Grass-Gedicht: Über die Arroganz unserer versagenden medialen Vordenker

Christoph von Marschall im TAGESSPIEGEL, 13.4.2012:

Die meisten Deutschen spüren auch instinktiv, warum Israels Atomwaffen ihnen keine schlaflosen Nächte bereiten, iranische schon.

http://www.tagesspiegel.de/meinung/krieg-und-diplomatie-gespraeche-sind-kein-selbstzweck/6503290.html

Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz, so weiß es ein Sprichwort. Dieser Leitartikel-Satz belegt jene Erkenntnis aufs Grellste.

Dumm ist es, dem Volk Instinkte zu unterstellen, die es nicht hat. Schon im Jahr 2003 ergab eine Umfrage, daß die EU-Bürger in Israel die größte Gefahr für den Weltfrieden sahen – weshalb sich die Auftraggeberin auch gleich von dem Ergebnis distanzierte. So genau wollte sie es dann, aufgerüttelt durch israelische Kritik, dann doch nicht wissen.

03.11.2003
„Gefahr für den Weltfrieden“
EU distanziert sich von eigener Umfrage

Peinlich, peinlich: Eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Umfrage ergab, dass die EU-Bürger in Israel die größte Gefahr für den Weltfrieden sehen. Rang zwei geht an eine etwas andere Achse des Bösen bestehend aus Iran, Nordkorea – und den USA. Nachdem aus Israel scharfe Kritik kam, distanzierte sich Brüssel rasch.

[…]

Der israelische Außenminister Silwan Schalom hatte zuvor erklärt, die von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Umfrage sei auf unverantwortliche Weise erstellt worden und verzerre die Wirklichkeit.

In der Erhebung sahen 59 Prozent der Befragten in Israel eine Gefahr für den Frieden in der Welt. Israel führte damit die Rangliste der als gefährlich eingeschätzten Staaten noch vor Iran, Nordkorea und den USA mit jeweils 53 Prozent an. In Deutschland sahen sogar 65 Prozent der Befragten in Israel eine Gefahr für den Frieden. Israel lag damit in Deutschland gleichauf mit Nordkorea.

Schalom distanzierte sich ungeachtet seiner Kritik an der Studie von Äußerungen des israelischen Jerusalem-Ministers Natan Scharansky, der die Umfrage als Beleg dafür sah, dass hinter politischer Kritik an Israel reiner Antisemitismus stehe. „Wie in der Vergangenheit, als Juden als der Satan und schuldig an allem Bösen der Welt beschrieben wurden, macht die aufgeklärte Welt von heute Israel für alle Krankheiten der Welt verantwortlich“, hatte Scharansky erklärt.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,272436,00.html

Dumm ist es, existierende israelische Atomwaffen mit nicht existierenden iranischen Atomwaffen gleichzusetzen.

Dumm ist es, anzunehmen, daß das Volk sich in selbstverschuldete Unmündigkeit begeben und auf Instinkte vertrauen werde, wenn es um politische Einschätzungen geht.

Und stolz bzw. arrogant ist es, daß ein Journalist meint, sich mit Verweis auf angeblich richtige Instinkte vor Recherche und Begründung seiner unmaßgeblichen Meinung drücken zu können. Was gedruckt ist, ist schließlich immer richtig – seine bloße Meinung daher auch. Die des Dichters Günter Grass dagegen nicht. Was, wenn sie viel begründeter wäre als die unseres Leitartiklers? Den natürlich auch nicht die Angst vor einem Krieg bewegt, denn Friedensbewegte hat er, zynisch, wie er ist, schon längst als Spezies des Gutmenschentums verortet und als irrelevant abgelegt.

Vielleicht hilft ihm und seinen Kollegen, die so gerne militärische Sandkastenspiele betreiben, ein Blick in die Historie der israelischen Nuklear-Aufrüstung und ihre Auswirkung:

21.10.1991

Ich schulde Ihnen die Bombe

Weil Israel seinen Verbündeten nicht trauen mochte, sollten eigene Atomwaffen das Überleben des jüdischen Staates garantieren. Um sie zu erhalten, war Politikern und Militärs jedes Mittel recht. In einem neuen Buch enthüllt der amerikanische Journalist Seymour Hersh die dunkle Geschichte der israelischen Superwaffe.

Die acht Scud-Raketen, die 25 Stunden nach Beginn des Golfkriegs in Tel Aviv und bei Haifa einschlugen, sorgten für Panik beim Oberkommando der US-Streitkräfte im saudiarabischen Riad. Die Angriffsplaner hatten gehofft, die Abschußrampen im Westen des Irak seien schon bei den ersten Bombenflügen ausgeschaltet worden.

Alle Aufklärungsanstrengungen der Amerikaner richteten sich jetzt darauf, herauszufinden, wie viele Raketen der irakische Diktator noch abschießen könnte. Kameras in Flugzeugen und Satelliten wurden fündig: Sie entdeckten eine deutlich höhere Anzahl mobiler Abschußrampen, als Amerikas Geheimdienste vor Ausbruch des Krieges gemeldet hatten.

Doch die Bilder aus der Konfliktregion belegten auch, daß Gefahr nicht nur vom Kriegsgegner drohte. Ein Satellit, der in 96 Minuten die Erde umkreiste, hatte Daten gesendet, deren Auswertung US-Analytiker davon überzeugte, daß Israel sein nukleares Potential aktiviert hatte.

Mobile Abschußrampen waren in Stellung gebracht, die Sprengköpfe geschärft worden. Feuerbereit zielten die Raketen auf irakische Städte. US-Präsident George Bush mußte damit rechnen, daß von einem bestimmten Eskalationspunkt an Israel einen irakischen Angriff nuklear vergelten würde.

Wo dieser Punkt lag, wußte niemand. Für den Rest des Krieges unternahmen die Amerikaner alle erdenklichen diplomatischen Anstrengungen, um die Israelis zum Stillhalten zu bewegen und eine völlig unkontrollierbare Ausweitung des Krieges zu verhindern. Die Zerstörung der Scud-Batterien genoß fortan allerhöchste Priorität.

Sicher war dagegen, daß der wichtigste Nahost-Verbündete der Amerikaner die Entscheidung über den Einsatz seiner Atomwaffen in völliger Souveränität treffen würde. Das zumindest hatte die Geschichte der nuklearen Aufrüstung Israels gezeigt.

[…]

Doch eines ist schon heute verwirklicht: Die Atommacht Israel ist auf fremde Hilfe nicht mehr angewiesen. Sie allein, so lautet die unheimliche Erkenntnis des brisanten Buches von Hersh, wird beim nächsten Nahostkonflikt über den adäquaten Einsatz ihrer Waffen entscheiden.

* Seymour M. Hersh: „Atommacht Israel“. Droemer Knaur, München; 384 Seiten; 39,80 Mark.

DER SPIEGEL 43/1991

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13492033.html

In derselben unheimlichen Situation befinden wir uns heute: Netanjahu hat Anfang März 2012 gegenüber den USA erklärt, unabhängig von der erbetenen und verweigerten militärischen Hilfe der Vereinigten Staaten über einen Angriff auf den Iran zu entscheiden. Israel ist außenpolitisch isoliert, nachdem es alle UN-Resolutionen gegen den illegalen Siedlungsbau ignoriert hat, der die Zwei-Staaten-Lösung torpediert. Anders als im Kalten Krieg gibt es im Nahen Osten kein nukleares Gleichgewicht des Schreckens, dessen Devise lautete: Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter. Es gibt niemanden, der Israel daran hindern könnte, ab einer bestimmten Eskalation eines iranischen Gegenschlags auch Atomwaffen einzusetzen. Und nicht nur Deutschen macht die aktuelle rechtsgerichtete religiös fundamentalistische israelische Regierung Angst. Denn religiösen Eiferern ist alles zuzutrauen, egal, welcher Religion sie angehören. Ihnen fehlt die Vernunft.

Debatte um Grass-Gedicht

„Ich fürchte mich vor der israelischen Regierung“

12.04.2012, 17:56

Die Debatte um das Gedicht von Günter Grass war vor allem die ergrauter Intellektueller und Politiker. Süddeutsche.de lässt nun junge Israelis zu Wort kommen. Die finden: Auch Deutsche haben das Recht, sich über die Politik ihres Heimatlandes aufzuregen.

[…]

Gadi Kenny, Friedensaktivist

„In den 70er oder 80er Jahren war Günter Grass in Israel ein sehr populärer Schriftsteller. Ich habe seine Bücher oft bei Bekannten gesehen. Besonders für meine Generation ist Grass also durchaus ein Begriff. Vielleicht ist das auch der Grund, warum es jetzt in Israel eine so große Diskussion darüber gibt.

Ich habe über ihn in der Tageszeitung Haaretz gelesen, wo er bis heute in Artikeln besprochen wird. Interessanterweise gehört die Zeitung Israelis mit deutschen Wurzeln.

Ansichten, wie Grass sie äußert  sind mittlerweile weit verbreitet. Das liegt wohl daran, dass die Situation in Israel aufgrund der Terroranschläge immer problematischer geworden ist. Es würde mich interessieren, wieviel Grass wirklich über die Israelis und die Iraner weiß. Ich für meinen Teil fürchte mich vor der israelischen Regierung. Ich fürchte mich vor der ganzen Eskalation, der Militarisierung in meinem Land. Ich habe das Gefühl, dass Israel zu der Spitze des Eisberges in einem Kampf der Kulturen geworden ist.“

http://www.sueddeutsche.de/politik/debatte-um-grass-gedicht-ich-fuerchte-mich-vor-der-israelischen-regierung-1.1331114

In dieser aktuellen Situation setzen die USA alles daran, die israelische Regierung von dem angekündigten völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Iran (und nichts anderes ist der Militärschlag gegen iranische Atomanlagen) abzuhalten. Und zwar, indem sie einem solchen Angriff auch den letzten Schein von Rationalität und Legitimität nehmen. Zunächst leakten sie über die ›New York Times‹ die erschreckenden Ergebnisse eines amerikanischen Planspiels – mit dem zusätzlichen Tenor, daß ein Militärschlag das iranische Nuklearprogramm nur um ein bis drei Jahre zurückwerfen würde.

20.03.2012

Iran-Planspiel

US-Simulation prophezeit Krieg bei Erstschlag Israels

Es war ein Planspiel, das die Folgen einer israelischen Attacke auf Irans Atomanlagen aufzeigen sollte – und das Resultat ist drastisch. Ein solcher Angriff, so Experten des Pentagon, könnte einen Krieg auslösen. Auch US-Streitkräfte würden in einen solchen Konflikt hineingezogen.

Washington – Es ist ein düsteres Szenario, das US-Top-Militärs in einer geheimen Simulation erarbeitet haben. Eine Attacke Israels auf Atomanlagen in Iran würde demnach einen regionalen Krieg auslösen – in den aber auch die USA hineingezogen werden könnten. Das Leben Hunderter US-Soldaten wäre laut dem Planspiel in größter Gefahr. Dies berichtet die „New York Times“ unter Berufung auf Beteiligte an dem Projekt.

Rund zwei Wochen lang hatten die Militärexperten die Simulation Internal Look laufen lassen. Eines der wahrscheinlichen Szenarien sieht einen iranischen Angriff auf US-Kriegsschiffe in der Region voraus. Als Gegenmaßnahme könnten die USA mit Angriff auf die Atomanlagen des Regimes in Teheran reagieren, so das Blatt.

Auch die Auswirkungen solcher Angriffe auf das umstrittene Nuklearprogramm wurden berechnet. Demnach würde die Entwicklung der iranischen Atomanlagen durch den israelischen Erstschlag um rund ein Jahr zurückgeworfen, durch mögliche Schläge der Amerikaner noch einmal um zwei weitere Jahre.

www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822550,00.html

Selbst unser journalistischer Oberstratege Josef Joffe sieht die Sache richtig:

Das Pentagon hat vor drei Wochen den Ausgang eines Kriegsspiels an die Presse gestreut, wonach ein israelischer Alleingang das Atomprogramm nur um ein Jahr zurückwerfen, aber einen Krieg in der gesamten Region entfachen würde. Das Szenario: Die Iraner schlagen mit Raketen zurück und töten 200 Amerikaner auf einem Navy-Schiff im Golf. Nun entfesselt Amerika seinen eigenen Krieg gegen die Mullahs. Zeitgewinn gerade mal zwei weitere Jahre. Es bringt also nichts. […] Die Indiskretion enthält eine politische Botschaft: Das Militär will keinen Krieg gegen den Iran; deshalb hat die Generalität die trübe Bilanz an die Medien lanciert. Obama will ihn ebensowenig.

ZEIT 16/12, 12.4.2012, S.3

http://www.zeit.de/2012/16/Kriegsspiele/komplettansicht

Ein Militärschlag Israels gegen den Iran ist damit vorab als irrational und verantwortungslos gebrandmarkt worden.

Am 8.4.2012 lancierten amerikanische Regierungsoffizielle in der ›Washington Post‹, daß der Iran weder in der Vergangenheit geplant hat noch heute plant, sich nuklear zu bewaffnen. Die Überwachung des Iran sei so vollständig, daß jeder Umschwung hin zu einer Entscheidung, Nuklearwaffen herzustellen, sofort bemerkt werden würde. Ein Artikel, der bis heute in Deutschland in seiner Brisanz niemals kommuniziert wurde: bedeutet er doch, daß mit der unter Bush begonnenen Dämonisierung des Iran durch Amerika jetzt Schluß ist – und daß Israel der letzte Rest an Scheinlegitimität genommen wird, einen völkerrechtswidrigen Militärschlag als Präventivmaßnahme gegen eine drohende Gefahr auszugeben. Ausführlichst wird über die amerikanischen Überwachungsmaßnahmen Auskunft erteilt:

U.S. intelligence gains in Iran seen as boost to confidence

By Joby Warrick and Greg Miller, Published: April 8

More than three years ago, the CIA dispatched a stealth surveillance drone into the skies over Iran.

The bat-winged aircraft penetrated more than 600 miles inside the country, captured images of Iran’s secret nuclear facility at Qom and then flew home. All the while, analysts at the CIA and other agencies watched carefully for any sign that the craft, dubbed the RQ-170 Sentinel, had been detected by Tehran’s air defenses on its maiden voyage.

[…]

U.S. officials say Iran’s leaders are gathering the materials for a nuclear bomb but have not decided to build one. If they do, they’ll have to overcome technical hurdles and risk having their work discovered by outsiders. Here are steps Iran might follow to make its first weapon.

[…]

White House officials contend that Iran’s leaders have not decided to build a nuclear weapon, and they say it would take Iran at least a year to do so if it were to launch a crash program now.

“Even in the absolute worst case — six months — there is time for the president to have options,” said the senior U.S. official, one of seven current or former advisers on security policy who agreed to discuss U.S. options on Iran on the condition of anonymity.

http://www.wpost.com/world/national-security/us-sees-intelligence-surge-as-boost-to-confidence/2012/04/07/gIQAlCha2S_story.html

Nicht nur die deutschen Medien, die offenbar nicht mal mehr Zeitung lesen können, haben versagt. Die deutsche Politik ebenso. Denn außer einem leisen „Du, Du“ gegenüber dem israelischen Verteidigungsminister gab es über die zwei in diesem Jahr lieferbaren Dolphin-U-Boote hinaus just in der Zeit, in der die israelische Regierung militärische Angriffe ankündigt, die Zusage über eine weitere U-Boot-Lieferung.

Und zwar über so ein U-Boot, laut Jürgen Rose, Oberstleutnant der Bundeswehr a. D. und Vorstandsmitglied der kritischen SoldatInnenvereinigung „Darmstädter Signal“ in einem gegen die Grünen gerichteten Artikel vom 5.8.2011, der nicht einmal im FREITAG erscheinen durfte, so vehement und gegen alle Parteien setzte er sich mit der Unmoral deutscher Rüstungslieferungen auseinander:

Die rot-grüne Bundesregierung hat nämlich damals Tel Aviv nicht nur irgendwelche U-Boote geliefert, sondern der Atommacht Israel damit wissentlich und vorsätzlich die Trägersysteme für das seegestützte Element ihres nuklearen Waffenarsenals verfügbar gemacht. Dank der auf deutschen Werften für die Aufnahme der atomaren Bewaffnung eigens zugerichteten U-Boote des Typs U-212A, einem brennstoffzellengetriebenen, wochenlang tauchfähigen, praktisch unverwundbaren und zugleich einem der gefährlichsten Waffensysteme der Welt, besitzt Israel die Option, seine militärische Vorherrschaft in der Region mittels nuklearer Vernichtungsdrohung auf Dauer unangreifbar abzusichern – ein wahrlich beeindruckender Erfolg verantwortungsvoller deutscher Rüstungsexportpolitik unter Rot-Grün und unbestreitbar ein Beitrag zum Frieden in Nah- und Mittelost.

http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16806

Die deutsche Regierung wird auch diesen Artikel der britischen Sunday Times von 2010 (das Original habe ich im Net nicht gefunden) gekannt haben, der nicht nur in Israel hohe Wellen schlug; danach operierten die hochwahrscheinlich nuklear ausgerüsteten U-Boote mit einer Reichweite von 1.500 km gegen den Iran – im Juli 2009 war es bereits gelungen, eines von den drei U-Booten durch den Suez-Kanal ins Rote Meer zu schleusen, und nun sollte mit ihnen eine permanente Kontrolle der iranischen Küste erreicht werden: seinerzeit mit dem Ziel, als Abschreckung zu dienen, Informationen zu gewinnen und eventuell Mossad-Agenten im Iran abzusetzen (deren Ziel die Ermordung iranischer Atomwissenschaftler war und ist):

  • Published 10:54 30.05.10
  • Latest update 10:54 30.05.10

Report: Israel to deploy nuclear-armed submarines off Iran coast

Sunday Times quotes IDF official saying the 3 German-made long range submarines will gather intelligence, act as deterrent and potentially land Mossad agents.

Israel is to deploy three submarines equipped with nuclear cruise missiles in the Persian Gulf, the Sunday Times reported on Sunday.

According to the Times report, one submarine had been sent over Israeli fears that ballistic missiles developed by Iran, and in the possession of Syria and Hezbollah, could be used to hit strategic sites within Israel, such as air bases and missile launchers.

Dolphin, Tekuma, and Leviathan, all German-made Dolphin class submarines of the 7th navy Flotilla, have been reported as frequenting the Gulf in the past, however, according to the Sunday Times report, this new deployment is meant to ensure a permanent naval presence near the Iranian coastline.

A flotilla officer told the Times that the deployed submarines were meant to act as a deterrent, gather intelligence and potentially to land Mossad agents.

„We’re a solid base for collecting sensitive information, as we can stay for a long time in one place,“ the officer said.

The flotilla’s commander, identified only as „Colonel O,“ was quoted by the Times as saying that the submarine force was „an underwater assault force. We’re operating deep and far, very far, from our borders.“

The submarines could be used if Iran continues its program to produce a nuclear bomb. „The 1,500km range of the submarines’ cruise missiles can reach any target in Iran,“ a navy officer told the Times.

Apparently responding to the reported Israeli activity, an Iranian admiral told the Times: „Anyone who wishes to do an evil act in the Persian Gulf will receive a forceful response from us.“

Last July, defense sources reported that an Israeli submarine had sailed the Suez Canal to the Red Sea last month, describing the unusual maneuver as a show of strategic reach in the face of Iran.

Israel has long kept its three Dolphin-class submarines, which are widely assumed to carry nuclear missiles, away from Suez so as not to expose them to the gaze of Egyptian harbormasters.

http://www.haaretz.com/news/diplomacy-defense/report-israel-to-deploy-nuclear-armed-submarines-off-iran-coast-1.293005

Es mutet schon merkwürdig an, daß kein deutscher Journalist und kein deutscher Politiker die Regierung kritisch zu dieser unverantwortlichen neuerlichen Lieferungszusage befragt. Denn eigentlich müßte sogar die Lieferung der in diesem Jahr fertig werdenden U-Boote Nr. 4 und 5, weitaus teurer und noch ausgeklügelter als die der Nrn. 1-3, gestoppt werden: spannungsreicher als in diesem Jahr könnte der Nahe Osten gar nicht sein, als daß von Rechts wegen dorthin geliefert werden dürfte: ob sich wohl jemand findet, der der Regierung per einstweiliger Anordnung zum Bundesverfassungsgericht zu besserer Einsicht verhilft?

Zu den Absurditäten des Medienbetriebs gehört es, daß ausgerechnet BILD, schlimmster Hetzer gegen das ›irre‹ Grass-Gedicht und schlimmster Diffamierer des Menschen Günter Grass, auf diesen Artikel in der ›Sunday Times‹ zurückkommt und der Regierung leise Vorwürfe wegen der U-Boot-Zusage macht – als einziges Medium weit und breit: was soll man davon halten? (Mich hat natürlich auch die plumpe Vertraulichkeit der Netanjahu-Anrede ›Dear Angela‹ geschockt. Ich gehe mal davon aus, daß der Brief in englischer Sprache verfaßt ist und daß BILD das neutrale ›you‹ mit ›Du‹ übersetzt hat – ansonsten würde es mich schütteln ob der Zudringlichkeiten, mit denen man es als Politikerin oder Politiker zu tun hat):

Am 24.3.2012 schreibt BILD:

So wertvoll sind die „Dolphins“ für Israel, dass Premierminister Benjamin Netanjahu sich in einem Brief persönlich bei Kanzlerin Angela Merkel bedankte.

Das Schreiben, das BILD.de exklusiv vorliegt, ist brisant. Es deutet darauf hin, dass die U-Boote aus deutscher Herstellung bei einem möglichen Krieg Israels gegen den Iran zum Einsatz kommen könnten!

„Liebe Angela“, schreibt Netanjahu in seinem Brief, „ich möchte Dir persönlich und im Namen der israelischen Regierung dafür danken, dass Du der Lieferung eines weiteren U-Boots zugestimmt hast.“

Dann kommt der entscheidende Satz: Die U-Boote würden Israel „helfen, unser immenses Bedürfnis auf Verteidigung in diesen turbulenten Zeiten zu gewährleisten.“

Turbulente Zeiten – eine deutliche Anspielung auf den schwelenden Atomkonflikt mit dem Iran!

Die deutsche Rüstungslieferung werde „auf großartige Weise zur Sicherheit des jüdischen Staates beitragen“, so Netanjahu in seinem Brief an Merkel weiter.

Die „Dolphin“-U-Boote können sowohl mit nuklearen als auch mit konventionellen Marschflugkörpern bestückt werden. Nach einem Bericht der britischen „Sunday Times“ kreuzt mindestens ein israelisches U-Boot mit Atomwaffen ständig im Persischen Golf – als Abschreckung gegen den Iran.

Ein General der Bundeswehr hält es für möglich, dass Israel die U-Boote bei einem Präventivschlag gegen den Iran einsetzen könnte.

„Man kann mit Marschflugkörpern, die vom Wasser aus abgefeuert werden, eine ganz enorme Zerstörungskraft entfalten und zum Beispiel Luftabwehrsysteme ausschalten“, so der deutsche General zu BILD.de.

Ein israelischer U-Boot-Kommandant sagt in der „Sunday Times“: „Wir sind eine Unterwasser-Angriffseinheit. Wir operieren weit entfernt von den Grenzen unseres eigenen Landes.“

Und ein weiterer israelischer Marine-Offizier sagt: „Mit der 1500-Kilometer-Reichweite unserer U-Boot-Marschflugkörper können wir jedes Ziel im Iran treffen.“

Sogar Israels Verteidigungsminister Ehud Barak spricht inzwischen öffentlich über einen Einsatz der deutschen U-Boote in einem möglichen Krieg mit dem Iran.

Der Kauf der U-Boote, so Barak im israelischen Rundfunk, stärke die israelische Marine, die immer mehr eine Schlüsselrolle dabei spiele, Herausforderungen wie dem Iran zu begegnen.

„In den letzten Jahren haben wir unsere Marine zur Speerspitze, zum langen Arm des israelischen Militärs ausgebaut“, so Barak.

http://www.bild.de/politik/ausland/atomprogramm-iran/greift-israel-mit-deutschen-u-booten-an-23310708.bild.html

Grass sei Dank. Er hat zwar die Pfeile auf sich ziehen müssen und hat das auf sich genommen, weil er gar nicht verlieren kann (gegen Ende des Lebens ist das alles vanitas, was die fuchtelnden Zeitgenossen, die sich mittendrin wähnen, für Lebenselixier halten). Und er hat, das war der Sinn seines politischen Gedichts, den Blick auf die falsche Politik der Deutschen gegenüber Israel gelenkt, die noch als Wiedergutmachung verkaufen, was nur Geschäft ist und mehr noch als das, Beschädigung der Existenz des Staates Israels gegen sein eigenes Volk. Vielleicht bringt Obama Merkel noch zur Raison – wer weiß.

Irgendwann werden sich Philologen über den Nachlaß von Günter Grass beugen und vermutlich herausfinden, daß es der 20.3.2012 war, der ihn zu seinem so wirkmächtigen Gedicht veranlaßte. An diesem Tag wurde die erneute U-Boot-Lieferung Deutschlands an Israel publik. Und am selben Tag gab es dieses Gespräch in der Tagesschau:

Konflikt zwischen Israel und Iran

Militärschlag laut Experte „fast schon sicher“

Beim Besuch von Israels Verteidigungsminister Barak in Berlin steht auch das Thema eines israelischen Militärschlags gegen den Iran auf der Tagesordnung. Dieser wird nach Einschätzung von Nahost-Experte Michael Lüders immer wahrscheinlicher. Die Folgen wären verheerend, sagt er im Gespräch mit tagesschau.de.

[…]

tagesschau.de: Sie sagen, ein Angriff Israels ist fast schon sicher. Wann rechnen Sie damit?

Lüders: Wann genau es passiert oder nicht, weiß natürlich niemand. Bei dem Treffen von Netanjahu und Obama am 5. März in Washington war die Rede davon, dass beide Seiten noch ein Zeitfenster von zwei Monaten einräumen, um zu einer Verhandlungslösung zu kommen. Aber wenn mal eine solche Dynamik greift, wie wir sie jetzt erleben, dann ist nicht davon auszugehen, dass eine der Parteien einen Rückzieher macht.

Mal davon abgesehen geht es in diesem Konflikt nur vordergründig um das Atomprogramm. Es geht vor allem darum, einen geostrategischen Rivalen auszuschalten. Der Iran ist das letzte Land im weiten Feld zwischen Marokko und Indonesien, das keine pro-westliche Politik verfolgt. Die USA und Israel hätten – wäre die Islamische Republik Iran vernichtend geschlagen – keinerlei Widersacher mehr in der Region.

tagesschau.de: Israel argumentiert unter anderem damit, dass Teheran darauf aus sei, das Land zu vernichten. Ahmadinedschad hat sich in der Vergangenheit wiederholt so geäußert. Wie ernst muss man die Drohung Teherans nehmen?

Lüders: Ahmadinedschad ist ein furchtbarer Demagoge, er ist wiederholt durch antiisraelische Polemik aufgefallen und hat den Holocaust geleugnet. Er hat seinem eigenen Land einen Bärendienst erwiesen, denn er hat den Kriegstreibern in Israel und den USA damit eine Steilvorlage geliefert. Aber dieses Zitat, was immer wieder in den deutschen Medien zu vernehmen ist, ist sachlich falsch. Der Iran hat nicht damit gedroht, Israel zu vernichten. Das ist eine falsche Übersetzung einer Rede von 2005, wo Ahmadinedschad erklärte, dass der Zionismus vor der Geschichte keinen Bestand haben werde. Er hat gesagt, das Besatzerregime müsse Geschichte werden, so wie das Apartheitsregime in Südafrika Geschichte geworden ist.

Der Iran hat keinen Grund, Israel anzugreifen, es gibt keine territorialen Konflikte mit Israel, die beiden Länder liegen 2000 Kilometer auseinander. Es ist hier viel Ideologie im Spiel und es geht um Machtansprüche.

tagesschau.de: Aber warum macht Teheran keine Zugeständnisse, um zu deeskalieren?

Lüders: Welches Zugeständnis sollen die Iraner denn machen? Durch die wirtschaftlichen Sanktionen setzt man ihnen die Pistole auf die Brust. Und egal, welche Zugeständnisse sie in der Vergangenheit gemacht haben, es wurde ihnen immer negativ ausgelegt …

[…]

tagesschau.de: Welche Konsequenzen hätte ein Angriff Israels?

Lüders: Die Kriegspropagandisten behaupten, ein Krieg gegen den Iran wäre so eine Art verlängerter Spaziergang. Man würde zwei, maximal drei Wochen das Land bombardieren. Dann würde das marode Regime in sich zusammenfallen und die Demokratiebewegung würde die Chance ergreifen, selbst die Macht zu übernehmen.

Das alles ist Unfug. Ein Krieg gegen den Iran würde sich über Monate und Jahre erstrecken und er würde die gesamte Region zum Explodieren bringen. Das hätte verheerende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Es wäre ein Krieg, der politisch nicht mehr einzudämmen wäre, wie bei einer chemischen Kettenreaktion. Das ist ein ganz anderes Kaliber als der Krieg gegen den Irak oder Afghanistan. Ein solcher Angriff würde das Jahrhundert prägen, wie der erste Weltkrieg das vorige Jahrhundert geprägt hat.

[…]

tagesschau.de: Welche Alternativen gibt es zu einem Angriff? Auch die wirtschaftlichen Sanktionen scheinen ja nichts zu bewirken.

Lüders: Der Westen muss seine Strategie ändern. Man muss beginnen, mit dem Iran ernsthaft zu verhandeln. Die Verhandlungen bisher hatten nicht das Ziel, Kompromisse herbeizuführen. Es waren Verhandlungen, bei denen man den Iranern die Pistole auf die Brust gesetzt hat, nach dem Motto ‚Akzeptiert unsere Bedingungen oder wir werden euch wirtschaftlich in Grund und Boden boykottieren‘. Und genau das passiert ja im Augenblick. Das ist keine Politik, das ist Erpressung und darauf lässt sich der Iran nicht ein.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de

Stand: 20.03.2012 15:13 Uhr

http://www.tagesschau.de/ausland/iraninterview104.html

Und es ist ein Literaturwissenschaftler, Prof. Thomas Anz, der gegen die Journaille und gegen die üblichen reflexhaften Schmäher (zu denen auch Klein-Literaten und Klein-Literaturkritiker gehören, deren begrenzte Kreativität schon immer die Neigung zum Vatermord förderte) zu dem Schluß kommt, daß die Verreißer eben ungenau lesen:

Günter Grass und „Was gesagt werden muss“

Kleine Verteidigung eines heftig attackierten Friedensgedichtes

Von Thomas Anz

Das wenige Tage vor den Osterfeiertagen erschienene Gedicht „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass hat zu vielen empörten Reaktionen provoziert, obwohl es ungemein vorsichtig ein Problem aufgreift, das viele andere längst ähnlich angesprochen haben. Wie kommt es, dass ein ganz offensichtlich in der pazifistischen Tradition der Friedensbewegung und der Ostermärsche stehendes, auf Völkerversöhnung und -verständigung zielendes Gedicht derart feindselige Reaktionen hervorruft? Und zwar genau jene, die es antizipiert und denen es vorbeugend entgegenarbeitet?

Jede Kritik an der Rüstungs- und militärischen Abschreckungspolitik der israelischen Regierung muss, ähnlich wie schon die Kritik an der Aufrüstungsspirale in alten Zeiten des Kalten Krieges, mit reflexartigen Reaktionen rechnen, die der fatalen Logik von Freund-Feind-Schemata folgen:

1. Die Gefährlichkeit des Iran werde ignoriert oder verharmlost.

[…]

2. Die Kritik an der Politik der Regierung Israels sei durch antisemitische Einstellungen motiviert.

[…]

3. Deutsche hätten aufgrund der mörderischen Vergangenheit ihres Landes kein Recht, einem anderen Land und vor allem nicht Israel eine friedensgefährdende und dabei die Vernichtung eines ganzen Volkes riskierende Politik vorzuwerfen. Damit würden sie die eigenen Verbrechen relativieren oder von ihnen ablenken.

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16571

Alle diese Punkte widerlegt er durch das Gedicht selbst – und nur mein Respekt vor dem Urheberrecht hindert mich daran, diesen Artikel in Gänze zu zitieren.

Thomas Anz:

Das Gedicht ist jedoch vor allem eine Kritik an Deutschland, an dem drittgrößten Rüstungsexporteur der Welt. Es reagiert auf wenige Tage zuvor erschienene Meldungen, dass Deutschland ein sechstes U-Boot nach Israel liefern wird, das mit atomwaffenfähigen Mittelstreckenraketen ausgerüstet werden kann. Ein Drittel der Kosten, 135 Millionen Euro, übernimmt der deutsche Staat.

Dass die deutschen Waffenlieferungen an Israel wie alle Waffenlieferungen ein Geschäft sind, dieses aber im Fall Israels mit besonders gutem Gewissen als Akt der „Wiedergutmachung“ deklariert wird, ist eine der Botschaften dieses Gedichts. Die zentrale aber steht an seinem Ende, ein konstruktiver Vorschlag und eine Hoffnung auf friedliche Konfliktlösungen. Was ist daran so anstößig?

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16571

Tja. Das versteht wirklich keiner, der sich noch den Luxus des Selber-Denkens leistet. Der Wunsch sei irreal, weil Israel sich niemals in die Karten gucken lassen werde? Eben diese starrsinnige Haltung muß aufgegeben werden. Frieden gibt es nicht durch Übermilitarisierung, sondern durch vernünftigen Interessenausgleich.

Thomas Anz liefert keine Literaturkritik, er weist nur darauf hin, daß es bislang keine gab und daß sie nachgeholt werden müsse. Und natürlich muß ihm die Frage, ob es sich bei dem Gedicht von Günter Grass überhaupt um ein Gedicht handele, absurd erscheinen. Auf diesem Niveau bewegt sich allenfalls ein ununterrichteter Bürger, der, eines abstrakten Bildes angesichtig, erklärt, daß auch seine fünfjährige Tochter so etwas anfertigen könne.

Thomas Anz liefert darüberhinaus noch einen wertvollen Hinweis auf den Gedichttitel (den der gemeine illiterate Journi ja mit der Stammtisch-Parole ›Das wird man ja wohl noch sagen dürfen‹ schon inhaltlich falsch konnotiert hat):

Marcel Reich-Ranicki hatte 1995 im „Spiegel“ seinen Verriss des Grass-Romans „Ein weites Feld“ unter der Überschrift „… es muß gesagt werden“ veröffentlicht. Das war einer Bemerkung  Fontanes entnommen, die gleich im ersten Abschnitt des Artikels zitiert wird: „Mein lieber Günter Grass, es gehöre ‚zu den schwierigsten und peinlichsten Aufgaben des Metiers‘ – meinte Fontane –, ‚oft auch Berühmtheiten, ja, was schlimmer ist, auch solchen, die einem selber als Größen und Berühmtheiten gelten, unwillkommene Sachen sagen zu müssen‘. Aber – fuhr er fort – ’schlecht ist schlecht, und es muß gesagt werden. Hinterher können dann andere mit den Erklärungen und Milderungen kommen‘.“

Ob Grass sich zu seinem Titel (an dem ebenfalls Kritik geübt wurde) durch Fontane hat inspirieren lassen? Oder durch Reich-Ranicki? Literarische Techniken der Anspielung sind dem Autor jedenfalls keineswegs fremd.

Der Beitrag ist zuerst in  unserem Kulturjournal erschienen – zusammen mit dem kompletten Text des Gedichtes und  Hinweisen  auf die Resonanz darauf. Weitere Beiträge zu der Debatte sind willkommen.

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16571

Kulturgeschichte wird weder durch die schnellfingrige Medienmeute noch durch Politiker geschrieben, die in dem ganzen Trubel mit dem Ziel: Haben mich die Medien auch noch lieb? Steche ich meinen Konkurrenten aus? Gewinne ich die nächsten Wahlen? sowieso nie Zeit zum Nachdenken finden. Politik ist dank der Macht Nr. 1, der vampirischen Medien, ein extrem unterbezahltes burn-out-Umfeld geworden, in dem alle Ideale (und das richtige und wichtige Privatleben) auf der Strecke bleiben müssen. ›The survival of the fittest‹ bekommt unter diesen Vorzeichen eine geradezu bedrohliche Aussage. Denn wie muß ein Mensch beschaffen sein, der diesen medialen Druck über längere Zeit aushält?

Besser als der große Schweizer Autor Adolf Muschg kann man das abstoßend niedrige Treiben dieser Branche gar nicht beschreiben:

Das deutet auch auf einen Generationenwechsel in den Redaktionen. Wer die Welt immer noch als Intellektueller sieht wie Graß – nämlich: als Verpflichtung zur moralischen Intervention – ist ein notorischer Schulmeister, der sich selbst maßlos überschätzt und besser vor der eigenen Tür kehren würde. Als Moraltrompeter ist er eine Figur von Vorgestern und bemächtigt sich einer Aufmerksamkeit, die er nicht verdient: so urteilt dieselbe Macht, die sie ihm verschafft hat. Und sie ist, in Sachen öffentlicher Kultur, spätestens seit der Affäre Wulff von der vierten im Staate zur ersten geworden.

Ich frage bescheiden: womit eigentlich hat das Graß-Gedicht keine sachliche Auseinandersetzung verdient? Warum führt die Brandwarnung – selbst wenn sie unbegründet wäre – nicht weiter als bis zur Hinrichtung des Feuermelders? Hat er für seine übrige Tätigkeit – wenn man die aktuelle schon für einen Mißgriff hält – keinerlei Respekt verdient? Es ist offenbar müßig, danach zu fragen, ja, es ist spielverderberisch – auf ein faires Spiel der veröffentlichten Meinung ist in diesem Fall nicht zu rechnen. Aber die Erinnerung darf nicht verboten sein, daß die Medien ihre Freiheit auch schon liberaler verstanden, ihre Macht selbstkritischer ausgeübt haben. Nur: wer auf Teufel komm raus im Rennen bleiben muß, der holt sich seinen Teufel, wo er ihn findet. Blut lecken ist gut; Blut ziehen ist besser.

Nein, Schonung braucht Graß nicht, aber die unfröhliche Jagd, mit der er zur Strecke gebracht wird, ist kein Zeichen von Souveränität. Es zeugt auch nicht von jenem Selbstvorbehalt an Scham, den man so lautstark bei ihm vermißt. Kritik an Israel hätten andere kompetenter vorgebracht, lese ich überall, die seine sei also nicht nur heuchlerisch, sondern auch wohlfeil. Wenn das wahr ist: warum drückt sich die deutschsprachige Reaktion fast einhellig vor der Frage, ob sie sich denn erledigt hat? Und womit ein Autor wie Graß das Recht verwirkt haben soll, sie weltbürgerlich zu äußern? Das dröhnende Schweigen über diesen Punkt zeigt jedenfalls so viel, daß die Selbstgefälligkeit nicht nur auf seiner Seite ist. Er meinte der Diskussion zu dienen – auch in Israel. Wenn das ein Irrtum ist: warum begnügt man sich damit, seinen ernst gemeinten Beitrag dazu indiskutabel zu finden? Weil die Lage ihn nicht im geringsten rechtfertigt? Weil sie zwar verzweifelt sein mag, aber bitte nicht ernst?

http://www.sonntagonline.ch/ressort/aktuell/2224/

SIE IST ERNST. Und gerade darum ist der übliche Skandalisierungshype der Presse so von Übel.

Update (15.4.2012):

Friedrich Küppersbusch kann immerhin noch Witze über den medialen Hype machen:

Günter Grass wird wegen seines Gedichts „Was gesagt werden muss“ in Israel zur Unperson erklärt und erhält Beifall von den Rechten – hat die öffentliche Person Grass noch eine Zukunft, und wenn ja, als was?

Als Namenspatron der diese Epoche prägenden heimtückischen Stattfindekrankheit. „Du hast ja krass grass“ – „grassierender Unsinn“ – „bald grass ich am Neckar, bald grass ich am Inn“ usf. Seine Leidensgenossen hatten je nach Fortschritt ihrer Erkrankung die moralschäumenden Erwiderungen fertig, kurz bevor Grass überhaupt losdichtete (Broderline-Syndrom), andere bastelten den Text erst noch ein bisschen um, damit sie ihn besser niederschirrmachern konnten. Ein Rudel Meinungshirsche beim brünftigen kommunizierenden Röhren. – Zehn Wochen hat uns diese Selbsthilfegruppe mit der fundamentalen Bedeutung von Preisschildchen unter Bobby-Cars bei Wulffs daheim unterhalten. Nun kommt einer und versucht, mit den Fingern ein relevantes Thema dagegenzustellen – und reißt zugleich mit dem Arsch alles wieder um. Das ist tragisch, vor allem für das Thema: ein Krieg um und womöglich mit Nuklearwaffen, der GAU aller bekannten Nahostszenarien. Das ist das Thema, und nun liegt es begraben unter faulendem Heu.

http://www.taz.de/Die-Woche/!91493/

Aber so ganz begraben ist das Thema nicht: in ›Berlin direkt‹ wurde es heute aufgegriffen – mit dem Tenor, daß die Regierung eine öffentliche Diskussion wohl lieber vermieden hätte.

Update (16.4.2012):

Gestern bei Jauch war wieder das seltsame Spektakel zu besichtigen, daß der Bellizist Wolffsohn, nachdem ihm der Nahostexperte Lüders die Absurdität der propagandistischen Presse-Darstellung, der Iran bedrohe Israel konket, nachgewiesen hatte, sofort auswich: Lüders sei auf eine israelische Taktik hereingefallen. Die Kriegsdrohung Israels sei ja nicht ernstzunehmen, sondern (ebenfalls?) nur Propaganda. Hat Netanjahu ihm persönlich diese Drohung als Lüge gestanden? Und auch erklärt, wieso er mit dem Feuer spielt?

Die Jauch-Sendung hat dank Jakob Augstein, Heide Simonis und Michael Lüders die Diskussion auf der Sachebene vorangetrieben – ein Erfolg, den Günter Grass sich zuschreiben kann. Diese Entwicklung hat er anstoßen wollen, und im Prinzip hat er dafür wenig riskiert: die Rufschädigung durch irrelevante Zeitgenossen – was zählt die schon, wenn es um das höhere Ziel des Weltfriedens geht?

Karl May hat im Jahr 1901 in den patriotisch-militaristischen Chinaband Kürschners sehr listig seine Friedensprosa ›Et in Terra Pax‹ in bewußt verzögerten Text-Lieferungen eingeschmuggelt, weil er diesem Kriegsgong-Werk etwas entgegensetzen wollte – für diesen Coup hat er seinen Ruf als bestsellender Abenteuerschriftsteller benutzt. Und schwer dafür bezahlt, obwohl man seiner Arbeit ein vorzeitiges Ende setzte. Missionare als Geisteskranke und europäische Imperialisten als unzivilisierte Kolonisatoren zu kennzeichnen, hat zu keiner Zeit Autoren genutzt. Ihre Hybris gegen den aktuellen Zeitgeist war und ist allerdings immer berechtigt. Denn der immer aktuelle Zeitgeist will die Aggression. Warum auch immer.

http://www.sueddeutsche.de/medien/tv-kritik-guenther-jauch-ueber-guenter-grass-junge-du-spinnst-1.1333442

Update (24.4.2012)

Thomas Anz, selber ein genauer Leser des Grass-Gedichts, wies in ›Literaturkritik.de‹ auf eine Rezension des Grass-Gedichts hin, der die breiteste Aufmerksamkeit zu wünschen ist. Sie stammt von Heinrich Detering, neben Michael Maar der einzige ernstzunehmende Literaturvermittler überhaupt. Beide sind Philologen, ›Liebhaber des Logos‹, wie es ansonsten weder beamtete Literaturverwalter mit ihrem Seminarsprachenkauderwelsch noch feuilletonistische Kritiker sind, die sich dem Kulturbetrieb nebst seinem ökonomischen Faktor unterworfen haben. Es ist, nach Hans Wollschlägers Tod, rar geworden, solchen Texten zur Literatur zu begegnen, die sich kenntnisreich und ernsthaft, liebend, schöpferischen Produktionen widmen… Ohne den kritischen Aspekt zu vernachlässigen. Heinrich Deterings Arbeit erschien am 16.4.2012 (kein Schnellschuß also) im CICERO.

 

Hier ein Ausschnitt, der das Sich-Einlassen auf den Text belegt – aber das soll natürlich nur ein Teaser sein, den ganzen Text zu lesen:

 

Erstaunlich leicht und genau. In seinem Gedicht tritt das Muster erst im Laufe des Textes hervor; spätestens ab der fünften Zeile ist es zu bemerken. Am deutlichsten wird das Verfahren dort, wo ihm regeltreu gebaute Verse unterlaufen und ebenjene Spannung zwischen metrischer und prosaischer Lesbarkeit erzeugen, die der Begriff des „gestischen Rhythmus“ meint. Die Zeile „Es íst das beháuptete Récht auf den Érstschlag“ ist im epischen Dreivierteltakt des Daktylus gebaut; der Kontext macht sie wiederum prosaisch. Vierhebig liest man, in alltäglicher Betonung, auch dies: „mit flínker Líppe als Wiedergútmachung deklaríert“. Doch der Vers ist überfüllt – als sei er selber „mit flinker Lippe“ geplappert. Wovon er spricht, das demonstriert sein Klang.

 

Noch öfter nützt Grass die Balance der Form zu semantischen Effekten – einige Male auch dort, wo der Streit der Kritiker seinen Anfang nahm. Beispielsweise beim Reden über die deutschen Verbrechen, „díe óhne Vergléich sínd“: Die Zeile verlangt danach, verlangsamt und mit beschwerten Hebungen gelesen zu werden. Hier geht es, gegen alle Relativierungsversuche, um Verbrechen, „die – ohne – Vergleich – sind“. Der Vers gibt, so gelesen, mehr zu verstehen, als sein Wortlaut besagt: eine Emphase, die das Erstarren zur Formel verhindern soll.

 

http://www.cicero.de/salon/guenter-grass-gestischer-rhythmus-prosaische-metrik-lyrische-hochstapelei/48966?seite=2

 

Und dann noch dieser Hinweis:

 

Nahost-Experte stellt sich auf Grass’ Seite

 

 

Lübeck – Der Islamwissenschaftler Udo Steinbach hält Günter Grass’ Gedicht „Was gesagt werden muss“ für den richtigen Text zum richtigen Zeitpunkt.

 

http://www.ln-online.de/nachrichten/3419993/nahost-experte-stellt-sich-auf-grass-seite

 

Vergewaltigungsvorwürfe nach dem Beziehungs-Aus: der BGH setzt Maßstäbe

Ob es an dem medialen Overkill des Kachelmann-Verfahrens liegt?
Eins fällt jedenfalls auf: in jüngster Zeit hat sich der BGH eingehend mit unzulänglichen richterlichen Beweiswürdigungen in diesen klassischen Aussage-gegen-Aussage-Fällen bei der Erhebung von Vergewaltigungsvorwürfen nach dem Ende einer Beziehung befaßt –: und in beiden Fällen Verurteilungen der Vorinstanzen aufgehoben. Denn eine Verurteilung bei fehlenden Beweisen aber vorhandener richterlicher Überzeugung von der Schuld des Angeklagten ist heutzutage immer noch wahrscheinlicher als ein Freispruch, der nur bei optimaler Verteidigung erzielt werden kann. Gut vorstellbar, daß die juristischen Fehler des LG Mannheim den BGH sensibilisiert haben…

Am 24.1.2012 legte der 5. Strafsenat vor und zerpflückte die opfergläubige Beweiswürdung des Landgerichts Bremen, das bei einer Verurteilung wegen Beziehungstaten (Vergewaltigungen, Körperverletzung, Nötigung u.a.), fünf Monate nach der Trennung erstmals vorgebracht, jegliche Ratio hatte vermissen lassen. Für diese fehlerhafte Würdigung dürften eine alte einschlägige Vorstrafe des Angeklagten, seine wirtschaftliche und altersmäßige Überlegenheit und die vom Gericht angenommene ›Asymmetrie‹ der Beziehung verantwortlich gewesen sein: »Aus weiteren, als glaubhaft bewerteten Zeugenbekundungen hat sich das Landgericht ersichtlich vom Charakter der von Unterdrückung und Gewaltausübung geprägten Beziehung des Angeklagten zu der Nebenklägerin überzeugt.«

Insbesondere aber fehlte es an einer umfassenden Würdigung der ersichtlichen Falschbelastungsmotive wie Rache und Bestrafungsbedürfnis:

5 StR 433/11
BUNDESGERICHTSHOF

IM NAMEN DES VOLKES

URTEIL

vom 24. Januar 2012
in der Strafsache
gegen
wegen Vergewaltigung ua.
für Recht erkannt:

Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Bremen vom 23. Mai 2011 mit den zugehörigen Feststellungen aufgehoben.

Die Sache wird zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.

Das Landgericht hat den Angeklagten wegen Vergewaltigung in drei Fällen, in einem Fall tateinheitlich mit Körperverletzung, sowie wegen Nötigung, wegen Körperverletzung in Tateinheit mit versuchter gefährlicher Körperverletzung, wegen Körperverletzung und wegen Beleidigung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten verurteilt. Von dieser Strafe hat es ein Jahr Freiheitsstrafe als vollstreckt erklärt. Die Strafkammer hat den Angeklagten ferner zur Zahlung eines Schmerzensgeldes an die Nebenklägerin in Höhe von 10.000 € verurteilt. Die Revision des Angeklagten hat mit der Sachrüge Erfolg.

[…]hier wird der Sachverhalt dargestellt

2. Soweit das Landgericht in den Fällen 2 bis 4 [zwei Vergewaltigungen, eine Nötigung zur Unterzeichnung eines Schuldanerkenntnisses] die Verurteilung ausschließlich auf die belastenden Angaben der Nebenklägerin stützt, offenbart die Beweiswürdigung sachlichrechtliche Fehler. Sie bezieht festgestellte Umstände nicht ein, die nach den hier aufgrund der gegebenen Beweissituation geltenden Anforderungen mit hätten bewertet werden müssen (vgl. BGH, Urteil vom 29. Juli 1998 – 1 StR 94/98, BGHSt 44, 153, 158 f.). Ferner bleibt die Darstellung der Entwicklung der Aussagen der Nebenklägerin zumindest unvollständig.

a) Das Landgericht hat das Falschbelastungsmotiv „Rache“ nur unvollständig bewertet (vgl. BGH, Beschluss vom 17. Mai 2010 – 5 StR 157/10; BGH, Urteil vom 27. März 2003 – 1 StR 524/02, StraFo 2003, 312).

aa) Zwar mag ein Zeitablauf von fünf Monaten nach der – vom Landgericht hinsichtlich des Verursachers gar nicht aufgeklärten – Trennung eine Eifersucht auf die neue Beziehung des Angeklagten als Quelle einer aus Rache erfolgten Falschbelastung ausschließen können. Dies gilt aber nicht für die weiter festgestellte, indes nicht gewürdigte Empfindung der Nebenklägerin, durch ihr Leben mit dem Angeklagten fühle sie sich vorgealtert, kraftlos und habe das Gefühl, ihrer Jugend beraubt zu sein.

http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&Datum=Aktuell&Sort=12288&Seite=3&nr=59277&pos=108&anz=627

Wenn ungeklärt ist, wer die Beziehung beendet hat, kann man schon mal ungerügt die rein subjektive Lebenserfahrung anführen, daß sich die Eifersucht auf die neue Freundin des Ex-Partners fünf Monate nach dem Beziehungsende mehr oder weniger verflüchtigt haben müßte. Sollte allerdings die Darstellung des Angeklagten zutreffen, wonach er die Zeugin wegen einer anderen Frau verlassen habe, woraufhin sie ihm gedroht habe, ihn fertigzumachen, wäre eine solche Beurteilung nicht mehr möglich. Da ist es nicht ungünstig, das Trennungsgeschehen nicht aufzuklären, denn der BGH darf die Beweiswürdigung der Tatsacheninstanz nicht durch seine eigene ersetzen. Fortdauernde Bitterkeit über vergeudete Jahre wegen der Bindung an einen im Rückblick als falsch erkannten Lebenspartner läßt allerdings jegliche ›Regel‹ über die Bedeutung von Zeitablauf obsolet werden. Das hat das Gericht übersehen.

bb) Auch wenn es zu bedenken gilt, dass ein Vergewaltigungsopfer aus berechtigtem Zorn eine Bestrafung erstreben kann und deshalb eine von Belastungseifer getragene Aussage keineswegs zwingend Glaubhaftigkeitsbedenken ausgesetzt ist (vgl. BGH StraFo aaO), hat es das Landgericht hier in einem weiteren Zusammenhang unterlassen, eine mögliche Falschaussage der Nebenklägerin zu erwägen.

Die Strafkammer hat einerseits die Aussage der Nebenklägerin als glaubhaft angesehen, nie zu jemandem gesagt zu haben, dass sie den Angeklagten habe „fertig machen“ wollen (UA S. 18). Andererseits hat das Landgericht den Zeugenaussagen der Eheleute A. , die Nebenklägerin habe ihnen gesagt, dass sie bis zum Letzten gehen und den Angeklagten „in den Knast bringen“ würde, jeglichen Beweiswert abgesprochen. Selbst wenn sich die Geschädigte in der Weise geäußert haben sollte, lasse dies keinen Rückschluss darauf zu, dass sie falsche Angaben über die Geschehnisse gemacht habe. Mit dieser Erwägung hat es das Landgericht indes versäumt, eine im Raum stehende Falschaussage der einzigen Belastungszeugin über eigene Äußerungen gegenüber Dritten in die Prüfung der Glaubhaftigkeit ihrer Angaben im Übrigen einzubeziehen.

http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&Datum=Aktuell&Sort=12288&Seite=3&nr=59277&pos=108&anz=627

Das ist natürlich ein Verstoß gegen die Logik: wenn das Gericht der Aussage der Belastungszeugin glaubt, sie habe niemals gegenüber einem Dritten gesagt, daß sie den Angeklagten fertigmachen wolle, dann muß es zwingend der entgegenstehenden Angabe anderer Zeugen die Glaubhaftigkeit absprechen. Nur eine Partei kann die Wahrheit sagen. Offenbar war es nicht zu begründen, den widersprechenden Zeugen eine Falschaussage zu unterstellen. Wenn aber die Eheleute A. wahrheitsgemäß ausgesagt haben, dann hat die Belastungszeugin gelogen – und auch Lügen im Randbereich und zur Erhöhung der eigenen Glaubwürdigkeit mindern den Beweiswert ihrer belastenden Angaben zu den Tatvorwürfen erheblich. Nach der geltenden Rechtsprechung ist dann eine Verurteilung allein aufgrund einer Aussage nicht mehr möglich. Vor dieser Konsequenz hat sich das Landgericht gedrückt – und die widersprechenden Aussagen des Ehepaares A. schlicht als unbeachtlich vom Tisch gewischt.

b) Das Landgericht hat es ferner unterlassen, aus den Feststellungen sich als wahrscheinlich aufdrängende, indes von der Nebenklägerin unterlassene Handlungen in die Erwägungen einzubeziehen. Hierdurch sind festgestellte Umstände lückenhaft bewertet geblieben (vgl. BGH, Urteil vom 18. September 2008 – 5 StR 224/08, NStZ 2009, 401).

Das Landgericht hat die Aussage der Nebenklägerin – sie sei Opfer schwerster – freilich nicht angeklagter – anal ausgeführter schmerzhafter Vergewaltigungen geworden, bei denen ihre Schreie durch ein jeweils auf ihren Kopf gedrücktes Kissen unterdrückt worden seien, als glaubhaft bewertet. Es hat dabei nicht erwogen, warum die Nebenklägerin den sich aus der Vornahme solcher Verbrechen entstehenden Impuls zur Flucht überwunden hat und – überdies ohne Offenbarung gegenüber einer Vertrauensperson – bei dem Angeklagten verblieben ist. Die kritiklose Hinnahme der Erklärung der Nebenklägerin durch das Landgericht, „sie sei aus der Beziehung irgendwie nicht rausgekommen“ (UA S. 15), ersetzt die gebotene eigene Würdigung nicht (vgl. auch BGH, Beschluss vom 13. November 2003 – 5 StR 400/03). Gleiches gilt hinsichtlich des Umstands, dass die Nebenklägerin nach ihrer Flucht zu Verwandten zu dem Angeklagten zurückgekehrt ist, ohne dass erwogen worden ist, ob es zu einer sich aufdrängenden Vereinbarung über die Vernichtung der abgepressten Blankoschuldscheine gekommen ist.

http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&Datum=Aktuell&Sort=12288&Seite=3&nr=59277&pos=108&anz=627

Das verwundert schon, daß die Staatsanwaltschaft diese schmerzhaften und schwerwiegendsten Vergewaltigungen nicht einmal angeklagt hat: hat sie demnach selbst Zweifel an der Wahrheitsliebe ihrer Belastungszeugin gehegt? Oder kamen diese Aussagen zu spät, als daß sie hätten angeklagt werden können? Denn diese Erklärung, aus der Beziehung irgendwie nicht herausgekommen zu sein, mag zwar in das feministische Muster einer geradezu das Klischee übererfüllenden typischen Gewaltbeziehung passen, nachvollziehbar ist sie angesichts der konkreten Umstände allerdings nicht, ist die Anzeigenerstattung doch bereits wegen wesentlich geringerer Vorkommnisse (abgepreßtes Schuldanerkenntnis) geflohen.

c) Die Darstellung der Aussagen der Nebenklägerin erweckt zudem die Besorgnis von deren Unvollständigkeit, was die gebotene umfassende Glaubhaftigkeitsprüfung nicht hinreichend erkennbar und nachvollziehbar macht (vgl. BGH, Beschluss vom 16. Mai 2002 – 5 StR 136/02).
Es bleibt offen, ob die Bewertung des Landgerichts, dass im Kerngeschehen keine Abweichungen vorhanden seien, sich allein auf die angeklagten Tatvorwürfe oder auch auf die analen Vergewaltigungen bezieht. Soweit die Strafkammer festgestellt hat, es sei im weiteren Ermittlungsverfahren und in der Hauptverhandlung „lediglich zu Erweiterungen der ursprünglich gemachten Aussage“ gekommen, wird die gebotene Prüfung unterlassen, ob durch die Erweiterungen die Glaubhaftigkeit des ursprünglich Gesagten bestärkt oder in Zweifel zu ziehen gewesen wäre.

http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&Datum=Aktuell&Sort=12288&Seite=3&nr=59277&pos=108&anz=627

Spätere Erweiterungen der belastenden Erstaussage stellen in der Regel einen Glaubhaftigkeitsmangel dar; da verzichtet ein verurteilungswilliges Gericht doch lieber auf die genaue Darstellung der Aussageentwicklung, um das Urteil revisionssicher zu gestalten. Der BGH, bei weitem nicht immer so sensibilisiert für Fehler der Untergerichte  (hat er doch in der Vergangenheit regelmäßig später aufgehobene Fehlurteile durchgewinkt, in denen die Opfer mehrfacher Vergewaltigungen noch jungfräulich waren) hat nun allerdings aufgepaßt, so daß ihm die Lückenhaftigkeit der Darlegung auffiel.

Offensichtlich hegte er grundsätzliche Zweifel an dem gesamten stereotypen Täter-Opfer-Beziehungs-Szenario, das die Anzeigenerstatterin und einige Zeuginnen aus ihrem Lager gezeichnet haben. Wenn das alles so eindimensional übel war, warum sollte die Zeugin dann eifersüchtig auf ihre Nachfolgerin sein? »Hinsichtlich des Falles 5 hat das Landgericht zusätzlich auf die – zwar in ihrer Beschränktheit nicht insgesamt glaubhafte – Aussage der Zeugin N. abgestellt, wonach der Angeklagte die Nebenklägerin beschimpft und einen großen Aschenbecher ergriffen habe.« Der Rückblick auf eine gescheiterte Beziehung durch die Betroffenen und ihr Umfeld ist notwendigerweise subjektiv, und die völlige Entwertung der vergangenen Jahre teilt sich auch den unterstützenden Freundinnen der Betroffenen mit, deren Erinnerungen an Streitigkeiten des Paares durch die aktuell geltende Negativität der Beziehung kontaminiert sein können (wenn nicht gar müssen, was vom Reflektionsvermögen der Freundinnen abhängt).

Der BGH hat jedenfalls die gesamte Verurteilung aufgehoben:

3. Der Fehler der Beweiswürdigung entzieht nicht nur den Schuldsprüchen die Grundlage, die ausschließlich auf der Aussage der Nebenklägerin beruhen. Der Senat kann nicht ausschließen, dass das Landgericht bei der gebotenen umfänglichen Bewertung der Glaubhaftigkeit der Zeugenaussage der Nebenklägerin auch in den übrigen Fällen zu einer anderen Urteilung gekommen wäre.

http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&Datum=Aktuell&Sort=12288&Seite=3&nr=59277&pos=108&anz=627

Am 9.2.2012 hob der 2. Strafsenat ein Urteil des Landgerichts Köln wegen Vergewaltigung in zwei Fällen auf, das erschreckend klarmacht, wie wenig es bedarf, um zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt zu werden.

BUNDESGERICHTSHOF

BESCHLUSS

2 StR 316/11

vom

9. Februar 2012

in der Strafsache

gegen

wegen

Vergewaltigung u. a.

Der 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat auf Antrag des Generalbundesanwalts und nach Anhörung des Beschwerdeführers am 9. Februar 2012 gemäß § 349 Abs. 2 und 4 StPO beschlossen:

1. Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Köln vom 17. Januar 2011 aufgehoben, soweit er wegen Vergewaltigung in zwei Fällen verurteilt worden ist.

2. Die weitergehende Revision wird verworfen.

3. Die Sache wird im Umfang der Aufhebung zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Kammer des Landgerichts zurückverwiesen.

Gründe:

Das Landgericht hat den Angeklagten wegen Vergewaltigung in zwei Fällen und wegen Körperverletzung zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt, von denen sechs Monate als vollstreckt gelten. Die Revision des Angeklagten führt zur Aufhebung der landgerichtlichen Entscheidung, soweit er wegen Vergewaltigung verurteilt worden ist. Im Übrigen erweist sich das Rechtsmittel als offensichtlich unbegründet (§ 349 Abs. 2 StPO).

1. Die unübersichtliche, zum Teil laienhaft wirkende Beweiswürdigung, mit der sich das Landgericht von der Täterschaft des Angeklagten hinsichtlich

der Vergewaltigungstaten überzeugt hat (UA S. 38 ff.), begegnet durchgreifenden rechtlichen Bedenken.

http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&Datum=Aktuell&Sort=12288&nr=59701&pos=1&anz=651

»Unübersichtlich und laienhaft« – das ist natürlich die Höchststrafe für ein Landgericht. Was der BGH als »laienhaft« rügt, ergibt sich aus den nachfolgenden Begründungen: es sind die aussagepsychologischen Defizite der verurteilenden Richter:

Dass die Kammer die Aussage der Nebenklägerin, auf die sie sich dabei gestützt hat, als glaubhaft angesehen hat, weil sie detailreich, konstant und widerspruchsfrei ausgesagt habe, vermag der Senat nicht nachzuvollziehen. Die Beweiswürdigung weist insoweit Lücken auf und ist deshalb rechtsfehlerhaft.

a) Als einziges Detail hinsichtlich der „plastischen und anschaulichen Schilderung des Geschehens“ durch die Nebenklägerin führt die Kammer insoweit an, die Nebenklägerin habe im Zusammenhang mit dem zweiten Vergewaltigungsgeschehen den Umstand mitgeteilt, eine Pflanze zertreten zu haben, die der Vermieter ihr und dem Angeklagten zum Einzug geschenkt habe (UA S. 39). Einzel- und Besonderheiten zu den Vergewaltigungsgeschehen werden nicht mitgeteilt. Der (angebliche) Detailreichtum der Aussage der Nebenklägerin ist dadurch nicht belegt.

http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&Datum=Aktuell&Sort=12288&nr=59701&pos=1&anz=651

Ein flüchtiger Blick in die Tabelle der aussagepsychologischen Realkennzeichen – hier: ein originelles Detail – reicht eben nicht aus, um eine Aussage zutreffend zu würdigen, zumal dieses Detail in keiner Weise mit dem Tatvorwurf verknüpft ist; das geschilderte Mißgeschick mit der Pflanze kann auch bei einem gewaltfreien Geschlechtsverkehr passiert sein.

b) Das Landgericht geht davon aus, dass die Nebenklägerin in allen wesentlichen Punkten konstant ausgesagt habe (UA S. 41). Im Zusammenhang mit dieser Würdigung bleibt allerdings unberücksichtigt, dass die Angaben der Nebenklägerin zur Tathäufigkeit stark voneinander abweichen. Bei Anzeigeerstattung am 4. Mai 2006 sprach die Nebenklägerin davon, der Angeklagte habe sie gegen ihren Willen an bis zu 15 Tagen zum Geschlechtsverkehr gezwungen (UA S. 23). Eine Woche später gab sie in einer weiteren Vernehmung an, sie schätze, nachdem sie zu einzelnen Taten befragt worden sei und die Vorfälle vergleiche, es habe lediglich ungefähr acht sexuelle Übergriffe gegeben (UA S. 25). Sie reduzierte dies in der gleichen Vernehmung weitergehend auf lediglich zwei Vorfälle, in denen es zu erzwungenem Geschlechtsverkehr gekommen sei und sie sich „richtig dagegen gewehrt habe“ (UA S. 24). Bei dieser Sachlage ist es nicht gerechtfertigt, von einer konstanten Aussage in allen wesentlichen

Punkten auszugehen. Die Tathäufigkeit ist ein zentraler Punkt der erhobenen Vorwürfe;

http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&Datum=Aktuell&Sort=12288&nr=59701&pos=1&anz=651

In der Tat. Wie konnte das Gericht das nur übersehen? Aus der Aussageentwicklung ergibt sich doch bereits, daß die Zeugin eine Generalabrechnung mit dem Ex-Ehemann vornahm, und dabei als im Nachhinein als unangenehm und ungewollt erlebte Geschlechtsakte als gefühlte Vergewaltigungen zur Anzeige brachte. Erst in der Vernehmung lernte sie, welche tatsächlichen Voraussetzungen zur Erfüllung des strafrechtlichen Tatbestandes, nämlich u.a. die Überwindung eines Widerstandes durch den Täter, vorhanden sein müssen, und konnte daher nur noch zwei Vorfälle ›reproduzieren‹, die womöglich ›richtige‹ Vergewaltigungen gewesen sein könnten.

die auseinanderfallenden Angaben zu Beginn des Ermittlungsverfahrens hätte das Landgericht aufgreifen und dabei erörtern müssen, warum sie ungeachtet dessen der Nebenklägerin gleichwohl Glauben hinsichtlich der übrig gebliebenen zwei Vorfälle schenkt. Die Kammer durfte sich insoweit keinesfalls mit der Einschätzung der Vernehmungsbeamtin begnügen, sie habe keine Hinweise gehabt, dass in der Aussage der Nebenklägerin etwas nicht gestimmt habe (UA S. 41). Deren Erklärung kann die notwendige eigene Überzeugungsbildung des Gerichts nicht ersetzen.

http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&Datum=Aktuell&Sort=12288&nr=59701&pos=1&anz=651

Auch das ist eine klassische Konstellation: die entsprechend geschulte opferempathische Vernehmungsbeamtin, die sich ihrer Ermittlungsfunktion nicht mehr bewußt ist und zudem die suggestive Dynamik ausblendet, die ihre Fragen nach dem Sachverhalt auslösen. Denn wenn die Anzeigeerstatterin nach der ersten pauschalen Anzeigeerstattung im Rahmen der ausführlichen Zweitvernehmung durch das Fachkommissariat erfährt, daß ihre Schilderungen keine strafrechtlich relevanten Sachverhalte enthalten, wird sie bewußt oder unbewußt in eine ›Festlegevernehmung‹ (so die Bezeichnung durch eine Kripobeamtin im Kachelmann-Verfahren) geführt. Da muß sie sich dann auf konkrete Sachverhalte festlegen, die strafrechtliche Ermittlungen überhaupt erst ermöglichen. Spätestens jetzt weiß sie, was ihre Vernehmerin von ihr hören will. Erstbekundungen von ›Vergewaltigungsopfern‹ genießen den Rang eines Schutzraumes der emotionalen Verwirrtheit, die der genauen Dokumentation nicht bedarf und als informelles Vorgespräch betrachtet wird. Wie es so habituell wie unprofessionell nicht dokumentierte Vorgespräche überführungsfreudiger Polizeibeamter sind, die geistig minderbemittelte oder psychisch belastete Beschuldigte zu Geständnissen bringen, die nichts wert sind. Wie es um die Professionalität der Polizei bestellt ist, wissen Juristen am besten. Spätestens seit dem tragischen Fall ›Lena‹ in Emden weiß es auch die Öffentlichkeit.

Das größte Manko auch in diesem Verfahren war allerdings wiederum eine unzulängliche Beschäftigung mit der Möglichkeit einer bewußten Falschbelastung aus Rachegefühlen – auch hier gilt, daß Mannheim überall ist:

c) Die Kammer verwirft die Hypothese einer absichtlichen Falschaussage, weil keine Anhaltspunkte dafür ersichtlich seien, dass die Nebenklägerin sich an dem Angeklagten habe rächen wollen (UA S. 42). Zur Begründung stützt sie sich auf einen Erfahrungssatz, wonach bei einer solchen Motivation nicht mit einer derart differenzierten und sachlichen Darstellung zu rechnen sei. Es mag dahin stehen, ob es einen solchen Erfahrungssatz tatsächlich gibt und ob dessen Voraussetzung für den Ausschluss eines Rachemotivs, eine detaillierte, sachliche Aussage, vorliegend gegeben ist.

http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&Datum=Aktuell&Sort=12288&nr=59701&pos=1&anz=651

Ein solcher Erfahrungssatz ist mir nicht nur unbekannt, er ist auch unzutreffend: denn die Aussagepsychologie weiß, daß die Art der Darstellung, von expressiv-dramatisch bis zurückgenommen-nüchtern, nichts über die Glaubhaftigkeit des Dargestellten aussagt, sondern nur Aussagen über die Persönlichkeit des Zeugen liefert.

Denn die Geschehnisse, die zur Trennung der Nebenklägerin von dem Angeklagten geführt haben, lassen eine solche Motivation jedenfalls als möglich erscheinen. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die Aussage der Zeugin E. M. , mit der der Angeklagte auch während der bestehenden Ehe mit der Nebenklägerin sexuelle Kontakte hatte, an denen diese Anstoß nahm. Die Zeugin hat die Nebenklägerin in der Hauptverhandlung als „aggressive Psychopathin“ bezeichnet, die dem Angeklagten immer wieder gedroht habe, sie würde ihn „fertig machen“ (UA S. 45). Damit hätte sich das Landgericht bei seiner Widerlegung eines möglichen Rachemotivs auseinander setzen und dabei auch erörtern müssen, ob und wie die Nebenklägerin zu den insoweit gegen sie erhobenen Vorwürfen Stellung bezogen

hat. Auch insoweit erweist sich damit die Würdigung der Strafkammer als lückenhaft.

http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&Datum=Aktuell&Sort=12288&nr=59701&pos=1&anz=651

Woher kommt eigentlich die Scheu vieler Juristen und mancher Juristinnen, sich mit klar erkennbaren Rachemotiven von Belastungszeuginnen, die Sexualdelikte anzeigen, zu befassen und ernsthaft in Erwägung zu ziehen, daß eine Frau, die den Vorwurf einer Sexualstraftat erhebt, bewußt falsch aussagen könnte? Warum fallen in diesem Zusammenhang wie im Kachelmann-Verfahren durch den Haftrichter, bodenlose Sätze wie: »So etwas denkt sich keine Frau aus!« Oder: »Solche Verletzungen bringt sich niemand selbst bei!«, wenn es doch tatsächlich immer wieder einschlägige Fälle gibt, und darüberhinaus Lehrbücher, in denen sich unvorstellbar grausame Selbstverletzungen finden lassen?

Das wie üblich basislose feministische Mantra, die Quote der Falschbeschuldigungen bei dieser Deliktsart liege unterhalb der üblichen, nämlich bei nur 3%, kann für diesen blinden Fleck eigentlich nicht allein verantwortlich sein. Antipathie gegen einen moralisch fehlenden Mann (der entgegen der heutigen pc zu dominant ist oder gar fremdgeht) oder das Rechtbehaltenwollen gegen ein Obergericht, das die eigene Haftentscheidung krachend aufgehoben hat: auch das sind letztlich unzulängliche Erklärungsversuche für das Phänomen einer solchen Realitäts-Negierung, selbst wenn diese Erklärungen faktisch zutreffen. Eine komplette Kapitulation des Intellekts wäre damit nämlich immer noch nicht ›erklärt‹. Und schon gar nicht das Betäuben des Gewissens, das sich doch heftig zu Wort melden muß, wenn allein wegen eines Bauchgefühls ein Mensch jahrelang weggesperrt wird. Unmöglich, sich vor sich selbst hinter dem Kollektiv des Spruchkörpers und dem Beratungsgeheimnis zu verstecken. Wie kann man vor sich selbst bestehen?

Es muß weitere, nicht so leicht detektierbare, tieferliegende, Widerstände geben, die dazu führen, eine Frau nicht als ›aggressive Psychopathin‹ sehen zu wollen. Mir fiel aus aktuellem Anlaß Karl Mays biographischer Text über seine erste Ehefrau Emma (Scheidung 1903) wieder ein: ›Frau Pollmer, eine psychologische Studie‹ (1907), in der er sie als sexbesessene bisexuelle Dämonin & aggressiv-ordinäre Furie & vernichtungswillige Bestie und sich selbst als hörigen, ihr hilflos ausgelieferten Ehemann schildert. Mit diesem in der May-Forschung jahrzehntelang verdrängten verstörendem Werk habe ich mich 2000/2001 lange beschäftigt und versucht, die subjektive Wahrheit des Autors mit den ermittelbaren Fakten zu konfrontieren: im Ergebnis gab es nichts, das den mitgeteilten Sachverhalt widerlegen konnte, und viele Details wurden durch weitere Quellen sogar bestätigt.

Es gibt diesen Typus Frau schlicht und einfach (nach meiner Untersuchung, im Jahr 2005, wurde erstmals veröffentlicht, daß im Jahr 1914 bei ihr Neurasthenie mit Zwangsvorstellungen sowie Hysterie mittleren Grades diagnostiziert wurde, was Mays Darstellung ihres einschlägigen Verhaltens vor dem manifesten Krankheitsausbruch vollends beglaubigt). Daß dieser Typus Frau, dem man heute eine Borderline-Störung attestieren würde, ihren durchsetzungsschwachen Partner in Todesangst versetzen und aggressivste Abwehrreaktionen auslösen kann, ist objektiv leicht nachvollziehbar.

Dennoch: auch in der neuesten May-Biographie von Helmut Schmiedt: Karl May oder die Macht der Phantasie, Verlag C.H.Beck, München 2011, wird von der ›Studie‹ wie gehabt als von einem

ebenso voluminösen wie virtuosen Ausbruch des Hasses gegen die frühere Ehefrau, der seinesgleichen sucht. (S. 275)

gesprochen.

Kaum jemals aber hat ein Autor derartige Abgründe mit dem Anspruch auf wahrheitsgetreue Berichterstattung über das eigene Leben geschildert und epische Selbstentbößungsakte in einem solchen Ausmaß vorgenommen. (S. 277)

Unabhängig von der Frage, wie viel Wahrheit im schlichten Sinne der Faktentreue ihnen innewohnt, ist dies gewiss nicht einer der sympathischsten, wohl aber einer der literarisch beeindruckendsten Texte, die Karl May je verfasst hat: ein wahres Monstrum, fulminant, furios, aggressiv, von Selbstmitleid triefend, von Selbstverherrlichung strotzend, widerwärtig, böse, hinreißend, zynisch, manchmal komisch. Erst 1982 wurde die Studie in einer Faksimile-Ausgabe veröffentlicht. Wie May da auf rund hundertfünfzig Manuskriptseiten in seiner üblichen, feinziselierten Handschrift und fast ohne Korrekturen einen Vernichtungstext über die Frau vorlegt, mit der er jahrzehntelang verheiratet war – das zu sehen, mag sensible Leser zum Schaudern bringen. Von Ehefrauen und Ehrenmännern heißt der Band 85 der Werkausgabe des Karl-May-Verlags, in dem sich die Studie mittlerweile versteckt. (S. 278)

Hier haben wir alle die Ingredienzien beisammen, die auch die Wahrnehmungsstörung der Justiz beim Blick auf die mögliche destruktive, aggressive, wahnhaft handelnde Frau kennzeichnet (muß es noch gesondert erwähnt werden, daß Emma Pollmer Mays Todfeind Lebius gegenüber Andeutungen machte, daß May seine kleine Nichte, die sie aus Eifersucht mißhandelt und aus dem Haus getrieben hatte, sexuell mißbraucht habe? Was sie später dann doch nicht so gemeint habe?): Nach der Wahrheit der ›Studie‹ fragt der Autor Schmiedt lieber nicht, denn nicht die Frau, sondern der Text muß das Monstrum sein. Ein Dokument des sicherlich unbegründeten Hasses, der auf dessen Urheber zurückfällt. Da ist zwar flächendeckend die Selbsterniedrigung des ›Strohmännle‹ May – so wird er von seiner Frau und ihrem jugendlichen Anbeter genannt – zu besichtigen, die wird aber flugs und unbegründet in Selbstverherrlichung verwandelt; Mays Schmerz ist nichts weiter als Selbstmitleid (männliche Opfer haben es nun einmal schwer, und wenn einen die Ehefrau mit Frauen betrügt, gibt’s doch keinen Grund zur Klage), und die Kalligraphie des Manuskripts, die die Kontrolle zeigt, mit der diese – mit einigen Beweisstücken auch juristisch aufgerüstete – Schrift hergestellt wurde, wird zwar erwähnt, aber nicht gedeutet.

Der biographische Text mutiert zum hinreißenden Stück Prosa. Mithin zur Fiktion.

Ganz unbegreiflich ist die Behauptung, daß die ›Studie‹ sich nun in der im Jahr 2004 erschienenen Werkausgabe des KMV, Band 85, ›verstecke‹: das Gegenteil ist der Fall. Die in einer winzigen Auflage 1982 (tatsächlich Frühjahr 1983) erschienene Faksimile-Ausgabe des KMV mit Transkription (›Prozess-Schriften 1. Frau Pollmer, eine psychologische Studie‹) war schon wegen des exorbitanten Preises, meiner Erinnerung nach DM 120,-, ein ›Versteck‹ und ausschließlich an Forscher adressiert. Erst die Aufnahme in die Werkausgabe machte sie der breiten Öffentlichkeit zugänglich.

Hans Wollschläger hat zu dieser Verdrängungsleistung von May-Biographen im Anschluß an ein Freud-Zitat zu der Tätigkeit von Biographen:

[…] Sie geben sich dann einer Idealisierungsarbeit hin, die bestrebt ist, den großen Mann in die Reihe ihrer infantilen Vorbilder einzutragen, etwa die kindliche Vorstellung des Vaters in ihm neu zu beleben. Sie löschen diesem Wunsche zuliebe die individuellen Züge in seiner Physiognomie aus, glätten die Spuren seines Lebenskampfes mit inneren und äußeren Widerständen, dulden an ihm keinen Rest von menschlicher Schwäche oder Unvollkommenheit und geben uns dann wirklich eine kalte, fremde Idealgestalt anstatt des Menschen, dem wir uns entfernt verwandt fühlen könnten. Es ist zu bedauern, daß sie dies tun, denn sie opfern damit die Wahrheit einer Illusion und verzichten zugunsten ihrer infantilen Phantasien auf die Gelegenheit, in die reizvollsten Geheimnisse der menschlichen Natur einzudringen.« (Ges. Werke Bd. VIII, 202f.)

Folgendes ausgeführt:

Geradezu ein Beweisstück für diese These glaubt man vor sich zu haben, betrachtet man das Buch, das Fritz Maschke vor schon drei Jahrzehnten über Emma Pollmer verfaßt hat, und vollends die gewundenen Sätze, mit denen er darin die ›Studie‹ Karl Mays über sie nicht nur tabuieren, buchstäblich ›außer Kraft setzen‹, sondern geradezu annihilieren möchte. Auffallend ähnlich ist die Position, die im Anschluß an ihn von den Editoren der Studie selbst, Roland Schmid und Heinz Stolte, bezogen wurde. Bei allen dreien war es ersichtlich nicht das väterliche, sondern das mütterliche Widerbild aus der eigenen Psychohistorie, was vor den bedrohlichen Realien der Dokumente in Sicherheit gebracht werden mußte, und die komplizierte seelische Nötigung war mächtig genug, das andere infantile Vor-Bild, die »kindliche Vorstellung des Vaters«, in den Hintergrund zu drängen und zu löschen. Das Schauspiel dieser Idealisierungsarbeit, derjenigen ähnlich, die Karl May selber in seiner Autobiographie abzuleisten versuchte, ist entwaffnend erstaunlich, und der Psychologe mag darin die Wiederkehr der ödipalen Situation aufrichtig bewundern. Biographen nicht nur Emma Pollmers, sondern Karl Mays ebenfalls, ja eigentlich dies vor allem, gehen die drei Autoren mit ihm, wo von seiner Frau zu handeln ist, auf einmal in einer Weise ins Gericht, daß man die kaum verhohlene Aggressivität der Urteile gar nicht glauben mag; – ich habe bereits vor 15 Jahren im zuständigen Artikel des Karl-May-Handbuchs dazu Stellung genommen (S. 556). Sie fechten zuletzt, unisono mit seinen einstigen lebzeitlichen Gegnern, seine Glaubwürdigkeit selber an und stellen die grundsätzliche Frage nach ihr dem Fragen nach der Wahrheit der von ihm ›gezeichneten‹ Frau unmittelbar an die Seite. Wir wissen, so scheint es, doch wenig über die unselige Emma Pollmer-May –: wie wenig wissen wir?

(Vorwort zum Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 2001)

http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/seklit/jbkmg/2001/7.htm

›Das mütterliche Widerbild aus der eigenen Psychohistorie‹, das es zu retten gilt vor der Realität der zutiefst unmütterlichen Frau, wie sie in Kinds- und Partnertöterinnen, Amokläuferinnen, Mißhandlerinnen und rachsüchtigen Falschbeschuldigerinnen auftreten: mir scheint diese These plausibel zu sein. Sie würde zudem erklären, warum Männer mit ihrer spezifischen Mutterbindung anfälliger für derartige apologetischen Bemühungen sind als Frauen, die sich oft schon sehr früh in konflikthaften Konkurrenzbeziehungen zu ihren Müttern befinden: letztere lassen keinen Raum für bloße Idealisierungen. Manch eine Frau füllt den ambivalenten Raum wider besseren Wissens mit Ideologie an, um die Realität fehlender Mutterliebe ausblenden zu können.

Gut, daß der BGH daran erinnert hat, daß wenigstens Strafjuristen nüchtern und genau hinsehen müssen.