chinaband Kürschners sehr listig seine Friedensprosa ›Et in Terra Pax‹ in bewußt verzögerten Text-Lieferungen eingeschmuggelt, weil er diesem Kriegsgong-Werk etwas entgegensetzen wollte – für diesen Coup hat er seinen Ruf als bestsellender Abenteuerschriftsteller benutzt. Und schwer dafür bezahlt, obwohl man seiner Arbeit ein vorzeitiges Ende setzte. Missionare als Geisteskranke und europäische Imperialisten als unzivilisierte Kolonisatoren zu kennzeichnen, hat zu keiner Zeit Autoren genutzt. Ihre Hybris gegen den aktuellen Zeitgeist war und ist allerdings immer berechtigt. Denn der immer aktuelle Zeitgeist will die Aggression. Warum auch immer.

http://www.sueddeutsche.de/medien/tv-kritik-guenther-jauch-ueber-guenter-grass-junge-du-spinnst-1.1333442

Update (24.4.2012)

Thomas Anz, selber ein genauer Leser des Grass-Gedichts, wies in ›Literaturkritik.de‹ auf eine Rezension des Grass-Gedichts hin, der die breiteste Aufmerksamkeit zu wünschen ist. Sie stammt von Heinrich Detering, neben Michael Maar der einzige ernstzunehmende Literaturvermittler überhaupt. Beide sind Philologen, ›Liebhaber des Logos‹, wie es ansonsten weder beamtete Literaturverwalter mit ihrem Seminarsprachenkauderwelsch noch feuilletonistische Kritiker sind, die sich dem Kulturbetrieb nebst seinem ökonomischen Faktor unterworfen haben. Es ist, nach Hans Wollschlägers Tod, rar geworden, solchen Texten zur Literatur zu begegnen, die sich kenntnisreich und ernsthaft, liebend, schöpferischen Produktionen widmen… Ohne den kritischen Aspekt zu vernachlässigen. Heinrich Deterings Arbeit erschien am 16.4.2012 (kein Schnellschuß also) im CICERO.

 

Hier ein Ausschnitt, der das Sich-Einlassen auf den Text belegt – aber das soll natürlich nur ein Teaser sein, den ganzen Text zu lesen:

 

Erstaunlich leicht und genau. In seinem Gedicht tritt das Muster erst im Laufe des Textes hervor; spätestens ab der fünften Zeile ist es zu bemerken. Am deutlichsten wird das Verfahren dort, wo ihm regeltreu gebaute Verse unterlaufen und ebenjene Spannung zwischen metrischer und prosaischer Lesbarkeit erzeugen, die der Begriff des „gestischen Rhythmus“ meint. Die Zeile „Es íst das beháuptete Récht auf den Érstschlag“ ist im epischen Dreivierteltakt des Daktylus gebaut; der Kontext macht sie wiederum prosaisch. Vierhebig liest man, in alltäglicher Betonung, auch dies: „mit flínker Líppe als Wiedergútmachung deklaríert“. Doch der Vers ist überfüllt – als sei er selber „mit flinker Lippe“ geplappert. Wovon er spricht, das demonstriert sein Klang.

 

Noch öfter nützt Grass die Balance der Form zu semantischen Effekten – einige Male auch dort, wo der Streit der Kritiker seinen Anfang nahm. Beispielsweise beim Reden über die deutschen Verbrechen, „díe óhne Vergléich sínd“: Die Zeile verlangt danach, verlangsamt und mit beschwerten Hebungen gelesen zu werden. Hier geht es, gegen alle Relativierungsversuche, um Verbrechen, „die – ohne – Vergleich – sind“. Der Vers gibt, so gelesen, mehr zu verstehen, als sein Wortlaut besagt: eine Emphase, die das Erstarren zur Formel verhindern soll.

 

http://www.cicero.de/salon/guenter-grass-gestischer-rhythmus-prosaische-metrik-lyrische-hochstapelei/48966?seite=2

 

Und dann noch dieser Hinweis:

 

Nahost-Experte stellt sich auf Grass’ Seite

 

 

Lübeck – Der Islamwissenschaftler Udo Steinbach hält Günter Grass’ Gedicht „Was gesagt werden muss“ für den richtigen Text zum richtigen Zeitpunkt.

 

http://www.ln-online.de/nachrichten/3419993/nahost-experte-stellt-sich-auf-grass-seite