Hans Wollschläger: Die Gegenwart einer Illusion. Reden gegen ein Monstrum

H.W. 13.8.05 100. Geburtstag Erwin Chargaff

13.8.2005, 100. Geburtstag von Erwin Chargaff (Foto: privat, Urheber/in unbekannt*)

Hans Wollschläger, *17.3.1935 in Minden  † 19.5.2007 in Bamberg

Es ist wieder eine Aktualität, die den Abschluß meiner Rosenkrieg-Serie um den bayerischen Justiz- und Psychiatrie-Skandalfall Gustl Mollath, der sich mittlerweile zum Politskandal ausgeweitet hat, verhindert. Und dann doch: es sind ganz unheimliche Fäden, die diesen Geburtstag nicht nur mit dem aktuellen Unrechtsfall, sondern auch mit der Wahl des Jesuiten Jorge Bergoglio zum neuen Papst, der sich Franziskus I. nennt, verknüpfen.

Was als erstes ins Auge fällt: daß der geborene Westfale Wollschläger, der ohne Abschluß Kirchenmusik studiert hatte, Anfang der sechziger Jahre als freier Lektor des Karl-May-Verlags an den Verlagssitz nach Bamberg verzog, ins Fränkische, und fortan dieser Stadt in Haßliebe verbunden war (Hans Wollschläger: Bei Gott eine schöne Stadt. Eine zornige Liebeserklärung an Bamberg, seine konservative Liberalität und die vielen guten Gründe, hier zu leben, in: Merian. Bamberg • Fränkische Schweiz, 7/40 [1987], S. 42-45). Daß der Erzbischof ihn, dem plötzlich erwiesenen Kirchenfeind, keine Orgelkonzerte im Dom mehr geben ließ, nagte natürlich ein wenig an dieser Liebe, und die Geschichtsvergessenheit der Bamberger Bischofsstadt, was ihren entscheidenden Anteil an den Greueln der Inquisition und ihr sofortiges Umschwenken hin zu den Nazis schon ab 1933 betrifft, empörte ihn.

Selbstverständlich auch die Zerstörung dieser schönen Stadt durch die Ökonomie:

Überall sind die, vom Denkmalschutz leider nicht undurchkreuzbar gehüteten, Straßenensembles von frechen Schachtel-Grimassen aufgesprengt, auf denen die häßlichen Namen von Banken, Versicherungen und Kaufhäusern stehen, Institutionen also, die ohnehin unter die Erde gehörten;

[Merian, a.a.O., S. 44]

1996 verzog er nach Dörflis bei Königsberg, 30 km von Bamberg entfernt; die fränkische Idylle dort hat nicht zur Altersmilde gegenüber den herrschenden Institutionen geführt. Gustl Mollath hat immer, noch in aussichtlosester Lage, auf den Rechtsstaat vertraut. Hans Wollschläger nie:

Es gibt, so wie die Welt beschaffen ist, weder »Gerechtigkeit« noch einen Anspruch darauf; man kann nur darauf hoffen, stärker zu werden durch das, was einen nicht umbringt…

[aus einem Brief Hans Wollschlägers vom 22.8.1996]

Mich hat immer erschreckt, wie leicht man Opfer werden kann, wo Recht gesprochen wird; ich möchte Richter nie sein…

Woher haben wir eigentlich diesen merkwürdigen Drang, das Gleichgewicht der Dinge, die Große Balance, die Absolute Gerechtigkeit zu wünschen, nachdem sie doch in der anschaubaren Welt gar nicht vorkommt?!

[aus einem Brief Hans Wollschlägers vom 29.11.2002]

Ich sammle solche Fälle, um zur gegebenen Zeit vor dem Jüngsten Gericht diverse Nebenklagen zu vertreten, auch wenn ich mir im klaren darüber bin, daß das mir vorschwebende Strafmaß – hundert Jahre Erkenntnispein – nicht viel Aussicht hat, zum Zuge zu kommen, da die (deutsche) Verteidigung es mühelos mit dem Grundsatz Nulla poena sine lege kippen wird. Es könnte freilich auch sein, daß, weil dann ja doch die Ewige Gerechtigkeit das Sagen bekommen dürfte, das Deutsche Recht selber mitsamt seiner Rechtsprechung bereits in den Orkus getan worden ist und somit das Haupthindernis für die Verfolgung von Politgangstern beseitigt … nun, wir werden sehen.

[Sudelbuch II  (Januar 2001 –  4.3.2007), undatiert, vermutlich Ende 2002]

Tja. Da wird man wohl tatsächlich aufs Jüngste Gericht warten müssen.

Im September 2012 ist der zehnte Band seiner Werksausgabe ›Schriften in Einzelausgaben‹ im gar nicht genug zu lobenden Wallstein Verlag in Göttingen erschienen:

H.W. Illusion

http://www.wallstein-verlag.de/9783835311039-hans-wollschlaeger-die-gegenwart-einer-illusion.html

Die wortmächtigen Essays erschüttern einen aufs Neue – Leser, die die vergriffene Diogenes-Ausgabe von 1978 verpaßt haben, sollten sich der Wucht dieser Texte gegen das Monstrum Kirche durchaus zum ersten Mal aussetzen. Denn da schreibt jemand, der sich auskennt, (idealtypischer?) Sproß eines protestantischen Pfarrhauses, einer, der sich in die Archive begeben hat. Einer, der in der Tradition der Aufklärung steht und Vernunft & Humanität einfordert, eindringlich, elegant polemisch, in guter Kraus’scher Manier den Gegner durch Zitate erledigend. Liest man die Texte heute, dreißig bis vierzig Jahre später, versteht man nicht, wie Hans Wollschläger daran zweifeln konnte, daß sein Porträt des protestantischen ›Startheologen‹ Helmut Thielicke aus dem Jahr 1968 Gültigkeit haben werde. 1978, in dem Rahmentext ›Vorläufiger Schluß‹, verleiteten ihn flachbrüstige Äußerungen des besagten, heute zurecht vergessenen, Startheologen im Hamburger Abendblatt (86/1976) unter Annoncierung von dessen 50. Buchveröffentlichung ›Mensch sein – Mensch werden‹ noch zu folgendem Fazit:

Schön, sehr schön: damit bringen wir mühelos das nächste Jahrtausend zu. Ich bin beruhigt und kann mich anderen Dingen zuwenden; die Zukunftsgültigkeit meines Porträts ist nach allem Menschenermessen gesichert. Höchstens das schöne Bildnis  des Startheologen, das den ABENDBLATT-Artikel begleitete, hätte ich gern noch dazu genommen – mitsamt seiner Legende: »Von der Freiheit, ein Mensch zu sein: Helmut Thielicke«. Es hat mich u.a. der Sorge enthoben, ob er der Zukunft und ihren Wiederholungsaufgaben auch physisch gewachsen sein werde; ich brauche ihn noch lange als Zeugen und wünsche ihm viel Gesundheit.

[Hans Wollschläger: Die Gegenwart einer Illusion, a.a.O., S. 207]

Knapp zehn Jahre später zweifelte der Autor wiederum an der Haltbarkeit seines Porträts:

 Helmut Thielicke ist heute gestorben (6.3.86) : ich habe die Nachricht mit einem seltsamen Gefühl gehört. Nicht weil ich der Versöhnung mit seiner Person bedürftig wäre –: mit ihr war ich ja nie verfeindet, und der Briefwechsel seinerzeit tat mehr, als getan werden mußte. Nein : er holt das Paradigma, das ich aus ihm gemacht habe, mit einem Schlag in die Sterblichkeit : er wird vergessen werden und zieht in seine Vergessenheit mich mit. Das macht mich irgendwo traurig, wo er gar nicht zu betrauern ist, auch nicht als der arglose Mit-Mensch, der er sicher auch war, schon gar nicht als der Dampfmacher des gesellschaftlichen Karussellbetriebs. Wir gehörten zusammen – das schlägt mir, doch von mir bewirkt, jetzt zum Schlechten aus. Eine sehr unheimliche Vergeltung, die ihm gewährt wird. Warnung zuletzt: Man muß auch sehr genau ansehen, mit wem man sich verfeindet!

[Handschriftliches SUDELBUCH (1986 bis 28.1.1993)]

Die Sorge war unnötig: heute haben wir gar einen protestantischen Pfarrer-Präsidenten namens Gauck, der die bestehenden Verhältnisse mit der Thielickschen ›Freiheits-Suada‹ affirmativ beschwurbelt und ansonsten, wie letzterer auch, zum Weltlauf wenig zu sagen weiß.

Die Einschränkungen von Freiheit, die sich hinter allen liberal geschminkten Denk-Anträgen des Startheologen verbergen, münden sämtlich und immer wieder in jene Definition des Grundbegriffs, die Paul de Lagarde herlieh: »Frei ist nicht, wer tun kann, was er will, sondern wer werden kann, was er soll.«

[a.a.O., S. 91]

Ja, Freiheit & Verantwortung, Anpassung & Karriere – es gibt Lebenswege, die sich einem schlagartig erhellen, liest man Texte wie diesen.

Auch die ›Illusion‹ nimmt in der Gegenwart noch reichlich Raum ein:

Das Verständnis der Gottesverehrung und ihrer Eigentümlichkeiten als eines zwangsneurotisch zeremonialisierten Übertragungsprozesses hat freilich zugleich auch erste greifbare Aussicht auf eine therapeutische Beeinflussung eröffnet: – vielleicht ist das Frömmigkeitssyndrom ja doch reversibel. Aber es wird dauern, kürzestenfalls Generationen lange, bis die Über-Ich-Kette, durch die man dieses seltsame Gut ererbt von seinen Vätern hat und von seinen Müttern, wirksam gesprengt und unterbrochen ist.

[a.a.O., S.27]

Hans Wollschlägers Religions- und Kirchenkritik ist von Freuds Erkenntnissen grundiert, wie der dankenswerterweise im ›Anhang‹ zusätzlich aufgenommene Text ›Das Christentum im Urteil seiner Gegner‹ von 1971, mit vielen einschlägigen Freud-Zitaten versehen, offenbart. Nun, die Psychoanalyse als die von Hans Wollschläger erhoffte Therapielösung hat ausgedient, die Pharmaindustrie hat übernommen, und in oberflächlichen Zeiten wie diesen hat sie auch als »Forschungsmethode«, als »ein parteiloses Instrument, wie etwa die Infinitesimalrechnung« [Freud-Zitate, a.a.O., S. 237] zur Untersuchung von kulturellen Phänomenen nur noch wenige Anhänger: parteilose Instrumente sind out, Ideologie (wie Gender studies) und drittmittelgeförderter Lobbyismus sind in.

Dem Fortbestand der katholischen Kirche kommt zudem die mediale Verwertbarkeit ihrer Riten, Kostüme und Inszenierungen entgegen, wie auch die Kabalen ihrer Verwaltung, die dunklen Machenschaften ihrer Banken und die immer bizarrer anmutende Verdammung der menschlichen Sexualität, die sich naturgemäß ihre eigenen düsteren Wege bahnt. Das ist Thriller-Stoff und Futter für den schnellen Online-Journalismus. Die letzten Wochen zwischen Papst-Rücktritt und Papstwahl boten zudem genügend Anlaß für mediale Events vom Live-Ticker bis zum Livestream, dessen Gegenstand der zuweilen rauchende und überwiegend nicht rauchende Schornstein der Sixtinischen Kapelle war.

Hans Wollschlägers so profunder wie leidenschaftlicher Vortrag: ›Warum ich aus der Kirche ausgetreten bin‹ – als Rede gehalten am 25.10.1970 in der Nürnberger Meistersingerhalle zum Tag der Geistesfreiheit (immerhin, ein Tag im Jahr wird ihr dort sanktionslos eingeräumt) – wird noch Gültigkeit bis zum Ende dieses Jahrtausends haben. Die Kirche hat sich immer mit Macht und Gewalt arrangiert, und sie distanziert sich bis heute nicht hinreichend von ihrer eigenen jahrhundertelangen Gewaltausübung oder dem systematischen sexuellen Mißbrauch, der im Rahmen ihrer auf Unterwerfung gründenden Institutionen denknotwendig geduldet wurde.

»Selbst Atombomben können in den Dienst der Nächstenliebe treten«: der Theologe H.Künneth. Wie bald schon könnte es wieder Lücken in den Himmlischen Heerscharen auszufüllen geben…! Überrraschte ich sehr, wenn ich die Einführung des Begriffs »Kanzeltäter« in das StGB empfehle? Die Verwirklichung des Reich Gottes auf Erden : sie gehört in die Strafgesetzbücher der Welt.

[a.a.O., S. 131]

Denkbar, daß in Gustl Mollaths Brief an den Papst mit der Begründung seines Kirchenaustritts etwas Ähnliches gestanden hat. So sind sie nun einmal, derart ›wirre Konvolute‹…

Hat noch niemand begriffen, was es bedeuten könnte, daß der neue ›Papa‹ der erste Jesuit auf dem Thron ist? Die päpstliche Kampftruppe, als die sich die ›Gesellschaft Jesu‹ gründete, weist in ihrem Motto  ›Omnia ad majorem dei gloriam‹ (Alles zur höheren Ehre Gottes) schon untergründig darauf hin, daß der Zweck die Mittel heilige. Die berühmte kasuistische ›Jesuitenmoral‹ kommt einem in den Sinn, die in rabulistischer Manier selbst für Todsünden immer noch ein Hintertürchen zur läßlichen Sünde offenläßt, die rechtfertigende Mentalreservationen vorsieht oder ein lügnerisches »nicht schuldig«, wenn zuvor die Tat gebeichtet und dem Täter die göttliche Gnade der Vergebung zuteil wurde… Jesuiten waren nicht grundlos beliebte Beichtväter der Majestäten und des Adels: sie absolvierten großzügig, wenn es ad majorem gloriam des Ordens und des Papstes diente.

Und so liest sich die Geschichte der Jesuiten als das Protokoll einer totalitären Kontrolle ihrer Mitglieder und der ihnen Anvertrauten sowie als das einer nachhaltigen Einflußnahme auf die Eliten der Welt (bei gleichzeitiger geschmeidiger Anpassung an die aktuell herrschenden Verhältnisse des Landes, in das sie jeweils durch den Papst geschickt wurden).

„Lasst uns überzeugt sein, dass alles gut und richtig ist, wenn es der Obere befiehlt“, schrieb Loyola. Und nochmals: „Selbst wenn Euch Gott ein Tier ohne Verstand als Meister gäbe, werdet Ihr nicht zögern, ihm, als Meister und Führer, zu gehorchen, weil Gott es so verfügt hat.“

Und etwas noch Besseres: der Jesuit hat in seinem Oberen keinen fehlbaren (nicht gegen Irrtümer, Fehler gefeiten) Menschen, sondern Christus selbst zu sehen. J.Huber (ERKL.: Johann Nepomuk Huber, Philosoph und theolog. Schriftsteller, *1830, †1879), Professor für katholische Theologie in München und Verfasser eines der bedeutendsten Werke über die Jesuiten, schrieb: „Wie man bemerkt haben will, kommen die Constitutionen (Satzungen) wohl 500mal darauf zurück, dass man im General Christus sehen müsse.“ (15)

(15) J.Huber: „Les Jésuites“ (Sandoz et Fischbacher, Paris, 1875, S. 71 & 73).

IN DEUTSCH: J.Huber, „Der Jesuiten=Orden“ (Carl Habel, Berlin, 1873, S.48).

Die derart oft als jener der Armee ähnlich angesehene Disziplin des Ordens ist also nichts mit der Realität Vergleichbares.

„Der militärische Gehorsam deckt sich mit dem jesuitischen noch nicht, der letztere ist viel umfassender, denn er nimmt immer und ungetheilt den ganzen Menschen in Anspruch und fordert dann nicht bloß, wie der erstere, nur die äußere That, sondern auch das Opfer des Willens und die Suspension (Ausschaltung) des eigenen Urtheils.“ (16)

(16) J.Huber: „Les Jésuites“ (Sandoz et Fischbacher, Paris, 1875, S. 71 & 73).

IN DEUTSCH: J.Huber, „Der Jesuiten=Orden“ (Carl Habel, Berlin, 1873, S.50-51).

http://der-weg.org/fileadmin/Die-verborgene-Geschichte-der-JESUITEN-Edmond-Paris.pdf

Graf Paul von Hoensbroech hat in seiner Broschüre ›Mein Austritt aus dem Jesuitenorden‹ (1893) die Methoden beschrieben, mit denen Selbständigkeit, Charakter, Eigenwille  und Individualität des Einzelnen im Laufe der langjährigen Ausbildung vernichtet werden, und Scientology hat sich hieraus mit Gewinn bedient: die gegenseitige tägliche Kritik durch seit dem Noviziat zugeteilte ›Schutzengel‹ bei Regelverstößen (S. 19), die mehrmals im Jahr unter Leitung des Novizenmeisters stattfindende ›Steinigung‹, eine Gruppenkritik an jedem Einzelnen, der niederknien muß, während ihm die Gruppe alle seine Verfehlungen vorwirft (S. 20), Spitzelberichte an die Oberen (S. 20), ein Regelwerk, das sich auf alle Lebensverrichtungen bis hin zur Stellung beim Schlaf erstreckt:

Die Quintessenz, der präziseste Ausdruck dieses ganzen Schablonensystems, sind endlich die sogenannten „Regeln der Bescheidenheit“ (regulae modestiae). Das ist die Form, in welche der Jesuit, vom Scheitel bis zur Zeh, hineingepreßt werden soll. […] Kurz sei der Inhalt dieser Regeln skizziert: Die Stirn und noch weniger die Nase sei nicht gerunzelt; die Lippen seien nicht aufeinandergepreßt, noch auch voneinander abstehend; beim Sprechen schaue man dem anderen nicht in die Augen, sondern halte den Blick etwas gesenkt; die Hände halte man ruhig; der Gesichtsausdruck weise nie starke Gemütsbewegungen auf, sondern zeige nur eine gleichbleibende Heiterkeit: der Gang sei stets gemäßigt, das Lachen sei nicht laut.

[a.a.O., Druck und Verlag von Breitkopf & Härtel, 11. Tausend  Leipzig 1910, S. 21 f.]

Der Zugriff erfolgt auch auf die private Frömmigkeit mittels angeleiteter Exerzitien (S. 23), durch ausgedehnte nichtsakramentale »Gewissensrechenschaften« gegenüber den Oberen, die über die Beichte weit hinausgehen und noch, zum Nutzen des Ordens, in den letzten Seelenwinkel Einblick nehmen (S. 26). Daß der wissenschaftliche Horizont, von Mathematik, Naturwissenschaften und Philologie abgesehen, auf jesuitische Schriften eingeengt wird (S. 34 f.), versteht sich von selbst.

Am Rande, auch hier gibt es unsichtbare Fäden, sei vermerkt, daß der insbesondere von der katholischen Presse und dem katholischen Klerus verfolgte Karl May nebst Gattin Klara am 11.3.1908 einem Vortrag von Paul von Hoensbroech über ›Zentrum und Papsttum‹ in Dresden lauschte.

[Dieter Sudhoff/Hans-Dieter Steinmetz: Karl-May-Chronik IV, S. 362]

May selbst war gläubig, aber längst über konfessionelle Bindungen hinweg und ein Kirchenkritiker, der nach der Humanität ihrer Funktionäre fragte. Daß die Jesuiten ihm Kolportage-Material waren in Zeiten des Kulturkampfs im 19. Jahrhundert, war ihm, dem lutheranisch Getauften, eine Selbstverständlichkeit.

Und wie sieht es heute bei den Jesuiten aus?

Die Jesuiten Deutschlands haben es tunlichst unterlassen, auf ihrer Homepage ihre Ordensregeln in der aktuellen Fassung zu veröffentlichen, wie andere Orden es ganz selbstverständlich tun. Aber schon ihr Glossar verrät, daß Loyolas Geist noch immer weht und wütet:

Destination (dt. „Bestimmung“): Der konkrete Arbeitsauftrag, den ein Jesuit von seinem Oberen erhält.

Gelübde: Der Jesuit verspricht vor Gott für immer Armut, Keuschheit und Gehorsam und bindet sich durch diesen Akt an den Orden; ein viertes Gelübde drückt die Verfügbarkeit für Sendungen des Papstes aus.

Indifferenz (dt. „Gleichförmigkeit“): Die innere Freiheit, sich nicht nach eigenen Vorlieben zu entscheiden, sondern über sich verfügen zu lassen.

Oberer: Der Vorgesetzte, dem gegenüber man Gehorsam übt; es gibt den Haus-, den Provinz- und den Generaloberen.

https://www.jesuiten.org/wir-jesuiten/der-orden/glossar.html

Das fünfte Gelübde für Professen, wie es der neue Papst ist und war, bevor er ordenswidrige Kirchenämter erhielt, wird nicht mitgeteilt: nämlich die Ablehnung von Kirchenämtern. Und nun darf gerätselt werden, warum der spanische Generalobere der Jesuiten seinem Ordensbruder die Annahme der Papstwürde gestattete. Wie sein/e Vorgänger schon die Annahme der früheren Kirchenämter eines Bischofs und eines Kardinals. Welche Machtfragen mögen da wohl erörtert worden sein?

Die aktuelle Berichterstattung über Gewalt, Demütigung und Mißbrauch in den jesuitischen Schulen, des Canisius- und des Aloisius-Kollegs, belegt jedenfalls, daß die überlieferten jesuitischen Gewaltverhältnisse auch im 20. und 21. Jahrhundert noch fortdauerten und fortdauern:

11.02.2010

Canisius-Kolleg

Kadavergehorsam als oberste Tugend

In den 60er-Jahren herrschten am Jesuitengymnasium Autoritätsfixierung, Prügelstrafe und Sexualfeindlichkeit, erinnert sich ein Zögling von damals.

von NORBERT BÖHNKE

[…]

Den Lehrern fehlte zu der Zeit jegliches Unrechtsbewusstsein. Pater M.: „Ich finde es unverschämt, wenn ein Schüler einen Lehrer so weit reizt, bis dieser ihn schlägt“ – typisch jesuitische Rabulistik, ganz in der Tradition des Ordens.

http://www.taz.de/!48241/

Jesuitenkolleg tut sich schwer mit Aufklärung Missbrauch: Bericht sieht Verfehlungen bis 2010 [recte: 2005]

16.3.2013 00:00 Uhrvon Claudia Keller

Berlin – Ein neuer Untersuchungsbericht zeigt: Am Bonner Aloisiuskolleg (Ako) wurden bis 2010 Kinder und Jugendliche systematisch Opfer von Machtmissbrauch, Demütigung und intimen Grenzverletzungen. 2011 hatte eine erste Untersuchung ergeben, dass in dem von Jesuiten geleiteten Gymnasium und Internat in den 50er und 60er Jahren über das „übliche“ Maß hinaus geprügelt wurde. In den 70er und 80er Jahren kamen sexuelle Übergriffe hinzu. Die Vorwürfe reichen bis 2005. Beschuldigt werden 18 Jesuitenpatres und fünf weltliche Mitarbeiter. Der Hauptverantwortliche starb 2010.

Im Mittelpunkt des neuen Berichts steht eine Freizeiteinrichtung, das „Ako Pro Scouting“, das ans Ako angegliedert war und auch externen Jugendlichen offenstand.

Es wurde jahrzehntelang mit öffentlichen Mitteln gefördert. Der Leiter des Ako Pro Scouting errichtete ein „autoritäres Machtsystem“ mit Demütigungen, Machokultur und frauenfeindlichen Komponenten, schreibt der Kölner Psychologe Arnfried Bintig, der die Untersuchung im Auftrag des Ako durchgeführt hat. Er vermutet bei dem Leiter der Freizeiteinrichtung eine „narzisstische Persönlichkeitsakzentuierung“. Ihm habe „jegliche pädagogische Distanz“ gefehlt, er habe „möglicherweise auch strafrechtlich gebotene Grenzen“ überschritten.

[…]

http://www.tagesspiegel.de/politik/jesuitenkolleg-tut-sich-schwer-mit-aufklaerung-missbrauch-bericht-sieht-verfehlungen-bis-2010/7938286.html

So verwundert es nicht wirklich, daß den neuen Papst, Franziskus I., alte Vorwürfe der Anpassung an die argentische Militärjunta als jesuitischer Provinzialoberer von Buenos Aires einholen: sie haben berechtigte Tradition:

http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/jorge-mario-bergoglio-und-die-militaerdiktatur-die-zwei-gesichter-des-papstes-franziskus/7928238.html

und daß er, gelernt ist gelernt, mit Demuts- und Bescheidenheitsgesten in Erscheinung tritt, sogleich was vom Teufel murmelt und Charmeoffensiven gegenüber den Medien fährt (Jesuiten haben seit jeher die Schauspielkunst gepflegt, gefördert, in ihren Bildungseinrichtungen für die Eliten gelehrt und sie zur Missionierung des Plebs eingesetzt), läßt sich unschwer seinem speziellen Orden zuordnen, der sich als intriganter und militanter Papstmacher organisiert hatte. Was von einem gebrochenen Zuarbeiter zu erwarten ist, der ordenswidrig zu Macht kommt  – das erscheint mir hochgefährlich.

Hans Wollschlägers ›Reden gegen ein Monstrum‹ sind daher von bestürzender Aktualität: denn die drängenden Fragen der Zeit dürfen gerade nicht »theologisch – das heißt, aufrichtend illusionär und abrichtend autoritär« [a.a.O., S. 54] beantwortet werden.

Für mich bleibt das Herzstück des Buchs immer noch der ›Nachruf auf 1000 Jahre. Bamberg in Geschichte und Gegenwart‹ aus dem Jahr 1973. Was da in die heiter-volkstümlichen Feierlichkeiten der Tausendjahr-Feier, am 24.6.1973 im Bayerischen Rundfunk gesendet und am 20.7.1973 im Grünen Saal der Harmonie, Bamberg, vorgetragen, hineinscholl und die Bierlaune verdarb, waren überaus disharmonische Töne:

Wahn, Unterdrückung und Schmerzen: Überblickt man die Geschichte Bambergs bis in die fernsten Zeiten, so haben die Menschen dort eigentlich immer im Kampf mit ihrer gottgesandten Obrigkeit gelegen, in Notwehr gegen Ausbeutung und Raub, gegen Abgabenerpressung, gegen Verfolgung von Denken, von Rasse und Art.

[a.a.O., S. 163]

Was folgt, sind aufrüttelnde Archivfunde, Daten, Fakten, die Stimmen der Opfer werden hörbar, die Täter eindeutig kenntlich gemacht, selbst wenn ihre Namen auch heute noch Bamberger Straßenschilder zieren. Von den frühen Judenverfolgungen über die Verfolgung der Ketzer, die Niederschlagung der Bauernkriege – erschütternd bis ins Mark: die Dokumente zu den Hexenverfolgungen. Es war der Hofmeister des Bamberger Erzbischofs, der es zuwege brachte, daß die kirchliche Inquisition den Weg in die Reichsgesetzgebung fand. Und weltliche Justiz läßt sich, soweit Normen bereitstehen, traditionell aufs gesetzliche Unrecht verpflichten.

Ob man die irrwitzigen Geständnisse, die von der Folter erpreßt wurden, beim unglaublichen Wort nimmt, ob man sich’s von den phantastischen Zeichnungen des Meisters Hans Baldung Grien vorstellen läßt, immer bleibt es ein harmlos armseliger Ausbruch der zu lange geschundenen Freiheit: ein wirres Gemisch aus Phantastik und Hysterie. Zugleich aber auch: das nur zu genaue Äquivalent einer Metaphysik, die eine voll durchdämonisierte »bezauberte Welt« überhaupt erst geschaffen hatte, ein verzerrtes Widerbild der ebenso irrealen des »Glaubens«. Was es aus einem bloßen Kulturkuriosum zum Mittelpunkt später Barbarei gemacht hat, war erst die Barbarei, mit der dieser Glaube darauf reagierte: – nirgends geht Humanität, Vernunft, mitleidende Empfindlichkeit so zugrunde wie da, wo zwei Wahnformen zusammenstoßen. Neun Millionen unschuldige Opfer hat, wie Voltaire errechnete, dieser Zusammenprall gekostet …

[a.a.O., S. 174]

Der Bogen zum politischen Wahn des Nationalsozialismus ist schnell geschlagen, wenn die von Hanns Pfau 1932 angelegte Stadtchronik besichtigt wird: noch am 25.10.1932 wird eine Straßenkundgebung der Nazis als »unauslöschliche Schande« für Bamberg bezeichnet, die Chronik von 1933 aber bereits dem 1. Bürgermeister Lorenz Zahneisen gewidmet, dem Standartenführer  und »langjährigen, unermüdlichen Kampfer und Führer der nationalsozialistischen Bewegung in Bamberg« (S. 193).

Unschwer lassen sich weitere Bögen zur Jetzt-Zeit, ihren aktuellen Verblendungen und ihren aktuellen Ungerechtigkeiten mitsamt Unterdrückung und Schmerzen schlagen. Noch fehlt der historische Abstand, um Sicherheits- Anpassungs- und Selbstoptimierungsbedürfnisse, sowie die Ideologie, den Menschen als bloßes Objekt wirtschaftlicher Brauchbarkeit zu betrachten, als krankhafte Erscheinung einzustufen. Einzelne können das schon jetzt, die Gesellschaft wird mehr Zeit benötigen. Noch ist sie, die Gesellschaft insgesamt, munter dabei, Nicht-Funktionierende zu verelenden, zu pathologisieren und strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen.

Wie nicht anders zu erwarten, bestand die Reaktion auf diese spezielle Bamberger Geschichtsschreibung von Hans Wollschläger aus einem »Getümmel der Affekte« (S. 210), der Generalvikar des Erzbischofs legte Protest beim Bayerischen Rundfunk ein, der ihn elegant abservierte. Schon wieder ein paar Feinde gewonnen, aber nichts für das fort und fortbestehende Anliegen von Vernunft, Humanität, Gerechtigkeit? Sollte man solche Groß-Unternehmungen aufgeben? Behält Hans Wollschläger recht, wenn er am Ende schreibt:

Ganz zuletzt: bleibt, wiederum mit Nietzsche, doch bloß das bißchen Stil.

[a.a.O., S. 218]

H.W., 10.10.06 02

Hans Wollschläger in Dörflis, 9.10.2006 © Gabriele Wolff

Ich mag die Frage nicht beantworten. Vielleicht sind meine ›unnützlichen Kommentare‹ eine Reaktion. Andererseits: ›Das bißchen Stil‹ ist ja nicht wenig, und für uns Leser ein bleibender Hochgenuß. Vor allen Dingen, wenn es die üblichen bloßen ›Feinde‹ eines jeden größeren Geistes sind, die er mit diesem Mittel der Wahl zur Strecke bringt. Die allzuwenigen Gegner schätzte er. Selten genug sind sie ja.

Anders dagegen, ach wie so anders, die Feinde. Mit ihnen ist schlechterdings nichts anzufangen: sie brodeln und rüdeln irgendwo herum; man kann nie richtig verstehen, was sie eigentlich meinen; nimmt man sie sich vor, so greift man, statt in fassenswerte Argumente, bloß in eine quallige, oft sogar schmuddelige Motivation, die mit einem selber gar nichts zu tun hat; was immer man täte, um sie zur Räson zu bringen oder zu leidlichem Benehmen, es würde alles sofort in der Dumpf- und Sumpfheit versacken, in der ihre Feind-Gefühle so vor sich gehen. Gibt man ihnen ein Buch in die Hand, so machen sie als erstes einen Fettfleck drauf; läßt man ihnen Gelegenheit, sich zu äußern, so randalieren sie derart besinnungslos quer durch die Grammatik, daß man um ihr Leben fürchtet; will man ihnen gar beschwichtigend die Hand geben, so entringt sich ihnen nur noch ein unartikulierter Schrei.

[Hans Wollschläger: Die Insel und einige andere Metaphern für Arno Schmidt, Wallstein Verlag Göttingen 2008, S. 229 f. (Bruder Kuhn)]

In Internetzeiten stellen sie solide Mehrheiten. Indes: auch der Buchmarkt goûtiert sie, falls sie ein Plus zu versprechen scheinen, was ab 10.000 verkaufter Exemplare der Fall ist. Danach werden sie fallen gelassen, weil sie nicht liefern können. Manche Feinde können von der liebgewordenen Gewohnheit nicht lassen und brodeln und rüdeln sogar posthum noch irgendwo herum. Obwohl es sich hier ersichtlich um einen ›erledigten Fall‹ handelt, will ich den Freunden von Hans Wollschläger dieses Stückchen aus den ›Sudelbüchern‹ nicht vorenthalten:

Der Bettelstudent

              Die Kenntnis der Werke des Kollegen Henscheid, der, weil er mich seinerzeit einmal gelobt hat, so ganz schlecht ja nicht sein kann, jedoch, da er mich neuerdings tadelt, offenbar etwas nachläßt, – die Kenntnis der Werke des Henscheid also, die, wie ich in der Radiozeitung des Bayerischen Rundfunks lese, nicht nur »sprachmächtig und sprachwitzig« sind, sondern auch »voller Bezüge« stecken, nämlich auf »literarische Traditionen«, nämlich weitgreifend »von Franz Kafka bis Karl Valentin«, – die Kenntnis des Henscheid, die man somit ja eigentlich von mir verlangen kann, ist bei mir immer noch auf einige frühe Eindrücke angewiesen und zeigt, von diesen nur mangelhaft angeregt, eine mir selber auffallende Stagnation. Das kann nun anders werden, denn »zu den vielen Facetten der Begabung dieses sehr eigenen Autors, der sich ob seiner geburtsbedingten Verbundenheit mit der Oberpfalz gern als ›Heimatler‹ sieht, gehört auch die Musik«. Ja, doch, das könnte etwas sein und mir neuen Auftrieb geben. »Der Eisenbahnersohn kam mit ihr schon früh in Berührung«, ist des weiteren zu erfahren: »als Schifferklavier spielendes Mitglied eines von der Posaune des Vaters und der Geige der Schwester komplettierten Familientrios.« Ich habe zwar einige Schwierigkeiten, mir den Kollegen Henscheid als Trio vorzustellen, das von Geige und Posaune komplettiert wird, aber am Schifferklavier sehe ich ihn sofort zum Greifen nahe vor mir; da sind alle Facetten beisammen, ja förmlich zur Synthese gebracht: die Begabung, die Oberpfalz und die Eisenbahn erklingen in kunstvoller Polyphonie, und neu anregend erscheint vor meinem Auge der Musiker Henscheid »als Klavierdilettant, der ehrfurchtgebietend schwierige Partituren meistert, so gut wie als nimmermüder Operngänger und Plattensammler.« In diesen drei Rollen ist er »besessen von der Musik«: das will ich mir nun doch gesagt sein lassen, auch wenn nicht ganz klar ist, ob er selber Ehrfurcht gebietet oder ob die Schwierigkeit es tut. Ich entsinne mich, wie er mir – es mag ein Vierteljahrhundert her sein – einmal die posthume A-dur-Klaviersonate von Schubert vordilettierte, und würde mich nach längerer Überlegung doch für die Noten entscheiden: ich habe irgendwie eindrucksvoll erlebt, wie die Sonate dem Interpreten auswich und die Berührung zu meiden suchte, und jedenfalls ist er als Operngänger und Plattensammler bedeutender, wie ich, der zumindest des Operngehens längst müde geworden ist, neidlos zugestehen will – offen gelassen, ob er im einen so gut zu nennen wäre wie im andern. Irgendwie erleichtert es mich aber, ihn nun nicht mehr darauf angewiesen zu wissen, als Literat zu dilettieren, zumal die Spannweite seiner Bezüge in der Musik erfreulich breiter ist als in der Literatur: sie »beginnt bei Mozart und endet „an guten Tagen“ bei Karl Millöckers ›Bettelstudent‹, den Henscheid „in einigen Stücken“ Mozarts ›Figaro‹ an die Seite zu stellen keine Sekunde zögert.« Ich hatte mir das fast schon gedacht und will seinen Lobredner nicht mit der Frage irritieren, wo denn Händel bleibe, den sein Laudatus, wenn ich mich recht entsinne, im seinerzeitigen Bach-Jahr als weit bedeutender denn Bach erklärte? Nun, es stehe dahin, und wenn es bei Millöcker endet, ist noch nichts verloren. Die Bezüge auch auf musikalische Traditionen sind ersichtlich gesichert, und der Musiker Henscheid gebietet mir erneut die sonst nicht mehr frisch gebliebene Ehrfurcht. Dabei soll es bleiben – jedenfalls bis eine weitere von den vielen Facetten ihre Aufwartung macht. Denn es kann ja nicht ausbleiben, daß ihn das Fernsehen demnächst auch als Sonntagsmaler feiert und mir eine neue Chance gibt, meine Kenntnisse zu vertiefen; darauf freue ich mich schon jetzt.

[»da er mich neuerdings tadelt«: Eckhard Henscheid: Von Steinmetzen und Skalpellarbeitern. Eine Kurzgeschichte der beliebtesten Brachialmetaphern der neueren Dichtkunst, in: ›Süddeutsche Zeitung‹, 8./9. 7.2006]

Ich danke Monika Wollschläger für die Erlaubnis, aus noch unveröffentlichten Texten von Hans Wollschläger zu veröffentlichen, und * bitte den oder die unbekannt gebliebene Fotographen/in, sich mit mir wegen der Veröffentlichung des privaten Fotos vom 13.8.2005 in Verbindung zu setzen, das anläßlich des Gedenkens an Chargaffs 100. Geburtstag (11.8.2005) entstanden ist.

Update (18.3.2013)

Wie sehr dieser Text (und andere) auf Leser gewirkt hat, belegt die Veröffentlichung eines Leserbriefes (von Giesbert Damaschke) an Hans Wollschläger aus dem Jahr 1999, der von ihm nach Hans Wollschlägers Tod als ersatzweiser Nekrolog veröffentlicht wurde:

http://www.damaschke.de/notizen/index.php/ein-brief-an-hans-wollschlager-aus-dem-jahr-1999/

Ich bin sicher, daß dieser Brief dem Autor, der die Vergeblichkeit seines Unterfangens kannte, gutgetan hat.

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Hans Wollschläger: ›Das Gespenst‹

Heute vor fünf Jahren ist Hans Wollschläger gestorben.

Paul Ingendaay hob in seinem Nachruf eine ganz besondere Eigenschaft des Verstorbenen hervor:

http://www.asml.de/index.php/nachrufe-auf-hans-wollschlager/


Zum Tode Hans Wollschlägers

Der größte aller Diener

20.05.2007 ·  Obwohl er als eines der größten Talente unter den deutschen Schriftstellern galt, blieb er diesem Versprechen stets nur dicht auf den Fersen. Seine größten Erfolge feierte er als Übersetzer, auch des „Ulysses“. Jetzt starb Hans Wollschläger mit 72 Jahren.

Von Paul Ingendaay

Alle, die Hans Wollschläger kannten, aber auch alle, die über ihn redeten oder schrieben, mussten sich eingestehen, dass sie seinen Leidenschaften nur zum Teil – oft zum geringen Teil – folgen konnten. Kein anderer Name der deutschen Nachkriegsliteratur ist so fest an künstlerische Wahlverwandtschaften und bedingungslose Loyalitäten gebunden wie der Hans Wollschlägers. Einmal erwählt, war dem Objekt seiner Bewunderung lebenslange Treue sicher, die sich in hingebungsvoller philologischer Arbeit niederschlug.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/zum-tode-hans-wollschlaegers-der-groesste-aller-diener-1438651.html?selectedTab=images&offset=0

Das ist schon rar in einer Zeit behender Vatermörder, kurzfristiger Literaturbetriebsskandale und schrumpfender Aufmerksamkeitsspannen. Schnelle Schnitte, verwackelte Bilder und Sternchen, die vom Himmel fallen.

Wollschläger schwankte zwischen Melancholie und Polemik angesichts dieses Kulturverfalls. Er beschwor die Bindungskräfte der Großen Kunst und arbeitete gegen die Vergänglichkeit an, kritisch und loyal zugleich.

Diese Thematik prägt bereits eine frühe Prosastudie, die 1961 an einem entlegenen Ort erschienen und seitdem verschollen war. Für die Freunde des Autors sei sie hier wiedergegeben.

Hans Wollschläger:

                                       Das Gespenst

 

Sein Leben war von geringer Durchsichtigkeit, sein Ende ohne Aufsehen. Die Notiz, die die Öffentlichkeit von beidem nahm, ist die Notiz einer Provinzzeitung: ein mechanisch gestikulierender Nachruf, den ein gutmütiger Kauz mit der Versicherung beschlossen hatte, man werde sein Andenken erhalten. Nachdem es sich nun auch auf Redaktionen herumgesprochen hat, daß ›Ewigkeiten‹ in unserer Zeitrechnung fragwürdig geworden sind, konnte man kaum mehr verlangen; ›unvergeßlich‹ nennt man Andere – und mit einigem Recht. Der Artikel hatte sich auf eine gewisse Ironie verstanden, wie es solchem Anlaß ziemt; der Lebenslauf war mit ein paar Karikaturen ausgestattet worden, die mitten ins – nicht ins Herz, ins Schwarze trafen; auch war davon die Rede, daß sein Leben Mühe und Arbeit – und also köstlich gewesen sei. Man versichert mir, daß es dagegen keinen Einspruch gebe. Da zudem meine eigene Kenntnis nicht zu einem Korrektiv hinreichte, nahm ich meine Stellung bei einem Kopfschütteln; im übrigen war ich genug vergeßlich, um mich kaum über eine Stunde hinaus damit behelligen zu lassen. Die Angelegenheit ist nunmehr zehn Jahre lang erledigt, und ich wurde nie mehr daran erinnert. Bis auf gestern …

»Mein lieber und einziger Freund –« … Es mag zu der genannten Ironie gehören, daß man gelegentlich solche Briefe schreibt. Daß man sie mit gleicher Leichtigkeit auch empfängt, schien mir bislang ganz in der Ordnung zu sein. Man liest sie entsprechend, mit einigem Lächeln oder Argwohn, je nach dem Grad der erworbenen Lebenstüchtigkeit, und legt sie dann irgendwo ab und vergißt. Man hält viel auf Vergeßlichkeit, wenn man auf ein gutes Gewissen hält. Aber dergleichen Ablagen haben etwas Heimtückisches. Da gerät man plötzlich einmal in einen Tag hinein (einen Tag wie im – sagen wir des Scherzes halber – April), wo ein Irgendwer die Zukunftsfenster mit schäbigen Regenfetzen verhängt hat und die Gedanken auf allerlei Abseitswegen herumtreibt (nach Rückwärts viel, wie es der Einwand gegen den notorischen Fortschritt gelegentlich will): da kramt man dann in alten Sachen herum und findet, mit zögernder Überraschung, einen … jedenfalls, ich fand seinen Brief gestern abend, beim Aufräumen, besah ihn überrascht, wollte ihn wieder beiseite legen, zögerte aber, las ihn dann doch – und schwankte eine bequeme Weile lang zwischen guter und schlechter Laune – (es gehört zu der zweimal genannten Ironie: wenn Jemand mich ›lieber Freund‹ nennt, fällt mir ziemlich bald ein, daß ich selber kein Geld habe; und gegen ›einzige Freunde‹ war ich von jeher mißtrauisch).

Ich bin vergeßlich genug, um nicht mehr genau zu wissen, ob und wie ich seinen Brief beantwortete. Ich habe gutes Gewissen genug, um bei dem Gedanken, ihm die erbetene Unterstützung verweigert zu haben, mich nicht anders als behaglich zu fühlen. Mit einigem Recht; der Brief ist vom 16.4.51 datiert; damals hatte ich selber nichts. Daß er eine Woche später starb, geschah nach Gottes heiligem Willen, wie die Annonce versicherte. Mag es also eine Sentimentalität sein, daß ich heute über seinem Brief noch einmal ins Nachdenken geraten bin; sie ist weder durch den Inhalt noch durch die Darstellung gerechtfertigt (diese bleibt kaum mehr als ein Witz, zumal orthographisch); man pflegt Bittgesuche nun einmal mit rührenden Lebensläufen zu versehen, jeder Beruf verlangt das, auch der des Bettlers. Aber ich muß die Sache aus dem Kopf haben und schreibe darum den Inhalt hier auf, um wenigstens diesen Teil zu erledigen –, in der gebotenen Kürzung natürlich, wie es solchem Anlaß ziemt …

Geboren wurde er in einem evangelischen Pfarrhaus. Er wuchs auf, wie man in Pfarrhäusern aufwächst, plagte sich durch das höhere Schuljahrneunt, verließ dann, nachdem man ihm die erworbene Lebensreife schriftlich bescheinigt hatte, die Stadt – (machen Sie drei Kreuze) und begann sich zur Rechtsgelehrsamkeit zu bequemen. Darin brachte er es bis zum Assessor, behandelte so ziemlich alle Fälle vom ersten bis zum letzten Willen, redigierte Steuersachen, machte ein paar Auslandsreisen (auf einer davon lernte ich ihn kennen – in London), trat von einer Religion zur andern über und gewann so alle schätzbaren Eigenschaften der Polytropie. Seine Bildung gelangte über den Durchschnitt: er las regelmäßig Bibel, Priapeia und Kamasutram und erklärte den Don Quixote für sein Lieblingsbuch, ohne ihn freilich verstanden zu haben (meine ich). Als er alle Garantien für eine bestbürgerliche Lebensführung beisammen hatte, arbeitete er vier Jahre lang an dem Entwurf zu einer Revision des Strafgesetzbuches; ich kam damals öfter mit ihm zusammen und erinnere mich dunkel längerer Gespräche über den Gegenstand – (er übertrieb seine Anstrengungen ziemlich: so, glaube ich, stellte er einmal die groteske Behauptung auf, die abendländische Ethik habe den Begriff der Toleranz auch praktisch zu üben; auf dieser Basis wollte er den Begriff ›Ärgernis‹ aus dem StGB völlig eliminieren –, gewiß auch ein Grund, daß er nirgends ernst genommen wurde). Als der Staat ihm durch die Inflation von heute auf morgen sein Vermögen genommen hatte, muß etwas Absonderliches in seinem Kopfe vorgegangen sein. Die Angaben sind unklar; bekannt ist mir nur, daß er im folgenden eine Art Sekte gründete, die einigen Zulauf hatte und vor anderen zumindest den Vorteil besaß, daß sie keinen Zehnten erhob. Aber gerade das versagte dem Unternehmen längere Dauer, und nachdem auch die Gründung einer Wochenzeitschrift, die in ihrer politischen Tendenz weder Regierung noch Opposition Ruhe ließ und zwangsläufig gegen jeden guten Geschmack ging, fehlgeschlagen war, zog er als eine Art Vortragsreisender (Wanderprediger heißt es in dem Brief) ein ganzes Jahrzehnt lang durch Deutschland und experimentierte die merkwürdigsten Methoden, die Welt, oder zumindest Deutschland, zu bessern und zu bekehren. Weniger war es jedoch die geringe Anerkennung, die er fand, als vielmehr die fortschreitende Trübung seines Urteils, die ihn zu immer betriebsamerer Betätigung veranlaßte, und da er sich grobe Ungeschicklichkeiten zuschulden kommen ließ, war damals bereits vorauszusehen, welches Ende sein Wirken nehmen mußte. Durch das Schicksal eines (einzelnen! – man bedenke!) jüdischen Freundes frühzeitig gegen das Dritte Reich eingenommen, protestierte er ungebührend laut gegen den Abschluß des Konkordates; zwei ganze Seiten des Briefes versuchen mir zu erklären, warum er dem Urteil des Papstes, das die national-sozialistische Regierung Deutschlands sanktionierte, nicht das Vertrauen schenkte, das ihm gebührte. Sein Sinn für Realität trübte sich mehr und mehr. Als die Judenbekämpfung in den nächsten Jahren immer systematischer betrieben wurde, hatte er plötzlich die Torheit begangen, noch einmal öffentlich seine Stimme zu erheben und zum Zeichen, daß Gott solche Greuel nicht zulassen könne (ein Problem, über das sich auch sehr vernünftige Köpfe die Köpfe zerbrochen haben), ein Wunder tun wollen. Das war ihm nun allerdings mißlungen, und zwar aufs gründlichste: er hatte vom zweiten Stock eines Justizgebäudes durch die Luft, lediglich von Engelsflügeln getragen, auf den Marktplatz niedersteigen wollen –; wenn irgendetwas von einem Wunder dabei war, so höchstens das, daß er überhaupt mit dem Leben davon kam. Aber er war nun zum Krüppel geworden und wurde, da er dem Gauleiter von Bayern die Wahrheit gesagt hatte, zudem in eine Anstalt gewiesen, aus der man ihn erst kurz nach Kriegsende als harmlosen Irren wieder laufen ließ. Damals sah ich ihn zum erstenmal wieder: einen alten Mann auf Krücken, wortkarg und fahrig, aber von einer völlig unerklärlichen Heiterkeit in den Augen, die mir oft unheimlich erschien, nahezu gefährlich – (es mag dies Grund und Entschuldigung dafür sein, daß ich mich gleich wieder von ihm zurückzog). Bei dem großen Angriff auf Dresden am 13.2.45 war ein begüterter Verwandter gestorben, und ein Zufall wollte es, daß ihm ein größeres Vermögen zufiel. Kaum konnte er darüber verfügen, so gründete er in – (machen Sie drei Kreuze) ein Heim für gefallene Mädchen und begann die Moral der Stadt in einer Weise zu heben, die allgemein lästig wurde. Nachdem also auch dies gescheitert war, versuchte er es mit einem Geschäftsunternehmen (Strickwaren); es ist kaum erklärlich, warum der wirtschaftliche Aufstieg jener Jahre ihm den völligen Bankrott einbrachte. Einige Zeit ging es ihm dann sehr schlecht, er schien lebensmüde zu werden, und eine gewisse (krankhafte) Melancholie ließ ihn den Neuaufbau seines Vaterlandes nicht in der Weise sehen, die wünschenswert war. Im hohen Alter geriet er, der ehemalige Jurist, sogar noch mit dem Gesetz in Konflikt: ein amerikanischer Mormone hatte ihn bekehren wollen und war nach hartnäckigen aber fruchtlosen Argumenten von ihm mittels eines Faustschlags bedeutet worden, davon endgültig abzulassen. Das brachte ihn nun allerdings in heftige Ungelegenheiten, und nicht zuletzt auf Grund dieser letzten Erfahrung ging es mit ihm schneller dem Ende zu, als man hätte erwarten sollen …

Gesehen habe ich ihn nicht mehr. Aber als ich jetzt in seinem letzten Brief las, saß er auf einmal wieder leibhaftig vor mir – (ein Gespenst?): weißhaarig und zwergenhaft, immerfort bedächtig nickend, immerfort das gleiche faltige Lächeln um die wirren Augen, aus denen der Zwiespalt von Gram und Spott nie gewichen war … Es mag zu der dreimal genannten Ironie gehören, daß die Zeitungsnotiz recht behält. Ich gebe ihr recht. Ich habe seinem Andenken Genüge getan, indem ich von ihm berichtete. Wenn ich zuvor einen Augenblick lang glaubte, ihm darüberhinaus etwas schuldig zu sein, so verstand sich das gewissermaßen aus dem Eindruck der Anrede im Brief, die mich verwirrte. Dergleichen hat etwas Heimtückisches, von dem man am besten gar keine Notiz nimmt, nicht einmal vielleicht eine Zeitungsnotiz. Der Brief kommt zurück in die Ablage und wird vergessen … (– für die nächsten zehn Jahre –: vielleicht gerate ich dann plötzlich wieder einmal in einen Tag hinein (einen Tag wie im – sagen wir des Scherzes halber – April), wo ein Irgendwer die Zukunftsfenster mit schäbigen Regenfetzen … und die Gedanken … und krame in alten Sachen herum … und finde einen Brief mit der Anrede »Mein – – –«) … Schluß.

Anmerkungen von Monika Wollschläger:

Das Gespenst: Die Titelfigur trägt Züge von Hans Wollschlägers Freund Conrad Stromenger (Ps. A. W. Conrady). Die handschriftliche Widmung des Autors auf der Titelseite seines Roman-Typoskripts ›Herzgewächse oder Der Fall Adams. Fragmentarische Biographik in unzufälligen Makulaturblättern. Band I‹ lautet: »Ich schulde dieses Buch dem Andenken zweier meiner Freunde einer ganz vertrackten Schuldigkeit gegenüber den Freunden Alfred Giesler (geb. 3.11.1903, † 4.4.1954) und Conrad Stromenger (geb. 31.7.1889, † 24.2.1960)«.

Das Gespenst: Erstveröffentlichung in: ›die therapie des Monats‹ 7, 1961, C. F. Boehringer & Soehne GmbH, Mannheim, S. 258-260, Oktober 1961. Rudi Schweikert, Mannheim, stellte freundlicherweise aus seinem Archiv eine Kopie dieser ersten (und einzig erhalten gebliebenen) Erzählung Wollschlägers zur Verfügung, die der Autor in seinem Archiv nicht aufbewahrt hat.

Mit Dank an Monika Wollschläger für die Genehmigung der Veröffentlichung.

(Hans Wollschläger in Dörflis, Oktober 2005; Foto: Gabriele Wolff)

Zweifellos war die Publikation seinerzeit Hansotto Hatzig, Mitarbeiter der Presseabteilung der Boehringer Werke, zu verdanken.

Rudi Schweikert über Hansotto Hatzig:

http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/seklit/JbKMG/2002/9.htm

Hatzig selbst war ein langjähriger Wegbegleiter in Sachen Karl-May-Forschung – wie überhaupt Karl May der Punkt ist, in dem sich viele Linien schneiden. Die Beziehung zwischen Hans Wollschläger und Arno Schmidt begann 1957 mit einem Leserbrief Wollschlägers an die FAZ, in dem er Kritik an einem Schmidt-Aufsatz über Karl May äußerte. A. W. Conrady schließlich kritisierte in einer Arbeit für den Karl-May-Verlag Arno Schmidt – und wie sehr Hans Wollschläger bemüht war, trotz eindeutigen Standpunkts in diesem Konflikt beiden gegenüber loyal zu bleiben, wird der Briefband erhellen…

Update (20.5.2012)

Dieser Buch-Empfehlung im Börsenblatt kann ich mich nur anschließen:

Alfred-Kerr-Preisträger empfehlen

 

Ulrich Weinzierl (Die Welt)
Ulrich Weinzierl, geboren 1954, promovierte über Alfred Polgar und lebt als Autor, Journalist und Literaturkritiker in Wien. Er schreibt unter anderem für die »Welt«. Er ist der Kerr-Preisträger von 2001. 2009 wurde ihm der Preis der Frankfurter Anthologie übergeben.

[…]

 

Hans Wollschläger, Wie man wird, was man ist. Sinfonietta Domestica für Kammerorchester
Wallstein, 382 Seiten, 28,00 EUR, ISBN: 978-3-8353-0497-0
Dieses Buch ist ein Glücksfall, die Chance, den viel zu wenig gekannten, kompromisslosen Sprachkünstler in seinen persönlichsten Texten und Reden zu erleben. Literatur und Musik, das war Wollschlägers Welt, in die er uns profunde Einblicke gewährt: Ecce poeta!

http://www.boersenblatt.net/293043/