Jenseits des Protokolls: eine Rezension des Bettina Wulff-Buchs

Schwierig schwierig. Ist es überhaupt möglich, das Buch zu rezensieren, wenn das Gerede über das Buch kaum noch auszublenden ist? Kann es überhaupt noch rezensiert werden, ohne die PR drumherum, die angestrebte und die tatsächlich entstandene, immer mitzulesen?

Eines der giftigsten Elemente in der publizistischen Verwertungskette hat mal wieder Alice Schwarzer produziert: nicht nur, daß sie am 11.9.2012 auf ihrem Blog eine uneingeschränkte Verteidigung von Bettina Wulff, dem Medien-, Google- und Gerüchteopfer sexistischer Politiker und Internetmobber, ablieferte, um dann am 17.9.2012 für den STERN wunschgemäß eine Hinrichtung zu schreiben.

Näheres hier:

https://gabrielewolff.wordpress.com/2012/09/23/jenseits-von-gut-und-bose-bettina-wulff-die-medien-und-das-internet/

Nein, jetzt brachte sie auch noch einen Emma-Titel heraus, der ermüdenderweise wiederum ihrem hochkatholisch-sittenstrengen Kreuzzug gegen die Prostitution gewidmet ist.

Kann Prostitution wirklich freiwillig sein?

lautet ihre rhetorische Frage auf der hautfarbenen Titelseite. Da lediglich zwei Aussteigerinnen, die sich freiwillig bei ihr gemeldet haben, interviewt werden, ist das Ergebnis dieser extrem repräsentativen Feldforschung absehbar.

Links oben auf dem Titel lächelt Bettina Wulff, im Heft selbst wird Schwarzers STERN-Artikel leicht variiert recycelt.

Die Entblößung der Bettina Wulff

Mit ihrem Buch „Jenseits des Protokolls“ hat Bettina Wulff sich nicht unbedingt einen Gefallen getan. Sie sagt bittere Wahrheiten, aber liefert neue Angriffsflächen.

Es gibt viele gute Gründe, mit Bettina Wulff solidarisch zu sein, angefangen bei den Rotlicht-Gerüchten bis hin zu der Häme so mancher der jetzigen Kommentare. Schade nur, dass sie die nun selber zunichte macht – mit der Veröffentlichung ihres Buches. Der Wiederherstellung der Ehre von Bettina Wulff dient das nicht, im Gegenteil: Die indiskrete Plapperei der ehemaligen First Lady bestätigt den schon vor dem Eklat um Hauskredit und Luxusurlaube dämmernden Verdacht, dass das Ehepaar Wulff die falsche Besetzung war für Schloss Bellevue.

http://www.aliceschwarzer.de/publikationen/aliceschwarzer-artikel-essays/die-entbloessung-der-bettina-wulff/

Netter Nebeneffekt: irgendwann wird bei der Google-Suche unter den Begriffen, gegen die die Buchautorin eine von Alice Schwarzer beklatschte Klage erhoben hat, auch die EMMA auftauchen. Die kostenlose Werbung nimmt man doch gerne mit.

Ich versuche trotz der Hintergrundgeräusche eine Rezension und fange mit der Bestimmung des Genres an: es handelt sich um eine autobiographische Streitschrift, daran lassen die rahmenden Texte »MAMA, HABT IHR GELOGEN?« (S.7 – 9) und »MAMA, ARBEITEST DU EIGENTLICH SCHON IMMER ALS PR-FRAU?« (S. 215 – 217) sowie die Widmung »Für meine Familie« keinen Zweifel. Der Ton ist kämpferisch, das Ziel ist klar:

Wenn es mir egal wäre, dass Leute Gerüchten über meine Person Glauben schenken, wenn es mir egal wäre, dass diese Menschen auch meinen, ich würde bewusst ständig nach einem Profit für mich und meine Familie suchen und ich eine oberflächliche, luxusverliebte und auf Glamour erpichte Frau sei, dann würde ich einfach alles auf sich beruhen lassen und kein weiteres Wort darüber verlieren. Aber es ist mir nicht egal, was Menschen über mich denken beziehungsweise dass in ihren Köpfen möglicherweise ein Bild über meine Person herumspukt, welches mir selbst absolut fremd ist. […] Ich möchte, dass die Menschen mich so sehen, wie ich bin: als eine ziemlich normale Frau und Mutter, die ihr Leben so leben möchte, wie sie es will, und nicht, wie andere es von ihr erwarten. Und die sich verantwortungsvoll für andere, vor allem eben auch für die eigenen Kinder, und für Themen einsetzt, die ihr wichtig sind. So einfach ist das eigentlich …

[S. 9]

Wenn es so einfach wäre – man muß schon PR studiert haben, um glauben zu können, man könne mittels Schrift, Interview, Fotos und Fernsehpräsenz das Selbstbild gegen mediale Fremdbilder durchsetzen. Mit diesen Mitteln läßt sich zwar für eine Sache streiten, aber Kontrolle über Sympathie, Antipathie, Empathie, Projektionen und Phantasmen Dritter über die eigene Person gewinnt man damit nicht. Und wer kann sich sicher sein, ob das eigene Selbstbild überhaupt richtig ist? Denn der Konflikt, der Bettina Wulffs Leben durchzieht, wird bereits in dieser kurzen Passage angesprochen: einerseits will sie nicht so leben, wie andere es von ihr erwarten. Andererseits ist es ihr nicht egal, was andere, weit entfernte Unbekannte, über sie denken. Diese Rechnung kann nicht aufgehen. Freiheit beginnt erst, wenn es einem egal ist, was Unbekannte von einem denken.

Und so ist dieses Buch tatsächlich eine hochinteressante Studie über das Leben einer »ziemlich normalen«, wenig intellektuellen modernen Frau, die zwischen emanzipatorischen Ansprüchen an sich selbst, Erwartungen Dritter, den Rollenspielen, die sowohl die Politik als auch  die Medien abverlangen, und Beruf & Familie laviert und bis zur Erschöpfung an ihrer Selbstoptimierung arbeitet. Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung lautet folgerichtig ihr zukünftiges Ziel (S. 211).

Ich werde versuchen, es selbst zu bestimmen, wie viel ich von meinem Leben preisgebe und zeige und was ich der Öffentlichkeit entziehe, weil mein Leben einfach nur mein Leben ist.

[S. 213]

Doch im Moment ist Offensive angesagt, und da wird naturgemäß erst einmal gezeigt.

Sprachliche Höhenflüge waren von vorneherein nicht zu erwarten; nicht nur, weil mit Nicole Maibaum eine Ghostwriterin ausgewählt wurde, die Liebes-Ratgeber und Bücher über Kinderhilfsprojekte und starke Frauen für die Schauspielerinnen Veronica Ferres und Iris Berben geschrieben hat; die Autorin Wulff selbst ist keine brillante Rhetorikerin, wobei das Buch auf zahlreichen Interviews mit ihr basiert – die stilistische Nähe zur mündlichen Rede ist womöglich zur Erhöhung der Authentizität gewollt, nervt allerdings selbst den geneigtesten Leser: zu viel Jugendsprech, zu wenig Lektorat, und wer wie ich eine Allergie gegen die Formulierung »ein Stück weit« hat, sei vor den Risiken und Nebenwirkungen dieses Gemeinschaftswerks gewarnt. Es hat dem Buch sprachlich nicht gutgetan, daß sein Erscheinen zwei Monate vorgezogen wurde. Hier, als pars pro toto, zwei Beispiele für mißlungene Formulierungen, beide auf S. 82:

Wir schreiben uns Briefe, ganz klassisch noch mit Stift und auf Papier und schicken sie dann per Post los.

Was könnte man sonst mit einem Stift beschriften, wenn nicht Papier? Wer sollte einen klassischen Brief transportieren, wenn nicht die Post? Es fehlt, neben einem Komma, nur noch die Erwähnung von Briefumschlag und Briefmarke, dann wäre die Redundanz komplett…

In Berlin habe ich nie diese Orte gefunden, wo ich einmal wirklich durchatmen und abschalten konnte, nur ich war, wo ich mich nicht beobachtet fühlte, kontrolliert und mit dem Auftrag zu funktionieren, aber in Storkow stellte sich genau diese innere Gelassenheit und Ruhe ein.

Einen Sinn hat dieser Satz nicht. Es ist zwar eher unwahrscheinlich, daß das Buch angesichts der Erstauflage von 100.000 Exemplaren eine 2. Auflage erleben wird; für diesen Fall sollte jedenfalls eine bearbeitete Fassung vorgelegt werden, die die schlimmsten Sprachunfälle abräumt. Nett wäre auch die Klärung von Unstimmigkeiten: befindet sich im Schloß Bellevue nun eine Zweizimmerwohnung (S. 55) oder eine 60 qm große Dreizimmerwohnung (S. 63)?

Das Buch soll also entblößend sein, indiskret, voyeuristischen Bedürfnissen dienend?

Das kann ja wohl nicht ernstgemeint sein. In jeder nachmittäglichen Talkshow gibt es mehr Seelenstriptease als in diesem Buch. Tatsächlich ordnet sich in ›Jenseits des Protokolls‹ jede private Mitteilung, fein säuberlich sortiert, dem erklärten Programm unter, die gehässigen Gerüchte und Unterstellungen, die medialen Bilder von ihr, die ihrerseits jegliche Diskretion vermissen ließen, zu widerlegen. Bettina Wulffs Buch spiegelt geradezu symmetrisch das Niveau wider, auf dem ihr begegnet wurde.

Wie kann sich eine junge Frau in einen Mann wie Christian Wulff verlieben?

wiederholt sie auf S. 11 die Klatschfrage des Boulevards und der mißgünstigen Politikerkollegen ihres Mannes, die natürlich so beantwortet wurde: die hat sich einen Promi geangelt. Dagegen setzt sie Kurzbeschreibungen ihrer vorangegangenen Beziehungen: keiner dieser Männer war reich oder prominent, und warum sollte sie mit Mitte dreißig mit dieser männermordenden Jagd anfangen? Darum im Kapitel »MEIN MANN« die ausführliche Darstellung des Kennenlernens ihres Mannes im April 2006, das durch einige Zufälle begünstigt wenn nicht gar ermöglicht wurde – Bettina Wulff kennt die Internet-Gerüchte und Presseberichterstattungen sehr gut, die ein Kennenlernen zu einem früheren Zeitpunkt in ganz anderen Zusammenhängen insinuieren. Daher auch die Ausführungen zum spießigen Image von Christian Wulff, und wie sehr sie die auch von ihr zunächst abstrakt geteilte Skepsis ihrer Freundinnen Josefine und Stephanie fürchtete, als sie ihnen den neuen Mann an ihrer Seite ›beichtete‹ (S. 85f.).

Was soll daran indiskreter sein als die Zumutungen und Insinuationen des Boulevards? Wie kommt Jürgen Dahlkamp im SPIEGEL 38/2012, S. 34 auf die Idee, hier lägen das Amt entwürdigende ›Enthüllungen‹ vor, wenn Bettina Wulff über die Einschränkungen spricht, die ein von Bodyguards bewachtes Leben auslösen? Walter Kohl darf über derlei verstörende und familienzerstörende Kindheitsverhältnisse schreiben, eine Ehefrau und Mutter nicht?

By the way: demokratisch gewählte Politiker sind Menschen aus Fleisch und Blut, und wenn das Amt endet, dürfen sie auch wieder Menschen sein (eigentlich sollte es uns lieber sein, wenn sie auch zwischendrin Menschen blieben, aber die mediale Dauer-Belauerung und das Niveau der politischen Auseinandersetzung zwingt offenbar zur Schutzpanzerung und Selbstaufgabe – das Buch von Bettina Wulff führt bestens in diese gnadenlose Welt ein). Das Motto des englischen Königshauses: ›Never complain, never explain‹ gilt nicht für demokratisch gewählte Politiker – und schon gar nicht für deren Familienangehörige. Und heutzutage nicht einmal mehr für Royals, die von rüden Paparazzi in vermeintlicher Privatheit befindlich abgeschossen werden.

Bettina Wulff plappert?

Auch das ist eine symmetrische Antwort auf das Plappern des Boulevards, das sich endlos lang an Äußerlichkeiten wie Tattoo und Bekleidung der First Lady abarbeitete.

In der Zeit in Berlin, als Frau des Bundespräsidenten, war ich doch das eine und andere Mal sehr überrascht, welche Bedeutung Banalem beigemessen wird. Dass selbst unwichtigste Dinge für Schlagzeilen in der Presse sorgen …

[S. 101]

Und so gibt es dann eben auch das Kapitel ۛDAS TATTOO‹ (S. 103 – 111) über die Tätowierung, Garderobe, die Schuhe etc., das, zusammen mit den Ausführungen über Leihgaben deutscher Modehersteller (S. 161f.) als Gegenentwurf zu dem Geraune und Gequatsche der Presse angelegt ist. Natürlich ist Mode ein Statement, natürlich ist Mode Repräsentation, natürlich ist das ein Thema – wie sehr, beweist der aktuelle STERN 40/2012 vom 27.9.2012, dem ein Modeheft Herbst/Winter 2012 beigelegt ist:

Politik und Pose

Nichts wirkt schneller als der äußere Eindruck: Die Schauspieler Jan Josef Liefers und Anna Loos zeigen, wie glanzvoll Wahlkampf aussehen kann

In dem dazugehörigen Artikel von Dirk van Versendaal:

Herrschende Mode

Das Outfit von Politikern wird immer wichtiger. Jedes Hemd, jeder Anzug sendet Botschaften

wird den »Botschafterinnen des guten Stils«, Bettina Wulff und Stephanie zu Guttenberg als »Antwort auf Carla Bruni und Michelle Obama«, richtiggehend nachgetrauert. Wer plappert hier? Dagegen sind die Informationen, die Bettina Wulff zur Garderobewahl am Tag des Rücktritts gibt, doch wahre Erleuchtungen:

Es sollte etwas Schlichtes sein, nicht zu edel und aufgesetzt. Es sollte etwas sein, in dem ich mich sicher und wohlfühle. Die Fassade mußte stimmen, das Innenleben ging keinen etwas an. Ich wollte mich als starke Frau präsentieren. Schnell fiel meine Wahl auf eines meiner Lieblingskostüme von Rena Lange. Im Grunde ein ganz klassisches schwarzes Ensemble mit Rock und kurzer Jacke, an den Rändern in Weiß gearbeitet.

[S. 197]

Wie ist das Selbstbild von Bettina Wulff denn nun beschaffen, das sie dem medialen Zerrbild der Glamour-Frau, die einen biederen Politiker ins Unglück stürzt, entgegenhalten will?

Auffällig ist, wie oft sie betont, eine selbständige, eigenständige, emanzipierte Frau zu sein, die ohne eigenen Beruf nicht leben könne:

Ich merkte, dass ich durch die Arbeit eine bessere, ausgeglichenere Mutter war

[S. 18]

die dann aber dennoch sehr plastisch die Mühen schildert, die den Alltag einer alleinerziehenden Mutter mit einer 80-Prozent-Stelle prägen.

Ja, ein Studium muß schon sein, das gehört zur Emanzipation dazu, aber leicht fiel es ihr nicht: zwar schloß sie es nach 10 Semestern mit allen Scheinen ab, schrieb aber die entscheidende Diplomarbeit nicht (S. 163). Durch bezahlte Arbeit ernstgenommen zu werden und ökonomisch unabhängig zu sein, ist wichtig. Aber Karriere?

Natürlich wollte ich arbeiten, natürlich wollte ich einen tollen Job, aber ich wollte nicht nur und nicht zwingend Karriere machen. Seltsamerweise glaubt einem dies ja heute kaum einer, wenn man es sagt. […] Warum ist das so? Warum meinen immer alle, dass man wie selbstverständlich nach großem beruflichen Erfolg strebt?

[S. 116 f.]

Als sie eine Halbtagsstelle nach der Geburt des ersten Sohnes hat und der Kindesvater als wenig erfolgreicher selbständiger Makler mit unstrukturiertem Tagesablauf in der Ernährerrolle ausfällt, macht sie Schluß:

Nicht zu wissen, ob überhaupt und wenn ja, wie viel er zur Miete, zu den Kosten für die Lebensmittel, einfach zu unserem Lebensunterhalt beisteuern kann, hat mich belastet. Permanent hatte ich das Gefühl, dass alles an mir hängt, dass ich bloß nicht krank werden darf, sondern immer perfekt performen muss, um den gesamten Laden zu schmeißen.

[S. 17]

Hätte eine wirklich emanzipierte Frau nicht vorgeschlagen, eine Vollzeitstelle zu übernehmen, während der Mann in der Zeit einer beruflichen Krise sich vorrangig um das gemeinsame Kind kümmert?

Ihre Überlegungen vor der Entscheidung zur Kandidatur ihres Mannes für das Amt des Bundespräsidenten:

Doch mich beschäftigte das Wissen, dass ich dafür meinen Job und somit einen Großteil meiner Unabhängigkeit aufgeben müsste. Ich müsste mich einordnen, ja sogar unterordnen, in das Leben meines Mannes.

[S. 49]

Mir lag und liegt es fern, nur die »Frau von …« zu sein, nur Mutter zu sein, dazu ein eigenes Haus mit Garten zu haben, aber keinen Euro selbst zu verdienen. Ich werde dann unleidlich und das auch meinen Kindern gegenüber. Die Arbeit bei Rossmann stellte für mich einen elementaren Teil meines Lebens dar. Ich brauchte meinen Job, die Gespräche mit Erwachsenen, zu einem Team zu gehören, mich auch mit anderen Themen als Kinderkleidung, Kinderkrankheiten und Kinderspielzeug zu beschäftigen. Die Zeit im Büro war für mich ein wichtiger Ausgleich zum Mutterdasein und ich konnte, wenn ich Leander und Linus gegen 15 Uhr abholte, auch das Zusammensein mit meinen Söhnen mehr genießen und wertschätzen. Ich hatte Angst, meine Selbständigkeit und Unabhängigkeit aufzugeben für etwas, was für mich noch so absolut unvorstellbar war.

[S. 51]

Dann entpuppt sich die unbezahlte Tätigkeit als First Lady als »der pure Stress« (S. 57), insbesondere in der Zeit des Pendelns zwischen Großburgwedel und Berlin bis Dezember 2010, das Abholen der Kinder vom Hort klappt nicht immer, sie muß andere Eltern fragen, ob sie ihre Kinder mit zu sich nach Hause nehmen könnten:

Dieses Bittstellen war mir unangenehm. Auch weil ich mir nicht ausmalen wollte, was möglicherweise der eine oder andere Vater, die eine oder andere Mutter dachte. Von wegen: jetzt ist der Wulff Bundespräsident und schon werden die Kinder aufs Abstellgleis geschoben.

[S. 58]

Wieder und wieder beschäftigt sie, was andere von ihr denken könnten, und so schafft sie es auch nicht, ihre Repräsentationsaufgaben auf ein erträgliches Maß zurückzuschrauben – obwohl das zweifellos möglich gewesen wäre.

Dies bedeutete jedoch, dass ich bis dahin einmal wieder die Alleinerziehende war, dazu der Haushalt an den Hacken und die Pflichten der Frau des Bundespräsidenten. Und als Letztere dann vielleicht zu sagen: »Nee, sorry, liebe Leute, ich kann da heute nicht bei der Gedenkfeier zum Volkstrauertag im Deutschen Bundestag teilnehmen. Mein ältester Sohn hat eine fiese Erkältung, liegt mit Fieber im Bett« – Pustekuchen. Das hätte dann gleich wieder für Gesprächsstoff gesorgt, beispielsweise ob denn die werte Frau Wulff sich über die Aufgaben einer Bundespräsidentengattin  im Klaren sei, und bestimmt hätte der eine oder andere Journalist eventuell auch in Frage gestellt, inwiefern mein Sohn wirklich krank ist und spekuliert, ob es da nicht doch noch ganz andere Gründe geben könnte.

[S. 60f.]

Mein Mann meinte zwar, es wäre bestimmt gegangen, sich ein Stück weit aus der öffentlichen Wahrnehmung, ja fast schon Kontrolle zurückzuziehen, doch ich war und bin fest davon überzeugt, dafür hätte man uns medial zerrissen. Also machten wir weiter wie gehabt und ich schob meine Ängste und  Zweifel beiseite.

[S. 118]

Eine Frau am Rand des Nervenzusammenbruchs – das Über-Ich verlangt Emanzipation und Disziplin bis hin zum miltärischen Tonfall, in dem der Haushalt und auch die Kinder durchgetaktet werden (S. 59), das Ich weiß, daß beides gar nichts nichts mit ihrem Leben zu tun hat, duckt sich aber vor der Meinung einer amorphen Masse, die sich in den Medien kristallisiert – das altmodisches Es reagiert psychosomatisch (Hautreizungen, Magenbeschwerden, Schwindelanfälle) und delegiert jegliche Verantwortung auf den Mann…

Ja, da spricht eine ganz normale Frau, die ihre wahrhaft emanzipierten Freundinnen bewundert und vor charismatischen Frauen auf die Knie geht. Die es als Kompensation auffaßt, daß sie für ihr Anhängsel-Dasein durch Zahlung des entgangenen Gehalts bei Roßmann auf ein eigenes Konto durch ihren Mann entschädigt wird – Emanzipation beschränkt sich allerdings nicht auf den ökonomischen Faktor. Kann es sein, daß die aktuellen feministischen Rollenbilder für Frauen für eine Unfreiheit gesorgt haben, die der femme fatale der vorletzten Jahrhundertwende, Alma Mahler-Werfel, oder der Ikone der Weiblichkeit schlechthin, Marilyn Monroe, noch gänzlich fremd waren? Daß Freiheit bedeutet, sich jeglichen Ansprüchen, die die ›Gesellschaft‹ an einen richtet, zu entziehen? Was für Frauen heute bedeutet: sich auch von jeglicher feministischer Bevormundung zu befreien? Nein, keine Frau muß sich dafür rechtfertigen, keine Karriere machen zu wollen oder Berufe abzulehnen, die sie langweilig findet. Oder sich lieber der Familie widmen zu wollen und den Beruf nur als Ausgleich zu betrachten.

Jegliches Korsett ist abzulehnen, jeder und jede soll nach seiner und ihrer Façon glücklich werden – aber wie soll eine normale Frau das noch können, wenn ihr die feminismusgeprägte öffentliche Meinung wichtiger ist als ihr rebellierender Körper und ihre Schuldgefühle als Mutter? Und sollten wir nicht auch lieber eine Arbeitswelt anstreben, in der auch Männer nicht zu Zombies werden müssen, wenn sie Spitzenämter übernehmen? Es ist ein gutes Zeichen, daß Politiker wie Gabriel und Steinmeier von sich aus auf eine Kanzlerkandidatur verzichten: beide, der eine ein junger Vater, der andere ein sehr verbundener Ehemann, möchten sich wenigstens ein Minimum an Privatleben erhalten. Es sind jene sinnlos zerstörerische Arbeitswelten mit ihren dämlichen Fototerminen, zeitraubenden Meetings und puren Präsenzzeiten, die es anzugreifen gilt…

Aber unter diesem gefühlten Diktat der öffentlichen Meinung stand auch Bettina Wulff. Gut vorstellbar, daß jenes Tattoo die erste Aktion in Bettina Wulffs Leben war, bei der sie nicht daran dachte, was andere wohl davon halten könnten – bezeichnenderweise ist es unvollendet geblieben, denn als Politikergattin ›funktionierte‹ sie wieder. Dieses Buch dürfte für sie ein Befreiungsschritt gewesen sein, ein wahrhaft emanzipatorischer Akt.

Und, das muß man sagen: ihre Breitseiten gegen die Medien sind aller Achtung wert.

Die beiden Rahmentexte, die Kapitel 11, »DIE KINDER«, 12 »Die Vorwürfe«, 13 »DIE GERÜCHTE«, 14 »Die MEDIEN«, 15 »DER RÜCKTRITT« sollten Pflichtlektüre an Journalistenschulen werden.

Ja, das Buch ist in vielen Aspekten interessant und lesenswert. Mittlerweile dürften auch die fiesesten Niedermacher ihres Mannes eingesehen haben, daß absolut nichts an ihren ›Vorwürfen‹ dran war – es war nichts weiter eine reine und ungeheuer selbstgerecht geführte Machtprobe zwischen Presse und Politik. Das sehr klug komponierte Kapitel »DIE VORWÜRFE« müßte manch einem wutschäumend geifernden Oberverfolger die Schamesröte ins Gesicht treiben, wären sie zu Scham überhaupt fähig. Nicht nur Bettina Wulff hat Defizite, was Selbstreflektion angeht. Aber sie ist naiv genug, sie vorzuzeigen.

Einer von einem mithetzenden Springer-Organ hatte immerhin die Größe, Folgendes zu konzedieren:

Ulrich Exner, 11.9.2012:

Die Ermittlungen gegen Christian Wulff wegen möglicher Vorteilnahme drehen sich zentral um einen dreitägigen Aufenthalt der Wulffs im Westerländer Hotel Stadt Hamburg, den der Filmhändler und Wulff-Freund David Groenewold zunächst bezahlte. Dieser Vorgang löste das Ermittlungsverfahren gegen den Ex-Bundespräsidenten und damit letztlich seinen Rücktritt aus.

In ihrem Buch empört sich Bettina Wulff über diese Vorwürfe, schildert detailliert, wie sie die Schuld bei Groenewold schon vor Ort in bar beglichen hätten und beschreibt auch ganz plausibel, warum der Filmhändler in Vorlage trat. Bei allem Vorbehalt: Wer diese Schilderungen liest, fragt sich in der Tat, was aus den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen Christian Wulff – bei allem Hautgout, der die Dinge umweht – eigentlich konkret herauskommen soll.

http://www.welt.de/vermischtes/prominente/article109135429/Lieber-Gott-lass-mich-nicht-bewusstlos-werden.html

Ein speziell von der Journaille erwitterter Hautgoût gegen einen speziellen Amtsträger – nur der trieb Wulff aus dem Amt. Alles andere als eine Einstellung des Ermittlungsverfahrens gegen Christian Wulff würde mich überraschen…

108 Demokraten & erfrorene Rosen

Eigentlich keine Nachricht; und dazu noch eine von gestern:

Joachim Gauck ist neuer Bundespräsident

Die Bundesversammlung hat den 72-jährigen Theologen Joachim Gauck zum neuen Bundespräsidenten gewählt. Gauck nahm die Wahl an. Er ist Nachfolger des zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff.

Gauck erhielt bereits im ersten Wahlgang 991 von 1228 gültigen Wahlmännerstimmen.Er hatte als klarer Favorit gegolten, weil er der gemeinsame Kandidat von Union, FDP, SPD und Grünen war. Mindestens 103 Delegierte dieser Parteien verweigerten ihm allerdings ihre Stimme. Gauck ist das zum Zeitpunkt seiner Wahl älteste Staatsoberhaupt in der Geschichte der Bundesrepublik.

Für die Linkspartei kandidierte die Publizistin Beate Klarsfeld. Sie erhielt 126 Stimmen – drei mehr als die Linkspartei in der Bundesversammlung Stimmen hat. Auch die rechtsextreme NPD schickte mit Olaf Rose einen eigenen Kandidaten in die Wahl; er erhielt drei Stimmen. 108 Wahlleute enthielten sich.

http://www.tagesschau.de/inland/bundespraesidentenwahl210.html

Auf den zweiten Blick ist das dann aber doch eine Neuigkeit. Immerhin gab es 108 aufrechte Demokraten, die sich der parteipolitisch abgekasperten Schein-Wahl verweigerten. Es gab zudem vier, die wegen der Qual der Wahl ungültig stimmten.

Jetzt kann auch der STERN seine Propaganda-›Berichterstattung‹ (wie mit der Titelstory EINER FÜR UNS) einstellen und wieder Klartext reden. Der famose Herr Schütz, der schon einmal in mein Blickfeld geraten war:

https://gabrielewolff.wordpress.com/2012/03/08/der-stern-kontra-wulff-kann-journalismus-noch-tiefer-sinken/

hat sich jetzt zwar des unziemlich hämischen Tons enthalten, vermutlich wegen neu erwachten Respekts vor der vielbeschworenen Würde des Amtes, die gerade die Medien beschädigt haben, aber deutlich wird er dann doch:

18. März 2012, 16:12 Uhr

Bundespräsident Gauck

Der Freiheitskämpfer muss sich öffnen

Als Präsident darf Joachim Gauck sich nicht auf den Freiheitsbegriff beschränken. Er muss sich neue Themen erschließen, um die Problemzonen der Gesellschaft zu erreichen.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

[…]

Glaube doch keiner, dass Gauck von den Genossen etwa wegen seiner sozialpolitischen Gefühle oder von der Grünen dank seines ökologischen Profils gewählt worden ist. In den rot-grünen Lobgesängen, die mittlerweile auf Gauck angestimmt worden sind, stecken viele falsche Töne.

So gesehen müssen die Parteien, die diesen Bundespräsidenten ins Amt gehoben haben, mit Joachim Gauck erst noch politisch leben lernen. Müssen ihm echtes Vertrauen erst noch entgegen bringen. Denn, wie gesagt, die Person des Präsidenten geht im Amt nicht auf. Gauck wird sich im neuen Amt politisch nicht missbrauchen, kommandieren und herum schieben lassen. Dieser Präsident hat sich in seiner schwierigen Vergangenheit dergleichen Versuchen selbstbewusst widersetzt. Er war jetzt der Wunschkandidat einer breiten politischen Mehrheit. Ob er ihr Wunschpräsident werden wird, muss sich erst noch erweisen. Er muss, wie es ihm schon mehrfach prophezeit worden ist, dafür noch viel lernen. Die unerwartet hohe Zahl der Enthaltungen bei seiner Wahl kann Gauck als Herausforderung betrachten.

[…]

Er kann nicht ausschließlich über die Freiheit reden. Man will auch hören, wie er die Europolitik sieht, die Atompolitik, wo er beim Blick etwa auf die Probleme der inneren Sicherheit und der Integration steht. Ein weiterhin monothematischer Bundespräsident würde seinem Amt und dessen Bedeutung nicht gerecht. Er muss sich schnell öffnen, etwa dem Thema der sozialen Gerechtigkeit und den Geboten des Sozialstaats, den er zuweilen auch schon mal mit Worten eher abfällig kommentiert hat, mit Bemerkungen wie: Solidarität und Fürsorge trügen zur Erschlaffung bei. Gerade ihm als Pastor müssten die sozialen Verpflichtungen der Bergpredigt besonders wichtig sein. Pastorales Pathos allein genügt nicht.

[…]

http://www.stern.de/politik/deutschland/bundespraesident-gauck-der-freiheitskaempfer-muss-sich-oeffnen-1801695.html

Überraschende Einsichten sind das allerdings nur für die Tagschreiber, die immer noch die unzutreffende Kategorie ›Freiheitskämpfer‹ verwenden. Kritische Bürger wußten das von Anfang an. Muß man eventuell eine lange Leitung haben, um professionell publizieren zu dürfen?

Es sieht so aus; auch Alice Schwarzer bekundete in den gestrigen ›Tagesthemen‹ von 19 Uhr, daß sie, stellvertretend für die Bürger und Bürgerinnen, einen von Parteitaktik unabhängigen Kandidaten gewählt habe – zu den 108 wahren Demokraten zählte sie daher nicht. Nach ihrer eigenen oberflächlichen Argumentation hätte sie auch Frau Klarsfeld wählen können, die ebenfalls keiner Partei angehört. Mit einer mir unbegreiflichen Blindheit klammert sie aus, daß Gauck nur deshalb Kandidat wurde, weil die Kandidatur durch sachfremdeste Parteitaktik erzwungen wurde, während niemand außerhalb eines Teils einer marginalisierten FDP ihn wirklich wollte. Und sie schon gar nicht. Sie wollte mediale Bedeutung, einmal mehr. Und wurde dann ja auch einträchtig mit Frau Merkel und Frau Springer gesichtet: auf daß der Abglanz politischer wie medialer Macht auch auf sie scheine.

Der heutige SPIEGEL bringt einen Präsidenten-Titel, der dazu geeignet ist, dem Leser Angst und Bange zu machen:

https://magazin.spiegel.de/epaper/start/index.html

Ein kantigeres, martialischeres Helm-ab-zum-Gebet-Porträt, entrückter Blick nach oben, das willensstarke Kinn vorgeschoben, die Lippen zusammengepreßt, alles grell und jede Runzel kontrastreich von der Seite beleuchtet und das Ganze in leichter Untersicht aufgenommen, war wohl nicht aufzutreiben. Dazu passend die Titelei:

Der Leviten-Leser

Wie Joachim Gauck das Land verändern will

Worin ja schon das gesamte verfehlte Verständnis des Präsidenten-Amtes enthalten ist. Repräsentation, Prüfung der Gesetze auf Verfassungsmäßigkeit und dann und wann eine sinnstiftende Rede, ohne in die Niederungen der Tagepolitik abzugleiten –: darin erschöpft sich das Amt im wesentlichen. Gauck hat schlechte Berater: nach der Wahl plauderte er in ›Was nun, Herr Gauck?‹. Bibbernd saß man da und wartete auf die Fettnäpfchen, in die er treten könnte, weil er sich so gern reden hört. Großer Gott, einer Frau Schausten setzt sich doch kein Präsident aus – das ist schlicht unwürdig, und es war Christian Wulffs größter Fehler, das getan zu haben.

Ein deutscher Präsident kann ein Land nicht verändern.

Nun, ich habe den SPIEGEL-Artikel (noch) nicht gelesen und habe auch keine Lust dazu.

Wolfgang Lieb hat ihn bereits gelesen:

  • Spiegel als „Unterstützer“ von Gauck
    Anmerkung WL: In der Printausgabe des Spiegel outet sich der Spiegel als Unterstützer von Gauck: „Seine Kandidatur wurde von vielen Medien, auch vom SPIEGEL unterstützt…“ heißt es in der neuesten Ausgabe. Dieses offene Eingeständnis einer Parteinahme ist schon sehr interessant. Es zeigt einmal mehr, dass sich viele Medien in Deutschland nicht mehr mit der Rolle der zuverlässigen Berichterstattung des neutralen Beobachters und Wächters oder der kritischen Begleitung zufrieden geben, sondern ganz offen Partei ergreifen und Entscheidungen herbeizuschreiben versuchen. Dass der Spiegel Gauck hochschreibt wusste man schon seit längerer Zeit, dass er diese Unterstützung nun auch selbst einräumt, bestätigt, dass nicht nur dieses Magazin sondern – wie der Spiegel schreibt – viele Medien in diesem Lande „Politik machen“. Das sollte man immer im Blick haben, wenn man künftig den Spiegel liest.

http://www.nachdenkseiten.de/?p=12585#h01

Der steife Herr Mascolo, dessen Qualitäten als SPIEGEL-Chefredakteur fürs Publikum im Verborgenen bleiben, weshalb eine Frauenquote beim SPIEGEL schlicht nicht schaden kann, formulierte bei Jauch, daß dieser Präsident jedenfalls nicht langweilig sein werde. Welche Selbstentlarvung!

It’s the entertainment, stupid!

Darum geht’s ihm also. Weg mit dem hölzernen Wulff, her mit dem spannenden Gauck. Irgendwann wird der SPIEGEL auf dem Niveau von S.P.O.N. gelandet sein und S.P.O.N. gänzlich auf Boulevard-Niveau. Damit entfiele allerdings die aktuelle Verdienstmöglichkeit, das letzte Jahr SPIEGEL als kostenpflichtiges SPIEGEL-digital zu verkaufen. ProfitProfitProfit. Wenn Rudolf Augstein geahnt hätte, zu welchem Qualitätsverfall sein Mitarbeiterbeteiligungs-Modell beitragen würde, hätte er es nicht eingeführt.

Und BILD schmalzt natürlich homestorymäßig herum – bis zum nächsten Halali:

http://www.bild.de/politik/inland/bundespraesidentenwahl/mein-opa-ist-jetzt-praesident-23209744.bild.html

http://www.bild.de/politik/inland/gauck-joachim/daniela-schadt-und-joachim-gauck-laeuten-nach-der-bundespraesidenten-wahl-die-hochzeitsglocken-23204154.bild.html

http://www.bild.de/news/standards/franz-josef-wagner/lieber-bundespraesident-liebe-frau-daniela-schadt-23211448.bild.html

Gegen diese Widrigkeiten der Welt habe ich es wie Candide gehalten: versucht, meinen kleinen Garten zu bestellen. Aber bei all den Freuden über das beginnende Wachsen und Gedeihen gab es doch auch Anlaß zur Großen Anklage: warum sind in diesem kurzen, wenn auch heftigen Winter so viele meiner Rosen erfroren? Darunter eine, die ich schon seit 1998 habe und die viel strengere und längere Winter als diesen unbeschadet überstanden hat?

Soll ich die schwarzen Stengel ganz kurz herunterschneiden und hoffen, daß sich neue Triebe bilden?

(Gartentips werden gern entgegengenommen.)

update:

Während die Presse in Sachen Wulff weiterhin manipuliert:

17.03.2012

Autor: Günter Lachmann

Ermittlungen gegen Wulff umfangreicher als bekannt

Die Staatsanwaltschaft Hannover prüft weitere Übernachtungen Christian Wulffs auf Sylt und in München. Sein Freund Maschmeyer nimmt ihn in Schutz.

Das Ermittlungsverfahren gegen Ex-Bundespräsident Christian Wulff wegen des Verdachts der Vorteilsannahme ist umfangreicher als bisher bekannt.

Die Staatsanwaltschaft Hannover bezieht sich in ihren Ermittlungen nicht nur auf Wulffs Urlaub mit seiner späteren Frau Bettina im „Hotel Stadt Hamburg“ auf Sylt 2007, sondern auch auf den Aufenthalt des Paares in einer Ferienwohnung auf der Insel 2008 und zwei Übernachtungen im „Bayerischen Hof“ in München 2008. Das bestätigte die Staatsanwaltschaft gegenüber „Welt Online“.

„Die drei Vorfälle waren von Beginn an Gegenstand unserer Ermittlungen“, sagte Oberstaatsanwalt Manfred Knothe. Die Staatsanwaltschaft prüfe, ob der Film- Unternehmer David Groenewold die Kosten für die genannten Hotel-Aufenthalte „als Gegenleistung für ein allgemeines dienstliches Wohlwollen im Rahmen der Gestaltung des Medienrechts“ zur „vereinbarten Stimmungspflege“ übernommen habe.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article13927869/Ermittlungen-gegen-Wulff-umfangreicher-als-bekannt.html

Das war von Anfang an bekannt, daß es lediglich um den Komplex Groenewold mit den drei sattsam bekannten Hotel/Pensionsaufenthalten in Sylt und München geht…

Den Beistand seines Freundes kann Wulff gut gebrauchen. Das Ermittlungsverfahren gegen den Ex-Bundespräsidenten ist offenbar umfangreicher als bisher bekannt. Die Staatsanwaltschaft Hannover beschränkt sich bei ihrer Arbeit nicht nur auf Wulffs Urlaub mit seiner späteren Frau Bettina im Hotel Stadt Hamburg auf Sylt 2007. Auch der Aufenthalt des Paares in einer Ferienwohnung auf der Insel 2008 und zwei Übernachtungen im Bayerischen Hof in München Ende 2008 werteten die Fahnder laut einem Bericht des „Focus“ als Vorteilsannahme.

Die Ermittler würden laut einem internen Vermerk davon ausgehen, dass „als Gegenleistung für ein allgemeines dienstliches Wohlwollen im Rahmen der Gestaltung des Medienrechts“ der Film-Unternehmer David Groenewold zur „vereinbarten Stimmungspflege“ für die Kosten aufkam, berichtete das Blatt weiter. Die Staatsanwaltschaft war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,821910,00.html

Weil das aber so klang, als ob die Ermittlungen ausgeweitet worden wären, sah sich die Staatsanwaltschaft gestern zu einem Dementi gezwungen, das dann als kleine, unscheinbare Meldung unterging:

Keine erweiterten Ermittlungen gegen Wulff

Hannover – Die Staatsanwaltschaft Hannover hat Berichte über eine Ausweitung der Ermittlungen gegen Ex-Bundespräsident Christian Wulff dementiert. „Es gibt nichts Neues. Die bereits bekannten Verdachtsmomente bestehen unverändert fort“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Manfred Knothe, am Sonntag. Die Justiz ermittelt gegen Wulff wegen des Verdachts der Vorteilsnahme während seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident. dpa

http://www.tagesspiegel.de/politik/nachrichten-nachrichten/6342594.html

Business as usual.

Update (19.4.2012)

Die Fettnäpfchenstehen doch dichter nebeneinander als ich dachte:

18.04.12

Besuch in Brüssel

Woher weiß Gauck, wie Karlsruhe entscheidet?

Auf großer Bühne sagt der Bundespräsident, was die Deutschen zu tun und zu lassen haben: Sie müssten ESM und Fiskalpakt akzeptieren – und glaubt dabei schon das Verfassungsgericht auf seiner Seite.

Von Günther Lachmann

Da fliegt Joachim Gauck auf seiner zweiten Auslandsreise zum Antrittsbesuch nach Brüssel und erzählt der Welt, was die Deutschen zu tun und zu lassen haben. Doch damit nicht genug. Mit nur einem einzigen gezielten Satz zerschießt er den Tempel des Rechtsstaates, das Bundesverfassungsgericht, und degradiert die Karlsruher Richter zu Vollstreckern der Macht.

Eine solche Interpretation sei übertrieben? Mitnichten!

Gauck sagte, weil durch den Fiskalpakt mehr Verlässlichkeit und Berechenbarkeit geschaffen seien, falle es der Bevölkerung leichter, die Rettungsschirme zu akzeptieren.

Woher will er das wissen? Nur weil der Bundespräsident den Fiskalpakt gut findet, sollen die Bürger ihn auch gut finden? Das wäre ja glatte Bevormundung. Zum Glück sind die Zeiten vorbei, da sich die Bürger etwas vorschreiben lassen mussten. Und wir sollten sie, weiß Gott, nicht wieder herbeireden.

[…]

Dann versicherte Gauck einem zufriedenen Kommissionspräsidenten José Manuel Durão Barroso: „Ich sehe nicht, dass die Bereitschaft der Regierung konterkariert wird vom Bundesverfassungsgericht.“

Wie kann ein überzeugter Demokrat dem EU-Kommissionspräsidenten quasi garantieren, dass das Verfassungsgericht der Regierung bei ihren Plänen für den ESM und den Fiskalpakt keinen Strich durch die Rechnung macht?

[…]

In der Vergangenheit haben sie auf diese Weise wiederholt Rechte des Parlamentes zurückerobert, die der Bundestag auf Drängen der Regierung von Angela Merkel leichtfertig hingegeben hatte. Zuletzt verhinderten die Richter, dass ein Geheimgremium über Milliardenhilfen für neue Rettungsschirme entscheiden darf. Sie erwiesen sich als wahrhafte Hüter der Demokratie.

Anders der Bundespräsident. Seine Aussagen lassen den nötigen Respekt vor der Unabhängigkeit von Parlament und Verfassungsgericht vermissen. Denjenigen, die ihn gewählt haben, kann man nur sagen: Das habt Ihr jetzt davon!

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article106199413/Woher-weiss-Gauck-wie-Karlsruhe-entscheidet.html

So ist das, wenn man Oberlehrer engagiert.