Jörg & Miriam Kachelmann: Recht und Gerechtigkeit – mehr als eine Rezension (II)

›Kafkaesk‹ – auch wer nichts von Kafka gelesen hat, kann mit diesem Begriff etwas anfangen. Den berühmten ersten Satz seiner Erzählung ›Die Verwandlung‹ (1912),

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.

oder die düstere Undurchschaubarkeit einer absurden Verurteilungsmaschinerie, die mit einer überraschenden Festnahme wegen eines nie mitgeteilten Vorwurfs beginnt und urteilslos mit der Vollstreckung der Todesstrafe endet (›Der Proceß‹, 1914/1915, unvollendet) muß man nicht kennen, um sich in die Seelenlage eines Menschen einzufühlen, der durch einen bloßen unüberprüften Vorwurf und einen Haftbefehl jäh aus seinem normalen Leben gerissen wird.

Jörg Kachelmann:

Und nun, am späten Vormittag dieses Samstags, den 20. März 2010, bekam ich von einem Dackelfaltenpolizeimann ein Papier in bemerkenswert kräftigem Rosa und las den Namen von Claudia D[…]. Fast augenblicklich wusste ich, dass mein Leben nun sehr schnell ganz anders werden würde. […] So empfand ich für kurze Zeit den ganzen Zinnober am Flughafen schon fast als interessante Bereicherung meiner Biografie, ahnend, dass ich nun Dinge kennenlernen würde, die ich noch nicht kannte. Diese kindliche Herangehensweise konnte ich mir allerdings nur für Sekunden bewahren, denn diese rund zehn Leute, die mich verhaften wollten, ließen durch ihre Körpersprache und die Art, wie sie mit mir umgingen, keinen Zweifel, dass sie davon ausgingen, dass ich die auf dem rosa Zettel festgehaltene Tat begangen hätte. […] Ich versuchte Teile von Reststolz nach oben zu befördern, als ich von vorne und von der Seite fotografiert wurde; ich war müde von der langen Reise und wähnte mich in diesem Moment in einem falschen Film, in einem Traum, aus dem ich sicher gleich aufwachen würde. Was mit mir passierte, konnte nicht sein, es war falsch, ich war Menschen ausgeliefert, die sich komplett abseitig verhielten und mich mit einem völlig abwegigen Vorwurf konfrontierten. Diese Polizisten mussten die Menschenkenntnis eines abgetauten Kühlschranks haben, dass sie D[…] diese schlecht zusammengelogene Geschichte glaubten.

Ich wusste allerdings zu jedem Zeitpunkt, dass alles Argumentieren sinnlos wäre, so schwieg ich und versuchte, alles erwachsen und wie ein Mann über mich ergehen zu lassen.

[S. 17 f.]

Momente absurder Komik gibt es auch:

So beschränkte sich die Konversation auf die Frage der Polizisten an mich, ob ich denn die »Observationskette« am Frankfurter Flughafen wirklich nicht bemerkt hätte, was ich naturgemäß verneinte, wie hätte ich auch. Darüber konnten sich die beiden stolzen Dorfpolizisten kaum beruhigen und erzählten einander immer wieder, dass das ja ganz toll sei und welch professionelle Arbeit sie doch geleistet hätten.

[S. 34]

Das ist fürwahr eine kafkaeske Situation, und sie wird eingehend in allen ihren Façetten, dem kurzen Moment der Tränen und der Fassungslosigkeit, als er sich von der Freundin Miriam verabschiedet, der Tristesse bei der Fahrt von Frankfurt nach Mannheim, dem heiligen Zorn gegen die ihn umgebende Vorverurteilung, spannend und lebensnah geschildert. Sarkasmus, Ironie, Angriffslust prägen den Stil, aber auch eine Offenheit der Realitätserkundung gegenüber der Subkultur ›Knast‹, die dem Teil II, ›Gefängnis‹, S. 38 – 96, sein besonderes Gepräge verleiht. Besseres, Klarsichtigeres, ist über den Alltag in der Untersuchungshaft kaum zu lesen, und daß das im Vorwort erwähnte Programm:

Aber wir haben auch eine Mission, nämlich mitzuhelfen, dass das, was mir passiert ist, am besten niemanden nach mir passiert und dass die, die unschuldig wegen einer Falschbeschuldigung im Knast sitzen, bald ein neues Verfahren mit einem Freispruch bekommen.

[S. 7]

bereits in der Untersuchungshaft Gestalt annahm, läßt sich diesem engagierten Bericht unschwer entnehmen. Denn das, was der Autor als Knast-Realität für U-Häftlinge beschreibt, entspricht in keiner Weise der hehren Absichtserklärung in Baden-Württemberg:

Gesetzbuch über den Justizvollzug in Baden-Württemberg
(Justizvollzugsgesetzbuch – JVollzGB)
Vom 10. November 2009*

Zum 17.10.2012 aktuellste verfügbare Fassung der Gesamtausgabe

Untersuchungshaftvollzug

Abschnitt 1

Grundsätze

§ 1
Gestaltung des Vollzugs

(1) Die Untersuchungsgefangenen sind unter Achtung ihrer Grund- und Menschenrechte zu behandeln. Niemand darf unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung unterworfen werden.

(2) Das Leben im Untersuchungshaftvollzug soll den allgemeinen Lebensverhältnissen soweit wie möglich angeglichen werden.

(3) Schädlichen Folgen des Freiheitsentzugs ist entgegenzuwirken. Die Untersuchungsgefangenen sind vor Übergriffen zu schützen. Die Justizvollzugsanstalten bieten den Untersuchungsgefangenen Hilfen zur Verbesserung ihrer sozialen Situation an, soweit dies die besonderen Bedingungen der Untersuchungshaft zulassen.

(4) Bei der Gestaltung des Vollzugs und bei allen Einzelmaßnahmen werden die unterschiedlichen Lebenslagen und Bedürfnisse der weiblichen und männlichen Untersuchungsgefangenen berücksichtigt.

§ 2
Stellung der Untersuchungsgefangenen

(1) Untersuchungsgefangene gelten als unschuldig.

(2) Soweit das Gesetz eine besondere Regelung nicht enthält, dürfen den Untersuchungsgefangenen nur Beschränkungen auferlegt werden, die zur Aufrechterhaltung der Sicherheit oder zur Abwendung einer schwerwiegenden Störung der Ordnung der Justizvollzugsanstalt unerlässlich sind.

http://www.landesrecht-bw.de/jportal/portal/t/aew/page/bsbawueprod.psml;jsessionid=5FC44B2370966B07A284139822E6A6CF.jpb4?pid=Dokumentanzeige&showdoccase=1&js_peid=Trefferliste&documentnumber=1&numberofresults=412&fromdoctodoc=yes&doc.id=jlr-JVollzGBBW2009rahmen%3Ajuris-lr00&doc.part=X&doc.price=0.0&doc.hl=1#jlr-JVollzGBBW2009V1Buch1-P3%20jlr-JVollzGBBW2009pBuch1-P3

Entspricht es den allgemeinen Lebensverhältnissen, daß Besuche nur zwei Mal pro Monat für jeweils eine halbe Stunde gestattet werden (laut Justizvollzugsgesetzbuch ist eine Stunde die Mindestdauer von Besuchen pro Monat)? Daß der Empfang von Päckchen verboten ist (laut Justizvollzugsgesetzbuch sind lediglich Päckchen mit Nahrungs- und Gebußmitteln explizit verboten)? Daß Milch und Margarine nur ein Mal pro Woche ausgegeben werden, so daß diese Produkte verderben, weil in den Zellen keine Kühlschränke vorhanden sind? Daß man irgendwelche Tätigkeiten übernehmen muß, um sich im Einkauf auskömmlich mit den notwendigen Vitaminen und Toilette-Artikeln versorgen zu können? Daß man langwierige Anträge stellen muß, um an einen Wasserkocher zu gelangen? Daß die Stromkosten für Fernseher und Geräte in Rechnung gestellt werden?

Es ist überhaupt fatal, daß es zur Föderalisierung des Justizvollzugs gekommen ist.

Einen Anspruch auf eine menschenwürdige Einzelzelle sucht man im Baden-Württembergischen Justizvollzugsgesetzbuch vergebens – Einzelunterbringung ist nur für die Ruhezeit vorgesehen.

Abschnitt 3

Grundversorgung

§ 8
Unterbringung

(1) Während der Ruhezeit werden Untersuchungsgefangene allein in ihren Hafträumen untergebracht. Mit ihrer Zustimmung können Untersuchungsgefangene auch während der Ruhezeit gemeinsam untergebracht werden. Auch ohne ihre Zustimmung ist eine gemeinsame Unterbringung zulässig, wenn Untersuchungsgefangene hilfsbedürftig sind oder eine Gefahr für Leben oder Gesundheit Gefangener besteht. Unter den Voraussetzungen des Satzes 3 ist auch eine gemeinsame Unterbringung mit Strafgefangenen zulässig, bis die Gefahr auf andere Weise abgewendet oder der Hilfsbedürftigkeit begegnet werden kann.

(Quelle: wie vor)

Ansonsten heißt es:

§ 7
Festsetzung der Belegungsfähigkeit

(1) Die Aufsichtsbehörde setzt die Belegungsfähigkeit der Justizvollzugsanstalten fest. Sie geht dabei von der Grundfläche der Hafträume ohne Einbeziehung der Fläche der Sanitäreinrichtungen (Nettogrundfläche) aus. Die Aufsichtsbehörde berücksichtigt, dass eine ausreichende Anzahl von Plätzen für Arbeit, Ausbildung und Weiterbildung sowie von Räumen für Seelsorge, Freizeit, Sport, therapeutische Maßnahmen und Besuche zur Verfügung steht.

(2) In Justizvollzugsanstalten, mit deren Errichtung vor Inkrafttreten dieses Gesetzes begonnen wurde, haben Gemeinschaftshafträume bei Doppelbelegung eine Nettogrundfläche von mindestens 4,5 Quadratmetern, bei einer höheren Belegung mindestens sechs Quadratmeter je Gefangener oder Gefangenem aufzuweisen. Für An- und Zubauten bei Anstalten nach Satz 1, mit deren Errichtung nach Inkrafttreten dieses Gesetzes begonnen wurde, gilt Absatz 3 entsprechend.

(3) Bei Justizvollzugsanstalten, mit deren Errichtung nach Inkrafttreten dieses Gesetzes begonnen wurde, ist im geschlossenen Vollzug eine Einzelunterbringung der Gefangenen zur Ruhezeit zugrunde zu legen. Einzelhafträume haben eine Nettogrundfläche von mindestens neun Quadratmetern, Gemeinschaftshafträume von mindestens sieben Quadratmetern je Gefangener oder Gefangenem aufzuweisen.

(4) Gemeinschaftshafträume müssen über eine baulich abgetrennte und entlüftete Sanitäreinrichtung verfügen, falls nicht ein ständiger Zugang zu einer Toilette außerhalb des Haftraums besteht.

(5) Im geschlossenen Vollzug ist eine gemeinschaftliche Unterbringung von mehr als sechs Gefangenen nicht zulässig.

(Quelle: wie vor)

Da die meisten Justizvollzugsanstalten vor 2009 errichtet wurden, ist es in BW demnach zulässig, zu zweit auf 9 qm eingesperrt zu werden: wer würde einem völlig fremden, womöglich unsympathischen oder nervenden Mitbewohner da nicht an die Kehle gehen?

Die Lebenswirklichkeit der laut Gesetz als unschuldig geltenden Untersuchungshäftlinge schildert Kachelmann klar, deutlich, drastisch, ironisch, differenziert, nie larmoyant. Und immer mit Blick auf die Erleidnisse von Mitgefangenen, die die seinen übersteigen: da gibt es den U-Haft-Kollegen, der in seiner schwachen Position den umgehenden Sorgerechtsentzug erleben muß [S. 43], den Kumpel, der die Realität des heutzutage gesetzlich geregelten Deals, der sich mehr wie eine Erpressung und als Verstoß gegen die Unschuldsvermutung ausnimmt, erlebt [S. 70f.], nahegelegt durch einen Strafverteidiger, der im Juristenjargon als ›Geständnisbegleiter‹ bezeichnet wird – und ins traurige reale Bild paßt, daß Rechtsanwältin Andrea Combé seit ihrer engagierten Verteidigung von Kachelmann durch das LG Mannheim mit keiner Pflichtverteidigung mehr betraut wurde [S. 71] – nein, es geht um effiziente reibungslose Erledigung von Fällen, die eh klar sind. Kennt man doch, die Jungs. Wie manche junge Leute unter diesen Bedingungen ›rechts‹ werden, ohne wirklich ›rechts‹ zu sein, [S. 74f.] schildert er genauso intensiv wie Männertränen [S.88], das Problem, angesichts der Haftbedingungen den Kontakt zu den Kindern zu halten [S. 89f.], wie auch die segensreiche Wirkung von Anstaltsgeistlichen [S. 64]. Diese Passage hat mich besonders berührt, weil sie mich an die ungleich härtere Zuchthaushaft von Karl May, die vier schrecklichen Jahre im Zuchthaus Waldheim von Mai 1870 bis Mai 1874, erinnerte.

Ein entwürdigender Strafvollzug, eine unmenschlich hohe Strafe für einige Hochstapeleien und Betrügereien mit einem geringen Schaden: daß May diese Zeit überlebte und ›genas‹, schrieb er ausschließlich dem katholischen Gefängnisgeistlichen Johannes Kochta zu, der ihn, obwohl Lutheraner, als Mensch annahm, psychotherapeutisch wirkte und ihn während der katholischen Messen Orgel spielen ließ. Da hat sich bis heute im Strafvollzug nicht viel geändert.

Eigentlich ›kafkaesk‹ erscheint der Bericht über die Haft und das Verfahren immer dann, wenn Kachelmann mit dem festgefügten Fremdbild, das Justiz und Medien im Schulterschluß von ihm herstellen, konfrontiert wird.

Dann kam der Haftprüfungstermin vom 24. März 2010. Im Nachhinein denke ich mir, dass die Staatsanwaltschaft schon vor diesem Termin geahnt haben muss, wie er ausgehen würde: Warum sonst hätte sie am 23. März 2010 mit einer Presssemitteilung Ort und Uhrzeit dieser nichtöffentlichen Veranstaltung bekannt geben sollen, mit der Folge, dass sich eine geifernde Pressemeute pünktlich vor dem Amtsgericht Mannheim einfand? […] Es war unschwer zu spüren, dass alle im Raum außer meinem Anwalt Birkenstock mich für einen furchtbaren Sexualverbrecher hielten, wie ein zumindest potenziell Unschuldiger wurde ich von niemandem behandelt. Ich sagte die Wahrheit, soweit ich mich erinnern konnte, es war ja mit Ausnahme der ohne Dramatik verlaufenen Trennung von Claudia D[…] am Schluss ein doch recht normaler Abend gewesen, sodass ich mir nichts Besonderes gemerkt hatte. […] Was ich sagte, war den Anwesenden sichtlich scheißegal, am Ende gab es von Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge, den ich an diesem Tag zum ersten Mal sah, den legendären, in schrillem Diskant zu Gehör gebrachten Satz: »Aus aussagepsychologischen Gründen glaube ich der Klägerin.«

Dem konnte und wollte sich der Amtsrichter nicht verschließen, aber ich dachte immer noch, dass sich die Wahrheit bald Bahn brechen würde, und bedankte mich bei Oltrogge für das immerhin stattgefunden haben mögende Erwägen meiner Freilassung. Ich höflicher Trottel.

[S. 51 f.]

Daß die Fahrt zurück ins Gefängnis nach dem Spießrutenlaufen »vor der entfesselten vierten Gewalt im Staat« als »Fahrt in die Sicherheit« empfunden wird, führt die Unwirklichkeit der Situation, das Ausgeliefertsein an Fremdbilder, eindrücklich vor Augen. Die Freiheit nach dem Schonraum des Gefängnisses – eine einzige Flucht vor dem Abschuß [S. 141 – 146]. Die Medien, allen voran BURDA via BUNTE, hatten Ex-Geliebte gekauft und sie zu tränenreichen, überwiegend unwahren, öffentlichen Bekenntnissen über den ›Beziehungsschuft‹ veranlaßt; an entscheidenden positiven Wendepunkten des Verfahrens (der OLG-Beschluß, die Mandatsübernahme durch Rechtsanwalt Johann Schwenn) konterte BURDA via FOCUS mit zwei Zeuginnen, die dem Angeklagten nun aber ganz sicher das Genick brechen werden [S. 121f; S. 210; S. 263ff.]. Das alles brach vor Gericht in sich zusammen.

Das gleichgeschaltete Szenario, dem sich bis auf wenige Ausnahmen (die justizkritisch agierenden kompetenten Gerichtsreporterinnen Friedrichsen und Rückert von SPIEGEL und ZEIT, wobei der erste SPIEGEL-Artikel vom 7.6.2010, der das Fehlen von Beweisen und Falschinformationen durch die Staatsanwaltschaft aufdeckte, nicht von Gisela Friedrichsen stammte)

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-70833818.html

auch die sogenannte Qualitätspresse anschloß, skizziert und belegt er auf den Seiten 124-136 sehr analytisch:

  1. Es muss ganz dringend eine enge Beziehung zwischen D[…] und Kachelmann bestanden haben.
  2. Das »angebliche Opfer« zum »Opfer« machen und es auch dringend so nennen.
  3. Den angeblichen Täter zum Monster machen.
  4. Größtmögliche Ablenkung von der angeblichen Tat und Überführung in eine Moraldiskussion.

Wie begegnet man als Angeklagter diesen Bemühungen?

Wenn man es sich leisten kann, dann so:

http://www.bildblog.de/42868/kachelmanns-verfuegungen/

Andererseits mit Ratio. Das OLG Karlsruhe und die Verteidigung haben es bewiesen, das gesamte Buch von Jörg Kachelmann beweist es. Daß die Ratio des Freigesprochenen, gegen den niemals Anklage hätte erhoben werden dürfen, sich auch subjektiv, kämpferisch, emotional äußert, ist angesichts des medialen und justitiellen feministischen Mainstreams, der Männern stets das Böse unterstellt und Frauen die reine Wahrheitsliebe, denn sie sind ja immer Opfer, eine Selbstverständlichkeit. Dieser Zorn richtet sich allerdings weniger gegen die Beschuldigerin als vielmehr gegen diejenigen, die mit den Vorwürfen professionell, und gegen die, die mit den gezielt belastenden durchgestochenen ›Informationen‹ verantwortlich hätten umgehen müssen (laut HH Tiedje* bei Jauch am 14.10.2012 war es ja die Staatsanwaltschaft, die durchgestochen hat, und als immer noch gut vernetzter Ex-BILD- und BURDA-Mann muß er es ja wissen, zumal die Herren Baum und Hassemer ihm folgten – oder hat die StA Mannheim gegen alle drei schon wegen übler Nachrede Anzeige erstattet?) :

Ich habe noch niemanden gehasst. Ich habe wahrheitsgemäß in den beiden Interviews mit der Zeit und der Weltwoche gesagt, dass ich die Nebenklägerin trotz ihrer Falschanzeige nicht hasse. Unter normalen Umständen wäre sie niemals damit durchgekommen. Sie hatte einfach nur das vorläufige Glück, dass ihre wahrheitswidrigen Behauptungen auf den fruchtbaren Boden von unsäglich naiven Schwetzinger Polizisten, unsäglich verfolgungswütigen Mannheimer Staatsanwälten und unsäglich überforderten Mannheimer Richtern fielen. Das sind hochgefährliche Allianzen, die es dort schon länger gibt und die es wert wären, durch einen Untersuchungsausschuss durchleuchtet zu werden.

Ich hatte nie Anfälle von Jähzorn im Leben. Aber ich hätte mir in solchen Paparazzisituationen, vor allem, wenn die Kinder mit dabei waren, gewünscht, es gäbe ein Recht darauf, sich und seine Familie zu verteidigen. Ich habe Verständnis, wenn ich lese, dass irgendwo ein Promi einem Paparazzo eins aufs Maul gegeben hat. Ich selbst würde es allerdings nicht tun, weil eben diese Aggression nicht in mir wohnt und ich eher Fluchttendenzen entwickle und versuche, die Typen so auszutricksen, dass sie nicht wissen, wo ich bin.

[S. 148]

Medien und Justiz nimmt er zurecht als seine schärfsten Gegner wahr, und die geht er hart an. Denn das Ausfiltern von Vergewaltigungsanzeigen, die keine hinreichende Verurteilungswahrscheinlichkeit bieten, stellt das Kerngeschäft von Staatsanwaltschaften auf diesem Gebiet dar. Die Verurteilungsquote liegt bekanntlich seit Jahren bei 13%, Tendenz sinkend. Hier die absoluten Zahlen:

2007: 1.159 Verurteilte

2008: 1.068 Verurteilte

2009:  928 Verurteilte

2010:  859 Verurteilte

https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Rechtspflege/StrafverfolgungVollzug/StrafverfolgungsstatistikDeutschlandPDF_5243104.pdf?__blob=publicationFile

(S. 3)

Man muß sich zudem bewußt sein, daß es sich bei diesen Fällen angezeigter Vergewaltigungen gemäß §§ 177 Abs. 2, 3, 4 und § 178 StGB (sexuelle Nötigung und Vergewaltigung mit Todesfolge) angesichts von 5,9 Millionen angezeigter Straftaten im Jahr 2010 um einen kaum noch darstellbaren winzigen Teilbereich der Kriminalitätsstatistik handelt: angezeigt wurden im Jahr 2010 lediglich 7.724 dieser Delikte, 6.311 galten aus Sicht der Polizei als aufgeklärt, da ein namentlich bekannter Verdächtiger ermittelt werden konnte:

https://www.destatis.de/DE/Publikationen/StatistischesJahrbuch/StatistischesJahrbuch2012.pdf?__blob=publicationFile

(Ziff. 11.3.1, S. 309)

Bezieht man die 859 einschlägig Verurteilten auf das Gesamtanzeigeaufkommen im Jahr 2010, ergäbe sich eine Verurteilungsquote von 11,1 %, bezogen auf die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen eine von 13,6 % – eine grobe Faustformel, da unbekannt ist, wieviele der im Jahr 2010 angezeigten Fälle noch im selben Jahr zu einem (rechtskräftigen?) Urteil geführt haben.

Jörg und Miriam Kachelmanns Buch wendet sich an die breite Bevölkerung. Es ist ein Glücksfall, daß ein prominenter Betroffener sich so eindringlich subjektiv wie auch rational über eine Justiz und eine Presse äußert, die Vorverurteilung zum Programm erhoben hat, während die Realität der nackten Zahlen doch deutlich aufzeigt, wieviele Zweifelsfälle im Bereich der angezeigten Fälle tatsächlich existieren. Es ist zu hoffen, daß das eigentliche Thema des Buchs eine breite, unideologisch geführte Diskussion anstoßen möge. Denn das hier ist das eigentliche Thema des Buchs:

Ich bin in meinem Leben einigen Frauen begegnet, die vergewaltigt wurden. In jedem Fall wollte ich diese Frauen durch Zureden dazu bringen, doch noch Anzeige zu erstatten, auch wenn das Verbrechen schon Jahre zurücklag. Es gelang mir in keinem Fall, und zwar nicht, weil sie Polizei und Gericht gescheut hätten, sondern einfach, weil diese Frauen ihren eigenen Weg des Verdrängens und Vergessens gesucht hatten und daran nicht rühren wollten. Ich habe diese Haltung immer falsch gefunden. Jede Vergewaltigung sollte zur Anzeige gebracht werden. Auf der anderen Seite bin ich aus persönlicher Erfahrung und aufgrund von Recherchen zutiefst davon überzeugt, dass weit über die Hälfte der angezeigten Vergewaltigungen nicht real ist. Es ist eine furchtbare Schere: Die Mehrheit der Vergewaltigungen wird nicht angezeigt – die Mehrheit der Anzeigen sind Falschbeschuldigungen.

[S. 267]

Anders als die Medien, Feministinnen und ahnungslose Talkshow-Größen versteht das Publikum locker, daß das Dunkelfeld und das Hellfeld eines Verbrechens nichts miteinander zu tun haben: die Schnittmenge der betroffenen Frauen beträgt Null. Die Problematisierung des Hellfeldes negiert das Dunkelfeld nicht, keine dieser beiden unterschiedlichen Bereiche lassen sich gegeneinander ausspielen oder aufrechnen.

Erfreulicherweise scheint diese Botschaft jetzt sogar erstmals bei der Opferschutz-Organisation ›Weißer Ring‹ angekommen zu sein:

„Natürlich sind wir parteiisch zugunsten der Opfer – echter Opfer“, sagt Weißer-Ring-Sprecher Veit Schiemann zu FOCUS Online. Und räumt ein, dass der Weiße Ring seine Mitarbeiter zwar schule, um nach Möglichkeit falsche Beschuldigungen zu erkennen – „aber es gibt auch unheimlich gute Schauspieler und unheimlich schlüssige Geschichten“. Er gehe allerdings davon aus, dass die Staatsanwaltschaft erst Anklage erhebe, wenn sie aller Voraussicht nach auch das nötige Beweismaterial für ein Urteil habe.

Schiemann vermutet, dass Kachelmann seine Organisation angreift, weil aus dessen Sicht der Weiße Ring die Nebenklägerin vertreten habe, also Kachelmanns ehemalige Geliebte. Ihr Anwalt sei Mitarbeiter im Weißen Ring, ebenso wie zwei weitere Experten auf Seite der Nebenklage. Doch die drei Männer seien nicht im Auftrag des Weißen Rings tätig gewesen. Allerdings hat die Organisation auch selbst Position bezogen: Sie kritisierte unter anderem, der Freispruch Kachelmanns könne andere Frauen davon abhalten, zur Polizei zu gehen.

Dass „die Waffe Falschanzeige“ „scharf und effizient“ ist, wie Miriam Kachelmann beklagt, stellt Schiemann nicht in Frage. „Das Mittel wird eingesetzt“, sagt er. Übrigens betreue der Weiße Ring auch Opfer von Falschaussagen.

http://www.focus.de/panorama/boulevard/tid-27639/buch-ueber-das-maerchen-gerechtigkeit-kriminologe-wirft-kachelmann-selbstmitleid-vor_aid_836009.html

Aber natürlich weiß auch der FOCUS (8/2012) schon längst, daß diese scharfe Waffe eingesetzt wird:

24 Der Gewaltvorwurf

Problem: Die eine Partei möchte das Haus allein bewohnen. Sie provoziert die Gegenseite zu körperlicher Gewalt, damit ihr die Wohnung allein zugewiesen wird.

Strategie: Keine. Denn sobald Gewalt im Spiel ist, fliegt der andere raus. Daher: sich nicht provozieren lassen und Konflikten aus dem Weg gehen. Es kann sogar sinnvoll sein, den Kriegsschauplatz zumindest vorübergehend zu räumen und auszuziehen.

Bewertung: Bei Gewalt eskaliert ein Scheidungsverfahren. Vieles lässt sich im Anschluss kaum noch außergerichtlich regeln. Das kostet Zeit und Geld. Tatsächlich erweist sich so manches Gewaltschutzverfahren im Lauf der Zeit als böser Trick.

25 Der Missbrauchskrieg

Problem: Der Ex-Partner trägt wahrheitswidrig vor, der andere habe das gemeinsame Kind missbraucht. Damit soll erreicht werden, dass die Gegenpartei das Kind nicht mehr sehen darf.

Strategie: Wichtig ist zunächst, dass die beschuldigte Partei den Umgang mit dem Kind sicherstellt, zum Beispiel durch begleitete Treffen. Viele Jugendämter leisten in solchen Fällen Unterstützung oder vermitteln Hilfe. Bereitschaft zur Aufklärung signalieren. Das Gericht wird in so einem schweren Fall ein Gutachten einholen; hier sollte der Beschuldigte unbedingt mitwirken. Als letztes Mittel kann man Strafanzeige gegen den Ex-Partner erstatten, weil man zu Unrecht einer schweren Straftat beschuldigt wurde. Gegebenenfalls die elterliche Sorge für das Kind beantragen, wenn der Vorwurf ausgeräumt ist.

Bewertung: Der mieseste Trick, die totale Eskalation. Gerichte müssen diesen Vorwürfen nahezu immer durch Einholung von Gutachten nachgehen, selbst wenn diese Behauptung unglaubwürdig ist. Kinder tragen bei Falschbeschuldigungen oft schwere seelische Schäden davon.

http://www.focus.de/finanzen/recht/tid-25248/wenn-die-ehe-im-krieg-zu-ende-geht-die-25-fiesesten-tricks-und-die-besten-gegenstrategien-seite-5-die-25-fiesesten-scheidungstricks_aid_723220.html

Die Aufarbeitung dieser brisanten Thematik hat die Co-Autorin Miriam Kachelmann übernommen – zweifellos liegt es an dieser ihrer politisch inkorrekten Tätigkeit, daß sich die Medien jetzt, mal chauvinistisch, mal stutenbissig, an ihrer unerwartet selbstbewußten Person abarbeiten. Stefan Niggemeier hat die schönsten Blüten dieser regressiven Polemik eingesammelt und ironisch aufbereitet:

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/die-loewenmutter-und-der-boese-wolf/

Ich werde den 3. Teil dieser Rezension den Beiträgen von Miriam Kachelmann widmen, die den Erlebnisbericht von Jörg Kachelmann abrunden und ihn ungemein bereichern.

* Über Hans-Hermann Tiedje hat Stefan Winterbauer heute einen informativen Artikel geschrieben, der einige Fragen aufwirft:

[…]

Politisch sind Tiedje und seine Eurocom hoch flexibel. Kürzlich verteidigte der frühere Kohl-Berater Tiedje den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück in einem Bild-Kommentar in der Debatte um dessen Nebeneinkünfte. Dass die WMP Eurocom auch schon mal einen Steinbrück-Vortrag vermittelt hat und er als Bild-Kommentator den Klienten seiner PR-Agentur wortreich verteidigt, das erfuhren die Leser von Tiedjes Bild-Kommentar nicht.

Genausowenig wie die Zuschauer von “Günther Jauch” erfuhren, dass der hemdsärmelige “Journalist”, der da saß und gegen Jörg Kachelmann und seine Frau pöbelte, nebenher eine Firma für Prozess-PR betreibt, mit Politikern und Wirtschaftsbossen vielfältige Geschäfte macht  und auf undurchsichtige Art und Weise verschiedenste Interessen bedient. Und so Jemanden –  den Inhaber einer Agentur für Litigation-PR, Jemand der in der Vergangenheit schon versucht hat, massiv Einfluss auf ein spektakuläres Gerichtsverfahren zu nehmen, lädt die Redaktion von “Günther Jauch” ein und klebt ihm das vermeintlich unabhängige Etikett “Journalist” an. Da muss schon viel Naivität im Spiel gewesen sein. Wenn man nicht Schlimmeres unterstellen will.

Stefan Winterbauer

19.10.2012

http://meedia.de/fernsehen/hhtiedje-mann-in-undurchsichtiger-mission/2012/10/18.html

Jenseits von Gut und Böse: Bettina Wulff, die Medien und das Internet


Betrachtet man das mediale Getöse rund um Bettina Wulffs Bekenntnis-Buch ›Jenseits des Protokolls‹ mit einigem Abstand, erblickt man rundum nur Versehrte:

Bettina Wulff hat ihr erklärtes Ziel, ihrem medialen Fremdbild aus Klischees und üblen Verleumdungen ihr Selbstbild korrigierend entgegenzuhalten, verfehlt.

PR als Mittel der Beeinflussung der öffentlichen Meinung hat angesichts des Zustands einer Presselandschaft, die sich mehr und mehr den Internet-Shitstorms anonymer Pöbler annähert, die man aus Foren, Facebook-Plattformen und obskuren verschwörungstheoretischen Internetseiten kennt, ausgedient.

Amazon stellt die Funktion der Leser-Rezension ausgewiesenen Nicht-Lesern zur Verfügung, die tausendfach den erbärmlichen Zustand ihres außer Kontrolle geratenen Seelenhaushalts zur Schau stellen.

Google steht als Manipulateur da, der im gewerblichen Eigeninteresse und auf staatlichen oder Lobbyisten-Druck reagiert, nicht aber, wenn es um Persönlichkeitsrechtsverletzungen von Individuen geht.

Günter Jauch verteidigt eigene journalistische Fahrlässigkeiten und knickt erst ein, nachdem die Klageerhebung und seine vorangegangene Weigerung, eine Unterlassungserklärung zu unterzeichnen, publik geworden sind. Soviel ersichtliche Hartleibigkeit schadet schließlich dem Image.

Vielleicht schafft es wenigstens der Riva-Verlag, die 100.000 Exemplare der Erstauflage abzusetzen, was allerdings fraglich erscheint, seitdem ein Anonymus am 15.9.2012 das Buch zum kostenlosen Download unter der perfiden Vortäuschung, Bettina Wulff sei die Initiatorin, ins Netz gestellt hat – mittlerweile haben bereits über 1.000 Facebook-User auf den ›Gefällt mir‹-Button dieser illegalen Site gedrückt.

Wer redet eigentlich über Politiker, die die Verbreitung ehrverletzender Gerüchte für ein Mittel der Auseinandersetzung im Konkurrenzkampf halten? Wer über die Auswirkungen einer beispiellosen medialen Negativ-Kampagne, wie im Fall Christian Wulff unter Führung der BILD geschehen, die sich nicht erst aus heutiger Sicht als substanzlos erwiesen hat? Was bedeutet solch ein hämisches Niederschreiben für die Familie des Betroffenen, für das Amt selbst, für die Entfesselung eines ›Volkszorns‹, der kein Maß und Ziel mehr kennt? Müßte nicht einmal grundsätzlich über das Frauenbild geredet werden, das dem Verständnis des Bundespräsidialamtes von der Rolle einer First Lady zugrundeliegt? Über Arbeitsleben in Wirtschaft und Politik, das sowohl in der zeitlichen als auch in der Intensität der medialen Beobachtung jegliches Privatleben vernichtet? Über Anonymität im Internet, über die Macht privater Firmen, die geschäftstüchtig und nach Gutdünken über unsere Daten verfügen?

Alle diese Fragen stößt das Buch von Bettina Wulff an, auf ihre eigene persönliche Art. Die mag man kritisch sehen, aber die Fragen selbst bleiben drängend und verlieren nichts von ihrer grundsätzlichen Natur. Die Chance, sich mit ihnen ernsthaft zu beschäftigen, hat der allseits herrschende Furor ausgeschlagen. Der Wunsch nach Auflagesteigerung & Deutungshoheit, das Bedürfnis nach Frustabbau & Häme haben gesiegt.

Dabei hätte alles ganz anders kommen können. Es fing ja gut an: Hans Leyendecker hatte Aktenmaterial zu den diversen, seit Februar 2012 von Bettina Wulff gegen Verleumder geführten, Verfahren erhalten und legte (zusammen mit Ralf Wiegand) los. Zunächst mit einem kurzen zusammenfassenden Artikel von Freitag, dem 7.9.2012 in der SÜDDEUTSCHEN, der als Teaser für einen S.3-Artikel in der Print-Ausgabe von Samstag/Sonntag dienen sollte:

Klage gegen Google und Jauch

Bettina Wulff wehrt sich gegen Verleumdungen

07.09.2012, 21:53

Von Hans Leyendecker und Ralf Wiegand

Es geht um das Gerücht, sie habe im Rotlichtmilieu gearbeitet: Bettina Wulff, Frau des Ex-Bundespräsidenten, verklagt Google und Günther Jauch. Nach SZ-Recherchen haben CDU-Kreise in Hannover seit 2006 Gerüchte gestreut. Die Denunziation sollte offenbar vor allem Christian Wulff treffen.

Geschichte einer Verleumdung: Die ausführliche Seite-Drei-Reportage von Hans Leyendecker und Ralf Wiegand zur Causa Bettina Wulff  lesen Sie in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung – oder auf dem iPad.

http://www.sueddeutsche.de/politik/klage-gegen-google-und-jauch-bettina-wulff-wehrt-sich-gegen-verleumdungen-1.1462439

Leider ist Leyendecker nun mal kein Enthüllungsjournalist, und seine investigativen Tätigkeiten beschränken sich in der Regel darauf, ihm zur Verfügung gestelltes Material im Sinne der Lieferanten aufzubereiten. Und so war der große Artikel in der Wochenendausgabe vom 8./9.9.2012 auf S. 3 eine ebenso große wie erwartbare Enttäuschung:

»Notruf

In der CDU Niedersachsens gibt es ein Gerücht, das Internet bläst es auf: Arbeitete Bettina Wulff im Rotlichtmilieu? Seit Jahren geht das so. Nun wehrt sich die Frau des ehemaligen Bundespräsidenten. Die Geschichte einer Verleumdung.«

So richtig investigativ ist der Artikel natürlich nicht. Als Verbreiter der Internetgerüchte (die erst im Juni 2010 begannen), wird namentlich ein 88-jähriger Hamburger erwähnt, Hartmut Bachmann, Klimaskeptiker, ein Politikverdrossener, der die Rotlichtmilieu-Story in der berüchtigten Frageform als erster am 20.6.2010, zehn Tage vor der Präsidentenwahl, auf „wahrheiten.org“ gepostet hatte – danach übernahmen andere. Ihn kostete das letztlich die Anwaltkosten von Bettina Wulff, 1.200,- Euro, den Seitenbetreiber, einen Informatiker aus der Südpfalz, wohl auch – der bat allerdings um Ratenzahlung.

Die „Informantin“ von Bachmann war wiederum eine Hannah Thiele, 71, in der Nähe von Hannover wohnhaft, eine „Mutter Courage der Windkraft-Gegner“, früher in FDP-Ausschüssen für Wirtschaft und Umwelt von Niedersachsen und auch im Bund tätig, die die Gerüchte aus CDU-Kreisen in Hannover und Berlin mitbekommen hatte.

Danach schrieb sie Briefe an Wulff, Merkel, Homburger, Westerwelle und die niedersächsische Staatskanzlei mit der Frage, ob Wulffs Frau im „Artemis“ gearbeitet habe. Nachdem sie keine Antwort erhalten habe, habe sie ihren Blogger-Kollegen Bachmann aufgefordert, die Story zu bringen. „kreuz.net“ (fundamentalistisch katholisch), „Derhonigmannsagt“ (rechts), eine obskure Seite namens „rentner-news“, Udo Ulfkotte nebst dem verschwörungstheoretisierende Kopp-Verlag verbreiteten weiter (10.000,- Euro Schmerzensgeld).

Ansonsten nannte Leyendecker keine Namen der eigentlich verantwortlichen Gerüchteverbreiter aus der Politik, obwohl er sie kennen müßte:

»Ehemalige Mitglieder des Kabinetts Wulff, solche, die vielleicht selbst gerne seine Nachfolge angetreten hätten als Ministerpräsident und solche, die unter seiner Regentschaft ihren Einfluss verloren hatten, stichelten gegen Bettina Wulff. Sie habe ihm den Kopf verdreht; zu viel Glamour, zu wenig Politik. Älterer Mann mit Macht verfällt lebenslustiger junger Frau.«

Journalisten wie Deppendorf seien in der Nacht nach der Präsidenten-Wahl von CDU-Politikern auf die Internet-Berichte über Bettina Wulff hingewiesen worden. Ein Justitiar der ARD sei auf einem Empfang in Berlin von einem Wulff-Gegner aus der CDU auf die Internet-Geschichten aufmerksam gemacht worden mit dem Zusatz, da sei was dran. In politischen Zirkeln sei Bettina Wulff „Pretty Woman“ genannt worden. Es fehlen: Namen, Daten, Fakten, auf daß diejenigen Politiker kenntlich würden, die sich solch abscheulicher Mittel bedienen.

Bei Leyendecker hieß es nur  vage, in Berlin habe eine Liste mit Namen von Prostituierten, die für „eines der genannten Bordelle gearbeitet hatten“, kursiert: zuvor benannt hatte er „ein Bordell in Osnabrück“, ein Escort-Servie und das „Chateau am Schwanensee“ in Hannover. Eine der Frauen, eine „Betty“, habe als Zeugin in einem Steuerstrafverfahren eines Zuhälters als Zeugin ausgesagt, allerdings eine andere Betty. Roß und Reiter wurden nur genannt, wenn es um greise Internet-Verbreiter geht.

Da war ja sogar BILD am SONNTAG vom 10.9.2012 investigativer:

Nach Recherchen von BILD am SONNTAG wurden haltlose Behauptungen über eine angebliche Tätigkeit Bettina Wulffs in einem Bordell aus Wulffs eigener Landesregierung verbreitet.
Konkret ging es um Informationen aus einem Steuerstrafverfahren im Zusammenhang mit dem „Chateau am Schwanensee“.
Das Bordell nahe Hannover war im Jahr 2004 in finanzielle Schwierigkeiten geraten und musste später schließen. Die Ermittler befragten seinerzeit auch eine der dort tätigen Prostituierten als Zeugin. Sie berichtete unter anderem über eine Reihe von Kolleginnen, die während der Messen in Hannover zur Verstärkung angeheuert wurden, darunter auch eine „Tina, Studentin“, die für ein Jahr im „Chateau“ gearbeitet habe.
Diese Zeugenaussage wurde aus Hannover mit dem verleumderischen Hinweis gestreut, bei „Tina“ könne es sich um Bettina Wulff handeln – eine durch nichts bewiesene Unterstellung.
Schnell machte das ungeheuerliche Gerücht die Runde, erst in Hannover, dann in Berlin und erreichte schließlich auch Christian Wulff und dessen Gattin Bettina.

http://www.bild.de/politik/inland/bettina-wulff/haeme-ueber-bettina-wulff-im-heute-journal-26120524.bild.html

Danach kann es ja bloß der Justiz- oder der Finanzminister gewesen sein…

Leyendecker legte zwar noch nach:

Klage der ehemaligen Präsidentengattin

Jauch erkennt Wulffs Unterlassungsanspruch an

08.09.2012, 13:15

Von Hans Leyendecker

Günther Jauch hat sich verpflichtet, die Gerüchte über eine angebliche Rotlicht-Vergangenheit Bettina Wulffs nicht weiterzuverbreiten. Aus Sicht der Gattin des ehemaligen Bundespräsidenten hat der Moderator die im Internet kursierenden Denunziationen erst gesellschaftsfähig gemacht. Juristisch erledigt ist die Angelegenheit damit nicht.

http://www.sueddeutsche.de/politik/klage-der-ehemaligen-praesidentengattin-jauch-erkennt-wulffs-unterlassungsanspruch-an-1.1462543

Verletzung von Persönlichkeitsrechten im Internet

E wie „Escort“, K wie „Kampf gegen Google“

09.09.2012, 17:21

Von Hans Leyendecker

Bettina Wulff reicht bei Gericht eine Liste von Begriffen ein, welche die Suchmaschine nicht mehr automatisch mit ihrem Namen verbinden soll. Sie wehrt sich gegen Verleumdung, und ihre Anwälte klagen nicht nur auf Unterlassung – sie werfen dem Webdienst sogar Mittäterschaft vor.

[…]

Ihr Anwalt Lehr weist darauf hin, dass viele der rechtlich Verantwortlich nicht aufzufinden sind oder in Deutschland nicht belangt werden können. Die meisten der „massiven Ehrverletzungen“ würden im Ausland ins Internet gestellt. Zehn Beiträge in Sachen Bettina Wulff hat der Konzern bislang nach Beanstandungen der Anwälte Wulffs aus der Ergebnisliste der deutschen Websuche unter http://www.google.de entfernt. Mehr als fünfzig Beiträge wollten Bettina Wulffs Anwälte löschen lassen und diese fünfzig waren eigentlich erst der Anfang.

Wer sich, wie Bettina Wulff, gegen digitales Unrecht wehrt, wird in der Hardcore-Szene der Internetgemeinde verspottet. Auf Twitter wurde am Wochenende über die Frau gejuxt, die nicht verstanden habe, wie das Internet so beschaffen sei.

http://www.sueddeutsche.de/medien/verletzung-von-persoenlichkeitsrechten-im-internet-e-wie-escort-k-wie-kampf-gegen-google-1.1463160-2

Am 10. 9.2012 wurden gleich zwei Artikel von ihm ins Netz gestellt – aber richteten die sich gegen jene verlotterten CDU-Politiker, die über die infame Ehrverletzung einer Frau deren Mann abschießen wollten? Nein. Zunächst ging es mal wieder gegen Jauch, der unnachsichtig jede Privatsphären-Verletzung durch die Journaille verfolgt und daher für die Medien sowieso ein Feindbild par excellence darstellt:

Rotlicht-Gerüchte um Bettina Wulff

Jauch, der Schurke im Stück

10.09.2012, 10:41

Von Hans Leyendecker

Günther Jauch fragte in seiner ARD-Talkshow nach dem angeblichen Vorleben von Bettina Wulff – sie klagte und er akzeptierte nun. Aus ihrer Sicht hat der Moderator das Rotlicht-Gerücht erst salonfähig gemacht. Sie wird ihn nicht einfach davonkommen lassen.

[…]

Am vergangenen Freitagnachmittag bekam Jauchs langjähriger Anwalt Christian Schertz eine Klage von Bettina Wulff wegen „Unterlassung falscher Tatsachenbehauptungen“ zugestellt. Es ging um die ARD-Talkshow am 18. Dezember. Jauch hatte damals aus einem Artikel der Berliner Zeitung zitiert, den er „besonders interessant“ fand: Es ging um Bild und angebliche Informationen des Blattes über das angebliche Vorleben von Bettina Wulff. Der stellvertretende Bild-Chef Nikolaus Blome, der Gast in der Sendung war, hatte den zitierten Bericht dementiert: „Kompletter Quatsch“: „Völlig aus der Luft gegriffen?“ und „Haben Sie denn noch etwas in der Schublade?“ hatte Jauch nachgesetzt.

http://www.sueddeutsche.de/medien/rotlicht-geruechte-um-bettina-wulff-jauch-der-schurke-im-stueck-1.1463341

[…]

Seine Erklärung zu dem Vorgang war dann schon etwas gewunden: Er habe „niemals über Frau Wulff eine falsche Tatsachenbehauptung aufgestellt, sondern lediglich“ aus einem Artikel zitiert und daraus „eine entsprechende Frage“ an den Mann von Bild formuliert. Wer daraus eine „Herabsetzung von Frau Wulff konstruiert, liegt daneben. Da ich allerdings kein Interesse an einer Auseinandersetzung mit Frau Wulff habe, habe ich den Rechtsstreit beenden lassen“. Da muss vor allem Frau Wulff völlig danebenliegen. Sie meint, der Liebling der Herzen habe ihre Reputation zerstört.

Nach der Sendung kochte die Gerüchteküche über: „War Bettina Wulff eine Prostituierte?“ Einen Monat später, am 19. Januar, schrieb der Stern, der sich in der Sache Bettina Wulff nicht immer mit Ruhm bekleckert hat, von einem „versuchten Rufmord an Bettina Wulff, deren angebliches Vorleben als pures Gerücht sogar in einem Talk von Günther Jauch vor Millionenpublikum thematisiert“ worden sei.

[…]

http://www.sueddeutsche.de/medien/rotlicht-geruechte-um-bettina-wulff-jauch-der-schurke-im-stueck-1.1463341-2

Danach versuchte er sich noch an einer fachfremden Buch-Rezension, die naturgemäß wenig überzeugend ausfiel:

Buch von Bettina Wulff

Gut platziert

10.09.2012, 19:09

Von Hans Leyendecker

In die Schlagzeilen um Bettina Wulffs angebliche Rotlicht-Vergangenheit erscheint ein Buch der Gattin des ehemaligen Bundespräsidenten. In „Jenseits des Protokolls“ geht es um die Verleumder aus der Politik, ihr Rollen-Korsett und die Fehler ihres Mannes. Das Buch ist weder klug noch liebenswürdig oder grazil – aber ziemlich deutlich.

http://www.sueddeutsche.de/panorama/buch-von-bettina-wulff-gut-platziert-1.1464149

Schuster, bleib bei Deinen Leisten – was bitte soll ein ›graziles‹ Buch sein?

Wenn auch die SÜDDEUTSCHE mangels Recherche und klarer Worte den entscheidenden Akzent nicht setzen konnte: ihr muß immerhin attestiert werden, daß sie nicht kippte und, von kleinen Ausnahmen abgesehen, nicht in den Haßgesang einstimmte, den andere Leitmedien ertönen ließen.

Über SPIEGEL Online sollte man kein Wort mehr verlieren; zwei bis fünf Bettina Wulff-Artikel pro Tag sind bestens geeignet, den Überdruß der Leser zu provozieren. Ein Organ, das unmoderiert anonyme Internet-Kommentatoren niedrigste Instinkte austoben läßt, um dann eben diese Leser-Kommentare in einem Artikel als bedenkenswerte Stimme des Volkes zu adeln, verdient keinen Respekt mehr.

Spiegel Online

12.09.2012

Reaktionen auf Bettina Wulff

„Meine Güte, ist das alles peinlich“

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/leser-reagieren-auf-bettina-wulffs-aeusserungen-a-855396.html

Es ist überhaupt bezeichnend, daß die Gerüchte um Bettina Wulff durch entsprechende Hinweise auf Suchwörter und Links befeuert wurden, die in Leser-Kommentaren zu Artikeln der bürgerlichen Presse gepostet wurden – so bin jedenfalls ich auf diese widerlichen Seiten gestoßen…

Der BILD-Aufzug nach oben für Bettina Wulff funktionierte nur ein paar Tage lang (und schon das mußte verwundern, wehrt sich Bettina Wulff in ihrem Buch doch vehement gegen die BILD-Methoden – da konnten doch eigentlich weder sie noch ihr Mann ungeschoren bleiben, Kommerz hin oder her). Zunächst machte BILD Auflage mittels Reklame für ihr Buch (Vorabdrucke inclusive):

Die Abrechnung der ehemaligen First Lady

Mit dem Buch kämpft Bettina Wulff um ihren guten Ruf

10.09.2012 — 00:01 Uhr

Von ALFRED DRAXLER

Bettina Wulff, die Frau des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, hat TV-Star Günther Jauch und den Internet-Suchdienst Google verklagt. Damit setzt sie sich gegen Gerüchte zur Wehr, sie habe ein Vorleben als Prostituierte oder als Escort-Dame geführt. Jauch gab bereits am Wochenende eine Unterlassungserklärung ab.

Vor diesem Hintergrund wird ein Buch, das Bettina Wulff geschrieben hat, mit Höchstspannung erwartet. Es soll im Laufe dieser Woche erscheinen.

BILD liegt es bereits vor. Eine erste Beschreibung: Ich halte das Buch, über das ganz Deutschland sprechen wird, in der Hand. Es hat 223 Seiten und kostet 19,99 Euro. Erschienen ist es im Münchner „riva Verlag“, in dem Fußballmanager Rudi Assauer sein „Alzheimer-Outing“ veröffentlicht hat.

Die ehemalige First Lady hat den Titel gewählt „Jenseits des Protokolls“. Was, so vermute ich, aussagen soll, dass sie als Privatperson handelt.

Im Vorwort schreibt sie: „Ich möchte, dass die Menschen mich so sehen, wie ich bin. Als eine ziemlich normale Frau und Mutter, die ihr Leben so leben möchte, wie sie es will, und nicht, wie andere es von ihr erwarten …“

[…]

Ich sage voraus, dass dieses Buch ganz schnell auf Platz 1 der Bestsellerliste stehen wird.

http://www.bild.de/politik/inland/bettina-wulff/kaempft-mit-buch-gegen-prostituierten-geruechte-26111608.bild.html

Aber schon im nächsten BILD-Artikel vom 10.9.2012 wurde, noch unter dem Deckmantel einer heuchlerischen Empörung über eine Abmoderation von Claus Kleber, Negatives verbreitet, und BILD mußte sich natürlich gegenüber Bettina Wulff reinwaschen, BILD habe irgendetwas mit der Verbreitung der üblen Gerüchte über ihr angebliches Vorleben zu tun – zur Erreichung dieses edlen Ziels schreckte man noch nicht einmal vor entstellenden Zitat-Verkürzungen zurück:

Rotlicht-Gerüchte

Häme für Bettina Wulff
im „heute journal“

10.09.2012 — 13:11 Uhr

Bettina Wulff (38) sorgt in Deutschland derzeit für Aufregung! Am heutigen Montag erscheint ihr erstes Buch „Jenseits des Protokolls“ – eine Abrechnung mit ihrer Amtszeit als First Lady.

Im Kapitel „Die Gerüchte“ setzt sie sich gegen ihr angebliches Vorleben als Escort-Dame und Prostituierte zur Wehr. Das ehrabschneidende Getuschel begann bereits, als ihr Mann noch Ministerpräsident in Niedersachsen war. Ihre eindeutige Ansage dazu in dem Buch: „Ich habe nie als Escort-Lady gearbeitet.“

HÄME IM „HEUTE JOURNAL“

Das „heute journal“ widmete der ehemaligen First Lady am Samstag mehr als vier Minuten, fast ein Drittel der Sendung!

Dann die Abmoderation von Claus Kleber: „Ihr Verlag erwartet von seiner neuen Autorin mit Sicherheit, dass sie den aktuellen Sachbuch-Toptitel des Hauses überholt. Der heißt ‚Bel Ami‘, es sind die Lebenserinnerungen eines Bordell-Besitzers. Vielleicht sollte die PR-Beraterin Wulff darüber einmal mit ihrer PR-Beratung reden.“

In ihrem Buch setzt sich Bettina Wulff auch sehr kritisch mit der BILD-Zeitung auseinander.

Es sei alles ein großes Spiel, bei dem es nur ein Ziel gäbe: Auflage zu machen! Und plötzlich Teil dieses Spiels zu sein, ein Spielball der gesamten Medien… habe sie von Anbeginn an überrumpelt.

Beim Thema „Rotlicht-Gerüchte“ hat sich BILD zwar nicht beteiligt, Bettina Wulff beschreibt aber ein privates Treffen mit Chefredakteur Diekmann: „So war zum Beispiel dieses Frühstück ein nettes Beisammensein, bis zu dem Moment, als er mich ohne Vorwarnung fragte, was denn an den Gerüchten zu meiner vermeintlichen Vergangenheit im Rotlichtmilieu dran sei.

Einige seiner Redakteure hätten Derartiges erwähnt…Ich war völlig entgeistert und mir blieb fast das Brötchen im Halse stecken. Zwar versuchte ich noch, meine Fassungslosigkeit mit einem ironischen „Das ist ja interessant!“ zu überspielen. Kai Diekmann meinte, dass damit das Thema für ihn erledigt sei. Doch für mich war damit auch das ganze Frühstück gegessen.“

[…]

Damals hatte der Moderator [Jauch] einen Artikel der „Berliner Zeitung“ zitiert. Das Blatt hatte über das Gerücht geschrieben, BILD habe eine „Geschichte über das frühere Leben Bettina Wulffs“ in der Schublade, die aus Respekt vor dem Amt des Bundespräsidenten aber nicht veröffentlicht würde.

Noch in der Sendung bezeichnete der stellvertretende BILD-Chefredakteur Nikolaus Blome das als „kompletten Quatsch“.

[…]

http://www.bild.de/politik/inland/bettina-wulff/haeme-ueber-bettina-wulff-im-heute-journal-26120524.bild.html

›Einige seiner Redakteure hätten Derartiges erwähnt…‹ Ist das Zitat vollständig? Und was mag sich wohl hinter den Pünktchen verbergen? Das vollständige Zitat in Bettina Wulffs Buch lautet tatsächlich so:

Einige seiner Redakteure hätten Derartiges in einer Redaktionskonferenz erwähnt und recherchierten in diese Richtung.

[S. 182]

Das war Ende September 2010 und damit der erste Warnschuß, was passieren könnte, sollte das Präsidentenpaar, anders als das Ministerpräsidentenpaar, Distanz zu BILD aufbauen.

Kai Diekmann ist einfach ein Fuchs.

Schreibt Bettina Wulff auf S. 181, und das ist keineswegs als Kompliment gemeint, folgt doch danach jene sie bestürzende Frage Diekmanns, die mitten in ein vermeintlich freundliches Hintergrundsgespräch-Frühstück im Schloß Bellevue hineinplatzt. Eine Begegnung, in der Christian Wulff die Resonanz auf seine alsbaldige Rede mit dem Zitat: ›Der Islam gehört zu Deutschland‹ testen wollte. Das ist wohl Realität in Deutschland, daß man BILD gewinnen muß, um nicht den ausländerfeindlichen Mainstream gegen sich aufzubringen…

Am 11.9.2012 erschien einer dieser typischen gemischten BILD-Artikel, in denen zwar PR-mäßig Hörbuch-Ausschnitte aus dem Buch offeriert, zugleich aber auch kritische Stimmen zu den PR-Aktivitäten zugunsten des Buchs zitiert wurden (wozu dann auch gleich die berechtigten Klagen gegen Google und Jauch gerechnet wurden) – und besonders lustig war, daß selbst Leyendeckers amateurhafte ›Rezension‹ gegen das Buch in Stellung gebracht wurde:

http://www.bild.de/politik/inland/bettina-wulff/hier-liest-bettina-wulff-aus-ihrem-buch-zum-reinhoeren-26137370.bild.html

Dabei wurde ausgeblendet, daß der Riva-Verlagschef einen Tag zuvor erklärt hatte, daß die aktuellen Rechtsstreitigkeiten nichts mit dem vorgezogenen Start des Buchs von November auf September zu tun hätten (was glaubhaft ist: der Leak von Lehr zu Leyendecker dürfte kaum auf den Verlag zurückgehen):

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/bettina-wulffs-verleger-jetzt-kann-jeder-hinter-die-kulissen-schauen/7116934.html

In einem Kommentar in der SÜDDEUTSCHEN versuchte  Ralf Wiegand am 11.9.2012, die Sache auf die politische Schiene, auf die sie gehört, zurückzubringen:

Affäre Wulff

Die Frau verleumden, den Mann treffen

11.09.2012, 07:31

Ein Kommentar von Ralf Wiegand

Bettina Wulff ist eine Art Kollateralschaden, denn das eigentliche Ziel der Gerüchte war immer Christian Wulff. Es ist die klassische Geschichte von Aufstieg und Fall eines Karrieristen, der seinen Zielen alles untergeordnet hat – auch Freunde und Familiäres.

Bettina Wulff gehört in diesen Tagen alle Aufmerksamkeit. Sie war das Opfer eines Rufmords, sie hat ein Buch veröffentlicht, sie geht juristisch gegen Google und Günther Jauch vor, sie kämpft mit dem Internet, in dem Gerüchte über sie aufploppen, wohin man klickt.

Sie, sie, sie. Und er? Das Ziel allen verleumderischen Geredes über die spätere First Lady war ja stets ihr Mann. Unmöglich gemacht werden sollte über den Umweg Bettina allein Christian Wulff. Sie ist eine Art Kollateralschaden.

Da stellt sich die Frage: Was hat Christian Wulff in seinem politischen Leben angerichtet, dass eine Frau, die nur einen kurzen Weg seines Aufstiegs mitgegangen ist, über die Klinge springen sollte? Welche Feinde hat er sich gemacht, dass ihn niemand schützte, nicht einmal in seiner eigenen Partei, der CDU?

http://www.sueddeutsche.de/politik/affaere-wulff-die-frau-verleumden-den-mann-treffen-1.1464307

Vergebens. Der Boulevard übernahm.

Am 13.9.2012 war es dann endlich soweit: BILD stürzte sich auf Bettina Wulff – um ihren Mann zu treffen. Die besagten Kollateralschäden sind eingepreist.

Warum tut eine Frau ihrem Mann so was an?

Deutschland diskutiert über Bettina Wulff

Seit Bettina Wulff sich öffentlich von ihrem Mann distanziert hat, gibt es im Internet und auf der Strasse kaum noch ein anderes Thema

13.09.2012 — 00:01 Uhr

Von S. BILGES,R. SCHULER und S. SELONKE

Es waren Worte voller Respekt und Loyalität. Als Christian Wulff (53) am 17. Februar vom Amt des Bundespräsidenten zurücktrat, dankte er seiner Frau: „Sie hat mir immer, gerade in den vergangenen Monaten, und auch den Kindern starken Rückhalt gegeben.“

Jetzt, knapp sieben Monate später, tritt seine Frau Bettina (38) an die Öffentlichkeit.

WAS SIE SAGT, HAT EINE ANDERE TONLAGE!

Deutlich und rigoros distanziert sich Bettina Wulff sowohl in ihrem Buch „Jenseits des Protokolls“ als auch in mehreren Interviews von ihrem Mann:

Sie habe, als er bei seinem Rücktritt vor die Presse trat, absichtlich Abstand zu ihm gehalten.

• Sie kritisiert sein Krisenmanagement als Präsident. Er hätte statt „peu à peu“ auf die Vorwürfe zu reagieren, sich einmal umfassend erklären sollen.

Sie beklagt sich über sein Verhalten in der Ehe. Sie habe jahrelang ihre eigenen Bedürfnisse unterdrücken müssen und zu lange nach seinen Terminplänen gelebt. „Jetzt geht es um mich und meine Söhne.“

Ihr Mann habe sie (…) in die Rolle der First Lady (…) gedrängt: „Und wenn ich es im Nachhinein betrachte, rächt sich das auch in der Beziehung“.

Viele fragen sich jetzt: Warum distanziert sich Bettina Wulff so öffentlich von ihrem Mann? Warum tut sie ihm das an?

http://www.bild.de/politik/inland/bettina-wulff/deutschland-diskutiert-ueber-bettina-wulff-26167808.bild.html

Eigentlich ein Nullum, was da berichtet wurde – verriete es nicht ein Verständnis von Ehe, das aus den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts entsprungen zu sein scheint: die Frau als verzückt zum Mann aufblickende Dulderin, die ihm, eigener Gedanken nicht mächtig, klaglos den Rücken freihält und die Pantoffeln reicht, wenn er spätnachts nach Hause kommt. Das sahen auch unsere BILD-Autoren ein und griffen zu dem Trick, nunmehr das Volk direkt sprechen zu lassen. Und schon hatten sie die Richtige am Wickel – denn die gibt es ja vereinzelt immer noch:

BILD-Leserin Gabriele Fahneberg (41): „Hat Frau Wulff noch nie gehört, dass hinter jedem erfolgreichen Mann auch eine starke Frau steckt? Auch mein Mann ist beruflich erfolgreich und viel unterwegs. Unsere Ehe funktioniert nur deshalb so gut, weil ich zurückstecke und viel Verständnis aufbringe. dennoch bin ich mit meinem Leben sehr glücklich.“

http://www.bild.de/politik/inland/bettina-wulff/deutschland-diskutiert-ueber-bettina-wulff-26167808.bild.html

Es geht noch eine Etage tiefer, denn nun müssen Spekulationen aus der Welt von Twitter, Internet und Amazon herhalten:

Im Internet gibt es einen regelrechten Shitstorm gegen Bettina Wulff. Viele spekulieren, ob sie mit ihren Äußerungen eine Trennung vorbereitet.

Das Netz twittert über Scheidung

http://www.bild.de/politik/inland/bettina-wulff/deutschland-diskutiert-ueber-bettina-wulff-26167808.bild.html

Da muß schon ein veritabler Psychiater her, um nach all dem Dreck, den BILD sich zueigen macht, zu konstatieren, daß ja eigentlich alles vollkommen in Ordnung sei:

Aber es gibt auch Verständnis für das offene Ansprechen der Probleme, die Bettina Wulff in ihrer Rolle als First Lady und Ehefrau von Christian Wulff hatte:

„Ausgehend davon, dass sie sich mit ihrem Mann abgesprochen hat“, so Prof. Claas-Hinrich Lammers, Chefarzt für Psychiatrie in Hamburg (Asklepios), „ist ein solches Verhalten vollkommen in Ordnung. Grundsätzlich ist es gut, dass sie sagt, wenn ihr die Termine oder das öffentliche Leben zu viel sind. Dass sie das öffentlich tut, mag verwundern.“

http://www.bild.de/politik/inland/bettina-wulff/deutschland-diskutiert-ueber-bettina-wulff-26167808.bild.html

Janun, manche Psychiater sind anscheinend etwas lebensfremd: wer öffentlich angegriffen wird, schlägt öffentlich zurück: das nennt man Waffengleichheit. Der Artikel schließt mit scheinbar neutralen Informationen über weitere PR-Termine, die nun auch die BILD-Autoren und deren Leser ›verwundern‹ mögen:

Bettina Wulff bleibt weiter präsent: Heute Titelgeschichten in „Stern“, „Gala“ und „Bunte“. Am kommenden Dienstag ist sie bei Maischberger, am 21. September in der Radio-Bremen-Talkshow „3nach9“ zu Gast.

http://www.bild.de/politik/inland/bettina-wulff/deutschland-diskutiert-ueber-bettina-wulff-26167808.bild.html

Das ist natürlich entlarvend. Eine Frau, die ihren Mann kritisiert, tut ihm was an. Die ist kurz vor dem Absprung. Volkes Stimme wird bemüht. Trennungsgerüchte werden verbreitet. Der arme feige Mann, der am Nasenring vorgeführt wird und überhaupt ein Schwächling ist, sonst hätte er seiner Frau doch einfach schlicht verboten, dieses Buch zu schreiben. Eine Frau darf nämlich keine eigene Meinung und keine eigene Sicht der Dinge haben. Und wenn sie die schon mal hat, sollte sie jedenfalls den Mund halten.

Wie selbstverständlich stieß Jürgen Dahlkamp im SPIEGEL Print (der auch kaum noch besser ist als SPON), in der Ausgabe 38/2012 vom 17.9.2012 in dasselbe Horn – tarnte seine ersichtlich mit ihm durchgehende Antipathien allerdings staatstragend:

Schwarz-Rot-Geld

Christian Wulff war nicht nur der falsche Präsident. Bettina Wulffs Memoiren zeigen: Er hatte für das Amt auch die falsche Frau. Von Jürgen Dahlkamp

[…]

Bettina Wulff war nicht das stumme Anhängsel dieses Bundespräsidenten, sie war – und hat sich so sehen wollen – Teil eines Teams, eines modernen Paares, das diesem Land ein modernes Gesicht geben wollte.

Damit aber hat sie auch, ganz altmodisch, eine Verpflichtung übernommen, gegenüber dem Amt und dessen Würde. Eine Verpflichtung, die nicht mit dem Tag endet, an dem ein Präsidentenpaar aus der Dienstvilla in Dahlem auszieht. Bettina Wulff will ihr nun aber offenbar nicht mehr gerecht werden, sie hat sie abgestreift, mit diesem Buch. Ihr Schweigen wäre Gold gewesen, stattdessen redet sie nun und zerredet Schwarz-Rot-Gold zu Schwarz-Rot-Geld.

[S. 34]

Bullshit. Es waren Journalisten, die die Würde des Amts verletzten – zuerst gegenüber Horst Köhler, dann gegenüber Christian Wulff, der wegen vermeintlicher Fehlleistungen im vorangegangenen Amt des Ministerpräsidenten aus dem Amt geschrieben wurde – die Präsidentschaft ist ein demokratisches Amt auf Zeit, und es ist geradezu überfällig, seine royale Überhöhung, die nolens-volens auch die Ehefrau des jeweiligen Präsidenten-Darstellers per Sippenhaft zur lebenslangen Repräsentationsfigur erstarren läßt, zugunsten beider menschlicher Protagonisten aufzulösen.

Was für ein Abgrund an Rollenbildern und Demokratieverständnis tut sich hier auf! Der gescholtene Christian Wulff ist jedenfalls weitaus souveräner als die heuchlerisch barmenden Medien, die ihn zum Pantoffelhelden und sie zu der den Versager Verlassenden zurechtstutzen wollten (während ihr Buch das Gegenteil belegt, nämlich das Ringen um Autonomie und zugleich die Rettung von Ehe und Familie gegen diesen zerstörerischen Betrieb). Die Buch-Widmung lautet: ›Für meine Familie‹. Nicole Maibaum, ihre Co-Autorin, hatte Christian Wulffs Anteil an dem Buch schon am 12.9.2012 deutlich gemacht:

Inwieweit war denn Christian Wulff an dem Prozess beteiligt? Hat er Ihnen Kaffee gebracht, wenn Sie zusammensaßen?

Nein, er war gar nicht da. Es war eine professionelle Situation. Wenn man ein Interview führt, wäre es unangebracht, wenn zum Beispiel Kinder um einen herumturnen. Wir haben uns getroffen und waren dann zu zweit. Herr Wulff war insofern involviert, als dass er die Kapitel gelesen und dazu seine Anmerkungen gemacht hat.

Wie stark hat er denn gekürzt oder gestrichen?

(lacht) Es hielt sich im Rahmen.

http://www.stern.de/politik/deutschland/bettina-wulff-buch-es-ist-ihr-buch-nicht-sein-buch-1893354.html

Derselbe Boulevard, der eine Anne Sinclair verurteilte, weil sie zu ihrem angeriffenen Mann DSK stand, verurteilt eine Bettina Wulff, weil sie sich eine eigene Meinung zu dem Verhalten ihres Mannes während seiner Präsidentschaft und des Krisen-Handlings leistet – was nur zu dem Schluß führen kann, daß man ohne Rücksicht auf die Meinung ahnungsloser Dritter leben sollte. Denn diese Dritte sind nicht nur ahnungslos, sondern auch bösartig.

Der STERN hat es auf eine Weise vorgeführt, daß einem schlecht wird. Mit Bettina Wulff sollte Auflage gemacht werden, ungeachtet der Tatsache, daß der STERN ihren Mann fast am widerwärtigsten niedergemacht hatte und gegenüber Bettina Wulff eine Unterlassungserklärung abgeben mußte.

Also jubilierte Florian Güßgen im STERN am 10.9.2012 pflichtschuldigst:

10. September 2012, 19:25 Uhr

Buch „Jenseits des Protokolls“

Die Bettina-Wulff-Story

Das Buch ist ein Knaller. Um ihre Ehre zu retten, rechnet Bettina Wulff schonungslos ab: mit dem Amt, mit Rufmördern. Auch ihr Mann kommt nicht immer gut weg. Ein Überblick. Von Florian Güßgen

Es ist ein Paukenschlag. Flankiert von einer Aufsehen erregenden juristischen Offensive veröffentlicht Bettina Wulff, die Frau des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, diese Woche ihr mit Spannung erwartetes Buch. Es ist eine facettenreiche Abrechnung mit ihrer Zeit als First Lady, mit den Zwängen des Amtes, mit jenen Büchsenspannern, die ihr andichteten, sie habe als Edelprostituierte gearbeitet – und auch eine Abrechnung mit ihrem Mann, Christian. Wir haben das Buch gelesen. Es ist aus vielen Perspektiven spannend, interessant – und bietet Stoff für Diskussionen. Hier beantworten wir die wichtigsten Fragen.

[…]

Lohnt es sich, das Buch zu lesen?

Absolut. Es ist eine kurzweilige Lektüre, die tatsächlich einen Schlüssellochblick auf die Präsidentschaft Christian Wulffs gewährt – nicht auf die hohe Politik, sondern auf die persönliche Ebene. Bettina Wulff ist eine spannende Persönlichkeit, die sich hier offenbart. Um sich ein wirklich eigenes Bild machen zu können, lohnt es sich, das ganze Werk zu lesen.

http://www.stern.de/politik/deutschland/buch-jenseits-des-protokolls-die-bettina-wulff-story-1892373.html

In diesem Ton ging das bis zum Exklusiv-Interview in Nr. 38 vom 13.9.2012 weiter, wobei das Heft bereits am 12.9.2012 erhältlich war. Bettina Wulff auf dem Titel mit der wie von BUNTE abgekupferten Zeile ›Jetzt rede ich!‹, mit einem engagierten Editorial von Thomas Osterkorn als Beweis für tätige Reue, und mit einer Interview- und Fotostrecke von S. 32 bis S. 45. Wieviel an Gewinn mag das gebracht haben?

Offenbar nicht genug, denn so exklusiv war das Interview denn nun doch nicht, es  erschienen auch in BUNTE, BRIGITTE und GALA Bettina Wulff-Interviews. Noch am 13.9.2012, zeitgleich mit BILD, dem alten  Kampfgenossen aus der Christian Wulff-Schlacht, änderte der STERN seine Linie und schoß ONLINE zurück – in Gestalt desselben Florian Güßgen, der wenige Tage zuvor das Buch überschwänglich zur Lektüre empfohlen hatte, egal, jetzt war man wieder auf der alten Polemik-Schiene, auf der man sich als gestalterische Kraft empfinden darf:

13. September 2012, 16:11 Uhr

Die Wulffs und die „Bild“

Präsident von Diekmanns Gnaden

Man mag über Bettina Wulffs Buch denken, was man will. Aber eines ist sicher: Es wirft ein grelles Licht auf das Verhältnis der Wulffs zur „Bild“-Zeitung – und die „Bild“ kommt dabei besser weg. Von Florian Güßgen

Auch wenn vieles, was in Bettina Wulffs Buch drinsteht, an einem vorbeifließt, den Gedanken entgleitet: Es gibt ein paar Aspekte ihrer Geschichte, die hängen bleiben – und tief blicken lassen. Dazu gehört ihre Beschreibung des Verhältnisses der Wulffs zur „Bild“-Zeitung und deren Chefredakteur Kai Diekmann. Denn der Politiker Christian Wulff, so lässt sich herauslesen, hat offenbar tatsächlich und ernsthaft geglaubt, dass es zwingend zum politischen Handwerk gehört, irgendeine stille, bisweilen sogar laute Übereinkunft mit dem vermeintlichen Leitmedium des Volkes zu haben. Zudem glaubte er, die „Bild“ beherrschen, steuern zu können. „Es ist ein Fakt“, schreibt Bettina Wulff in ihrem Buch. „Wenn man in Deutschland einen bestimmten Grad an Öffentlichkeit erreicht hat, kommt man nicht um die ‚Bild‘ herum.“ Wulff bemüht auch die legendäre, wie ein physisches Gesetz anmutende Einsicht von Springer-Chef Mathias Döpfner: „Wer mit der ‚Bild‘-Zeitung im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.“ Es gehört zur Tragik des vermeintlich ausgebufften Politprofis Christian Wulff, dass er dieses Gesetz fast bis zum Schluss nicht verstanden hatte.

[…]

Bemerkenswert ist noch ein zweiter Aspekt dieses Frühstücks. Denn Diekmann tat das, was Journalisten bei Gerüchten tun sollten: Er konfrontierte – und fragte Bettina Wulff, ob denn etwas dran sei an den Gerüchten über ihre Rotlichtvergangenheit. Bettina Wulff erwischte er so kalt. „Ich war völlig entgeistert, mir blieb fast das Brötchen im Halse stecken. Da saßen wir beim Frühstück zusammen, und dann stellt dieser Mann so eine Frage.“ Schon zu dem Zeitpunkt hätten die Wulffs eigentlich begreifen müssen, dass der Pakt mit der „Bild“, den sie meinten, festigen zu müssen, zu keinem Zeitpunkt wirklich einer war.

[…]

Es ist eine der Ironien der Wulff-Story, ob gewollt oder nicht, dass die „Bild“-Zeitung und ihr Chef in Bettina Wulffs Buch im Prinzip besser wegkommen als ihr eigener Mann. Denn zumindest in diesem Fall erfüllte Diekmann seine Rolle als Journalist, Wulff wirkte dagegen einmal mehr wie ein Politiker, der die Gebote seines Amtes verriet, wenn nicht sogar verhöhnte. Diekmann kann jener Begegnung mit Bettina Wulff jedenfalls recht gelassen entgegensehen, die sie ihm im Buch verheißt. „Man sieht sich im Leben mindestens zweimal“, schreibt sie. „Auch mit einem Kai Diekmann wird es für mich ein Wiedersehen geben, da bin ich mir fast sicher.“

Der „Bild“-Zeitung wird’s ohnehin recht sein. Am Montag veröffentlichte sie als Erste Auszüge aus dem Buch – und machte mit Bettina Wulff auch die Zeitung auf. Mit der Schlagzeile „Abrechnung auch mit Bild“ veröffentlichte die „Bild“, zumindest online, auch die vermeintliche Kritik Wulffs an dem Medium. Beschrieben wurde jene Situation, in der Diekmann Wulff mit den Prostitutionsvorwürfen konfrontierte und jene, als Christian Wulff Diekmann auf den Anrufbeantworter pöbelte. In beiden Situationen adelt Wulffs Kritik Diekmann natürlich eher, als dass sie ihn treffen könnte. Am Donnerstag war Bettina Wulff wieder Titel der Zeitung, verbunden mit der Zeile: „Warum tut sie ihm das an?“ Offenbar sind die Wulffs im Aufzug steckengeblieben. Und zwar irgendwo auf Höhe der Tiefgarage.

http://www.stern.de/politik/deutschland/die-wulffs-und-die-bild-praesident-von-diekmanns-gnaden-1894162.html

So, der große Diekmann ist also ein Journalist, der selber recherchiert und konfrontiert? Oder nicht vielmehr der Chefredakteur, der durchblicken läßt, daß seine Leute was für die Schublade suchen, die zu gegebener Zeit geöffnet werden wird? Güßgen ist jedenfalls Diekmann-Fan: so mächtig und clever möchte er auch einmal werden, wenn er groß ist, und die Sache mit dem Aufzug-rauf-und-runterfahren übt er ja schon fleißig. Ob dieser Artikel sein Bewerbungsschreiben mit dem Ausweis für gewissenlosen Journalismus ist?

Gut zwei Stunden später schrieb der STERN das Buch zum kommerziellen Mißerfolg herunter, nachdem eine Journalistin (?) am zweiten Tag seines offiziellen Erscheinens ein paar Buchhandlungen abtelefoniert hatte:

13. September 2012, 18:40 Uhr

Verkaufszahlen des Wulff-Buches

Jenseits des Bestsellers

Es sollte ein absoluter Verkaufsschlager werden. In ihrem Buch erzählt Bettina Wulff alles – und scheint damit bisher auf ziemlich großes Desinteresse zu stoßen. Von Verena Kuhlmann

http://www.stern.de/kultur/buecher/verkaufszahlen-des-wulff-buches-jenseits-des-bestsellers-1894411.html

Am Montag, dem 17.9.2012, wurde diese grandiose ›Rechercheleistung‹ widerlegt:

Literatur

Buch von Bettina Wulff springt an die Spitze der Bestseller-Charts

17.09.2012 | 15:51 Uhr

http://www.derwesten.de/panorama/buch-von-bettina-wulff-springt-an-die-spitze-der-bestseller-charts-id7106590.html

Knapp vorbei ist auch daneben, weshalb sich am 14.9.2012 Sophie Albers im STERN aus Großburgwedel meldete, von dort ebenfalls scheinbar maue Verkaufszahlen (13 Stück am ersten Tag) und lauwarme Gerüchte mitbrachte:

14. September 2012, 13:35 Uhr

„Jenseits des Protokolls“ von Bettina Wulff Lautes Schweigen in Großburgwedel

Bettina Wulffs Innenansichten sind DAS Medienthema. Auch im Heimatort der ehemaligen First Lady wird das Buch beworben. Ein Streifzug durch Großburgwedel. Von Sophie Albers

[…]

Kritik kommt vereinzelt, eben weil Bettina Wulff sich nicht an das „Man hält die Klappe und denkt sich seinen Teil“ gehalten hat. Das Wort „privat“ hat in dem Ort mit den gepflegten Gartenzäunen große Bedeutung.

Natürlich gibt es auch den richtig fiesen Tratsch. Höhepunkt sind Spekulationen über eine mögliche Trennung der Wulffs. Hat sie mit ihrem Buch den Bogen überspannt? Starke, selbstständige Frauen sind nicht jedem Burgwedeler willkommen. Aber wo sind sie das schon.

http://www.stern.de/panorama/jenseits-des-protokolls-von-bettina-wulff-lautes-schweigen-in-grossburgwedel-1894520.html

Am 16.9.2012 engagierte der STERN die ›Bestseller-Autorin‹ (???) Else Buschheuer zum gefälligen Wulff-Bashing. Das sah dann so aus:

16. September 2012, 19:00 Uhr

Bettina Wulff

Ich, die Pooth und Frau Wulff

[…]

Man muss nachsichtig sein. Bettina Wulffs Ruhm kommt über den zweiten Bildungsweg. Sie ist niemand. Sie ist die Frau von jemand. Das heißt, sie ist die Frau von niemand, aber der war einmal jemand. Jetzt muss Frau Wulff, ehe ihr Name restlos vergessen ist, selber jemand werden.

[…]

Die-die-keine-Nutte-war

Wie aber sieht es mit Bettina Wulff aus? Wird sie die Geister, die sie rief, wieder los? Wer sich in die Öffentlichkeit begibt, kommt darin um, heißt es. Kann man Massenmedien an der Leine führen wie Siegfried und Roy ihre weißen Tiger? Muss man nicht riskieren, dass sich eines der Viecher plötzlich umdreht und einem ein Stück vom Kopf abbeißt, einfach so? Wird Frau Wulff am Ende des Jahres in die „Menschen 2012“-Sendung eingeladen werden? Und, wenn ja, als was? Als Verleumdungsopfer? Als mutige Frau, die sich nichts gefallen lässt? Als Bestseller-Autorin und PR-Agentin? Als Ex-Frau vom Ex-Bundespräsidenten? Als neue Liebe von XY (hier beliebigen Prominenten einsetzen). Oder als die-die-keine-Nutte-war?

Falls Letzteres eintritt, sollte sie sich vom Erlös ihres Bestsellers einen neuen PR-Berater leisten.

Good Luck, Bettina!

http://www.stern.de/politik/deutschland/bettina-wulff-ich-die-pooth-und-frau-wulff-1894318.html

Ja, Frauen können so schön böse sein! Hach, und so spitzzüngig… Wenn man meinte, das sei jetzt der finale Schlag des STERN gewesen, so sah man sich getäuscht. Einen Tag später trat die Allzweckwaffe Alice Schwarzer auf und nach. Noch am 11.9.2012 hatte sie sich in einem Blogbeitrag wuchtig als Beschützerin des klassischen weiblichen Opfers ohne Wenn und Aber inszeniert:

11.09.2012

Die Ehre der Bettina Wulff

[…]

Und die Brandmarkung einer Frau als Prostituierte? Ist das nicht Frauenfeindlichkeit, also Sexismus? Oder ist es Gewohnheit? Sollen wir uns nicht so anstellen, wir Frauen? Denn in der Tat: Es gab sicherlich jüdische Interessengruppen, die in Frankreich Druck auf Google gemacht haben. Aber es gibt bisher noch keine Frauengruppen, die in Sachen Sexismus Google zur Verantwortung ziehen.

Und Bettina Wulff? Der wird zurzeit angekreidet, die Verbindung von Klage & Buch sei eine „geschickte Marketingstrategie“ und ihr Buch ein „Groschenroman“. Na und? Niemand hat behauptet, hier komme hohe Literatur. Es geht schlicht um eine für diesen Menschen existenzielle Richtigstellung in eigener Sache. Und was die Marketingstrategie angeht: Das ist doch auch mal schön, dass hier eine, die mit größtmöglicher Wucht gehetzt und verleumdet wurde, mit größtmöglicher Wucht zurückschlägt.

Alice Schwarzer

Was war geschehen, daß sie ihre Meinung so geändert hatte und nun plötzlich STERN-kompatibel wurde? War es der Umstand, daß ihr Ex-Auftraggeber BILD seit dem 13.9.2012 den Wulff-Bashing-Kurs eingeschlagen hatte? Oder die Tatsache, daß Bettina Wulff, erschreckt von der Gewalt, dem Niveau und der Tendenz der gegen sie und ihren Mann gerichteten medialen Angriffe, den Talkshow-Auftritt bei Sandra Maischberger abgesagt und Alice Schwarzer damit eine neuerliche Bühne für ihre Lieblingsrolle als Rächerin der Enterbten geraubt hatte? (Als Gast in der Ersatzsendung über den Haß-Film gegen Mohammed war sie eher deplaciert: denn nach eigenem Eingeständnis kennt sie weder den Islam noch hatte sie den betreffenden Video-Trailer zum Film gesehen.) Oder hatte sie in Vorbereitung auf die Sendung das Buch ihres reflexhaft erkorenen Schützlings erstmals gelesen? Nicht auszuschließen wäre auch, daß der STERN kritische Bemerkungen zu Bettina Wulff als Auftragsbedingung ausgehandelt hatte. Wes Brot ich eß, des Lied ich sing‘. So ist das nun mal. Und so entledigte sich Alice Schwarzer dieses winzigen Problemchens (Journalisten sind ja geschmeidig):

17. September 2012, 21:00 Uhr

„Jenseits des Protokolls“

Die Entblößung der Bettina Wulff

Es gibt viele gute Gründe, mit Bettina Wulff solidarisch zu sein. Schade nur, dass sie jeden Ansatz von Verbundenheit selbst zunichte macht – mit der Veröffentlichung ihres Buches. Ein Gastkommentar von Alice Schwarzer

Der Wiederherstellung der Ehre von Bettina Wulff dient diese indiskrete Plapperei der ehemaligen First Lady nicht. Aber deswegen haben ihre Kritiker noch lange nicht in allen Punkten recht.

[…]

Die Frau steht im Schatten ihres Mannes

[…]

Währenddessen versank hierzulande die beruflich hoch qualifizierte Hannelore Kohl neben dem Kanzler im Licht bis zur Selbstvernichtung im Dunkeln. Und auch die nächste Generation, Doris Schröder, gab Eigenständigkeit und Beruf prompt auf. Bettina Wulff nun behauptet, sie würde das nicht noch mal so machen – auch wenn sie es in der Amtszeit ihres Mannes genau so getan hat.

[…]

Mit einem fundierten Interview wäre der Gekränkten allerdings mehr gedient gewesen. Oder mit der Beschränkung auf drei von 16 Kapiteln: der Zurückweisung der infamen Rotlichtgerüchte sowie der Schilderung der dramatischen letzten Monate in Schloss Bellevue aus ihrer Sicht. Zu Recht beklagt Bettina Wulff sich über ihre Entblößung im Internet und in manchen Medien. Nun aber entblößt sie sich selber. Und den Politiker Wulff gleich mit.

Ein Gastkommentar von Alice Schwarzer

http://www.stern.de/politik/deutschland/jenseits-des-protokolls-die-entbloessung-der-bettina-wulff-1896170.html

Gewogen und zu leicht befunden. Einfach nicht emanzipiert genug, und während sie, Alice Schwarzer, in ihrer Autobiographie und während gefühlt Hunderten an öffentlichen Auftritten offenherzig über ihre große Liebe zu Bruno und ihren Hang zu Miniröcken plauderte (ja, sie war mal eine ganz normale Frau), plappert Bettina Wulff nur und ›entblößt‹ sich. Leiderleider kann man sich die passenden Opfer nicht schnitzen.

Ein letztes Mal hat Bettina Wulff versucht, dem neuen medialen Zerrbild des Paares Wulff (sie, die eiskalte Abzockerin auf dem Absprung, er, der am Nasenring geführte Versager) entgegenzutreten. Und obwohl sie dieses Interview letztlich nicht autorisierte, ist ihre Botschaft doch angekommen:

WELT am SONNTAG

16.09.12

Ex-First-Lady

Und plötzlich verstummte die redselige Bettina W.

Bettina Wulff sitzt in ihrer Lieblingskneipe in Hannover und spricht über Zufälle, Gerüchte und Dementis, über ihr Leben und ihr Buch. Am nächsten Tag zieht sie das Interview zurück. Von Ulrich Exner und Heike Vowinkel

[…]

Christian Wulff als erster Leser

Also, neuer Versuch: Nein, sagt Bettina Wulff, sie habe ihren Mann mit „Jenseits des Protokolls“ nicht am Nasenring durch die Manege führen wollen, wie es ihr einige Kritiker jetzt vorwerfen. Das entspreche nicht im Geringsten ihrer Intention, auch nicht dem Inhalt ihres Buches, sondern entspringe der Fantasie von Journalisten, die einzelne Halbsätze ihres Buches aus dem Kontext gerissen und zu einem neuen Ganzen zusammengesetzt hätten. Er liebe sie „abgöttisch“, wird er zitiert. Sie stelle sich lieber etwas weiter weg. Man gewinnt den Eindruck, Bettina Wulff findet das, was jetzt gerade mit ihr passiert, sei so etwas wie ein zweiter Rufmord.

Das Gegenteil dessen, was berichtet wird, ist aus ihrer Sicht richtig: Einvernehmen. Christian Wulff habe viele Kapitel als Erster gegengelesen. Er habe jeden Schritt der Buchveröffentlichung verfolgt und gutgeheißen, auch wenn dieses Buch in erster Linie natürlich ihr Buch, ihr Projekt sei, ihre Art, das Vergangene aufzuarbeiten. Aber ihr Mann habe diesen Prozess nun mal konstruktiv begleitet. Und im Übrigen plane man, damit das ganz klar ist, eine gemeinsame Zukunft.

Auch das ist ein Konter. Ein Gegenangriff auf jene weiteren Gerüchtefetzen, die ihr und ihrer Familie, jetzt schon wieder um die Ohren fliegen und nach denen ihre Ehe bedroht, wenn nicht schon ganz und gar am Ende sei. Bettina Wulffs kämpferischer Solo-Auftritt im „Café HeimW“ ist ein ebenso starkes Dementi dieser Endzeiterzählungen wie das gemeinsame Auftreten des Ehepaares Wulff bei Peter Maffays Duderstädter Kinderprojekt in der vergangenen Woche. Ein klares Bekenntnis zu ihm, bei dem man sich automatisch fragt, warum es eigentlich schon wieder so viele gibt, die ihr das partout nicht abnehmen.

http://www.welt.de/vermischtes/article109254822/Und-ploetzlich-verstummte-die-redselige-Bettina-W.html

Warum wohl? Das liegt an den Medien, die sich lieber ihre eigenen Bilder basteln, je klischeehafter, umso lieber. Und wenn sie dann noch jemanden abschießen können, also MACHT ausüben und damit noch Geld verdienen können, ist die Verzerrung von Wirklichkeit geradezu geboten.

Nachtrag:

Es gab auch Positives zu lesen. Heribert Prantls eindrücklicher Artikel über die Macht von Google, in dem sich folgende bemerkenswert selbstkritische Sätze finden:

Bettina Wulff und Gerüchte im Netz

Wenn das Recht auf Vergessen nicht gilt

15.09.2012, 14:44

Von Heribert Prantl

Die frei erfundenen Gerüchte gegen Bettina Wulff können im Netz bis heute ungebremst weiterwuchern. Internetrecht? Allein das Wort ist ein schlechter Witz. Der Gesetzgeber schaut dem digitalen Mobbing seit Jahren tatenlos zu. Ein Skandal.

http://www.sueddeutsche.de/panorama/rolle-der-justiz-in-der-causa-bettina-wulff-wenn-das-recht-auf-vergessen-nicht-gilt-1.1468695

Mit der Verbissenheit der Kampagne und der Maßlosigkeit ihrer Mittel entzog Maximilian Harden seinerzeit seiner politischen Kritik die Legitimität. Man ist ein wenig erinnert an die Art und Weise, wie die Kampagne gegen den unglücklichen und glücklosen Bundespräsidenten Christian Wulff betrieben wurde – die Verleumdung seiner Ehefrau war ein Teil dieser über weite Strecken ziemlich selbstgefälligen publizistischen Kampagne.

Wie gesagt: Am Beginn des Zeitungszeitalters stand diese Eulenburg-Affäre. Am Beginn des Internet-Zeitalters stehen Kampagnen wie die gegen die Wulffs.

http://www.sueddeutsche.de/panorama/rolle-der-justiz-in-der-causa-bettina-wulff-wenn-das-recht-auf-vergessen-nicht-gilt-1.1468695-2

Stefan Niggemeiers Anti-Google-Artikel ›Der Verleumdungs-Automat‹ im SPIEGEL 38/2012 gehörte ebenfalls zu den erfreulichen Begleiterscheinungen dieser neuerlichen Hetzkampagne, ebenso wie die Bemühungen von Prof. Simitis und der Justizministerin, den 69. Deutschen Juristentag zu einer entsprechenden Beschlußfassung zugunsten einer gesetzlichen Regelung gegen die Google Autocomplete-Funktion zu bewegen – was leider knapp abgelehnt wurde. Immerhin hat der Fall Bettina Wulff aber zu folgender Beschlußfassung geführt:

Namenhafte Datenschützer haben sich beim aktuell in München stattfindenden 69. Deutschen Juristentag (DJT) für eine Identifizierbarkeit aktiver Internetnutzer ausgesprochen, sofern diese eigene Beiträge im Netz veröffentlichen. Dies entspricht auch den Forderungen der Innenminister, die sich schon früher hierfür ausgesprochen haben.

Empfehlungen an den Gesetzgeber

Thema der alle zwei Jahre stattfindenden Veranstaltung war diesmal „Persönlichkeits- und Datenschutz im Internet – Anforderungen und Grenzen einer Regulierung.“  Die bedeutende rechtspolitische Veranstaltung formuliert zum Abschluss ihrer Beratungen Beschlüsse, die als Empfehlungen an den Gesetzgeber gerichtet sind. Darunter auch folgende Beschlüsse, die in Richtung De-Anonymisierung zielen:

Ein „Recht auf anonyme Internet-Nutzung“ ist nicht anzuerkennen. Bei aktiver Nutzung des Internets mit eigenen Beiträgen darf der Nutzer nicht anonym bleiben, sondern muss im Rahmen einer Verwendung von Pseudonymen zumindest identifizierbar sein. Nur dann lassen sich Rechtsverstöße wirksam verfolgen. Internet-Dienste sollen den Klarnamen und die Internetverbindung ihrer Nutzer registrieren.  

Bei behaupteten Persönlichkeitsrechtsverletzungen ist dem Betroffenen – in Anlehnung an §§ 101 UrhG, 19 MarkenG, 140b PatG – ein Auskunftsanspruch zur Benennung des Rechtsverletzers zu gewähren; Ausnahmen sind nur in verfassungsrechtlich gebotenen Fällen zuzulassen.

http://www.datenschutzbeauftragter-info.de/

Das wäre der richtige Weg im Sinn eines zivilisatorischen Fortschritts. Leider muß man das konstatieren, denn auf Einsicht ist nicht zu hoffen. Wenn schon namentlich bekannte Journalisten keine Einsicht haben und, wie insbesondere Alice Schwarzer in ihrem Feldzug gegen Jörg Kachelmann, nur durch Gerichte in ihren rechtsverletzenden Aktivitäten ausgebremst werden können, ist Hopfen und Malz verloren. Wie der Herr, so’s Gescherr.