Günter Grass: Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht

Was gesagt werden muss

04.04.2012, 12:03

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten –
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug –
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809

Die SÜDDEUTSCHE hat Günter Grass ein Podium geboten – vielleicht wegen der Befürchtung, ihre eigene Kritik an dem geplanten Militärschlag der Netanjahu-Regierung gegen den Iran finde kein Gehör?

http://www.sueddeutsche.de/politik/israel-droht-iran-mit-praeventivangriff-israels-offene-wunde-1.1305460

Vielleicht zweifelte auch sie daran, daß der ›freundschaftliche‹ Ratschlag von Thomas de Maizière an seinen israelischen Kollegen Ehud Barak, wegen der unkalkulierbaren Risiken von diesem Vorhaben abzurücken, ernstgenommen werden würde, wenn das tatsächliche Ergebnis dieses Besuchs eines Kollegen dann recht eigentlich die Zusage der Lieferung eines sechsten U-Boots der Dolphin-Klasse war? Taten sind mehr als Worte.

http://www.bild.de/politik/inland/thomas-de-maiziere/interview-steht-israel-vor-einem-krieg-mit-dem-iran-23348742.bild.html

Es freut mich, daß Günter Grass für seinen Mahn- und Warnruf vor einem drohenden Krieg die Form der Lyrik gewählt hat – nicht nur, weil er hierdurch die bekannte Wirkungslosigkeit von Literatur wenigstens für dieses eine Mal widerlegt hat. Die Wahrheit ist manchmal so groß und so ernst, daß sie der Rhythmik, des Pathos’ und der rhetorischen Figuren eines Gedichts bedarf, auch seines seelischen Mehrwerts, um in ganzer Klarheit dazustehen. Der Ton einer elegischen Altersmüdigkeit, die Ahnung von der Vergeblichkeit »in dieser/vom Wahn okkupierten Region«, in der immer noch das ›Auge um Auge, Zahn um Zahn‹-Prinzip wirksam ist, das Wissen von der ihm drohenden Strafe »das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig«, der Zwang, die Wahrheit dennoch aussprechen zu müssen (»was gesagt werden muss«) – das alles transportiert das Gedicht. Und es wäre ihm, Günter Grass, nur zuzuwünschen gewesen, mehr Zeit für den poetischen Schliff gehabt zu haben. Die gab es aber nicht: denn die deutsche Verstrickung, von der angeblich kritischen, tatsächlich lediglich der political correctness verpflichteten taz komplett unkritisch verbreitet, trat erst am 20.3.2012 zutage:

http://www.taz.de/!90009/

Und morgen kann es schon zu spät sein für eine Intervention gegen einen Krieg. Eigentlich, so erfahren wir in diesem taz-Artikel, hätten die U-Boot-Lieferungen eingestellt werden sollen, weil Israel seine völkerrechtswidrigen Siedlungen im besetzten Ost-Jerusalem fortsetzte. Jetzt gab es die mit 135 Millionen deutscher Steuergelder subventionierte Lieferzusage, weil Israel immerhin auf Druck der EU den Palästinensern rechtswidrig vorenthaltene 100 Millonen Dollar ausgezahlt hatte – Rechtsstaat ist nun mal teuer, und das Geleit zum Rechtsstaat auch

Daß in Leitartikeln Wahrheit stehe, glaubt ohnehin niemand mehr. Und der offene Brief eines Dichters an die Kanzlerin, eine Form, die Martin Walser am 12.7.2009 gewählt hatte, um den Wahnsinn des Afghanistan-Kriegs zu stoppen, ist von vorneherein dazu verurteilt, Flaschenpost zu bleiben. Wann hätte Geist je Macht gehabt? In die Politik und die Tagschreiber-Gilde gehen nur die Geistfernen. Blieb also nur noch die prominent placierte Lyrik mit ihren schillernden Unwägbarkeiten.Und das Standing eines Mannes mit einem beeindruckenden literarischen Lebenswerk, geadelt durch den Literaturnobelpreis.

http://www.zeit.de/2009/29/Walser-Brief

Im Gegensatz zu Frank Schirrmacher von der FAZ hatte ich glücklicherweise Lehrer, die uns beibrachten, danach zu suchen, was der Dichter uns denn sagen wolle; auch erlebte ich gottlob keinen, der uns aufforderte, ein Gedicht für ein Ikea-Regal zu halten und es mittels Schraubenziehern zu attackieren. Bei diesem unseligen Unterfangen kommt, wie man sieht, ja auch nur eine grobschlächtige Psychologisiererei heraus.

Schirrmacher:

Es empfiehlt sich, Gedichte von Günter Grass erst mit den Augen und dann mit dem Schraubenzieher zu lesen. Sie ähneln Ikea-Regalen. Auf dem Papier sieht alles ganz einfach aus, aber wenn man das fertige Werk erst einmal auseinander genommen hat, kriegt man es einfach nicht mehr zusammen.

Ein Gedicht ist natürlich kein Regal. Man sieht von außen nicht, was in ihm steckt. Ein Gedicht ist ein Gedicht, weil es niemals sagt, was Sache ist. Seit Generationen müssen Schüler im Deutschunterricht deshalb die Frage beantworten, was der Dichter uns verheimlicht.

[…]

Es ist ein Machwerk des Ressentiments, es ist, wie Nietzsche über das Ressentiment sagte, ein Dokument der „imaginären Rache“ einer sich moralisch lebenslang gekränkt fühlenden Generation. Gern hätte er, dass jetzt die Debatte entsteht, ob man als Deutscher Israel denn kritisieren dürfe. Die Debatte aber müsste darum geführt werden, ob es gerechtfertigt ist, die ganze Welt zum Opfer Israels zu machen, nur damit ein fünfundachtzigjähriger Mann seinen Frieden mit der eigenen Biographie machen kann.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/eine-erlaeuterung-was-grass-uns-sagen-will-11708120.html

(Dirk Knipphals von der taz blieb es vorbehalten, den medialen anti-Grass-Meinheitsbrei so zusammenzufassen:

Dabei hat die deutsche Presse doch insgesamt schnell, im Großen und Ganzen sachlich und übrigens mit vielen Diffenziertheiten von der Henryk-M.-Broder-Keule bis zum feuilletonistischen Feinbesteck herausgearbeitet, was alles an diesem Gedicht hakt und klemmt.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=tz&dig=2012%2F04%2F07%2Fa0213&cHash=c3e7926363

Ich befürchte, daß er mit dem ›Feinbesteck‹ das Schirrmacher’sche Machwerk gemeint hat.)

Ich ziehe allerdings das Lesen dem Hineinlesen vor, und kann daher feststellen, daß die nachfolgenden beiden Strophen nichts als die Wahrheit aussprechen (die nichts damit zu tun hat, daß Günter Grass sich diese ›Debatte‹ gewünscht haben könnte: es war doch angesichts des erbarmungswürdigen Zustands der hiesigen aktuellen Medienwelt abzusehen, daß es keine Debatte, sondern eine Kampagne werden würde, deren Opfer er sein mußte):

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten –
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.

Manch ein Kommentator war immerhin so schlau, die spezifische Strafe nicht zu verhängen, um den Dichter nicht bestätigen zu müssen, brachte es aber in nicht zu überbietender Unlogik fertig, ihm dennoch antisemitisches Gedankengut zu attestieren.

Mal wieder die taz, ein besonders verabscheuungswürdiges Produkt, weil es vorgibt, links und kritisch zu sein, tatsächlich aber vor der political correctness in  die Knie geht und jegliche Gedankenfreiheit abwürgt. Gut, daß es mittlerweile den FREITAG gibt:

Es ist verheerend, wenn ein deutscher Literat mit antisemitischen Klischees hantiert

Der alte Mann und das Stereotyp

Kommentar von Klaus Hillenbrand

Dabei geht es nicht darum, dass Grass die israelische Regierung für ihre Iranpolitik scharf kritisiert. Solche Kritik ist alltäglich und nur allzu berechtigt. Doch Grass nutzt seine Gedichtveröffentlichung für etwas ganz anderes: Er entschuldigt sein langes Schweigen mit der Furcht, als Antisemit abgestempelt werden zu können.

Das aber ist falsch und perfide. Die auch in deutscher Sprache verfassten Beiträge, die den Kurs der Regierung Netanjahu für gefährlich halten, sind nicht zu zählen, so viele sind es. Und selbstverständlich hat es nicht das Geringste mit Judenhass zu tun, wenn man seine Ablehnung von Israels Iranpolitik öffentlich äußert.

Wenn Grass aber genau das behauptet, dann produziert er ein Tabu, das nicht existiert. Dann erzeugt er neue Vorurteile. Und dann passt es ins Bild, wenn Grass über das Teheraner Regime wenige milde, über Israels Atommacht aber viele deutliche Worte verliert.

Der Skandal besteht also nicht in Grass’ Israelkritik, sondern darin, dass er sich bei dieser Kritik zum Märtyreropfer von Juden stilisiert, die mit der Antisemitismuskeule angeblich die Wahrheit zensieren wollen. Das ist ein antisemitisches Stereotyp.

http://www.taz.de/Kommentar-Grass-Gedicht/!90981/

Wenn es so unzählig viele deutsche – oder doch nur ins Deutsche übersetzte von Grossman und Oz oder deutschsprachige von Shimon Stein? – kritische Beiträge gegen den Kurs der Netanjahu-Regierung gibt, kann man sie selbstverständlich nicht aufzählen. Das ist ja noch logisch. Aber Grass hat selbstverständlich kein Wort darüber verloren, wer das Verdikt ›Antisemitismus‹ bei deutscher Kritik an der israelischen Regierungspolitik ausspricht. Juden sind dabei nämlich in der Minderheit: denn es geht tatsächlich um den medialen Mainstream in Deutschland, der geradezu reflexhaft diese Höchststrafe verhängt. Quod erat demonstrandum. Auch durch die mainstreamige taz.

Geschenkt, daß natürlich auch Henryk M. Broder – der areligiös ist, sich aber dennoch als Jude empfindet, was mir als Ex-Katholikin, die sich wegen Kirchenaustritts nicht mehr als Katholikin empfindet, nicht recht einleuchtet –  seinen üblichen polemischen Artikel abliefert (man könnte ihn fast selber schreiben, so erwartbar fällt er aus. Broder ist halt das folkloristische Element des Betriebs, von dem er lebt, und wenn ich mich recht erinnere, hat er gar das Meinungsfreiheitsrecht erstritten, auch israel-regierungskritische Juden als antisemitisch bezeichnen zu dürfen):

Günter Grass – Nicht ganz dicht, aber ein Dichter

Günter Grass hatte schon immer ein Problem mit Juden, aber so deutlich wie in einem neuen „Gedicht“ mit dem Titel „Was gesagt werden muss“ über Israel und den Iran hat er es noch nie gesagt. Von Henryk M. Broder

[…]

Grass ist der Prototyp des gebildeten Antisemiten, der es mit den Juden gut meint. Von Schuld- und Schamgefühlen verfolgt und zugleich von dem Wunsch getrieben, Geschichte zu verrechnen, tritt er nun an, den „Verursacher der erkennbaren Gefahr“ zu entwaffnen.

Die Deutschen werden den Juden nie verzeihen, was sie ihnen angetan haben. Damit im Nahen Osten endlich Frieden einkehrt und auch Günter Grass seinen Seelenfrieden findet, soll Israel „Geschichte werden“. So sagt es der iranische Präsident, und davon träumt auch der Dichter beim Häuten der Zwiebel.

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article106152894/Guenter-Grass-Nicht-ganz-dicht-aber-ein-Dichter.html

Und daß er, wenn man ihm ein Mikrophon hinhält, noch einmal nachlegt, war für einen Kenner seiner Psyche ebenfalls nicht weiter überraschend:

Scharfe Kritik übte der Publizist und Morgenpost Online-Autor Henryk M. Broder. Er nannte Grass den „Prototypen des gepflegten Antisemiten“.  Er warf ihm zudem vor, im fortgeschrittenen Alter zu seinen Anfängen zurückgekehrt zu sein: „Damals war er ein SS-Mann, heute schreibt er wie einer“, sagte Broder dem Saarländischen Rundfunk.

http://www.morgenpost.de/politik/article106157890/Antisemit-oder-ahnungslos-Hitzige-Debatte-um-Grass.html

Aber der Rest der Medien stieß ja ins selbe Horn.

Josef Joffe liefert in der ZEIT gar eine längliche Ab- bis Umschrift des Broder’schen Werks ab:

Josef Joffe

  • Datum 04.04.2012 – 19:05 Uhr

Günter Grass

Der Antisemitismus will raus

So denkt ES in ihm: Günter Grass schreibt ein Gedicht über Israel, das Sigmund Freud jubeln ließe. Denn es gibt tiefe Einblicke in sein Unterbewusstsein.

http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-04/guenter-grass-gedicht-israel/seite-1

Das wäre was, wenn zwischen den beiden ein Plagiatsprozeß lösbräche! Er würde belegen, daß zwischen Konservativen jeglicher Couleur kein Blatt paßt: beide agieren vernunftlos und bejahen den Krieg als Mittel der Politik.

Der journalistische Betrieb gab sich derart wortgewaltig einer bloßen Empörung hin, daß deren Ur-Grund umso mehr ins Auge fiel: mit dem Inhalt des Gedichts mochte sich keiner so richtig beschäftigen.

Grass-Gedicht über Israel

Lyrischer Erstschlag

Ein Kommentar von Sebastian Hammelehle

Israelis als Kriegstreiber, „Antisemitismus“ als Totschlagargument: Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik ist ein prominenter Intellektueller so klischeehaft gegen Israel zu Felde gezogen wie Günter Grass.

[…]

„Was gesagt werden muss“, das ist, lyrisch kaum verhüllt, nichts anderes als das, was man dort, wo man keinen Literaturnobelpreis vorzuweisen hat, nur unwesentlich schlichter ausdrückt. Am deutschen Stammtisch: „Man wird ja nochmal sagen dürfen, dass…“

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,825669,00.html

»Lyrisch kaum verhüllt?« Zwischen beiden Formulierungen liegen inhaltliche Welten. Mit dem verstehenden Lesen hapert es ganz offensichtlich. Der Stammtisch-Bruder verbreitet in Kenntnis des Tabus antisemitische Sentenzen. Der Dichter sieht sich gezwungen, angesichts drohender Kriegsgefahr sein Schweigen zu brechen und Kritik an der israelischen Regierung zu äußern.

„Die Juden“, das hat zumindest Günter Grass noch immer nicht begriffen, sind nicht „die Israelis“.

In seinem Fall allerdings würde selbst diese Erkenntnis kaum noch weiterhelfen: Ob man die sinisteren Strippenzieher, die jede Kritik an ihnen mit gesellschaftlicher Ächtung bestrafen, nun Juden oder Israelis nennt, ist fast egal – es steckt ja doch das gleiche Klischee dahinter: Die Weltverschwörung. Und das ist, den Gefallen muss man Grass an dieser Stelle leider tun, antisemitisch.

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,825669,00.html

Wie kommt auch dieser Autor darauf, Grass habe mit den Verurteilern Juden oder Israeli gemeint? Nur um ihm den Antisemitismusvorwurf dann doch noch machen zu können? Oder schreiben wirklich alle voneinander ab?

Abgesehen davon bedarf es eines Rückgriffs auf eine Weltverschwörung nicht: ich habe lediglich zwei jüdische Stimmen gefunden, die Grass vor dem Vorwurf, Antisemit oder ein Feind Israels zu sein, in Schutz genommen haben:

Zugleich verteidigte Segev Grass: „Er ist kein Antisemit, er ist nicht anti-israelisch,“  sagte er Deutschlandradio Kultur.

Auch der der langjährige Botschafter Israels in Deutschland, Avi Primor, wies einen Antisemitismus-Vorwurf gegen Grass zurück. „Ich halte Günter Grass weder für einen Antisemiten noch für einen Feind Israels,“ sagte Primor der „Berliner Zeitung“.

http://www.morgenpost.de/politik/article106157890/Antisemit-oder-ahnungslos-Hitzige-Debatte-um-Grass.html

Alle anderen jüdischen Kommentatoren, ob Deutsche oder Israeli, ob Medienschaffende oder Politiker, die sich bislang zu Wort gemeldet haben, haben ihn mit diesen Etiketten versehen. Das realitätsfremde Argument, es gebe kein ›strafbewehrtes‹ Tabu für Deutsche, israelische Politik zu kritisieren, ist damit restlos widerlegt. Untergemischt in diese faktenarme Behauptungs-Mélange werden dann natürlich auch ad-hominem-Vorwürfe der Eitelkeit, des Drängens ins Rampenlicht, der unbewältigten eigenen Psychohistorie, er habe keine Ahnung, was da wirklich los sei etc. – man kennt diese trübe Brühe zur Genüge.

Hier ein paar Überblicke:

Israel-Kritik

Antisemit oder ahnungslos? Hitzige Debatte um Grass

Nach der Veröffentlichung seiner Israelkritik sieht sich Literaturnobelpreisträger Günter Grass dem Vorwurf des Antisemitismus ausgesetzt. Aus dem Kulturleben erfährt er jedoch auch Zuspruch.

http://www.morgenpost.de/politik/article106157890/Antisemit-oder-ahnungslos-Hitzige-Debatte-um-Grass.html

Dichter kritisiert Israels Iran-Politik

Sturm der Entrüstung nach Grass‘ Gedicht

Mit heftiger Kritik an Israels Atompolitik hat sich Literaturnobelpreisträger Günter Grass öffentlich zu Wort gemeldet und damit eine Welle der Empörung ausgelöst.

http://www.tagesschau.de/inland/grassgedicht106.html

Pressestimmen

„Ach, Grass“

Ein Proteststurm prasselt über Literaturnobelpreisträger Grass herein. Seine scharfe Kritik an Israels Atompolitik wird auch von vielen Tageszeitungs-Kommentatoren zerpflückt. „Unfug“ heißt es da, „Zumutung“ und „Kokolores“. Lesen Sie Auszüge aus Kommentaren vom Donnerstag:  

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,825830,00.html

Noch perfider agierten nur die SPRINGER-Blätter, die Grass gleich zum Nazi herunterschrieben:

Matthias Döpfner in BILD:

„Warum aber schwieg ich bislang?“, schreibt Grass.

Man möchte zurückfragen: Warum schwieg er 60 Jahre lang zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS?

„Gealtert und mit letzter Tinte“ (Grass über Grass) verbreitet er im raunenden Ton des Moralisten nur eines: politisch korrekten Antisemitismus. Er versucht, die Schuld der Deutschen zu relativieren, indem er die Juden zu Tätern macht. Beim „Häuten der Zwiebel“, wie Günter Grass seine Autobiografie genannt hat, ist er jetzt ganz innen angekommen. Und der Kern der Zwiebel ist braun und riecht übel.

http://www.bild.de/news/standards/bild-kommentar/der-braune-kern-der-zwiebel-23503740.bild.html

Eine Schmähkritik reinsten Wassers. Aber das sind wir von BILD gewöhnt. Noch derber schlug bloß noch Tilman Krause in der Springer’schen MORGENPOST zu:

Israelkritik

Grass‘ Anti-Israel-Gedicht steckt voller NS-Stereotypen

Günter Grass’ Anti-Israel-Gedicht „Was gesagt werden muss“ transportiert zahlreiche Denkfiguren der NS–Ideologie.

Von Tilman Krause

[…]

Wer sich auf das zynische Niveau von Günter Grass‘ Gedicht begeben wollte, könnte sagen: Wenn es nur der Antisemitismus wäre!

[…]

Was an dem in Gedichtform gegossenen Leitartikel des Romanciers so überrascht und erschreckt, ist im Grunde etwas anderes. Wer „Was gesagt werden muss“ genauer liest, der wird eine solche Fülle von Denkfiguren und Sprachformeln finden, die ihre Herkunft aus der NS-Ideologie nicht verbergen können, dass man leider sagen muss, dieses Dokument, angeblich vom Autor „mit letzter Tinte“ geschrieben (quasi als Vermächtnis verfügt), bringt es endgültig an den Tag: Hier kann sich ein Mensch von den intellektuellen Prägungen seiner Jugend offenbar nicht lösen. Anders gesagt: Sie holen ihn jetzt im hohen Alter von fast 85 Jahren endgültig ein.

Jetzt muss es heraus

Die demagogische Rhetorik, die den gesamten Text durchzieht, dieses bohrende anaphorische „warum“ und „darum“, das zu Strophenbeginn unablässig wiederholte „warum schweige ich“, „warum sage ich jetzt erst“ erinnert an das aus der NS-Phraseologie sattsam bekannte Muster des trotzigen Donnerworts, das sich irgendwann Bahn brechen muss: Allzu lange hat man die Demütigungen und Knebelungen des „Weimarer Systems“ oder „Schandfriedens von Versailles“ hingenommen, aber jetzt kann man einfach nicht mehr, jetzt muss es heraus, und koste es das Leben (oder die „Strafe“, dem „Verdikt ,Antisemitismus’“ zu verfallen). Da steht dann einer für alle, und Grass will ja auch möglichst „viele vom Schweigen befreien“. Das hat seinerseits Joseph Goebbels im Sportpalast nicht anders gehalten, dessen angeblich lange unterdrückter Aufschrei schließlich in die Formel mündete: „Nun, Volk, steh auf, und Sturm brich los!“

http://www.morgenpost.de/kultur/article106156817/Grass-Anti-Israel-Gedicht-steckt-voller-NS-Stereotypen.html

Da bleibt einem der Mund offen stehen angesichts des Vergleichs der demagogischen Rhetorik eines Goebbels mit dem vollkommen unverdächtigen Stilmittel der repetitio.

Warum schweige ich, verschweige zu lange,

Doch warum untersage ich mir,

Warum aber schwieg ich bislang?

Warum sage ich jetzt erst,

Das angeführte »darum« findet sich im Gedichttext erst gar nicht, und was an der Wiederholung des »Warum«  bohrend anaphorisch sein soll, hat Herr Krause trotz Googelns wohl selbst nicht verstanden, der Gleiches mit Fug und Recht auch einem Martin Luther King anhängen könnte mit seinen bohrenden Wiederholungen des »Ich habe einen Traum«.

Tilman Krause:

Der alte Kulturhass der Nazis, projiziert auf die jüdischen Mitbürger, während man für sich selbst nur die Mächte des Instinkts und „gesunden Volksempfindens“ reklamieren kann: Diese NS-Stereotypen klingen an, wenn Grass die „Heuchelei“ des Westens beklagt, während er für sich das kerndeutsche „Hier stehe ich und kann nicht anders“ in Anspruch nimmt.

http://www.morgenpost.de/kultur/article106156817/Grass-Anti-Israel-Gedicht-steckt-voller-NS-Stereotypen.html

Ja wie jetzt? Die westliche Heuchelei, israelische Rechtsbrüche und rhetorische Kriegsvorbereitung zu beschweigen, wäre demnach ein auf Juden projizierbarer Kulturakt, gegen den ein irgendwie den Nazis zurechenbarer Luther aufstände? Wie mag es in einem solch wirren Kopf zugehen?

Tilman Krause:

Auch die bei den Nazis so beliebte Untergangs-Metaphorik, diese Angewohnheit, als Alternative zur eigenen Politik nur die komplette Auslöschung gelten zu lassen, findet gleich zu Anfang von Grassens Gedicht ihren Nachhall, wenn er drohend unkt, dass wir alle „als Überlebende allenfalls Fußnoten sind“, wenn wir Israel weitermachen lassen wie bisher.

http://www.morgenpost.de/kultur/article106156817/Grass-Anti-Israel-Gedicht-steckt-voller-NS-Stereotypen.html

Die Untergangsmetaphorik war nicht nur bei den Nazis beliebt: man findet sie u.a. auch heutzutage bei Hollywood-Regisseuren, Dschihadisten, Chemtrail-Gläubigen, Pazifisten, Veganern, Naturschützern, Atomkraftgegnern und Klimaforschern, kurz: bei allen, die ein Anliegen missionarisch um- und antreibt und die Wirkungsmacht erzeugen wollen.Daß ein Anti-Kriegsgedicht von einem, der Krieg noch selbst erlebt hat und daher von dem authentischen »Nie wieder!« lebenslang  bewegt ist, radikal ausfallen muß, bedarf keiner Diskussion. Helmut Schmidt hat seine Kriegserfahrung mit den Worten ›Große Scheiße‹ umfassend und zutreffend beschrieben. Aber die erfahrungslosen Schreibtischtäter sterben ja nicht nur nicht aus, sie vermehren sich zur ahnungslos verurteilenden Mehrheit…

Tilman Krause:

Die absurde Verdrehung von Ursache und Wirkung bei Grass, der aus dem iranischen Diktator einen harmlosen „Maulhelden“ macht, während Israel raunend zu „jenem anderen Land“ dämonisiert wird, das, jeglicher Kontrolle von außen entzogen, seinen dunklen Machenschaften frönt, „alles vernichtende Sprengköpfe“ herzustellen, erinnert fatal an die propalästinensische Propaganda, bei der ja auch das in seiner Existenz bedrohte Israel als der eigentliche Aggressor hingestellt wird.

http://www.morgenpost.de/kultur/article106156817/Grass-Anti-Israel-Gedicht-steckt-voller-NS-Stereotypen.html

Hier wäre nun Raum gewesen, inhaltlich zu würdigen: in welchem Verhältnis stehen Ursache und Wirkung, wenn die Ursache eine bloße Befürchtung ist und die Wirkung eine konkrete Zerstörung? Der Raum bleibt ungenutzt. Ganz abgesehen davon bleibt der Autor eine Erklärung schuldig, was propalästinensische Propaganda mit NS-Denkfiguren gemeinsam hat. Zum schlechten Schluß wird er ganz und gar unterirdisch:

Tilman Krause:

Aber vielleicht hat er ihn sich gar nicht „gestattet“, vielleicht rächt sich jetzt ganz einfach das lange Verdrängte, vielleicht kommt auf seine alten Tage eben doch der glühende Nazi, der er einmal war, durch die Hintertür wieder hereinspaziert? Man darf ja nicht vergessen, dass Grass, Walser, Wolf und andere aus illiteraten Elternhäusern stammen, die der NS-Ideologie geistig nichts entgegenzusetzen vermochten.

Diese Kleinhäusler und Kleinhändler waren das Milieu, mit dem die Nazis ihr „Weltreich“ aufzubauen gedachten. Die alten Eliten waren dem braunen Mob suspekt, sie wurden unterdrückt und wenn irgend möglich auch vernichtet. Doch dieses proletarisierte Kleinbürgertum der Grassens und Walsers, von beiden in der „Blechtrommel“ und im „Springenden Brunnen“ anschaulich beschrieben, das wurde nun auf einmal politikfähig. Von eben diesem ungeheuren Missverhältnis kündet nun, wie vor siebzig Jahren, Grassens angemaßte Präzeptorenrolle. Da gibt es noch viel aufzuarbeiten.

http://www.morgenpost.de/kultur/article106156817/Grass-Anti-Israel-Gedicht-steckt-voller-NS-Stereotypen.html

Kleinhäusler bleibt Kleinhäusler, Prolet Prolet, politikfähig sind nur die Eliten, und ein indoktrinierter Jugendlicher kann nichts dazulernen. Der Literaturnobelpreis war ein Versehen, das Gedicht ist eine Anmaßung. Setzen, Sechs, Leben verfehlt. Hach, macht das Spaß, einen Großen zu schmähen, wenn man die gesamte deutsche Presse an seiner Seite weiß!

Falls der Herr Krause aus einem elitären Elternhaus stammt, so sei ihm attestiert, daß ihm diese Herkunft gar nichts genutzt hat…

Auch Michael Naumann, CICERO-Herausgeber, stimmt in das Große Unisono ein. Aber er differenziert dann doch ein wenig:

Gedicht zum Israel-Iran-Konflikt

Was spricht in Günter Grass?

von

Michael Naumann

4. April 2012

Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat in einem in mehreren Zeitungen veröffentlichten Gedicht die israelische Politik gegenüber dem Iran heftig kritisiert

„Die Atommacht Israel gefährdet / den ohnehin brüchigen Weltfrieden?“ Diese fragende Zeile stammt aus dem umstrittenen Gedicht von Nobelpreisträger Günter Grass. Darin kritisiert er Israel scharf und warnt vor einem Krieg mit Iran. Was sollte das? Sein Werk erinnert an andere antisemitische Bemerkungen. Ein Kommentar

Dies vorweg: Günter Grass ist nicht nur ein bewundernswerter Schriftsteller, sondern ein politisch denkender, bisweilen leicht erregbarer Bürger, dessen moralischen Interventionen kraft seiner Sprachgewalt, seines literarischen Ruhms in aller Welt eine Aufmerksamkeit generieren, die bisweilen im umgekehrten Verhältnis zum Gegenstand seiner Empörungen stand. Diesmal ist es anders: Sein „Gedichte“ „Was gesagt werden muss“ ist ein moralischer und politischer Skandal.

[…]

Das wahrlich verspätete Bekenntnis des Dichters, als 17jähriger einige Wochen in der Waffen-SS gedient zu haben, führte zu einem kostenlosen moralischen Rausch derjenigen, die des bisweilen pastoralen Tons von Günter Grass überdrüssig geworden waren: Als wären seine vergangenen politischen Einlassungen damit moralisch entwertet worden, als hätte das Kind Grass – und das war er – mit seiner unvermeidbaren Einberufung in den letzten Kriegsmonaten alle nachfolgenden politischen und womöglich auch literarischen Äußerungen diskreditiert.

http://www.cicero.de/salon/gedicht-israel-iran-naumann-was-spricht-guenter-grass/48867

Das ist ja wenigstens einmal eine zutreffende Einordnung eines Tatbestandes, der schon im Jahr 2006 zum Skandalon hochgeschrieben worden war.(Und zwar maßgeblich von der FAZ. Glaube doch keiner, daß Schirrmacher irgendwie unbefangen war).

Michael Naumann:

Mit dem Diplom des gelebten Antifaschismus in der Tasche und der festen Überzeugung, dass die Lehre, die Deutschland aus seiner mörderischen Geschichte gezogen hat, auf einer universalen Moral aufruht – nämlich dem Recht auf Leben in Würde und Freiheit – öffnet sich die heimliche Tapetentür zur Kritik an Israel.   Es ist ein seltsames Bedürfnis, dass sich hier Luft schafft: Endlich einmal „den anderen“ zuzurufen, dass wir nicht nur ein „Volk der Täter“ seien, sondern dass die Opfer, genauer, ihre Nachfahren, ja auch nicht fehlerlos seien. Im Gegenteil: Die Israelis gefährdeten mit ihrem „behaupteten Recht auf den Erstschlag“ unser aller Überleben. Es ist aber der schiere Unsinn.

http://www.cicero.de/salon/gedicht-israel-iran-naumann-was-spricht-guenter-grass/48867?seite=2

Dieses angebliche Bedürfnis, das Naumann hier erblickt, ist ein Ergebnis seiner subjektiven Gedicht-Interpretation. Im Gedicht selbst wird vielmehr die historische Last der eigenen Herkunft angenommen und – bis eben jetzt – daraus die Handlungsmaxime abgeleitet, Kritik am staatlichen Handeln Israels zu unterlassen:

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Benannt wird auch, was ›jetzt‹ eben anders ist: nämlich die erneute deutsche Verstrickung in Schuld durch die Lieferung eines weiteren atomwaffenfähigen U-Boots an ein Land, das für sich das Recht eines militärischen Erstschlags herausnimmt. Und das, obwohl es nach deutschem Recht verboten ist, Waffen in Spannungsgebiete zu verkaufen. Immerhin wendet sich Michael Naumann dieser Problematik zu:

Der Begriff „Erstschlag“ entstammt der nuklearen Abschreckungsstrategie. Noch nie hat ein israelischer Politiker den Nachbarstaaten, Iran inklusive,  mit einem Atomkrieg, also einem „Erstschlag“ gedroht. Israel zu vernichten, „auszuradieren“, auszulöschen, die Israelis ins Mittelmeer zu treiben usw. – die seit der Existenz des kleinen Landes niemals endenden Androhungen aus dem arabischen und neuerdings iranischen Raum sind so bekannt wie  die Herkunft des militanten Terrorismus, der Selbstmordattentäter, der kontinuierlichen Anti-Israel-Propaganda und der jahrelangen Raketen-Angriffen aus dem Libanon und dem Gaza-Streifen. Einzig die atomaren Abschreckungswaffen Israels haben dem Land eine prekäre Sicherheit gewährt – es ist die gleiche Sicherheit, die Deutschland unter dem amerikanischen Schutzschirm davor bewahrte, zum designierten Schlachtfeld des Kalten Krieges zu werden.

http://www.cicero.de/salon/gedicht-israel-iran-naumann-was-spricht-guenter-grass/48867?seite=2

Den Begriff ›Erstschlag‹ hat Grass allerdings lediglich übernommen: erstmals war von diesen Planungen am 5.11.2011 die Rede:

Angst vor der Atombombe der Mullahs

Israel erwägt Erstschlag gegen Iran

Samstag, 05.11.2011, 13:33

Reuters Präsident Schimon Peres: „Militärische Option gegen Iran rückt näher“

In Israel wird offen über einen Erstschlag gegen den Iran diskutiert. Auch Staatschef Shimon Peres macht jetzt Druck. Die Internationale Gemeinschaft müsse handeln, zur Not auch militärisch. Die Gefahr, dass der Iran die Atombombe schon bald entwickele, sei zu groß.

„Die Geheimdienste aller Länder wissen, dass die Zeit abläuft und warnen ihre Führer“, sagte Israels Staatschef Shimon Peres in einem Fernsehinterview, aus dem die Zeitung „Haaretz“ am Samstag zitierte. Der Iran könne in sechs Monaten eine Atombombe haben.

Teheran hat stets beteuert, die Atomtechnik nur zu nutzen, um Energie zu gewinnen. Israel und der Westen vermuten aber seit langem, dass der Iran das zivile Atomprogramm nur als Deckmantel nutzt und im Geheimen Atombomben entwickelt.

Partner sollen Pflicht durch „militärisches Handeln“ erfüllen

Peres sagte, die Welt sei gegenüber Israel in der Pflicht, die iranischen Atombestrebungen zu stoppen. Die Partner des Landes hätten stets Unterstützung versprochen. Jetzt sei es an der Zeit, „ihre Pflicht entweder durch harsche Sanktionen oder durch militärisches Handeln zu erfüllen“.

In Israel wird seit über einer Woche eine ernsthafte Debatte über einen Militärschlag gegen Iran geführt. Die Bevölkerung ist einer Umfrage nach gespalten. Die Angst, dass der Iran Atomwaffen erlangen könnte, hält sich die Waage mit den Folgen des militärischen Vorgehens, das einen Flächenbrand in der gesamten Region auslösen könnte.

Bericht der Atomenergiebehörde wird entscheidend

Immer wieder wurde in diesem Zusammenhang auf einen Bericht der internationalen Atomenergiebehörde IAEO in Wien hingewiesen, der kommende Woche vorgelegt werden soll. Die darin womöglich enthaltenen Feststellungen zum iranischen Atomprogramm seien von großer Bedeutung für das weitere Vorgehen, hieß es in israelischen Medienberichten.

[…]

http://www.focus.de/politik/ausland/angst-vor-der-atombombe-der-mullahs-israel-erwaegt-erstschlag-gegen-iran_aid_681452.html

Obwohl dann auch der aktuelle, im wesentlichen auf Geheimdienstberichten beruhende IAEO-Bericht die Vermutungsbasis für ein Atomwaffenprogramm des Iran nicht vergrößerte – und wie valide Geheimdienstberichte über Waffenprogramme sind, wissen wir aus den Lügen über Saddam Husseins gefährliche Arsenale, die als offizieller Kriegsgrund herhalten mußten –, wird das Erstschlagskonzept weiterverfolgt.

8.11.2011

In einem neuen Bericht, den die Behörde am Dienstag an die wichtigsten Mitglieder des UN-Sicherheitsrates sandte, heißt es, das Regime in Teheran habe mindestens noch im Jahr 2009 zahlreiche „Tätigkeiten ausgeführt, die relevant sind für die Entwicklung eines nuklearen“ Sprengsatzes. Dazu gehörten Arbeiten an Computermodellen für atomare Explosionen, vor allem aber Experimente mit Zündern für Nuklearbomben. Der Bericht geht auch auf Irans Bemühungen ein, Raketen zu entwickeln.

http://www.sueddeutsche.de/politik/bericht-der-atomenergiebehoerde-iaea-iran-soll-an-atomwaffen-gearbeitet-haben-1.1184392

Mit welchen Mitteln dieser präventive Angriff erfolgen soll, ist auch bei Netanjahus Auftritt Anfang März in den USA offengeblieben:

Netanjahu will Erstschlag gegen Iran

Israel und die USA können sich nicht auf einen gemeinsamen Kurs im Iran-Streit einigen: Netanjahu drängt auf rasches militärisches Handeln, Obama setzt auf Diplomatie. Noch soll sich Netanjahu nicht für einen Alleingang entschieden haben.

Washington/Tel Aviv. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu drängt immer offener auf einen baldigen Militärschlag gegen den Iran. „Niemand von uns kann es sich leisten, viel länger zu warten“, sagte er in Washington. Bisher hätten weder Diplomatie noch Sanktionen Wirkung gezeigt. Israel müsse sich auf sich selbst verlassen, um seine Existenz zu sichern, sagte Netanjahu am Montagabend (Ortszeit) vor der pro-israelischen Lobby-Organisation Aipac. „Wenn es um das Überleben Israels geht, müssen wir stets Herr unseres Schicksals bleiben.“

Israelische Medien berichteten allerdings am Dienstag, Netanjahu habe im Gespräch mit US-Präsident Barack Obama versichert, er habe noch keine Entscheidung getroffen. Die israelische Zeitung „Jediot Achronot“ berichtete unter Berufung auf US-Regierungsvertreter, gleichzeitig habe Netanjahu aber betont, Israel behalte sich das Recht vor, sich in Zukunft für einen solchen Angriff zu entscheiden. Der israelische Rundfunk meldete, Obama habe Verständnis für Israels Recht auf Selbstverteidigung geäußert.

[…]

In seiner leidenschaftlichen Rede bei der Jahrestagung der Israel-Lobby ging Netanjahu auch auf den Holocaust ein. 1944 hätten die USA Bitten der jüdischen Lobby abgelehnt, das Vernichtungslager Auschwitz zu bombardieren. „Aber 2012 ist nicht 1944. Die heutige amerikanische Regierung ist anders“, rief Netanjahu unter dem Jubel mehrerer tausend Zuhörer. „Als Ministerpräsident Israels werde ich mein Volk niemals im Schatten der Vernichtung leben lassen.“

Ein atomar bewaffneter Iran wäre eine Bedrohung für die ganze Region, sagte Netanjahu. Zudem würde sich die Gefahr eines nuklearen Terrorismus dramatisch verschärfen. Ein iranischer Atomstaat könne die Welt erpressen, meinte er.

Oppositionspolitiker in Israel verurteilten den Vergleich mit dem Holocaust. Der Abgeordnete Daniel Ben Simon sprach von der „gefährlichsten Rede, die je ein israelischer Ministerpräsident gehalten hat“. „Die israelische Supermacht von heute kann nicht mit dem jüdischen Volk im Jahre 1942 verglichen werden, bevor es einen Staat gab.“
(dpa)

Artikel vom 06. März 2012, 16.25 Uhr (letzte Änderung 07. März 2012, 04.48 Uhr)

http://www.fnp.de/fnp/nachrichten/politik/netanjahu-will-erstschlag-gegen-iran_rmn01.c.9658431.de.html

Selbst wenn dieser Erstschlag gegen iranische Atomanlagen lediglich mit konventionellen Waffen geführt werden sollte, sind Auswirkungen wie in Fukushima zu erwarten. Und angesichts eines zu erwartenden Rückschlags Teherans sind die Eskalationen bis hin zum Einsatz israelischer Atomwaffen nicht zu berechnen. Entsprechende amerikanische Planspiele lassen auch ohne dieses Horror-Szenario bereits Schlimmes befürchten:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822550,00.html

In der Zeit des Kalten Krieges herrschte ein Gleichgewicht des Schreckens, das für einen ungemütlichen Frieden sorgte. Diese Situation ist mit der asymmetrischen im Nahen Osten, die immer von einer überlegenen militärischen Stärke Israels geprägt war, nicht zu vergleichen.

Michael Naumann:

Als Nuklearstratege ist Günter Grass bisher nicht in Erscheinung getreten. Wie also kommt er auf die bizarre Behauptung, „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden“? Welcher „Wahn“ „okkupiert die Region“ – wenn nicht diejenige eines Mullah-Regimes im Iran, dessen Führung unverblümt von der Zerschlagung der einzigen nicht-muslimischen Demokratie im Nahen Osten schwadroniert? Eines Regimes, das mit längst durchschauten Täuschungsmanövern unter Bruch eines völkerrechtlich verbindlichen Vertrags den Bau von Atombomben und dazugehörigen Träger-Raketen forciert?

http://www.cicero.de/salon/gedicht-israel-iran-naumann-was-spricht-guenter-grass/48867?seite=3

Die Behauptung von Grass ist nicht bizarr, sondern zutreffend. Denn ein Land, das sich weigert, völkerrechtlich verbindliche Verträge zur Kontrolle seiner Atom-Politik abzuschließen und gleichzeitig auf einem Recht auf präventive militärische Gewalt gegen bloß vermutete Atomwaffen-Herstellung eines feindlich gesonnenen Staates besteht, ist natürlich eine Gefahr für den Frieden. Mit dem es ja ohnehin nicht weit her ist. Israel weiß, wie es die von Naumann zurecht als ›Schwadronieren‹ bezeichnete Rhetorik Ahmadinejads und diesen selbst einzustufen hat: als ›Maulhelden‹, der innenpolitisch punkten will. Jenes morgenländische Bramabarsieren kennt die Welt aus einschlägigen Suaden der Endzeit von Hussein und Ghadafi sowie, in seiner an Hadschi Halef Omar gemahnenden Variante, von ›Comical Ali‹ während des Irak-Krieges. Das bringt keine Regierung Israels aus der Ruhe.

Es wundert mich, daß Naumann den Verriß seines Kollegen Stefan Buchen wegen des Fernsehinterviews von Claus Kleber mit dem iranischen Regierungschef nicht gelesen zu haben scheint. Kleber wurde im CICERO nämlich vorgeworfen, sich auf das Iran-Israel-Thema kapriziert zu haben: ein Thema, bei dem Mahmud Ahmadinejad, moralisch wie rhetorisch, nur gewinnen könne. Aber hinter diese Einsichten fällt man zurück, wenn man sich dem hingibt, was die ›Gleichschaltung‹ eines Kampagnen-Journalismus’ aus wirtschaftlichen Gründen verlangt: der einander überbietenden Skandalisierung & den Wonnen des Herostratos.

Selbstdemontage eines Nachrichtenstars

von

Stefan Buchen

21. März 2012

[…]

Sicher, der Moderator des heute journals und ehemalige Washington-Korrespondent kann nichts dafür, dass er gegenüber Mahmud Ahmadinejad aussieht als habe John F. Kennedy vor einem unrasierten Landarbeiter lateinamerikanischer Herkunft Platz genommen. Aber dieses Bild verstärkt doch den alles überragenden Eindruck, dass Claus Kleber hier „den Westen“ repräsentiert. Die westliche Deutungshoheit. Die westliche Logik. Den westlichen Anspruch, vom Iran Rechenschaft über sein Atomprogramm zu verlangen und die westliche und israelische Anmaßung, zur Not einen unvermeidlichen, gerechten Präventivkrieg zu führen.

http://www.cicero.de/weltbuehne/claus-kleber-mahmud-ahmadinejad-interview-selbstdemontage-eines-nachrichtenstars/48714

Kleber will gleich klarmachen, dass Ahmadinejad in der Klemme sitzt, denn Israel werde zu einem Militärschlag ausholen, wenn Iran nicht sein Atomprogramm offenlege. Als habe es nie einen Irakkrieg und nie ein Kriegstrommeln gegeben, für das sich später viele schämen mussten. Kaum hat das Interview begonnen, schon hat Kleber den Faden aus der Hand gegeben. Schon sitzt der Journalist in der Klemme und Ahmadinejad stellt die Fragen: „Warum drohen die Zionisten? Legen etwa die Zionisten ihre nuklearen Anlagen offen?“, fragt der Populist aus Teheran bohrend und gleichzeitig ahnend, dass er als rhetorischer Sieger vom Platz gehen wird.

Interviewter und Interviewer tauschen von nun an die Rollen. Kleber weiß nichts Handfestes zu erwidern und gibt so Ahmadinejad Raum für längliche Ausführungen über die Friedfertigkeit und Kulturbeflissenheit der iranischen Nation, die aus humanistischer Überzeugung die Atombombe an sich ablehne. Krieg, Besatzung und Kolonialismus, das sei die Politik der anderen: im Irak, in Afghanistan und eben in Palästina.

Kleber entgeht, dass die Nuklearfrage nicht das schwierigste Thema für Ahmadinejad ist, sondern das ihm willkommenste. Die damit verbundenen Kriegsdrohungen gegen Iran, die Wirtschaftssanktionen, die Morde an iranischen Atomwissenschaftlern auf offener Straße in Teheran: all dies nutzt Ahmadinejad geschickt, um sich zum Underdog zu stilisieren, zum Verfolgten auf der Weltbühne, den die internationale Gemeinschaft zu Unrecht ausgrenzt und dem die ihm gebührende Gleichberechtigung verweigert wird.

http://www.cicero.de/weltbuehne/claus-kleber-mahmud-ahmadinejad-interview-selbstdemontage-eines-nachrichtenstars/48714?seite=2

Kleber macht dem iranischen Zyniker die Sache leicht. Iran habe mit einem „apokalyptischen“ Gegenschlag gedroht, sollte er von Israel angegriffen werden. Was denn der Präsident damit gemeint habe. Natürlich werde Iran sich verteidigen, entgegnet Ahmadinejad. Was denn Deutschland täte, wenn es einem militärischen Angriff ausgesetzt wäre? Würde Deutschland zuschauen?

Der gefährlichste Mann der Welt zieht den Zuschauer auf seine Seite. Die Ursache liegt in Klebers Haltung. Für wen und als was spricht der Moderator des heute journals? Als verkappter amerikanischer Präsident? Als Anwalt Netanyahus?

http://www.cicero.de/weltbuehne/claus-kleber-mahmud-ahmadinejad-interview-selbstdemontage-eines-nachrichtenstars/48714?seite=3

Nun, als Anwalt Netanjahus hat Kleber natürlich schlechte Karten. Wie eben auch die Grass-Kritiker. Ein publizistischer Einzelkämpfer, der sich nicht zu Netanjahus‘ Anwalt machen läßt, hat sich mal wieder glänzend profiliert:

Es musste gesagt werden

Ein Debattenbeitrag von Jakob Augstein

Mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ liegt Günter Grass richtig: Er holt Deutschland aus dem Schatten der Worte von Kanzlerin Merkel, die Sicherheit Israels gehöre zur deutschen „Staatsräson“. Und der Schriftsteller kritisiert zurecht, dass Israel der Welt eine Logik des Ultimatums aufdrängt.

Ein großes Gedicht ist das nicht. Und eine brillante politische Analyse ist es auch nicht. Aber die knappen Zeilen, die Günter Grass unter der Überschrift „Was gesagt werden muss“ veröffentlicht hat, werden einmal zu seinen wirkmächtigsten Worten zählen. Sie bezeichnen eine Zäsur. Es ist dieser eine Satz, hinter den wir künftig nicht mehr zurückkommen: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt, ein Schriftsteller, ein Nobelpreisträger, weil Günther Grass ihn sagt. Darin liegt ein Einschnitt. Dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen. Ein überfälliges Gespräch hat begonnen.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,826163,00.html

Ich hoffe, daß er recht behält. Glaube aber nicht daran. Nach der Skandalisierung eines Individuums wird zum üblichen Beschweigen des Problems übergegangen werden. Auch Kriegsberichtserstatter brauchen ihr Material. An der Verhinderung von berichtenswerten Ereignissen kann der Presse nicht gelegen sein.

Und von der Politik ist traditionell gar nichts zu erwarten.

Update:

Unser Außenminister hat sich im amtlichen Regierungsorgan BILD (am Sonntag?) zu Wort gemeldet – und ein bestgehütetes Staatsgeheimnis ausgeplaudert:

Außenminister Westerwelle antwortet Günter Grass

Israel und Iran auf eine gleiche moralische Stufe zu stellen ist absurd

Von Guido Westerwelle

08.04.2012 — 00:05 Uhr

[…]

Wir setzen uns für eine atomwaffenfreie Zone im gesamten Nahen und Mittleren Osten ein.

[…]

http://www.bild.de/politik/inland/guido-westerwelle/anti-israel-gedicht-aussen-minister-antwortet-guenter-grass-23537798.bild.html

Und dann ist noch diese Entwicklung hier nachzutragen:

Er ist nicht mehr erwünscht in Israel!

Die Regierung in Jerusalem hat Günter Grass (84) nach seinem irren Gedicht („Was gesagt werden muss“) zur persona non grata erklärt.

Der Literaturnobelpreisträger hat ab sofort Einreiseverbot. Wenn Grass „weiter seine verdrehten und lügnerischen Werke verbreiten will, schlage ich vor, er macht das vom Iran aus”, sagte Innenminister Eli Jischai am Sonntag. Dort würde er ein gewogenes Publikum finden.

Bei dem Einreiseverbot gegen Grass greift Jischai auf ein Gesetz zurück, dass es der Regierung erlaubt, ehemaligen Nazis die Einreise ins Land zu verweigern. Grass hatte eingestanden, in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges in der Waffen-SS gedient zu haben.

http://www.bild.de/politik/inland/guenter-grass/guenter-grass-gedicht-israel-iran-reich-ranicki-nennt-es-ekelhaft-23540174.bild.html

Zum 100. Todestag von Karl May, † am 30.3.1912

Karl May als Kara Ben Nemsi (1896)

Ein kleiner Auszug aus einem utopischen Roman:

»Wann wird er kommen, dieser Friede?« fragte Schakara. »Es scheint fast, nie!«

»Er kommt!« antwortete die Herrin mit schwerer Betonung. »Er muß kommen, denn Gott will es.«

»Es vergingen Tausende von Jahren, ohne daß er kam!«

»Aber es werden nicht mehr Tausende vergehen!«

»Im Abendlande regt es sich bereits,« fiel ich ein. »Die edelsten der Männer und der Frauen vereinen sich, ihm freie Bahn zu brechen.«

»Freie Bahn?« fragte Marah Durimeh. »Im Abendland? Ich weiß, ich weiß! Aber was können die Vorschläge selbst der edelsten Menschen fruchten, wenn man die großen, die deutlichen, die riesenhaft in die Augen fallenden Winke nicht beachtet, welche das Leben selbst erteilt? Und wenn sich hundert Kaiserinnen und tausend Königinnen vereinen, um ihre Stimmen für den sogenannten ewigen Frieden zu erheben, was wäre der Chor dieser Stimmen gegen den fürchterlichen, ununterbrochenen Schrei des Blutes, welches von Anfang an bis heute vergossen worden ist, ohne daß auch nur ein einziges Jahr erschien, von dem man sagen könnte, daß es Friede auf Erden gab.«

»Die Herrscher und Fürsten beschicken Friedenskonferenzen,« sagte ich, »auf denen – -«

»Auf denen man den Krieg, nicht aber den Frieden organisiert!« unterbrach mich Marah Durimeh.

»Man humanisiert den Krieg!«

»Das heißt, man tötet schneller und schmerzloser, aber – man tötet! Ich sage dir, mein Freund, der stolze Krieg steigt nie zum Frieden herab, um ihm die Hand zu reichen, sondern der Friede muß zu ihm empor, um ihn, der ewig widerstreben wird, herabzuschmettern. Hat der Krieg eine eiserne Hand, so habe der Friede eine stählerne Faust! Nur die Macht imponiert, die wirkliche Macht. Will der Friede imponieren, so suche er nach Macht, so sammle er Macht, so schaffe er sich Macht. Du siehst, daß der Friede niemals wirklich Friede sein kann. Er ist es nur so lange, als er die Macht besitzt, es zu sein. Er hat stets auf Vorposten zu stehen. Sobald er sich beschleichen und überfallen läßt, tritt der Feind an seine Stelle. Alle Rüstung der Erde und alle Rüstung ihrer Völker war bisher auf den Krieg gerichtet. Als ob es unmöglich wäre, in eben derselben und noch viel nachdrücklicherer Weise auf den Frieden zu rüsten! Begreifst du, was ich meine?«

»Ich verstehe dich,« antwortete ich. »Krieg oder Friede. Wer von beiden die größere Macht besitzt, der wird herrschen. Woher aber bezieht der Krieg seine Macht?«

»Das wirst du in Ardistan sehen.«

»Und woher der Friede die seinige?«

»Das sollst du in Dschinnistan erfahren. Heute, in diesem Augenblicke, ist nicht die Zeit, über diese Fragen viele Worte zu machen. Worte tun es überhaupt nicht, sondern Taten müssen geschehen. Ihr habt Kriegswissenschaften, theoretische und praktische. Und ihr habt Friedenswissenschaften, theoretische, aber keine praktischen. Wie man den Krieg führt, das weiß jedermann; wie man den Frieden führt, das weiß kein Mensch. Ihr habt stehende Heere für den Krieg, die jährlich viele Milliarden kosten. Wo habt ihr eure stehenden Heere für den Frieden, die keinen einzigen Para kosten, sondern Milliarden einbringen würden? Wo sind eure Friedensfestungen, eure Friedensmarschälle, eure Friedensstrategen, eure Friedensoffiziere? Mehr will ich jetzt nicht fragen. Denn alle, alle diese Fragen werden sich in Ardistan vor dir erheben, und die Antworten werden dir in Dschinnistan erscheinen, doch nur dann, wenn du die Augen offen hältst. Dein Ritt nach diesen beiden Ländern ist ein Studien- und ein Uebungsritt, und was du dir da geistig aneignest, das betrachte als meinen Dank für die Bereitwilligkeit, mit der du meinen Auftrag übernimmst. Diese beiden Länder werden dir ein ziemlich treues Bild der Erde bieten, der Erde, ihrer Bewohner und aller möglichen Verhältnisse, in denen die Völker zueinander stehen. Und wenn dir da Rätsel begegnen, die du nicht lösen kannst, so denke an das Bild, welches ich dir jetzt entwerfe.«

Sie machte eine langsame, andeutende Armbewegung nach dem Osten und fuhr dann fort:

»Da hinten ist die gelbe Rasse aus einem langen, tiefen Schlaf erwacht. Sie regt nur erst die Glieder. Sie beginnt erst, frei zu atmen. Wehe, wenn sie, ihre Kräfte fühlend, vom Lager aufspringt, um zu zeigen, daß sie genau so wie andere berechtigt ist, zu leben!«

Hierauf zeigte sie nach dem Westen und sprach weiter:

»Da drüben liegt Amerika, das ihr so falsch als ‚Neue Welt‘ bezeichnet. Dort lebt der rote Mann, von dem ihr meint, daß er dem Untergange gewidmet sei. Ihr irrt. Dieser rote Mann stirbt nicht. Kein Portugiese, kein Spanier, kein Englischmann, kein Yankee hat die Macht, ihn auszurotten. Und der Deutsche geht nicht hinüber, um des Indianers Feind zu sein. Sie haben Beide das, was wohl kein Anderer hat, nämlich Gemüt, und das wird sie vereinen. Der sogenannte ’sterbende‘ Indianer wird wieder aufstehen. Es gibt ein übermächtiges, weltgeschichtliches Gesetz, welches befiehlt, daß der mit dem Schwert Besiegte mit dem Spaten dann der Sieger sei. Der gegenwärtige Yankee wird verschwinden, damit sich an seiner Stelle ein neuer Mensch bilde, dessen Seele germanisch- indianisch ist. Diese neue amerikanische Rasse wird eine geistig und körperlich hochbegabte sein und ihren Einfluß nicht auf die westliche Erdhälfte allein beschränken. Sie wird sich aller geistigen Triebkräfte des Abendlandes bemächtigen, und wehe dem alten Europa, wenn es dem nichts Anderes entgegenzusetzen hat, als nur die alten Vorurteile, die alte Selbstüberhebung, die alten Kultursünden und – – die alten Kanonen! Denn auch der Orient beginnt schon, sich zu regen. Er streckt die Glieder; er prüft die Muskeln, die Gelenke. Er glaubt, was Japan konnte, das könne er auch! Der Riese Islam, dessen mächtige Gestalt auf europäischer, asiatischer und afrikanischer Erde ruht, fürchtet sich nicht vor der scheinbaren Uebermacht des Abendlandes. Das Kismet, an welches er glaubt, ist unwiderstehlich im Angriff und von unendlicher Ausdauer. Es wiegt die Uebermacht der europäischen Waffen auf. Gebt dem Morgenlande gute Führer, so wird es siegen. Und siegt es nicht, so wird sein Untergang zugleich der eure sein. Die gelbe Rasse wird sich dann mit der germanisch-indianischen in die Herrschaft über die Erde teilen. Und warum? Weil das Abendland nicht groß, gerecht und edel genug war, seine angeblichen ‚Interessensphären‘ einer humanen Nachprüfung zu unterwerfen und sich mit dem Morgenlande auszusöhnen!«

»Sich mit dem Morgenlande auszusöhnen?« fragte ich. »Das ist falsch. Es muß heißen, das Morgenland mit sich auszusöhnen, denn nicht das Abend- sondern das Morgenland ist der beleidigte, der schwer gekränkte, der unterdrückte Teil. Fast Alles, was das Abendland besitzt, hat es vom Morgenlande. Seine Religion, seine Kunst, seine Wissenschaft, seine ganze Bildung und Gesittung, seine Zerealien, seine Früchte. Den ganzen Grund und Boden seines äußeren und inneren Lebens. Und was es nicht unmittelbar von ihm hat, dazu ist doch wenigstens der Anstoß von ihm ausgegangen. Wie unendlich groß ist der Dank, den wir ihm schuldig sind! Und wie haben wir ihm gelohnt? Wie und womit?«

»Du fragst sehr richtig, sehr richtig!« antwortete Schakara. »Wie habt ihr uns gelohnt, und womit? Nachdem wir euch Alles gaben, was wir besaßen, nur unsere Erde nicht, denn die gehört nicht uns, sondern Gott, kommt ihr mit allerlei Listen und Waffen, uns auch noch diese wegzunehmen! Hätte euch der Orient weiter nichts, weiter gar nichts, als nur das eine, einzige Wort gegeben, ‚Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm‘, so könntet ihr ihm diese eine Gabe nicht mit allen Sonnen, Monden und Sternen belohnen, so viele ihrer auch am Himmel stehen; Ihr aber habt nicht nur hierfür, sondern überhaupt für Alles, was ihr bekamt, keine einzige Tat des Dankes, sondern nur Blut und Krieg und Neid und Haß gegeben.«

»Wenn du das im Abendlande sagtest, würde man darüber lachen, o Schakara,« warf ich ihr zu. »Man behauptet dort das gerade Gegenteil von dem, was du behauptest. Man glaubt, dem Morgenlande Wohltat über Wohltat zu erweisen, indem man zu ihm geht, um – – -«

»Um ihm die Liebe aufzudringen, die es nicht mag, weil sie die falsche ist,« fiel Marah Durimeh ein. »Ich spreche nicht von der Mission, ich spreche von der Nächstenliebe der europäischen Politik. Man zeige mir ein Herz, welches durch sie gewonnen worden wäre! Es gibt keines, kein einziges! Und doch ist es die größte, die wichtigste, ja die heiligste Aufgabe des Abendlandes, das Herz des Orients zu gewinnen, wenn es zukünftige Kämpfe vermeiden will, aus denen es wohl kaum als Sieger hervorzugehen vermag. Und nicht nur nach der Liebe des Orients hat es zu trachten, sondern auch nach seiner Achtung, seinem Vertrauen!«

»Aber wie?« erkundigte ich mich.

»Das fragst du, der du doch schon längst auf dem rechten Wege bist, dir Alles zu gewinnen? In allen Büchern, die du schreibst, lehrst du die Liebe zu dem Morgenlande! Aus allen deinen Schriften lächelt die Seele des Orients – sehnsüchtig, wehmutsvoll! Es ist ein Lächeln durch Tränen! Wärst du das Abendland, du hättest den Orient wohl schnell gewonnen, denn du liebst ihn, und du kommst nicht, um ihn auszunützen. Aber du bist nur ein einzelner Mensch, und es müßten außer dir und denen, die dich lesen, noch viele, viele Tausende kommen, um in demselben Sinne zu wirken und zu leben. Man schicke, so wie du, die deutsche Kunst ins Morgenland! Da lernt man es am besten kennen und lieben! Man sende auch die Wissenschaft, doch nicht nur, um in Babylon nach alten Steinen zu graben, sondern um überhaupt nach dem ruhenden Geist des Orients zu suchen. Die Wege, welche vom Abendlande zum Morgenlande führen, sollen nicht mehr Wege des Krieges, sondern Pfade des Friedens sein! Laßt Waffen- und Soldatentransporte verschwinden! Der Handel blühe! Die Wohlfahrt eile freudig hin und her, um Zwiste auszugleichen, Schäden zu heilen und Segen zu verbreiten! Dann wird der Mensch des Menschen würdig sein. Und wenn die große, schwere Stunde kommt, in der im fernen Westen wie im fernen Osten die Schicksalsfrage: ob Krieg oder Friede, klingt, dann werden beide, der Orient und das Abendland, als unüberwindliche, weltgebietende Freunde beieinander stehen und die Völker der Erde zwingen, ihre Schwerter verrosten zu lassen!«

»Wann wird dies sein?« fragte ich. »Wie bald, wie spät?«

»Geh nach Dschinnistan; dort wird die Stunde schlagen,« antwortete sie.

[Karl May: Ardistan und Dschinnistan I, S. 16 -22, Buchfassung im Verlag Fehsenfeld, Freiburg i. Br. (1909)]

Und hier einer meiner Lieblingsdialoge zwischen Halef und Kara Ben Nemsi:

»Herr, du bist ein Christ, ein Franke, mit dem man von diesen Dingen reden kann. Weißt du, was die Liebe ist?«

»Ja. Die Liebe ist eine Koloquinthe. Wer sie ißt, bekommt Bauchgrimmen.«

»O, Sihdi, wer wird die Liebe mit einer Koloquinthe vergleichen! Allah möge deinen Verstand erleuchten und dein Herz erwärmen! Ein gutes Weib ist wie eine Pfeife von Jasmin und wie ein Beutel, dem nimmer Tabak mangelt. Und die Liebe zu einer Jungfrau, die ist – – die ist – – wie – der Turban auf einem kahlen Haupte und wie die Sonne am Himmel der Wüste.«

»Ja. Und wen ihre Strahlen treffen, der bekommt den Sonnenstich. Ich glaube, du hast ihn schon, Halef. Allah helfe dir!«

»Sihdi, ich weiß, daß du niemals ein Bräutigam sein willst; ich aber bin einer, und daher ist mein Herz geöffnet wie eine Nase, die den Duft der Blumen trinkt.«

[Karl May: Durch die Wüste, S. 272, Verlag Fehsenfeld, Freiburg i. Br. (1892)]

Ein zeitloser Mayster – beide Themen sind immer noch aktuell…

Update (31.3.2012):

Soeben aus Radebeul zurück, mußte ich Betrübliches zur Kenntnis nehmen; denn

nun hat sich Georg Diez, den zu tadeln ich schon einmal nicht umhin konnte:

https://gabrielewolff.wordpress.com/2012/03/21/literaturkritik-als-mittel-der-vernichtung-eines-autors-auf-der-spur-der-methode-diez/

auch Karl Mays angenommen – oder vielmehr, sich des berühmten Namens bemächtigt, um mal wieder seine Befindlichkeit, unverdaute Lesefrüchte und name-dropping von sich zu geben. May dient nur als Aufhänger:

 30.03.2012

Durchs wilde Ironiestan

Eine Kolumne von Georg Diez

Dieser Tage wird ausgiebig der Triumphzug Karl Mays gefeiert – getarnt mit etwas Ironie. Dabei stellte Albert Camus in einer erst jetzt veröffentlichten Abhandlung klar, dass richtig verstandene Ironie immer der Aufklärung dient.

Ist Ironie eine Waffe der Starken oder der Schwachen, ist sie ein Mittel der Wahrheit oder der Lüge, ist Ironie gut oder schlecht? So einfach sind die Fragen, die Albert Camus stellt. Es ist der November 1939, Camus ist Journalist in Algier, die Deutschen machen sich daran, die Welt zu erobern. Aber die Frage nach der Ironie gilt heute so wie damals. Weil die Ironie eine Mata Hari ist, eine Doppelagentin der Wahrheit.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,824763,00.html

Es folgen ungeordnete Ziate und Gedanken zur Ironie, zu Harald Schmidt, zu Camus, zu Thomas Mann, zu Kracht – was der Kritiker denkt oder sagen will, bleibt bis zum Schluß unklar. Da rückt er dann mit der eigentlichen Aussage heraus:

Die Ironie ist dabei eines von vier Prinzipien, an die sich ein freier Mensch, sagt Camus, halten sollte: Klarheit, Widerspruch, Ironie und Eigensinn. „Der Eigensinn ist dabei die wichtigste Tugend“, schreibt Camus, das Paradox sei dabei, dass gerade der Eigensinn zu mehr „Objektivität und Toleranz“ führt.

Und wenn heute alle groß Karl May feiern? Dann weiß ich, warum ich Karl May nie mochte.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,824763,00.html

Ahja. Alle feiern heute May, und daher mußte schon Klein-Georg recht gehabt haben, dagegen gewesen zu sein. Denn Eigensinn ist Individualität. Und um die geht es unserem Kritiker. Nehmt! Mich! Wahr! Und nicht den ollen May.