Alice Schwarzers Anti-Prostitutions-Kreuzzug: Moralin, das Frauen schadet

Nun habe ich mich bereits länglich mit Alice Schwarzers Talkshow-Auftritt bei Sandra Maischberger beschäftigen müssen:

https://gabrielewolff.wordpress.com/2012/03/15/zur-hebung-des-talkshow-niveaus-der-or-sender-keine-einladung-mehr-an-alice-schwarzer/

Müssen? Genau. Aus freien Stücken tue ich mir solche unterkomplexen Sendungen sicherlich nicht an. Aber solange öffentlich-rechtliche Sender, die meistverkaufte Boulevard-Zeitung Deutschlands und eine immer noch maßgebliche Volkspartei wie die CDU Alice Schwarzer noch eine Plattform bieten – der allseits naseberümpfte Vor- und Nachverurteilungs-Feldzug gegen Jörg Kachelmann in BILD, Blog und EMMA ist durch die Präsentation ihrer Autobiographie ein wenig austariert worden, denn siehe da, wer hätte es gedacht, auch Alice Schwarzer war mal eine ganz normale junge Frau wie Du und ich, wurde gar von Udo Jürgens gebusselt und machte sich schön für ihren Bruno in Paris –, muß man ihre Kampagnen leider ernstnehmen. Weder Medien noch gar die Politik entwickeln kritische Reflexe, wenn im Namen des Opferschutzes und der Moral auf die Barrikaden gegangen wird.

Deshalb übernehme ich das mal. Alice Schwarzer hat auf ihrem Blog als Eigenrezension ihres Talkshow-Auftritts einen ihrer typischen Propaganda-Texte für ein Verbot der Prostitution veröffentlicht; denn was einem mißfällt, gehört verboten, und mit dem Verbot ist das Phänomen dann auch verschwunden. So einfach ist das für jemanden, der aus der Geschichte nicht lernen will (wie war das nochmal mit dem Alkoholverbot in den USA?). Ihren Text zu lesen, lohnt sich daher nicht – es ist eine abgenudelte Schallplatte, die da erklingt, und inhaltlich wie stilistisch im BLÖD-Niveau für Hardcore-Fans angesiedelt. Ihn zu sezieren, lohnt sich schon eher. Die Leser-Kommentare zu studieren, erst recht. Denn die EMMA-Redaktion war so großzügig, nicht nur den üblichen Weihrauch ihrer oft peinlichen Anhänger zu veröffentlichen, sondern auch kritische Kommentare von Prostituierten und von einem Forscher, der sich mit der Thematik, anders als Alice Schwarzer, wirklich auskennt.

Wende ich mich also ihrem Blog-Posting zu.

21.03.2012

Vom Glück sich zu prostituieren

Jüngst war ich in einer Talkshow über Prostitution, mal wieder. Bei Maischberger. „Alice, warum tust du dir so was überhaupt an?“, fragte eine Freundin. Wohl wahr. Warum tue ich mir so was noch an? In einer Runde sitzen mit einer Prostituierten, deren Augen so etwas ganz anderes sagen als ihr Mund.

http://www.aliceschwarzer.de/publikationen/blog/?tx_t3blog_pi1[blogList][showUid]=93&tx_t3blog_pi1[blogList][year]=2012&tx_t3blog_pi1[blogList][month]=03&tx_t3blog_pi1[blogList][day]=21&cHash=cdfe92f44f

Emotionaler kann man gar nicht einsteigen. Wer redet von Glück, wenn es um einen Job geht? Wieviele Berufe aus Berufung gibt es? Es ist eine satte Mehrheit, die ihren Beruf nur deshalb ausübt, weil sie das Geld braucht, und nach einer neuen Umfrage haben 25% aller Beschäftigten die innere Kündigung bereits eingereicht und ›prostituieren‹ sich, womöglich unter Verkauf ihrer Seele. ›Was kann ich für Sie tun?‹-Call-Center-Sklaven, unter Tarif bezahlte und herumgestoßene Leiharbeiter – und die Szene mit dem öffentlich gedemütigten Sprecher des Finanzministers läßt erahnen, wie es in einem Ministerium zugeht, wenn keine Kamera läuft.

Aber es geht natürlich vorrangig um Alice Schwarzers Leid, muß sie sich doch schon wieder der Prostitution annehmen, gegen die sie seit Jahrzehnten vergeblich Sturm läuft, und dann besitzt eine Sex-Arbeiterin auch noch die Dreistigkeit, zu behaupten, daß sie ihren Beruf mit Stolz, in aller Unabhängigkeit und wegen der überdurchschnittlich hohen Einkünfte ausübe. Mit einer trüben Vorgeschichte kann sie nicht dienen. Und dann tritt sie auch noch mit mehr Bildung, Würde und Höflichkeit auf als ihre selbsternannte Retterin…

Diese Dame lügt natürlich, das weiß die Augenleserin Alice Schwarzer genau. SIE definiert schließlich, wer Opfer ist. Respekt vor Frauen, die anders denken als sie, hat sie nicht. Wer behauptet, sie als Befreierin nicht zu brauchen, hat von vorneherein jeglichen Rest-Respekt verspielt.

Schwarzer:

Mit einem Großbordell-Betreiber, der bekennt, „es würde mir das Herz zerreißen“, wenn seine heute 15-jährige Tochter sich prostituieren würde; es aber selbstverständlich findet, sich daran zu bereichern, dass sich hunderte von jungen Frauen – oft sehr jungen, die nicht selten kein Wort Deutsch verstehen – zu von ihnen zu entrichtenden Wucherpreisen in seinem „Wellness-Paradies“ den Freiern anbieten.

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Daß in dem gehobenen Etablissement des Talkshow-Gastes oft sehr junge Ausländerinnen arbeiten, ist Schwarzers Zugabe; ohne Phantasieleistung kommt man in ihrem Job nicht aus (was sie zutiefst mit ihrem Leib- und Magenblatt BILD verbindet). Daß das Eintrittsgeld einschließlich Pauschalsteuer Wucher sei, beruht allein auf ihrer höchstpersönlichen Würdigung. Kennt sie die ansonsten üblichen Zimmer-Preise? Kennt sie die Tarife, die die Frauen dort fordern? Angesichts des Ambientes werden sie überdurchschnittlich sein – ansonsten könnten es die Frauen sich nicht leisten, den Service des Unternehmers langfristig in Anspruch zu nehmen. Nur so allerdings funktioniert Kampagne: faktenschwach und meinungsstark.

Schwarzer:

Mit einem Grünen-Politiker, dessen unmenschliche Bürokratensprache Lichtjahre entfernt ist von der Lebensrealität der Frauen in der Prostitution. Warum tue ich mir das an?

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Was sie als ›Bürokratensprache‹ geißelt, ist die dem Thema angemessene Rationalität des Volker Beck. Sie selbst geht ja lieber mit ›heißem Herzen‹ vor, was umso leichter fällt, je weniger das kontrollierende Über-Ich intellektuell geprägt ist. Hilfreich ist dabei auch, daß sie von der Lebensrealität von Prostituierten in ihrer ganzen Bandbreite keine Ahnung hat. In ihrer ideologischen Verblendung nimmt sie nur den Ausschnitt ›Menschenhandel und Zwangsprostitution‹ wahr. Wobei sie die Art des Zwanges niemals zur Sprache bringt: er ist nahezu ausschließlich ökomomischer Natur, nicht gewaltsamer.

Schwarzer:

Ich tue es mir an, weil es in diesem gottverlassenen Land kaum KritikerInnen des Systems Prostitution gibt und noch nicht einmal mehr die christlichen Parteien den Frauenkauf menschenunwürdig finden.

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Das ist allerdings eine interessante Bemerkung. Schwarzer, die Religions- und Kirchenkritikerin, vermißt plötzlich Religiösität, letztes Bollwerk gegen die allgegenwärtige Unsittlichkeit? Läßt dabei aber selber jegliche Nächstenliebe vermissen, die doch ein Merkmal von Christlichkeit ist. Ihr Unwort vom ›Frauenkauf‹ entwertet die Frauen, für die sie einzutreten vorgibt:

Kommentare von Betroffenen auf ihrem Blog:

ich biete seit fast 10 jahren sex gegen geld an und komme damit nicht nur klar, sondern kann mir jeden morgen in den spiegel sehen und dazu stehen. die abwertung durch die gesellschaft, durch frauen wie frau Constabel, die mit ihren sprachlichen gewaltätigen zitaten genüßlich lächelt – die macht mir meine tätigkeit schwer, nicht meine kunden. mit freundlichen grüßen, annainga

Ich arbeite als Prostituierte, und ehrlich gesagt fand ich die Sendung nur schwer zu ertragen. Wörter wie „Frauen kaufen“ sind verbalisierte Gewalt welche negieren, dass Prostituierte wie andere auch ein sexuelles Selbstbestimmungsrecht haben. Frau Schwarzer, ich kann ihnen Garantieren dass die meisten Kunden uns nicht wie ein „Loch“ behandeln, sondern anständig. Und auch wenn sie es tun würden, so sind wir trotzdem keine „Löcher“! Jeder Mensch wird bei seiner Arbeit auf seine Aufgabe reduziert, das macht den Menschen aber nicht zur Aufgabe! Besonders Aussagen wie diese: „In einer Runde sitzen mit einer Prostituierten, deren Augen so etwas ganz anderes sagen als ihr Mund.“ Sehen sie denn nicht, wie sie hier strukturelle Abwertung von Prostituierten reproduzieren? Sie haben bei Kyra verbissen nach einem Zeichen gesucht, dass sie eben doch nicht zufrieden ist, denn was nicht sein darf kann nicht sein. Haben sie vielleicht daran gedacht dass kyra dort deshalb nicht sehr glücklich war, weil Sie sie nicht ernst genommen haben? Gerade Sie sollten doch wissen, wie verletzend es ist, wenn man von allen Seiten attackiert und abgewertet wird. Sie sehen wegen ihres Status als „Oberfeministin“ einen Bruchteil der Schmähungen, welche wir Prostituierten jeden Tag erleben müssen- unter anderem durch ihre Aussagen. Freundliche Grüsse, Caroline

Als langjährige Chefin weiß Schwarzer wohl nicht, wie es im Arbeitsleben von abhängig Beschäftigten zugeht: wie sehr sich da allzuviele verkaufen… Ihre ehemaligen Mitarbeiterinnen könnten wohl auch ein Lied davon singen, wieviel es bedurfte, um die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes als weniger gravierend zu empfinden als die Arbeitsbedingungen selbst. Alle Artikel in EMMA (mit Ausnahme der von namentlich zeichnenden Gastautoren) sind im selben Stil geschrieben: wie hält man das als Redakteurin aus, daß da redigiert wird, bis alles nach Schwarzer klingt? DAS grenzt an seelenverkaufende Prostitution in der ganz normalen Arbeitswelt.

Schwarzer:

Und Rotgrün mit ihrer fahrlässigen, von den Zuhälterlobbies inspirierten Gesetzesreform von 2001 der Verharmlosung, ja Verherrlichung der Prostitution Tür und Tor geöffnet hat: Prostituierte sind in Deutschland Freiern, Zuhältern und Menschenhändlern jetzt mehr ausgeliefert als je zuvor. Dank dieser „Reform“, angeblich zum Wohl der Prostituierten, gilt Deutschland Experten heute als „Drehscheibe des Menschenhandels“ in Europa.

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Reine Polemik. Nicht in meinen wildesten Phantasien vermag ich mir eine Zuhälterlobby vorzustellen. Und daß Deutschland heute als Drehscheibe des Menschenhandels (nur zum Zwecke der Prostitution? Oder auch zu anderer Billigarbeit, beispielsweise durch rumänische Bauarbeiter?) lediglich GELTE: was soll das bedeuten?

Schwarzer ist wissenschaftliches Arbeiten fremd. Daher verrät sie nicht einmal die Quelle, die sie zu ihrer Behauptung veranlaßt hat. Ich tippe wieder mal auf dieses sumpfige Rinnsal:

Hier kann man eine Studie nachlesen, die die Behauptung stützen soll, daß Legalisierung von Prostitution zu einer Zunahme des Menschenhandels führe:

http://www2.vwl.wiso.uni-goettingen.de/courant-papers/CRC-PEG_DP_96.pdf

Und hier die fundierte Kritik an der Wissenschaftlichkeit dieser Studie:

http://www.donacarmen.de/wp-content/uploads/2012/02/Stellungnahme-EU-Studie.pdf

Aber Schwarzer wird sich niemals in die Niederungen einer Methodenkritik begeben (wie sie auch die feministischen Bestrebungen zugunsten einer Selbstbestimmung und des Schutzes der Prostituierten schlicht ausblendet). Sie pickt sich die Daten heraus, die ihr in den Kram passen, und mag die Quelle noch so trübe sein.

Ihr Blick auf die Prostitution ist im übrigen auf den angeblichen ›Frauenkauf‹ verengt. Was ist mit männlichen Strichern, die homosexuelle Männer bedienen? Was mit Callboys, die von Frauen ›gekauft‹ werden? Was sagt sie zum Sex-Tourismus alternder Frauen in die Karibik, nach Afrika und Marokko? Auch Frauen kaufen Lust, mögen sie die Gegenleistung auch noch so sehr als Geschenk verbrämen oder gar ihr Lustobjekt heiraten, um ihm einen Aufenthaltsstatus zu verschaffen, der es in eine existenzielle Abhängigkeit bringt. Es ist nun einmal so: Lust ist ewig, aber gerade in oberflächlichen Zeiten wie heute haben es beide Geschlechter schwer, bei mangelnder Attraktivität oder in fortgeschrittenem Alter Sexualpartner zu finden. Das gilt für homo- wie heterosexuelle Menschen beiderlei Geschlechts. Prostitution hat insoweit also auch karitativen Charakter. Abgesehen davon haben nicht wenige, Männer wie Frauen, kein Interesse daran, eine Bindung einzugehen, nur um Lustgewinn zu generieren. Aber das ist mehr an Realität, als Schwarzer zulassen kann.

Schwarzer:

Ich tue es mir an, weil zwar in ganz (West)Europa über Prostitution und Menschenwürde diskutiert wird und die EU-Politikerinnen eine Bestrafung des Frauenkaufs, also der Freier fordern („Together for a Europe free from prostitution“) – in Deutschland aber Prostitution als „Beruf wie jeder andere“ gilt.

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DIE EU-POLITIKERINNEN – was für ein Unfug! Als ob die nicht weniger uneins wären als die europäischen Feministinnen. Schwarzer mag keine Studien, schon gar keine feministischen, die das Scheitern der schwedischen und norwegischen Freierbestrafung in den Blick nehmen: allenfalls die Straßenprostitution wurde zurückgedrängt. Die Gefahren für die Prostituierten stiegen dagegen, die Zuhälterei nahm zu, weil die Frauen jetzt zwingender als zuvor auf Vermittlung der Kontakte zu den Kunden durch Dritte angewiesen waren, und angesichts des leichten geschäftlichen Rückgangs wurde der Kondomverzicht zur überwiegenden Realität. Weil sich allenfalls biedere Ehemänner von der Strafandrohung und der damit verbundenen Stigmatisierung abschrecken ließen, stieg die Quote der unangenehmen und potentiell gewalttätigen Kunden.

Vielleicht sollte sich Schwarzer mal diese substantiellen Studien-Evaluierungen von (nun ja, leider studierten), irischen Feministinnen ansehen:

http://feministire.wordpress.com/2011/09/26/swedens-sex-trade-laws-not-the-answer/

http://feministire.wordpress.com/2011/11/19/more-on-the-effects-of-the-norwegian-sex-purchase-ban/

Dann würden ihr die Augen aufgehen, wie schädlich ihre Kampagne ist, deren Erfolg die betroffenen Frauen in eine riskante Illegalität zwingen würde.

Schwarzer:

Es gibt hierzulande kaum Ausstiegshilfen für Prostituierte, dafür aber an so manchen der wenigen Anlaufstellen für Hilfe suchende Prostituierte sogar noch „(Wieder)Einstiegshilfen“. Was für ein Skandal! Das muss man sich mal vor Augen führen: Auf Staatskosten wird in Deutschland Frauen, die sich prostituiert haben und nun nicht mehr weiterwissen, „geholfen“, wieder einzusteigen in die Prostitution…

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Diese Behauptung halte ich für unwahr. Schwarzer möge eine einzige staatliche Wiedereinstiegshilfe in die Prostitution konkret benennen. Ein Googeln nach diesem Begriff erbrachte Null Ergebnisse. Da nicht nur aufgrund ihrer zahlreichen Prozeßniederlagen gegen Höcker in Sachen Kachelmann bekannt ist, daß sie es mit der Wahrheit nicht genau nimmt, wenn’s ihrer Sache dient, muß dringend und zwingend ein Beleg her. ›Was für ein Skandal!‹, so etwas ohne überprüfbare Konkretisierung schlicht zu behaupten. Bittebitte: die Benennung einer einzigen staatlich finanzierten Beratungsstelle, die ausstiegswilligen Prostituierten zum Wiedereinstieg rät, wäre die Butter beim Fisch. Da ist ja sogar BILD skrupulöser, wenn es um Meinungsmache geht…

Schwarzer:

Ich tue es mir an, weil die offiziell gebilligte Existenz von Prostitution das Frauenbild aller Männer prägt; auch der Minderheit, die noch nie eine Frau gekauft hat. Wir Frauen sind für Männer das käufliche Geschlecht. Und das lernen sie nicht nur auf dem Strich und im Bordell bzw. in der „Modellwohnung“, sondern tagtäglich auch in der Werbung, in den Medien, in Kunst und Literatur.

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Jetzt gehen die Pferde aber mit ihr durch. Woher will sie wissen, daß es eine Minderheit der Männer sei, die noch nie zu einer Prostituierten gegangen ist? Und selbst diese angebliche Minderheit, die Prostitution nur vom Hörensagen kennt, hält also jede Frau für käuflich… Warum denn bloß? Da dürfte doch eher ein Herr Maschmeyer das Frauenbild beeinträchtigen, wenn er sich zu 99% davon überzeugt zeigt, daß er Veronika Ferres ohne seine Millionen nicht hätte erobern können. Der Wunsch nach Aufstieg und sozialer Sicherheit ist leider immer noch ein weibliches Lebensziel, das per Eheschließung leichter zu erreichen ist als durch eigene Karriere. Schreiten wir also zur nächsten Verbotskampagne! Heirat nach oben wird Frauen verboten – Alice Schwarzer, übernehmen Sie! Hier handelt es sich um ›Frauenkauf‹ ersten Ranges, mit Haut und Haar & Leib und Seele. Wer, wenn nicht Sie, könnte sich der Sache annehmen?

Alice Schwarzer weiß auch nicht, daß nach Dunkelfeldschätzungen die Hälfte aller männlichen Kunden verheiratet ist oder in festen Beziehungen lebt und daß diese Männer im Puff etwas anderes suchen als das, was sie in ihren Beziehungen leben. Weiß also auch nicht, daß beides für sie bewußt getrennte Welten sind. Nämlich entweder der Kick des Milieus oder das Erleben einer Lust, die die Beziehung, die für sie ungleich wertvoller ist, nicht berühren soll. Denn eine Geliebte wäre wesentlich gefährlicher für den Bestand der Bindung. Diese Klientel hat mithin zwei sehr unterschiedliche Frauenbilder, die nebeneinander existieren. Das ewige Doppelbild der Madonna und der Hure.

Schwarzer driftet in Sphären ab, in die man ihr selbst beim besten Willen nicht mehr folgen kann: in der Werbung, in den Medien, in der Kunst, in der Literatur existiere die Frau als das käufliche Geschlecht? Wann war sie zuletzt im Kino? Wann hat sie zuletzt ein Werk der Literatur gelesen? Und welches? Es verwundert nicht, daß kein einziges Beispiel angeführt wird. Ich dagegen sehe allüberall Powerfrauen und Schlaffi-Schluffi-Männer. Nur in der Freixenet-Werbung gibt es noch Begehren auf Augenhöhe. Diesem pferdebändigenden Mann würde niemand unterstellen, daß er den Müll herunterträgt, Beziehungs-Problemgespräche führt und sich für Bausparkassenverträge interessiert. Er ist ausnahmsweise der leidenschaftlichen Frau gewachsen, die ihn begehrt. Die anderen Frauen schreiten stolz allein (allenfalls begleitet von einem Geparden) umher und träumen von dem Mann, der ihrer würdig ist.

Ein Jammer, wenn jemand aus der Zeit herausgefallen ist und dennoch meint, Statements zur aktuellen Kultur abgeben zu müssen.

Schwarzer:

Ich tue es mir an, weil 80-90 Prozent der Mädchen und Frauen in der Prostitution in Deutschland Ausländerinnen sind, meist aus den ärmsten Ländern, und häufig vollkommen recht- und sprachlos. Weil nur 3-5 Prozent der Prostituierten wirklich auf eigene Kosten ohne Zuhälter arbeiten. Weil drei von vier Prostituierten nur unter Drogen bzw. Alkohol die Freier bedienen können. Weil zwei von drei als Kind sexuell missbraucht wurden. Weil bis zu 66 Prozent traumatisiert sind und mit denselben Folgen zu kämpfen haben wie Folteropfer. Weil die meisten im Alter Hartz-IV-Empfängerinnen sind. Weil neun von zehn aussteigen würden – wenn sie könnten.

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Das alles gehört in die Rubrik: wie bastele ich mir das passende Dunkelfeld. Im Hellfeld von Polizei, Justiz, Sozialarbeit und Gesundheitsdiensten stehen ausschließlich Problemfälle. Wie also kommen Forscher an diejenigen Prostituierten heran, die zu diesen Instanzen keinen Kontakt haben? Diese Studie hätte ich gern einmal gelesen, insbesondere den Abschnitt zur Rekrutierung der Interviewpartner und zur Rücklaufquote der entsprechenden Anfragen. Schwarzer und Quellenangabe? Wie üblich Fehlanzeige. Es geht um Stimmungsmache, wissenschaftliche Evaluierung stört da nur.

Schwarzer:

Ich tue es mir an, weil ich mir keine menschenwürdige Gesellschaft vorstellen kann, in der ein Mensch für ein paar Scheine das Recht hat, den Körper und die Seele eines anderen Menschen zu berühren und benutzen. Prostitution hat es schon immer gegeben? Na und. Die ersten Sklavinnen wurden zur Prostitution gezwungen. Doch auch das Sklaventum haben wir – vor noch gar nicht so langer Zeit – zu ächten begonnen. Sicher, es gibt noch immer SklavInnen in dieser Welt (nicht zuletzt die Zwangsprostituierten im Haus nebenan) – aber der aufgeklärte Teil der Welt missbilligt und bekämpft heute das Sklaventum. Dahin müssen wir endlich auch für die Prostitution kommen!

Ich tue es mir an, weil ich das ungeheure Glück habe, mich niemals prostituiert zu haben – und nicht mehr in den Spiegel gucken könnte, wenn ich mit den Prostituierten nicht solidarisch wäre.

Alice Schwarzer

Mehr zu Prostitution in der nächsten EMMA-Ausgabe und unter EMMA-Kampagne gegen Prostitution.

Hier geht es zur Maischberger-Sendung.

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Ermüdet winkt der denkende Leser ab. Propaganda pur. Prostitution = Sklaverei und Folter. Escort-Damen schauen verblüfft. Schlecker-Beschäftigte erkennen sich da eher wieder (obwohl sie nie die Chance hatten, so viel zu verdienen wie die Kolleginnen jener verrufenen Branche). Und wer sich die Maischberger-Sendung einmal angetan hat, wird es gewiß kein zweites Mal tun.

Letztlich ist es ein Segen, daß öffentlich-rechtliche Sender ihre Produkte nur kurzfristig im Internet zeigen dürfen. Denn zugunsten der Präsentation eines knalligen Standpunkts laden sie auch Leute ein, die nichts Substantielles zu sagen haben. In ihrem Blog hätte Schwarzer Gelegenheit gehabt, ihre Kampagne mit validen Daten und nachvollziehbarer Argumentation zu unterfüttern.

Diese Chance hat sie vergeigt. Eine Agitatorin benötigt lediglich den Appell an christliche Moral, an Mittelschichts-Empathie für die zu Opfern heruntergeschriebenen ›gefallenen Mädchen‹ des 19. Jahrhunderts, an das Verantwortungsgefühl gegenüber Globalisierungsopfern – dann fällt es nicht so auf, wie sehr sie ihre unsolidarischen Geschlechtsgenossinnen mit dem falschen Beruf verachtet und wie weitgehend sie sie entrechten will. Damit schadet sie insbesondere denjenigen Prostituierten, die, dem wirtschaftlichen Elend ihrer Herkunftsländer entflohen, als Ausländerinnen ohne Arbeitserlaubnis bereits von Staats wegen entrechtet sind, mangels Ausbildung und Sprachkenntnis keine andere Tätigkeit ausüben können und deren Familien einschließlich der eigenen Kinder von ihren Einnahmen leben.

Aber Frauen waren ja schon immer ihre größten Feinde. Da können sie noch so arm dran sein: wer mit dem Mann sexuell kollaboriert, und sei es auch nur um des Geldes wegen, das frau eben irgendwie anderswie verdienen sollte, muß zur Strafe auf Wasser und Brot gesetzt werden. Und erwischte illegal tätige Ausländerinnen werden ja ohnehin abgeschoben. Recht so. Schwarzer bietet eine hochkonservative, feministisch nur rhetorisch aufgeladene, Scheinlösung der Sittlichkeits- und Globalisierungsproblematik unserer Zeit.

Manchmal beneide ich selbstgerechte Simplifizierer. Sie schlafen gewiß besser als ich. Aber offenbar immer noch nicht gut genug. Denn seit neuestem wird zur Welterklärung gar auf Verschwörungstheorien zurückgegriffen:

EMMA Frühling 2012

Frauenhass

Die Verschwörung der Maskulisten

EMMA zeigt die Wortführer und ihre Komplizinnen. Und die Strategien, mit denen diese Männer und Frauen versuchen, das Verhältnis zwischen den Geschlechtern zu vergiften. 

http://www.emma.de/ressorts/artikel/maennerbuende/maskulisten/

Das gilt erst recht in eigener Sache:

EMMA Frühling 2012

FrauenMediaTurm

Haben die Grünen Hannelore Kraft erpresst?

Die Grünen sollen 2011 mit dem Bruch der Koalition gedroht haben – wenn die Ministerpräsidentin dem FMT nicht die Gelder streicht. Und die hätte sich zusammen mit ihren Ministerinnen dem tatsächlich gebeugt.

Es ist kaum zu glauben, scheint aber wahr zu sein. Nach Informationen aus verschiedenen Insider-Quellen der SPD sollen Kraft und ihre SPD-Ministerinnen die Förderung des FrauenMediaTurm (FMT) unter Druck um zwei Drittel auf 70000 Euro gekürzt haben (gerade mal die Betriebskosten). Dazu genötigt hätten sie die Grünen. Kraft persönlich habe „gar nichts gegen den FrauenMediaTurm“, heißt es aus internen Kreisen, aber sie habe „die Koalition nicht platzen lassen wollen“.

Was die Rolle der SPD bei dem Wortbruch der Förderung nicht gerade besser macht, sondern eher noch kläglicher. Denn der Gedanke, dass die Ministerpräsidentin des größten Bundeslandes schon wegen einer solchen Kleinigkeit erpressbar wäre, ist erschreckend. Wie soll es erst sein, wenn es wirklich um etwas geht? Und was würde das für die demnächst wahrscheinlich bestärkt in den Düsseldorfer Landtag einziehende rotgrüne Koalition bedeuten?

http://www.emma.de/ressorts/artikel/forschung/frauenmediaturm/

BILD schließt sich diesem Welt-BILD gern an, bringt aber immerhin noch ein Dementi:

Die dementieren. Grünen-Fraktionschef Reiner Priggen: „Dieser Vorwurf ist das Wahnwitzigste, das ich über die rot-grüne Koalition je gehört habe.“ Regierungssprecher Thomas Breustedt: „Frau Kraft ist nicht erpressbar, von niemandem. Es hat auch keinen Erpressungsversuch gegeben.“

Alice Schwarzer zu BILD: „Es überrascht mich nicht, dass SPD und Grüne das bestreiten. Sowas gibt man ja ungern zu. Unsere Quellen sind allerdings sehr seriös und verlässlich. Und engagierte Genossinnen.“

http://www.bild.de/regional/koeln/koeln-aktuell/emma-attacke-23351202.bild.html

Eine bedenkliche Abwärtsspirale: von der Realitätsverkennung zum Realitätsverlust. Wo mag das enden?

Alice Schwarzer: Bloß keine Frauenquote für Bundespräsidenten!

Endlich hat sie sich erklärt. Denn das wollte man doch gerne von ihr wissen: wieso sie am 18.3.2012 Joachim Gauck wählt, einen Mann, einen Ex-Pfarrer (anti-religiös und anti-kirchlich wie Schwarzer nun mal ist), einen stockkonservativen Prediger der individuellen Verantwortung für die eigene Entwicklung, der sich noch nie zu abseitigen Themen wie Feminismus, Abtreibung oder gar zu strukturellen Benachteiligungen geäußert hat, einen Mann, der sich nach der Wende von Frau und Kindern losgesagt hat und seit elf Jahren mit der typischerweise zwanzig Jahre jüngeren Lebensgefährtin eine Fernbeziehung führt…

Ja, kaum zu glauben, aber so etwas ist für die spießige EMMA ein Thema (denn der rechte Status einer Frau ist dann doch der einer Ehefrau, und EMMA als wahre Nachfolgerin der katholischen Kirche weiß auch, daß jede Frau ihren Mann schleunigst zu entsorgen hat, wenn der ihr physisch untreu ist, wie Anne Sinclair autoritär vorgeschrieben wurde – ja, gestern bei Maischberger versuchte Schwarzer gar, ihren Wunsch nach Bestrafung von Freiern mit dem Schmerz der betrogenen Ehefrauen zu rechtfertigen – obwohl sie natürlich gleichzeitig vollsolidarisch auf Seiten der entwürdigten Prostituierten steht, die sie mit ihrer Forderung zugleich in eine gefährliche Illegalität zwingt – die Unordnung in solchen Köpfen ist nur noch Messies nachvollziehbar):

EMMA meint also vertraulich:

Was also ist mit der von CSU-Geis so energisch geforderten Trauung zwischen dem ehemaligen Pfarrer und der Journalistin? EMMA meint: Die beiden müssen natürlich nicht heiraten, schließlich geht es seit elf Jahren ja auch ohne Trauschein – aber sie könnten. Denn erstens entrechtet die Eheschließung dank des langen Kampfes engagierter JuristInnen in Deutschland die Frau nicht mehr – wie noch vor wenigen Jahren. Und zweitens würde es den Status der Frau an seiner Seite im Ausland erleichtern. Denn der deutsche Präsident wird oft in Ländern sein, in denen eine nicht verheiratete Lebensgefährtin leider immer noch als „Schande“ gilt und nur die Ehefrau auch protokollarisch respektiert wird.

Also, liebe Frau Schadt, lieber Herr Gauck: Unseren Segen haben Sie. Und wenn wir bei der Gelegenheit noch einen Wunsch äußern dürfen, liebe Frau Schadt: Wie wäre es, wenn Sie Ihren Namen behalten würden? Das wäre ein starkes Zeichen. Denn auch dieses Recht der Frauen, ihren Namen nicht zu verlieren, ist mühsam erkämpft worden.

EMMAonline, 22.2.2012

http://www.emma.de/ressorts/artikel/politik/first-lady/

Eine von Schwarzers glühendsten Jüngerinnen, deren kongeniale Kachelmann-Bashings im Zuge der angeratenen 90%igen Löschung des Kachelmann-Threads im EMMA-Forum wie auch der Dank von Claudia D. gerade für deren polemische Beitrage zum Opfer fiel,  hat sich auf diesen Artikel hin am 22.2.2012 im EMMA-Forum folgendermaßen über Gauck geäußert – da ahnte sie freilich noch nicht, daß ihre Meisterin Gauck wählen würde, und durfte also die übliche männliche Machtstrategie im feministischen Täter-Opfer-Schema der Beziehung zwischen Mann und Frau erwittern (für die Schizophrenie im fundamental-feministischen Denken bin ich nicht verantwortlich, ich zitiere bloß):

 Welch ein Irrtum. Welch ein unglaublicher, wahnwitziger Irrtum! Das Beuteschema eines Kerls sagt nichts, aber auch gar nichts aus über seinen Emanzipationswert. Ganze Bündel von Typen könnte ich Euch vor die Füße schmeißen, liebe Emmas, die die allerletzten Pfeifen sind, die hierzulande ihr Unwesen treiben und hinter den starken Frauen her sind wie hemmungslose Stalker. Ganz einfach, weil sie in der Hierarchie menschlicher Männchen unten angesiedelt sind und mit einem Alphaweibchen ihren Status aufmöbeln wollen. Und denken, mit der Trickkiste des Omegas die taffe Frau schon einlullen zu können. Und leider gelingt es ja auch meistens. Mann ziele nur ab auf den regen Gefühlsapparat von Mütterlichkeit und Herzensbildung.

Man erlebt es hier auch vom Moment an, als sich Gauck öffentlich an Merkels Seite schmiegelte.
Mir reichen schon zwei, drei Sätze vom Nominierten, um zu wissen, dass der es drauf hat, mit starken Frauen (und nicht nur denen) Kasperle zu spielen, indem er hinten reinkriecht wie ein Puppenspieler. Allein der Blick von unten auf die erpresste Frau Merkel sagt doch schon alles und nichts Gutes.

Sitzt er da an Merkels Seite und spielt den Überraschten (wie lachhaft kokett; als hätte er nicht wochenlang bereits gefiebert): „Ich bin verwirrt!“ (hatten wir das nicht mit Assauer schon durch, das Thema?) „Ich bin nicht gewaschen!“ „Ich kann jetzt nichts essen. Nichts sagen. Ich bin im Taxi überwältigt worden“. Welch ein Gefühlsmatsch, mir wird übel. Und noch übler, weil alle auf den Leim gehen und sich in der zuwiesenen Rolle des Barmherzigen so narzisstisch geschmeichelt fühlen.
Unglaublich eitel und selbstbezogen, schrieb Ines Pohl von der TAZ. Wenigstens die hat Grauselgauck nicht hineingezogen in seine gefühlsmißbräuchliche Manipulationsstrategien.

Der Typ hat meinen Segen jedenfalls nicht. Für nichts.

http://forum.emma.de/showthread.php?7448-Sollten-Gauck-und-Schadt-heiraten

Es gibt noch schlimmere Postings von ihr. Wer sich traut, möge in dem Thread nachlesen. Ethnologie ist doch was Feines. Was man da alles kennenlernt.

Umso gespannter durfte man Alice Schwarzers Rechtfertigungsversuch entgegenfiebern. Und wurde gnadenlos enttäuscht:

 12.03.2012

Warum ich in Berlin den Bundespräsidenten wähle

Am 18. März 2012 werde ich im Reichstag eine von 1.240 PolitikerInnen sowie einer Minderheit parteiloser BürgerInnen sein, die den Bundespräsidenten wählen. Eine Ehre, wenn in diesem Fall jedoch eigentlich nur ein symbolischer Akt. Denn der Ex-Pfarrer und Ex-Leiter der nach ihm benannten „Gauck-Behörde“ ist ein Allparteienkandidat. Es gibt also keine Alternative.

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Das war’s schon zu Gauck. Sie wählt ihn, weil es keine Alternative gibt. Hauptsache ist die symbolische Ehre, ihn wählen zu dürfen. Nun, das ist nichts Neues. Zuerst kommt immer die eigene Person, die es mit Macht in die Öffentlichkeit drängt. Wie bei der BILD-Werbung von 2007, die sie nur deshalb machte, um Teil einer illustren Runde von Brandt bis Ghandi zu sein…

http://www.bildblog.de/2373/alice-schwarzer-nicht-zwangsprostituiert/

Es gibt keine Alternative zu Gauck? War da nicht noch jemand? Ahja:

 Bis auf die von der Linken präsentierte Kandidatin. Aber die ist zwar eine Frau, doch das allein genügt natürlich nicht.

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Endlich einmal Klartext: da gibt es eine zwar-aber-Frau, aber das Geschlecht allein kann nicht ausschlaggebend sein. Da frage ich mich doch, warum Schwarzer nach langjährigem berechtigten Widerstreben plötzlich die Frauenquote für Vorstände und Aufsichtsräte befürwortet: bei diesem undemokratischen Steuerungsinstrument zugunsten des Luxussegments der eigenen Klientel geht es doch auch nur ums Geschlecht und nicht um Eignung & Leistung?

Und das spricht ihrer Meinung nach gegen Beate Klarsfeld:

Beate Klarsfeld, 73, hat als Au-pair-Mädchen in Paris Serge Klarsfeld kennen- und liebengelernt, und sich von da an zusammen mit der vom Holocaust betroffenen jüdischen Familie der Jagd auf Nazis gewidmet. Sie ist also eine anständige Person, als Präsidentin von Deutschland jedoch denkbar ungeeignet. Schließlich lebt sie seit einem halben Jahrhundert in Frankreich. Und abgesehen von ihrem wackeren Kampf gegen die zum Glück langsam aussterbenden Alt-Nazis ist über ihre politischen Interessen hierzulande herzlich wenig bekannt.

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Das ist natürlich ein ganz falscher Lebensentwurf: hätte Frau Klarsfeld es doch bloß gemacht wie Schwarzer, deren Au-pair-Mädchenzeit in Paris genauso zeitlich begrenzt war wie die Liebe zu einem Mann, dann wäre sie jetzt noch eine echte ernstzunehmende Deutsche. Weil die Alt-Nazis aussterben, braucht man anständige Personen eh nicht mehr. Und den Blick auf die Neo-Nazis gar nicht mehr zu wagen. Aber halt, irgendwie tut Schwarzer es dann doch:

Gleichzeitig mit mir hat die CDU in Nordrhein-Westfalen Mevlüde Genc eingeladen, zur Wahl anzutreten. Wir erinnern uns: Frau Genc war eine der Überlebenden bei dem rassistischen Brandanschlag 1993 auf das Haus der Familie in Solingen. Zwei Töchter, zwei Enkel und eine Cousine von ihr starben in den Flammen. Mevlüde Genc, 69, ist trotzdem in Deutschland geblieben und hat zum 10. Jahrestag des Grauens 2003 eine anrührende Rede gehalten: Frei von Rache und getragen von der Bereitschaft zur Versöhnung. Diese Frau steht also für wahre Integration. In der Gesellschaft von Mevlüde Genc werde ich mich wohl fühlen in Berlin.

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Jetzt muß ich doch schlucken. Eine Frau, die Unbeschreibliches erlitten hat und dennoch versöhnungsbereit ist, steht für »wahre Integration«? Ist diese Art von vorbildlicher Integration nicht eventuell ein bißchen zu viel verlangt von unseren Migranten und deren Kindern? Und darf Frau Genc in Berlin bei der Bundesversammlung ihr gewohntes Kopftuch tragen, oder fühlt sich Alice Schwarzer in ihrer Gesellschaft dann gleich wesentlich weniger wohl, ist das Kopftuch für sie doch ein eindeutiges Bekenntnis zum Islamismus und zum Dschihad gegen die Ungläubigen? Man muß es wohl so sehen: Denkschwache Ideologen wie Schwarzer haben Probleme nicht nur mit der Realität, sondern vor allen Dingen mit der Humanität. Dies beiseite gesprochen. Denn verstehen wird Schwarzer diese Einwände sowieso nicht.

Jetzt aber zu Alice Schwarzers eigentlichen Gründen, die ihrer Meinung nach gegen Frau Klarsfeld sprechen:

Wahrscheinlich hat die Linke noch nicht einmal geahnt, dass Beate Klarsfeld selbstverständlich eine Anhängerin von Nicolas Sarkozy ist, dem konservativen Präsidenten, der für die Linke vermutlich des Teufels ist. Sie ist unter anderem für Sarko, weil dessen Familie ein durchaus ähnliches Schicksal erlitten hat wie die Familie Klarsfeld. Die Welt ist eben komplizierter als Frau/Mann, rechts/links, Gut/Böse.

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Nachdem Sarkozy, der unbeliebteste französische Präsident aller Zeiten, mit seinem Schulterschluß mit Merkel zurecht noch unbeliebter wurde, nun panikartig rechtsnationale Töne anschlägt, um Marine Le Pen Stimmen abzujagen, ist er ohnehin unwählbar geworden. Daß deutsche Zeitungen nicht über die Sarkozy-Affären (Karachi, Fadettes, Bettencourt, Ermittlungen gegen seinen Geheimdienstchef, die Gaddhafi-Wahlkampfkosten-Affäre u.a.) berichten, die gerade jetzt losbrechen, ist man ja schon von der deutschen Presse gewohnt. Da versteht wohl niemand Französisch mehr, selbst wenn sich Journalisten wie Gero von Randow (ZEIT) und Hans-Hagen Bremer (TAGESSPIEGEL) ungeniert  als Auslandskorrespondenten bezeichnen lassen.

Angesichts dieser Unübersichtlichkeit behält Schwarzer doch lieber ihr schlichtes Weltbild vom Mann als Täter und der Frau als Opfer bei und wählt den Mann Gauck. Dann bleibt alles hübsch übersichtlich in der Ordnung.

Aber ein Rechtfertigungsbedarf blieb:

Es gab in den Medien Stimmen, die es unpassend fanden, dass ich mich „von der CDU nach Berlin schicken“ lasse. Nun, ich muss sagen, jemand anders hat mir die Aufgabe der Wahlfrau in diesen vergangenen Jahrzehnten noch nie angeboten, weder die SPD, noch die FDP, und die Grünen schon gar nicht. Warum sollte ich also nicht auf Anregung der CDU hin das Staatsoberhaupt mitwählen? Schließlich setzt eine Partei mit den parteiunabhängigen BürgerInnen, die sie für würdig erachtet, den Bundespräsidenten zu wählen, Zeichen. Und das Zeichen, das man mit mir setzt, ist unmissverständlich: Frauen und Emanzipation.

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Genauso ist sie als Kachelmann-Vor-und Nachverurteilerin ausgerechnet bei der BILD gelandet: andere haben sie ja nicht gefragt, ob sie mal als Gerichtsreporterin & außergerichtliche Nebenklagepartei dilettieren wolle, und wer ihr persönlich eine Bühne und Quote beschert, setzt naturgemäß ein Zeichen für Emanzipation. Die Nackedeis in BILD, seit dem Weltfrauentag 2012 symbolträchtig von S.1 auf S.3 verbannt, störten allenfalls am Rande; so wie bei der CDU die hartnäckigen Abtreibungsgegner ein zu vernachlässigendes Phänomen darstellen:

Natürlich ging meine Nominierung CDU-intern nicht so ganz glatt durch. Das wäre ja auch beunruhigend. Der NRW-Generalsekretär Oliver Wittke betonte bei seinem Vorschlag, man wolle damit zwar mein „Lebenswerk würdigen“, aber keineswegs „jede Äußerung in der Vergangenheit gutheißen“. Einige Vorstandsmitglieder hatten ihrem Generalsekretär nämlich bereits im Vorlauf Zunder gemacht: Frau Schwarzer gelte doch als „glühende Abtreibungsbefürworterin“. Die aktive Lebensrechtlerin und Bundesvorsitzende der „Christdemokraten für das Leben“ (CDL), Mechthild Löhr, verstieg sich sogar zu der unerhörten Behauptung, ich hätte „zur Abtreibung aufgerufen, als wäre es ein Verdienst“.

Nun, meine Wahl als Wahlfrau erfolgte dann dennoch ohne Gegenstimmen. Die Kanzlerinnenpartei will im Jahr vor der Bundestagswahl schließlich ihr modernes Gesicht zeigen.

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Das soll man ihr dann doch nicht nachsagen, daß sie jetzt auf Parteilinie sei, nur weil die CDU ihr ›Lebenswerk‹, das Archiv des FrauenMediaTurms, in fragwürdiger Art und Weise subventioniert. Und schon folgen »klärende Anmerkungen zur Abtreibung«, auf die einzugehen den Rahmen eines Blog-Eintrags sprengen würde. Wenn die Wahlfrau Alice Schwarzer der CDU angeblich einen modernen Anstrich verpaßt (dabei repräsentiert sie einen Steinzeit-Feminismus, von dem sich Intellektuelle schon immer und jüngere Frauen schon seit langem abgewandt haben, wie die seit Jahren schwächelnde Auflage der EMMA belegt), dann machen es die anderen Parteien auch nicht besser:

Und die SPD und die Grünen? Auch sie machen Klientelpolitik mit ihren Repräsentanten. Die Grünen schicken den Regisseur Sönke Wortmann („Der bewegte Mann“). Und die Sozialdemokraten den Comedian Ingo Appelt. Hallo Fans, wir lieben euch.

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Und die CDU liebt nun mal die Schwarzer-Fans. Da steht sie in einer Reihe mit Wortmann und Appelt, auch wenn deren Fangemeinde weitaus größer ist. So einfach ist das. Zu dumm, daß Schwarzer nicht expressis verbis erklärt, warum sie eigentlich Gauck wählt, mit dem sie nichts verbindet. Wohl nur deshalb, weil sie es nicht vermocht hat, die Ehre abzulehnen, die ihr mit der Wahl zur Wahlfrau zuteil wurde. Zuzutrauen ist ihr diese Charakterschwäche allemal.

Was sonst könnte ihr Motiv sein?  Sie schafft es ja noch nicht einmal, in  dem geschützten Raum ihres Blogs auch nur ein ein einziges Argument pro Gauck abzuliefern.

Ihren Kolleginnen und Kollegen in der Bundesversammlung wird es nicht anders ergehen: sie wählen Gauck entweder deshalb,, weil sie der Eitelkeit unterliegen, ihn wählen zu dürfen, oder weil sie von der jeweiligen Partei, die ebenfalls keine Gründe für die Wahl von Gauck hat (außer dem Wirtschaftsflügel der FDP), dazu gezwungen wurden.

Von Alice Schwarzer hätte ich mir weniger an realpolitischer Anpassung erwünscht. Aber wenn es ums Ego geht…